Skip to main content

Full text of "Jahrbuch des Kaiserlich Deutschen Archäologischen Instituts"

See other formats


^A 







•^ 



J^^ 



'^\^' 






xf 



i 



A-i 



4^ ^- 



<;** 



Ja HR BUCH 



DES 



Deutschen 



Archäologischen Instituts 



Band xxxvi 

1921 



MIT DEM BEIBLA IT ARCHÄOLOGISCHER ANZEIGER 



BERLIN UND LEIPZIG 1923 



WALTER DE GRUYTER & CO. 

^^uttenta 

— Veii 



vormals G. J. Güschen'sohc Verlag^shandlung^ — J. Guttentag-, Verlag-sbuchhandtung — Georg Reimer 

Karl J. Trübner — Veit & Comp. 



iVV^« ' 



^tx^ 




Druck von Walter de Gruyter i'^ Co.. Berlin W. lo 



Inhalt 



Seite 

Delbrueck R., Der Südostbau am Forum Romaniim. Mit Tafel 2 — 9 

und 8 Abbildungen 8 

Delbrueck R., Nachtrag zu Seite 8ff. »Der Südostbau am Forum 

Romanum« 186 

Delbrueck R. , Bemerkung 186 

Gütschow M. , Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. Mit 

7 Abbildungen und 2 Beilagen 44 

Lippold G., Doppelseitiges Relief in Barcelona. Mit Tafel 10 

und 2 Abbildungen 33 

Oelmann F., Zur Baugeschichte von Sendschirli. Mit 7 Abbildungen. 85 

Rodenwaldt G. , Fragment eines Votivreliefs in Eleusis. Mit Tafel i 

und 2 Abbildungen i 

v^Schwendemann K. , Der Dreifuß. Mit 1 Beilage 98 



f 



IV 



Inhalt. 



ARCHÄOLOGISCHER ANZEIGER 



Spalte 
Jahresbericht des Archäologischen 

Instituts für das Jahr 1920 I 

Institutsnachrichten 272, 358 

Eduard Gerh ard- S t ift unp 358 

Zographos-Stiftung 357 

Baumgart G. , Aus der Heidelberger 
Sammlung. II. Mit 4 
Abbildungen 288 

V. Duhn F., Funde und Forschun- 

gen. Italien 19 14 — 1920. 
Mit 55 Abbildungen ... 34 

Eichler F., Ein neues Pa,rthenon- 

fragment 272 

HeklerA. , Museum für bildende 
Kunst in Budapest. 
Ausstellung thasi- 
scher Funde. Mit 10 
Abbildungen 297 

IjjpelA. , Ein Sarapisrelief in 
Hildesheira. Mit 1 
Abbildung i 

KazarowG. 1., Ein Mithrasrelieiaus 
Bulgarien. Mit i Ab- 
bildung 344 

— — ZurArchäoIogie Thra- 

kiens (Ein Nachtrag). 
Mit 2 Abbildungen .... 346 

Matz F. , Zur Wiener Busiris- 
vase. Mit 2 Abb II 

Noack F. , DieSammlungderGips- 

abgUsse nach Wer- 
ken griechisch er und 
römisch er Skulptur 
an der Universität 
Berlin. Mit 11 Abb. 15 

Oelmann F., Persische Tempel. Mit 

5 Abbildungen 273 



Spalte 
Preuner E. . H. N. Ulrich's Nachlaß 357 

SievekingJ. , Zu den Cardelli-Re- 

liefs in Rom 347 

— — ZurSima von Palai- 

kastro. Mit 2 Abbil- 
dungen 549 

— — Eine Darstellung des 

Seneca? Mit i Abb... 351 
Studniczka F., Archäologisches aus 
Griechenland. Mit 15 

Abbildungen 308 

— — Zu der ältesten atti- 

schen Inschrift.... 340 



Are häo logische Gesell Schaft zu Berlin 
1921: 

Januar-Sitzung (Val. Müller, Delbrueck). 

Mit 4 Abbildungen 231 

Februar-Sitzung (Neugebauer, Delbrueck).. 237 
Außerordentliche Februar-Sitzung (Noack, 

Wiegand, Dragendorff, Brückner, Val. 

Muller) 238 

März-Sitzung (Borrmann, Pernice). Mit 4 

Abbildungen 249 

April-Sitzung (Schuchhardt, Amelung) 259 

Mai-Sitzung (Schäfer) 262 

Juni-Sitzung (Ippel, Rubensohn) 262 

Juli-Sitzungen (Sundwall, Schede, Bosch- 

Gimpera) 354 

November-Sitzung (Slrzygowski) 355 

Dezember-Sitzung (Studniczka) 357 

Archäologische Doktordissertationen 

(Wrede, Möbius, Frankenstein) 264 

Register 35^ 



FRAGMENT EINES VOTIVRELIEFS IN ELEUSlS. 

Mit Tafel i. 

Im Museum von Eleusis liegt ein kleines Relieffragment, das uns einen Blick 
in eine verlorene Welt, die Polychromie des attischen Reliefs, tun läßt. Taf I 
zeigt es nach einem Aquarell, das Emile Gillieron im Sommer J914 angefertigt hat'). 




Abb. I. Fragment eines Votivreliefs in Eleusis. 

A. Brückner hatte die Freundlichkeit, es nachträglich nochmals mit dem Original 
zu vergleichen und die Richtigkeit aller wesentlichen Angaben zu bestätigen. 
Zur Ergänzung dient die in Abb. I wiedergegebene Photographie, die genau von 
vorne aufgenommen ist, während Gillieron, um alle Einzelheiten der Bemalung 



') Die ursprünglich beabsichtigte Wiedergabe in 
Vierfarbendruck war der hohen Kosten wegen 
unmöglich. Das gewählte Verfahren, Lichtdruck 
mit Handkolorierung, zeigt die Verteilung der 

Jahrbuch de» Rrchäologrischen Instituts XXXVI. 



Farben, gewährleistet jedoch nicht die Richtig- 
keit der Farbnuance und kann den künstlerischen 
Eindruck der Vorlage nicht hinlänglich wieder- 
geben. 

I 



Gerhart Rodenwaldt, Fragment eines Votivreliefs in Eleusis. 



wiedergeben zu können, einen mehr nach rechts verschobenen Standpunkt gewählt 
hat. Das Fragment iiat eine Höhe von 20 und eine Breite von 27,5 cm. Die 
Fundnotiz des Inventars besagt: Eöps&rj 1895 sJ? to pcuXEO-r^piov ei? |xr/a ßäöo?. In 
der Literatur ist es bisher m. W. nicht erwähnt. Herrn Kuruniotis bin ich für die 
freundlich gewährte Erlaubnis der Veröffentlichung zu aufrichtigem Dank ver- 
pflichtet. 

Erhalten ist die linke obere Ecke eines Reliefs. Die Seitenfläche ist glatt, 
nicht als Anschlußfläche gearbeitet. Den oberen Abschluß bildet ein aus einem 
lesbischen Kymation und ejner glatten Leiste bestehendes Glied. Auf der Photo- 
graphie sind die Spuren der gemalten Herzblätter des Kymations noch deutlich 
sichtbar, während Gillieron sie nicht erkannt und daher auch nicht genau wieder- 
gegeben hat. Aus dieser Form des Abschlusses und dem Format der Figuren- 
reste ergibt sich ohne weiteres die Denkmälergattung, zu der unser Fragment ge- 
hört; es ist der Rest eines Weih- oder Urkundenreliefs der älteren, am Ende des 
fünften und dem Beginn des vierten Jahrhunderts herrschenden Form, die einen 
seitlichen Abschluß des Reliefs durch Anten noch nicht kennt und oben von 
einem lesbischen Kymation mit Leiste bekrönt wird ^). 

Von den Figuren ist, wenn wir an der linken Seite beginnen, zunächst der 
nach rechts gewandte Kopf eines Jünglings erhalten. Es folgt der ebenfalls nach 
rechts gewandte Kopf einer Frau. Das Profil hebt sich von dem Schleier ab, der 
hinten auf dem Kopfe aufliegt und sich beiderseits schräg symmetrisch nach den 
Schultern herunterzieht. Der Schleier ließ die Masse des Haares, die jetzt ab- 
gesprungen ist, frei. Der Oberkörper war, wie schon aus der Anlage des Schleiers 
hervorgeht, nach vorne gedreht. Er ist ebenfalls abgebrochen ; nur an der linken 
Seite der Figur sind die Schulter und die linke Hand, die sich anscheinend an den 
Schleier legt, erhalten. Rechts von dieser Figur ist der Schaft einer etwas schräg 
nach links in die Höhe gehaltenen Fackel sichtbar. 



U^ 



') Vgl. Milchhöfer, A. M. V 1880, 220t.; Loewy, 
Text zu Amdt-Amelung, Einzelaufnahmen Nr. 
1220 und 1242. Zu dem Eindringen der An 
tenumrahmung aus der ionischen Kunst vgl 

' Rodenwaldt, Arch. Jahrb. XXVIII 1913, 323f. 
Das älteste Beispiel auf einem Urkundenrelief, 
wo wie bei den entsprechenden Grabstelen das 
unorganisch über den Anten stehen gebliebene 
Kymation deutlich die Zusammengesetztheit zeigt 
ist wohl die Urkunde von 405/4 Kern, Inscrip 
tiones Graecae Nr. 19, Brunn-Bruckmann 475 a 
Dagegen fehlen die Anten auf dem von der- 
selben Hand gearbeiteten Relief der Übergabe 
Urkunde vom Jahre 400, Svoronos, Athener Na 
tionalmusenm Taf. CCIII. Ebenso fehlen sie 
auf der Übergabeurkunde von 398/7, Svoronos 
a. a. O. Taf. CVII, sowie auf einigen nach der 
Form der Inschriften an das Ende des fünften 



bzw. an den Beginn des vierten Jahrhunderts zu 
datierenden Werken, dem Relief der Xenokra- 
teia in Athen, 'E<f. 'Apjr. 1909, Taf. 8; Svoronos 
a. a. O. Taf. CLXXXI (vgl. Lippold, Text zu 
Brunn-Bruckmann Taf. 679), dem diesem gleich- 
zeitigen Relief mit Echelos und Basile, Svoronos 
Taf. XXXVIII, und dem Relief mit Herakles 
Alexikakos in Boston, A. M. XXXVI 1911, Taf. 
II S. 121 (Frickenhaus). Die alte Form hält 
sich noch lange neben der jüngeren ; die Anten 
fehlen noch auf der Übergabeurkunde von 376, 
Svoronos Taf. CCX, während auf dem Relief 
der Urkunde des Vertrages zwischen Athen und 
Kerkyra vom Jahre 375/4, Svoronos Taf. CHI 
die entwickelte Form mit Anten und richtigem 
Architrav erscheint. Eine Geschichte der attischen 
Votivreliefs an der Hand der datierten Urkunden 
wäre dringend erforderlich. 



Gerhart Rodenwaldt, Fragment eines Votivreliefs in Eleusis. 



Daraus läßt sich mit Sicherheit die Gestalt einer in Vorderansicht stehenden 
Köre ergänzen, die in jeder Hand eine Fackel hält. Da von der Hand, die die 
Fackel hält, nichts mehr erhalten ist, können wir noch einen weiteren Schluß auf 
die Haltung der Arme ziehen. Würde Köre die Fackeln mit erhobenen Unter- 
armen halten, wie wir es von zahlreichen Darstellungen gewohnt sind '), so müßte 
die Hand an dem erhaltenen Teil des Schaftes sichtbar sein, mag ihre Gestalt bis 
zum oberen Bildrande gereicht oder nur die Höhe der beiden anderen Figuren ge- 
habt haben. Da dies nicht der Fall ist, muß zumindest der rechte Unterarm 
schräg abwärts gesenkt gewesen sein, und damit kommen wir zu dem Motiv, das 
im Flachrelief auf der Seite des Naiskos des Reliefs aus dem Asklepieion Svöronos, 
Athener Nationalmuseum Taf. XLVIII Nr. 1377 dargestellt ist. 

Schwieriger wird der Weg, wenn wir versuchen, die beiden anderen Figuren 
zu rekonstruieren. Der nächstliegende Gedanke ist der, daß die stehende Köre, 
wie es auf den Reliefs dieser Form und Zeit das Häufigere ist, mit ihrem Kopfe 
bis an das ^lymation reichte, daß- links neben ihr Demeter saß, als die wir die 
Frau mit dem Schleier zu erkennen haben, und daß hinter ihr eine jugendliche 
Gottheit des eleusinischen Kreises stand. Das Schleiermotiv kommt gerade bei 
sitzenden Figuren häufig vor^), und in der Zusammengruppierung mit der stehen- 
den Köre würden wir die Abhängigkeit von dem Kultbilde von Eleusis 3) er- 
kennen. Aber diese Deutung stößt auf eine, wie mir scheint, unüberwindliche 
Schwierigkeit. Gehörte der linke Kopf zu einer stehenden Figur, so müßte der 
Kopf wesentlich kleiner sein, wie z. B. auf dem Totenmahlrelief Svöronos Taf. 
LXXXIII Nr. 1501. Das ist aber nicht der Fall, vielmehr ist der kräftige Kopf in 
den gleichen Proportionen gehalten wie der zierlicher scheinende Kopf der 
Göttin. Daß der Meister unseres Reliefs aber einer Figur einen so unverhältnis- 
mäßig großen Kopf gegeben haben sollte, ist ausgeschlossen. Es bleibt die Mög- 
lichkeit, auch diese Figur sitzend zu rekonstruieren. Dabei kommen wir aber wieder 
mit der Deutung in Konflikt. Triptolemos sitzt auf seinem Drachenwagen, wenn 
die Szene seiner Aussendung dargestellt wird ; daß er aber nahe hinter der Gruppe 
die Göttinnen, die ihm keine Beachtung schenken, sitzend erscheinen sollte, ist 
kaum denkbar, und eine andere sitzende jugendliche Figur kommt nicht in Betracht. 

So bleibt noch die Möglichkeit, daß alle drei Figuren stehen. Dann könnte 
allerdings auch die Köre die beiden anderen Figuren nicht überragt haben. Nun 
reichen zwar an den meisten gleichartigen Reliefs die Köpfe der Figuren bis an 
den oberen Rand, aber es ist dies durchaus kein Zwang". Es sei nur auf das 
eleusinische Rehef der Brückenbauurkunde (A. M. XIX 1894, Taf. VII) und das 
Totenmahlrelief bei Svöronos Taf. LXXXIII Nr. 1501 verwiesen. Es scheint, als 
ob ein weiteres Detail dagegen spräche, den Kopf der Köre bis zum Rande 
reichen zu lassen. Es müßte dann auch die Fackel bis zum Rande reichen. Nun 



<) Z.B. Arndt-Amelung Nr. 1241 ; A.M. XVn 1892, Besonders häufig anscheinend in der Malerei ; 

130, Fig. 6; XX 1895, Taf. VI. vgl. M. d. I. XII tav. VI, tav. XXVI 5 u. 6. 

») Z. B. bei der Aphrodite des Parthenonfrieses. 3) Kern, A. M. XVII 1S92, i25ff. 



Gerhart Rodenwaldt, Fragment eines Votivreliefs in Eleusis. 



sieht man auf der Photographie unseres Fragmentes deutlich, daß am oberen 
Ende bereits die Flamme beginnt und nach rechts umbiegt. Zieht man zwei 
allerdings erheblich jüngere Darstellungen zum Vergleich heran, die Köre auf dem 
Votivrelief Arndt- Amelung Nr. 1241 und auf dem eleusinischen Weihrelief mit 
der Aussendung des Triptolemos '), so sieht man, wie auf dem ersten, wo der 
Kopf der Köre an das Gebälk stößt, auch die Fackeln bis dicht heranreichen, so 
daß die Flamme von dem Architrav niedergedrückt wird, während auf dem anderen 
kaum die Spitze der schräg emporzüngelnden Flamme das Gebälk berührt und 
der Kopf der Köre von den Fackeln überragt wird. So, wie auf diesem zweiten 
Relief, könnten wir uns das Verhältnis bei unserem Fragment denken. Aber wir 
müssen uns bewußt bleiben, daß das alles Wahrscheinlichkeitsrechnungen sind 
und daß ganz eindeutige Merkmale für eine bestimmte Rekonstruktion nicht vor- 
handen sind. Das beruht eben darauf, daß dieses so unvergleichlich hochstehende 
Kunsthandwerk sich an feste Normen und Schemata nicht bindet. Bei aller 
festen Typentradition ist keines dieser attischen Votivreliefs eine blo15e Kopie des 
anderen, sondern jedes neu gedacht und geformt. Ebensowenig läßt es sich mit 
Sicherheit entscheiden, ob unser Fragment zu einem Weihrelief oder zu einem 
Urkundenrelief gehört hat*). 

Gewisser läßt sich der Kreis stil- und zeitverwandter Werke feststellen. 
Eine Gruppe von Votiv- und Urkundenreliefs kann teils nach den erhaltenen Daten, 
teils nach der Form der Inschriften um die Wende des fünften und vierten Jahr- 
hunderts datiert werden 3). Andere lassen sich aus Gründen des Stils daran an- 
schließen. Zu dieser Gruppe gehört das Weihrelief der Xenokrateia und das 
Totenmahlrelief Svoronos, Taf LXXXIII, mit denen unser Fragment stilistisch auf 
das eng.ste zusammengeht. Gegenüber einer gewissen Herbheit einer etwas älteren 
Gruppe von Votivreliefs, zu denen das Relief der eleusinischen Brückenbauurkunde 
und das Nymphenrelief des Archandros, Svoronos, Taf XLIV Nr. 1329 gehören 4), 
hat sich hier ein Stil von duftiger Weichheit gebildet, lockerer in der Linien- 
führung und malerischer in der Formengebung, dazu von größerer Relieferhebung. 
Unser kleines Bruchstück enthält in sich den ganzen Zauber dieser gesunden und 
heiteren attischen Kunst. 

^ Aber nicht die Darstellung und nicht die Formen sind es, die dem Bruchstück 
einen ganz eigenartigen Reiz geben, sondern die Farbe. Bis auf die dürftigen Farb- 
spuren an den Bauwerken des fünften Jahrhunderts, war uns ja bisher aus dem klassi- 
schen Lande des Reliefs, aus Attika, von der Polychromie der klassischen Zeit nichts 
erhalten, ^um ersten Male begegnen wir hier erhaltener Bemalung. Auch hier 
ist nur teilweise die Farbe erhalten, der blaue Grund um den Kopf des Jünglings 
und am oberen Rande der Bildfläche, Reste eines Rotbraun an den Haaren des 



>) A. M. XX 1895, Taf. VI. 4) Vgl. Loewy, Text zu Arndt-Amelung Nr. 1242. 

') Im erstcren Falle wären rechts ein oder mehrere Vgl. das Fragment bei Arndt-Amelung Nr. 12 18, 

Adoranten, im »weiten der Vertreter des anderen i; Svoronos, Taf. XXXVIl. Um 420 ist auch 

vertragschließenden Teils zu erganzen. das Kopenhagener Relief, Brunn-Bruckmann 

3) Vgl. oben S. 2, Anm. i. Taf. 679 (Lippold) anzuseUen. 



Geihart Rodenwaldt, Fragment eines Votivreliefs in Eleusis. 



Jünglings, Gelb auf dem Schleier der Demeter"), Rot an den Augen, Augenbrauen 
und Konturen der Köpfe, an den Umrissen des Arms und zwischen den Fingern 
der Göttin und zur Angabe der Rillen der Fackel ^). Aber das Vorhandene sitzt 
so günstig, daß es ohne jede Ergänzung genügt, uns einen vollen Eindruck von 
der Farbigkeit zu geben. Erst die Farbe beseelte die antike Plastik. Hier werden 
wir einmal unmittelbar der Wärme und Freudigkeit inne, die die Farbe der 
Form verleiht. 

Das kleine ■/stji.i^Xtov gewährt im Original einen seltenen ästhetischen Genuß. 
Aber auch auf die Geschichte der Polychromie des antiken Reliefs wirft es ein ganz 
unerhofftes Licht. Einiges ist ganz so, wie wir es erwarten, die blaue Farbe des 
Grundes, die rotbraune Färbung des 
Haares, die rote Angabe der Lippen, 
Augen und Augenbrauen. Es sei da- 
für auf Winters ausgezeichnete Dar- 
legungen in dem Text zu seiner Aus- 
gabe des Alexandermosaiks S. lO und 17 
verwiesen. Aber höchst überraschend 
ist die Verwendung des Rot für die 
Konturierung von Gesicht, Hals und 
Gliedmaßen. 

Wir kennen diese Konturierung 
bisher nur auf Reliefs römischer Zeit. 
Am besten ist sie erhalten auf den 
Neumagener Reliefs, von denen ein 
Beispiel hier Abb. 2 nach Hettners 
Illustriertem Führer durch das Trierer 
Provinzialmuseum (1903) S. 18 Nr. 16 
wiederholt wird. Die Aufnahme ist 
nach einem Gipsabguß gemacht, auf 
dem die Farben nach dem Original hergestellt sind. Mit braunroter Farbe [sind 
hier die Umrisse des Körpers und der Gliedmaßen angegeben, die Vertiefungen 
zwischen den Fingern sind in gleicher Weise getönt, auch die Grenze zwischen Haar 
und Gesicht ist wie an unserem Fragment durch einen roten Strich bezeichnet. Dar- 
über hinausgehend ist auch die Angabe der Gewandfalten durch rote Streifen verstärkt. 
Verstärkt ist die Wirkung an diesem Beispiele noch dadurch, daß die Konturen, 
in denen das Rot sitzt, auch noch plastisch vertieft sind. 

Diese Einritzung ist auf den Neumagener Reliefs nicht obligatorisch ; häufig 
und, wie es scheint, gerade auf den älteren Monumenten, sind die Konturen nur 
gemalt. Die lang erwartete Verötfentlichung der Neumagener Reliefs wird hoffent- 
lich über die Polychromie dieser Werke und ihre kunstgeschichtlichen Zusammen- 




Abb. 2. Relief aus^Neumagen. 



') Das Gelb des Schleiers ist nur ein dünner Farb- 
ton im Gegensatz zu der dicken Schicht des Blau 
auf dem Reliefgrundc. 



^) Der Ansatz eines Querstriches am oberen Teile 
rührt wohl von einem Bande der Fackel her. 



Gethart Rodenwaldt, Fragment eines Votivreliefs in Kleusis. 



hänge abschließende Aufklärung bringen. Vorläufig kann nur auf die sorgfältige 
Untersuchung von A. Grenier, La Polychromie des reliefs de Neumagen, Rev. arch. 
1904, 245 ff. verwiesen werden. Grenier hat die bisweilen geäußerte Vermutung, 
daß diese Konturierung eine Eigentümlichkeit gallischer Kunst sei, mit Recht zu- 
rückgewiesen und die stadtrömischen Beispiele gesammelt, auf denen sich teils 
gemalte, teils eingeritzte Konturen finden. Es kann kein Zweifel sein, daß die 
geritzten Konturen, deren nachweislich ältestes Beispiel wohl die Reliefs vom 
Grabmal der Julier in Saint- Remy sind, in allen Fällen ebenfalls mit roter Farbe 
ausgezeichnet waren. Als weiteres Beispiel erhaltener roter Konturierung wären 
zwei Nebenseiten eines Sarkophages in Budapest (Robert, Sarkophagreliefs III 3, S. 
403) zu nennen. Vermutet ist eine solche Konturierung in Alexandrien von 
Schreiber, Die Nekropole von Köm-esch-schukäfa 291 und 297 Anm. 18. 

Es ist von vornherein unwahrscheinlich, daß dieser Gebrauch als eine Neue- 
rung der römischen Kunst der zweiten Hälfte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts 
entstanden ist, sondern es muß eine griechische Tradition vorliegen. Das hat denn 
auch Grenier vermutet, ohne daß er wirkHche Analogien hätte anführen können. 
Diese bietet zum ersten Male das eleusinische Relief Die Übereinstimmung ist 
schlagend. Nur ein Unterschied ist vorhanden, in dem sämtliche Reliefs römischer 
Zeit zusammengehen; während bei ihnen die Konturlinie immer auf dem Relief- 
grunde sitzt, ist sie bei dem eleusinischen Fragment an der Rundung des Reliefs 
angebracht. Aber die Wirkung ist die gleiche, ebenso die Angabe der Haar- 
grenze und die Färbung zwischen den Fingern. Der Unterschied in der Anbringung 
der Linie hat Bedeutung gegenüber einem etwaigen Einwände, daß die Bemalung 
des eleusinischen Reliefs nicht die originale sei, sondern auf eine Restauration 
römischer Zeit zurückgehe. Daß man in römischer Zeit ein Votivrelief vom Ende 
des fünften Jahrhunderts neu bemalt habe, ist schon an sich nicht gerade sehr 
wahrscheinlich, aber immerhin nicht ausgeschlossen. Bei unserem Bruchstück 
spricht jedoch nichts dafür; die Linien sind mit der Feinheit und etwas lässigen 
.Sicherheit gezogen, die genau dem Stil des Plastischen entspricht, und ein römischer 
Restaurator hätte sich vermutlich der Gewohnheit seiner Zeit, die Konturen auf 
dem Grunde zu ziehen, gefügt. Die Erklärung der guten Erhaltung der Farben 
finden wir vielmehr in der Fundnotiz, daß das Fragment in großer Tiefe gefunden 
ist. Wahrscheinlich ist es früh beschädigt worden und bei Fundamentbauten in 
die Tiefe geraten, in der eine glückliche Lagerung die Farben konserviert hat. 

So läßt sich die in Neumagen vertretene Tradition bis an die Wende des 
vierten und fünften Jahrhunderts hinaufdatieren. Es braucht uns nicht zu schrecken, 
daß wir ein zweites Beispiel dafür nicht besitzen. Denn es ist uns ja bitter wenig 
von der Polychromie des griechischen Reliefs erhalten»), und das Wenige zeigt, daß 
es nicht ein kanonisches Schema gab, sondern eine Vielheit von Methoden. Neben 
der seit dem fünften Jahrhundert wohl immer überwiegenden blauen Farbe des 



') Für das Theseion vgl. .Sauer, D.is sog. Theseion 125 u. 226f. ; Lethaby, Atbenaeum 1913, Aug. i6. 

187; für den Parthenon Michaelis, Der Parthenon Im allgemeinen vgl. Winter, .Mexandermosaik 17. 



Gerhart Rodenwaldt, Fragment eines Votivreliefs in Eleusis. 



Grundes steht der weiße Grund des Alexandersarkophags, neben dem Marmorton 
oder der Ganosis der nackten Teile fand sich am Mausoleumsfriese ihre Bemalung 
mit Deckfarben"). So kann es uns nicht wundern, hier einem für uns neuen 
Verfahren zu begegnen, und es bleibt nur zu fragen, ob wir den Sinn desselben 
zu begreifen vermögen. 

In ihrer ästhetischen Funktion ist die Konturlinie ohne weiteres einleuch- 
tend und begreiflich. Man denke sich die Umrißlinie an dem Jünglingskopf 
fehlend. Die kleine weiße Fläche in der blauen Umgebung würde wie ein 
Loch wirken, und bei dem Zusammenstoß von Relief und Grund würde sich, 
da in dem kleinen Maßstab die Grenzlinie nicht mit genauester Akkuratesse 
durchgeführt wird, eine etwas unscharfe Silhouette des blauen Grundes er- 
geben. Durch die Umrißlinie wird der Kopf von dem blauen Grunde abge- 
setzt und gelöst, die Formen des Kopfes selbst werden zu einer Einheit zu- 
sammengefaßt, die zugleich eine farbige ist. Denn der rote Umriß im Verein 
mit der roten Innenzeichnung teilt der ganzen von ihm umzogenen Fläche 
einen Farbton mit. Daß diese Umrißlinie nur rot sein konnte, erklärt sich ebenso 
wie die rote Farbe der Augen aus dem in der älteren griechischen Kunst herrschen- 
den Schema der Polychromie ohne weiteres^). Es ist klar, daß die ästhetischen 
Anstöße, die die Konturlinie beseitigt, nicht oder in sehr viel geringerem Maße 
vorhanden waren, wenn das Relief ein wesentlich größeres Format oder eine 
größere Erhebung hatte. Ein größerer, voller gerundeter Kopf hebt sich selb- 
ständig aus dem blauen Grunde heraus, zumal wenn er sich unterschnitten vom 
Grunde loslöst. Damit mag es zusammenhängen, daß wir auf den größeren grie- 
chischen Reliefs, auf denen Farbspuren erhalten sind, die Umrißlinie nicht finden. 
Vielleicht ist sie innerhalb des kleinen Formates des Votivreliefs und innerhalb 
des Kunsthandwerkes, dem die Herstellung der großen Mehrzahl der Votivreliefs 
zufiel, entstanden, oder hat sich darin erhalten 3). Aber wir können nicht erwarten ^ 



•) Brit. Mus. Catal of Greek Sculpture II 97. 

') Vgl. Winter, Alexandersarkoghag S. lü. 

3) Nachträglich kann ich ein weiteres, noch älteres 
Beispiel der roten Konturierung von einem 
Monumentalrelief beibringen, nämlich das Ber- 
liner Bruchstück (Inv.Nr. 1531 ; Kekule, Sitzungs- 
ber. d. Berl. Akad. 1902, 387 ff; ders., Die grie- 
chische Skulptur' 15) der attischen .Stele, die sich 
im Metropolitan-Museum befindet (Gisela M. A. 
Richter, Handbook oftheClassical CoUection, New 
York 191 7, 203, Fig. 121). Die Karbe des Grun- 
des ist ein dickes bläuliches Rubinrot. Am Kopf 
des Mädchens zieht sich von der Haargrenze ab auf 
der plastischen Rundung entlang dem Rande des 
Grundes ein etwa 3 mm breiter Farbstrich von 
einem helleren, dünneren Rot. Ebenso sind 
die Kinger von einem 2 — 3 mm breiten roten 
Farbstrich konturiert, der besonders gut am Dau- 



men (auch innen, wo er an die Blume anstößt), 
an Innen- und Außenseite des Zeigefingers und an 
den Gelenken der übrigen Finger erhalten ist. 
Kekule a. a. O. 392/. hat den Konturstrich am 
Gesicht übersehen und die Farbreste an den 
Fingern für zufällig übergeflossene Farbe erklärt. 
Unter dem Vergrößerungsglase aber kennzeichnen 
sich die Farbreste als deutlich abgesetzte und 
durchgezogene Pinselstriche. Wenn die Kontu- 
rierung hier auf rotem Grunde, allerdings in 
einer anderen Farbennuance, auftritt, dient sie 
weniger der Loslösung vom Grunde als der 
Zusammenfassung und Tönung der Formen. 
Ästhetisch ist sie von großem Interesse. Ihre 
Funktion wächst bei blauem Grunde. Es ist wohl 
möglich, daß sich bei näherer Nachprüfung die 
rote Konturlinie noch an weiteren Monumenten 
mit erhaltenen Farbspuren nachweisen läßt. — 



8 



Richard Delbrueck, Der Sudostbau am Forum Romanum. 



daß das Relief alle Fragen löst, die es stellt; ungetrübt bleibt uns die Freude, das 
farbenfrohe Leben eines attischen Reliefs, wenn auch nur an einem kleinen Bruch- 
stück, unmittelbar zu genießen. 

Gießen. Gerhart Rodenwaldt. 



DER SÜDOSTBAU AM FORUM ROMANUM. 

Mit Tafel 2—9. 

Das sogenannte Templum Divi Augusti '), hier nach seiner Lage zum Forum 
als Südostbau bezeichnet, ist vermutlich ein für Empfänge bestimmter Teil der 
domitianischen Palastanlage, der unvollendet blieb, dann in hadrianischer Zeit als 
Sklavenkaserne eingerichtet wurde; am Ende des Altertums erhielten einige Räume 
reiche Dekoration. 

Das Grundstück (Abb. i) ist ein westöstlich gestrecktes unregelmäßiges Fünf- 
eck; größte Länge von West nach Ost rund 70 m, von Nord nach Süd rund 65 m, 
Fläche knapp 4000 qm. Im Osten und Süden war durch die Grenzen des Grundstückes 
die Raumbildung beengt und blieben Zwickel übrig. Die Meereshöhe beträgt rund 
12 m. Die Grenzen sind folgende: 

im Osten der ziemlich schroffe Abhang des Palatin mit dem »Clivus Victoriae« 
und dem vom Juturnabezirk südlich emporsteigenden Treppenweg, die 18 m 
über dem Forum, etwas über halber Höhe des Hügels, unter einem westlich geöffneten 
stumpfen Winkel zusammentreffen; 

im Süden die Horrea Germaniciana, die von der Orientierung des Forums 
östlich abweichen (Hülsen, Forum^ 169); 

im Westen der Vicus tuscus (noch nicht ausgegraben); 

im Norden eine Nebenstraße des Vicus tuscus, nördlich vom Castortempel 
überragt; östlich anschließend der kleine Platz südlich des Juturnabezirkes. 

Der Südostbau muß zur VHI. Region Forum Romanum gehört haben; denn 
die konstantinische Regionsbeschreibung zählt die nördlich und südlich benachbarten 
Bauten Castortempel, Jutumaheiligtum, Horrea Germaniciana in dieser Region 



Obrigens bestätigt der männliche Kopf der Stele 
in New York (G. M. A. Richter a. a. O. 205, 
Fig. 122) Kekules Zusammenstellung mit der 
Aristionstele gegenüber Kleins (Kunstgcsch. I 263) 
Vergleichung mit der Grabstele des Diskophoros. 
') Ausgrabung 1900/1 durch Giacomo Boni, — Eine 
eingehende Bearbeitung begann ich 19 14 gemein- 
sam mit dem Architekten Erik von Stockar ; Herr 
Julius Darnistätter stellte die Mittel zur Verfügung, 
wofür ich ihm auch an dieser Stelle danken 



möchte. Auf den unvollendeten Aufnahmen und 
Notizen beruht der folgende Bericht, der nicht 
den Anspruch erhebt, eine abschließende Ver- 
öffentlichung zu sein ; besonders war eine Schluß- 
kontrolle an der Ruine nicht möglich. 

Literatur zuletzt bei Jordan-Hülsen I 3, Soff. — 
Grueneisen, St. Marie Antique 61 ff. (Hülsen); dort 
die — unwichtigen — Renaissancezeichnungen. — 
Wilpert, Römische Mosaiken 652 S. — Über die 
nähere Umgebung des Baues Hülsen, Forum'. 



Richard Delbrueck, Der Sttdostbau am Forum Romanum. 



auf (Jordan II 553). Lancianis Vermutung (Bull. com. 1890, 115 ff.), daß südlich 
vom Forum die zehnte Region (Palatium) bis zum Vicus tuscus gereicht habe, ist 
durch die Entdeckung der 



\ Viiihxliriri«nViqu5 



Wov, Via 




Horrea Germaniciana überholt ; 
vermutlich war die Grenze der 
»Clivus Victoriae«. 

Der Südostbau besteht 
aus folgenden Teilen: 

1. im Osten ein Treppen- 
haus; 

2. eine mittlere Raum- 
flucht von Norden nach Süden 
folgen sich: a) ein kleiner Saal, 
b) ein Atrium, c) eine Exedra 
mit zwei Nebenräumen; in der 
mittleren Raumflucht liegt S. 
Maria Antiqua; 

3. im Westen ein großer 
Saal, der die Hälfte des Grund- 
stückes einnimmt; infolge des 
schrägen Verlaufes der südli- 
chen Grenze bleibt zwischen 
seiner Südwand und den Hor- 
rea Germaniciana ein keilförmiger Zwickel übrig, in dessen breiterem östlichen 
Teile ein aus der mittleren Raumflucht und dem Westsaale zugängliches Zwischen- 
zimmer liegt (2 d) ; 

4. an der nördlichen Straße eine Porticus; an ihrem östlichen Ende ein älterer » 
Einzelraum, hier Nordostraum genannt, das spätere Oratorium der 4oMärtyrer (4a); 

5. am Vicus tuscus ein Vorbau. 



Tibariu» 
Palast- ^ 



LaöEPL&N /v\=-i. -1500 



Abb. 1. 



I. DER DOMITIANISCHE BAU. 
A. Technik M. 

I. Baustoffe. 

Der Bau besteht aus Mörtelwerk, Ziegeln und Haustein. 

Mörtel. — Der Puzzolansand ist rein, scharf, staubreich, bis erbsengroß im 
Korn. Er wurde gesiebt, da er sonst größere Brocken enthalten würde, aber nicht 
gewaschen, da der Staub geblieben ist. Man unterscheidet drei Sorten : grobkörnig 
und braunrot, feinkörnig und schwarzgrau, staubreich und grau; die dritte Sorte 
ist schlechter. — Der Kalk ist rein, anscheinend aus Travertin gebrannt. — Der 
Mörtel ist ziemlich fett, die Härte schwankt. 

') Choisy, L'art de bätir chcz les Romains. — F. Töbelmann, Bogen von Malborghetto. — Am. J. 1912. 

230 ff., 307 ff. van Deman. 



IQ Richard Delbrueck, Der SUdostbau am Forum Romanum. 



Hausteinbrocken (Ziegelbrocken s. "u.). — Selten mehr' als faustgroß. 
Neu beschafft Basaltlava für Fundamente, leichter gelber Tuff für Gewölbe; die 
übrigen Brocken Abfall oder Trümmer älterer Bauten: Travertin (z. T. aus bearbei- 
teten Werkstücken zugeschlagen); Peperin (meist ältere Caementa und Reticulat- 
steine); Inkrustationsreste aus weißem Marmor, Giallo und Rosso antico, Affricano, 
Pavonazzetto, Porphyr (auch grünem), Granit; Schieferplatten von Inkrustations- 
bettungen; Trümmer feiner Marmorskulpturen usw. 

Ziegel. — Sie bestehen aus Mergelton, der hart und knollig, in seinen Schichten 
ziemlich verschieden ist. — Bei den domitianischen Ziegeln ist der Ton nicht 
gründlich durchgearbeitet, da Risse und Knollen geblieben sind. Puzzolansand in 
verschiedener Menge ist als Magerungsmittel zugesetzt. Die Ziegel wurden in offenen 
Holzrahmen geformt, die Oberseite mit einem nassen Holz abgestrichen, das Schlieren 
hinterließ, die Ränder öfters naß mit einem Messer beputzt. Engobe ist nicht nach- 
zuweisen. Beim Trocknen sank die obere Fläche nach der Mitte zu ein und bogen 
sich die Ränder etwas auf. Der Brand ist ungleichmäßig; gute Steine sind hart, gelb- 
rot bis braunviolett; schlecht gebrannte mürbe, blaßgelblich oder grünlich. 
Freiliegende Kanten sind fast stets mit der Hammerschneide bearbeitet und zwar 
sicher nach dem Brande. — Ziegelformate: Bipedales und Sesquipedales, 60 — 55 und 
45—42 cm , meist 4,5 cm stark, selten bis 5,5 cm; sie dienen als Durchbinder, für 
Bögen und als Bodenbelag. Bessales, 21 cm^ meistetwa 3,6 cm stark (4,2— 3,2); dia- 
gonal halbiert als Verkleidungssteine. — Im Inneren des Mörtelwerks erscheinen 
nur einzeln domitianische Verkleidungssteine sowie Trümmer von Bipedales. 
Flavische Ziegelstempel finden sich auf Bipedalcs und Sesquipedales; (CIL 
XV,.259, 635, 638, 999, 1000, 1006, 1094/7, 1290, 1362, 1449, 1907, vgl. Hülsen- Jordan 
I 3, 83 A., 106 und RM. 1902, 79). Mehrmals 1346 (Q. Oppius Natalis) von Dressel 
um 120 datiert, von Hülsen a. a. 0. mit Recht als schon flavisch betrachtet; vgl. 
S. :i (flavisch), S. 25, 3, a, i (hadrianisch), S. 18 (fraghchen Alters). 

Älteres Ziegelmaterial erscheint unter den Brocken des Mörtelwerks, 
überwiegend Trümmer feiner hochroter Dachziegel, darunter schon einmal ver- 
wendete Verkleidungssteine, ferner Campanareliefs, dünne Tonplatten usw. 

Hausteinquadern. Travertine von 0,60 bis 0,90m Stärke bilden die obere 
Fundamentschicht; die Bearbeitung ist summarisch, außer an den Stoßfugen. — 
Aus gewöhnlichem karrarischem Marmor sind die Stufen der Porticus. 

2. Aufbau. 

Fundamente bestehen aus einer Bank von Mörtelwerk und einer Deck- 
schicht aus Travertinquadern. Die Tiefe ist nirgends festgestellt. Das Mörtelwerk 
enthält meist Lavabrocken. Aufgemauert ist es in hölzernen Kästen aus viereckigen 
Pfosten und außen vorgenagelten Brettern; es scheint gestampft zu sein, da die Ver- 
schalung sich genau abgedrückt hat. Zu oberst liegt auf einer Kiesschicht eine Mörtel- 
decke, in der die Travertine verlegt sind. Ihre Fügung ist unregelmäßig, oft eine 
Läuferreihe neben ein oder zwei Binderreihen; keine Dübel. 

Wände. — Auf der Travertinschicht wurde eine Mörteldecke ausgebreitet 
und in dieser die Brocken wie ein lockeres Mosaik verlegt; dann folgte eine zweite 



Richard Oelbrueck, Der Südostbau am Forum Romanum. j i 

. r ■- — " ■ " - 

Mörtelschicht usw. Infolge der verschiedenen Dicke der Brocken wurden die Schichten 
uneben; daher ist das Mauerwerk in Abständen mit Bipedales oder Sesquipedales 
abgeglichen; sie finden sich alle 6 bis i6 Schichten. Die Verkleidung der Wandflächen 
besteht aus diagonal halbierten Bessales, s. o., mit der rechtwinkeligen Ecke nach 
innen. Mauerecken sind mit parallel halbierten Bessales gebildet, Rundungen ijiit 
entsprechend zugeschnittenen. Die Verkleidungssteine bilden gut wagerechte Schich- 
ten mit ziemlich regelmäßigem Fugenwechsel. Die Mörtelfugen sind gut verstrichen, 
ihre Stärke schwankt infolge der Verschiedenheit der Steine, 1,5 bis 2 cm. Zehn 
Schichten messen 52 bis 57 cm. 

Anschlußflächen für Wände und Gewölbe treten etwas zurück, außer den 
Durchbindern. Die Vcrkleidungssteine sind Ziegeltrümmer, die eine Bruchfläche 
oder eine Spitze nach außen wenden. In der Ausführung finden sich Verschieden- 
heiten, die nicht immer einen Grund zu haben scheinen. — Gerüstlöcher gehen in 
wagerechten Reihen über die Wände. Sie stammen von den Querhölzern der Gerüst- 
böden, die eingemauert und anscheinend später nicht herausgezogen wurden, da 
die Löcher in der Tiefe oft krumm verlaufen. 

Wandbögen bestehen aus Bipedales oder Sesquipedales mit keilförmigen 
Mörtelfugen. Die Neigung der Steine ist selten genau radial, die Kurven sind häufig 
unkorrekt, besonders am Anfang zu flach. Es finden sich scheitrechte Bögen, Rund- 
bögen (meist etwas kürzer als ein Halbkreis), Nischenkuppeln (mit einemi Rund- 
bogen eingefaßt). Entlastungsbögen greifen in der Regel nicht tiefer ein, als die 
Öffnung, auf die sie sich beziehen. 

Freitragende Bögen zeigen die Abdrücke von Bretterverschalungen; Nischen- 
kuppcln nicht, wurden also wohl auf einem Erdkern erbaut. Die Gerüste müssen 
freigestanden haben, da Löcher von wagerechten Tragbalken nur selten vorkommen, 
die Anfänger auch nicht wie später üblich, gegen die Kämpfer zurückgesetzt sind, 
um ein Auflager freizulassen. 

Gewölbe. — Außer den erwähnten Nischenkuppeln nur Tonnen. Die Wölb- 
linie meist etwas kürzer als ein Halbkreis und an den Anfängen straffer. Im Treppen- 
haus ansteigende und kegelförmig verengte Tonnen; in den Ecken des Atriums sollten 
sie rechtwinkelig umbrechen, s. u. Durchdringungen scheinen nicht vorgekommen 
zu sein. — Das Mörtelwerk enthält vorwiegend leichten, gelbgrauen Tuff. Es ist 
wagerecht geschichtet. 

Meist sind auch die Gewölbe über Bretterschalen gebaut, die sich abgedrückt 
haben. Die Gerüste standen frei, wie bei den Wandbögen. — In unzugänglichen 
Räumen ist ein anderes Verfahren angewendet. Am Gewölbe finden sich keine 
Bretterabdrücke, sondern feiner Sand, Steinbrocken und Erde, die etwas Kalk ent- 
hält ; an den Widerlagern, dicht unter dem Gewölbeansatz, Abdrücke der Ränder eines 
wagcrechten Bretterbodens. Auf diesem Boden war also ein Erdkern locker auf- 
gemauert, der nach Vollendung des Gewölbes fortgeschlagen wurde ; der Vorteil war, 
daß man Holz und die für die Herstellung einer halbzylindrischen Form nötige exakte 
Zimmermannsarbeit sparte. 



I 2 Richard Delbrueck, Der Sudostbau am Forum Rgmanum. 



Die Widerlagsmauern tonnengewölbter Räume sind stets erheblich stärker 
und zeigen wenig Durchbrechungen. 

Fußböden sind nur in Nebenräumen domitianisch; sie bestehen aus magerem 
grauem Mörtel mit Asche und Scherben oder aus Plattenziegeln, die an eine Durch- 
binderschicht der Wand anschließen; diese Durchbinderschicht tritt dann meist etwas 
vor. So sind auch Türschwellen gebaut, Taf. 2 in den östlichen Substruktionsräumen. 

Gemessen ist nach dem Fuß von 0,295 m zu 12 Zoll. 

Die Höhenangaben des Textes und der Pläne beziehen sich auf die Oberkante 
der Fundamente. Die Orientierung ist dem Plan Notizie 1901 Abb. 13 entnommen. 

B. Beschreibung. 

I. Treppenhaus. Taf. 2. 4. 5. 

Größte Länge rund 45, größte Breite rund 8 m, Richtung nordsüdlich. Im 
Osten war die Raumbildung durch den Abhang des Palatin und ältere Mauern 
beengt. Die Mittelmauer hat im Fundament keine Travertinschicht; sie enthält 
Entlastungsbögen, die sich vielleicht auf Öffnungen in den zerstörten oberen Teilen 
beziehen. Die Treppe selbst geht in Rampen von rund 3,5 m Breite empor, mit Po- 
desten an den Enden; Stufen erscheinen nur vereinzelt. Die Gewölbe der Gänge 
steigen an, mit Absätzen, die durch Quermauern über Rundbögen getrennt werden. 

Erhalten vier Gänge, im Westen beginnend. 

Gang I. Ausgang in die Porticus in voller Breite, Sturz zerstört ; niedrige Neben- 
tür in den nördlichen Saal der mittleren Raumflucht; hohe Haupttür in das Atrium. 
Die Steigung beginnt erst südlich der Haupttür. (An der Ostseite Eingänge in Sub- 
struktionen, s. u.) 

Gang H. Stufen am oberen Ende, wohl auch am unteren anzunehmen. An 
der Ostseite Substruktionsräume, In der Nordwand des zweiten Podestes breites 
Fenster, mannshoch über dem Boden, entsprechende vermutlich in den höheren 
Podesten. 

Gang III. Keine Stufen, Gewölbe zerstört. In der Südwand des dritten Po- 
destes vermutlich Tür in Nebenräume über der südlichen Raumgruppe der mittleren 
Raumflucht. 

Gang IV. Gewölbe und nördlicher Teil zerstört, in der Mitte bei rund 18 m 
kleine schräge Tür auf den Clivus Victoriae (Richtung des Tiberiuspalastes). Die 
Rampe stieg weiter. 

Bis zur Höhe des Tiberiuspalastes (etwa 30 m), in den das Treppenhaus geführt 
haben muß, sind noch weitere Gänge zu ergänzen. 

Substruktionen unter Gang IL Durch Querwände geteilt. Tonnengewölbe, 
an den Enden verengt. Im südlichsten Teilraum, unten an der Westseite kasten- 
förmige Vertiefung mit nicht verkleideten, glatten Wänden; hier könnte eine Stein- 
kiste mit einem Bauopfer eingemauert gewesen sein (Taf. 2). Die beiden südlichen 
Teilräume waren bei der Auffindung antik mit Schutt und Sand gefüllt. — Östhch 
noch zwei Substruktionsräume. 



Richard Delbrueck, Der Sttdostbau am Forum Romanum. j 3 



2. Mittlere Raumflucht. Taf. 2. 5. 6, B. 

Lichte Weite 19,20 m = 65', Länge auf der Mittelachse rund 55 m. 

a) Kleiner Saal. — 19,20 : 20,35 m = 65': 70'. Die Westseite mit dem Ansatz 
der Nordwand 28 m hoch erhalten, die übrigen Wände in unteren Teilen. Das nord- 
südlich laufende Tonnengewölbe begann schon bei rund 16 m, Scheitel rund 26 m; 
Anfang und Anschlußfläche im Westen erhalten. An den Schmalseiten breite Portale; 
das nördliche war ursprünglich fast 6,5 m = 22' weit und trug einen bei 8 m auf- 
setzenden Rundbogen (noch in gleicher Technik wurde es unsymmetrisch verengt 
und erhielt einen tiefer sitzenden Stichbogen; der Grund waren Veränderungen im 
Plan der Porticus S. 18 f.). Das südliche Portal ist fast 6 m = 20' weit und hatte 
verrtiutlich einen entsprechenden Rundbogen; die Laibungen stehen nur bis 5 m. Am 
südlichen Ende der Langseiten führen niedrige Nebentüren mit horizontalem Sturz 
in das Treppenhaus und gegenüber in den Westsaal. — Die Wände haben Nischen; 
an den Langseiten je 5 — wovon i, 3, 5 rechteckig, 2 und 4 Apsiden sind — , an den 
Schmalseiten je eine rechteckige beiderseits der Portale. An der Nordseite ist über der 
westlichen Nische die westliche Laibung eines horizontal bedeckten Fensters erhalten, 
von der Breite der Nische, aber niedriger, Taf. 5, B. Über dem Portal wird ein größeres 
Fenster anzunehmen sein. Ferner erscheint in Kämpferhöhe, hart an der Westwand 
die westliche Laibung eines horizontal bedeckten Fensters; also wird hier eine zweite 
Fensterreihe zu ergänzen sein; ihre äußeren Fenster wurden innen von den Anfängen 
des Saalgewölbes halb verdeckt. 

Der zerstörte obere Teil der Südwand wird ebenfalls zwei Fensterreihen ent- 
halten haben. 

Die Dachfläche des Saales war nach der Höhe der Anschlußfläche des Gewölbes 
eine ebene Terrasse. Ob sie überdeckt war, ist nicht zu ermitteln; ein Zugang vom 
Treppenhaus ist anzunehmen, aber nicht erhalten. 

Vielleicht stand über der Nordwand eine Halle, denn die obere Fensterreihe 
hatte anscheinend andere Intervalle als die untere, was bei dieser Annahme ver- 
ständlich würde. 

b) Atrium. — 19,20 : 21,30 m =65' : 73'. Hoch erhalten die Westwand, 
die übrigen in den unteren Teilen. Im Süden öffnet sich die Exedra, rechts und links 
führen kleine Türen in ihre Nebenräume; in der Ostwand, am nördlichen Ende die 
erwähnte Haupttür in das Treppenhaus; gegenüber in der Westwand eine Nebentür 
in den Westsaal, am südHchen Ende der Westwand eine Haupttür in das Zwischen- 
zimmer. 

Im Boden des Atriums liegt konzentrisch ein Fundamentrechteck. Der Um- 
gang sollte ein Tonnengewölbe erhalten, dessen Anschlußfläche an den Außenwänden 
bei 6,5 m beginnt; an den mittleren Öffnungen der Schmalseiten konnte es nicht 
durchlaufen, da sie zu hoch waren ; wie hier die Überwölbung des Umganges beab- 
sichtigt war, ist unsicher, vermutlich durch etwas höher sitzende, quer gerichtete 
Tonnen. — Das innere Fundament ist für kräftige Mauern von etwa 1,80 m bestimmt, 
die also über das Gewölbe des Umganges hinaufreichten. Vermuthch' waren Öff- 
nungen vorgesehen, besonders auf der Längsachse, gegenüber dem nördlichen Portal 



Ij Richard Delbrueck, Der SBdostbau am Fonim Romanum. 



und der Exedra. Der mittlere Teilraum sollte nicht überwölbt sein, da sonst die 
Widerlagsseiten bereits in den Fundamenten stärker sein würden. Wahrscheinlich 
ist ein Impluvium, denn von der domitianischen Kloake, die im Umgänge umläuft 
(S. 20), geht an der Südseite ein Nebenkanal in der Richtung auf das mittlere Funda- 
ment ab. Sonst käme noch ein Dachstuhl in Frage; in diesem Falle mußten die Wände 
des Einbau's oberhalb des Umganges Fenster haben. An den Umfassungswänden 
sind keine Spuren oberer Geschosse nachzuweisen. 

c) Exedra und Nebenräume. — Breite 19,20 m, Tiefe 7 m (das westliche 
Seitenzimmer weniger, weil die Südgrenze des Grundstücks schräg läuft). Erhalten 
die Wände mit Ansätzen der nordsüdlich laufenden Tonnen; diese haben gleiche 
Scheitelhöhe, 12 m, daher liegen bei den schmäleren Seitenzimmern die Ansätze 
höher. Äußerlich nachantiker Fußboden rund 0,60 m über den Fundamenten. Türen: 
in den nördlichen Wänden der Seitenzimmer und an den Enden der Zwischen- 
wände, alle klein. Die Lünetten waren auf der Nordseite oberhalb des Umgangs- 
gewölbes geöffnet. In der weiten nördlichen Öffnung der Exedra könnte ein 
Säulenpaar gestanden haben; in der Südwand lag eine rechteckige Nische, das Ende 
der Längsachse der mittleren Raumflucht bezeichnend. Das östliche Nebenzimmer 
hat eine entsprechende Nische, das westliche nicht. 

Über der Exedra und ihren Nebenräumen standen noch zwei Stockwerke 
unregelmäßiger Räume, mit Zugängen von Süden. Sie bleiben bei Seite, da sie ilirem 
Gebrauchszwecke nach nicht zum Südostbau gehört zu haben scheinen. 

d) Zwischenzimmer. Taf. 2. 6, A. — Es schließt am südhchen Ende der 
Westseite des Atriums an; nördlich grenzt es an den Westsaal, südlich an die Außen- 
mauer, westHch an Substruktionsräume. Tiefe rund 6 m = 20', Breite rund 6,5 m 
= 22'; je eine hohe Haupttür nach dem Westsaal und dem Atrium, die letztere nicht 
axial, da sie sonst mit dem westlichen Nebenraum der Exedra kollidiert hätte. 
Westöstlich laufendes Tonnengewölbe, eingestürzt; an den Enden (früher wohl auch 
dazwischen), verstärkt durch Querrippen aus Bipedales. — An der Westseite große, 
bis zum Boden reichende Bogennische von rund 4,30 m Breite und 2,40 m Tiefe?; in 
ihrer Rückwand kleine rechteckige Nische mit Öffnung in die anschließende Sub- 
struktion ; in der Übermauerung der Bogennische überwölbter Hohlraum. 

Die Bogennische ist nicht konstruktiv bedingt; es fehlt ein Postament für eine 
Statue oder einen Sitz, die auch in dem kleinen Räume nicht zu erwarten sind; ver- 
mutUch sollte in der Nische ein Ruhebett stehen, vgl. z. B. die Schlafzimmer im soge- 
nannten Gefolgequartier der Hadriansvilla, Winnefeld 35 f. Taf. 9. 

3. Westsaal. Taf. 2. 5—9. Abb. 2. 

32,50 : 23,50 m = 80' : iio'. Erhalten die östhche Längswand und die Schmal- 
wände bis über 28 m, von der westlichen Längswand das südliche Ende und das 
Fundament. — Haupttüren an den östlichen Enden der Schmalseiten in die Porticus 
und das Zwischenzimmer, Nebentüren beiderseits der- Mitte der Ostwand in den kleinen 
Saal und das Atrium der mittleren Raumflucht; vielleicht noch eine Tür in der Mitte 
der Westwand, s. u. 

Die östliche Längswand und die Schmalwände haben in 3 m Höhe Nischen- 



Richard Delbrueck, Der Sudostbau am Forum Romanum. 



reihen, abwechselnd rechteckige und Kuppelnischen; an der Ostwand sind es 7, an 
den Schmalwänden 4, dazu an den östlichen Enden die erwähnten Haupttüren, die 
eine fünfte Nische vertreten. Die mittleren Nischen sind etwas größer; an der Ost- 
wand ist es eine Apsis, an den Schmalwänden eine 1 echteckige Nische. Oberhalb der 
Nischen läuft bei etwa 12 m ein vertieftes Lager von etwa 2 m Höhe um, vermutlich 
für das Gebälk einer Pilasterordnung bestimmt, Taf. 7, A. — Auf der Westseite fehlten 
die Nischen und das Gebälklager. Hier tritt das Fundament 1,50 m einwärts vor, 
ist also ein Aufbau anzunehmen; seine Höhe wird durch eine bei 12 m beginnende 
Fensterreihe bestimmt, s. u. ; 
am wahrscheinlichsten ist eine 
Säulenstellung. Die Mitte der 
Westwand war vermutlich 
leicht betont, da die mittlere 
frische der Ostwand etwas grö- 
ßer ist. Ob eine Tür da war, 
läßt der Befund nicht erkennen, 
jedenfalls kein weites Portal, da 
sonst der gegenüberliegende Teil 
der Ostwand analog ausgestal- 
tet sein müßte. 

Die Schmalwände haben 
bei rund 21 m = 70' je 5 Fen- 
ster, axial über den Nischen 
bzw. Türen, ebenso breit, aber 
etwas niedriger, gerade ge- 
schlossen; für die etwas brei- 
teren mittleren Fenster, deren 
Stürze zerstört sind, könnte 
man Rundbögen vermuten. 
Die äußersten Fenster wurden 
schon während des Baus auf- 
gegeben und vermauert. Die 
östliche Längswand hat nur ein kleineres Fenster über der zweiten Nische von Süden. 

Der südliche Stumpf der Westwand zeigt in 12 m Höhe die südliche Laibung 
eines rund 5 m hohen, gerade überdeckten Fensters, wohl des letzten einer durch- 
gehenden Reihe. Bei der Annahme, daß diese Fenster axial zu dcii Nischen der Ost- 
wand standen, ergibt der Abstand der erhaltenen Laibung von der Ecke eine Fenster- 
breite von rund 3,50 m mit Pfeilern von nur rund 0,70 m Stärke, die jedoch die Tiefe 
der Mauer, 2,40 m, besaßen. Eine zweite Fensterreihe ist schon aus statischen Gründen 
anzunehmen. Sie begann bei oder über 20 m, wo außen die Terrasse eines zweiten 
Stockwerks des westlichen Vorbau's anschließen sollte, S. 20, 5. Eine dritte Reihe 
würde wenigstens bei gleicher Höhe mit dem anzunehmenden oberen Wandgesims 
kollidieren. 




Abb. 2. Westsaal, Rekonstruktionsskizze. 



iQ Richard Oelbrueck, Der Sttdostbau am Forum Romanum. 



Die Wände enden, wie gesagt bei über 28 m mit Bruch. Außen am Ostende 
der Südwand liegt ganz oben ein scheitrechter Entlastungsbogen, Taf. 6, A; er 
greift nicht durch die Wand, bezieht sich also nicht auf das darunterstehende Fenster, 
sondern auf ein darüber liegendes Bauglied, vermutlich das äußere Gesims. Demnach 
reichten die Wände höher hinauf; vermutlich war ihre Höhe gleich der Breite des 
Saales, 32,5 m. — 

In der Mitte der Ostmauer führt eine von Osten zugängliche ganz enge und 
steile Treppe aufwärts (nicht in den Aufnahmen). 

An den Schmalseiten des Saales ist die Mauerstärke größer, 3 m gegen 2,40 m, 
und liegen mächtige Widerlager. Also war die Decke des Saales ein über seine Breite 
gespanntes Tonnengewölbe, s. u. 

An der Nordseite, Taf. 2. 5, A, waren sechs Strebepfeiler; erhalten die vier öst- 
lichen und der Ansatz des fünften ; ihr Fundament geht auch in den Intervallen durch^ 
Diese messen rund 3m ( = Mauerstärke und Mittelnische), die Pfeiler sind rund i,8om 
breit (Abstand der Nischen =rund i,6om). Ungefähr entsprechen also die Intervalleden 
Nischen, die Pfeiler deren Abständen. Jedoch messen vom zweiten Pfeiler von Osten 
ab alle Intervalle 3 m, wie die mittlere Nische, während die seitlichen Nischen nur 
2,70 breit sind. Aus diesem Grunde und weil die Pfeiler wie gesagt etwas breiter sind, 
als die Abstände der Nischen, verschieben sie sich nach Westen zu gegen die Nischen 
und die axial über diesen stehenden Fenster. Es könnte ein Versehen in der Auf- 
messung vorliegen. — Der letzte Pfeiler im Westen muß etwas stärker oder das letzte 
Intervall etwas weiter gewesen sein. 

Unterhalb der Fenster sind die Pfeiler zweimal durch Bogenreihen verbunden, 
bei rund 6 m und rund 18 m (jedoch ging im ersten Intervall von Osten die wagerechte 
Decke der Tür bis zur Pfeilerstirn durch). Über der ersten Bogenreihe liegen in den 
Intervallen Kammern mit parallel zur Wand laufenden Tonnen; ihre Übermauerung 
erreicht rund 12 m; von rund 10,50 m an ist außen Anschlußfläche für das Gewölbe 
der Porticus (besonders schwieriger Befund). An der Ostgrenze des östlichen Strebe- 
pfeilers läuft eine Regenrinne aufwärts, ist jedoch nicht bis oben durchgeführt, s. u. 
Oberhalb der Fenstersohle sind nur die beiden östlichen Pfeiler erhalten; der zweite 
ist nach Westen zu schmäler, obwohl er noch nicht mit der Fensteröffnung kollidieren 
■yyürde. Dies war der Fall bei den folgenden Pfeilern; der dritte und vierte konnten 
noch ebenso breit sein wie der zweite, der fünfte jedoch höchstens 1,30 m. Die er- 
haltenen Pfeiler enden bei etwa 28 m mit Bruch; vermutlich waren sie durch Bögen 
verbunden, womit mindestens 30 m erreicht würden. 

An der Südseite, Taf. 6, A, füllen die Widerlager den Zwickel zwischen dem West- 
saal und den Horrea Germaniciana aus (Aufnahme nicht abgeschlossen). Sie sind weniger 
regelmäßig gestaltet, aber in ihrem Zweck unverkennbar. Am östlichen Ende setzt 
sich die Ostwand des Saales in voller Höhe fort und wirkt als Strebepfeiler. Im übrigen 
zerfallen die Widerlager in drei Geschosse. Die Einteilung entspricht den Nischen 
und Fenstern des Saales sowie den Strebepfeilern der Nordseite nur ungefähr. 
Das untere Geschoß reicht bis über 13 m. Den östlichen, breiteren Teil 
des Bodenzwickels nimmt das Zwischenzimmer ein; sein westöstlich laufendes 



Richard Delbrueck, Der Sudostbau am Forum Romanum. ly 



Tonnengewölbe ist wie erwähnt abnormerweise durch Ziegelrippen verstärkt, 
was jetzt durch seine Funktion als Teil des Widerlagers verständlich wird. Der 
westliche, spitz zulaufende Teil des Zwickels enthält 4 Strebepfeiler, die oben und 
etwa in V3 Höhe durch Tonnen verbunden sind. — Das zweite Geschoß reicht bis 
unter die Fenster. Es besteht aus einem tonnengewölbten Gang, der nach Westen 
spitz zulief und kurz vor dem Ende der Wand durch einen etwas höher sitzenden 
Stirnbogen abgeschlossen wurde (erhalten das östliche Drittel); am östlichen 
Ende ging ein Lünettenfenster in das Atrium. Das Gewölbe ist auch hier durch 
Querbögen aus Bipedales verstärkt; die Wölbhnie ist singulär steil. Die Strebe- 
pfeiler des ersten Geschosses setzen sich im zweiten fort; über dem dritten 
Strebepfeiler von Westen ist Anschlußfläche, über dem vierten ein Mauerrest er- 
halten ; über dem ersten und zweiten fehlen allerdings entsprechende Reste. — Vom 
dritten Geschoß sind nur Spuren da. Schwach charakterisierte, aber unverkennbare 
Anschlußflächen für Strebepfeiler erscheinen an beiden Seiten des westlichsten 
Fensters und an der Westseite des östlichsten; die zwischenliegenden Fensterpfeiler 
sind zerstört, auch hier sind Strebepfeiler anzunehmen ; da sie, wie an der Nordseite, 
mit den Fensteröffnungen kollidierten, mußten sie schmäler sein als im ersten Ge- 
schoß. Oben werden die Strebepfeiler durch Bögen verbunden gewesen sein. Der 
erste und letzte Strebepfeiler standen unkonstruktiver Weise über hohlem Raum, 
hatten also nur für die äußere Erscheinung Bedeutung. 

Die bei der Errichtung des Südostbaus erneuerte Außenmauer der Horrea Ger- 
maniciana reichte bis etwa zur Sohle der Fenster. 

Aus dem Befund folgt, daß, wie gesagt, die Decke des Saales ein über die Schmal- 
seiten gespanntes Tonnengewölbe war, Taf. 7, A. Die Höhe der Wände wurde oben 
mit mindestens 30 m ermittelt und vermutungsweise auf das Maß der Spannweite 
= 32,50 m festgesetzt; dann ergibt sich für den inneren Gewölbescheitel die kolossale 
Höhe von 32,50 16,25=48,75 m =165'. Ob das Gewölbe ausgeführt wurde, ist 
unsicher, vermutlich nicht, da entsprechende Schuttmassen fehlen. 

Bemerkungen zu den Rekonstruktionen Taf. 8, Abb. 2, die Wände können unbe- 
deutend niedriger gewesen sein; die durchbrochenen Lünetten sind wegen der Fenster 
in der Westwand nicht unwahrscheinlich; die obere Fensterreihe der Westwand kann 
höher gesessen haben; die untere Pilasterzone ist durch das Lager über den Nischen 
gesichert, Einzelheiten unsicher; von dem Vorbau am Fuße der Westwand steht 
Ausladung und Höhe fest, nicht die Form; die Dekoration der oberen Wandteile ist 
Konjektur, ebenso der rundbogige Abschluß der mittleren Fenster. 

Der Eindruck des vollendeten Westsaales wäre eigenartig gewesen. Die 
Maße sind riesig; auffallend ist die Betonung der Breite und Höhe gegenüber der 
Tiefe. Durch die Fensterfläche der Westwand wurde der Saal bis zum Gewölbe mit 
Licht erfüllt; die Fensterreihen der Schmalseiten milderten die einseitige Beleuchtung 
und brachten die Tiefen dimension zur Geltung. Der Raum ist abgeschlossen; 
nirgends geht der Bück über seine Grenzen hinaus; seine Form ist denkbar einfach: 
vier gerade Wände und ein Tonnengewölbe. Die Dekoration der Wände hielt sich 
an die Fläche ; nur die Säulenstellung am Fuße der Westwand war rundplastisch ; 

Jahrbuch des archäolo|pschen Instituts XXXVT. 2 



i8 



Richard Delbiueck, Der SUdostbau am Forum Romanum. 



ob die tiefen Fensterlaibungen in Erscheinung traten, oder Gitter in der Flucht der 
Wand liegen sollten, ist nicht zu ermitteln, das Letztcrc wohl wahrscheinlicher. 
Die Dekoration der Wände zerfiel in breite Zonen, die an der Westwand sich durch 
andere Bemessung abhoben; durchgehende Vertikalglieder fehlten, doch war die 
Jochteilung der Zonen gewiß gleich, so daß die Achsen von oben bis unten durchliefen. 
Die Konstruktion trat nicht in Erscheinung und bestimmte den Eindruck nur unbewußt. 

4. Porticus. Taf. 2, Abb. 3. 

Die Porticus läuft an der Nordseite hin und biegt noch auf die Westseite um. 
Ihren äußeren Abschluß bildet am östlichen Ende die Südwand des Nordostraumes, 
von der westlichen Laibung des Portals des kleinen Saales ab ein Stufenunterbau; 
dieser ist auf der Westseite bis zur inneren Flucht der Nordwand des Westsaales am Boden 
zu verfolgen, etwas weiter südlich wird sein Fundament von einer Kloake durchschnitten, 




Abb. 3. 



das Ende ist nicht festzustellen. Die Stufen bestehen aus wiederverwendeten Blöcken 
von karrarischem Marmor. An der Nordseite standen auf dem Stufenunterbau 
II Bogenpf eiler, bis auf den nordwestlichen Eckpfeiler in unteren Teilen erhalten. 
"Die Westseite hat keine Bogenpfeiler, und die auf dem Stufenunterbau stehenden 
hadrianischen Quermauern (S. 26) sind kaum mit solchen vereinbar. Sie wurden also 
entweder nicht gebaut oder später abgetragen, s. u. 

Die Pfeiler sind 1,50 m =5' breit, l,io m tief und haben Dreiviertelsäulen von 
0,55 m Durchmesser, deren Basis durch eine Schräge gebildet wird; eine Bogenstellung 
von 10' Weite ist zu ergänzen. Die Anschlußfläche des Deckengewölbes läßt sich, 
wie erwähnt, an der Rückwand verfolgen; ihr unterer Rand hegt bei 10,50, der obere 
bei rund 12 m. Die Technik der Pfeiler entspricht der domitianischen (ganz gleiche 
Pfeiler auch im domitianischem Stadium auf dem Palatin). Der erste Pfeiler von Osten 
enthält den Stempel CIL XV 1346 (Q. Oppius Natalis), der am Südostbau sowohl 
f lavisch (S. 21) als hadrianisch (S. 25, 3, a, i) vorkommt, vgl. S. 10. Die beabsichtigte 
Lage der anscheinend nicht ausgeführten Oberschicht des Paviments der Porticus be- 



Richard Delbrueck, Der Sudostbau am Forum Romanum. |q 



zeichnet ein Ausschnitt in den Travertinquadern der Rückwand. Die Unterschicht 
besteht zwischen den Pfeilern aus Bipedales, dahinter aus Spicatum; ein faßbarer 
Unterschied gegen das sicher hadrianischc Spicatum in anderen Teilen des Gebäudes 
ist nicht vorhanden. 

Der östliche Abschnitt der Porticus bis zum zweiten Pfeiler zeigt Besonder- 
heiten, die einer Erklärung bedürfen, Taf. 5, A. 2. 

a) Die Anschlußfläche für das Deckengewölbe der Porticus ist bis zum Bogen- 
portal des kleinen Saales durch Anhacken der Wandverkleidung nach unten verbrei- 
tert. 

b) Über dem Portal wurde sie anscheinend erst nachträglich durchgeführt, wäh- 
rend ursprünglich die Wand glatt gewesen zu sein scheint. 

c) Der erste Pfeiler von Osten umfaßt die Ecke des Nordostraumes und schiebt 
sich vor die Öffnung des Portals. 

d) Nachträglich ist die Öffnung des Portals unsymmetrisch verengt, die Lünette 
geschlossen. 

Anscheinend war die ursprüngliche Absicht l. das Deckengewölbe der Porticus 
bis zum östlichen Ende in gleicher Breite durchzuführen, 2. es über dem Portal zu 
unterbrechen, wo es vermutlich von einer breiteren, höher sitzenden Tonne überquert 
werden sollte; folgerichtig hätte das vor dem Portal stehende Pfeilerpaar 
dessen Laibungen symmetrisch flankieren müssen, Abb. 3. — Voraussetzung wäre 
die Niederlegung des Nordostraumes gewesen. Da er stehen bheb, mußte entsprechend 
seinem etwas größeren Abstände von der Rückwand die Spannung des Gewölbes 
im letzten Abschnitte gesteigert, also die Anschlußfläche verbreitert werden. Das 
dem Portal gegenüberliegende Pfeilerjoch wurde ferner von Osten verengt und aus der 
Achse verschoben ; daher unterblieb das beabsichtigte Quergewölbe und wurde die Tonne 
der Porticus auch über dem Portal durchgeführt; hierzu mußte die Lünette geschlossen 
werden, was wieder eine Verengerung der Öffnung bedingte. Diese erfolgte unsym- 
metrisch, um die Verschiebung des ersten Joches der Porticus gegen das Portal wenigstens 
zu mildern. Durch die Niederlegung des Nordostraumes wäre auch ein freier Raum vor 
dem Ausgange des Treppenhauses entstanden. — Das letzte Stück der Porticus mit dem 
Ausgang des Treppenhauses sollte ursprünglich durch eine Quermauer abgetrennt 
werden, deren Anschlußfläche da ist. Den östlichen Abschluß bildet jetzt eine ältere, 
schräg laufende Stützmauer aus mehreren Perioden, S. 29, 5, e; gewiß war eine 
andere Lösung beabsichtigt. 

Der östhche Abschnitt der Porticus hatte ein oberes Geschoß; erhalten ist der 
Anfang der östlichen Quermauer (älter) und Spicatum, das unter freiem Himmel 
meines Wissens nicht üblich ist. Vor dem Westsaal war ebenfalls ein oberes Stockwerk 
beabsichtigt, wie die erwähnte Regenrinne zeigt, S. 16; es wurde jedoch schon wäh- 
rend des Baus aufgegeben, da keine Spur einer Decke vorhanden ist. 

Nach Errichtung der Porticus bekam der Nordostraum eine Vorhalle (vermut- 
lich an Stelle einer früheren, S. 30), die gleichzeitig auf das Portal des kleinen Saales 
zuführte. In unteren Teilen erhalten sind 4 starke Wandpfeiler an der Türwand 
(deren südlichster gegen den ersten Pfeiler der Porticus gebaut ist), und eine ent- 



20 Richard Delbrueck, Der Sudostbau am Forum Romanum. 



sprechende Vorlage an dem zweiten Pfeiler der Porticus. Vermutlich waren es 2 x 4 
Pfeiler, die ein Gewölbe trugen. Die Technik gleicht noch genau der domitianischen. 
— Die Türwand des Nordostraumes erhielt Inkrustation aus staft-ken weißen Marmor- 
platten; Reste des. Sockels sind da; gleichzeitig ist wohl ein Bodenbelag aus weißem 
Marmor. 

Der Grund, weshalb der Nordostraum entgegen dem ursprünglichen Projekt 
stehen blieb, ist vermutlich darin zu suchen, daß es ein Heiligtum der Minerva war, 

s. 30. 

Den Oberbau der Porticus wegen der Veränderung des Planes auf der Nordseite, 
vielleicht auch auf der Westseite, erst nachdomitianisch (dann wohl hadrianisch ?) an- 
zusetzen, ist diskutabel; eine Entscheidung läßt sich meines Erachtens nicht treffen; 
die Technik gleicht der domitianischen, findet sich aber noch hadrianisch, z. B. an den 
Verstärkungsbauten der Domus Augustana; der Stempel des Q. Oppius Natalis er- 
scheint wie gesagt am Südostbau in flavischer und hadrianischer Zeit; das Spicatum 
ist zu wenig charakteristisch. Vielleicht könnte man durch ausgedehnte technische 
Vergleichung weiter kommen. 

5. Vorbau der Westseite. Taf. 2. 5. 

Erhalten der nördliche Abschluß, eine starke Mauer, nach Westen zu zerstört, 
12 m hoch (ursprüngliches Maß), mit breiter Apsis im Norden; auf der Wand des 
Westsaales Anschlußfläche für ein Tonnengewölbe, anscheinend unbenutzt. — Der 
Vorbau war breiter als die Porticus; eine zweite Apsis im Norden ist ausgeschlossen, 
da hier wenig spätere Mauern aufrecht stehen. — Am Südende der Westwand 
in etwa 20 m Höhe erscheinen gleichmäßig vortretende Bipedales, darunter eine 
Schicht rauhe Verkleidung, — Anschluß für den Plattenfußboden der Terrasse eines 
zweiten Stockwerks, Taf. 9. Unter den Bipedales ist die Wandfläche etwa 1,20 m weit 
zerstört, dann glatt verkleidet ; also fehlt der Platz für die Anschlußfläche eines der 
Breite des Vorbaus entsprechenden Tonnengewölbes ; eher ist eine wagerechte Decke 
aus Mörtelwerk oder Holz anzunehmen. Eine Regenrinne für das Dachwasser der 
Terrasse geht nicht bis oben durch; daraus ist wohl zu schließen, daß das obere Ge- 
schoß schon während des Bauens aufgegeben wurde. (Der gleiche Befund an der 
Nordseite. S. 16 ) 

6. Kloaken. Taf. 2. 

Gefälle nach dem Vicus tuscus; allgemeiner Verlauf ostwestlich, ungefähr in 
der Orientierung der Horrea Germaniciana, Ausmündung in einen mit annähernd 
gleicher Orientierung nordsüdlich unter dem Vicus tuscus laufenden Kanal. — Drei 
Abschnitte: a) Treppenhaus, b) umlaufend unter dem Umgang des Atriums, c) durch 
den Westsaal. Nur der zweite Abschnitt ist ganz domitianisch, die übrigen früher, 
S. 30f . ; er erhält einen sich stark verengenden Zufluß aus der Exedra, und wird durch 
ein geknicktes Stück mit dem dritten Abschnitt verbunden; unter der Nordseite des 
Umganges eine südlich auf den Einbau gerichtete Abzweigung,S. 14. Ferner domitia- 
nisch eine von Norden in den ersten Abschnitt mündende überdeckte Rinne, die an 
der Westwand des Treppenhauses hinläuft. Bauweise der Kloake: Boden Bipedales, 
Wände normal verkleidet, Decke zwei zusammengelehnte Bipedales. Stempel auf 



Richard Delbrueck, Der Sudostbau am Forum Romanum. 2 I 



den Bipedales (nach freundlicher Feststellung von Dr. Lugli), CIL XV 638, 1094, 
1095, 1097, 1362, ferner 1346 (Q. Oppius Natalis); da die zur Entwässerung des Bau- 
platzes nötige Kloake kaum später sein kann, ist auch dieser Stempel hier wohl fla- 
visch, vgl. S. 10. Wo die Kloake durch ein domitianisches Fundament geht, ist 
eine Lücke ausgespart; man sieht die Abdrücke der Bretterschalung. 

Die Regenrinnen in der Nordmauer lassen einen Kanal an ihrem Fuß vermuten, 
er ist nicht zugänglich. 

Über die älteren Abschnitte a) und c), S. 30, 8, den hadrianischen Kanal im 
Einbau des Atriums S. 25, 3, a, l, ein vielleicht hadrianisches Stück im Westsaal S. 25, c. 
(Die Erforschung der Kloaken war nicht beendet, als die Arbeit abgebrochen wurde.) 

7. Unfertigkeit; ursprüngliche Bestimmung; architektonische Vor- 
aussetzungen. 

Der domitianische Bau blieb unvollendet: 

a) das innere Fundament des Atriums und der Vorsprung des Fundaments 
an der Westwand des Westsaales erhielten keinen Oberbau ; 

b) im Umgange des Atriums, am westlichen Vorbau und anscheinend auch im 
Westsaal wurden die geplanten Gewölbe nicht ausgeführt; 

c) nirgends erscheinen sichere Reste von domitianischem Fußboden; 

d) Wandinkrustation war geplant, wie aus dem Lager für das Gebälk einer Pi- 
lasterordnung im Westsaal hervorgeht — außerdem selbstverständlich ist — , wurde 
aber nicht ausgeführt; es fehlt selbst jede Spur der Mörtelbettung sowie der Löcher 
für die Klammern, mit denen die Inkrustationsplatten befestigt wurden (Töbelmann, 
Malborghetto 8). 

Der Südostbau steht durch das Treppenhaus in so enger Verbindung mit dem 
Tiberiuspalast, daß er ein Annex der Kaiserpaläste sein muß. Am Forum hat er nur 
zwei Eingänge, ist also kein Verkehrsgebäude, etwa eine Basilika; ein Heiligtum ist 
durch die Gestalt der Räume ausgeschlossen, ebenso ein Wohngebäude. Hingegen 
paßt manches für einen Empfangspalast, ein Seitenstück zu der Domus Augustana 
auf dem Palatin. — Der beabsichtigte Verlauf des Verkehrs ergibt sich aus den 
Verkehrsbahnen, die besonders durch die Haupttüren bezeichnet werden, Taf. 3. 

A. Vom Palatin in den Westsaal (für den Kaiser und sein Gefolge) ; Treppenhaus, 
Haupttür in der Westwand des unteren Ganges, östlicher Umgang des Atriums, 
Exedra — hier Ruhepunkt — , Haupttür in das Zwischenzimmer (Ruhegemach 
für den Kaiser), Haupttür aus dem Zwischenzimmer in den Westsaal; hier kein deut- 
Hcher Zielpunkt, am ersten die Mitte der Ostwand. 

B. Vom Forum in die mittlere Raumflucht ; nördliches Portal des kleinen Saales 
(6,5 m weit, daher für starken Verkehr), Stauung im Saal (rund 400 qm), südliches 
Portal, östlicher Umgang des Atriums, an der Exedra vorbei, durch den westlichen 
Umgang des Atriums zurück in den kleinen Saal und auf das Forum. (Für Treppen- 
haus und Westsaal wäre das Atrium ein Umweg, das Zwischenzimmer ist wohl zu 
klein um einen so starken Verkehr, wie er den Portalen des kleinen Saales entspricht, 
passieren zu lassen.) 

Die Bahnen A und B berühren sich an der Exedra; hier hätte ein vorbeidrängen- 



22 Richard Delbrueck, Der SOdostbau am Forum Romanuro. 



der Zug den Kaiser flüchtig begrüßen können; die Nebenräume der Exedra eignen 
sich für Wachen. — Möglich, daß die Exedra außerdem Kultraum werden und im 
Atrium ein Brandaltar stehen sollte. — Querverbindungen gingen aus den beiden 
Türen des Treppenhauses durch die gegenüberliegenden Nebentüren in den 
Westsaal. 

C. Vom Forum in den Westsaal führte dessen nördUche Haupttür; ein Ziel für 
den Verkehr ist architektonisch nicht gegeben ; er hätte sich im Saale verteilen müssen, 
der also zu längerem Aufenthalt bestimmt sein sollte; das entspricht auch seiner 
Kolossalität. Hier sollte wohl der Kaiser in einem engeren Kreise von Gästen ver- 
weilen. Durch die Annahme, daß die Verteilung der Menschen durch Möbel näher 
bestimmt sein sollte, käme man auf einen Speisesaal, der mit rund 750 qm etwa 150 
bis 200 Menschen hätte fassen können; das Zwischenzimmer wäre bei dieser Auf- 
fassung vielleicht als abgesondertes Speisezimmer für den Kaiser zu betrachten. 

Ich möchte also für den Südostbau die Bezeichnung »unvollendeter Empfangs- 
Palast des Domitian am Forum« vorschlagen. Unter den Bauten Domitians (Jordan 
n 31 ff.) ist er nicht genannt, begreiflicherweise, da er unvollendet blieb. 

Der Empfangspalast bildete den westlichen Abschluß der Bauten, durch die 
Domitian den Palatin umgestaltete. Neu errichtet wurden der Hauptpalast (Domus 
Augustana), mit den südlich anschließenden Sälen, der kleine Palast am Zirkus Maxi- 
mus und das Stadium, umgestaltet der Raum zwischen Nova Via und Tiberiuspalast. 
— Daß Domitian, wie vor ihm Caligula »Palatium Forum usque promovit« und daß 
er gerade die Repräsentation dorthin verlegen wollte, war der Ausdruck seiner gegen 
den Senat gerichteten Politik; in gleicher Absicht stellte er seine riesige Reiterstatuc 
mitten auf das Forum und errichtete gegenüber dem Tempel des Divus Julius den 
des Verspasian. Diese politische Bedeutung würde verständlich machen, daß der 
Bau des Empfangspalastes nach dem Tode und der Damnatio memoriae Domitians 
nicht fortgeführt wurde. 

Gefordert waren für den Südostbau anscheinend hauptsächlich ein Aufgang 
zum Palatin, ein großer und ein kleiner Saal. Die Raumeinteilung war bestimmt: 

a) durch konstruktive Voraussetzungen; der Architekt verwendete tonnen- 
gewölbte Räume, die von den Stirnseiten her beleuchtet werden mußten; 

b) durch die Umgebung des Bauplatzes (Abb. i ) ; die Treppe zum Tiberiuspalast 
mußte am Abhang des Palatin liegen, die Südseite des Bauplatzes wurde durch die 
etwa 20 m hohe Horrea Germaniciana abgeschlossen, die westliche Hälfte der Nord- 
seite durch den 35 m hohen Kastortempel verdunkelt. Also mußten die Licht zu- 
führenden Stirnseiten der beiden Säle am Vicus tuscus und dem Juturnabezirk 
liegen. Daraus ergab sich die Breite beider Räume; die Tiefe des Westsaales wurde 
beschränkt durch den kleinen Saal, die Tiefe des kleinen Saales durch das für die 
Beleuchtung des südlichen Teiles der mittleren Raumflucht nötige Atrium. 

Da die Widerlager des Westsaales Fenster haben sollten, mußten sie über die 
Horrea Germaniciana und den Schatten des Kastortempels emporgeführt werden. 
Die Höhe des kleinen Saales war vermutlich dadurch beschränkt, daß die östliche 
Lünette des Westsaales durchbrochen sein sollte. 



Richard Dclbrueck, Der Südostbau am Forum Ronianum. 



Die Binnenwände sind großenteils Widerlager der tonnengewölbten Decken; 
daher blieben die nebeneinanderliegenden Räume gegenseitig ziemlich abgeschlossen. 

Aus der Lage des Südostbaus im Mittelpunkt des Verkehrs ergab sich, daß 
seine freien Seiten von Portiken eingefaßt wurden. 




II. DIE HADRIANISCHEN EINBAUTEN. Taf. 2. 4. 6, B. 7, B., Abb. 4. 

Nachträglich wurde der Südostbau für praktische Zwecke eingerichtet. Zwei 
Perioden sind zu scheiden. Die zweite ist durch Stempel hadrianisch datiert, die erste 
kaum älter, da die Technik identisch ist. — 
Die Mauern enthalten fast nur Ziegclbruch; die 
Verkleidungssteine sind zugeschlagen aus dun- 
kelroten, mittelguten Dachziegeln, seltener aus 
Bipedales oder Bessales; wenig Durchbinder, 
grauer Mörtel; Stempel CIL XV 78, 319, 500; 
123 n. Chr. Gewölbe sind an den Auflagern zu- 
rückgesetzt, manchmal mit Plattenziegeln ge- 
füttert. Häufig ist mittelgutes Spicatum aus 
roten und gelben Steinen. 

A. Erste Periode, — gesichert nur im 
Treppenhaus. Wandsockel aus festem starkem 
Ziegelputz; Spicatam, dem Putz gleichzeitig, 
an dessen untere Schicht es anschließt. (Kleines 
älteres Stück feines gelbes Spicatum im un- 
teren Gange des Treppenhauses, am Beginn der 
Steigung, S. 29.) 

Latrine auf dem ersten Podest, Abb. 5. Loch in der Südosteckc, davor niedriger 
Mauerwinkel mit Türöffnung nach Norden ; etwas südlich Quermaucr über den Podest, 
rund 4 m hoch, Tür am östlichen Ende. (Die Mauern der ersten Periode sind im 
Plan Taf. 4, A und auf Abb. 5 dunkler schraffiert). 

B. Zweite Periode. 

1. Treppenhaus. Zwei Treppen an der Latrine: 

a) abwärts zum Atrium, roh aus der Mauer geschlagen, Travertinstufen; gegen- 
über dem oberen Ende neuer Zugang zum Loch. 

b) auf den Umgang des Atriums; einige Stufen vor der Quermauer der ersten 
Periode, dann westUch aufwärts auf einem steilen Schwibbogen, dessen unteres Ende 
erhalten ist (gefüttert mit Bessales); am oberen Ende durchgebrochene Tür. Gegen 
Norden wurde die Latrine durch diese Treppe abgeschlossen, daher der neue Zugang 
vom Atrium her. Stempel auf einer der ersten Stufen CIL XV 319, 123 n. Chr. und 
auf einem Bessalis am Schwibbogen ebenda 500, 123 n. Chr. 

2. Atrium. Taf. 2. 6, B. 

a) Aufbau auf dem inneren Fundament; nur 0,85m Wandstärke; an den Schmal- 
seiten breite Öffnungen mit Rundbögen (Ansätze erhalten); an den Langseiten je drei 



Abb. 4. Siidostbau, Planskizze, hadrianischer 
Zustand, I : 1500. 



24 



Richard Delbnieck, Der Sadostbau am Forum Romanum. 



Joche mit quadratischen Zwischenpfeilern, ursprünglich scheitrecht überdeckt 
(Ansatzspur am südwestlichen Eckpfeiler); das Kämpferprofil der Rundbögen, 
— Schräge und Platte — lief um. Stempel am ersten Zwischenpfeiler der Westseite 
CIL XV 78, 123/7 n. Chr. — Die Öffnungen des Einbaus waren durch Schranken- 
mauern geschlossen (im Westen schwächer), von denen untere Schichten erhalten 
sind; ein Zugang scheint nur in der Mitte der Südseite gewesen zu sein; Befund schwie- 
rig und nicht restlos klar. 




Abb. 5. Abtritt im Treppenhaus. 



b) Tonnengewölbe im Umgang, etwas tiefer sitzend als der domitianischen An- 
schlußfläche entspricht; an den Schmalseiten in Verlängerung der Bogenöffnungen 
des Einbaus überquert von breiteren Tonnen, die auf Segmentbögen ruhten; da 
die gegenüberliegenden Bogenöffnungen der Umfassungsmauer nicht genau ent- 
sprachen, mußten sie niedriger, im Süden auch enger gemacht werden. Oben trägt 
das Umgangsgewölbe Ziegelestrich. — Auf dem östlichen Abschnitt des Umgangs 
niedrige, tonnengewölbte Galerie; erhalten am nördlichen Ende Spur der Tonne 
mit einem Bipedalis von der Fütterung, Stempel CIL XV 319, 123 n. Chr. Eine 
ähnhche Galerie im Westen wird durch den stark zerstörten Befund nicht ausge- 
schlossen. 



Richard Delbtueck, Der Sttdostbau am Forum Romanum. 



25 



c) Fußboden. 

a) Bettung: Spicatum, zwischen den Pfeilern Bipedales; im Einbau rund 0,25 m 
tiefer. Um den inneren Rand des mittleren Fundaments läuft im Norden, Osten und 
Westen dicht unter dem Spicatum ein kleiner Wasserkanal, nach der Technik sicher 
hadrianisch; unlesbarer Stempel mit kleinem Orbiculus; Abfluß östlich in die domi- 
tianische Kloake, nachträglich angelegt. In der Mitte des Einbaus, etwas östlich 
verschoben, achteckiges flaches Stück Mörtelwerk, außen verkleidet, oben glatt, 
s. u., nordsüdlich von einer Furche durchschnitten, die für ein Wasserrohr passen 
würde; vielleicht Unterlage für ein tellerartig flaches Marmorbecken mit kleinem 
Springbrunnen, wie vor der Kurie (RM. 1902, 37). 

^) Oberschicht. Im Einbau zerstört; die Höhe gesichert durch ein Stück 
Wandsockel aus weißem Marmor am nordwestlichen Pfeiler und die glatte Oberfläche 
des Achtecks. — Im Umgang Marmormosaik, von dem einige weiße Würfel an der 
Westseite des Einbaus kleben (Taf. 2 durch Stern bezeichnet). Der Niveauunter- 
schied ist derselbe wie bei der Bettung, rund 0,25 in (nicht genau notiert). — Aus 
dem Niveauunterschied und dem Wasserkanal folgt mit Wahrscheinlichkeit, daß 
der mittlere Teil des Atriums auch in hadrianischer Zeit nicht überdeckt war. 

7) Wandputz. Spuren an den Wänden des Atriums, gut erhalten in der Exedra 
und ihrem östUchen Nebenraum; dort Malerei »vierten Stils«; im oberen Teil der 
Wand — der untere ist verdeckt, S. 27, leichte flüchtige Phantasiearchitektur; in 
Kämpferhöhe und am Gewölbescheitel Bandgeschlinge mit figürhchen Medaillons, 
erhaltene Farben rot und kupferblau. (Es ließe sich noch mehr feststellen, vergleich- 
bar sind die Malereien in den unteren Zimmern der hadrianischen Apsis am domi- 
tianischen Stadium.) 

3. Westsaal. Taf. 2. 7, B. 

An den Langseiten waren Einbauten von je 3 Stockwerken zu 7 tonnengewölbten 
Kammern; Auflager der Gewölbe bei rund 7,14, 21 m. Datierung durch die Mauer- 
technik. Schlecht erhalten, Beobachtung nicht abgeschlossen. 

a) Fußboden. 

1. Unterschicht; an der Westseite, rund 0,70 m unter der Oberkante des 
Wandfündaments ; Spicatum (älter, S. 2X), darinQuerreihenvon Bipedales entsprechend 
der Stirnwand und den Querwänden des Oberbaus; Stempel CIL XV 1346 (Q. Oppius 
Natalis) hier nach dem Befund hadrianisch, S. 10. Die Querreihen greifen mit dem 
östlichen Ende auf den Fundamentvorsprung an der Westwand des Saales über, 
dessen obere Travertinschicht nachträghch fortgenommen ist; Abdrücke einzelner 
Blöcke sind zu erkennen. Das dem Einbau entsprechende Stück der älteren, großen 
Kloake des Westsaales ist gebaut wie die domitianische Strecke unter dem Atrium, 
vermutlich aber erst hadrianisch (Stempel nicht notiert). 

2. Oberschicht; an der Ostseite, dicht über den Travertinen des Fundaments, 
Spicatum, darunter ein Boden aus Bipedales auf Pilae aus Bessales = Hypokausten. 

b) Oberbau. 

I. erstes Geschoß: an der Ostwand, südlich der mittleren Nische, Stumpf einer 
Quermauer (wo die nächste Quermauer nach Süden zu liegen müßte, ist auffallender- 



26 Ricliard Ddfaiae^ Der Sldosibaa am Fonmi Romamm. 

weise Spicatum erhalten, vielleicht war hier eine Tür) ; vor der Westwand die Bettung 
der Stirnmauer und der Quermauem s. o., a i. An den Schmalwänden nachträglich 
eiiigehackte Auflager für die äußeren Schenkel der letzten Gewölbe: eine Lücke in 
den Auflagern und Spuren an den Wänden lassen erkennen, daß die Kammern durch 
eine nordsüdlich laufende Zwischenmauer geteilt wurden. 

2. Zweites Geschoß, entsprechende Auflager; 

3. Drittes Geschoß dgl. ; femer an den äußeren Laibungen des zweiten und 
vierten Fensters auf der Sohle Anfänge der Stimbögen, etwas tiefer Spuren der 
Stirnwände. An der Ostwand Putzreste von den Rück\^'änden der Kammern. 

4. Das Fenster der Ostwand ist fast bis oben nachträglich vermauert ; die höchsten 
Schichten der Füllung haben rauhe Anschlußfläche, anschließend geht ein ange- 
hackter Streif über die Ostwand und eine Spur über die Nordwand ; vermutlich An- 
schluß für einen Dachestrich. 

5. Im Saale liegt das Kopfstück einer Zwischenmauer mit dem Ansatz zweier 
divergierender Stichbögen, die unten Bruch zeigen, also auf Mauerwerk lagen ; dem- 
nach waren die Kammern nicht in voller Breite geöffnet. Die Ziegeltechnik des 
Stückes ist charakteristisch hadrianisch. 

Auf den Fenstersohlen der Schmalseiten stehen untere Schichten schwacher 
Mauern; sie waren also mindestens teilweise zugesetzt. Das Lager über den Nischen 
ist vermauert, ebenso die untere Hälfte der Mittelnische der Ostwand. Möglich ist, 
daß der Einbau auch an den Schmalseiten umlief: der Befund war nicht ge- 
klärt, als die Arbeit abgebrochen wurde. 

Anzunehmen sind Galerien vor den oberen Stockwerken und Treppen. Das 
rohe Travertinpflaster zwischen den Einbauten könnte zum Teil ursprünglich sein. 

Außen vor der Westwand läuft eine Reihe entsprechender Kammern, die 
aber nach Norden zu 2 Räume mehr hat. Die Quermauem sind mannshoch erhalten; 
vom enden sie in etwas breiteren Pfeilern, die mit Bessales verkleidet sind. Der Boden 
besteht aus Spicatum; ob Hypokausten da sind, läßt sich nicht feststellen. Das 
Intervall in der Querachse des Westsaales ist etwas enger, vielleicht lag hier eine Tür, 
S. 15. Die nördlichste Ouermaucr ist etwas stärker; sie war also die letzte und die 
Kammern waren über\s"ölbt. Über das \'erhältnis zur Porticus S. 18, 4. In der süd- 
lichsten Kammer steigt eine Treppe empor. — \'ermutlich waren auch hier drei 
Geschosse vorhanden. Westlich von den Kammern muß ein überdeckter Raum ge- 
legen haben, da sie breit geöffnet sind. 

Zweck der hadrianischen Umbauten. — Die Hypokausten führen 
darauf, daß die Kammern bewohnt waren : das .\trium und die Exedra konnten zu 
gemeinsamem Aufenthalt dienen, .\hnlich, nur etwas vornehmer ist das sogenannte 
Gcfolgequartier der Hadriansvilla (Winnefeld 35 f. Taf. IX). Es handelt sich also 
um eine Sklavenkaseme für die Kaiserpaläste, mit über 60 Cellae von rund 4 : 6 ra 
Bodenfiäche. 

Daß die Porticus möghcherweise erst hadrianisch ist, wurde er\vähnt S. 20. 
Sicher spät ist ihr mürber weißer Putz; unter ihm ist die Wandflächc mit kleinen, 



Ridiaid Ddbnieck, Der Sldosäno am Fonim Romanam. 



27 



breitköpfigen eisernen Nägeln unregelmäßig besetzt, die vermutlich durch Fäden 
verbunden waren, um dem Putz Halt zu geben. 

Ejnige nebensächliche hadrianisrhe Veränderungen und Zusätze bleiben bei 
Seite. 

ni. DIE SPÄTANTIKE AUSSCHMCCKUNG. 

In der Spätantike erhielten das Atrium, die Exedra und ihr östlicher Nebenraum 
kostbare Dekoration. Vom Paviment sind im Einbau des Atriums große Platten 
aus grauem Granit erhalten; im Umgang ist es zerstört, in der Exedra jünger. Die 
quadratischen Pfeiler des Einbaus wurden durch Säulen ersetzt, wobei Stümpfe der 
Pfeiler als Postamente blieben. Die Säulenschäfte sind aus grauem Granit, spätantik, 
die weißen Basen und Kapitelle älter. Die Inkrustation der VV'ände ist am besten 
erhalten in der Exedra und ihrem östlichen Nebenraum: Reste von weißem Marmor- 





Abb. 6. Spätantike Kapitelle. 



sockel, darüber in der Südostecke der Elxedra etwas buntes Opus sectile, sonst Mörtel- 
bettung mit Abdrücken und Klammcrlöchem. Die Inkrustation bestand aus niedrigen 
Pilasterzonen und reichte bis zur Höhe der Nischen; darüber lag die hadrianische 
Wandmalerei frei. Im Atrium finden sich nur Klammerlöcher und geringe Reste der 
Mörtelbettung. 

Wahrscheinlich zugehörig sind Wandkapitelle und andere Teile einer Relief- 
architektur aus feinem durchscheinendem weißem Marmor, um 400 n. Chr. (AM. 
1914, 46 f. Taf. VI 3 und 6. Weigand). Abb. 6. 

Ob der Mittelraum des Atriums überdeckt war, ist nicht zu entscheiden; ich 
möchte vermuten, daß es der Fall war, und daß vier große, nachträglich eingehauene, 
noch später wieder zugesetzte Balkenlöcher an der Westwand, oberhalb des Um- 
ganges, in diese Zeit gehören. (Taf. 5, B.) 

Der Baubefund er^bt nicht, ob die neu geschmückten Räume schon eine 
Kirche waren; wahrscheinHch ist es. Die späteren Veränderungen werden hier 
nicht behandelt, obwohl zu den bisherigen Bearbeitungen mancherlei nachzu- 
tn^en wäre. 



28 



Richard Delbrueck, Der SQdostbau am Forum Romanum. 



IV. VORDOMITIANISCHE RESTE. Taf. 2. 4, A. Abb. 7. 

I. Im westlichen Teil des Westsaales, in der Orientierung der Horrea Germani- 
ciana nordsüdlich laufende Fundamentbettung mit Quaderrest aus mürbem grauem 
Tuff, frührepublikanisch. 

2. Ebenda und m gleicher Richtung Tabernae aus kleinsteinigem Retikulat, 
augusteisch. 

3. Im kleinen Saal, westlich der Mitte, der Längsachse parallel, ein Stückchen 
von der Ostseite eines sehr gut gebauten Mörtelfundaments, augusteisch ? 

4. Für die in domitianischer Zeit neu erbaute Nordmauer der Horrea Germani- 
ciana ist das augusteische Fundament benutzt. 

5. Hofanlage, ungefähre 



Cditortemptl. 



TJUIiUl " 



r-> r-~- 




bofonlagf unfiKdtin 



Orientierung der Horrea Germa- 
niciana, mit Abweichungen im 
Einzelnen. Vgl. Abb. 7 ; die Buch- 
staben entsprechen dem Text. 

a) In der mittleren Raura- 
flucht, nordsüdlich gestreckter La- 
cus, etwa 8,5 : 27,5 m, oben zer- 
stört ; Wandverkleidung meiner 
Erinnerung nach Bessales von 
harter, etwas löcheriger Qualität, 
ähnhch f lavischen; an den Wän- 
den flache Einsprünge, abwech- 
selnd eckig und konkav, da- 
zwischen Falze; Marmorbelag, auf 
den Schmalseiten kleine Treppen 
aus Mörtelwerk. 

b) Nördlich des Lacus un- 
deutliche parallele Fundament- 
reste im kleinen Saal und in der 

Porticus, wohl von einer Säulenhalle. (Im zweiten Joch der Porticus wieder ver- 
schüttet, ältere Aufnahmen Notizie 1901, Abb. 13. — RM. 1902, Taf. IV.) Wenn 
im Süden eine entsprechende Halle lag, blieb bis zu den Horrea Germaniciana noch 
Platz für Räume übrig. 

c) Etwa 16 m westlich des Lacus im Westsaal, Fundamente einer Raumgruppe; 
I. nördlich geöffneter Raum mit flacher Apsis im Süden, Spicatum S. 25 ; 2. südlich an- 
schließender Raum, Pavimentbettung aus Dachziegeln; im nordöstlichen Teil des Saa- 
les starkes, westöstlich laufendes Fundament, östlich und südlich anscheinend beendet. 

d) Am ersten Podest des Treppenhauses in der Ostmauer die Rückwand eines 
westhch geöffneten Raumes. Verkleidung aus dichten mürben fuchsroten Bessales, 
keine Durchbinder, oben vollständig; beide Enden verschwinden hinter domitiani- 
schem Mauerwerk, nach Norden scheint die Mauer zerstört zu sein. 




Abb. 7. 



Richard Delbrueck, Der SUdostbau am Forum Romanum. 2Q 

Ein kleiner südlicher Teil (2 m) liegt in der domitianischen Mauerflucht; der 
größere nördliche (7 m) trat ursprünglich etwas vor und ist bis zum Fuß abgehackt; 
vor dem Rücksprung der Wand wird eine Quermauer gelegen haben. In der Mitte 
des nördlichen Abschnitts rechteckige Nische, am nördlichen Ende Anfang der Krüm- 
mung einer großen Apsis, die wohl in der Mitte der Wand lag. Vermutlich lief die 
erste Strecke der Kloake (s. u. 10, a) außen an der Nordwand hin, ihr zweiter nörd- 
licher Zufluß an der Westwand; dann war der Raum etwa 15 m breit (die Lage der 
Apsis stimmt) und 8 m tief. Die Wände waren rund 9 m hoch, wenn die Nischen 
3 m über dem Boden begannen. — (Ein Stück feines Spicatum im Anfange der Steigung 
des Treppenhauses gehört wegen der Richtung der Spicae, die der domitianischen 
und augusteischen (3.) Orientierung entspricht, nicht zu diesem Raum. Es schien 
mir vordomitianisch zu sein.) 

e) Eine Stützmauer, die vom nördlichen Teil des Treppenhauses bis hinter die 
Nordost-Cella reicht; schwer verständlich, sicher sind augusteische und etwas spätere 
Teile; kurz vor dem südhchen Ende bezeichnet ein rechteckiger Einsprung die nord- 
östliche Ecke des Hofes; der südliche Schenkel entspricht der vermuteten Front 
des Raumes d. — Der Lacus wurde bei der Auffindung sofort auf den bis zum 
Castortempel reichenden Teil des Caligulapalastes bezogen, gewiß mit Recht 
(Jordan I 3, 85). Allerdings sind die zu dem Komplex 5 gehörigen Mauern an- 
scheinend nicht alle gleichzeitig; der Lacus könnte nach dem Eindruck der 
Technik flavisch erneuert sein. 

6. Der Nordostraum '). Taf. 2. .^ 

Das Mörtelwerk enthält hauptsächlich Ziegelbrocken, wenig Durchbinder, Ver- 
kleidung aus zerschlagenen dunkelroten Dachziegeln, vereinzelt Fragmenten von 
Bipedales und Bessales, vorwiegend grauer Mörtel. Die östliche Außenseite ist gegen 
die Erdfeuchtigkeit mit Tegulae hamatae belegt, Stempel CIL XV 999, 60—93 i^- 
Chr. Der Belag ist wahrscheinlich gleichzeitig, möglicherweise später, keinesfalls 
früher. 

Orientierung des Südostbaus; innere Weite 11, 75, Tiefe 8,50 m. Die Schmal- 
wände stärker, die nördliche bedeutend mehr (s. u.). Im Osten stößt der Raum an 
die Stützmauer des vom Juturnabezirke emporsteigenden Treppenweges, daher 
verdickt sich die Rückwand nach Süden zu; eine hier in der Mauer emporführende, 
äußerlich moderne Treppe könnte in der Anlage antik sein. Die Decke war eine 
Tonne über den Schmalseiten, die auffallend steilen Anfänge der Wölblinie sind auf 
der Ostwand erhalten. In der Westwand liegt ein breites Portal mit wohlerhaltener 
Schwelle aus karrarischem Marmor, darauf Spuren der Antepagmente, einer ur- 
sprünglichen bronzenen und einer nachantiken hölzernen Tür. Gegenüber eine große 
Apsis über einem — fast zerstörten — Podium. In der Südwand zwei kleine, mit 
gleichem Mauerwerk geschlossene Türen. An der äußeren Westwand und im Inneren 
Mörtelbettung und Klammern einer Inkrustation, die auch über die Türen der Süd- 

•) Notizie 1901 Abb. 13 sehr gute Aufnahmen des schütteten Mauern westlich vor der NO-Cella 

mittelalterlichen Zustandes ; die jetzt wieder ver- zu wenig charakterisiert, um historisch eingereiht 

zu werden. — RM. 1902 T. IV. 



30 



Richard Delbrueck^ Der Südostbau am Forum Romanum. 



Vicus Tutcus 



Seite hinwegging. Vom Paviment Mörtelreste. — Da die Nordwand stärker ist als 
die Südwand bildet sie den Abschluß einer Gruppe von mindestens zwei Tonnen 
und muß im Süden ursprünghch ein überwölbter Raum gelegen haben. Im Westen 
ist wegen des weiten Portals eine Vorhalle anzunehmen, die bei der geringen Stärke 
der Westwand kein Gewölbe gehabt haben kann. Spätestens bei der Anlage der 

Porticus muß sie abgetragen worden 
sein. — Über die bei dieser Gelegen- 
heit erfolgte Umgestaltung der Front 
des Nordostraums, S. 19, 20. 

Daß der Nordostraum vordomi 
tianisch ist, ergibt sich aus dem Ver- 
hältnis zum Südostbau S. 18 und dem 
erwähnten Stempel. 

Die spätantiken Veränderungen 
werden hier nicht berücksichtigt; sie 
sind jünger als die Ausschmückung 
des Atriums und der Exedra. — Über 
die im Boden liegenden Mauern vor 
der Westseite siehe S. 29 Anm. 

Die Bestimmung des Nordost 
raums läßt sich vermuten. Das Cu- 
riosum nennt in der VIII. Region 
»Templum Castoris et Minervae« (Jor- 
dan II 1,553), also bestand entweder 
ein Kult der Minerva im Castortempel, 
was sonst nicht überliefert wird, oder, 
wahrscheinlicher, es lag in der Nähe 
des Castortempels ein Heiligtum der 
Minerva; hierfür käme außer dem 
Nordostraum kein anderer Raum in 
Frage; seine Gestaltung paßt (die 
Notitia erwähnt allerdings nur das 
Templum Castoris). 

7. Ältere Stützmauer im vierten Gange des Treppenhauses, südliche Hälfte; 
technisch von domilianischen Mauern nicht zu unterscheiden. 

8. Ältere Teile der Kloake. Taf. 2. 

Übersicht S. 20, 6. Verlauf ostwestlich in der ungefähren Orientierung der Horrea 
Germaniciana. 

a) Östliche Strecke unter dem Treppenhaus. Technik: Boden Plattenziegel, 
Wände z. T. unverkleidetes Mörtelwerk, Decke aus zusammengelehnten Bipedales. 
Zwei Zuflüsse von Süden, anscheinend gleichzeitig; von Norden mündet eine domi- 
tianische Rinne S. 20, 6. Wegen des Verhältnisses zu den älteren Mauern auf dem 
ersten Podest (5 a) vielleicht diesen gleichzeitig (Caligula?). 




Abb. 8. Fragment der Form.i Urbis. 



Richard Delbrueck, Der Südostbau am Forum Romänum. 31 



b) Domitianische Strecke (S. 20, 6). 

c) Westliche Strecke; Beginn im kleinen Saal, noch innerhalb des Lacus, an 
dem augusteischen Fundament (S. 28, 3). Ausmündung in einen nordsüdlich laufenden 
Kanal unter dem Vicus tuscus. Bauweise (soweit nicht umgebaut) : Boden in der 
Mitte Dachziegel, an den Seiten kleine Plattenziegel; Wandverkleidung aus zer- 
schlagenen Dachziegeln; Tonne aus Mörtelwerk. Zuflüsse: i. aus der Mitte des Lacus; 
2. in der Mitte des Westsaales eine Rinne, die an der Ostseite des dort liegenden 
Fundaments (5 c) hinläuft; vor der Nordseite dieses Fundamentes wird sie durch- 
kreuzt von einem der Hauptkloakc parallelen kleineren Kanal. Sichere Beziehungen 
zu der Hofanlage (5) scheinen nicht nachweisbar; die Kloake ist eher älter, etwa augu- 
steisch. Vermutlich bestand ursprünghch eine direkte Verbindung zwischen a) und 
c), die durch die Anlage des Lacus gestört wurde. 

.Der Kanal unter dem Vicus tuscus ist aus Tuffquadern erbaut und falsch ge- 
wölbt, also ziemlich alt. Die Kloake mündet in einer beim Bau des Kanals vorge- 
sehenen Öffnung, die mit hochstehenden Tuffplatten eingefaßt ist; hier war demnach 
immer ein Zufluß. 

9. Ein Fragment der Forma Urbis, Abb. 8 (Notizie 1882, Taf. 14 — Jahrbuch 
1898, 113 Abb. 10), umfaßt den nördlichen Rand des Grundstücks des Südostbaus. 
Dargestellt ist eine Porticus, dahinter Tabernae, am östlichen Ende ungefähr dem 
Nordostraum entsprechende Mauern. Schon seit Caligula war die Bebauung stets 
anders, so daß wahrscheinlich der augusteische oder tiberianische Zustand dargestellt 
ist. (Boni, Notizie 1901, 61 f. bezieht das Fragment auf den Caligulapalast, dessen 
Hof aber zu weit nördlich reichte.) 

V. TEMPLUM DIVI AUGUSTL 

Hülsen hat, Lanciani folgend, den Vorschlag gemacht (zuletzt Jordan I 3,80 ff.), 
in den Räumen des Südostbaus die nachgenannten, der Überlieferung zufolge örtlich 
zusammengehörigen Bauwerke zu erkennen: im Westsaal das Templum Uivi Augusti, 
im Atrium und der Exedra die zugehörige Bibliothek, in dem kleinen Saal das Atrium 
Minervae. Das ist meines Erachtcns nicht möglich. Der Westsaal hat keine Ähn- 
lichkeit mit einem Tempel, es fehlen ihm vor allem ein Portal und eine Säulenhalle 
an der Front. Das Atrium und die Exedra sind nicht als Bibliothek charakterisiert. 
Der tonnengewölbte kleine Saal kann nicht Atrium heißen. Vertauscht man die 
Namen in der mittleren Raumflucht, so wird nichts gewonnen, denn der kleine Saal 
kann ebenfalls keine Bibliothek sein. 

Ferner gehörte der Südostbau zur VHL Region und lag das Templum Divi 
Augusti auf dem Palatin (Plin. 12,94. — CIL VI 4222); (es ist dort am Westabhang 
zu suchen, da die Brücke des Caligula nach dem Capitol »super templum Divi Augusti« 
lag (Sueton Cal. 22); näher lokalisieren läßt er sich bei dem jetzigen Stande der Aus- 
g^rabungen wohl nicht). 

Endlich die Baugeschichte. Der Tempel wurde erbaut unter Tiberius, erlitt 
68 n. Chr. Brandschaden (Sueton Galba i. — Plin. 12,94) und wurde wohl sofort 
wiederhergestellt (die Annahme eines Neubaus durch Domitian dürfte kaum ge- 



92 Richard Delbrueck, Der SUdostbau am Forum Romanum. 



sichert sein, anders Hülsen bei Jordan I 3, 8i A. loi). Eine Restauration durch An- 
toninus Pius bezeugen Münzbilder (Cohen 797—810). Er scheint bis zum Ende des 
Altertums in Gebrauch gewesen zu sein. 

Zu erwarten ist also eine Ruine mit folgenden Bauperioden: Tiberius, Vespasian, 
AntoninusPius; hingegen finden sich auf dem Grundstück: eine Hof anläge der frühen 
Kaiserzeit, nach der Technik schwerlich schon tiberianisch, ganz abgesehen von 
der Kombination mit dem Palast des Caligula; ein unvollendeter domitianischer 
Monumentalbau, der unter Hadrian als Sklavenkaserne eingerichtet wurde; endlich 
Reste der Zeit um 400 n. Chr. 

Selbst wenn man also eine domitianische Bauperiode für das Templum Divi 
Augusti zugäbe, sind die vorhandenen Angaben mit dem Befund des Südostbaus 
unvereinbar. 

VI. KUNSTGESCHICHTLICHE BEMERKUNGEN. 

Da der Südostbau unvollendet blieb, ist er wahrscheinlich der jüngste Teil der 
domitianischen Palastanlage. Ein Vergleich ist dieser Annahme günstig; bei weit- 
gehender Übereinstimmung bestehen auch faßbare Unterschiede. — Die Mauer- 
technik ist ganz gleich. Die Gewölbe sind auch auf dem Palatin überwiegend Tonnen. 
Der gewagten Durchbrechung der Wände im Westsaal entsprechen z. B. die Nischen 
der Achtecksräume in der Domus Augustana und im kleinen Palast. Die Behandlung 
des Äußeren ist ähnlich; die Mauern erscheinen in nackter Konstruktion, im unteren 
Teile sind sie von Hallen eingehüllt. 

Hingegen geht der Westsaal mit 32,50 m Gewölbespannung selbst über den 
sogenannten Thronsaal der Domus Augustana — 29,50 m — noch hinaus. Die Raum- 
bildung ist am Südostbau einfacher; die Wände sind eben, die Dekoration war flach; 
in der Domus Augustana sind die Wände oft geschwungen, ist die Dekoration durch 
ineinanderliegende Nischen und vorgesetzte Säulen hochplastisch modelliert. Inderge- 
messeneren Haltung des Südostbaus kündigt sich bereits der traianische Zeitge- 
schmack an. 

In einem größeren Zusammenhang hat der Westsaal Bedeutung, als abschlie- 
ßende Höchstleistung der frühkaiscrzeitlichen Entwicklung tonnengewölbter Säle. 
Die Anfänge liegen in spätrepublikanischer Zeit, z. B. die gewölbten Säle der pom- 
pejanischen Thermen. Die Zwischenglieder sind noch nicht bearbeitet; daher können 
die Steigerung der Gewölbespannung und der Wandhöhe, die Ausgestaltung der 
Stirnseiten zu Fensterwänden, die Durchbrechung auch der Widerlager durch Fenster 
nicht verfolgt werden. Zu erkennen ist erst wieder der letzte Fortschritt in domi- 
tianischer Zeit. 

Nach Domitian werden große tonnengewölbte Einheitsräume seltener; die 
Raumbildung ist mehr und mehr durch gruppierte Kreuzgewölbe bestimmt (die 
Kuppeln bleiben hier bei Seite). Der Anlaß zu dieser veränderten Raumgestaltung 
war technisch, mag auch die letzte Ursache eine schwer ergründbare Wandelung 
des Gestaltungsdranges sein. 

Bei tonnengewölbten Räumen ruht das Gewölbe auf den Widerlagsmauern ; 



Georg Lippold, Doppelseitiges Relief in Barcelona. -jo 



diese vertragen daher keine stärkeren Durchbrechungen. Schwingungen und Wand- 
öffnungen bleiben wesenthch auf die Stirnseiten beschränkt; die Beleuchtung muß 
hauptsächlich von diesen aus erfolgen; sehr gestreckte Verhältnisse sind ausge- 
schlossen, hintereinandcrliegende Säle müssen durch Lichthöfc getrennt sein. Paral- 
lele Räume sind durch diegemeinsamen Widerlager stark gegeneinander isoliert. Basi- 
likale Gliederung ist möglich, einem Hauptraume können niedrigere Nebearäunie 
angeschlossen werden; jedoch verbietet die Rücksicht auf die Standfestigkeit der 
Widerlager, diese so weit zu öffnen, daß die Raumgruppc von innen übersichtlich 
wird. 

Große Binnenräume müssen also im Ganzen eingewölbt werden ; bei wachsender 
Spannung vermindert sich die Standsicherheit, besonders wenn die Wände hoch sind. 

Das Kreuzgewölbe besteht aus zwei sich durchdringenden Tonnen von gleicher 
oder fast gleicher Spannweite, kann daher nur wenig länger als breit sein. Die Last 
ruht auf den Eckpfeilern; die Wände sind konstruktiv bedeutungslos, sie können 
geschwungen und behebig geöffnet sein; breite Verbindung wird nach jeder Rich- 
tung möglich, die Raumgruppen treten von innen voll in Erscheinung, die Frage der Be- 
leuchtung verschwindet. Die Planbildung beruht auf der Teilung in Joche; große 
Binnenräume werden zusammengesetzt aus einzeln eingewölbten Teilräumen von 
geringerer Spannung und Höhe; die Standsicherheit wächst daher bedeutend. 

Typisch sind die Thermensäle, deren erstes voll ausgebildetes Beispiel in den 
Traiansthermen erscheint:- drei Kreuzgewölbe auf der Längsachse, beiderseits zwischen 
den Pfeilern niedrigere tonnengewölbte Nebenräume. — Auf die Vorstufen des Kreuz- 
gewölbes und der gruppierenden Raumbildung kann hier nicht eingegangen werden; 
es sollte nur ein Hinweis gegeben werden, wie der Westsaal des Südnstbaus historisch 
aufzufassen ist. 

Berlin, Mai 1921. Richard Delbrueck. 



DOPPELSRITICxES RELIEF IN BARCELONA. 

Mit Tafel 10. 

Die auf unserer Tafel lO abgebildete Marmorscheibe ist vor einiger Zeit im 
Kunsthandel in Barcelona aufgetaucht, wo sie sich jetzt im Besitz von Dr. Schäfer 
befindet '). Vermutlich ist sie also in dieser Gegend Spaniens gefunden. Obwohl sie 
einer in vielen Exemplaren verbreiteten Monumentengattung angehört, verdient sie 
doch aus mancherlei Gründen, vor allem wegen ihrer vorzüglichen Arbeit, eine ge- 
sonderte Besprechung. 

•) Dm. 34,7 cm. Unten kleines Stück ergänzt. Die «las Relief hier in würdiger Form veröffentlicht 

Photographien verd.inke ich A. Schulten, das werden kann, verdankt die Redaktion der Libe- 

Original habe ich seihst nicht gesehen. — Daß ralität des Besitzers. 
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXXVI. 3 



'i^ Georg Lippold, Doppelseitiges Relief in Barcelona. 



Beide Seiten sind mit Relief geschmückt, aber nicht ganz gleichmäßig behandelt: 
auf A hat das Relief etwas höhere Erhebung und das gleiche gilt von dem Randprofil. 

A ist also als Hauptseite zu betrachten. Über felsigen Boden — die übliche 
Terrainandeutung für im Freien spielende Szenen — eilt ein jugendlicher Mann nach 
rechts; er ist fast nackt, nur um die Hüften ist ein Tuch geschlungen, das aber bei der 
raschen Bewegung sich verschoben hat und das Genital frei läßt. Dazu noch eine 
spitze Mütze, oben mit Schlinge zum Aufhängen. Die Rechte hält einen Knotenstock 
mit Schleife am oberen Ende, die Linke faßt das über die Schultern gelegte Tragholz, 

— auch hier Schlingen an beiden Enden— an dem zwei geflochtene, zylindrische Körbe, 
mit drei kurzen Füßen, hängen. In den Körben Früchte. Dem Mann zur Seite springt 
ein Hund *). Ein Landmann also, der seine Ware in die Stadt bringt. 

Auf der Rückseite (B) ist der Boden ebenfalls angedeutet. Ein Satyr, ähnlich, 
etwas lässiger bewegt, wie der Mann auf A 3), wieder nach rechts. Ein Fell dient als 
Lendenschurz, die Rechte hält den bebänderten Thyrsos; auf der linken Schulter ein 
Schlauch, aus dem Wein in einen Krater läuft. Dieser, von schlanker Kelchform, ist 
in seinem unteren Teil geriefelt, die Lippe mit Kymation verziert 4). Nur ein Henkel 
ist angegeben. Der Krater steht auf einem rechteckigen Untersatz mit abgesetztem 
Rand. Daran schließt sich eine Herme auf würfelförmiger Basis; der Schaft nach 
unten verjüngt, ohne Genital; der bärtige Kopf, mit Stirnkrone und aufgebundenem 
Nackenhaar, ganz ins Profil gedreht, während der Schaft fast von vorn gesehen ist; 
auch die Armansätzc nicht richtig in der Verkürzung. Hinter dem Satyr ein Fels mit 
Pantherfell. 

Die Ausführung der Reliefs ist von großer Delikatesse und Feinheit. Die Kon- 
turen sind durch leichte Vertiefung des Reliefgrundes hervorgehoben 5). 

Marmorscheiben von der Art der unseren, gewöhnlich o sei IIa genannt, sind 
ziemlich häufig. Eine vollständige kritische Zusammenstellung aller bekannten Exem- 
plare — etwa 100 — existiert noch nicht. Die umfassendste Sammlung ist noch 
immer die von Welcker *). Dann hat Maurice-Albert die Stücke des Neapler Museums 
besprochen 7), leider ohne Welcker oder die Nummern des Museums anzuführen oder 
gar über die Provenienzen Nachforschungen anzustellen, so daß die Identifizierung 
öfters Schwierigkeiten macht. Maurice-Albert hat auch bei Daremberg-Saglio ^) 
4?urz die Gattung behandelt. Ich beabsichtige hier nicht eine neue Liste zu geben 

— Voraussetzung wäre eine erneute Untersuchu/ig der Originale — nur wichtige 
Stücke, die in jenen Zusammenstellungen fehlen, sollen nachgetragen werden. 

') Die Rasse entspricht am ehesten der von Keller 5) Dieses Markieren der Umrisse kommt anscheinend 
(Die antike Tierwelt I, Ii8 ff., namentlich Fig. 46) vereinzelt schon im 5. Jahrb. vor, vgl. Br. Schrö- 

als Lakoncr erklärten. der zu Brunn-Bruckmann 646 b. Auf neuatti- 

3) Die Ergänzung des Randstückes läßt es zweifei- sehen Reliefs sehr häufig, 

haft erscheinen, ob die Fußstellung genau die ') Alte Denkmäler II 122 ff. 

gleiche war; der Fuß des Satyrs könnte auch frei 7) Rev. arch XLII 1881, 2 p. 92, 129, 193, 273. 

über den Boden gehoben gewesen sein. *) s. v.Clipeus 1 1258 ff. Vgl.a. IV 257 s. v. oscillum 

*)■ über die im neuattischen Kreis häufige Form (Hikl). Bulle, Jahrb. d. Inst. 1919, 161 ff. 

vgl. Hauser, Neuattische Reliefs S. 113!. 132. 



Georg Lippold, Doppelseitiges Relief in Barcelona. ■jr 



Die »oscilla« sind in der westlichen Hälfte des Römerreiches weit verbreitet. 
Am häufigsten haben sie sich in Pompeii und Herculaneum gefunden — auch die 
meisten Stücke in Neapel, bei denen die Herkunft nicht mehr festzustellen ist, werden 
dorther stammen 9). Das ist in den günstigen Fundverhältnissen an diesen Orten be- 
gründet. Bei den in römischen Sammlungen aufbewahrten ist in der Regel trotz der 
fehlenden Fundangaben römische Herkunft anzunehmen, ebenso bei den aus dem 
römischen Handel in die verschiedensten Museen gelangten'"). Aus der Umgebung 
Roms werden Gabii"), Aricia"), Tusculum'S), die Sabina'4), Ostia'5), als Fundorte ge- 
nannt. In Oberitalien finden wir sie ebenfalls nicht selten (Aquileja'*), Verona'7), Par- 
ma'^), Veleia'5)), ebenso in Südfrankreich *"). Aus Spanien ist mir außer dem unsrigen 
nur ein einziges Exemplar bekannt^'). Selten sind sie in Nordafrika ^^), ebenso auch 
im Osten ^3). Es ist natürlich nicht ausgeschlossen, daß neue Funde dieses Bild 
etwas verschieben, doch ist sicher, daß die überwiegende Masse dem Westen angehört. 

Die »oscilla« gehören also zu den Elementen der römischen Wanddekoration, 
und zwar anscheinend im wesentlichen relativ früher Zeit: die wenigen Stücke, die 
man äußerlich datieren kann, sind augusteisch oder nicht viel später. Es sind die- 
jenigen, welche in pompeianischen Häusern des 3. Stils gefunden sind, namentlich 
in der Casa della Parete nera*4) und der Casa degliAmorini dorati^s). Doch scheinen 
sie auch da auf besonders reiche Häuser beschränkt. Aber kein Zufall wird sein, daß 
sie auch in den stattlichsten Häusern des vierten Stils, wie in dem der Vettier, fehlen. 
Auch aus der Hadriansvilla ist kein Exemplar bezeugt. Dem entsprechend macht 
auch die Arbeit, obwohl oft dekorativ und zuweilen fast roh, durchwegs einen frühen 
Eindruck 2*). 



9) Literatur b. Drexel, Anhang zu Mau, Pompeji', '7) Welcker 33 ; noch im Theater. 

S. 62 zu 466; namentlich Avellino, Mem. Acc. '*) Welcker 30. Dütschke V 932; 919. 

Ercol. III, 1843, 199 ff.; Fiorelli, Giorn. d. scavi ")) Welcker 31. Dütschke zu V 919. 

:86i, 31 f. Drei Stücke in Neapel stammen aus '») Sainte Colombe b. Vienne: Esp6randicu, Recucil 

Sammlung Borgia (Welcker a. Anm. 6 a. O. Nr. des Bas-reliefs Nr. 400 — 402 (zu untersuchen, 

34*1 35/36; Documenti inediti I, 284 f., 33, 47, ob 401 und 402 nicht Reste ein und desselben 

48), also wohl aus der Umgegend von Rom. Stückes sind). Vienne:Espdr. 403. Nimes: Esper. 

'") Sichere Fundnotizen römischer Stücke kenne 486, 489. Orange: Einzelaufnahmen 1894/95. 

ich nicht, doch wird z. B. Matz-Duhn 3622 in Argelies (Aude): Espi5r. 813. La Buisse bei 

Vigna del Pigno auch dort gefunden sein. Moirans: Esp(Sr. 828. 

") Welcker Nr. 3 u, 4 (= Berlin 1042). -') In Mailand: Dütschke 1026, aus Tarragona. 

") Welcker Nr. 5. ") Karthago; Mus^e Alaoui Suppl. p. 55, 1005, pl. 

'3) Canina, Tusculum p. 24. Rev. arch. XXXVII XXX, 2. — Etwas abweichend im Typus: Compte 

1879, 2 p. 24 pl. XV. Rendu Ac. Inscr. 1913, 155 (EI Djem). 

■4) Dresden: Arch. Anz. 1889, 99; Amelung, Florenz '!) Das einzige Stück, das ich kenne, ist ein mir 

S. 64; Brunn, Kl. Schriften III, 190. nur in (Arndt verdankter) Photographie bekann- 

'5) Not. d. scavi 1909, 20/21 (Reinach, Rep. d Rel. tes aus dem Kunsthandel in Smyma. 

III 36, 3—4); Not, d. scavi 1920, 49 f. Nr. 13, =4) Mau, Gesch. d. dckor. Wandm. S. 94. Wekker 

Fig. 4u. 5. S. 131, Nr. 37 ff. 

'') Sacken, Die antiken Skulpturen in Wien, S. 34; '5) Not. degli scavi 1907, 596/91, Fig. 33— S«"'- 

Maionica, Führer durch das K. K. Staatsmuseum Reinach, Rdp. de relicfs III 68, i — 2. 

in Aquileia, 1910, S. 19, 5. ^') Dem widerspricht nicht, daß die Augen öfters 



^5 Georg LippoW, Doppelseitiges Relief in Barcelona. 



Die Verwendung ist am klarsten bei den gut beobachteten pompeianischen 
Stücken: sie sind zwischen den Säulen der Peristyle gefunden, und zwar waren sie am 
Epistyl aufgehängt. Dafür zeugen die Eisenringe, die bei vielen Exemplaren vor- 
handen oder durch ausgebrochene Stücke oben indiziert sind. Auch an unserm Exem- 
plar scheint eine Spur vorhanden zu sein. Solche aufgehängte Scheiben sehen wir 
auch auf bildlichen Darstellungen von Säulenhallen, namentlich auf sog. Campana- 
reliefs, die Hallen der Palaestra wiedergeben *7). Man erkennt, daß die Scheiben an 
Ketten herabhängen. Die Zeit, in der die Typen der Campanareliefs geschaffen wur- 
den, die augusteische, ist die gleiche wie die der datierten Marmorscheiben. 

In selteneren Fällen scheinen die Scheiben nicht aufgehängt, sondern auf einem 
unten eingreifenden Zapfen aufgestellt gewesen zu sein 2^) und hie und da mögen 
Stücke bei einer zweiten Verwendung auch in anderer Weise angebracht worden sein*9). 
Auch Portiken anderer Art, außer in Privathäusern, waren mit solchen Reliefs ge- 
schmückt; auf den Campanareliefs erscheinen sie in der Palaestra, andere sind in 
Theatern gefunden 3"). 

Die Bestimmung der Scheiben ist rein dekorativ. Ebenso entspringt die Ver- 
wendung desMarmors3i)alsMaterial für derartig schwebend aufgehängte Gegenstände 
gewiß erst römischer Prunksucht. Herkunft, ursprünglichen Sinn und ursprüngliches 
Material muß man erst mit Hilfe anderer Monumente zu erschließen versuchen. Die 
Erklärung scheint, wie Albert bemerkt hat, gegeben durch die erwähnten »Campana «- 
Reliefs mit Darstellung von Palaestrahallen: hier wechseln mit den aufgehängten 
Rundscheiben solche ab, die die Form des Amazonenschildes, der sog. pelta haben. 
Solche Pelten sind auch in Marmor erhalten 32), sie entsprechen völlig den Rund- 



plastische Pupillenangabe zeigen (Albert p. 282, Exemplares im Privatbesitz in München hat 

pl. XVI, XVII): das sind Masken, bei denen die unten Reste eines Bohrloches, nicht in der Mitte, 

Aushöhlung des Auges naturgemäß war. sondern dicht an der Oberfläche der einen Seite, 

V) Vgl. Albert p. 96 ff. Die Reliefs jetzt bei v. der obere Teil ist verloren, also nicht festzustellen, 

Rohden-Winnefeld, Die antiken Terrakotten ob oben auch ein Ring 0. dgl. war. Es könnte sein, 

IV I, 144, wo auch S. 147 bemerkt ist, daß das daß an den oben aufgehängten Scheiben unten 

von Albert p. 97 abgebildete Stück des Louvre noch irgend etwas hing, wenn auch die Vermu- 

wissenschaftlich nicht zu verwerten ist. Eine tungen von Albert p. 98 nur auf dem verdächtigen 

, solche Scheibe unter einem Rundbogen aufge- Campanarelief des Louvre basieren. 

hängt auf einem Relief von Narbonne: Esp^ran- 's) Vgl. Not. d. scavi 1909, 20 f. (R^p. dereliefs III 

dieu 739. — Darstellungen in Malerei z. B. Not. 39, 3—4) aus Ostia. Oben ausgebrochen, wohl 

d. sc. 1910, 471, Fig. II, wo eine offene Halle vor- von Ring. Später verwendet als Verschluß einer 

getäuscht werden soll. Öffnung im Boden. Ein in die Außenwand eines 

"*) Wenigstens behauptet das Canina, namentlich Ladens in Pompeii eingelassenes Exemplar er- 

von zwei Stücken aus Tusculum (oben Anm. 13); wähnt Fiorelli a. Anm 9 a. 0. 

es müßte untersucht werden, ob sie nicht auch 3") Parma: Dütschke V932 (= Welcker 30). Verona 

oben Spuren haben. Das Stück Welcker Nr i (Welcker 33; 32 hat Form der Pelta (vgl. unten)). 

= Vatican Bclvedere 39g hatte nach Zoega (bei Orange: Einzelaufnahmen 1894/95. El Djem 

Welcker) »ursprünglich einen eisernen Zapfen (Amphitheater; vgl. Anm. 22). 

un'en«, von dem Amclung nichts erwähnt: die 3") In der Regel weißer Marmor; nur ein Stück 

Spur wohl durch die moderne Aufstellung zer- aus Ostia (Not. d. scavi 1920, 49 f.; oben Anm. 

stört; die leichte Beschädigung oben wohl kaum 15) ist aus »marnio giallo antico«. 

von ausgebrocheneni Ring. Das Fragment eines 3=) Vgl. Albert a. Anm. 7 a. 0,, p. 200 ff., p. 286. 



Georg Lippold, Doppelseitiges Relief in Barcelona. ^7 



Scheiben in der Dekoration auf beiden Seiten und den Aufhängespuren. Hier ist die 
Herkunft von Schilden außer Zweifel; danach wären auch die Rundscheiben als 
Schilde, clipei, anzusehen. Albert will sogar noch eine dritte Form, rechteckige Schilde, 
also scuta erkennen. Allein einmal ist die Form nicht sehr charakteristisch, dann sind 
diese Rechtecke immer so verziert, daß die längere Seite horizontal ist, während beim 
scutum die Langseite senkrecht steht. Auch ist für solche dekorative Stücke, die sich 
ganz an Griechisches anlehnen, die von griechischen Künstlern ohne Rücksicht auf 
römische Realität ersonnen sind, die Verwendung einer speziell römischen Form kaum 
anzunehmen, wenn sie auch zur Zeit unserer Reliefs im römischen Heere die übliche 
war. Mit den Rundscheiben und Pelten sind zudem nur die Stücke in Parallele zu 
setzen, die wirklich zum Aufhängen bestimmt waren — das sind relativ wenige 33). 
Die meisten waren nicht aufgehängt, sondern aufgestellt 34). Ihre Dekoration zeigt 
in der Regel auf der Hauptseite zum mindesten Masken. Im übrigen sind sie aus der 
gleichen Zeit wie unsere Scheiben, dienten ebenfalls zum Schmuck der Häuser. Auch 
sie tragen Relief auf beiden Seiten — meist auf der einen Hoch- auf der anderen Flach- 
relief. Sie gehen zweifellos zurück auf Votive in Dionysosheiligtümern, ihre Auf- 
stellung entspricht der für griechische Votivreliefs üblichen 35). Man müßte annehmen, 
daß in römischer Zeit, als die ursprüngliche Bedeutung verblaßt war, man vereinzelt 
nach dem Beispiel der Rundreliefs auch rechteckige aufgehängt hat, wie man umge- 
kehrt auch Rundscheiben vereinzelt wie die rechteckigen Reliefs aufgestellt hat. 

Wenn also rechteckige und runde Reliefs verschiedenen Ursprungs sind und in 
der Regel verschieden verwendet werden, müssen wir dann für die gleich verwendeten 
Rundscheiben und Pelten gleichen Ursprung annehmen, sind die Rundscheiben von 
Rundschilden abzuleiten? An sich beweist die gleiche Verwendung nichts: denn ab- 
wechselnd mit Pelten und Rundscheiben finden wir auch aufgehängte Masken 36). 
Aber es erscheint natürlich, daß man bei Nachbildung der als Votive in Heiligtümern 
aufgehängten Schilde neben dem Amazonenschild auch den griechischen Rund- 
schild verwendete. 

Freilich ist außer der Kreisform nichts speziell an Schilde erinnerndes vorhanden. 

Andere z. B. Berlin 1045, Esp^randie ■, Bas-reliefs richtung nicht die ursprüngliche ist. Andere 

414/5 (Vienne), 296 (aus Vaison), 722 (Argehcs); gleichartige Reliefs, die zum Teil beschädigt 

Coli. Waroque II 178. Sittl, Würzburger An- waren, wurden, wohl bei der Wiederherstellung 

tikenTaf. XIH/XIV. In Relief unter Rundbogen des Hauses nach dem Erdbeben von 63, in die 

dargestellt (vgl. Anm. 27): Esp^randieu 295 Wände eingemauert ebenda S. 558 ff., Fig. 8, 10, 

(Vaison), 731 (Narbonne). 11, 12; es wäre zu untersuchen, ob diese Reliefs 

33) Von den bei Albert aufgezählten haben sichere skulpierte Rückseiten haben. 
Aufhängespuren p. 283 ff., 3 (Nimes, Esp^rand'eu 35) Vgl. Reisch, Griech. Weihgeschenke 145 ff- 
487), 4,6 (Nimes vgl. Esp^randieu I p. 323). Arndt, La Glyptotheque Ny-Carlsberg p. 205. 
Bei Berlin 1047 diente der Eisenzapfen zur Zur Aufstellung vgl. BUnkenberg, Athen. Mitt. 
seitlichen Verbindung mit dem angestückten XXIV 1899, 295. Dazu die Reliefs vom Phaleron 
Teil. (Athen, Nat. Mus. Stais, Guide p. 43 ff.), über 

34) Die Art der Aufstellung auf Pfeilern am anschau- die zuletzt Homolle, Rev. arch<5ol. XI, 1920, i ff. 
lichsten bei den vier Reliefs der Casa degli Amo- gesprochen hat. 

rini dorati in Pompeii: Not. d. sc. 1907, 568 ff., 3^) Casa degli Amorini dorati: Not. d. scavi 1907, 
Fig. 18/9, 21/2, 25/6, 28/9, wo allerdings die Her- 588 ff., Fig. 37—40- 



38 



Georg Lippold, Doppelseitiges Relief in Barcelona. 



Die Größe ist selbstverständlich dem dekorativen Zweck angepaßt, durchweg ge- 
ringer als beim Gebrauchsschilds?). Das verschieden hohe Relief teilen die Scheiben 
mit den rechteckigen Maskenreliefs und andern doppelseitigen Reliefs, die eben meist 
eine Haupt- und eine Rückseite haben: es findet sich das schon in archaischer Zeit3*j. 
Allerdings könnte auch das Vorbild der Schilde zu dieser Differenzierung mitgewirkt 
haben: beiderseits verzierte Schilde, wie derderParthenos, pflegen außen mit Relief, 
innen mit Malerei geschmückt zu sein 3S). Das verschieden hohe Relief beider Seiten 
wäre nur eine Steigerung dieser Verzierungsweisc. Auch gibt es Scheiben, die nur 




Abb. 



Kunstliandel. 



auf einer Seite Relief haben, während die Rückseite glatt ist-i») ; hier war wohl öfter, 
wie in einem Fall noch beobachtet ist4i), dieDekoration in Malerei ausgeführt. Übri- 
gens gibt es eine Anzahl Exemplare, wo die ReHefhöhe auf beiden Seiten gleich ist 42): 
die verschiedene Höhe könnte erst von den rechteckigen Reliefs übertragen sein. 

Selbstverständlich fehlt jede Andeutung einer Handhabe auf der Innenseite 
des Schildes, auch findet sich nichts von der starken Wölbung, die wenigstens der 
griechische Rundschild hatte. In der Bildung des Randes lassen sich verschiedene 



3;) Der Durchmesser schwankt zwischen 20 (Albert 
p. 281, I = Esp^r. I 489) und 45 (Sammlung 
Heyl) cm. 

3*) A.v.Netoliczka.österr. Jahresh.XVII 1914, 124. 

w) Dragendorff, Jahrb. d. Inst. XII 1897, 8. 



4°) Albert 23, 24. Espdrandieu 401/2. 

4') Fiorelli, a. Anm. 9 a. 0., tav. VIII l. 

4') Scheiben aus Casa degli Amorini dorati (Anm. 

25), aus Ostia (Anm. 15), aus Sainte-Colombe 

(Esp£r. 400; Anm. 211). 



Georg Lippold, Doppelseitiges Relief in Barcelona. 



39 



Gruppen scheiden: Selten fehlt jede besondere Umrahmung 43). Nicht besonders 
häufig ist auch die Profilierung wie an unserm Stücke 44). Gewöhnlich ist der Rand 
ganz glatt, scharf abgesetzt (vgl. Abb. i); seine Breite wechselt 45). Hier könnte man 
eine Reminiszenz an den abgesetzten Rand wirklicher Schilde sehen; aber, während 
bei diesen der Rand gegen die Wölbung zurücktritt, ist bei den Scheiben umgekehrt 
der Rand höher. Bisweilen umgibt das Bild ein breiter Kranz oder eine WcUenrankc 
(vgl. Abb. 2) 4^). Der Rand ist auf beiden Seiten manchmal verschieden gebildet 
oder verziert. Auch für die Kränze um den Rand gibt es Analogien auf Schilden 47); 





Abb. 2. Kopenhagen. 

aber Kränze als Einfassung von Runden sind selbstverständlich auch ohne Vorbild 
der Schilde immer wieder verwendet worden. In Pompeii will man auch Einfassung 
von Holz beobachtet haben 4^). 

Die Darstellungen endlich sind nicht von der Art der auf Schilden üblichen, 
der Schildzeichen. Die Mannigfaltigkeit der figürlichen Schildzeichen, die wir in ar- 
chaischer Zeit, auch noch auf Vasen des strengen Stils finden, hatte ja bald einer 
ziemlichen Einförmigkeit Platz gemacht. Wenn man von Prunkschilden absieht, 
die auch in späterer Zeit mit figurenreicheren Bildern versehen wurden, trat eine Be- 



43) Nimes, Esp^randieu 489 (andere Seite mit glattem 

Rand). 
■•4) Albert 8 (Neapel; vgl. Phot. Sommer 11 247); 11 

(Schreiber, Hellenist. Reliefbilder Taf. 102); 

Ostia (s. Anm. 29); Vatican Belvedere 39 g; 
45) Wien Sacken Fig.9; schwächer bei Esp^r. 401/2. 

Z. B. Amorini dorati (Anm. 25); Berlin 1041 

bis 43; Auct. Weizinger, 2.8. — -31. X. iS, 1^56 

(Abb. 1) usw. 



4') Campana (Brunn Kl. Schriften III 183 f. Darem- 
berg-Saglio s. v. Clipeus Fig. 1670); Ny-Carlsberg 
817 a (hier Abb. 2) vgl. Anm. 81; London 2456; 
Esperandieu 403; Phot. Moscioni 11 574 (angeb- 
lich Lateran); Welcker 5 (nur die im übrigen 
rauh gelassene Rückseite); Smyrna (Anm. 23). 

47) Z. B. griechisch: Furtwängler- Reichhold 116, 
118; römisch: Esperandieu 722; 745. 

48) Welcker S. 134, 



40 



Georg Lippold, Doppelseitiges Relief in Barcelona. 



schränkung auf wenige Gegenstände, Symbole und Zeichen ein 49). Zu diesen gehört 
das Gorgoneion, das auf unsern Runden gewiß vom Schild übernommen ist. Wir 
finden es aber nur ganz vereinzelt S»). Von sonstigen Bildern könnten wenigstens in- 
haltlich an eine ursprüngliche Bedeutung als Kriegswaffe erinnern die Darstellungen 
von Athena, Nike, Kriegern u. dgl. 5'). 

Allein auch diese Darstellungen sind durchaus in der Minderzahl. Selten sind 
auch andere Gottheiten 5^), sonstiges mythologisches, darunter Herakles mit Löwe, 
Hindin, Stier 53), Apoll und Marsyas 54), Odysscus55), Diomedes 5^), Kentauren 57). 
Häufiger schon sind Darstellungen von Meerwesen 5$), die ja in der römischen deko- 
rativen Kunst so sehr beliebt sind, darunter Eros auf dem Delphin 59). Eros kommt 
auch sonst vor *°). 

Alles andere überwiegen jedoch die Gestalten des dionysischen Kreises — wenn 
man auch nicht mit Albert alle Bilder auf unsern Reliefs in Zusammenhang mit Dio- 
nysos bringen kann. Dieses Vorherrschen des Bacchischen ist in der Kaiserzeit ja 
überall zu beobachten und an sich nichts auffallendes. Doch gibt es zwei Gattungen 
von Darstellungen auf unsern Scheiben, deren Häufigkeit eine besondere Erklärung 
verlangt. Einmal die Masken^'). Hier liegt gewiß eine Übertragung von den recht- 
eckigen Maskenreliefs vor. Das andere sind die Opferszenen. Viel häufiger als in 
anderen Denkmälerklasscn^^) finden wir hier brennende Felsaltäre u. dgl., vor denen 



49) Die historische Entwicklung ist in den Arbeiten 
von Chase (Harvard Studie* XIII, 6i ff.) und 
M. Greger, Schildfcrmen und Schildschmuck 
bei den Griechen (Diss. Erlangen 1908) 53 ff. nicht 
genügend dargestellt. 

y) Albert 13 = Welcker 35. Ein weiteres Stück im 
Kunsthandel (angeblich aus Pozzuoli, Amphi- 
theater) sieht auf der Hauptscite (Gorgoneion 
auf Aegis, Pupillen angegeben) etwas seltsam aus, 
während die Rückseite (Satyr mit Fruchtschalc 
vor brennendem Felsaltar) einen guten Eindruck 
macht. Ich kenne nur Photographien, die ich 
Arndt verdanke. — Welcker 6 (Hübner, Madrid 
802) wird auch wohl hierher gehören. Auch der 
'Ammonskopf (Welcker Taf. VI, 11; Nr. 21; Es- 
p6randieu 82S), der als Schildschmuck vorkommt 
(z. B. Esperandieu 272), ist zu vergleichen. 

5") Athena: Albert 15 (Rdp.deRel. III, 66, 3; Phot. 
Sommer 11*47). Nike: Albert 9, 16 (mit Krie- 
ger). Pollak, Samml. Kopf 14, Taf. IV. 
Waffentänzer?: Not. d. sc. 1907, 586, Fig. 
36. Kriegerkopf = Welcker 21 (WoburnMich.94, 
wo aber diese Seite nicht erwähnt ist). 

■;') Apollon? Matz-Duhn 3621 = Auct. Kat. Wei- 
zinger 15. XII. 19, 690, Taf. 10. Aphrodite (.>) 
und Eros: Pollak, Samml. Kopf 14, Taf. IV. 

53) Herakles; Albert 12 (Welcker 40; Phot. Napoli 
759 (B)); mit Löwe: München Antiquarium, 



Lützow, Münchner Antiken Taf. 2, 3; mit Hindin: 
Albert 11 (s. Anm. 44); mit Stier: Heyl (s. Anm. 
3/)- Vgl. a. Welcker 9. 

51) Dresden (Anm. 14). 

5>) Welcker 26 (wenn hierher gehörig). 

5'') El Djem (Anm. 22). 

57) Not.d.sc. 1907, 584, Fig. 33/34. Arndt, La Glyp- 
totheque Ny-Carlsberg p. 130, Fig. 68 (auf der 
Rückseite Hinterteil eines Kentauren). 

5') Delphin: Welcker 3; 24 (Louvre Cat. somm. 
2462); 31 (Dütschke zu V 919); Esperandieu 400. 
Seepanther: Espdr. 486. Seedrache: Berlin 1041. 
Triton: Welcker 13. Triton und Nereide: 
Not. d. scavi 1920, 49 f., Fig. 4 (vgl. Anm. 15). 

59) Berlin 1041; Welcker 34* (Rep. de ReliefsIII66,5). 

'") Lon Ion 2456 (Opfer). Tusculum (Canina, Tus- 
culum p.24. Rev. arch. 38, 1879, 2 (auf Bock)). 

'') Albert 7; 20; 21; 22. Welcker 14; 20 (London 
2457); 24; 31 (vgl. 6); Espdrandieu 400; 486 — 
die vier letztgenannten zeigen auf der andern 
Seite Seewesen (vgl. Anm. 58); Welcker 47; 
Parma D. 919; Louvre C. S. 2463; Espdr. 489; 
828. Cambridge Mich. 72. Matz-Duhn 3622. 
linzelajfnah 1 en 1894/95. Vgl. dazu die komi- 
sche Muse, Espdr. 403 (nicht Schauspieler: 
Hauser, Neuatt. Reliefs S. 97, Nr. 22). 

'*) Von den bei Hauser, Neuattischc Reliefs aufge- 
zählten Monumenten gehört hierher eigentlich 



Georg Lippold, Doppelseitiges Relief in Barcelona. 4I 

Satyrn, Silene oder Pan mit Fackeln, die sie oft am Altar zu entzünden scheinen, oder 
mit Opfergaben sich befinden ^3). Auch Dionysos selbst steht einmal vor einem solchen 
Altar*4). Dazu kommen Idole — Priap — *S), auch findet sich derAltar ohne Figuren**). 
Auch die Masken liegen zuweilen vor oder auf einem Altar *7). 

In diesen Kreis gehört auch die Rückseite unserer spanischen Scheibe, der Satyr, 
der vor einer Herme des Dionysos seinen Schlauch in einen Krater entleert. Die 
nächsten Analogien dazu sind ein Stück aus dem Theater von Parma, wo die Herme 
fehlt und ein Baum hinzugefügt ist **), und eines in Würzburg *9), wo der Satyr 
von links gesehen ist, viel energischer bewegt; die Herme fehlt. Beides also 
keine genauen Wiederholungen. 

In diesen Darstellungen haben wir offenbar die für unsere Denkmälergattung 
charakteristischen, ihr ursprünglich eigenen zu sehen. Die sonstigen Gegenstände 
sind erst anderswoher übertragen, wie umgekehrt einmal auf einem rechteckigen Relief 
eine solcheOpferszenc erscheint?"). Und zwar sind diese Bilder nicht deshalb gewählt, 
weil sie sich formal für das Rund besonders eigneten, so wie auf den Pelten Delphine 
und andere Seewesen, die in ihrer gestreckten Gestalt sich der Form gut anpaßten 7"), 
während sie doch gegenständlich mit dem Amazonenschild nichts zu tun haben. Bei 
unseren Scheiben müssen inhaltliche Gründe für die Bevorzugung der Opferszenen 
maßgebend gewesen sein, sie müssen mit der ursprünglichen Bedeutung der Runde 
zusammenhängen. Das führt freilich weit ab vom Schild. Eine völlige Erklärung 
scheint sich vorerst nicht finden zu lassen. Sicher ist sie im dionysischen Kreis zu 
suchen und hier hat man sie auch früher schon gesucht und angenommen, in Dio- 
nysos-Heiligtümern seien runde Scheiben — natürlich nicht aus Marmor— aufgehängt 
gewesen, die oscilla genannt wurden. Allein dafürgibt es kein Zeugnis. Oscilla sind wahr- 
scheinlich kleine menschliche Figuren, die im Kultus Verwendung fanden — aufge- 
hängt an Zweigen u. dgl. 7^). Auch dürfen wir für diese ganz griechischer Kunst ange- 
hörenden Dinge die Erklärung nicht in römischem Kultus suchen. Aber auch die Denk- 
mäler geben für diese Aufhängung der Scheiben nur schwache Anhaltspunkte 73). 

nur S. 91, 12 = Einzelaufnahmen 2534. Zu ver- ^'') Belvedere 39 g (Welcker i). 

gleichen auch S. 99, 27, i. Die bacchischen Opfer «7) Welcker 18 (London 2456) 24 (Anm. 58). Albert 

auf den »Campana «-Reliefs (Die antiken Terra- 10, 18. 

kotten IV, S. 54 ff.) sind von etwas aiiderem '■8) Dütschke 932 (Anm. 30). 

Charakter. ^) Sittl, Wurzburger Antiken Taf. XI, S. 17 ff. 

'■-) Albert Nr. I — 10,17,18. Welcker Nr. 2, 3, 5, 19 Nachprüfung der nicht ganz korrekten Zeich- 

(London 2460) 22, 34 (London 2459). Dresden nung verdanke ich Bulle. 

(s. Anm. 14). Cambridge Mich. 70/71. Marbury 70) Not. d. scavi 1907, 568, Fig. 19. 

Mich. 40. München, Privatbesitz (Anm. 28). ?•) Albert 26 — 29; Esp(5randieu 414. 

Kunsthandel (Anm. 50). Würzburg (Anm. 69) 7») Vgl. Hild b.Daremberg-Saglio s. v. oscillum, wo 

Ein Stück, ebenfalls im Kunsthandel (Phot. nur die Zeugnisse nicht ganz richtiggewertet sind. 

Arndt, Fragment) zeigt einen knieenden Satyr 73) Vgl. den Rundaltar Lansdowne Mich. 70: an einer 

vor brennendem Felsaltar. Girlande, die auf Thyrsosstäben ruht, hängt ein 

<><) Berlin 1042 (Welcker 4). Pedum und eine Rundscheibe mit Relief: Eros 

'5) Albert i, 8, 14 (R^p. d: Rel. III 82, 5); diesen mit Fackel, tanzend (vgl. London 2456, oben 

verwandt Esp^r. I 813 (Rucks.). Welcker 17 Anm. 6n, Eros mit Fackel, opfernd). Bötticher 

(mit Eros: Anm. 60). (Baumkultus S. 90, Fig. 8) und nach ihm Hild 



A2 Georg Lippold, Doppelseitiges Kelief in Barcelona. 



Wenn wir hier Scheiben aufgehängt finden, sind es meist Tympana 74), die natürlich 
nicht beiderseits mit Reliefs geschmückt sein konnten 75; und schon deshalb nicht 
gut die Vorbilder unserer I^unde sein können. 

Die Häufigkeit der Fackeln mag auf nächtliche Feiern 7^j deuten, bei denen die 
Scheiben irgendeine Rolle spielten. Die Fackel findet sich übrigens auch öfters neben 
den Masken auf rechteckigen Reliefs 77), die dadurch wieder in engere Verbindung 
mit unsern Scheiben gebracht werden: auf den Votivreliefs, von denen die Masken- 
reliefs hergeleitet werden, hatten die Fackeln keinen Sinn, wie überhaupt jedes Bei- 
werk fehlte, nur die Masken vorhanden waren 7*). 

Es ergibt sich aus alledem, daß jedenfalls die Bezeichnung clipci für die Scheiben 
nicht angemessen, der Einfluß der aufgehängten Votivschilde relativ gering und 
sekundär ist. 

Es bleiben noch einige Darstellungen zu erwähnen, die nur vereinzelt vor- 
kommen und für die Frage nach der Herkunft der Scheiben nicht ins Gewicht fallen. 
Ganz selten sind Szenen des täglichen Lebens wie auf der Hauptseite unseres spani- 
schen Rundes: der Schmied, der auf einem Stück (beiderseits, variiert) auftritt, ist 
als Satyr charakterisiert 79). Dann gibt es noch verschiedene Tiere, Fabelwesen usw. 
meist rein dekorativer Art ^°). 

Von den Darstellungen, die nicht zu den speziell unsern Runden eignen gehören, 
sind einige im Typus verwandt solchen auf »neuattischen« ReUefs, und zwar der beiden 
von Hauser geschiedenen Klassen*'), doch sind es meist nicht genaue Wiederholungen 

(Dar.-Saglio Fig. 5442) bilden ein an einem Baum *") Hirsch : Albert 24. Adler und Hase : London 2458. 

aufgehängtes »oscillum« ab, auf dem eine mensch- Pegasos: Welcker 47. Greif: Louvre C. S. 2463; 

liehe Figur zu sehen ist. Diese Abbildung geht London 2459. — Ob Welcker 15 (Magazine des_ 

auf Bartoli-Bellori Admiranda 44/45 zurück und Vatikans »männliches Porträt auf beiden Seiten«) 

ist genommen von dem Madrider Puteal Hübner hierher gehört? 

2S9 = Einzelaufnahmen 1692/93. Allein weder Si) Hauser, Die neuattischen Reliefs yff. : Erste 

Hübner noch Arndt erwähnen eine Figur auf der Gruppe. Vgl. Not. d. scavi 1909, 20 f. (Ostia: 

Scheibe und nach der Photographie scheint es s. Anm. 29): Typus 23 und 27 (aber rechter Arm 

eher ein Becken mit vertiefter Mitte, ohne Figur, gesenkt). Ny-Carlsberg 817 a (hier Abb. 2): 

zu sein. A. Vgl. Typus 28 (in der Linken Schlange statt 

74) Vgl. Bötticher, Baurakultus Fig. 7, 19. Böcklein). B. Satyr, der Böcklein und Schwert 

75)' Auf der einen Seite mit Ornament oder Figur ge- wie eine Mänade hält, wohl als Gegenstück 

schmückte Tymp na finden sich auf Vasen, z. B. hinzu erfunden. Ehemals Campana, Brunn, 

Arch. Ztg. 1848, Taf. XIII, 4. Kl. Sehr. III 1841.: Typus 22 und 31. Beide 

7*) Vgl. Albert p. 279. letzteren Stücke auch in der Umrahmung ver- 

77) Vgl. Not. d. scavi 1907, 558 ff., Fig. 8, 10; Ny- wandt. Zweite Gruppe: Hauser S. 90, Nr. 9, :o; 

Carlsberg 384 (Arndt Fig. 204). Auch Altäre mit S. 97, Nr. 22 (Esp^randieu 403); andere Kala- 

Flammen öfter auf den Maskenreliefs: Not. d. thiskostänzerin : .Sittl, Würzburger Antiken 

scavi 1907, 580, Fig. 29; .Albert Nr. 40; Esp^ran- Taf. XU (Anm. 69); S. 102, Nr. 33 (s. 

dieu 775. Phot. Moscioni 11636/37 (wo?). Masken Anm. 28,66, Belvedere 39 g). Zu S. 9:, Nr. 12,3 

und Fackeln auch auf Pelten: Albert 30, 31 (da- (Basis Venedig, Einzelaufnahmen 2536) vgl. 

von doch wohl verschieden Mus. Borb. IX B). Welcker Taf. VI 11: Agaue mit dem Haupt des 

7*) Vgl. Reisch, Griech. Weihgeschenke 145 f., Fig. Pentheus, beidemal vor brennendem Felsaltar, 

13/14. der von den dionysischen Opfern unserer Scheiben 

79) Albert 19 (= Welcker 46). übertragen scheint. Die Basis enthält auch einen 



Georg Lippold, Doppelseitiges Relief in Barcelona. 



43 



der neuattischen Figuren, sondern freie Wiedergaben. Solche Abweichungen vom 
üblichen Typus dürfen jedoch nicht schon dazu verführen, die betreffenden Stücke 
in ihrer Echtheit anzuzweifeln^^), wiewohl es auch wirklich verdächtige und falsche 
»Oscilla« gibt ^3). Derartige Veränderungen des Ursprünglichen finden sich auch bei 
den hie und da wiedergegebenen archaistischen Figuren ^4). 

Ein großer Teil unserer Reliefs steht in keiner so nahen Verbindung mit dem 
neuattischen Typenkreis ^5). Wohl sind die Figuren in den seltensten Fällen als freie 
Erfindungen ihrer Verfertiger anzusehen, aber die Parallelen begegnen mehr auf 
andern Reliefs, auf Gemmen usw. ^^). Im allgemeinen können wir ziemlich viel Freiheit 
und für römische Kunst frische Erfindungs- und Variationsgabe konstatieren, die 
freilich hin und wieder zu Seltsamkeiten führt. Eine gewisse beabsichtigte Gebunden- 
heit der Stellungen, archaisierend anmutende Bewegungen hängen mit den häu- 
figen Tanzmotiven zusammen, sollen die ungeschickte Bewegungsart des Satyrs 
charakterisieren, werden dann auch auf andere Figuren übertragen. 

Diese Eigenschaften kennzeichnen auch die Reliefs der Scheibe von Barcelona. 
Die Darstellung von A, der mit Waren in Begleitung des Hundes zur Stadt eilende 
Landmann, scheint eine typische Staffagefigur landschaftlicher Bilder gewesen zu 
sein: wir finden sie wieder auf einem »Landschaftsbild« aus Herculaneum ^7). Allein 
hier bewegt sich der Mann ganz ungezwungen natürlich; das gespreizte, gebundene 
hat erst der Reliefkünstler hineingebracht*^). Auf der Rückseite paßt die rasche Be- 



Satyr mit Früchten vor Altar, der von den Rund- 
reliefs stammt (Anm. 62). Bei der Wiederholung 
der Agaue London 2508 fehlt der Altar. 

^^) Vgl. Hauser S. 83, 12 zu dem Campanaschen 
Rund (Anm. 81). Die von Hauser beanstandete 
Verbindung von Figuren der beiden Typen- 
gruppen 22 — 24 und 25 — 32 findet jetzt in dem 
Rund von Ostia (Anm. 81) ihre Parallele. 

*3) Sittl, Würzburger Antiken S. 19. Welcker 
27 — 29 (Arolsen). Despuig: Hübner 801 (auch 
von Arndt als modern notiert). Bei der 
Scheibe des Münchner Antiquariums (Anm. 53) 
macht die Seite mit dem verwundeten Herakles 
einen viel ungünstigeren Eindruck als die andere. 
Auch stimmt sie in der Orientierung nicht mit 
ihr überein; sollte diese Seite ursprünglich glatt 
gewesen sein? Äußere Verdachtsgründe habe 
ich allerdings nicht finden können. Vgl. a. Anm. 
50. 

*■!) Archaistisch: Albert 15; Welcker 21 (Anm. 51). 
München, Privatbesitz (Anm. 28, 63). Samml. 
Kopf (Anm. 52). Charakteristisch Albert 16 
(R^p. de Reliefs HI 78, 4 — 5), wo die in 
mehreren Exemplaren erhaltene Komposition 
von Nike und Krieger vor Palladion (vgl. 
Roschers Myth. Lex. s. v. Palladion HI 1326, 



13; Reinach, Rep. de Rel. HI 57,3) auf beide 
Seiten verteilt ist. Aber das Palladion ist weg- 
gelassen, der Krieger schreitet und trägt den 
Helm auf der Hand: Veränderungen, die nur der 
dekorativen Wirkung zu Liebe vorgenommen 
sind. 

85) So das Abb. i (vgl. Anm. 45) wiedergegebene 
Fragment, Pan mit Flöte und Mänade mit 
Fackel, vgl. etwa »Lateran« (Anm. 46) und Wien 
(Anm. 44): die Figuren stehen neuattischen 
nahe, sind aber keine geläufigen Typen. 

8«) So der Kentaur, der die Frau raubt (Anm. 57) 
auf dem »frührömischen« Puteal Ny-Carlsberg 
Arndt, pl. 84. Zu der Darstellung Herakles und 
Hindin (Anm. 53, 81) vergleicht Hauser Gemmen 
(Furtwängler, Kl. Schriften II Taf. 25, 4. Diese 
Denkmäler sind von Robert, Arch. Hermeneutik 
273 ff. nicht verwertet). Diomedes mit Palladion, 
auf Gemmen, häufig: El Djem (Anm. 22). Zu 
dem Schweineopfer Albert 17 (Rep. de Reliefs 
III 84,4) vgl. Jahrb. XVIII 1903, "61. 

87) Rom. Mitt. XXVI 191 1, 33, Abb. to. 

88) Die Ähnlichkeit mit dem Fischer des »Pan- 
meisters« (Furtwängler-Reichhold II, S. 293; 
vgl. Journ. Hell. Stud. XXXII 191 2, 358, Nr. 18) 
ist darum doch wohl zufällig. 



44 



Margarete Gtttschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



wcgung eigentlich überhaupt nicht zu dem Ausleeren des SchlauChs in den Krater. 
Auch hier ist ein auch sonst erhaltener *9) Bildtypus umgebildet, wo der Satyr neben 
dem Krater steht 90). Die Zufügung der Herme gibt dem Bild den unsern Reliefs eignen 
sakralen Charakter. 

Inhaltlich sind zwischen den beiden Seiten keine Beziehungen zu suchen: sie 
sind auf den Scheiben, wenn vorhanden, meist sehr lose: die gleichen oder verwandten 
Gegenstände beiderseits wiederholt 9'), Figuren, die nebeneinander gut denkbar 
wären 9^), selten eine gemeinsame Handlung auf die Seiten verteilt 93). 

Die Scheibe in Barcelona gehört zu den feinsten und besten der ganzen Gattung; 
schwerlich ist sie in Spanien selbst gearbeitet, sondern ein reicher Römer der augu- 
steischen Zeit, der den heimischen Prunk nicht missen mochte, hat sie zum Schmuck 
seines Hauses aus Italien kommen lassen, eines Hauses, das sicher mit Kunstschätzen 
mannigfacher Art prächtig ausgestattet war. Nur dieser eine Rest ist uns davon ge- 
blieben als wichtiges Zeugnis für die Ausbreitung der griechisch-italischen Luxus- 
kunst in der ersten Kaiserzeit. 



Erlangen, Juni 1921, 



Georg Lippold. 



UNTERSUCHUNGEN ZUM KORINTHISCHEN KAPITELL. I. 



I. DAS KORINTHISCHE KAPITELL VON PHIGALIA'). 

Ein böser Stern hat über dem ältesten korinthischen Kapitell gestanden. Für 
kurze Zeit war es seiner Vergessenheit entrissen, wurde gemessen, gezeichnet, rekon- 
struiert, und dann verschwand es fast spurlos, so daß sogar einmal seine Existenz 
angezweifelt werden konnte ^). Von seinen Entdeckern starb der eine vor der Ver- 
öffentlichung seiner Arbeiten; der andere veröffentlichte die seinen erst 50 Jahre, 



*?) Vgl. die Lampe Sammlung Niessen (3. Bear- 
beitung) Nr. 1818: Satyrknabe mit Kantharos 
rechts. Reliefgefäß von Delos Bull. Corr. Hell. 
XXXVII 1913, 421, Nr. 706. 

90) Hier hat, wie Sittl, Würzburger Antiken S. 17, 
bemerkt, der neuattische Typus des Satyrs mit 
Krater auf der Schulter (Häuser 21), der stark 
bewegt ist, eingewirkt. 

9') So die «ahlreichen dionysischen Bilder, vgl. 
besonders den Schmied (Anm. 79), Satyr und 
Ziege (Marbury, Mich. 40) dann die Ken- 
tauren (Anm. 57, 86), die Masken usw. 

'^) Wie die neuattischen Typen (Anm. 81/82). 

93) Nike und Krieger (Anm. 84). Auch der Jüngling 
mit Schwert und Schild und das Mädchen mit 



Schwert Not. d. scavi 1907, 586, Fig. 36/37 sind 
offenbar im gemeinsamen Tanze gedacht. 

') Den Anlai3 zu dieser Arbeit hat seinerzeit 
ein Referat im Seminar von Professor 
Noack gegeben. Auch an dieser Stelle möchte 
ich meinem verehrten Lehrer meinen herzlich- 
sten Dank für reiche Anregung und liebens- 
würdige Förderung aussprechen. — Weigands 
im Herbst 1920 erschienene Schrift »Zur Vor- 
geschichte des korinthischen Kapitells« konnte 
nicht mehr berücksichtigt werden, da das Mantj- 
skript schon 1917 im wesentlichen abgeschlossen 
wurde. HomoUes Aufsatz Rev.arch. 1916 II, 56 ff. 
war mir noch nicht zugänglich. 

-) Ivanoff, Ann. Inst. 1865, 52. 



Mai^aiete Gutschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. az 

nachdem er das Kapitell gesehen hatte. Außerdem weichen die Rekonstruktionen, aus 
denen wir unsere Kenntnis des Kapitells schöpfen, beträchtlich voneinander ab und 
haben trotzdem das Schicksal, häufig miteinander verwechselt zu werden. Deshalb 
sind Kavvadias' Untersuchungen des Tempels, durch die das Vorhandensein der ko- 
rinthischen Säule festgestellt wurde '), und Rhomaios' Veröffentlichung^) der Reste 
des verschollnen Kapitells mit Freuden zu begrüßen, obwohl auch jetzt noch manche 
entscheidende Frage ungeklärt bleibt. 

Die wenigen Bruchstücke, die einzigen Reste des kostbaren Kapitells, die Rho- 
maios veröffentlicht, haben unbeachtet ein Jahrhundert im Tempel gelegen (falls 
nicht die neuen Aufräumungsarbeiten 3) sie erst wieder freilegten). Einige liegen noch 
da, die wichtigsten aber sind nach Athen gebracht worden. Leider gibt Rhomaios 
keine Schnitte und nur wenige Maße, und die Abbildungen lassen auch nicht alle 
Einzelheiten in wünschenswerter Klarheit erkennen. Nach ihm sollen sie die bisheri- 
gen Darstellungen des Kapitells bekräftigen, aber welche meint er.? Denn nicht weni- 
ger als vier Architekten haben das Urbild des Kapitells an Ort und Stelle gezeichnet, 
aber jeder von ihnen hat es anders wiedergegeben. 

Wie sind diese Zeichnungen zu beurteilen } Welche von ihnen gibt das zuver- 
lässigste Bild dieses ersten korinthischen Kapitells, von dem wir wissen? Bevor wir 
sie selbst prüfen, müssen wir uns die Verhältnisse vergegenwärtigen, unter denen sie 
einst entstanden sind. Was ist uns über den Fund und die Schicksale des Kapitells 
urkundlich überliefert.? Im August 1811 fanden die Entdecker der Giebclgruppen 
von Acgina, die deutschen Architekten Carl Haller von Hallerstein und Linkh und die 
Engländer C. R. Cockerell und Foster bei einem Besuch der Ruinen von Phigalia 
auch ein einzelnes korinthisches Kapitell t). Zehn Tage hielten sie sich dort auf. Aber 
kaum hatten sie, wie Haller 5) schreibt, »voll Eifer die Hände ans Werk gelegt, um 
genaue Maße zu nehmen«, als mißtrauische türkische Beamte sie zum Aufbruch 
zwangen. Sie versteckten ihre Funde vorsichtig in der Hoffnung, das angefangene 
Unternehmen später doch noch zu vollenden. Erfüllt von diesem Wunsch gründete 
Hallcr in Athen eine Vereinigung von Künstlern und Gelehrten ^) »zur Erforschung 
eines für die Kunst so wichtigen Gegenstandes«, da nur durch vereinte Kräfte die 
Schwierigkeiten wegzuräumen waren, die einer weiteren Ausgrabung im Wege standen. 
Seine Bemühungen wurden belohnt. Die Monate des Sommers 181 2 konnten Haller, 
Linkh und Foster, denen sich der Livländer Baron Stackeiberg, der dänische Archäo- 
loge Bröndstedt und andere Gefährten zugesellt hatten, in Phigalia zubringen, um 
mit Hilfe von 50—80 Arbeitern die Trümmer auszugraben, zu messen und zu ordnen 7). 
Cockerell aber war durch eine sizilische Reise fern gehalten. Im August wurden die 

») C. R. du Congres d'Athenes 1905, 174 ff. 1810— 17. The Journal of C. R. CockcrelL Ed. 

') 'Arj/. 'E<p- 1914, 59 ff. by bis soa S. P. Cockerell. 1903, 219 f. 

3) Kurioniotis, 'Ap3(. 'Ktp. 1910, 272. 5) Haller, Brief an seinen Bruder. Herausg. von 

1) Stackeiberg, Apollo-Tempel von Phigalia. 1826, Bergau, Grenzboten 1875, I Beibl., 212 f. 

41. — Cockerell, The Temples of Minerva at '>) Donaldson, Altertümer von Athen. Supp!.- 

Aegina and of Apollo at Phigalia. 1860, 44. — Band. Text, 120. 

Travels in Southern Europe and the Levant, 7) Cockerell, Journal 216 — 217. 



t/ß Margarete Gutscliow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



wichtigsten Funde, der Fries und mehrere Architekturstücke, auf steilen Gebirgswegen 
von Menschen und Lasttieren nach dem mehrere Tagereisen entfernten Hafen Scala 
de Bazi gebracht '), um nach Zante eingeschifft zu werden. Unterwegs wurden sie 
von Türken überfallen, die glaubten, daß es sich um Gold und Silber handle »). Aber 
es gelang, das gute Einvernehmen wieder herzustellen, die Kunstwerke ins Schiff und 
unter Bedeckung englischer Kanonenboote als Schutz vor kreuzenden französischen 
Korsaren in Sicherheit zu bringen. Bei diesem Unternehmen, so berichtet Cockerells 
Sohn 3), ging das korinthische Kapitell zugrunde. Um den erregten Türken zu ent- 
gehen, mußten die schweren Marmorblöcke in großer Eile auf das Schiff geborgen 
werden. »The capital in question which was more ponderous than the rest, was still 
Standing half in, half out of the water . . . The boat had to put off without it, and the 
travellers had the mortification of seeing it hacked topieccs by theTurks in theirfury 
of having been foiled.« 

Also danach ist das Kapitell 1812, kurz nachdem es von Haller gemessen und ge- 
zeichnet worden — folglich noch einigermaßen gut erhalten war — von den Türken 
fern am Meer zerschlagen. 

Aber dazu stimmt nicht, daß zwischen 1814 und 1817 der englische Architekt 
Th. Allason in Phigalia eine Skizze vom selben Kapitell gemacht haben will, die er 
später dem Architekten Donaldson zur Veröffentlichung überließ 4) (Abb. 2). Doch 
war es in einem so zerstückelten Zustande und »der Maße von demselben so wenige« 
(S. 18), daß er von einer Restauration absehen mußte, da eine befriedigende und be- 
gründete Ergänzung unmöglich war. 

1819 hat Donaldson selbst das wertvolle Bruchstück in Phigalia nicht mehr ge- 
funden, und er beklagt in seiner Arbeit, daß die »dummdreiste Zerstörungswut der 
Eingeborenen ein so interessantes Beispiel zerschlagen habe« (S. 122, 140). 

1825 schreibt auch Stackeiberg (S. 27, Anm. 24), daß nach Aussagen von Reisenden 
die »architektonischen Verzierungen« verschleppt und nicht mehr vorhanden seien. 

Im Anfang des 20. Jahrhtinderts aber wurden jene von Rhomaios veröffent- 
lichten Bruchstücke gefunden. 

Diese Angaben beruhen alle auf derselben Voraussetzung, die durch AUasons 
Zeichnung zur Tatsache wird, daß das Kapitell in der Ruinenstättc geblieben ist. 
Die Überlieferung der ersten Nachricht hält also nicht stand. Zu erwägen ist, daß 
Cockerell selbst bei der Einschiffung der Kunstwerke nicht zugegen war und daß sein 
Sohn nach vielen Jahren davon erzählt nach mündlichen Berichten des Vaters, die 
wieder auf die Erzählungen anderer zurückgehen. Keiner der Augenzeugen, Haller 
oder Stackeiberg, so eingehend sie die Schwierigkeiten des Transports schildern, er- 
wähnt etwas davon 5). Nur die Zerstörung selbst ist als richtig anzusehen, da schon 
Allason keine genauen Maße mehr nehmen konnte. 



") Haller, S. 260. 4) Donaldson, Antiquities of Athens. Suppl. Taf, 

«) Stackeiberg, S. 26. IX. 

3) Hinweis von Engelmann, Östcrr. Jahresh. 5) Vielleicht liegt eine Verwechslung mit einem 
XI 1907, Beibl. 106. der jonischen Kapitelle vor, das zu den erwähn- 

ten fortgebrachten Architekturstücken gehörte. 



Margarete GUtschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. An 



Auch der Ausweg, daß «twa mehrere korinthische Kapitelle vorhanden gewesen 
seien, von denen eins zur Küste weggebracht sei, führt nicht weiter. Die Original- 
berichte sprechen ausdrücklich von der Säule und dem Kapitell — »isolated co- 
lumn«, »Single column«, »das korinthische Kapitell, der nach Zahl und Art einzige 
Zug an unscrm Gebäude« usw '). Es bleibt nur die Feststellung möglich (auch aus 
später noch zu erörternden technischen Momenten), daß es nur ein Kapitell gab und 
daß dieses zwischen 1817 und 18 zerschlagen worden ist, und zwar im Tempel selbst, 
so daß die dort gefundenen Bruchstücke von eben diesem Exemplar stammen. 

Aber sprechendere Zeugen seines Vorhandenseins als diese unbedeutenden 
Fragmente sind die Handzeichnungen und Rekonstruktionen, die in der kurzen Zeit, 
in der es vor aller Augen dalag, von ihm gemacht worden sind: Haller, Cockerell, 
Stackeiberg und Allason ^) haben es gezeichnet 3). Aber von diesen Originalaufnahmen 
ist nur Allasons Skizze von Donaldson — ohne jeden Zusatz wie es scheint — ver- 
öffentlicht worden; Cockerells und Stackeibergs kennen wir nur durch Rekonstruk- 
tionen, die sie viele Jahre später nach ihren Skizzen angefertigt haben. Hallers Hand- 
zeichnungensindleiderbishernoch unveröffentlicht, und gradesie scheinen, nachseinen 
Briefen (S. 210, 212, 260) und den Berichten seiner Freunde zu urteilen, mit der 
größten Zuverlässigkeit und Treue ausgeführt zu sein. Beim ersten kurzen Aufenthalt 
im Tempel nahm er mit Cockerell gemeinsam die Maße; beim zweiten dreimonatlichen 
widmete er sich »in rastlosem Bemühen so gründlich wie möglich zu sein, für sein und 
des abwesenden Freundes Interesse« ausschließlich der Architektur des Tempels, und 
zwar »mit glücklichem Erfolge«. »Spähenden Auges wachte er drüber, daß ihm auch 
nicht der kleinste Teil eines architektonischen Gliedes entginge.« Den folgenden 
Sommer verbrachte er still auf dem Lande, um zusammen mit dem zurückgekehrten 
Cockerell an den Plänen und Zeichnungen zu arbeiten und die Herausgabe eines Werks 
über die Funde von Aegina und Phigalia vorzubereiten. Cockerell aber erkrankte 
schwer und wurde dadurch am Mitarbeiten gehindert (Journal S. 220). Er hat Phi- 
galia nach jenem ersten Besuch vom Jahre 181 1 erst 181 5 bei eihem kurzen Abstecher 
auf seiner Heimreise wiedergesehen (S. 268) 4), als — wenigstens nach seiner eignen 

') Cockerell, Apollo-Tempel 48, 66. — Donaldson Durm, Österr. Jahresh. IX 1906, 289 berichtigt 

122. Ricgl, übersieht aber dabei, daß die von Riegl 

^) Cockerell, Journal 219 erwähnt eine weitere »dem Sammelwerk entnommene Rekonstruk- 

Zeichnung von Foster im Phigalia Room des tion, an dessen Spitze der Name Cockerell steht«, 

British Museum. Sie ist nicht publiziert, wird tatsächlich die von Donaldson veröffentlichte 

im Katalog auch nicht angegeben. Zeichnung Allasons ist und nichts mit Cockerell' 

3) Diese Zeichnungen werden häufig miteinander zu tun hat. — Unverständlich bleibt auch 

verwechselt, scheinen z. T. auch wenig gekannt Rhomaios' Äußerung über die Abbildung bei 

zusein. Z. B. Chipiez, Histoire critique des ori- »Donaldson-Cockerell«. — Kavvadias a. a. 0. 174 

gines des ordres grecs 1876, 296 verwechselt geht bei seiner Besprechung des Kapitells nur 

Stackeiberg und AUason-Donaldson. — Riegl, auf Cockerell und Stackeiberg zurück, erwähnt 

Stilfragen 224 ff. gründet seine Theorie über aber AUaaon-Donaldson und Haller mit keinem 

die Entstehung des korinthischen Stils allein Wort. 

auf Stackeiberg und Donaldson, ohne die wich- ^) Hution, J. H. S. XXIX 1909, 55 erwähnt, daß 

tige Rekonstruktion Cockerells zu erwähnen. — er 4 Skizzen vom Tempel gemacht habe. 



48 



Margarete Gutschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



Aussage — das korinthische Kapitell schon nicht mehr vorhanden, nach Donaldsons 
Angabe zerstückelt worden war. 

Bröndstedt ') spricht von Hallers und Cockerells gründlichen architektonischen 
Untersuchungen unter besonderer Hervorhebung von Hallers Zuverlässigkeit und 
strenger Pflichterfüllung. 

Stackeiberg betont (S. 27 Anm. 24), daß beide Freunde von der Architektur 
des Tempels »sowohl vom Ganzen als von den Einzelheiten« die genauesten Zeich- 
nungen und Messungen genommen haben, »deren Bekanntmachung alle Wünsche 
zu befriedigen vermag«. 

Jedoch wichtiger als diese Aussagen ist Cockerells eignes Urteil. Er bedauert, 
daß er unglücklicherweise bei der Grabung abwesend sein mußte. Aber »the well-' 

known care of the conscentious and accom- 
-^ plished Malier, evinced in the elaborate 

and precious documents of the ultimate 
examination, constitutcs a guarantee to the 
accuracy of the rcsult, which claims the 
füllest confidcnce«^). Also die Zeichnungen 
des Freundes sind für ihn maßgebend, nicht 
seine eignen. Hingegen finden Stackel- 
bcrgs und Donaldsons Veröffentlichungen 
(s. unten S. 49) nicht seinen unbedingten 
Beifall 3). Einer eingehenden Kritik 
Stackeibergs möchte er sich enthalten; er 
empfiehlt nur, seine Stiche mit andern zu 
vergleichen. Donaldsons Veröffentlichun- 
gen aber hätte.- den Nachteil, daß ihr Verfasser nicht an den ersten Funden als »original- 
excavator« voi. lebendigen Hoffnungen beseelt, teilgehabt, sondern nur als Reisender 
einige Jahre später den Tempel gesehen hätte; infolgedessen sei manches unrichtig 
aufgefaßt. Aus diesen Tatsachen und Urteilen muß man schließen, daß Haller es 
war, der am meisten Zeit, Eifer, Ausdauer und Gründlichkeit an das Studium 
der Tempelarchitektur gewandt hat, daß man also seinen Zeichnungen unbedingt 
'Glauben schenken kann. — Kommt man nun durch gründliches Prüfen und Ver- 
gleichen der Originalaufnahmen zu demselben Ergebnis.? 

I. Als Erster gab 1826 Stackeiberg seine Arbeiten über Phigalia in dem großen 
Prachtwerk ,,Der Apollo-Tempel zu Bassae bei Phigalia" heraus. Auf Taf. HI sieht 
man im Innern der wohlgeordneten und gut aufgeräumten Ruine das fragliche 
Kapitell umgestürzt auf einer Säulentrommel liegen, und am Schluß des ersten 
Kapitels über die Architektur des Tempels, S. 44, gibt er es rekonstruiert in einer 
kleinen feinen Vignette wieder (Abb. l). 




Abb. I. Kapitell von Phigalia, nach Stackelberg. 



') Reisen und Untersuchungen in^Griechen- 
land. Deutsche Ausg. 1826. Vorrede S. 
XII f. 

') Apollo-Temple at Phigalia, 45. 



3) Blouets Veröffentlichung in der Exped. scient. 
de la Mor^e II. Paris 1833, die Cockerell auch 
bespricht, kommt für unser Thema nicht in Be- 
tracht. 



Margarete ' Gütschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



49 



Ein niedriger Kranz von 8 scharf gezackten und derb gerippten Blättern umgibt 
den Fuß des hohen und breiten Kalathos. Unter den 4 Ecken der Deckplatte wachsen 
4 große Blätter ähnlicher Form zu kleinen Voluten stützend hinauf. Sie verdecken 
deren Stengel, ebenso wie den Ansatz der mächtigen, fest um ein Auge aufgerollten 
Mittelspiralen, des auffallendsten Teils des ganzen Kapitells. Eine schmale Palmcttc 
entwächst dem Spiralzwickel ; rechts und links von ihr sind dem kahlen Kalathos 
schlanke spitze Blätter, ähnlich denen der Schwertlilie, aufgemalt, oder wie Stackel- 
berg S. 42 sagt, durch Eindringen einer fressenden Beize eingeätzt. Der Abakus ist 
mit einem ebenfalls gemalten Mäander verziert. 

Im Text S. 26 schreibt er: »Die 
Blätter sind weder vom Ölbaum, noch 
vom Akanthos, sondern von konventio- 
neller Form, einer Wasserpflanze im 
Steinsinn nachgebildet.« Beim ersten 
Blick glaubt man in dieser »konventio- 
nellen Form« die Palmette zu erkennen. 
Denn wie bei dieser laufen alle Rippen 
radial dem Blattfuß zu. Aber — dem 
Wesen der Palmette zuwider — gehn sie 
von dem Blattzacken aus und bilden 
Fächer mit konkaver Einbuchtung von 
Spitze zu Spitze, wie man es auch beim y^^b. 
Akanthosblatt findet '). Die der Pal- 
mette hingegen sind konvex und leicht gewölbt 2). Also hat Stackelbcrg die Blätter 
unwillkürlich dem Akanthos angenähert, obgleich er ausdrücklich .versichert, daß 
ihm ihre Form nicht entnommen ist 3). 

Es ist, wie Stackeiberg selbst sagt (S. 27, Anm. 24), »eine nur nach einem flüch- 
tigen Entwurf versuchte Ergänzung« 4), vierzehn Jahre, nachdem er das Kapitell 
gesehen hatte, entstanden. Als wenn er selbst an seiner Zuverlässigkeit zweifle, ver- 
weist er auf die Untersuchungen Hallers und Cockerells (s. oben), »wodurch von jenen 
in ihrer Art einzigen Kapitalen wenigstens treue Abbildungen für die Nachwelt 
bleiben«. Hielte er 'seine eigene Wiedergabe für unbedingt getreu, würde er dies wohl 
nicht so ausdrücklich von denen seiner Gefährten versichern. 




2. Kapitell von Phigalia, nach Allason-Donaldson. 



') Z. B. beim Karnies der Nordtür des Erech- 
theions. Meurer, Jahrb. d. Inst. XI 1896, 142, 
Abb. 35; \Vi ter, Kunstgesch. in Bildern' I, 17, i. 
Die Rippen laufen hier aber einer gemeinsamen 
Mittelrippe zu. 

') Vgl. hierzu Meurer, S. 142, Abb. 36. 

3) Riegls A-uffassung, S. 224 — 26, daß aus diesem 
Grunde das Stackelbergsche Kapitell die richtige 
Form wiedergebe, wird von Durm, österr. Jah- 
rcsh. IX 1906, 287 ff. widerlegt. 

J-ihrhuoh des arehänU g-ischen Instituts XXXVI. 



4) Nicht wie Puchstein, Das ionische Capitell, Berl. 
VVinck.-Pr .1887, 29, annimmt, eine von Haller 
herrührende Ansicht. Haller sagt a. a. 0., 260: 
»Unser Stackelbcrg macht vortreffliche male- 
rische Zeichnungen davon.« Die meisten dieser 
Zeichnungen wurden auf einer Reise durch 
Thessalien von Räubern, die ihn gefangen 
nahmen, vorseincnAugen in Stückegerissen. S. 
Cockerell, Journal 223. Hughes, Travels in 
Sicily, Graecia and Albania. 1820. I, S. 251. 

4 



50 



Margarete äutschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



2. Im Jahre 1830 veröffentlicht Donaldson im Supplement-Band zu Stuart- 
Revetts »Antiquities of Athens and other Places«, den er gemeinsam mit Cockerell, 
Kinnard u. a. herausgibt, seine Forschungen über Phigalia. In der deutschen Aus- 
gabe 1833 Kap. 3 Taf. IX findet man eine flüchtige, mit wenigen festen Strichen ge- 
gebene Skizze des korinthischen Kapitells, die ihm Allason überlassen hat (Abb. 2). 
Donaldson sagt im Text S. 140, daß Allason während eines kurzen Aufenthalts im 
Tempel freilich nur wenige flüchtige Bemerkungen zu machen Zeit hatte, deren Ge- 
nauigkeit aber durch andre Autoritäten vollkommen bestätigt sei. Da es ihm aus Zeit- 
mangel nicht möglich war, sich in Einzelheiten zu vertiefen, gab er nur wenig, aber 
man möchte meinen, daß dies Wenige getreu niedergezeichnet ist, höchstens hat er 
bei der Stilisierung des Kranzes nachträglich seine Phantasie walten lassen. 




Abb. 3. Kapitell von Phigalia, Cockerells Skisze. 



Was seiner Aufnahme gegenüber den andern besondern Wert verleiht, ist, daß 
er es in Unteransicht gezeichnet hat: an der beschatteten, rauhen und ungleichen 
Fläche sieht man, daß der untere Teil des Kapitells abgebrochen ist. Deshalb kann 
man auch nicht erkennen, auf welche Weise der einfache Kranz breiter, oben ge- 
rundeter überfallender Blätter — Wasserlaub, wie Stackeiberg sagt, kein Akanthos — 
endigt. Man kann nicht klar sehen, ob diese Blattform die ursprüngliche oder 
durch den Bruch und die Zerstörung aller Einzelformen des Blattüberfalls zu ver- 
stehen ist. Jedenfalls sind die über dem Blattkranz breit ansetzenden, spitz aus- 
laufenden Stützblätter — je zwei sind übereinander geschichtet — einer andern 
Blattart entnommen. Innenzeichnung fehlt, nur die Mittelrippe ist durch einen Dop- 
pelstrich angedeutet. — Die Mittelspiralen gleichen denen der Stackelbergschen Ab- 
bildung, entwachsen aber auf einem Stengel dem untern Blattkranz. Die Palmette 
ist diesmal kleiner und entspringt einem Kelch von Akanthosblättern. Je 4 Striche 
rechts und links davon deuten die Stengel der Eckvoluten an, die schon tief- 
ansetzend sichtbar gewesen sein müssen. Alles andere fehlt, so daß man die runde, 
nach oben sich verbreiternde Form des steilen Kalathos gut erkennen kann. Der 



Margarete Gtttscfaow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



51 



Abakus ist abgestoßen ; er gleicht in seiner hohen, konkav geschwungenen Form dem 
des Stackelbergschen Stiches, aber nicht in der Malerei, die keinen Mäander, sondern 
ein unzusammenhängendes, an ihn erinnerndes Muster gibt und es am obern Rande 
fortlaufend kleiner wiederholt. 

3. Erst als Greis gibt Cockerell 1860 seine Arbeiten über Phigalia heraus in dem 
großen Werk: »The Minerva-Temple at Aegina and the Apollo-Temple at Phigalia«. 
Auf Taf. XV bildet er zwei Fassungen des korinthischen Kapitells ab: eine Skizze 
(Abb. 3) und eine in manchen Einzelheiten von ihr abweichende Rekonstruktion 
(Abb. 5). Obwohl er S. 58 ausdrücklich sagt: »Fig. i shows the cap as found in the 
Temple, the lower part unfortunately broken away«, gibt er doch kein realistisches 
Bild wie Allason, sondern läßt den Kranz kleiner Blätter geradlinig, nur mit Angabe 
abgestoßener Stellen abschließen. Die breit überfallenden Blätter haben bewegten 
Umriß und viel Innenzeichnung, 
ebenfalls die Seitenblätter. Trotz- 
dem lassen sie keine klare Form 
erkennen. Unverständlich bleibt 
auch der obere Teil der Stütz- 
blätter: von den hinter und unter 
ihm liegenden Blattenden ist er 
durch festen Umriß und Mangel an 
Innenzeichnung deutlich unter- 
schieden. Die danebenstehenden 
Detailskizzen, Fig. 3 und 4, geben 
ihnen eine wunderliche Bildung, 
etwa ein Mittelding zwischen 
Blattform und Lanzenspitze (Abb. 4). 

Die Ansatzstellcn der Mittelspiralen, die denen der andern Abbildungen in der 
Form gleichen, sind untereinander verschieden. Die linke entspringt mit einem 
größtenteils sichtbaren Stengel dem Blattkranz, die rechte dagegen kommt stengel- 
los hinter Volutenstengel und Eckblatt hervor i). Dem Akanthoskelch des Zwickels 
entsteigt die breite, oben abgebrochene Palmette. Neben ihr sind gemalte hohe 
Blätter angedeutet wie bei Stackeiberg. Reste der Eckvoluten sind unter dem Aba- 
kus sichtbar, der nicht geschwungen, sondern eben und steil ist; seine gemalten Zier- 
leisten ähneln denen des Allason-Donaldsonschcn Kapitells mit dem Unterschied, 
daß am oberen Rand Punkte statt des Musters angebracht sind. Ein Kyma schließt 
die Deckplatte ab. Das Kapitell ist gedrungener und weniger hoch als bei Allason- 

Donaldson. 

Aus dieser Skizze ist die schematische Rekonstruktion auf derselben Tafel ») 




Abli. 4. Cockerells Detailskizzen. 



I) Cockerell sagt S. 58, die Seiten des Kapitells 
seien untereinander verschieden gewesen, daher 
wohl diese Abweichungen in der Zeichnung. 

') a. a. O. Taf. XV 2. Durm hat diese »im Ver- 
trauen auf Stackeibergs gute Empfehlung« in 



sein Handbuch der griechischen Architektur 
19093, 346, Abb. 331 aufgenommen. Aus diesem 
ist sie in andere Handbücher übergegangen: 
Springer-Michaelis-Woltcrs ■», 1915, Abb. 310 
mit dem Zusatz »im einzelnen ist die Wieder- 

4* 



52 



Margarete Gutschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



entstanden, die kleine Änderungen zeigt (Abb. 5). Willkürlich ergänzt sind die Eck- 
voluten. Die Palmette ist schlank geworden und bis zum Abakus in die Höhe ge- 
wachsen. Die Stützblätter sind vielfältig gelappt und sanft gezackt. Das wunder- 
liche Gebilde der »Lanzenspitzc« verleugnet gänzlich seine Zugehörigkeit zum Blatt- 
werk — es ist nicht mehr von ihm eingefaßt, sondern bekrönt es selbständig. Ein 
kleines Blättchen ist vorn zwischen den Ansatz des Stützblattes und der Spirale, 
die nun dem Kranz entspringt, eingeschoben. Die Kranzblätter haben einen viel- 
gegliederten, klein gezackten Umriß erhalten in der Art der späteren korinthischen 
Kapitelle römischer Zeit — sie sind zum Akanthos geworden — und ein zweiter Kranz 
ist dem ersten hinzugefügt. 

Wie ist diese Rekonstruktion fast 50 Jahre später als die Skizze zustande ge- 
kommen? i) Dem alten Mann war manches aus dem Gedächtnis entschwunden, 

was den jungen eingehend beschäftigt hatte, 
und deshalb hat er, wie Furtwängler Aegina I, 
S. 12 und 24 sagt, seine ursprünglichen Zeich- 
nungen nicht genug ausgenutzt; er nahm Hallers 
Arbeiten zu Hilfe, die er z. T. besaß, z. T. aus 
Straßburg erhielt. »Wie weit Cockerell sein 
Material durch Hallers handschriftlichen Nach- 
laß vervollständigt hat, erhellt z. B. auch daraus, 
daß zwischen seinen englischen Notizen, die die 
Zeichnungen erläutern, auch solche französischer 
Sprache stehen, wie sie wörtlich oder fast gleich 
auf J-Iallers Blättern wiederkehren. « Auch sei 
die Gruppierung der Skizzen mitunter ganz 
gleichartig. 

Diese Worte gelten zwar den Arbeiten über 
Aegina, aber mit noch besserem Recht kann man sie auf seine Studien über Phigalia 
anwenden: auch diese werden unter dem Einfluß Hallcrscher Auffassung gestanden 
haben. Denn in Aegina war Cockerell stets mit dem Freunde zusammen anwesend 
und kannte selbst alle Einzelheiten genau; den wichtigsten und eingehendsten Unter- 




innriH 

Abb. 5. Cockerells Rekonstruktion. 



herstellung unsicher.« — Winter, Kunstgesch. 
in Bild.' I, 17, 4 Noack, Baukunst, Abb. 8, 
S. 50. — Woermann, Gesch. der Kunst" 1915 
Abb. 302. — Benoit, L'architecture Abb. 249". 
— Ganz alleinstehend ist die von .Manch, Die 
architektonischen Ordnungen der Griechen und 
Römer Taf. 40 gebrachte und von Egle, Baustil- 
und Bauformenlehre .\bt. IV Taf. 56 über- 
nommene Rekonstruktion. Sie zeigt einen nie- 
drigen Kranz aus »Wasserlaub« mit starker 
Mittelrippe und umsäumtem Rand, zwei .Stiitz- 
blätter übereinander, scharf gezackt mit Paral- 
lelrippen, offenbar nach .Mlason-Donaldson, 



und Volutenstengel, die in einer Blattscheide 
stecken. Dies Motiv, das an Akroterien und 
Simen schon im letzten Drittel des 5. Jhrhdts. 
vorkommt, fehlt noch ganz an Kapitellen, die 
jünger sind als das unsrige. Offenbar haben die 
Volutenstengel des etwa 100 Jahre jüngeren 
Kapitells vom Lysikrates-Monument Manch als 
Vorbild gedient. 
') Falls die Skizze nicht vor dem Original ent- 
standen, sondern später aus Einzelskizzen zu- 
sammengesetzt ist. Aber das ist nicht zu ent- 
scheiden, solange Cockerells Handzeichnungen 
für Deutschland unerreichbar sind. 



Jahrbuch des Instituts XXXVI 1921 



X I 



1. (S.212J 1:1 






2. (S. 2121 U 



u 



I 6 t 



2 ; 



Z\ 






-^ 



yim 



'^W 



-4t— ^' 



4. fS.29j 1:1 



-1 '-' - 



1-- 



- ;^ 










w 






k 



%i 






f 






ig 



/ -^^s 



VC 



7. /^5. 2/2/ /.-S 




-k 



Haller von Hallersteins Handzeichnungen 

(nach Pause, z 



Jahrbuch des Instituts 



12. 



7...- 



„^ r- ~ C3 : 



i,=rlL 



> . 



:ij^ ODor 



Haller vo 



XXXVI 1921 



Beilage II, zu S. 53 ff. 




10. CS. 213) 2:3 







14. (S.223) 1:1 



iiMä—. 



\L 



11. (S. 137) 1:1 
'I I U ~' I 

a 











lÄhfy^Ä^A 



■w^ 




(S. 137) 1:1 
's 



ii ^''?' "^ 1'--- 

D c B p C -£"■ 3fc ■ 



75. (S. 223) 1:3 






DO tmrjocir cZJi 



*a 



:^^^^ 



'I (I 



oninrgimiTrrnaTT I 1 1 i.ii i,iiJit-l-U^ 



V« 



n Hallersteins Handzeichnungen des korinthischen Kapitells von Phigalia 
[nach Pause, z. T. reduziert). 



Margarete GUtschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. r^ 



suchungen inPhigalia blieb er aber fern — Grund genug um des Freundes Zeichnungen 
für verläßlicher als seine eigenen zu halten, wie er selbst gesteht (s. oben S. 48). 

4. Hallers schriftlicher und zeichnerischer Nachlaß ist der Nachwelt so gut wie 
unbekannt. Schon 1817 ist er gestorben, ehe er etwas von der vielseitigen Ausbeute 
seiner griechischen Reisen veröffentlichen -konnte. Sein Bruder wollte die Bekannt- 
machung seiner architektonischen Untersuchungen Cockcrell überlassen ^), und dieser 
bestätigt in seinem Phigaliawerk S. 45, daß sie in seinem Besitz sind. Aber veröffent- 
licht hat er sie nicht. Meurer ') hat Einzelskizzen Hallcrs, die Phigalia betreffen, in 
englischem Privatbesitz eingesehen, sagt aber leidernicht, wo und ob sie aus Cockerells 
Nachlaß stammen. Jedoch der größte Teil von Hallers Aufzeichnungen wird in der 
Universitätsbibliothek in Straßburg aufbewahrt und ist, wie mir Professor Dörpfeld 
sagte, in den letzten Jahren noch vermehrt worden durch eine Reinschrift seines Tage- 
buches und durch Handskizzen, die aus Adlers Besitz in die Bibliothek des Archäo- 
logischen Instituts in Athen und von dort nach Straßburg gekommen sind 3). Leider 
wird dieser mir unbekannte Teil seiner Zeichnungen auch fernerhin unzugänglich für 
mich bleiben, wie er es schon während des Krieges war. 

Eine Abbildung des Kapitells auf einem dieser Blätter erledigt Durm, Österr. 
Jahresh. IX 1906, 291 mit dem Zusatz, daß sie sich von Cockerells Abbildung in nichts 
.unterscheide, ohne zu verraten, ob er dabei Cockerells Skizze oder Rekonstruktion 
im Sinne hat. »Der Blätterkranz ist dort wie hier fragmentarisch ohne bestimmte 
Endigung nach unten angegeben, womit die Weisheit zu Ende ist« — auch die von 
Durm. Und auch Rhomaios, der die Tagebücher aus Straßburg erhalten hatte, läßt 
nicht erkennen, in welcher Weise er sie verwertet hat. 

Mir liegen glücklicherweise Pausen vor, die Vorjahren F. Noack von diesen Hand- 
zeichnungen hatte machen können und die er mir freundlicherweise zur Verfügung 
gestellt hat (Beil. I u. II). Nach ihnen zu schließen, waren Hallers Skizzen äußerst 
sorgfältig und genau mit festen, feinen Strichen ausgeführt. Einzelne schematische 
Zeichnungen sind mit Maßen versehen, andere geben durch gute Licht- und Schatten- 
verteilung die plastische Wirkung wieder. Da alle Teile des Kapitells mehrfach in 
verschiedenen Ansichten und verschiedenen Größenverhältnissen gezeichnet und in 
allen Einzelheiten sorgsam durchgeführt sind, so sind diese Zeichnungen ergiebiger 
für die Hauptformen des Kapitells als alle anderen. 

Erläuterung der Beilagen I u. II. 

1. (S. 212)4) Profil des Kalathos mit Maßangaben. 

2. (S. 212) Schnitt durch den graden hohen Abakus mit schmalem Kyma und durch den Kalathos 
mit Angabe der erhöhten Spiralsäume und des Einsatzloches für das Auge. Angabe einer Mittel- 
spirale und einer zweiten Blattreihe unter wagerechtem Abschlußstrich. 

3. (S. 212) Teil des Kalathos mit Blattkranz und Stützblättern in Vorder- und Profilansicht; an- 
scheinend zwei übereinander (a, b). Spiralansatz. Eckvoluten fehlen. 

4. (S. 29) Mittelslück. Unterer Abschluß durch zwei gerade Striche gegeben. Kranz aus vorderen (a) 



■) s. K. Otfr. Müller, Göttinger gel. Anzeigen 1832, -) Formenlehre des Ornaments S. 520. 

Nr. 86, S. 85. 3) Michaelis, Alh. Mitt. XXI 1896, 121, Anm. i. 

4) Seitenangabe von Hallers Tagebuch. 



e^ Margarete Gtttscho'w, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



und hinteren (b) Blättern. Gezackte Stutzblätter im Profil, zwei Übereinander (c, d), darüber Vo- 
lutenstenge]. Mittelspiralc. Rechte Seite der Palniette ausgeführt. Links Akanthoskelchblatt. 

5. (S. 219) Mittelspirale nach rechts und 6. (S. 225) nach links aufgerollt. Ansatz des gefurchten 
Volutenstengcls, der mit Spirale gemeinsam hinter Stützblatt entspringt, und zwar so, daß der 
Spiralsaum ihn überschneidet. Breite flache Spiralgänge mit erhöhten Stegen und großem Auge 
als Mittelpunkt. 

7. (S. 212) und 8. (S. 212) Stutzblätter mit .Ansätzen von Spiralen und V'olutenstcngel, Je zwei Blätter 
übereinander (a und b). Gezackte, spitz auslaufende Form mit Kiederrippung. Bei 8 Angabe des 
Kranzes (c) mit breitem, abgestoßenem Überfall. Schwer zu verstehen bleibt der außer der Mittel- 
rippe an Innenzeichnung freie Teil unter der Blattspitzc mit gesondertem Umriß ; bei 8 als Dreieck, 
bei 7 ähnlich Cockerells Skizze T. XV 3 u. 4 (Abb. 4). Waren diese Stellen stark bestoßen und 
fehlt deshalb die Angabe der F.mzelformen? — freilich eine seltsame Duplizität der Fälle — oder 
war noch eine dritte Blattspitze eingeschoben.' 

9. (S. 211) Einzelheiten des eiförmigen Palmettenansatzes mit seitlichen Akanthosblättcrn zwischen 
Spirale und Palmette; diese geschlossen, ihre beiden äußersten Blätter stark geschwungen, die 
inneren steil. Oberer Rand verstoßen. 

10. (S. 213) Schematische Zeichnung und Maßangaben von Kranz, Spirale, Palmette und Kelch. 

11. (S. 137) Oberes Mittelstück mit Spiralzwickeln und P.ilmettc, rechts und links die gemalten 
»Schwertlilienblätter« (s. oben S. 49). Darüber leichte Angabe des geometrischen Musters auf 
dem Abakus. Nebenstehend zwei gemalte Blätter vergrößert mit hinzugesetzter Bemerkung »peint 
encaustique«. 

12. (S. 137) Einzelheiten des Abakusornaments. 

13. (S. 223) Dasselbe: geradlinige Reihen aus klemen (Quadraten teilen die Fläche in Rechtecke, 
in diesen ein geometrisches Muster durch parallel laufende Linien. Unter den .^bakusecken Reste 
der abgebrochenen Voluten (a). 

14. (S. 223) Fein geschwungenes Kyma mit gemaltem Blattüberfall, darüber kleines geometrisches 
Muster, ähnlich dem großen Abakusornament. 

Diese Zeichnungen rechtfertigen die Aussagen von Hallers Genossen: mit der 
größten Zuverlässigkeit und Genauigkeit sind sie durchgeführt und sind deshalb die 
beste und sicherste Quelle unserer Kenntnis dieses Kapitells. Stackeiberg arbeitete 
nach einer flüchtigen Zeichnung — Allason hatte keine Zeit, auf Einzelheiten ein- 
zugehen — Cockerells späten Veröffentlichungen fehlt die Unmittelbarkeit der An- 
schauung. An Hallers Zeichnungen ist nachträglich nichts verändert oder hinzu- 
gesetzt worden, keine verdunkelnde Erinnerung hat die vor dem Original gewonnene 
Auffassung beeinflußt. Die Zeichnungen der anderen können höchstens diesen oder 
Jenen Zug in seinen Aufnahmen bestätigen. Allason stimmt in den wenigen Haupt- 
formen, die er gibt, mit Haller überein — Cockerells Skizze (Abb. 3) auch in den 
meisten Einzelheiten. Jedoch für die Abänderungen bei seiner Rekonstruktion 
(Abb. 5) — die »adjustments«, die ersieh beim Radieren der Platte erlaubte ') — bieten 
Hallers Blätter keinen Anhalt, weder für die Form der Eckvoluten und die über ihnen 
eingeschobenen Blättchen, noch für die »Lanzenspitzen«, noch für die starke Lappung 
und Fältelung der Blätter. 

Welche Formen des Kapitells lassen sich nun aus Hallers Zeichnungen er- 
schließen.? Hatte Cockerell wirklich Grund, den Blattkranz zu verdoppeln und ihm 



') Cockerell, S. 45. — Rhomaios S. 60 macht ments Cockerells gesprochen zu haben, und über- 

l'uchstein den Vorwurf, fälschlich von adjuste- sieht, daß Puch?tcin, a. a. O. 29 nur Cockerells 

eigenen Ausdruck wiedergibt. 



Margarete Gütschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. e c 



trotz gegenteiliger Aussage Stackclbergs die Gestalt des Akanthos zu geben? Zu 
einem abschließenden Urteil wird man ohne Kenntnis der englischen und aus Athen 
nach Straßburg gekommenen Zeichnungen schwerlich kommen können. Die eben 
besprochenen Skizzen weisen nur einen einzigen Kranz auf außer einer Profilzeichnung 
des Kalathos mit Maßangaben (Nr. 2), auf der unter dem durch einen wagerechten 
Strich bezeichneten Abschluß ein weiterer Kranz angedeutet ist (a). Da aber sonst 
nirgends Spuren- eines solchen angegeben sind, scheint der Befund des Kapitells 
keinen Anlaß zu dieser Annahme gegeben zu haben. Haller mag sich durch den üb- 
lichen Doppelkranz der meisten korinthischen Kapitelle dazu berechtigt geglaubt 
haben, wie später Cockerclls Ausführung eines solchen ebenfalls aus der Konvention 
hervorging. Denn grade seiner Rekonstruktion (Abb. 5) hätte der zweite Kranz 
fehlen müssen. Im oberen Kranz schauen nämlich zwischen den vorderen die 
Spitzen zurückliegender Blätter hervor, er besteht also aus zwei Reihen gleich 
hoher Blätter. Naturgemäß aber findet man beim Ddppelkranz eipe solche Ein- 
schaltung rückwärtiger Blätter nie, denn der obere Kranz ist ja selbst identisch mit 
der ursprünglich zurückliegenden, dann in die Höhe gewachsenen Blattreihe. Ohne 
Grund jedoch scheint Cockerell diese Blattspitzen nicht angebracht zu haben. Auch 
auf seiner Skizze sind sie angegeben (Nr. 3 b), und bei eingehender Prüfung der 
Hallerschen Zeichnungen meint man trotz mancher Unklarheiten auch auf ihnen 
Reste solcher vor- und zurückliegenden Blätter zu erkennen (Nr. 3, c u. d. 4, e ü. f. 
10, a u. b). So hat möglicherweise Cockerell in seiner Rekonstruktion das Richtige 
getroffen, indem er eine Doppelreihe von Blättern im oberen Kranz zusammenschloß; 
den untern hätte er dann aber nicht hinzufügen dürfen '). In keinem Fall aber läßt 
sich aus den Handzeichnungen, ebensowenig wie aus Stackeibergs und Allasons 
Wiedergaben, ein zweiter unterer Kranz beweisen. 

Was die Blätter anbetrifft, so zeigen Hallers Skizzen sie mit so zerstörten Um- 
rissen, daß man von ihren Einzelformen wenig genug erkennen kann, und daher ist 
es schwer zu entscheiden, welcher Art sie waren — Akanthos oder »Wasserlaub«.'' 
Gegen den Akanthos sprechen die breiten Formen des Überfalls und der Mangel an 
Einzellappen und Zacken *) (falls diese nicht sämtlich abgestoßen waren), gegen das 
Wasserlaub der gebuchtete und bewegte Umriß und die mannigfache Inuenzeichnung, 
aus der man wohl auf die Parallelrippen des Akanthos, aber nicht auf die Fiederrippen 
des Wasserlaubs schließen kann. 

Der Vergleich Durms 3) mit den Bruchstücken vier verschiedener Kapitelle in 
Delphi, vermutlich von der großen Tholos, gibt auch keiijen festen Anhalt. Denn hier 

') Solche Einzelkränze aus vorderer unH hinterer Jahrb. d. Inst. XI 1896, 142, daß es sich um 

Blattreihe z. B. am Bau der Laodike in Milet, Blätter wie am Karnies der Nordtür vom 

Abh. Berl. Ak. 1911, 11, Abb. 2; Arch. Anz.' Erechtheion handle, hinfällig. Denn jene Blätter 

1911, 424 Abb. 2. — Kap. aus Paestum, Kolde- sind spitz, scharf gezackt und fiederrippig. 

wey-Puchstein, Griech. Tempel in Unteritalien 3) a. a. 0. S. 28S, T. f. 71. Wiederholt im Hand- 

u. Sizilien 33, .\bb. 31. — Mauch,_ a. a. 0., buch? 1909, Abb. 335. — Pomtow, Klio 1912, 

Taf. 40 u. a. m. Taf.V, 34, wo ein weiteres Stück hinzugekommen 

') Dieser Formen wegen ist Mcurers Annahme, ist. Zur Datierung Schede, Traufleistenornament 

55 f. Kilo 1913, 32. 



eg Margarete GUtschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



sind die bei Cockerell noch niedrigen hinteren Blätter in die Höhe gewachsen und bilden 
nun eine den vorderen gleichwertige Blattreihe. Das könnte bei dem jüngeren Bau 
eine Übergangsstufe von der niedrigen Schichtung von Phigalia zu der hohen vom 
Tholoskapitell von Epidauros sein. Zwei dieser Bruchstücke haben »Wasserlaub«, 
drei (auch ein vonDurm nicht abgebildetes fünftes) Akanthos, unter diesen grade dass 
Fragment I, das mit seiner großen flachen Spirale am meisten an das Phigalia- Kapi- 
tell erinnert. Somit ist Durms Annahme, der aus der delphischen Analogie ohne 
weiteres auf »Wasserlaub « schließen will, nichts weniger als überzeugend'). Vielmehr 
scheinen mir Hallers Skizzen im Gegensatz zu Durm auf Akanthos hinzuweisen. 

Akanthos möchte ich jedenfalls, und zwar in der Form wie am Türkarnies vom 
Erechtheion ^), für die Stützblätter der Eckvoluten in Anspruch nehmen. Hallers 
Skizzen Nr. 4, 7 u. 8 zeigen deutlich die spitz auslaufende Blattform und Reste scharfer 
Zacken, von denen aus die Rippen auf die Mittelachse zulaufen 3). Hier ist die gleiche 
Struktur wie dort. 

Die Form des Volutenstengels ist aus der Bruchstelle zu erkennen (Nr. 6 a) 
und scheint im Durchschnitt dreieckig A gewesen zu sein 4). Er durchschneidet 
den Kanal der Spirale (Nr. 5 a), indem er zwischen den einfassenden Stegen (b u. c) 
in die Höhe wächst; der Steg der Spirale, der ihren Stengel ersetzt, verschwindet im 
Blattwerk (b). Volutenstengel und Mittelspirale sind also eines Ursprungs 5). Ein 
wichtiges Motiv späterer korinthischer Kapitelle ist hier im ersten Keim vorhanden. 
Freilich mit dem Unterschied, daß hier die Spirale schwerfällig ohne Stengel dem 
Volutcnstengel anhaftet, ihre Nachkommen aber, die späteren Helices, schlank und 
hochgestengelt aus dem Hüllblatt herauswachsen. 

Die Palmette (Nr. 7, 9, 10, 11) seheint denen der Parthenon-Akroterien ähnlich 
gebildet zu sein *). Auf einem unteren Fächer (Nr. 9a) liegt ein zweiter, dessen Blätter 
dachförmig abfallende Flächen und anscheinend einen gerillten Rücken haben. 

Alle diese Einzelheiten erscheinen in ihrer Zusammensetzung unorganisch. Der 
plumpe Kalathos, das Mißverhältnis zwischen dem schüchternen Blattkranz und der 
kolossalen Spirale, deren Steifheit so schlecht zum Schmuck des gerundeten und sich 
leise wölbenden Kalathos paßt, der leere Raum über den Spiralen, den Malerei aus- 
füllen mußte,, der ungegliederte steile Abakus, das alles gibt den Eindruck eines ersten 
Versuchs. 

Für die aus Hallers Skizzen zu erschließende Gesamterscheinung fehlt vorläufig 
die Kontrolle der ins Ausland gelangten Zeichnungen. Wir müssen uns mit einem 

') Trotzdem Durm 1906 WasserlaJb für gesichert 4) Die übliche Form hingegen V oder u s. Schede, 

hält, bildet er 1909 in der 3. Aufl. seines Hand- a. a. 0. 45. 64. 

buchs Abb. 335 die Cockerellsche Rekonstruk- 5) Meurers JB€hauptung, Formenlehre des Orna- 
tion des Kap. mit deutlich als Akanthos gekenn- ments Sf 520, daß auf der englischen Zeichnung 
zeichneten Kränzen unverändert und ohne Hallers Volutenstengel vegetabilisch nicht ver- 
jeden Zusatz wieder ab. bunden seien, sondern nebeneinander stehen, 

^) s. oben S. 5 , .\nm. 2. trifft also für die Straßburger Zeichnungen 

1) Zu den kleinen Verschiedenheiten der Skizzen nicht zu. 

vgl. oben S. 51. Anni. i. '') Praschnikcr, Östcrr. Jahresh. XIIl 1910, 

Abb. 12. 



Margarete GUtschow, Untersuchungen zum Ijorinthisclien Kapitell. I. 57 



Vergleich mit den von Rhomaios veröffentlichten Bruchstücken begnügen. Das 
wichtige Fragment a (Apy. 'E<p. 1914, 59) ist aber nur zu verstehen, wenn wir 
es uns anders aufgestellt denken, so daß die jetzt linke Seitenfläche die untere ist. 
Zwei verschiedene Blätter sind zu unterscheiden. Zum Kranz kann das Stück nic^lt 
gehören, da dieser das Kapitell nach unten abschloß, hier aber noch ein großes, abge- 
stoßenes Stück des Marmorblocks zu sehen ist. Auch verlaufen die Adern und Rippen 
anders als auf den Handzeichnungen. Auf diesen sind sie ) oder ( gebogen, nirgends 
aber )) wie auf dem Fragment. So bleibt also nur das Stützblatt '). Wir wissen 
durch Haller, daß zwei Stützblätter übereinander standen. Ein Vergkich mit dessen 
Zeichnung (Nr. 6) läßt uns erkennen, daß wir es mit der linken Seite eines solchen 
Doppelblatts zu tun haben. Zeichnung wie Original geben die verschieden verlaufende 
Richtung der Rippen beider Blätter und ihre doppelte Linie wieder. Also ein Beweis 
mehr für die Treue der Hallerschen Wiedergaben. '; 

Die Fragmente ß, •;, S, s bestätigen die Form der Spirale, wie alle Abbildungen 
sie geben. Fragment s aber, das Rhomaios für ein Stück der Rhabdosis erklärt, kann 
man in der mangelhaften Wiedergabe nicht erkennen. 

Aus den Eckstücken des Abakus (S. 60) ergibt sich die Einbuchtung seiner 
Stirnseite sowie die Tatsache, daß die Voluten frei gearbeitet waren, denn die untere 
Fläche der Deckplatte bleibt hinter den Ansatzstellen der Voluten 8 cm frei. Das wird 
auch durch Cockerells Originalzeichnung (Taf. XV »angular section«) bewiesen, 
auf der die Bruchstelle des Volutenstengels zwischen diesem und der Kalathosmasse 
einen freien Raum bezeugt. Rhomaios' Angaben und Durms Abbildungen »nach 
Cockerell« (Handbuchs Abb. 349 und a. a. 0. S. 288) sind in diesem Punkte irrig 2). 

Bisher haben wir das korinthische Kapitell lediglich als Einzelexistenz be- 
trachtet, losgelöst von seinem Säulenschaft, ohne Zusammenhang mit seiner Um- 
gebung, einem Tempel, dessen Fassade dorische, dessen Innenhof jonische Säulen 
schmückten. Der Bau ist nach seiner Datierung, die im wesentlichen durch den Namen 
Iktinos, seines genialen Schöpfers, sowie durch den Stil seiner Skulpturen gesichert 
ist 3), für uns der älteste, an dem alle drei Säulenordnungen gemeinsam vorkommen. 

Wenn Pausanias der korinthischen Säule keine Erwähnung tut, so ist zu be- 
denken, daß er auch den Wechsel der Stützenordnung im Innern nicht berührt. Die 
Sache hat ihn in diesem Fall nicht wie in Tegea interessiert. 

') Nicht als Teil der Spirale zu verstehen, wie man fest anlagen. Aber er ist gar nicht auf Cockerells 

aus der Form des Bruchs leicht schließen könnte. Originalradierung zurückgegangen; wenigstens 

Denn die Spiralgänge sind flacher; außerdem bringt er S. 60 Durms Nach- und Umbildung 

ist nach den Zeichnungen das Stützblatt nicht derselben (Handb. 349, Abb. 335) mit einem 

höher als die Spirale. Damit ist auch Rhomaios' Zusatz, der sich bei Cockerell nicht findet, einer 

Behauptung widerlegt, daß diese Blätter bis punktierten Linie am unteren Abschluß, die den 

zum Abakus reichten. Kranz andeuten soll. Und g rade die Volute, 

^) Rhomaios glaubt dadurch einen Fehler von auf die es Rhomaios ankommt, ist bei Durm und 

Cockerells Rekonstruktion widerlegt, auf der in Rhomaios' Wiederholung ungenau. 

seiner Meinung nach die Voluten dem Kalathos 3) Paus. VIII, 41, 9. Durms Zweifel a. a. O. 290 

unbegründet. 



58 Margarete Gütschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



Wo hat die korinthische Säule, ein Neuling inmitten der andern althergebrach- 
ten Ordnungen, ihren Platz gehabt? 

Außer dem Einzelkapitell wurden auch Bruchstücke einer Basis gefunden '), 
die sich in Aufbau, Ausführung und Material von den jonischen absondert. Man kann 
annehmen, daß Einzelbasis und Einzelkapitell zu einander gehören, um so mehr als 
beide aus dem gleichen Material, aus Marmor, gearbeitet sind, die jonischen aber aus 
Kalkstein. Stackeiberg Taf. IV, V, Donaldson Taf. II, und Cockerell Taf. II, IX— 
XII weisen übereinstimmend der Säule ihren festen Platz an auf der Grenze zwischen 
Innenhof und Cella, in der Mitte der nördlichen Schmalseite zwischen den jonischen 
Ecksäulen der beiden hintersten Zungcnwändc. Stackclbcrg (S. 41) setzt sie ohne 
Bedenken an diese Stelle, Donaldson weil sie als die einzige erscheint, wohin die ko- 
rinthischen Bruchstücke passen, denn nur dort unter dem schweren Architrav der 
Cella kann noch eine stützende Säule gestanden haben. Deshalb findet er sich mit 
dieser »grillenhaften« Sonderbarkeit der Stilmischung ab, wenn auch nicht ohne 
ästhetische Einwände (S. 126). 

Cockerell aber rühmt gerade in dieser Anordnung die Kunst des Iktinos: die 
gleichmäßig gestellten Mauerzungen mit den vorgelagerten jonischen Ilalbsäulen 
gliedern den Hof in harmonischer Weise und lenken den Blick auf den Eingang der 
eigentlichen Kultcella, eben dorthin, wo die korinthische Säule steht. Aber er fügt 
hinzu, daß vom Eingang und besonders von der dritten Säule aus gesehen die Mittel- 
säule mit den Ecksäulen eine Einheit bilde und man folglich auch auf diesen korinthi- 
sche Kapitelle erwarte. Zu dieser Vermutung können ja auch die oben (S. 46) er- 
wähnten Widersprüche über das Schicksal des Kapitells verleiten. Aber in den 
Publikationen haben die Ecksäulen die gleichen Basen wie die jonischen Säulen, 
werden also wohl auch die gleichen jonischen Kapitelle getragen haben. Außerdem 
hätten auf den Säulen, die den Mauerzungen vorgestellt waren, nur Dreiviertel- 
Kapitelle sitzen können. Das korinthische Kapitell aber war nach allen Aussagen 
und 'Zeichnungen ein gleichmäßig ausgeführtes Rundkapitell. — Die Interkolumnien 
zwischen Mittel- und Ecksäule — nach Cockerell 6, 4, 75 Fuß, fast 2 m lang — sind 
außerdem zu eng für etwaige Zwischenstützen mit korinthischen Kapitellen. So kann 
also doch nur eins vorhanden gewesen sein. 

Kavvadias hat bei seiner Untersuchung des Tempels auf dem Stylobat Spuren 
einer Säule an der angegebenen Stelle gefunden (S. 174 f.). »Es ist also außer allem 
Zweifel« sagt er, »daß im Tempel diese korinthische Säule gestanden hat, und zwar in 
Verbindung mit dem Bau — daß sie also gleichzeitig mit den anderen Säulen war. « 
Leider fehlt die technische Begründung dieser Behauptung, ebenso wie die Angabe, ob 
die Standspuren zu den Maßen der korinthischen Basis stimmen. 

Für den Standort der Säule wäre es wichtig, wenn Cockerells Versicherung 
(S. 48) stimmte, daß die Basis »in situ« gefunden sei') — eine Behauptung, die er noch 
zweimal in anderem Zusammenhang wiederholt (S. 56, 58). Stackeiberg aber schreibt 



') Cockerell, Taf. XV. Donaldson, Taf. IX. Kav- vadias, S. 174 f. erwähnt außerdem noch zwei 

Säulentrommeln. 
') S. seine Zeichnung von ihr Taf. X. 



Margarete GUtschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell, I. eg 



(S. 17): »der Fuß der einzelnen Säule mit dem Blätterknauf war nicht mehr auf dem 
umlaufenden Sockel befestigt, sondern aus ihrer Stelle gerückt. Das Kapitell lag 
neben der Säule in dem abgeschiedenen innersten Raum der Cclla, und mehrere joni- 
sche Säulen waren hier verstreut«'). 

Aussage gegen Aussage, aber wir müssen bedenken, daß Stackelbcrg zwar 
nicht beim ersten Besuch der Ruinen anwesend war, aber an der Hauptuntersuchung 
drei Monate teilnahm, während Cockcrell damals fehlte. Außerdem weiß Stackeiberg 
bestimmte Einzelheiten anzugeben, und seine Aussage hat den Vorzug, 35 Jahre vor 
der Cockerells getan zu sein, also aus einem frischeren Gedächtnis zu stammen. So 
bleibt es fraglich, ob die Basis in situ gefunden worden und damit auch, ob der ihr 
zugewiesene Platz wirklich der ursprüngliche war. 

Zweifellos muß an dieser Stelle eine stützende Säule gestanden haben. Die 
Spannweite — fast 4m — erfordert und die Standspuren sichern sie. Muß es aber 
grade die korinthische gewesen sein? Näherliegend ist es doch in Übereinstimmung 
mit der ganzen Anlage an eine jonische zu denken. Denn jonische und korinthische 
Ordnung stehen hier in schroffem Gegensatz zueinander — einem Gegensatz, der be- 
dingt ist durch die schweren, man möchte fast sagen, dorisierenden, abnormen joni- 
schen Säulen und die zierliche, aber ebenfalls noch nicht normale korinthische. Und 
dieser Gegensatz wiederholt sich fast in jeder Einzelform, in der einfachen, nur durch 
Wulst und Hohlkehle gegliederten, wuchtig ausladenden Basis der jonischen und der 
kleineren fein profilierten, durch drei Hohlkehlen gegliederten und gelösten korinthi- 
schen — in dem stark geschwungenen Ablauf des breiten jonischen und dem fast 
graden, steilen des schlanken korinthischen Schafts. An den Kapitellen freilich sind 
die großen Mittelspiralen des korinthischen den mächtigen, gleichfalls um ein Auge 
aufgewickelten jonischen angenähert. Aber die funktionell wichtigeren Eckvoluten 
auf hohen, unter Blättern halb verdeckten Stengeln, sowie der zierlich-lebendige 
Kranz lassen jene Spirale nur als Ornament erscheinen und geben dem korinthischen 
Kapitell mehr Leichtigkeit im Verhältnis zur energischen Wucht der jonischen. Es 
ist kaum anzunehmen, daß zwei Säulen, die so andersartig empfunden und gestaltet 
sind, genau dieselben Aufgaben erfüllen sollten — ja, daß die leichte korinthische 
sogar die schwerere hatte. Denn die jonischen trugen nur Architrav und Fries, die 
korinthische aber hätte an jener Stelle der Cellawand auch das darüberliegende Dach 
mit stützen müssen. Man kann sich eines leisen Mißbehagens nicht erwehren, wenn 
man in den Aufrissen die schlanke Säule in dieser Funktion zwischen ihren kräftigeren 
jonischen Gefährtinnen sieht. 

Dazu tritt noch das Zeugnis des Materials. Alle Säulen waren aus Kalkstein, 
einzig und allein die korinthische aus edlerem Material, aus Marmor *). Kühl hob sich 
Ihr leuchtend weißer Ton von dem farbig dunkleren Hintergrund der Kalksteinwände 



') Sir William Gell, der den Tempel schon 1805 ge- ') Kavvadias erwähnt mit keinem Wort das Ma- 
sehen hat, bestätigt in Wilkins Antiquities of terial der Säule. Nach Cockerells (S. 56), Hallers 
Magna Graecia App. Taf. XI, S. 73, daß inner- . (S. 258), Stackeibergs (S. 28) und Donaldsons 
halb der Cella viele Architekturstücke des Tem- (S. 123) Ausführungen war der Tempel aus dem 
pels gelegen hätten. bläulich oder grünlich weißen, mit bräunlichen 



60 Margarete Gütschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. 1. 



und -Säulen ab; lebendig wirkte ihr Blattgcfügc neben den starren jonischen Voluten. 
In dieser Umgebung erscheint sie uns wie ein Fremdling, der formal und struktiv zur 
übrigen Architektur nicht passen will. So können wir die Frage nicht unterdrücken, 
ob sie nicht eine andere Aufgabe zu erfüllen hatte, etwa als Einzelsäulc, freistehend, 
ohne konstruktiven Zweck, etwa nur als Trägerin eines Weihgeschenks ') ? Dann 
würde man sie sich freilich lieber vor dem Tempel denken, wie jene jonischen Säulen 
beim Tempel der Athena Alea in Tegea ^) — und dann erhebt sich wiederum die 
Frage, wie grade die Reste, Kapitell und Basis, ins Tempelinnere gelangen konnten. 
So bleibt sie uns noch immer ein Rätsel, das sich mit unserem bisherigen Material nicht 
lösen läßt. 

2. KAPITELLE REPUBLIKANISCHER ZEIT. 

Bei seiner Besprechung der korinthischen Bauweise teilt bekanntlich Vitruv IV, 
I, II u. 12 das Kapitell ohne Einrechnung des Abakus in drei Teile, 'in den unteren 
und den oberen Blattkranz (imum folium und folium medium) und in einen kom- 
plizierten dritten Teil: bei diesem wächst aus Innern Blattstengeln, cauliculi, der 
Blattkelch, folia proiecta, hervor als Stütze des Rankenwerks, der volutae, die sich 
den Eckwinkeln des Abakus, und der helices, die sich der Mitte zuwenden. Er stellt 
zur Bestimmung der Maßverhältnisse die Theorie auf, daß diese drei Teile von gleicher 
Höhe wären. Und dieses Schema liegt auch tatsächlich späteren römischen Kapi- 
tellen zugrunde. Um so merkwürdiger ist die Tatsache, daß grade die uns erhaltenen 
Normalkapitelle seiner Zeit von diesen Maßverhältnissen abweichen. An ihnen ist 
der mittlere Teil, die zweite Blattreihc, niedriger als der obere und der untere. Diese 
ungleiche Höhe der Kapitellzonen findet sich nun durchweg an den freilich nicht 
häufigen vorvitruvischen Normalkapitellen in Rom und den italischen Provinzen, 
vor allem aber auch an dem für uns klassischen Beispiel des Olympieions in Athen. 
Vergleicht man dieses mit jenen republikanischen, so ergeben sich in Form und Auf- 
bau so manche Ähnlichkeiten und Beziehungen, daß die Frage nach einem engeren 
Zusammenhang sehr nahe gelegt wird. 

Das Olympieion-Kapitell. 

Zunächst ist ein Irrtum zu berichtigen. Als Kapitell des Olympieions von Athen 
ist in den bisherigen LIntersuchungen stets der um Jahrhunderte jüngere Typus von 
der Bibliothek des Kaisers Hadrian in Athen zugrunde gelegt. (Beilage III, 2.) Das 



Adern durchzogenen Kalkstein jener Gegend diesen auffallend struierten Marmor, der ve'r- 

erbaut, ebenfallsdiejonischen SäulenalsTeileder niutlich von den ägäischen Inseln stammt, 

.\rchitektur. j\ber alle feinen Zierteile waren aus sonst nur auf dem .^usgrabungsfeld in Olympia 

Marmor; folglich müssen wir die korinthische gesehen. 

Säule, falls sie zum Bau des Tempels gehörte, ') Spuren auf der Abakusfläche würden uns drüber • 

zu diesen rechnen. Stackeiberg sagt, es sei pari- aufklären, aber Rhomaios sagt leider nicht, in 

scher, Haller pentelischcr Marmor gewesen. welchem Erhaltungszustand diese ist. 

Lepsius (Griechische Marmorstudien S. 57) hat ^) Thiersch, Jahrb. d. Inst. XXVIII 1913, 266 f. 



{BUCH DES INSTITUTS XXXVI 1921. 




äiimuMiJ iMteatf 





Margarete GUtschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 6l 

ist um so verwunderlicher, als an beiden Bauten noch eine Anzahl Kapitelle in situ 
vorhanden ist, 7 an der Hadriansbibliothek '), am Tempel sogar noch 17 2). Jedoch 
Mauch, Architektonische Ordnungen der Griechen und Römer^, bearb. von Lohde, 
Berlin 1872 Taf. 42, Altmann, Italische Rundbauten Abb. 8, dem sich Delbrueck, 
Hellenistische Bauten in Latium 11 161 in seinen Folgerungen anschließt (s. unten 
S. 66), sie alle wiederholen die Abbildung eines Kapitells aus Stuart-Revett, Anti- 
quities of Athens Chapt. V, Taf. VIII unter dem Namen »Kapitell vom Olym- 
pieion«3), ohne zu bemerken, daß dieser Bau überhaupt nicht in die Antiquities auf- 
genommen ist. Der Irrtum mag dadurch entstanden sein, daß Stuart-Revett dem 
Abschnitt über die Bibliothek des Hadrian die Überschrift geben »Stoa or Fortico, 
commonly supposed to be the remains of the Temple of Jupiter Olympios«, und 
diese Worte werden als Unterschrift der dazu gehörigen Tafeln der englischen Original- 
ausgabe wiederholt. Im Text wird freilich nachgewiesen, daß dies Bauwerk seine 
landläufige Benennung mit Unrecht trägt, und zweifellos die Stoa des Hadrian 
ist. Die einzig richtige Abbildung aber fristet bei Penrose, Investigation of the 
Frinciples of Greek Architecture', London 1851. ^ 1886, Taf. 39 nur ein ver- 
borgenes Leben (Beil. III, l); sie wird wohl zitiert, aber nirgends wiederholt. 
Unter geborgtem Namen steht an ihrer Stelle diejenige des hadrianischen Kapi- 
tells. Das muß zu falschen Schlüssen führen, wenn die Kunstformen beider Kapi- 
telle sich nicht in allem Wesentlichen decken. Und das ist tatsächlich nicht der Fall. 
Allerdings haben beide den gleichen Aufbau, sie sind sogenannte Normalkapitelle 4), 
d. h. Eckvoluten und die kleineren Innenvoluten steigen aus gemeinsamem Schaft 
bis zum Abakusrande empor 5) und scheinen ihn zu stützen. Sie sind also formal 
einander gleichgestellt. Anders ist es aber bei den Einzelformcn. Zu ihrer Verglei- 
chung diene Tabelle I, S. 62 — 64. 

Auch da ergeben sich wohl einige gemeinsame Züge beider Kapitelle, nämlich 
die weite 'Stellung der unteren Kranzblätter, der kelchartige Abschluß der Gaules 
(wenn auch unter sich verschieden, sind doch beide ohne einen festen Ring gebildet), 
der stark sichtbare obere Teil des Kalathos *) und vor allem die ungleiche Höhe beider 
Kränze, die beim Stoakapitell aber noch augenfälliger ist. Doch weit tiefgreifender 
als diese Ähnlichkeiten sind die Unterschiede. Am Kapitell A hat jeder Teil Raum 
zu kraftvoller, seiner Funktion entsprechender Entwicklung: die hochaufstrebenden 

') Photogr. der Meßbildanstalt 1288. Alinari 24535 an den Abakusrand, in römischer Zeit in der 

u. 39. Regel nur bis zur Kalathoslippe. In der starken 

') Meßbild 1281, l — 3. Alinari 25544 — 48. Untersicht aber scheinen sie wie die Voluten den 

5) Andersen-Spiers, Architektur von Griechen- Abakus zu tragen. 

land u. Rom, 1905, Abb. 72 geben — um ') Eine Bildung älterer Zeit, über hellenistische 
die Reihe der Verwechslungen \-olI zu machen — und Kap. des 4. Jhrh. bis nach Phigalia zu ver- 
unter dem Namen »Kap. vom Olympieion« ein folgen und vom konservativen Griechenland 
ganz anders gestaltetes, beim Theseion gefun- (Weigand S. 76 f.) auch in späteren Jahrhun- 
denes, jetzt im Nat. Mus. in Athen, Nr. 1496 derten bewahrt (z. B. Kap. im Nat. Mus. zu 
(Beil. II, 8;. Athen 1476 [Bei . III, 8] u. von der Exedra 

■t) Delbrueck II, S. 162. des Herodes Atticus in Olympia II, Taf. XC, 2), 

5) Die Innenheliccs gehen freilich nur selten bis hart aber nicht bei römischen Kapitellen zu finden. 



62 



Margarete Gutschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



Tabelle i^). 



A. Olympieion. 



B. Stoa des Hadrian. 



C. Rundtempel am Tiber. 



Abbil- 
dungen. 



Astragal. 



Kalathos. 



Rlatt- 
kränze. 



Beilage III, i. Vgl. Nachtrag 

unten S. 82 mit Abb. 7. 

Penrose, Principles of Athe- 
nian Architecture, Taf. 39. 

Photographien der Meßbild- 
anstalt, Taf. 1281, I — 3. 



Rundstab über kurzem Hals- 
mantel. 

Gradwinkliger Bodenansatz, 
steiler Anstieg. Vom Blatt- 
werk dicht und fest umgeben. 
Oben wenig ausladend. 

Jedes Blatt besieht aus je 4 
wenig gegliederten seitlichen 
und einem überfallenden Mit- 
tellappen, jeder Lappen aus 
3 kurzen, einander gleichwer- 
tigen Zacken (der mittlere 
springt nicht vor) und 2 klei- 
nen Zäckchen, die eine runde 
nicht ganz geschlossene Öse 
bilden. Die starke Schatten- 
gebung der Ösen wird beson- 
ders betont durch den Kon- 
trast zu dem abgeflachten 
hellen Rand und den stark 
hervorgewölbten Blattfalten 
(Pfeifen), die von ihnen aus 
leicht geschwungen zum Blatt- 
fuß gehen. Eng aneinander 
gelegte Rippen und Adern 
durchfurchen die Einzellappen 
von Blattspitze bis -fuß ohne 
Zusammenhang mit der Mit- 
teirippe. Fest geschlossener. 



Beil. III, 2. 

Stuart-Revett, Antiquities of 

Athens Chapt. V Taf. VIII. 
Weigand, Jb. d. Inst. XXXIX 

1914, Taf. IV. Meßbild Taf. 

1288. 



Rundstab; kein Mantel. 

Leicht eingezogner Ansatz. Oben 
breit ausladend. Vom Blatt- 
werk dicht umhüllt. 

Je 2 seitliche Lappen, breiter 
Überfall des mittleren und der 
beiden obersten Lappen, r. u. 
1. von jenem; jeder mit schma- 
lem Ansatz und fächerförmig 
ausgebreiteten länglichen, an 
Olivenblätter gemahnenden 
Zacken. .Schmale scharfe Ril- 
len, von den Zackenspitzen 
ausgehend, vereinen sich am 
Lappenansatz zu einer einzi- 
gen tiefen Rille, die die her\or- 
gewölbte-Mittelrippe zum Blatt- 
fuß begleitet. Der Einzellap- 
pen ist dadurch abgesondert, 
und die starke Gliederung des 
Gesamtblattes zerstreut die 
Lichtgebung, vermehrt die 
Schattenquellen und macht 
somit Umriß und Wirkung 
des Blattes unruhig. 

Oberer Kranz bis zur Hälfte vom 
unteren verdeckt. NureinSci- 



Zwei Arten von Kapitellen»): 
1) (Beilage III, 3 u.4) mit spitz- 
gezacktem Blattwerk. Del- 
brueck. Hellenistische Bauten 
in Latium II, Abb. 108 nach 
D'Espouy, Fragm. d'Arch. — 
Photogr. nach Gipsabguß im 
Archäol. Seminar der Berliner 
Universität. 

ß) (/\bb. 6 S. 67) mit stumpfge- 
zacktem Blattwerk. Altmann, 
Italische Rundbauten, Abb. 
6 a, 7. 

Rundstab und Kyma. 
Wie bei B. 



Typus d : Je drei seitliche Lap- 
pen und Überfall, jeder mit 
drei spitzen Zacken, deren mitt- 
lerer stark hervorspringt, und 
einem Zäckchen innerhalb der 
Öse, von der stark gewölbte 
Pfeifen zum Blattfuß gehen. 

Typus ß: Je 2 seitliche und ein 
oberer mit den beiden benach- 
barten zum Überfall vereinter 
Lappen; je 4 kurze abgerun- 
dete Zacken. Der oberste 
Zacken eines Lappens über- 
schneidet den untersten des 
nächsten und bildet dadurch 
eine längliche Öse. Das Blatt- 
fleisch ist weich modelliert; 
wenige Rillen gehen breit und 
tief ausgehöhlt zum Blattfuß, 
wo die Mittelrippe mit ver- 
breiteter Basis ansetzt. Kräf- 
tiges, saftiges Blattwerk tief 
unterhöhlt. 



') Der Einfachheit wegen wird das Rundtempel- sprechen wird, schon hier mit diesen beiden 

Kapitell, das erst im nächsten Abschnitt be- Kapitellen zu einer Tabelle vereint. 

') Nach Weigand, .\. M. XXXIX 1914, 26 haben S K:i|)itelle spitzes, II stumpfes Blattwerk. 



Margarete GUtschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



63 



A. Olympieion. 



B. Stoa des Hadrian. 



C. Rundtempel am Tiber. 



C a u 1 e s. 



Blatt- 
kel eh. 



wenig gegliederter Umriß des 
schlanken Blattes. 
Der obere Kranz wird zum gro- 
ßen Teil von den nach oben 
sich verjüngenden, dreieckigen 
Blättern des untern verdeckt; 
nur 3 Blattlappen und die 
Schwellungen und Rillen der 
Mittelrippe, die bis zum Blatt- 
fuß geht, sind sichtbar. 

Breite, wuchtige, etwas schräg 
geneigte Schäfte mit geradlini- 
gen Furchen. Fast kelchartig 
enden sie ohne Abschluß, aber 
mit überfallendem Rande '). 



Offener symmetrischer Zwei- 
blattkelch, der nur den Fuß 
der Helices verdeckt, ihren 
Lauf begleitet und ihre Linien- 
führung zu wiederholen scheint. 



Die ausgehöhlten, mit schmalen 
Stegen eingefaßten Stengel stei- 
gen steil an; die der Innen- 
helices gehen mit leiser Außen- 
biegung, wie unter dem Druck 
des lastenden Abakus, über 1 die zweier Seiten scharf von- 



ten- und der starke über- 
fallende Mittellappen über- 
ragen ihn. Die eng aneinander 
gelegten Blattfalten und Adern 
sind im ganzen Verlauf sicht- 
bar, aber nicht bis zum Blatt- 
fuß durchgeführt ■). 



Ganz verkümmert, obwohl die 
weit auseinander stehenden 
Hochblätter genügend Ent- 
wicklungsraum ließen. Unge- 
furcht, nach oben erweitert 
enden sie kelchartig mit über- 
fallendem Zackenrand. 

Hoher geschlossener Zweiblatt- 
kelch, der nur den Oberlauf der 
Helices frei läßt. Der oberste 
Lappen des inneren Blattes 
biegt unter der Mittelvolute 
scharf nach unten um und 
deckt den Kalathos stärker. 
Das Außenblatt begleitet den 
Lauf der Außenhelices. 

Stengel wie bei A gebildet, aber 
niedrig im Verlauf. Innenhcli- 
ces enden unter Kalathoslippe. 
Eckvoluten schneckenförmig 
aus der Ebene herausgedreht3) ; 



Beide Typen haben weder einen 
so geschlossenen Umriß wie das 
Blattwerk von A, noch einen 
so vielfältig gegliederten wie 
das von B. 

Bei beiden Typen der obere 
Kranz nur zur Hälfte sichtbar. 
Bei a ist die Mittelrippe bis 
zum Blattfuß ausgeführt, bei 
ß läuft sie schon früher aus. 

Kräftig, durch breite, schräg ge- 
stellte Kanelluren gefurcht, 
teilweise von Hochblättern ver- 
deckt; als Abschluß über 
Kanelluren-Ablauf ein ring- 
artiger Wulst. 

Symmetrischer Zweiblattkelch, 
bedeckt nur den Fuß der Heli- 
ces und begleitet ihren weit- 
ren Lauf. 



Wie bei B. Doch verdeckt der 
geöffnete Blattkelch ihren Lauf 
weniger. Eckvoluten aus der 
Ebene herausgedreht. Mittel- 
voiuten um kleines Auge auf- 
gerollt. 



') In späterer Zeit meist nicht ausgearbeitet. Hier 
jedoch ist der Blattfuß sorgfältig geglättet und 
kelchartig geformt. Vgl. als Vorstufe hierfür 
Kapitell des Fortuna-Augusta- Tempels in Pom- 
pei. Weigand a. a. O. Beibl. I, 7. 

^) Wie Hüllblätter der Ranken an Akroterien 
(u. a. Meurer, Formenlehre der Ornamentik 
304 Abb. 5. Conze, Untersuchungen auf Samo- 
thrake I Taf. XLV. — II Taf. XLIV 2) und 
Traufleisten (Olympia II Taf. 123, 2). 

3) Delbrueck a. a. 0. 162 behauptet — und Woer- 
mann, Gesch. der Kunst' 446 schließt sich ihm 

a. a. 0. Beil. 4, 



an — , daß nur bei italischen Kapitellen die Vo- 
luten aus der Ebene herausgedreht seien, nicht 
aber bei Normalkapitellen. Bei diesen geschieht 
es der andern Volutenbildung gemäß in anderer 
Form: entweder ist das Volutenauge heraus- 
gedreht oder die Windungen der Volute springen 
in einer Spitze oder Schnecke vor. Z. B. Kap. 
vom Kastor-Tempel in Cori (Beil. III, 6), Rund- 
tempel am Tiber (ebda 3, 4), Kap. im Thermen- 
Museum (Noack, Baukunst Taf. 80 a), im Mus. 
Nazionale Neapel (Meurer a. a. 0. Abt. XXII, 
Taf. 6), vom Stadion des Palatins (Weigand 
2S) u. a. m. 



64 



Margarete Gfitschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



A. Oly m pi eion. 



B. Stoa des Hadrian. 



C. Rundtempel am Tiber. 



AI) ak u s. 



A bakus- 
blute. 



Kalathoslippe hinweg zum 
Abakusrand. Voluten um ein 
kleines Auge aufgerollt; in den 
Zwickeln ein Tropfen ^). Die 
von zwei Seiten zusammcnlati- 
fcnden Eckvoluten lediglich 
durch eine Hohlkehle geglie- 
dert. Zwischen Innenvoluten 
großer Abstand. 

Nach der Mitte eingezogen. Über 
steiler Kehle Echinusprofil auf 
schmaler Platte. Die spitz- 
winkligen Ecken weiter vor- 
springend als die Blattstütze 
der Voluten (s. Meßbild 46 
bis 48). 

.»Vraceenblüte 3), deren Stengel 
einem dickeren, sich nach oben 
verjüngenden Schaft mit kelch- 
artig umgeschlagenem Rand 
entspringt. 



einander geschieden '). Innen- 
voluten sich fast berührend. 



Profil wie bei A, aber alle Glie- 
der niedriger, weniger steil und 
starker ausladend, besonders 
die Ecken. 



Rosette (Blüte des gefüllten 
Helianthos) 4) auf schrägem 
Abakusprofil stark nach unten 
geneigt. Ihr sehr dünner 
Stengel gibt zusammen mit der 
Mittelrippe des Hochblatts eine 
starke Betonung der veitikalen 
Achse. 



Wie bei A, doch Ecken mehr vor- 
springend. 



Typus a: Aracee. 
,, ß: Rosette. 

Die schlanken Stengel ent- 
springen nebst einem Blatt ei- 
nem kurzen dicken Cauliculus, 
wodurch der Kalathosgrund 
verhüllt und die Stelle zwischen 
Mittelhochblatt und Innen- 
helices betont wird. 



I 



Blattkränze umfassen wie angepreßt den Kalathos, als müßten sie seine ganze Kraft 
und Masse stützend und schützend zusammenhalten. Die wuchtige und breite Gestalt 
der Caules ist nur der folgerechte Ausdruck ihrer Funktion, denn im Gegensatz zu 
Weigand (S. 6i) erscheinen sie mir fast als der wichtigste Teil im Aufbau des Kapi- 
tells — haben doch die Helices, die die Last von obenher (es ist ja auch Gebälklast) 
tragen und nach unten leiten, in ihnen Ursprung und festen Stand; die Caules sind 
also Träger und Stützen dieser Kräfte. 

Anders bei B. Daß die Einzelteile einmal eine Aufgabe zu erfüllen hatten, ist 
vergessen — sie sind Schmuckteile geworden. Dem Blattwerk mit tief eingebohrten 
Rillen und scharfen Stegen fehlt das Runde, Schwellende und vor allem die geschlossene 
Einheitlichkeit, die dem Akanthos von A die Richtung auf die funktionelle Aufgabe 
gibt. Immer wieder scheint der Kalathos zwischen den locker und lose stehenden 



') Vorgänger dieser Bildung: Zwickelblüten am 
Kapitell der Tholos von Epidauros. Lechat- 
Defrasse, Epidaure Taf. VII, S. 115. 

*) Weigand gibt die Abbildung eines Kapitells 



mit abgebrochenen Voluten, die Meßbilder zeigen 
aber andere, die intakt sind. 
3) Penrose a. a.O. spricht von »two varieties of the 
flower«; nach den .Abbildungen sind sie aber 
nicht festzustellen. 
4) s. Meurer a. a. 0. S. 203, Abi. VIII, .Abb. 3. 



Margarete Gütschow, Untersuchungen zum korintbischen Kapitell. I. 65 



Blättern hindurch, und mit der stärker betonten Breitenrichtung geht der Eindruck 
der zusammengehaltenen Kraft verloren. Die jämmerlich dünnen Caules, die nicht 
mehr wissen, welche Last auf ihnen ruht, scheinen zu schwach für die üppigen Hüll- 
blätter und Hclices. Diesen wiederum läßt der Kelch, übergroß entwickelt, nicht 
recht Raum zur Entfaltung, so daß sie in allzu kurzem Lauf nur flach gewölbt, kaum 
noch als die elastischen Träger des Abakus zu empfinden sind. 

Das Olympieion- Kapitell wirkt auf den ersten Blick vielleicht weniger lebendig, 
möglicherweise weil es ärmer an Kontrast von Licht und Schatten ist — aber das 
liegt an seiner Geschlossenheit, die in Wahrheit ein Vorzug ist. Es ist reiner in der 
Form und mit mehr Verständnis für die Aufgabe der Einzelteile gearbeitet. Das der 
Stoa ist dekorativer, in den Einzelformen zierlicher, in der Gesamtwirkung eleganter, 
aber seine Formen sind durch immer wiederholten Gebrauch konventionell geworden 
und nicht alle mehr recht verstanden. 

Wir haben es also in der Tat mit zwei Kapitellen verschiedener Stilisierung, 
durch die sie sich auch zeitlich unterscheiden, zu tun. Die Bauzeit der Hadrianstoa 
ist ungefähr festzulegen, jedenfalls um 130 n. Ch. '). Dazu stimmt, daß man an 
ihrem Kapitell alle Merkmale findet, die Weigand (S. 47) für die Formengebung 
spättrajanisch-hadrianischer Zeit feststellt: das stark gezackte Blattwerk, bei dem 
die Einzellappen durch die Führung ihrer Adern fast zu Einzelblättern werden, 
ferner die verkümmerten Caules, den hochgeschlossenen Zweiblattkelch und die 
niedrigen Helices. 

Die Kapitelle des Olympieions müßten schon allein ihrer kräftigen, reinen 
Formen wegen als die älteren erscheinen. Sie stammen nicht vom letzten abschließen- 
den Umbau Hadrians, sondern vom Neubau, den Antiochus Epiphanes nach Vi- 
truv VII praef. 15, 17 vom Architekten Cossutius zwischen 175 — 164 ausführen heß ^). 
Es liegt auf der Hand, daß Vitruv und Livius (41, 208) den Bau inbezug auf Gebälk, 
Stil, Schönheit und Geschick der Ausführung mit den prächtigsten bekannten Tem- 
peln nicht hätten vergleichen können, wenn er nicht mindestens bis zum Gebälk- 
abschluß gekommen wäre. Daß freilich schon sämtliche Säulen unter ihrem Gebälk 
gestanden hätten, ist nicht anzunehmen, weil Sulla die nach Rom entführten und 
im Kapitolinischen Tempel aufgestellten Säulen (Plinius 36, 45) nicht hätte heraus- 
brechen können: es werden bis zur Aufrichtung fertiggestellte Stücke gewesen sein 3). 
An ihre Stelle mögen dann bei Hadrians Umbau jene Säulen gekommen sein, die 
der römischen Zeit angehören, wie Weigand (S. "j"] Anm. l) es wenigstens von einer 
sagt. 



') Judeich, Top. von Athen 334, Anm. 13. Kapitolinischen Tempels (Durra, Bauk. der 

») Judeich, a.a.O. 341. Ebda 342 Anm. 2 weitere Etrusker und Römer» loi) gewiß korinthischer 

Literatur. Ordnung gewesen ist. Für eine Wiederherstel- 

3) An alte dorische Säulen, die vom pisistratischen, lung in der alten etruskischen Form hätten 

wohl überdies niemals in die Höhe geführten griechisch-dorische Säulen nicht gepaßt, und 

Bau übrig geblieben wären, ist hier um so weniger gegen sie spricht überhaupt die damalige bau- 

zu denken, als schon dieser erste Neubau des geschichtliche Entwicklung Italiens. 

Jahrbuch des archäologischen Instituts XXXVI. 5 



56 Margarete Gutschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



Der Vergleich beider Kapitelle hat ergeben, daß ihre Verwechslung nicht etwa 
aus ihrer Stilgleichheit zu verstehen wäre. Muß man daher nun, wenn beide richtig 
eingesetzt werden, auch die Folgerungen der bisherigen Forschung wesentlich korri- 
gieren ? 

Das Kapitell des Rundtempels am Tiber. 

Altmann (S. 26 f.) und Delbrueck (II, 43 u. 162) setzen den Rundtempel am 
Tiber, in Rom, den sie für rein griechisch halten, in die Mitte oder zweite Hälfte des 
2. Jahrh. v. Ch. Denn seine Kapitelle (Beil. III, 3 u. 4 u. Abb. 6) '), nach ihnen die einzig 
erhaltenen Beispiele der Normalform im republikanischen Rom, hätten ihre »nächste 
Analogie« im Kapitell des Olympieions. Da ihnen ^als solches aber, wie die beigefügte 
Abbildung zeigt, das Kapitell der Hadrianstoa gilt ^), so müßte, wenn wirklich die 
stilistische Ähnlichkeit dieser beiden Kapitelle so groß wäre, daß man eins nach dem 
andern datieren könnte, auch das Kapitell des Rundtempels aus Hadrians Zeit 
stammen. Dieses könnte also, weil der Tempel aus andern Gründen so spät nicht 
datiert werden darf, nur zu später neu eingefügten Kapitellen gehören. Oder man 
hätte — unwahrscheinlich genug — beim Bau der Stoa zu alten Formen zurück- 
gegriffen. Um diese Widersprüche zu lösen und dem Rundtempel-Kapitell seine 
rechte Stellung zu geben, müssen wir seine beiden Typen (a mit spitz-, ß mit rund- 
gezackten Blättern) zunächst mit den beiden griechischen Kapitellen eingehend 
vergleichen. Ich verweise wieder auf Tabelle I. 

Überblicken wir die Einzelformen, so teilt das Rundtempel-Kapitell zwar die 
spitzen Zacken des Akanthos (Typus a Beil. III, 3) und die kräftige Entwicklung der 
Gaules mit dem Olympieion-Kapitell, unterscheidet sich aber durch eben diese 
Formen von den, noch dazu mit einem Wulstring abgeschlossenen Gaules des hadri- 
anischen Exemplars. Umgekehrt sind die auffallend niedrige Schichtung des zweiten 
Kranzes und die kurzen Helices und Volutenstengel mit dem gedrungenen Lauf, die 
ihm und dem Stoakapitell gemeinsam sind, dem Olympieion-Kapitell fremd. Von 
beiden aber unterscheidet es die engere Stellung des unteren Kranzes und die andere 
Stilisierung beider Blatttypen. Besonders hinzuweisen ist auf zwei sehr abweichende 
•Merkmale, nämlich auf die Blattbildung des Typus ß (Abb. 6), bei dem der oberste 
Zacken des einen auf den untersten des nächstfolgenden Lappens übergreift, und 
ferner auf den kleinen Cauliculus über dem Mittelhochblatt, aus dem Blatt und Sten- 
gel der Abakusblüte aufwachsen, der also sozusagen Träger dieser Blume ist. Grade 
diese beiden Motive können zur Datierung des Kapitells helfen. 

Die übergreifenden Blattzacken sind ein Kennzeichen römischen Blattwerks 

') Altmann, Abb. 8. Ebenda S. 22 Lit. — Del- ') Delbrueck zitiert II, 162 Anm. 3 das Olympieion- 
brueck II, Abb. 108 nach. D'Espouy, Fragm. Kapitell »Penrose, Taf. 39, danach Altmann«, 

d'Archit. Wiederholt bei Woermann, Gesch. d. berichtigt aber dessen Verwechslung nicht, 

Kunst I', Abb. 486. sondern stimmt dessen sich daraus ergebenden 

Schlüssen zu. 



Margarete Gütschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



67 




seit augusteischer Zeit '). Auf den Rankenblöcken der Ära Pacis *), die zwischen 13 
und 9 V. Chr. ausgeführt wurde, findet man die verschiedenen Entwicklungsstufen 
beieinander: die Kelche der Ranken sind aus übergreifenden Lappen zweier sich 
zusammenschließender oder auch eines Einzelblatts gebildet 3), und auch beim voll 
entfalteten Blatt, z. B. 
beim dreilappigen unter 
dem geradlinigen Mittel- 
stengel, ist je ein Zacken 
eines Lappens über den 
nächsten des andern gelegt 
worden. Auch die Zacken 
des großen Akanthoskelchs 
am Fuß der Platte, dessen 
spitzer Umriß und hervorgewölbte 
Pfeifen griechischer Stilisierung sind, 
greifen nach römischer Art über- 
einander. In seinem Reichtum mannig- 
faltigster Formen zeigt der Altar wie die Rund- 
tempelkapitelle runde römische und spitze 
griechische Blätter nebeneinander. Aber sie 
sind naturgetreu, nicht rein ornamental und 
nicht plastisch, sondern zeichnerisch gegeben: 
die Linie dominiert. — Dagegen weisen die 
Kränze an mittelaugusteischen Kapitellen 
manche Ähnlichkeit mit den Rundtempel- 
kapitellen auf: dieselbe weiche, frisch em- 
pfundene Oberflächenbehandlung der hervor- 
gewölbten und etwas gefalteten Blätter mit 
ausgesprochener Zacken- aber nicht selbstän- 
diger Lappenbildung, mit kräftiger Licht- und 
Schattengebung. Ebenfalls auch die Blätter 

am Kapitell des Fortuna-Augusta-Tempels in Pompei (Weigand, Beibl. I Nr. 7) vom 
Jahre 3 v. Chr., Formen, die doch wohl zuerst in der Hauptstadt gestaltet worden 
sind: ähnlich, wenn auch entwickelter in der Faltung und eleganter sind sie an dem 
6 Jahre jüngeren Dioskurentempel auf dem römischen Forum, aber im übrigen 
anders konstruiert. 




Abb. 6. Rundtempel am Tiber, Typus ß. 

(Mit Genehmigung des Verlags nach Altmann, 
Rundbauten Abb. 7.) 



') In Griechenland findet man übergreifende 
Zacken aus Akanthos schon vereinzelt im 
4. Jhrh. V. Ch. z. B. an der Sima der Tholos von 
Epidauros, Meurer 404, Taf. VI 6 unten. Natur- 
gemäi3 legen sich die Zacken der beiden Blätter, 
die die Ranke umhüllen, übereinander, und es 
ist nur ein weiterer Schritt, wenn auch die Zacken 



und Lappen ein und desselben Blattes überein- 
ander geschoben werden. Aber es scheint, als 

. sei dieser zweite Schritt erst Jahrhunderte später 
und zwar in Rom getan. 

») Petersen, Ära Pacis Augustae, Taf. i. Strong, 
Roman Sculpture, Taf. XVII. 

3) Besonders deutlich auf den Photogr. Anderson 



4655. Alinari 12364/65. 



58 Margarete Gtttschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



Dieselben Kapitelle sind es auch, die zuerst für den Träger der Abakusblüte 
eine neue Schmuckform über dem Mittclhochblatt schaffen. Wie das Rundtempel- 
kapitell zeigt auch das Kapitell des Dioskurentempels hier einen kleinen (jetzt vom 
Blattwerk umschlossenen) Caulis, der den von verschlungenen Helices fast verdeckten 
Blütenstengel trägt. In spätaugusteischer Zeit ist diese Kunstform des Blütenträgers 
dann ganz eingebürgert. Auf die griechische Vorgeschichte dieser Form werde ich 
in anderem Zusammenhang in der Fortsetzung dieser Arbeit zurückkommen. In 
anderer Hinsicht stehen die genannten stadtrömischen Kapitelle schon auf einer 
späteren Entwicklungsstufe: ihre Caules sind wie aus Metall gebildet und wie ein Kelch 
geformt, nicht mehr wuchtig und breit, sondern zierlich und schlank. Es ist begreiflich, 
daß sich dagegen in der Provinz die starken Caules länger gehalten haben: zur 
gleichen Zeit sind die pompeianischen Kapitelle denen des Rundtempels noch ähnlich. 

Erscheint demnach die Formengebung der vergleichbaren Einzelheiten an der 
Ära Pacis und am Dioskurentempel schon entwickelter, — sozusagen spezifisch 
augusteisch — am pompeianischen Tempel hingegen denen des Rundtempels am ähn- 
lichsten, so werden dessen Kapitelle der mittelaugusteischen Zeit, dem Ausgang des 
I. Jahrh. v. Ch. angehören. 

Mit dieser Erkenntnis stehen wir aber in schroffem Gegensatz zu Altmann und 
Dclbrueck, die den Tempel aus bautechnischen Gründen in das 2. vorchristliche Jahr- 
hundert setzen '). Ist das richtig, so müssen sich irgendwelche Beziehungen zu den 
andern republikanischen Normalkapitellen in Italien ergeben. Allein auch hier führt 
die Vergleichung zu einem andern Schluß. Zunächst fällt auf, daß aus dieser frühen 
Zeit kein einziges Normalkapitell auf italischem Boden erhalten ist. Das des Rund- 
tempels wäre somit für lange Zeit eine Einzelbildung geblieben. Die wenigen vor- 
handenen republikanischen Kapitelle klassischer Art werden von Delbrueck (II, 162 f.) 
in wesentlich spätere Zeit, unter oder nach Sulla, angesetzt. Weisen sie nun ähnliche 
oder weiter entwickelte Formen auf? 

Delbrueck zählt außer dem Rundtempelkapitell folgende vier Normalkapitelle 
vorkaiserlicher Zeit auf: l. vom Kastor-Tempel in Cori (Beil. III, 6), 2. von der Vor- 
halle des Jupiter-Tempels in Pompei (Beil. III, 5), 3. im Museum von Pompei, 4. von 
der Theaterterrasse in Praeneste. Da die Photographie von Nr. 3 mir jetzt unzugäng- 
'lich ist und Caninas Zeichnung vom praenestinischen (EdifiziVI, Taf. ii6d) zur Stil- 
bestimmung nicht ausreicht, beschränke ich mich auf die beiden erstgenannten, kann 
ihnen aber noch ein weiteres, bisher nicht genanntes Kapitell aus dem Antiquarium 
des Magazzino Comunale in Rom hinzufügen (Beil. III, 7). Dort steht die zum Grab- 
mal der Tibicines gehörende Orpheusgruppe auf einem runden Postament mit abwärts 
gerichteten Blättern: es ist der untere Teil eines auf den Kopf gestellten Normal- 
kapitells 2). Da es wie alle Bruchstücke des Monuments aus Peperin besteht, ist an 
seiner Zugehörigkeit und mithin an seinem Ursprung aus sullanischer Zeit wohl kein 
Zweifel. Erhalten sind außer dem Säulenablauf und den sehr spärlichen Resten 
des Rundstabes nur die beiden Blattkränze und die Caules. 



') Ich kann — zumal von Deutschland aus — teile beschränken. 

nur nach stilistischen Gründen urteilen und muß ^) Bull. com. III 1875,44. Heibig, Führers IS. 590 f. 
mich deshalb ganz auf die Besprechung der Kapi- Phot. Alinari 28073. 



Margarete Gtttschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. 1. 



69 



3 

< 






'K « -^ 









< .^ c 



5 S 

o w 



w 



c 

3 



« u " ■ 








ü 


tu 


0! 


n 




X 


0) 


c 

03 


53 


.0 


c 
c 

3 


2 


g 


< 





■0 



.-;^ v*3 o 3 aJ 

nj :rt -4-» .— I _Q 

■^ f: "^ .° S 












•.^ 'S S "9. "ä 



Qj tn -4-» 
-^ 3 "S 



"^ ri -t-t 

■~ 3 

^ 'TU 

r' U O 



•" -ö ,c -o - 



c 

;^ 5 Ü C 

3 60 t; 3 
"* ^ ^- 



ui aj 4) 



C 

3 C S -^ C 

.y § 5 " i? 



Ui 



^ I 

u .-2 

.2 'S 

B I- 

CO ts 



C m 

3 

J3 3 



bJ3 




rt 


R 


J3 


Im 


S 








M 


/i 






1 j 
















3 


■^ 


c 


tt. 








-n 


M 




C 






Im 


C« 


s 




C 


rt 


JD 




t: 


ü 


<u 


J3 



bo .a 3 



3 



Q c Ä n 



Q .S 





in 


ta „ 


,-:-■ 


^ 

3 
rt 




6 ^ 


_3 




Im 


.J=J 


(ft 




m 


U 


^ 


XJ 




"' r 


< 


rt 




-a g 







V 


§^ 





0} 



Ci) 



C iJ aJ 

»H ^-^ O 

o "^ ß 

s § ^ 

O ÖJ 4) 

j :!< -t^ 

rr, n a 



OtS 



0! ^ 



^ p^ 



+-> bo t 

.ü 3 Ü 

u > 

y 

M G3 

C >^ ü 

rt i; CS 

■S J= S 

c 'S 

4* — ' ö 

.Q S 

S c = 



S ö i -^ g i i 
ii -ö ^ 2 ^ t5 o 
«; ö ^ ;r w M 



a bfi c oj S S 



-U 'O +J Im 

. g g e -o -.3 
. -S S,| 6 M'C 



:C3 rt 
J3 N 



i4 



° c = 3 .°^ 



ä S c 'C 5 ^ ^ 

rt Im O CX "^ « 
'-' ja n b£i *7? '^ 



W) _Q 



pH "r - D- 



OJ ■< 



+-■ 


W) 


-rt 




c 


c 




3 


3 


s 


<ü 






-0 




bjo 


0) 





-*H 





T) 



r^ 3 'C rt 



S s) t« ';: 



U!, 



Ui 



bß tu 



S "1 s 



-i 3 









rC 






hfl 




CL 




r, 


(n 






r> 




u 


u 


3 


bjc 


a> 




Tl 




Jj 


rt 




T3 



;z; 


s 


N 


S 






Wl 






hn 


c 




■3 


c 
-1 


w 


+j 


















0) 



'.2 







Hill § 

j_ oj o "^ a* 'ti 
^ c S i« -^ ■- 

C 3 4) . ^ ^ 






s w 



in bo oj £ C 

Ph "O =3 tn ■♦- < 



° 3 'C 



?, tm t; * S •? 



J5 



X 3 



m 



c ei 









'E. "3 &" 
3 o, c 
1—130 

1? H 



W3 4) ■ — 

r^ O 

E o 



u: 



2 ° 

^ 'S 

2 -£ 

o H 



^O Margarete Gütschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I, 

Diese republikanischen Kapitelle weichen in der Akanthosbildung von ein- 
ander ab. Sie zeigen zwar alle die spitzen Zacken des griechischen Akanthos, aber 
die Blattformen sind verschieden. Dem Blatt des pompeianischen Kapitells geben 
die regelmäßig nebeneinander gelegten Zacken der Lappen einen ganz geschlossenen 
Umriß; die runden Pfeifen und Rillen — i6 an der Zahl — gehen gleichmäßig zum 
Blattfuß hinab. In dieser Anlage — hier aber sind es I2 Rillen — ist ihm das Kapitell 
von Cori gleich. Aber der Blattumriß ist nicht mehr einheitlich und geschlossen, 
denn der Mittelzacken jeden Lappens tritt über die kleineren seitlichen hinaus. — 
Ganz zerrissen aber ist die Blattform des Kapitells im Magazzino Comunale: bei dem 
vierzackigen Lappen sind der erste und letzte Zacken ganz klein, nur zur Ösenbildung 
bestimmt, der zweite aber springt weit vor und bildet als spitzes Blattende den Mittel- 
punkt des ganzen Lappens. Von ihm aus geht eine tiefe Furche zum Blattfuß, in die 
die ebenfalls tiefen, aber kurzen Furchen der kleineren Zacken münden. Die Mittel- 
rippe ist stark plastisch hervorgewölbt; dafür sind die regelmäßigen Pfeifen, die sonst 
die Träger des Lichts waren, verschwunden. Licht- und Schattengebung ist nun 
nicht mehr einheitlich, und die Blätter wirken unruhiger, weil nur die Mittelrippe 
und der gezackte Umriß als Träger des Lichts erscheinen. Also schon zur republi- 
kanischen Zeit finden wir die ersten Kennzeichen einer Formgebung, die zur Kaiser- 
zeit typisch geworden ist, nämlich die Sprengung des geschlossenen Umrisses und die 
Neigung, jedem Lappen Einzelgeltung zu verschaffen. Wichtiger ist für uns die alter- 
tümliche Formengebung dieser Kapitelle: der steile, nicht geschwungene Kalathos, 
die niedrige Schichtung des zweiten Kranzes '), die derben mit breiten, flachen 
Furchen versehenen und mit doppeltem Ring abschließenden Caules*), der offene 
Hüllblattkelch, der steile Lauf der Helices, das Band, das die beiden Mittelvoluten 
verbindet, der dicke Stengel der Abakusblüte und der hohe Abakus mit abgestumpf- 
ten Ecken. Von solcher Formengebung weicht das Kapitell des Rundtempels schon 
beträchtlich ab. Die charakteristischen Kennzeichen dieser älteren Zeit fehlen ihm. 
Der Ansatz des Kalathos ist geschwungen; die Caules weniger plump, ihre Furchen 
tief und breit, die Zwischenstege schmal, die Helices niedrig; das Band, das die Vo- 
luten verbindet, fehlt; statt des dicken ein schlanker Blütenstengel, statt des hohen 
ein niedriger Abakus mit spitzen, nicht stumpfen Ecken. Das Kapitell scheint unab- 
weisbar eine jüngere Entwicklungsstufe zu vertreten. Sind ihm andrerseits die pla- 
stische, frische Formengebung des Blattwerks und die starken Caules geblieben, 
so kann der Zeitabstand von der republikanischen Epoche noch nicht sehr 
groß sein. 

Der zweite Typus der Rundtempel- Kapitelle ß war bereits aus anderem Grunde 
der frühen Kaiserzeit zugewiesen worden. Und auch die Exemplare mit scharfge- 
zackten Blättern (Typus a) widersprechen diesem Zeitansatz nicht. Denn ihre Form 

') Nach der anscheinend recht freien Wiedergabe ') Die Caules vom Kapitell des pompeianischen 

bei Canina VI, Taf. loo sind beide Blattreihen Jupiter-Tempels sind bei MazoisIII, Taf. 35 und 

gleich hoch. Jedoch bestätigt die photogr. Auf- und Rossini, Archi trionfali, Taf. XXX eckig, 

nähme Delbruecks II, Abb. 107 trotz ihres Mangels nicht rund. Rossinis Wiedergabe scheint nur eine 

an Schärfe die geringe Höhe des zweiten Kranzes. getreue Wiederholung vonMazois' Stich zu sein. 



Margarete Gütschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



71 



findet sich ganz ähnlich an dem Akanthos der Kapitelle des Theaters von Orange '), 
das Carestie für älter als den dortigen, bereits aus augusteischer Zeit stammenden 
Tiberiusbogen hält, das mithin wohl aus mittelaugusteischer Zeit stammt. Also 
ein weiteres Beispiel für das Vorkommen dieser Blattform zur Kaiserzeit ^). 

Wir werden uns nach alledem vorstellen dürfen, daß griechische Architekten 
den Rundtempel am Tiber errichtet, römische Steinmetzen die Kapitelle ausgeführt 
haben, und wenn diese sich auch nach dem Modell ihrer griechischen Arbeitsgenossen 
richteten, so benutzten sie doch das in Rom immer moderner werdende, rund ge- 
zackte Blattwerk 3). 



Klassische und italische Kapitelle. 

Ist somit das Kapitell des römischen Rundtempels ungefähr 100 Jahre jünger 
als man bisher annahm, so folgt daraus, daß wir in Italien keine Normalkapitelle 
kennen, die älter sind als jene oben besprochenen republikanischen 4). Diese sind 
nach Delbrueck (S. 163) in nachsullanische Zeit zu setzen, und das ist von Bedeutung. 
Denn grade Sulla brachte, wie Plinius N. H. 36,85 berichtet, Säulen vom Olympieion 
in Athen in den Umbau des i. J. 83 abgebrannten Tempel des Jupiter Capitolinus 



') Carestie, Monuments d'Orange 1856, Taf. 39, 
4, 13, 15. Zur Datierung C. I. L. XII, 1230. 

') Es scheint gewagt, wie Weigand es Ath. Mitt. 
XXXIX 1914, 24 ff. tut, allein auf die drei- 
gezackten spitzen Blattlappen hin — die sich 
nicht einmal gleich bleiben • — , ein festes Blatt- 
schema aufzustellen, ohne die ganze Struktur des 
Blattes in Betracht zu ziehen. Noch älter als 
das von Weigand als frühstes Beispiel dieser Art 
angeführte Kapitell vom Propylon des Buleu- 
terion von Milet (Milet II, Taf. XI, XII) ist 
der Akanthos des Akroterions vom Artemis- 
Tempel in Magnesia, jetzt im Berliner Museum 
(Magnesia S. 69, Abb. 61, unter falschem Namen 
als aus Pergamon stammend zitiert bei Durm, 
Abb. 343). In der Umrißführung sind beide 
Blätter sich gleich, aber bei dem aus Magnesia 
liegen 2 scharfe Grate zwischen 2 Pfeifen, beim 
milesischen nur einer vom Mittelzacken ausgehend. 
Ganz verschieden wieder die oben besprochenen 
Blattformen von Rom und Orange. Typus a des 
Rundtempels hat außer den drei großen noch ein 
viertes Zäckchen innerhalb der Öse; immerhin 
bestimmen die drei großen Zacken den Umriß. 
— In der Struktur sich gleich, aber in der Zeich- 
nung der Zacken verschieden sind zwei Kapi- 
telle in Korone im Peloponnes (Bleuet, Exp. de 
Mörtel, Taf. vor S. 17). Bei dem einen umschließt 
der gekrümmte letzte Zacken die Öse, bei dem 



andern springt er lang und scharf über sie hinaus. 
— Völlig anders wieder ist der Akanthos vom 
Rundbau in Ephesus (Ephesos I, Abb. 99/101. 
Schede, Abb. 78). Der stark hervorspringende 
Mittelzacken sprengt den Umriß, die Ösen treten 
nahe an die Mittelrippe heran und dadurch wird 
jeder Lappen zu einem selbständigen Einzelteil 
(Schede S. 108). — In späte Kaiserzeit gehört 
ein wieder anders stilisiertes Pfeilerkapitell 
mit dreizackigen Blättern im Museum von 
Sta. Agueda in Barcelona (Cadafalch, Arqui- 
tettura Romanica Abb. 226), ein weiterer 
Beweis, daß diese Zackengebung sich durch 
die Kaiserzeit hindurch hält und nicht etwa 
Kränze an Kapitellen christlicher Zeit (vgl. 
z. B. in Konstantinopel, Weigand, Taf. I, i 
u. 3; in Alexandrien, Bull. Soc. arch. d'Alex. 
N. S. II 1 907, Nr. 4 u. 6, S.9), wie Weigand meint, 
an lang vergessene Blattformen wieder anknüpfen. 

3) Verschiedenartige Ausführung der Kapitelle 
ein und desselben Gebäudes kommt in jener 
Zeit auch sonst vor, z. B. am Caesaren-Tempel 
in Nimes, Weigand, Taf. III 2, S.45; am Fortuna 
Augusta-Tempel in Pompei ebenda 43; am 
x\ugustusbogen von Susa. Ferrero, L'arc d Au- 

. guste k Suse. Taf. V, VI. 

4) Ob ältere korinthische Kapitelle, wie z. B. das 
von Plinius N. H. 34, 13 erwähnte erzene der 
Porticus der Octavia in Rom, italisch oder klas- 



sisch waren, wissen wir nicht. 



•J2 Margarete Gutschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



in Rom. Im vornehmsten Heiligtum der Römer an ausgezeichneter Stelle standen 
nun Säulen aus einem der glänzendsten Tempel der damaligen Welt — sollten diese 
original-griechischen Formen ohne Einfluß auf Einführung und Ausbildung korin- 
thischer Kapitelle in Rom gewesen sein.? Sollte es Zufall sein, daß grade seit jener 
Zeit die klassische griechische Form die bis dahin gebräuchliche italische ganz ver- 
drängt und allein herrscht? Das wäre mehr als seltsam in einer Epoche, in der grie- 
chische Kunst und griechische Kultur immer maßgebender werden. Und in der Tat 
ist es nur durch eine solche unmittelbare Beeinflussung zu erklären, wenn wichtige 
Grundformen jener wenigen bekannten republikanischen Normalkapitelle denen 
des Olympieion-Kapitells gleichen, im ausgesprochenen Gegensatz zu den damals 
schon vorhandenen korinthischen Kapitellen italischer Art. 

Nur in einem Zuge sind die republikanischen Kapitelle dem Olympieion-Kapitell 
nicht gefolgt, nämlich in der geringeren Höhe des oberen Kranzes. Allerdings sind 
auch dort die beiden Kränze nicht von ganz gleicher Höhe. Aber an den reif-itali- 
schen, z.B. an denen von Tivoli (Beil. HI, lo) und Praeneste (DelbrueckH, Taf. XIV 
und I, Taf. XIV) ist der Unterschied so viel auffallender, daß sich die Frage auf- 
drängt, ob dieses Verhältnis der Kränze auch schon aus der griechischen Überlie- 
ferung stamme oder nicht vielleicht erst dem italischen Typus eigen und von diesem 
übernommen sei. 

In Frage kommen nur wenige griechische Kapitelle. Choisy hat Hist. de l'archi- 
tecture I, 548 diese niedrige Kranzform vom Antenkapitell desDidymaions von Milet') 
ableiten wollen — mit Unrecht, denn dies Kapitell hat eine andere Geschichte. Die 
Mittelblätter sind hier nur niedrig, um Raum für die über ihnen angebrachte 
Palmette zu lassen. Dafür gehen die Eckblätter hoch hinauf bis unter die Voluten. 
Die Blattüberfälle, die für den horizontalen Eindruck maßgebend sind, bilden keine 
geschlossene Einheit. Wenn auch nicht in Milet, so hat sich doch die Form des niedrigen 
zweiten Kranzes schon zur Zeit des Hellenismus im griechischen Osten ausgebildet. 
Sie findet sich in der ersten Hälfte des 3. Jahrh. beim Kapitell des Rundbaus der 
Arsinoe auf Samothrake 2), das der normalen Form schon nahe kommt, in Alexan- 
drien 3) und auch bei einem alexandrinisch beeinflußten, hellenistischen Kapitell in 
Baalbek (Weigand, Abb i). Besonders augenfällig ist dieser Aufbau bei einem schönen 
Normalkapitell im National-Museum zu Athen (Beil. III, 8), das Altmann nur deshalb 
mit Recht den vorbildlichen Ausgangspunkt des Kapitells vom Olympieion nennen 
konnte, weil er dieses zu Unrecht im hadrianischen Kapitell erblickte. Mit diesem 
Irrtum war aber auch seine Datierung dieses athenischen Kapitells in hellenistische 
Zeit bereits gefallen. Es war in Wahrheit dadurch nur als vorhadrianisch bestimmt, 
und Stais (Marbres et bronzes Nr. 1496) hat es denn auch in römische Zeit gesetzt. 



■) Egle, Abt IV, Taf. 57. Mauch, Taf. 39. einer Reihe untereinander verschiedener Kapi- 

') Conze-Benndorf, Untersuchungen auf Samo- teile die Regel, aber doch von andrer Wirkung 

thrake I, Taf. LX. als beim Normal-Kapitell, denn beide Kränze 

3) DelbrueckH, Abb. 100 — 102. Exped. Sieglin.Aus- sind auch als Gesamtheit nicht hoch, und da- 

grabungen in Alexandria. Abb. 207. Weigand, durch bleibt der vegetabilc Schmuck auf den 

Abb. 3. Hier ist der niedrige obere Kranz bei Kalathosfuß beschränkt. 



Margarete GUtschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. •j'i 



Leider gibt seine Fundstelle nahe beim Theseion für die Zeitbestimmung ebensowenig 
Anhalt wie für seine Zuweisung zu einem bestimmten Bau. Versuchen wir also, 
CS nach seinen Formen zu datieren. Die fest geschlossenen Kränze sind üppig und 
locker, die breit fußenden, durch tief eingegrabene Mittelrippe gegliederten Blätter 
sind in ihrer Ösen-, Pfeifen- und Zackenbildung denen des Greifenkapitells vom 
Propylon zu Eleusis nahe '), wohl etwas vorgeschrittner durch die plastische Model- 
lierung des Blattfleisches, die mehr auf starke Licht- und Schattenwirkung ausgeht. 
Die kleinen Propyläen in Eleusis sind um die Mitte des i. Jhrh. v. Ch. errichtet, also 
würde das athener Kapitell etwa in dessen zweite Hälfte gehören. Diesem Ansatz 
entspricht seine sonstige Stilisierung: die beginnende stärkere Gliederung des Blatt- 
umrisses ^) durch den hervorspringenden Mittelzacken, die kraftvollen, aber doch 
schon eleganten Caules mit tiefen Furchen zwischen scharfen schmalen Stegen, die 
kurzen Helices, Formen, die wir zu dieser Zeit auch in Italien fanden. Aber die kon- 
servative Tendenz Griechenlands verleugnet sich auch hier nicht. Die Zwickelblüte 
der Außenvoluten und das zurückgeschlagene Blättchen auf ihrer Stirnseite sind eine 
Reminiszenz an das Tholos-Kapitell von Epidauros 3), das Auge in der Volute an das 
des Olympieions ; auch die geringe Verhüllung des oberen Kalathos haben wir an diesen 
griechischen Kapitellen gefunden. Nach dieser Datierung ist das athener Kapitell 
also jünger als die klassischen republikanischen Italiens mit der gleichen niedrigen 
Kranzbildung. 

Da diese Anordnung der Blattkränze sich im vorrömischen Griechenland ilur 
gelegentlich zeigt, nicht bereits prinzipiell anerkannt ist, erhält die hierin viel kon- 
sequentere Gruppe »italischer« Kapitelle (s. Delbrück II, 157, 160) für unsere Frage 
ein viel größeres Gewicht. Dieser ebenfalls republikanische Typus hatte sich schon 
vor dem klassischen korinthischen in Italien eingebürgert. Nach Delbrueck scheinen 
seine 2rsten Stadien bisher nur in Sizilien nachweisbar zu sein; es wurde dort aber 
bald lokal umgebildet und hat mit einem altertümlichen Gepräge versehen von dort 
aus seinen Weg über die Halbinsel bis in die nördlichen und westlichen Provinzen 
genommen. Im Gegensatz zum klassischen Typ ist beim italischen die Form des Ka- 
lathos unter üppig wucherndem, krausem und stumpflappigem, weit überhängendem 
Blattwerk nicht mehr klar erkennbar. Zweigartige Einzelblätter begleiten die runden, 
sich verjüngenden und in einem Ring endenden Helices und liegen in den Zwickeln 
zwischen Deckplatte und Eckvoluten, deren leicht konvexe, kantig eingefaßte 
Spiralgänge scheibenförmig aus der Ebene herausgedreht sind. Eine mächtige sechsblätt- 
rige Sternblume mit großem Stempel am oberen Kalathosrand streckt ihre Blätter 
auch über den Abakus aus. 

Nach dem mir zugänglichen keineswegs vollständigen Material 4) scheide ich 
vier Arten des Aufbaus voneinander: 

') Gut erkennbar an einem Gipsabguß der Samm- 3) Lechat-Defrasse, Epidaure, Taf. VIl. Ant. 

lungderBerlinerUniversität. Friederichs-Wolters Denk. II, Taf. V. Meurer, Jahrb. d. Inst. XI 

Nr. 863/64. Weniger deutlich zu erkennen auf 1896, 155, Abb. 52. Alinari 24224. 

den Abbildungen: Meurer S. 423. Woermann, ■!) Auf den Versuch, eine chronologische Entwick- 

Gesch. d. Kunst I-, Abb. 429. Mauch, Taf. 39. lung zu geben, muß ich verzichten. 

^) s. Meurer, S. 139. 



74 



Margarete Gütschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



I. Kapitelle mit anscheinend gleich hohen Blattreihen, die nur den unteren Teil 
des Kalathos umgeben und höchstens bis zu dessen Mitte reichen. Z. B. Kapitelle 
aus Noto (Delbrueck II, Abb. 94) und mehrere aus Solunt (Beil. III, 9)'). 

II. Die obere Blattreihe ist kaum halb so hoch wie die untere, und beide zu- 
sammen reichen bis zur Mitte des Kapitells, d. h. bis zur Mitte von Kalathos und 
Abakus. Z. B. Maßverhältnisse vomKapitell des Rundtempels inTivoli (Beil. III, lo)^), 
am Gipsabguß der Berliner Universitätssammlung genommen: 

Unterer Kranz 24 cm Volutenzone 20 cm 
oberer ,, il ,, Abakus 15 ,, 

35 cm + 35 cm =70 cm Kapitellhöhe 3). 

III. Der Höhenunterschied zwischen beiden Blattreihen nimmt zu; ihre Gesamt- 
höhe geht beträchtlich über die Mitte des Kapitells hinaus. Die Volutenzone ist 
niedriger als die untere Blattreihe. Z. B. die Höhe des oberen Kranzes beträgt bei 
einem Kapitell aus Praeneste (Delbrueck I, Abb. 71) ca. V3, bei weiteren ebendort 
(ebda. Taf. XIV u. Abb. 64. Woermann, Abb. 485. D'Espouy) ca. V3 und (Delbrueck 
II, Abb. 76) ca. 3/5, bei einem Kapitell aus Aquiieia (Durm, Abb. 829), ca. V4 der 
Höhe des unteren. 

-■" IV. Die Blattreihen sind gleich hoch, nehmen V3 der Höhe des Kalathos ein und 
bedecken den größten Teil der Volutenstengel. Z. B. Maßverhältnisse vom Gips- 
abguß des Kapitells der Basilika von Pompei (Beil. III, li): 

Unterer Kranz 14 cm 



oberer ,, 

Volutenzone 
Abakus 
Kapitellhöhe 



14 
14 

7 



49 cm 

Ebenso Kapitelle von Vienne, jetzt im Mus. von Lyon 4) und in der berliner 
Abgußsammlung, vermutlich aus Pompei. 

Der Entwicklungsgang des klassischen Kapitells (Delbrueck I, Abb. 64) muß von 
diesem in Italien heimischen Typus beeinflußt worden sein, denn er zeigt mancherlei 
Analoga. Das mag so zu erklären sein: ein klassisch-griechisches Vorbild war dem 
^römischen Normalkapitell in dem Olympieionkapitell auf dem Kapitol gegeben. Aber 
bei den wiederholten, mittel- und unmittelbaren Nachbildungen müssen sich seine 
griechischen Elemente mancherlei Veränderungen gefallen lassen. Die eingesessenen 



•) Nach photogr. Aufnahme von Prof. Delbrueck, 
der mir wie auch Prof. Noack mehrere Photo- 
graphien von Solunter Kapitellen, z. T. in den 
Ruinen, z. T. im Museum von Palermo, freund- 
lichst zur Verfügung stellte. 

2) Diese und die folgende Abbildung nach Photo- 
graphien der Gipsabgüsse von Dr. von Lücken. 

3) An einem Pfeilerkapitell, vermutlich aus Pom- 
pei (doch konnte ich die Herkunft des Abgusses 



feststellen) hat das aus einer Reihe bestehende 
Blattwerk ebenfalls die gleiche Höhe (21 cm) 
wie Volutenzone (ii cm) und Abakus (10 cm) 
zusammen, endet also auch in der Mitte des 
Kapitells. — Sicher ist es nur ein Zufall, daß 
unter den wenigen, bisher veröffentlichten 
italischen Kapitellen sich kein weiteres mit den 
reinen Verhältnissen des Tivoli-Kapitells be- 
findet. 



in der Sammlung der Berliner Universität nicht 4) Bazin, Vienne et Lyon gallo-romains, Abb. 329. 



Margarete Gütschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. ye 

Steinmetzen haben, statt immer wieder einfach zu kopieren, je nach ihrem Können 
und ihrem sehr unterschiedlichen, teilweise derberen Geschmack die Formen abge- 
wandelt. Dieser Geschmack liebte das Reiche, Unruhige, Belebte; ihm entsprach 
die größere Formenfülle und die üppigere Bildung des italischen Kapitells, und mehr 
oder weniger bewußt machte sich dieser Einfluß auf seine Arbeiten geltend. Auf 
solche Weise wird — nach Mustern wie etwa Gruppe II des italischen Typs — nun 
auch bei Normalkapitellen das Verhältnis der Kränze abgeändert. Die Blattreihen 
werden einander so nahe gerückt, daß die überfallenden Blattspitzen beider eine 
horizontal gliedernde, aber in ihrer Verdopplung unruhige Licht- und Schattenquelle 
bilden. Ebenso wird das Blattwerk frischer, krauser, rundlicher, belebter. In der 
frühen Kaiserzeit wächst es in die Höhe wie bei den italischen Typen III und IV, läßt 
dadurch den Volutenstengeln wenig Raum zur Entwicklung und überdeckt sie über- 
dies teilweise mit Blattzweigen. — Die Mitte der oberen Zone, die bei italischen Kapi- 
tellen durch die große, tief sitzende Blüte und die fast mit ihr zusammenhängenden 
Blattüberfälle stark betont war, blieb beim Normalkapitell zunächst leer, da die 
Blume von den Kränzen weg an den Abakus rückte. Deshalb wird diese Stelle zwi- 
schen und unter den Helices mit den bis dahin nur gelegentlich verwendeten Blatt- 
kelchen geschmückt, die den Blütenstengeln als Träger dienen. 

Griechische und italische Art haben sich gemischt. Die bodenständige italische 
Kunst ist so kräftig, daß der landfremde Typus sich den landesüblichen Formen 
anbequemt, als er sich zu akklimatisieren sucht. Aber er bleibt eben doch im Wesen 
und in der Gesamtheit seiner edlen Glieder ein griechisches Gebilde, und indem er 
von der einheimischen Form nimmt, was er zu seiner Umwandlung bedarf, hat er sie 
auch schon überwunden. Wie einst in Sizilien werden nun in Rom die Akanthos- 
kränze im Aufbau und in den stilistischen Formen umgebildet; es entsteht ein neues 
griechisch-römisches Kapitell. 

Maß Verhältnisse. 
In dem niedrigen Aufbau der Kränze, der beiden sonst so verschiedenen Kapi- 
tellarten des republikanischen Italiens eigen ist, wollen Altmann (S. 28) und Choisy 
(I, 548), dem sich Puig y Cadafalch anschließt '), einen prinzipiellen Unterschied 
zwischen den griechisch beeinflußten Kapitellen der Frühzeit und denen der Kaiser- 
zeit sehen. Choisy behauptet ferner, daß die geringe Höhe des zweiten Kranzes über- 
haupt die eigentliche Ursache der geringen Höhenentwicklung der frühen ko- 
rinthischen Kapitelle sei; mit dem Anwachsen dieses Kranzes wachse auch 
das Kapitell in die Höhe; bei Kapitellen mit niedriger oberer Kranzschichtung sei 
die Höhe des Kalathos seinem unteren Durchmesser gleich; bei solchen mit hohem 
oberen Kranz aber überträfe dieKalathoshöhe den unteren Durchmesser bei weitem. 
Mit anderen Worten: die Höhenentwicklung des Kapitells sei von der Höhe der oberen 
Blattreihe abhängig. Für den ersten Fall nennt er als Beispiel das Kapitell vom 
Rundtempel in Tivoli, für den zweiten das des »Jupiter Stator-Tempels auf dem 

') Arquitettura romanica in Catalunya 198. 



76 



Margarete Gütschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



O 

3 
t« 

•o 
'a 
W 

c 
o 
> 

CO 

O 

r— I 

O 

H 

u 



U 

4-1 

'o. 



3 

a, 



S < 



3 

N 



C 
0) 
J3 
O 

m 

TD 

c 

3 



C 

v 

10 

(0 



3 

u 

c 



rt 

a 

kl 

o 



^ rt 






3 
< 



w rt n -^ 
"WS = 

fc. c — . „ 

^2 2 o 



■- V- •* 

So M 






a 

3 



< 



■<<• n ro r^. ^ r^< »i- -t-T^ -^-l- •1--t--+-1-(^l -r^ M 



f^ c^ N -^ ^ CO f^ f< f^ f' fi f*"' f f"' f' ^' f* '*' 



^ 3 - ? S 

fc- N ;:- j3 ^ 

S 3 -E. '^ -" 



P. S 









S -OS 



? 5= rt 



u: 



f2 Ol 0* 
"5 e " 






5'^Q 



OS N 

CO j5 






P 






.5 •-< 

W H CQ 



—; ^ ^ CO ^ o _j 



CQ 












H 










vO 








^ 






M 


M 






H 


N 


M 


> 


^73 


C/5 


p^ 


^ 


H 


>s 


4^ 


N 


N 


H 


3 


H-l 














o 
n, 


< 


13 


■Ü 


. > 


'9- 


W 


U 


u 






4) 


W 


N 






^ 








Q 


W 


Q 


Q 


w 





S 



^ H I^ 

:2 - ^ 



<u <u <u o ^ 

'O 'Ü 'O "T) ,_j 

o o o o 

tio bo bo bfl * 

tf) (rt tfi .#. - — 

<u u u 

Q Q Q 



> 


■*J 


" 


> 


X 




> 










H 


H 


Ui 


H 






^ 


> 






cd 


S- 


in 






ji; 


SJ 




hh" 


U 




TJ 


' ' 


^ 


•o 










tui 






(M 








s 


(U 


a> 




Q 


m 


« 


C 



.Q 

<! 



H 



^3^^ 









S- 

> u -«I 
^ C -- 

« 

T3 J . 



„ 3 

o ' 
o "■ 






J3 

o 



xs 



> 


^ 
S 








4> 










J3 


ä, 


»— ) 






^ 


•^ 


:3 








**-» 




>» 




e 








i^ 


u 


t-l 


tl 


T) 






C 


fTi 




X 




J= 








n 


C 

CS 




o 


U 


U 


o 




J3 


»^ 


CO 














u 




a\ 


3 




ä 


c 


c 


4) 


J3 






tuO 

3 


fO 


CO 


o 


N 


> 


ö 


rt 


1 

M5 


« 


et 






t-H 


ri 


^ 






On 





= d 



fa 






'ÖJ ^ 

S e- 



S 



S 

o 



c 




h 


U 






— 1 


H 


b< 


u 




■O 




c 


(< 


3 


^ 


Oi 



B 

X: 
O 



s :-3 






§31 



►^ g s o d s ö 



m 



o 


X 
S 

0) 


P 




C 

ca 

3 


< 

c 
.3 


tn 
3 
C4 


g 

'3 
o 

a 


.2 


u 


i 


5 

O 

pH 


;3 

o 


c 
o 

J= 




T3 


ü 

o 

3 




c« 






c 




o, 


< 




b 

3 


O. 




n1 


(9 


rt 


E3 






v 


u 


fl< 


PU 


o 


V 


VI 


O 


w 


> 


k^ 


C4 


.0 


CAl 


H 


•o 


Ph 


M 


ro 


■* 


u^ 


ir^ 


-o 


t^ 




00 



'asH 






o « 

W) « < 

w r" »- ' 

*- t? aj 



.J5l 



^ 



Margarete Gtttschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



n 







C4 


« 












































B 




« 


^ 




m 




rO 




^ 


-t- 


-* 


■^ 


^ 


-t 


Tl- 


rh 


Tj- 


■+ 


^ 


-f 


fO rO 




C 
















































s 






















































^^■" 




^^~ 


"~~ 


^^~' 


' 








•^_> 


■^~' 


■~™' 








"■™' 


mmm^ 


^^~ 








• (3 


w 












































■«3 

'5. 

CS 


>l 


o 


•"■ 


'~' 




^ 




CI 




'"' 


■^ 


■"■ 


■"■ 


'"' 


'"' 


'~' 


" 


■^ 


■"" 


■■ 


1-4 


-H l-( 






a> 












































U 




iX 
« 


N 


N 




N 




N 




ri 


ro 


„ 


« 


n 


M 


fO 


M 


n 


M 


N 


r^ 


N N 




•o 


4> 


ja 














































1 


o 












































u 














































«- 


4J 

3 


H« 


M 




- 




" 




N 


M 


N 


- 


" 


w 


M 


H-« 


w 


r^ 


" 


P* 


M 1-1 




















Ö 








0) 




















u 




















*-< 








+-• 




















■M 






»! 






























CA 












■M 






•fl 














s 








s 




<u 




'rt 












i! S 


B 




1 ^ 






- 




' 




in 




0) 


= 


n 

u 


' 


s 
1 


i 




s 


:0 


- 


■t-> 


:: 


i ^ 

PS 

CA 


















V 








v 


















MH OJ 


J3 
O. 




o 














J3 








J3 
J3 








'S 




























































u 


































o 














M 


































r* 














O 


































• 














•4-' 


































3 














O 

J3 
































o 


s 


■^ 


\o 




U-) 


o 


t^ oo 




a 






t^ 


















O 


^ 




s 

o 








hH 


N 


M N 


Pi 




2 






l^ 




> 




1—4 

> 






O 

o 


" 


t^ 


tH* 


)J 


f-^ 


00 


»^ 


M 


t^ 1-^ 


A 




3 




00 


Z 




H 




H 




H 


00 


iz; 


z 


z 


z 


ä 


Z 


:?; 


z z 


u 




< 




H- r 


•u 








H 




H 


TS 


T3 


ti 


■o 


T) 


'"' 


T3 


tj 


•ö ■a 


CS 








i-H 


c 




o 




o 










ß 


c 


o 


c 


a 


•r^ 


C 


c 


c c 








rt 




Im 




Im 




.^ 


'C 


■*-' 


M 


rt 


CS 


c« 


CS 


)-i 


CS 


rt 


CS CS 


c 










CuO 




<U 




<u 




o 


rt 


tu 


ü 


M 


M 


^-^ 


.S" 


,M 


G 


M 


bO 


bJl bjo 
















>-( 




^^ 




o 


c 
< 


J2; 






o 

Oh 












<u 


















pH 




O 


'53 


'S 




"S 


< 


"3 « oj «u 
^ ^ ^ ^ 


u 


j 








■~~ 






































.^^ 








,G 








































fc4 




^•1 










u 




;; 




3 
M 

3 


^ 


:: 


;: 


r 


^ 


N 

'rt 


: 


o 

ul 


:: 


'S 

CS 


IT) 


ä-g 


CN 








3" 


f-l 




00 








rt 












1 








OJ 




« 'C 
























r/1 


















a 
W 


o 


?i 










G 

4J 


^ 




















^ 






















<u 




in 

3 
S 


S 

1 
3 
< 

1 

(4 




3 

0) 




w 

3 

C 




S 


S 


M 

a 
2 
o 

g 


3 
Q 


0) 

"es 
ei 

m 
t 


* 


CS 

c 

■§> 

IS 




"cS 

pH 


a 

o 

pH 
CA 

3 


o 


CA 

o 


:CS -42 
CO CO 






'S. 






« 




V 


M 

O 


3 


o 

CM 

i 

(in 


Oh 


g 


5 




S 

fr 


t-T 

o 




-2 










1^ 


a 

o 


B 

3 


C/2 


s 

3 


6 

CO 


tn 

1 


S 




o 

o 


r 


4) 


•5 


P4 




o 


3 










Cv 


d 




i-i 




Cj 




fö 


•4- 


u-1 


■vÖ 


w 


od 


a^ 


ö 


«; 


ri 


cc 


4 


»A \o 












M 




N 




N 




N 


n 


W 


ri 


<s 


M 


fS 


fo 


CO 


c^ 


fo 


CO 


f*^ <o 



yS Margarete Gotschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



Forum«, nach den Abbildungen des Dioskurentempels. Ist es aber schon an sich 
bedenklich, zwei so verschieden geartete Kapitelltypen wie italisch und normal- 
klassisch in eine Entwicklungsreihe zu bringen, so sprechen gegen diese Theorien 
auch die Denkmale selbst. Ich stelle zunächst, was hierfür in Frage kommt, so weit 
wie möglich in Tabelle III (S. 76!.) zusammen ') und gebe für jedes Kapitell an: 

1. Das Verhältnis der Kalathoshöhe zum unteren Durchmesser. 

2. Das Verhältnis der Gesamthöhe der Kränze zur eigentlichen Kapitellhöhe, 
die Kalathos und Abakus umfaßt. 

3. Die Höhenverhältnisse der einzelnen Kapitellzonen: des unteren und oberen 
Kranzes, der Volutenzone und des Abakus. Hierbei soll nicht das zahlenmäßige 
Verhältnis zueinander angegeben werden, sondern i bezeichnet den höchsten Teil, 
2 und 3 die nächst hohen, 4 den niedrigsten. 

4. Das Verhältnis des Abakus zur Kapitellhöhe. 
Aus Tabelle III, S. 76f. ergeben sich nachstehende 

Folgerungen. 

1. Bei den Normalkapitellen der griechischen, republikanischen und frühen 
Kaiserzeit ist die Höhe des Kalathos seinem unteren Durchmesser gleich; ausgenom- 
men ist das des Rundtempels am Tiber, dessen Kalathos trotz des niedrigen oberen 
Blattkranzes höher ist als der untere Durchmesser. Erst in späterer Zeit übertreffen 
die Kalathoi die untern Durchmesser an Höhe. 

2. Die obere Blattreihe des Kapitells von 

der Tholos von Epidauros ist '/ö niedriger als die untere, 

vom Olympieion „ V3 >, „ „ 

„ Rundtempel „ V» „ ,, „ 

,, Dioskurentempel ist gleich der unteren. 
Dennoch reicht bei diesen Kapitellen das Blattwerk bis zur Mitte des Kapi- 
tells (oder geht nur ganz wenig über sie hinaus), wenn wir die Gesamthöhe gleich 
Kalathos plus Abakus setzen. Es ist dann einerlei, ob die Kränze hoch oder niedrig 
geschichtet sind : die Gesamthöhe der beiden Kränze steht immer im gleichem Ver- 
hältnis zur Gesamthöhe des Kapitells. Dieses Verhältnis beruht demnach auf der 
•stabilen (so gut wie stabilen) Höhe der oberen oder richtiger höheren Blattreihe, 
die ja genau wie die untere am Kalathosfuß entspringt. Man darf nicht sie höher 
oder niedriger nennen; es ist vielmehr so, daß die Höhe ihres oberen sichtbaren Teiles 
davon abhängig ist, ob der untere Kranz höher oder niedriger geführt wird und sie 
dadurch mehr oder weniger verdeckt. Höher oder niedriger ist also nur der untere 
Kranz. 

') Leider konnte ich nicht Abgüsse, sondern nur mit starker Unteransicht vermieden. Trotz ge- 
Aufrisse und Stiche prüfen. Wenn auch Photo- ringer perspektivischer Verschiebungen lassen 
graphien und Abbildungen nach diesen zur ganz die ausgewählten doch das Verhältnis der Kränze 
sichern Feststellung der Verhältnisse selbstver- zur Kapitellhöhe und der Kränze zu einander 
ständlich nicht ausreichen, so glaube ich doch erkennen. Da alle Abbildungen verschiedenen 
die Tabelle durch eine Anzahl von ihnen ver- Maßstab haben, muß ich die Angabe der 
vollständigen zu können. Ich habe Kapitelle Maße als zum Vergleich unbrauchbar weglassen. 



Margarete Gtttschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



79 



Dementsprechend ist auch für die Höhe der oberen Kapitellhälfte diese wech- 
selnde Höhe (oder Sichtbarkeitszone) der zweiten Blattreihe ohne Bedeutung. Sie 
ist dagegen abhängig von der Höhe des Abakus; je flacher dieser, je weniger er von 
der Höhe der oberen Zone beansprucht, desto mehr Raum bleibt zur Entfaltung der 
Hüllblattkelche und Helices. 

3. Im 4. Jhrh. besteht nur ein geringer Höhenunterschied zwischen den Kränzen 
eines Kapitells. Er nimmt aber in hellenistischer Zeit zu, wie das Normalkapitell 
des Olympieions zeigt, und steigert sich im i. Jhrh. v. Ch. in Italien so, daß der obere 
Kranz nur halb so hoch wie der untere ist. Doch bleibt dieser Aufbau keine aus- 
schließliche Eigentümlichkeit der vorkaiserlichen Zeit, sondern er hält sich durch 
Jahrhunderte als eine Nebenform in allen Teilen des römischen Reiches'). Seit mittel- 
augusteischer Zeit wächst in der Regel der obere Kranz über die Kapitellmitte hinaus, 
an die er bisher gebunden war. 

4. Im Gcjjensatz zu den griechischen und hellenistischen Kapitellen mit über- 
ragend hoher Volutenzone (Nr. 1.2.) ist in der republikanischen Zeit die untere 
Blattzone am höchsten, die Volutenzone steht an zweiter Stelle (Nr. 4, 19. Bei Nr. 
3 u. 7 sind beide Zonen gleich hoch). Später ist das Verhältnis wieder umgekehrt 
(Nr. 5, 6, 8— 15 a, 21, 23 — 25) oder diese beiden Zonen sind an Höhe gleich (Nr. 
15 b— 18, 21, 26—28, 30, 31, 32, 34). Die obere Kranzzone bleibt am niedrigsten 
mit vereinzelten Ausnahmen (Nr. 25, 32). Einzig und allein bei Nr. 18 haben alle 
3 Zonen dieselbe Höhe. Überall da, wo das Blattwerk bis zur Mitte der Kapitellhöhe 
reicht und unterer Kranz und Volutenzone gleich hoch sind, müssen auch oberer 
Kranz und Abakus von gleicher Höhe sein (Nr. 3, 16, 19). 

Ein Rückblick auf den italischen Typus zeigt, daß diese Höhenverhältnisse 
teilweise bei ihm vorgebildet sind. Bei den sizilischen Kapitellen (Gruppe I) nimmt 
wie bei den hellenistischen die Volutenzone den größten Teil des Kapitells ein. Am 
Kapitell von Tivoli mit den gleichen symmetrischen Maßverhältnissen wie die Nor- 
malkapitelle Nr. 3, 16, 19 reicht das Blattwerk bis zur Kapitellmitte (Kalathos 
+ Abakus), und das ist für uns die Hauptsache. Gruppe IV entspricht Vitruvs Vor- 
schriften der Dreiteilung, Maßverhältnisse, die wir bei dem späteren Kapitell der 



•) NureinigeBeispiele. (Vgl.Tab.III.)!. Im Westen. 
N. Italien : Kapitell von der SO-Ecke des Au- 
gustus-Bogen in Susa(Ferrero,L'arc d'Auguste ä 
Suse, Taf. V). Gallien: Figural-Kap. im Mu- 
seum von Vienne (Esp^randieu, Rec. des bas- 
reliefs rem. I, Nr. 409. Weigand Nr. 11). Ger- 
manien: Jupiter-Säule aus der Saalburg (zuletzt 
Quilling, Jup.-Säule 1918); Kap. aus dem claudisch- 
neronischen Lager von Vetera (Lehner, Prov. 
Mus. in Bonn Taf. XL 6, Nr. 1154). Spanien: 
verschiedenartig gestaltete, z. B. vom Augustus- 
Tempel in Barcelona (Puyg y Cadafalch, Arqui- 
tettura romanica in Catalunya Abb. 31, 212, 
214) u. in den Museen von Sleydau. Sta. Agueda 
(ebenda Abb. 219, 222 — 27). 2. Im Osten. 



Klein-Asien: Hekate-Tempel in Lagina (Men- 
del, Mus. d. Constantinople Cat. des sculp. I, 
Nr. 233. Phot. des Ottoman. Mus. 1 701). Milet: 
Markttor (Weigand, Nr. 14) und Delphinion 
(Milet II, Abb. 29^30). Ephesos : Markttor (Wei- 
gand, Nr. 13), Bibliothek (Weigand, Nr. 17), 
Theater (Ephesos II, Abb. 179). Syrien: Kap. 
vom Tyche-Tempel in Sunamin, Caracalla- 
Tempel von Atil, aus Aphrodisias (Weigand 
Nr. 21, 22, 23 a u. b) die in das 3. Jh. n.Chr. ge- 
hören, und noch im 4. Jh. beweist ein Kap. vom 
Jakobsbrunnen in Sichern (A. M. 1914, Taf. 
II, 5. 6) die lange Lebensdauer dieses Aufbaus der 
Kränze. Ich werde später ausführlicher hierauf 
zurückkommen. 



gO Margarete Gutschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 

Porticus Octaviae ') feststellen konnten, die aber — eben weil Vitruv sie nennt — 
auch sonst vorhanden gewesen sein müssen. Diese Analogien sind bei den republi- 
kanischen und frühaugusteischen Normalkapitellen, die dem italischen noch zeitlich 
nahe stehen, ebenso verständlich wie die Tatsache, daß sie späterhin ganz aufhören. 
Schemata der ersten nachchristlichen Jahrhunderte, wie z. B. das des Dioskurcn- 
Tempels (2 — 2 — i — 4) oder das des Pantheons (2—3 — 1—4) kommen bei den ita- 
lischen Gruppen noch nicht vor. 

5. Vitruvs Regel, daß die Höhe desAbakus gleich '/? der Kapitellhöhe sein soll, 
findet sich nicht bestätigt. Vielmehr scheint nach den Zahlen der Tabelle sich hierfür 
keine feste Norm gebildet zu haben. Im allgemeinen geht die Entwicklung vom 
hohen zum flachen Abakus. 

Vitruv. 

Es ist auffallend, wie wenig sich die vorstehenden an den Denkmälern ge- 
wonnenen Beobachtungen mit Vitruvs Regeln decken. Von diesen bestätigt sich 
an diesen griechischen, republikanischen und frühkaiserlichen Kapitellen eigentlich 
nur die eine, daß der untere Durchmesser des Kalathos maßgebend für seine Höhe 
ist — nicht aber der obere Kranz, dessen »Höhe«, wie wir gesehen haben, durch die 
des unteren bestimmt wird. 

Im Gegensatz zu Vitruvs Regel (IV, i, 12), nach der das Kapitell ohne Abakus 
in drei Teile geteilt wird ') — zwei Teile Kränze, einer Voluten— , steht das Ergebnis, 
daß grade zu seiner Zeit die Gesamthöhe beider Kränze nur bis zur Mitte des Kapi- 
tells — Kalathos plus Abakus — reicht, und man somit statt von einer Dreiteilung 
richtiger von einer Zweiteilung — nicht nur der Funktion, auch den Maßen nach — 
zu sprechen hat. Die vegetabilc untere Zone der beiden Kranzreihen ist zu unter- 
scheiden von der oberen Zone der konstruktiven Elemente, der tragenden Helices 
und des getragenen Abakus. 

Durch die hier entwickelten Maßverhältnisse, die den Abakus in die grund- 
legende Kapitellhöhe einbegreifen, wird stärker als bei Vitruv betont, daß diese Deck- 
platte ein untrennbarer Bestandteil des korinthischen Kapitells ist 3). Und sie muß 
es logischerweise auch sein — mehr als bei den beiden anderen Kapitelltypcn — , 
' denn die aufsteigenden Voluten sind nur durch ihre Aufgaben als Stützen seiner 
Ecken zu verstehen, sonst wären sie zwecklos. Dagegen kommt der Rundstab, der 
Astragal, bei diesen Maßverhältnissen nicht in Betracht; er wurde als trennendes 
Glied zwischen Säule und Kapitell empfunden. 

•) Trotzdem wird man es nicht dem Bau von 33 v. Worte »secundum folium mediam altitudinem 

Chr., sondernder schwachen Gaules wegen mit teneat« nicht zu verstehen: reicht bis zur Mitte, 

Weigand (S. 61) dem severischen Umbau geben denn dann könnte es sich nicht um gleiche Teile 

müssen. handeln, sondern hält die Mitte, d. h. nimmt 

') Da Vitruv ausdrücklich von einer Dreiteilung den mittleren Teil ein. 

(partes tres) spricht, kann der Ausdruck »ean- 3) Wie Vitruv ja auch in seiner Anekdote von der 

dem altitudinem«, die gleiche Höhe, sich nur Entstehung des kor. Kapitells in richtigem Ge- 

auf beide vorhergehenden Teile beziehen: alle fühl vom Körbchen und dem darauf liegenden 

Teile sind also gleich hoch. Folglich sind die Ziegel als einer Einheit redet. 



Margarete Gütschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. gj 



Woher aber stammen Vitruvs Regeln über das korinthische Kapitell? Birn- 
baums Behauptung '), daß sein Kanon an keinem Bau seiner Zeit erhalten sei, trifft 
auch für das korinthische Kapitell zu ^). Hingegen ist seine Vermutung, daß Ar- 
cesius3) Schrift »de symmetriis corinthiis« seine Quelle gewesen wäre, irrig, wenn er 
diesen für einen kleinasiatischen Architekten des 4. Jahrhunderts hält. Denn erstens 
kann in jener Zeit, in der korinthische Kapitelle erst anfingen, sich an Kleinkunst 
und in Innenräumen auszubilden, von schriftlicher Festlegung solcher als Bau- 
ordnung noch keine Rede gewesen sein, am wenigsten in Klein-Asien, wo keine 
so frühen Kapitelle erhalten sind und wo der Jonismus besonders lange vorherrscht. 
Ist es nicht auch bedenklich, dieses Alter so bestimmt herzuleiten aus der Reihen- 
folge, in derVitruv IV, 3, i die Architekten aufzählt: Arccsius (wo alle Handschriften 
überdies die Formen Tarchesius haben), Pytheos, Hermogcnes, während gerade da, 
wo Vitruv das Werk des Arcesius »de symmetriis corinthiis« nennt — (hier zeigen alle 
Handschriften die Form Argelius) • — , er diesen ausdrücklich hinter Hermogcnes stellt. 
— Zweitens— und das ist entscheidend — ist es das Normalkapitell, dasVitruvsAn- 
gaben voraussetzen, und das kennen wir in solcher Formulierung erst aus dem2. Jhrh. 
V. Ch., also schon aus der Zeit des Hermogcnes (vor und um 200), dessen Kanon nach 
Noacks und Birnbaums Beweisführung für Vitruvs sonstige Regeln die Richtschnur 
war4).^ Freilich sind ausvorvitruvischer Zeit Kapitelle italischer Art erhalten, diemit 
seinen Proportionen übereinstimmen. Aber da sie jene von Vitruv berücksichtigten 
Züge des Normalkapitells nicht haben, müssen sie hier ausscheiden. Es wäre auch 
unwahrscheinlich, daß der klassizistische Vitruv sich nacn einer provinziellen Form 
gerichtet hätte. Immerhin ist es ein wunderlicher Zufall, der diesen Vitruv ent- 
sprechenden Aufbau gerade am nicht klassischen Typus erhalten hat, den klassischen 
jedoch, an dem wir diese Vitruvianischen Maßverhältnisse vorauszusetzen hätten, 
zugrunde gehen ließ. Erst spätere Kapitelle vom Nerva-Forum, Pantheon, Fau- 
stina-Tempel (Tabelle III, Nr. 14, 15, I7)nähernsichmit ihrer Teilung in drei ungefähr 
gleich hohe Zonen seinen Angaben; die der Porticus derOktavia stimmen mit ihrer 
gleichmäßigen Dreiteilung ganz mit ihnen überein. Es scheint demnach, daß seine 
Theorien, die er wohl nicht nur an der Basilika von Fano, sondern auch an anderen 
Bauten verwirklicht hat, in Zeiten, die dem Klassizismus wieder zuneigten, maß- 
gebend gewesen sind. 

Woher er seinen Kanon genommen hat, bleibt ungeklärt. Jedenfalls müssen 
wir dem Fachmann Vitruv so viel Selbständigkeit zutrauen, daß wir Justis Schluß 5), 
er habe ohne viel Nachdenken von verschiedenen Autoren abgeschrieben, weil seine 
Vorschriften über die Proportionen der menschlichen Gestalt unausführbar sind, 
nicht etwa auch auf seine Regeln über die Baukunst anwenden. 

') Denkschr. Wiener Akad. LVII 1916, Abb. 4. Kapitellbildungen seiner Zeit den Grundtyp 

Vitruv und die griech. Architektur, S. 38 f. 60 f. aller späteren analogen Gebilde erkannte, 

') Noack, Philol. LVIII 1899, 16. 19 .\nm. 1. keiner besonderen Widerlegung mehr. P. geht 

3) Vitruv VII praef. 12. dabei von der falschen Voraussetzung aus, 

<) Nach unseren Ausführungen bedarf Prestels daß die Pantheon-Kapitelle Agrippas Bau 

Meinung (Vitruvs 10 Bücher über Architektur 27 v. Chr. angehören. 

IV 166 Anm. 5), daß Vitruv wohlbedacht in den 5) Konstruierte Figuren und Köpfe Dürers 60. 

Jahrbuch des Archäologischen Instituts XXXVI. " 



82 



Margarete Gutschovr, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 



Nachtrag. 

Nach AbschUiß der Drucklegung habe ich zwei Photographien von einem 
herabgestürzten Kapitell des Olympieions erhalten (Abb. 7), die Prof. Noack 
freundlicherweise in Athen hat anfertigen lassen. Durch sie wird zum ersten Male 
dies kraftvoll schöne Kapitell in seiner ganzen Frische unmittelbar gezeigt, nicht 
nur durch die Hand des Zeichners. Wenn auch im wesentlichen Penroses Wieder- 





Abb. 7. Athen, Olympieion. 



gäbe bestätigt wird, so weicht es doch in drei Punkten von ihr ab, und ich muß 
meine Tabelle I (oben S. 62 — 64) darnach be'richtigen. 

I. Die Caules sind keine schräg gestellten, gefurchten Kelche. Sie sind breit 
angelegt und durch hoch herausgearbeitete, in ihrem Lauf bewegte Rundstäbe, 
die sich oben nach Art jonischer Kannelluren vereinen, gegliedert. Nicht die 
einzelnen Hebungen und Senkungen können in einem überfallenden Rand geendet 
haben, wie bei Penrose, vielleicht aber der ganze Caulis. Für einen abschließenden 
Wulstring erscheint die Bruchstelle zu schwach. 



Margarete GUtschow, Untersuchungen zum korinthischen Kapitell. I. 3^ 



2. Die Volutenstengel steigen nicht gemeinsam neben einander aus dem 
Blattkelch auf, sondern die der Außenvoluten überschneiden die der Innern ein 
beträchtliches Stück. 

3. Der Stengel der Abakusblüte ist viel dicker und wuchtiger; möglicherweise 
ist der Schaft, aus dem Penrose ihn aufsteigen läßt, nur das untere Stengelende. 
Dann müßte man statt des kleinen Blattrandes einen verbindenden Wachstumsknoten 
annehmen. Aber die abgestoßenen Blattspitzen der überfallenden Kelchblätter 
machen gerade diese Stelle unklar. 

Berlin. Margarete Gütschow. 



Archäologischer Anzeiger 



Beiblatt 

ZUM Jahrbuch des Archäologischen Instituts 

1921. i/ii. 



EIN SAR APISRELIEF IN HILDESHEIM. 

Der Erläuterung einiger bemerkenswerte- 
rer Denkmäler des Hildeshcimer Pelizaeus- 
Muscums, die in einem der folgenden Hefte 
des Arch. Anz. Platz finden soll, möchte ich 
die Bekannt- 
gabe des folgen - 
denStückes vor- 
wegnehmen, das 
einer etwas aus- 
führlicheren Be- 
handlung wert 
scheint, als in- 
nerhalb jenes 
Rahmens mög- 
lich sein wird. 

Es handelt 
sich um das 
obere, segment- 
artige Bruch- 
stück von einem 
runden Relief 

aus feinem 
Kalkstein (Pel. 
Mus. Nr. 2245; 

Abb. i). Dm. etwa 19 cm, D. 4 — 5 cm. Der 
Rand wird durch eine doppelte Profilleiste ge- 
bildet. Nach hinten ist das Relief abge- 
schrägt, die Rückseite ist nicht sehr sorg- 
fältig geglättet. 

Dargestellt ist eine Gruppe von drei Gott- 
heiten. In der Mitte thront Sarapis auf 
einem Thron mit hoher Rückenlehne und 

Archäologischer Anzeiger 1921. 




Abb. 1. Sarapisrelief in Hildesheim. 



niedrigen Seitenlehnen, die vorne durch eine 
Rosette verziert sind. Der Gott trägt die 
kanonischen Züge des berühmten Kultbildes, 
die Linke hoch am Zepter, die R. beruhigend 
über dem Kerberos haltend '), auf dem 
Haupte den Kalathos. Zu seiner Rechten 

steht eine weib- 
liche Gottheit; 
rechtes Stand- 
bein, wie man 
trotz der Zer- 
störung noch er- 
kennen kann. 
Über dem Chi- 
ton trägt sie 
einen Mantel 
umgeschlungen, 
der auch über 
den Kopf gezo- 
gen ist und nur 

das Gesicht, 

rechte Brust, 

rechten Arm 

und linke Hand 

freiläßt. Die 

Rechte hält eine 

Fackel hoch gefaßt, die Linke ist gesenkt, die 

Hand trägt Mohn und Ähren. Das Gesicht 

ist der Mitte zugewandt. Auf des Gottes 



') xotlifÜw bei Ps.-Kall. 1,3,33 evident; Peter- 
sen, Arch. f. Rel.-Wiss. XIII, 72 f. Wilcken, 
Arch. Jahrb. XXXII 1917, 187. Im übrigen ja 
Amelimg, Rev. arch. 1903 II, 177 fE.; Ausonia III 
1909 S. 120 ff. Roeder bei Pauly-Wissowa. 



Ein Sarapisrelief in Hildesheim. 



anderer Seite steht eine zweite Göttin, von 
der leider nur der Kopf und ein Stück des 
rechten Oberarms erhalten ist. Der Kopf ist 
leicht nach rechts geneigt, aber geradeaus ge- 
richtet. Das Haar ist gescheitelt und im Nak- 
ken zu Korkzieherlocken gedreht. Auf dem 
Haupt trägt sie als Kopfputz eine mißratene 
Krone zwischen zwei Knospen. Von dem 
Gewand ist zum Glück noch gerade so viel 
erhalten, daß es die Benennung der Göttin 
sichert. Das Stück auf der rechten Schulter 
kann nur von dem Fransenmantel stammen, 
dessen eine Ecke hier herübergezogen ist, 
um vor der Brust zum »Isisknoten« ver- 
schlungen zu werden '). Also Isis und De- 
meter stehen neben dem thronenden Sarapis. 

Daß dieses wichtige Relief so stark zer- 
stört ist, ist sehr zu bedauern. Denn eine 
sichere Ergänzung des Ganzen ist nicht 
möglich, so wünschenswert sie wäre. Immer- 
hin werden wir uns noch über sie unsere Ge- 
danken machen müssen; denn auf jeden 
Fall ist das Rehef geeignet, gewisse Fragen 
erneut anzuregen, über die man doch viel- 
leicht noch einmal zu einer Einigung gelangen 
wird. Folgende Bemerkungen seien hier er- 
laubt, in denen das Fehlen eingehenderer 
Kontroversenbehandlung mit dem Raum- 
mangel entschuldigt werden möge. 

In der bekannten Sarapislegende sprechen 
sich, mag man einmal zu ihr stehen wie man 
will, doch bestimmte Tatsachen unzweideutig 
aus. Petersen hat sehr richtig darauf ver- 
wiesen »), daß das Orakelgebot J) bei Tacit. 
hist. IV 83 (T) und Plut. soll. anim. XXXV I 2 
(Ps.) sehr ähnlich lautet und daß Ps. in 
dem Gebot, das Bild Tr^; Kopr^? äTrojxa- 
Jaa&at xal xaiaXiTtsiv, ein durchaus unver- 
werfliches Detail aufbewahrt hat, an dem 
zu zweifeln gar kein Grund vorliegt. Nach 
Ps. heißt es ausdrücklich: Sst ouoiv 6qak\i.ä-:u)v, 
und wenn man auch an dem Abformen 
und Mitnehmen der Kopie (s. u.) des weib- 
lichen Standbildes Anstoß nimmt, daran 
kann auch nach T. kein Zweifel sein, daß 



') Heinr. Schäfer, Das Gewand der Isis, in 
Festschrift zu Lehmann-Haupts 60. Geburtstag, 
Janus I 1921, 194(1. Berl. Museen XLII 16. 

') a. a. 0. S. 54 f. Ernst Schmidt, Kultübertragun- 
gen (Rel.-wiss. Vers. u. Vorarb. VIII, 2, 1909) S. 52. 

3) Sicher des delphischen, auf keinen Fall des 
delischen Orakels, wie Rev. arch. XLI 1902, i''- 
verrautet wird. E. Schmidt, a.a.O. 113. 



wenigstens neben dem Gott in Sinope eine 
weibliche Statue stand (muliebrem effigiem 
adsistere). Das ist äußerst wichtig, denn 
auch für Ptolemäus' Ratgeber muß dies von 
wichtiger Bedeutung gewesen sein. Der 
königliche Traum und seine Deutung gingen 
selbstverständlich von klaren, vorher fest- 
gelegten Bedingungen und Absichten aus, in 
denen aber eine muliebris effigies eine inte- 
grierende Rolle gespielt haben muß. 

In Rhakotis nun, wo das Bild des Gottes 
später stand — das ist wenigstens sicher — , 
war nach T. cap. 84 sacellum Serapidi an- 
tiquitus sacratum gewesen. Zur Erklärung 
des »antiquitus« ist aber offenbar die Stelle 
Ps.-Kallisth. I 33, 4 heranzuziehen, nach der 
Sesonchosis dies dem Sarapis geweiht ha- 
ben soll '). Und in diesem somit »antiquitus« 
geweihten Tempel war das Soavov des Sa- 
rapis xal Ttapsian^xsi Ttp Joav(|) Kopvj? a-(a.'k\xa 
\i.i-{{.azov. Von dem in dieser Form festge- 
legten Tatbestand — sei er nun Fiktion oder 
nicht — ging demnach die Sarapiskommis- 
sion aus. Sesonchosis- Sesostris — Steine sind 
geduldig, und welcher Grieche verstand 
Hieroglyphen.? — , der 'sagenhafte Welter- 
oberer, hatte laut Obeliskeninschrift dem 
Weltenlenker das Heiligtum geweiht, der 
neue Welteroberer erneuerte nun dies Hei- 
ligtum dem Gotte, der seinerseits auch die 
Welt erobern sollte — eine wohl ver- 
ständliche und epigrammatischer Schärfe 
nicht entbehrende Wendung. 

Alexander d. Gr. hat also dem Sarapis 
nach Ps.-Kall. bereits ein Heiligtum geweiht. 
Natürlich wird man diese Nachricht mit 
größter Vorsicht aufnehmen, aber anderer- 
seits doch auch prüfen müssen, ob sich sonst 
ein Anhalt bietet, ihr irgendwie Glauben 
schenken 2u können. Von unbezweifelbarer 
Realität nun sind wenigstens die Obelisken. 
Ps.-Kall. erwähnt sie mit dem Zusatz tous 
[li'/jii- toü vüv xsi[i,svous £v T(p 2apait£i({) sjw toü 
TtepißoXou Tou vuv xstfisvou (= Val. quod 
aetas iunior laboravit) '). Sie waren also 
auch später im Serapeum zu sehen 3), 

•) Dem Zusammenhang nach muß man die In- 
schrift auch auf das ganze Heiligtum beziehen. 

») Atsfeld, Rh. M. L,V 1900, 356, Anm. 4. An 
Dittographie ist wohl nicht zu dtnken. 

3) Auch von Aphthonius erwähnt. Botti, Fouilles 
^ la colonne Th^odosienne (Alexandria 1897) 41. 
Ausfcld, Rh. M. LV, 383. 



5 



Ein Saiapisrelief in Hildesheim. 



aber außerhalb des Peribolos. Sollte darin 
nicht ein wertvoller Hinweis liegen? Der 
Peribolos umschließt doch wohl das eigent- 
liche, große Serapeum. Wenn außerhalb 
dieses Peribolos ein Serapeum genannt wird, 
so kann dies nur so zu verstehen sein, daß 
es eben zwei Serapeen nebeneinander gab, 
ein älteres und ein jüngeres. Dieses jüngere 
kann nur das mit dem berühmten Kultbild 
gewesen sein, jenes ältere müßte dann jenes 
»Sarapion Parmenionis« gewesen sein, von 
dem Ps.-Kall. (A) I 33 am Schluß (= Raabe 
1 94 und Val. I 32) berichtet. Der unterschei- 
dende Zusatz Parmenionis istwohl am besten 
so als Gegensatz zu einem anderen, benach- 
barten Serapeum zu erklären. Dieser Sach- 
verhalt ist auch schon von Otto, Priester 
und Tempel I, 15 angedeutet und läßt sich 
ungezwungenmitBottisBericht(s.o.Sp.4A.3) 
S. 112 ff. vereinen, der S. 114 aus den Graffiti 
des »westlichen Souterrains« eine Weihung 
an Sarapis und die ouvvaot Oeoi' wieder- 
gibt. Ferner würden sich auf diese Weise 
die bekannten, vor dem großen Serapeum- 
bau datierten Erwähnungen des Sarapis vor- 
trefflich erklären »). Und man sollte nicht 
immer wieder um die Tatsache herumgehen 
wollen, daß überhaupt Sarapis schon zur 
Zeit Alexanders bekannt war. Der Serapion 
in Alexanders Umgebung ist nicht fortzu- 
diskutieren '). Nur weil die Griechen Sarapis 
kannten und Alexanders Umgebung bereits 
für diesen Gott besonders interessiert war, 
nannten sie nach ihrer Weise die ähnliche 
Gottheit in Babylon auch »Sarapis«. Ein 
echter Sarapis hat schwerlich in Babylon je 
existiert 3); sein Name war aber den Grie- 
chen geläufig, bei den so außerordentlich 
regen Beziehungen zu Ägypten im ganzen 
4. Jahrhundert ganz natürlich 4). 

Wir werden uns die Verhältnisse in Alexan- 
dria ähnlich zu denken haben wie in Memphis 
(s. Otto a. a. 0. I, 15). Von welchem ägypti- 



') Dittenberger, 0. Gr. Inscr. 16. Sethe, Sarapis 
(Abh. d. Gott. G. d. Wiss. XIV 1913) 2. E. Schmidt, 
a. a. 0. 63. 

») Sarapis b. Röscher 353, 46 ff. 

3) Anders E. Schmidt, a.a.O. 76 und schon 
Plew, De Sarapide, Diss. Regim. 1868, 8. 

4) Ottos Vermutung, Priester und Tempel II 
215, I, daß der ähnliche Klang eines vielleicht grie- 
chischen Gottes bei der Rezeption mitgewirkt hat, 
ist durchaus im Auge zu behalten. 



sehen König in Rhakotis ein Heiligtum des 
Oserapis ') gegründet sein mag, wissen wir 
vorläufig nicht; aber daß eines bestand, 
scheint nach Bottis allerdings nicht sehr 
klarem Bericht doch wohl sicher zu sein»). 
Und wenn sich zeigen sollte, daß Alexander 
d. Gr. selbst schon dies alte IloaEpäiti 3) — 
vielleicht deponierte auch hier schon Arte- 
misia ihre Verwünschung, vgl. die nuvvaoi 
ösoi bei Botti S. 114, wenn auch aus später 
Zeit — mit einer Weihung bedacht, ja da- 
neben ein griechisches Serapeum gebaut 
hätte, so würde dies durchaus nicht zu über- 
raschen brauchen, sowohl nach Alexanders 
Verhalten im übrigen Ägypten als auch in 
der übrigen Welt. Und wie soll man sich 
dann zu der späteren Einführungslegende des 
Gottes stellen.'' Nicht anders wie zu der des 
Äskulap in Rom, der auch vor der unter 
ähnlichen Zügen berichteten Überführung aus 
Epidaurus schon längst in Rom bekannt 
war, aber jetzt seinen neuen Tempel auf der 
Tiberinsel bekam 4). Dem neuen Tempel 
eine Bedeutung zu verschaffen, die dem alten 
Tempel das Alter und die Tradition sicherte, 
mußte zu besonderem Mittel gegriffen wer- 
den. Eine Epiphanie konnte helfen. So 
bezeugt geradezu die Sinopelegende, wie an- 
dere ähnliche, das Bestehen schon eines älte- 
ren Kultes desselben Gottes, der jetzt seine 
hohe politische Mission zu beginnen hat 5) 
und dem zu mächtigerer Wirkungsmöglich- 
keit der neue Tempel in aller Pracht her- 
gerichtet wird. 

Dabei sollte und durfte aber auf keinen 
Fall das Band mit dem Alten verlorengehen. 
Schon Petersen a. a. 0. 58 hat richtig ge- 
sehen, daß das alte Heiligtum, also das 
floaspctm, das verbindende Glied zwischen 
ägyptischer Religion und dem neueingeführ- 
ten Gott bilden sollte. Damit kam aber vor 
allem auch dem alten Bild darin eine solche 
Bedeutung zu, wie schon oben bemerkt 
wurde. T. und Ps. bestätigen somit die Nach- 
richt des Ps.-Kall., die wir uns nach den 

') Die Auseinandersetzungen von Sethe, Sarapis, 
über den Namen haben für mich durchaus über- 
zeugende Kraft. 

') Schreiber, Bikinis AI. d. Gr. 252. 

3) Sethe, Sarapis, 5; Baß, Philol. XLI, 748. 

4) E. Schmidt, a. a. 0. 45 f. 

5) Vgl. entspr. für Magna Mater E. Schmidt 
a. a. 0. 27. 



Ein Sarapisrelief in Hildesheim, 



sonstigen Funden ägyptischer Skulpturen 
beim Serapeum (Botti a.a.O. 113 und 123) 
deuten müssen') . Auch Wilcken zweifelt nicht, 
daß von Anfang an Isis mit Serapis verbun- 
den gewesen sei =). 

War aber mit der ägyptischen Gestalt der 
Isis für den angestrebten Zweck einer Re- 
ligioiisverbrüderung bei den Griechen etwas 
zu erreichen.' Osiris mußte in diesem Heilig- 
tum seine alte Gestalt aufgeben, und auch 
Isis war den Griechen leicht zugänglich zu 
machen, wenn man sie ihnen mit ihrem 
griechischen Namen nannte. Der Ägypter 
andererseits brauchte seine Isis, er sollte aber 
bei seinem Gebet an dieser Stelle auch zu- 
gleich langsam dem griechischen Empfinden 
gewonnen werden. Also war hier auch eine 
richtige »Isis« vonnötcn, die der Ägypter als 
solche sofort erkannte, die aber doch auch 
so weit griechischer Form angenähert sein 
mußte, daß die formale und gedankliche 
innereDurchdringung und Einheit der Gruppe 
nicht gestört wurde. Das führte geradcswcgs 
zu dem Ausweg, der griechischen Göttin 
gleichsam eine ägyptische Übersetzung ge- 
genüberzustellen und andererseits für die 
ägyptische Göttin ebenfalls die Übertragung 
ins Griechische beizufügen — eine bilingue 
Kultgruppc. Ist doch auch der Kerberos 
eine solche Bilingue, dem Griechen eben der 
Kerberos, zugleich dem Ägypter verständ- 
lich durch Löwe, Wolf und Hund als Tiere 
des Osiris, Upuaut und Anubis. Wenn 
Wilcken aus dieser richtigen Feststellung 3) 
nun weiter folgerte, daß der Kerbei-os eben 
in Alexandria gearbeitet sein müsse und da- 
mit auch das Bild des Gottes selbst, so 
scheint uns ein solcher Schluß nicht nötig. 
Lediglich der Kerberos ist das alexandrini- 
sche Siegel zu dem sonst durchaus keine 
ägyptisierenden Züge verarbeitenden, son- 
dern ganz rein griechischen Sitzbild selbst; 
dies Siegel kann in der Tat nur in Ägypten 
geformt sein, es dem Kultbild zuzufügen, 
bot keinerlei Schwierigkeit. Zu einer Ab- 
leitung des »Kerberos« aus Memphis scheint 
ein dringender Grund trotz Wilckens öfter 
genanntem und außerordentlich förderlichem 
Aufsatz im Arch. Jahrb. XXXII nicht vor- 

') Vgl. Bull, d'arch. or. 8 (1907) 63 ff. 
») Arch. Jahrb. XXXII 1917, 194, 2. 
3) a. a. 0. 188 f. 



zuliegen. Denn diese Zusammenstellung aus 
Löwe, Wolf und Hund kann unmöglich zum 
erstenmal in dieser Serapeumgruppe von 
Memphis (a. a. 0. 191 f.) vorgenommen wor- 
den sein. Dieser Löwenkerberos konnte nur 
in die Gruppe aufgenommen werden, wenn 
seine Form schon feststand, nicht aus sym- 
metrischer Spielerei. In Alexandria war 
diese eigenartige Form aus den oben dar- 
gelegten Erwägungen eine zwingende Not- 
wendigkeit und klüglich von der hohen Kom- 
mission ersonnen. Die memphitische Gruppe 
ist eine spielerische Weiterbildung des durch- 
aus ernsten, alexandrinischen Bildes. Und 
nur dieser alexandrinische Kerberos hat auch 
in der Tradition der großen und kleinen 
Kunst gewirkt. Umgekehrt ist die Mariette 
sehe dionysische Gruppe, die wieder in die 
Diskussion gebracht zu haben höchst not- 
wendig und dankenswert war, am besten 
zu verstehen aus den Gedankenkreisen her- 
aus, die ja bei dem Traum usw. wirksam 
waren '). Wie vielmehr Wilcken a. a. O. 173 
als wahrscheinlich annimmt, daßdieExedra- 
gruppe einer solchen in Alexandria nach- 
gebildet sei, wird man auch die dionysische 
Gruppe eher als eine Nachbildung einer im 
alexandrinischen Serapeum aufgestellten 
Gruppe ansehen dürfen. 

Wenn Wilcken a.a.O. 188 auch für die 
Sinopelegende den weiteren Schluß zieht, 
daß sie lediglich späte Fabel sei '), so muß 
doch die zu wenig beachtete, schlagende 
Parallele bei Libanius, or. XI, III (Foerster) 
dem entgegengehalten werden. Wie die 
Gründungsgeschichte Antiochias der Alexan- 
drias nachgebildet worden ist'), so finden 

') Petersen a. a. 0. 50 nennt den in T. zuerst 
erscheinenden jugendlichen Gott richtig Dionysos. 

') So auch E. Schmidt a. a. 0. 109; A. Die- 
terich a. ebda. a. 0. 

3) Ausfeld, Rh. M. LV 1900, 381. Reitzenstein, 
Gott. gel. Nachr. 1904, 320. Ausfelds Behandlung 
von Ps.-Kall. I 31 — 33, a. a. 0. 348 ff., 357 ff. bedarf 
einer Ergänzung. Man beachte, wie ähnlich der Zu- 
sammenhang bei Flut. AI. 26 ist : Wunsch der Stadt- 
gründung — Absteckung -pmixT^ tiüv äpyiT£XT({v<uv 
— Traum mit Hinweis auf Pharos • — als Folge 
ixO.fji^t 5iaypa''}ai tö a/jilt-o^ tfj; tM.iuh tu T(5rtji 
S'JvapfxijTTOvToit — Vogelwunder. Vgl. Ps.-Kall. I 
(Zählung der Kürze halber nach Raabe iSTopfa 
'AXc;av8pou Lpz. 1896) n und za' Absteckung nach 
Rat der Architekten — 1:5' Auffindung von Pharos — 
T.t' xeXclei ouv 'A. ytupoYpatprjSai tö 7:£p([ieTpov ttjJ 
■lt(iktmi — Vogelwunder. Demnach scheint sich 



Ein Sarapisielief in Hildesheim. 



10 



wir in der Geschichte der Überführung der 
kyprischen Götter — auch hier sind es meh- 
rere! — die erste Nachbildung der so oft 
nachgeformten Übertragungslegende des Sa- 
rapis'), die kaum jungen Datums sein wird. 

Kehren wir nun zu unserem Hildesheimer 
Relief zurück, so ist zunächst noch einmal 
zu betonen, daß wir aus ihm nicht den Be- 
weis erpressen wollen, daß im Scrapeum 
eine entsprechende Gruppe gestanden hat. 
Aber andere Erwägungen führten von selbst 
zu einer Lösung, wie wir sie auf dem Relief 
wirklich getroffen finden, so daß man auf 
jeden Fall die Möglichkeit einer solchen 
Gruppe im Auge behalten muß. Und dies 
um so mehr, da ja wenigstens für einen 
anderen Sarapistempel in Alexandria eine 
ähnliche Gruppe — Sarapis, Isis, Horus — 
erschlossen worden ist ') und selbst Weber?) 
die bekannte Münzgruppe möglicherweise als 
Bild einer wirklichen Gruppe, wenn auch 
nicht im Haupttempel, gelten lassen will. 
Begegnet aber Sarapis überhaupt in Grup- 
pen, so ist eine Gruppe im Haupttcmpcl 
auch von dieser Seite aus keine Unmöglich- 
keit mehr. 

Und schließlich drängt sich jetzt die 
Frage auf, wie denn unser Relief zu er- 
gänzen sein möge. Das erhaltene Stück 

das Amonsorakel betr. Alexandria an die Stelle 
des Traummotivs geschoben (vgl. Beschreibung 
Homers bei Plut. und Amons in oj') und die ältere 
Fassung überwuchert zu haben. Das ließ sich nur 
durchführen bei Benutzung der Aristobulosversion 
(Arrian anab. III 4, 5), nach der' vom Amonium 
aus der Weg nach Memphis wieder über .\lexandria 
führte, wobei dann die Einwirkung des Orakels auf 
den weiteren Bau der Stadt möglich wurde. Daher 
rS' 7:apayEvo[j.Evo; vri 'A. . . . eupe to'j; roTauiu; 
xal xä; 8t(!)pu}(a; . . luvelxioua?. Das schließt an das 
Orakel in oC direkt an; denn jetzt wird die Insel ge- 
funden usw., wie nach dem Traum bei Plut. Das 
Orakel sollte aber nach der Tendenz des Romans 
zum Hauptmotiv werden, wurde also an die Spitze 
gestellt. Die ersten Vorbereitungen auf dem neuen 
Stadtboden Tt' ff. und die Beschreibung des Gelän- 
des 0%' durften trotzdem nicht unerwähnt bleiben 
und wurden daher nach älterer Fassung (wie Plut.) 
beibehalten. Daher das doppelte Trapay^veTai irX 
TO'jTOu TOÜ ^Sct'fO'j; in oC und -apayevdfievo; . . 
tli TCiÜTO To loatpoc in 1:0' ! 

') s. E. Schmidt a. a. O. 115, wo dies schärfer 
betont werden konnte. Über das äro(jiä;a3i)ai hoffe 
ich bald weiteres mitteilen zu können. 

') Weber, Drei Untersuchungen (191 1) 14 f.; 
äg.-gr. Tcrrak. (Berlin 1914) 28 f. mit .\nm. 24. 

3) Weber, Drei Untersuchungen 7, Anm. 14. 



stellt ja wenig mehr als ein Viertel des ur- 
sprünglicHen Rundbildes dar, und ergänzt 
man die Figuren der Göttinnen bis zur 
selben Standfläche, die durch den sicher zu 
ergänzenden Fußschemel vor dem Thron des 
Gottes gegeben ist, so bleibt in dem Rund 
unten noch ein Stück frei, etwa ein Viertel 
der Höhe des Ganzen. Die Gruppe selbst 
ist im wesentlichen ja bereits in dieser Form 
aus Münzen bekannt '). Es ist nun außer- 
ordentlich verführerisch, unser Rundbild 
auch im übrigen so weiter zu ergänzen, wie 
es das Rundbild der Münzen Dattari a. a. 0. 
XXni, 28592) zeigt, nämlich auch unsere 
Gruppe auf einem Schiff stehend zu denken. 
Der Versuch ist nach Maßgabe der Münze 
zeichnerisch leicht und befriedigend zu 
machen. Eine Sicherheit läßt sich für 
diese Lösung natürlich nicht erzielen, aber 
unwahrscheinlich wenigstens ist sie nicht. 
Und so sei denn zum Schluß wenigstens 
die Möglichkeit erwogen, die sich aus einer 
solchen Annahme ergäbe, wenn neben die 
Münzen ein so entsprechendes Denkmal aus 
einer anderen Monumentenklasse träte. 

Das Schiff nur als eine Andeutung der 
Seefahrt des Bildes zu erklären, liegt an 
sich keine Nötigung vor, wenn ich auch 
nicht verkenne, daß sich diese Erklärung 
aus anderen Fällen stützen läßt. An sich 
kann das Schiff in unserm Fall vom Münz- 
bildner frei hinzugefügt sein, kann das ganze 
Münzbild ein Relief oder eine malerische 
Komposition wiedergeben, kann es aber auch 
durchaus ebenso einer wirklichen Gruppe 
nachgebildet sein, d. h. es kann tatsächlich 
auch die Gruppe wirklich auf einem Schiff 
als Basis gestanden haben. Das wäre sowohl 
hellenistisch denkbar, als auch besonders 
in Ägypten. Weber hat mit allem Recht 
hellenistische Kultgruppen auf Schiffen, die 
als Basis dienen, erschlossen 3). Das wäre 
in der Tat die letzte und feinste, sich z. T. 
allerdings von selbst ergebende Pointe in 
den Berechnungen des Timotheos und Ma- 

») Dattari, Numi aug. alex. .\. XXIII 2859; 
XXX II 52, II 54; nom. c. H 2, 3. 

») Dazu Catal. Br. M. Coins Alexandria 886 
(Hadrian), 1207 (Anton. Pius). Schönes Exemplar 
wie 1207 in Berlin. 

3) Äg.-gr. Terrak. 62, 64 f. zu nr. 48; 256 mit 
Abb. 127. Vgl. De Riddcr-de Clercq VII Taf. 13 
no. 2355. 



II 



Zur Wiener Dusirisvase. 



12 



netho gewesen, die Serapeumsgruppe so auf 
ein Schiff zu setzen. Für den Ägypter 
durfte die Barke im Allerheiligsten nicht 
fehlen, und wie konnte man dem Griechen 
das Schiff im Tempel verständlicher machen 
und zugleich uneiitbehrlicher, als daß man 
eben den Gott auf ihm ins Land kommen 
ließ. Es wäre jedenfalls die stärkste Klam- 
mer, mit der die Gruppe zu einer Einheit 
zusammengefaßt werden konnte •). 

Albert Ippel. 



ZUR WIENER BUSIRISVASE. 

Der Meister, der die unter dem Namen 
»Busirisvase« bekannte Caeretäner Hydria 



maierei» III, Abb. 8o) bemalt hat, kennt 
Ägypten aus eigener Anschauung. Die wohl- 
getroflfenen Physiognomien der Ägypter und 
die Tracht beweisen es. Noch nicht be- 
obachtet ist es aber, daß er auch im Motiv 
seiner Hauptgruppe ägyptische Bilder be- 
nutzt und zwar in höchst origineller Weise. 

Unter den großen Reliefs außen am 
Amontempel zu Karnak, die Sethos I. als 
Sieger über die Asiaten verherrlichen, findet 
sich eine Darstellung des Pharao, wie er nach 
der Schlacht den wartenden Streitwagen be- 
steigt, gefolgt von einer Schar gefesselter 
Feinde. Dabei trägt er in jedem Arm je 
ein Paar von diesen davon (Abb. i) »). 

Daß es sich bei diesem Bilde um einen 
fest geprägten und mehrfach wiederhol - 




Abb. I. Relief am Amontempel zu. Kamak. 



des österreichischen Museums für Kunst und 
Industrie (Nr. 217 Masner; Furtwängler- 
Reichhold Taf. 51; Buschor, Griech. Vasen- 



■) ZuAmelungs Auslegung von Rufins perstrin- 
geret s. Petersen a. a. 0. 74. 



ten Typus handelt, lehrt das Bruchstück 
eines kleinen Reliefs im Berliner Museum 



") Hier wiedergegeben nach der Aufnahme der 
deutschen Fremdvölkerexpedition Nr. 210 mit freund- 
licher Erlaubnis von Herrn Geh.-Rat Ed. Meyer. 



13 



Zur Wiener Busirisvase. 



M 



(Abb. 2) »). Es ist die Skizze' zu einem 
Tempelrelief und wahrscheinlich nicht, wie 
das »Ausführliche Verzeichnis« angibt, in die 
Zeit der 18. Dynastie zu datieren, sondern 
später, wie mich Herr Prof. Möller vor 
allem unter Hinweis auf die Formen des 
Wagens freundlich belehrt. 

Dieser Sachverhalt fordert die Annahme, 
daß der griechische Vasenmaler in Ägypten 
ein solches Bild 

— vielleicht 
auch mehrere — 
gesehen hat. 
Macht man sich 
klar, daß nicht 
nur fast alles 
verloren ist, 
was unter der 

18. Dynastie 
an derartigen 
Darstellungen 

geschaffen 
wurde »), son- 
dern daß wir 
auch von dem 
ganzen Reich- 
tum solcher 

Monumente, 
der einst im 
Delta vor- 

handen war, so gut wie gar nichts kennen, 
so fällt alles Wunderbare von dieser Tat- 
sache ohne weiteres ab. 

Nun bekommt das Vasenbild aber inhalt- 
lich erst seine richtige, von seinem Schöpfer 
gewollte Pointe. Das Burleske des Vor- 
gangs kommt im Kontrast zu dem feier- 




Abb. 2. Relief in Berli 



Im Stich geben die Gruppe: Rosellini, Monumenti 
Storici I, 47 und Cliampollion, Monuments III, 291. 
— Nach Photographien, aber sehr klein, im Zu- 
sammenhang mit den benachbarten Bildern: Stein- 
dorfE, Blütezeitdes Pharaonenreiches S. 164, Abb.140; 
Masp^ro, Histoire Ancienne des Peuples de l'Orient 
Classique IL S. 373. 

') Nr. 3425, Ausführliches Verzeichnis S. 205. ■ — 
Photographie in den Ȁgypt. u. Vorderasiat. Alter- 
tümern des Berliner Museums«, Taf. 107. — Abb. 3 
nach einer Aufnahme, die ich der Verwaltung des 
Museums verdanke. 

') Breasted-Ranke, Geschichte Ägyptens S. 327. 



liehen Vorbilde erst voll zur Geltung. Der 
Spieß ist hier umgekehrt, und wie es dort 
der Ägypterkönig mit den Fremden macht, 
so macht es hier der griechische Held mit 
den Ägyptern. Natürlich geht die 
Anlehnung nicht über die allgemeinen 
Hauptzüge des Motivs hinaus. Beide 
Bilder zeigen eine große, weit ausschreiten- 
de Figur mit je zwei kleinen in jedem 

Arm. Damit 
ist das Gemein- 
sameimwesent- 

lichen er- 
schöpft. Geht 
man ins Ein- 
zelne, so sieht 
man, daß aus 

der etwas 
steifen Feier- 
lichkeit der 
Haupt- und 
Staatsaktion 
auf der ägyp- 
tischen Dar- 
stellungein leb- 
haft bewegtes 
und spontanes 
Kräftespiel in 

dem grie- 
chischen Bilde 
geworden ist. Man erkennt nun auch, 
welche ganz bestimmte Absicht den Vasen- 
maler veranlaßt hat, hier das Gesetz der 
Isokephalie zu durchbrechen. Für den 
griechischen Beschauer muß darin eine sehr 
kräftige Anregung gelegen haben, sich die 
ägyptischen Vorbilder wieder zu vergegen- 
wärtigen. 

Die Busirisvase ist also ein besonders 
schönes und charakteristisches Beispiel für 
das Verhältnis des archaischen griechischen 
Künstlers zu seinen orientalischen Vorbil- 
dern. Wo man einmal, wie hier, ein solches 
Abhängigkeitsverhältnis nach Art und Grad 
genau bestimmen kann, tritt die Originalität 
des Griechen um so klarer und überraschen- 
der in die Erscheinung. 



Berlin. 



Friedrich Matz. 



15 



Die Sammlung der GipsabgQsse in der Universität Berlin. 



i6 




Abb. 1. Saal A. 



DIE SAMMLUNG DER GIPSABGÜSSE 
NACH WERKEN GRIECHISCHERUND 
RÖMISCHER SKULPTUR IN DER UNI- 
VERSITÄT BERLIN. 

Der alten Kunst ist ein neues Haus gebaut. 
Der während des Krieges vollendete West- 
flügel des Universitätsgebäudes ist in seinen 
wesentlichen Teilen der klassischen Alter- 
tumskunde, die ganze, einschließlich des 
Zwickelbaues 150 m lange Flucht seines 
obersten Saalgeschosses der großen, altbe- 
rühmten Abgußsammlung der Berliner Mu- 
seen (s. Friederichs- Wolters 1885) überwiesen 
worden. Dem Wunsche Georg Loeschckes, 
für seine hiesige Tätigkeit diese unschätzbare 
Lehrsammlung mit dem archäologischen Se- 
minar aufs engste zu verbinden, ist der Ge- 
danke Theodor Wiegands, sie in einem Neu- 
bau unmittelbar an die Universität anzu 
schließen, glücklich entgegengekommen. Die 
Voraussetzung war — und ihr konnte in 
vollem Maße entsprochen werden — , daß 
auch dann die Sammlung dem öffentlichen 
Besuche zugänglich bleiben müsse. Sie ist, 
auch dies dank dem Entgegenkommen der 
Behörden, jetzt jeden .Sonntag, Montag und 



Donnerstag dem Publikum geöffnet und 
wird neben ihrer Hauptbestimmung, wissen- 
schaftlicher Arbeit und dem akademischen 
Unterricht zu dienen, auch für Führungen 
der Schulen und für private Kurse regel- 
mäßig benutzt. 

I. 

Ihre Auslösung aus dem altgewohnten 
Verbände der staatlichen Originalsammlun- 
gen auf der Museumsinsel wird dadurch aus- 
geglichen, daß sie, von jenen aus auch jetzt 
in wenigen Minuten erreichbar, aus einer zu- 
letzt fast erdrückenden Raumnot befreit, 
in der neuen .\ufstellung in übersichtlicher 
Weise die Entwicklung und Entfaltung der 
antiken griechischen und römischen Plastik 
vorführen kann. Von dem großzügig noch 
vor dem Kriege begonnenen Unternehmen 
konnte Loeschcke freilich nur noch die Er- 
stellung der neuen Säle im ersten Rohbau 
erleben. Er starb mitten in lebendigsten 
Erwägungen über die Art der Inneneinrich- 
tung und Verteilung der Abgüsse im Dezem- 
ber 1915. Erst im Frühjahr 1916 wurde die 
noch kaum begonnene Überführung aus dem 
Neuen Museum durchgeführt, und es mußte 



'7 



Die Sammlung der Gi|>sabgässe in der Universität Berlin. 



nun an diejenige Arbeit herangetreten wer- 
den, die neben der von Herrn Regierungs- 
baumeister Seidel mit Umsicht und Energie 
geleiteten Fortführung des inneren Aus- 
baues ■) sich als die wichtigste Voraussetzung 
der Neuaufstellung ergeben hatte, an die 
Reinigung und Herrichtung der Abgüsse 
selbst. 

Nach Versuchen verschiedenster Art, die 
mit der bereitwilligen Unterstützung von 
Herrn- Professor Rathgen, des Vorstandes 
des Chemisch-technischen Laboratoriums der 
Museen, ausgeführt waren, wurde beschlos- 
sen, ein in anderen Gebieten erprobtes Far- 
benzerstäubungsverfahren =) anzuwenden. 
Denn ausgeschlossen war eine Aufstellung 
der Abgüsse im bisherigen Zustande, da ihre 
zum großen Teil schon seit Generationen ge- 
steigerte Verstaubung mit mechanischen Mit- 
teln und ohne die Oberfläche mehr oder we- 
niger zu verletzen, nicht mehr zu entfernen 
war. Auch ließ sich bc"i der gewaltigen Zahl 
von rund zweieinhalbtausend Nummern nur 
auf dem erwählten Wege zum Ziele kommen. 

Es bedurfte einer kleinen Fabrikanlage mit 
Luftkompressor und Motoren, die im Erd- 
geschoß des neuen Westflügels eingebaut 
wurde 3) und die gleichzeitige Behandlung 
von immer drei Abgüssen erlaubte (Rathgen 
a. a. O., Abb. 2). So konnte vom September 
1916 ab die Aufgabe mit vorgebildetem Per- 
sonal in anderthalb Jahren bewältigt werden. 

Die Arbeit vollzog sich so, daß nach schar- 
fer Abblasung allen noch beweglichen Stau- 
bes und Schmutzes der Abguß mit einem 
farblo'en .Stoff — Zapon, aus Schießbaum- 
wolle hergestellt — in feinster Zerstäubung 
überzogen wurde, worauf nach einer Trocken- 
zeit von 24—48 Stunden der Prozeß mit 
demselben, diesmal nur leichtgetönten Stoffe 
wiederholt wurde — nötigenfalls noch ein 
zweites Mal, da die zu deckende »Schwärze« 
nicht immer leicht zu überwinden war. 

Die auf solche Weise um unsere Abgüsse 

■) Für die Baiigeschichte dieser großen Erwei- 
terungsbauten der Universität bis zum Jahre 1919 
ist der Bericht Seidels im Zcntralblatt für Bau Ver- 
waltung XL 1920, 409 — 415 zu vergleichen. 

^) Vgl. den Bericht Zeitschrift für angewandte 
Chemie XXX 1917, 41 ff. von F. Rathgen. 

3) Sie ist jetzt in etwas geringerem Umfange in 
die Werkstatt der Abgui3samnihing übernommen 
worden und hat sich a'ich neuerdings bewährt. 



geblasene Haut ist so dünn, daß eine Ent- 
stellung der Oberfläche vermieden wird, und 
sie hat den Vorzug, daß sie sich feucht be- 
handeln und reinigen läßt. Was die Tönung 
betrifft, so durfte eine weitergehende Färbung 
mit dem Ziele, den Eindruck irgendwelchen 
originalen Materiales, wie Kalkstein, Marmor 
oder gar patinicrte Bronze zu err: ichen, nicht 
gewagt werden. Denn die Abgüsse unserer 
Sammlung haben in erster Linie als der neu- 
trale Vermittler der antiken Kunstform zu 
dienen und ein unbefangenes wissenschaft- 
liches Studium zu gewährleisten. Da antike 
Originale in kostbaren Beispielen in den 
nahen Museen vorhanden sind, so wäre eine 
doch niemals wahrheitsgetreu herzustellende 
Imitation des Materiales nur eine ebenso 
überflüssige wie überdies kostspielige Ent- 
stellung des Tatbestandes. 

Nun aber erwuchs angesichts der mehr 
oder weniger gleichförmig erneuten Abgüsse 
eine weitere neue Aufgabe. Einmal konnte, 
wie zahlreiche Versuche ergaben, nur mit 
kräftiger, satter Tönung der Wände ein 
Ausgleich geschaffen werden. Sodann führte 
die große Masse gleichartiger Objekte nun 
auch zwingend zu einer farbigen Differen- 
zierung der einzelnen Räume. Die aus sorg- 
fältigen Versuchen gewonnene Farbcnfolge 
Grün — Tiefbraunrot — Bläulichviolett ließ 
sich in der Hauptflucht mehrfach wieder- 
holen, gedeckte gelbe und blaue Töne blieben 
auf die Seitenräume beschränkt. Und dies 
war, wie wir glauben, nicht ohne einen weite- 
ren Gewinn. Je mehr ein jeder Raum durch 
solche Tönung seiner Wände als eine Einheit 
für sich erschien — wie er auch eine in sich 
geschlossene Kunstperiode, eine besondere 
Denkmälergruppe aufzunehmen oder ganz 
bestimmte Entwicklungsreihen darzustellen 
hatte — , um so mehr war Aussicht, daß in 
aller Fülle doch das Einzelne zur Geltung 
komme und daß die bei der Größe der Samm- 
lung leicht drohende Gefahr der Ermüdung 
sich vermeiden lasse. 

Aus solchen Erwägungen ist das Ergebnis 
zu verstehen, das zunächst in dem im Herbst 
1919 fertiggestellten Flügelbau selbst in die 
Erscheinung trat und das, da es sich zu be- 
währen schien, nun auch bei den inzwischen 
noch hinzugetretenen fünf letzten Sälen des 
Zwickclbaucs Anwendung finden durfte. Mit 



19 



Die Sammlung der Gipsabgüsse in der Universität Berlin. 



20 



© 



® 



® 



m 



- 



© 



® 



diesen ist der Anschluß an den westlichen 
Frontalflügel des alten Palaisgebäudes ge- 
wonnen, die Zahl der Museumsräume auf 
24 gebracht. Mitte Januar 1921 war auch 
dieser letzte Teil des Neubaues fertiggestellt, 
so daß mit seiner inneren Einrichtung und 
dem Aufbau der Abgüsse sofort begonnen 
werden konnte. Am 6. Mai sind auch diese 
Räume in einer kurzen Eröffnungsfeier ihren 
Zwecken übergeben worden. 

II. 

Über Anordnung und Inhalt der ein- 
zelnen Räume folgendes: 

Die chronologische Anordnung war durch 
den Charakter der großen Sammlung an 
ihrer neuen Stelle von vornherein geboten. 
Schon durch die Plananlage der Räume war 
ihr Rechnung getragen. Nur eine kleine 
Anzahl von Abgüssen ist an das Haupt- 
treppenhaus und seine Eingangshalle 
und an die mittlere Treppe dieses Flügels ') 
j abgegeben worden, wobei sich u. a. die Ge- 
[ legenheit bot, einige der Parthenonmetopen 
! für hohe Unteransicht zu zeigen. 

Die Raumeinteilung ist einfach und über- 
! sichtlich. Fünf große Säle A — E (Plan 
! Abb. 2) folgen sich in der hundert Meter 
langen Hauptachse des Flügels. Sie sind 
j sowohl nach der Universitätsstraße wie nach 
: dem Gartenhof der Universität von längeren 
I Fluchten schmalerer Kabinette (4 — 13) be- 
I gleitet. Die Überhöhung der Mittelsäle 
führte zur basilikalen Beleuchtung durch hohe 
Seitenfenster; nur der dritte quadrate Saal 
C konnte reines Oberlicht erhalten. In den 
niedrigeren Seitenräumen, die ursprünglich 
nur auf Belichtung durch die von der Fassade 
gebotenen, ziemlich tiefgelegten Fenster an- 
gewiesen waren, ließ sich in letzter Stunde 
noch Oberlicht einführen, so daß ihre inne- 
ren Wandflächen zu voller Ausnutzung 
kamen. 

Innerhalb dieser drei verschiedenen Fluch- 
ten ist der innere Zusammenhang gegeben 
durch die großen Auf gaben, die die griechische 
Kunst, aus einem Wesentlichen griechischer 
Geistesart heraus, sich gestellt und die sie 



Abb. 2. 



') Hier die großen Apotheosen antoninischer Zeit 
und Denkmäler des Mithraskultes. Der Zugang ist 
von dem großen Korridor der i. Etage aus möglich. 



21 



Die Sammlung der Gipsabgfisse in der Universität Berlin. 



22 




Abb. 3. Saal B. 




Abb. 4. Saal D. 



in beispielloser Konsequenz und Kontinuität 
des künstlerischen Schaffens erfüllt hat: die 
Darstellung sowohl der menschlichen Gestalt 



als solcher in der stetig vervollkommneten 
Einheitlichkeit ihres organischen Aufbaues 
wie auch ihrer Beziehung zu anderen in ver- 



23 



Die Sammlung der Gipsabgüsse in der Universität Berlin. 



24 



schieden bewegter Handlung, also das Pro- 
blem der Einzelstatue, und diese wieder 
nackt und bekleidet, und das Problem der 
Komposition von zwei, drei oder viel- 
figurigen Gruppen, diese wiederum in erster 
Linie als Füllung des gegebenen, unverrück- 
bar begrenzten architektonischen Rahmens, 
eines stärksten, für das künstlerische Bilden 
aber unendlich fruchtbaren Zwanges. Denn 



kommensten Versuche in dem gewaltigen 
Gorgogiebel von Korfu — der einzige Ab- 
guß, von Kaiser Wilhelm noch 191 3 dem 
Alten Museum überwiesen — über den klei- 
nen Schatzhausgiebel von Delphi und die 
Ägineten (deren Gruppierung, wenn auch 
I noch in Thorwaldsens Ergänzungen, der 
I neuesten Forschung zu entsprechen sucht) 
— Saal A (Abb. i) — zu den Gruppen des 




Abb. 5. Saal C. 



der dorische Tempel hatte die Plastik früh 
in seinen Dienst gezwungen und ihr dadurch 
entscheidende Wege der Entwicklung ge- 
wiesen: in der Metope, wo im Anschluß 
an frühere, auch nichtgricchische Arbeiten 
die Aufgabe der Felderfüllung bis zur voll- 
kommenen Lösung verfolgt wird, und in 
der rein griechischen Form des Giebel- 
dreiecks, wo jeder Raumteil seine eigenen 
Gesetze diktiert. So ergab sich von selbst 
in den Mittelsälen die Abfolge der mo- 
numentalen Giebelgruppen: von dem, 
heute wenigstens für uns, noch unvoll- 



Zeustempels in Olympia im Saale B (Abb. 3) 
und zum Parthenon im vierten Saale D 
(Abb. 4). 

Dazwischen schaltet sich im mittleren 
Oberlichtsaal C der plastische Schmuck der 
großen Grabarchitektur des sog. Nereiden- 
monumentes ein und verwandte Kunst 
(Abb. 5). Die Kunst des im 4. Jahrhundert 
entsprechenden, aber in denMassen viel um- 
fangreicheren Mausoleums von Hali- 
karnassos erscheint im fünften Saale E, 
zusammen mit anderer Großplastik dieser 
Zeit, ebenso zwei nach den Ergebnissen der 



25 



Die Sammlung der Gipsabgüsse in der Universität Berlin. 



26 



deutschen Ausgrabungen im athenischen Di- 
pylonfriedhof aufgerichteten terrassenartigen 
Familiengräbern (Abb. 6). 

Parallel zu dieser großen Architektur- 
plastik und in steter Beziehung zu ihrem 
Stil stehen in diesen Sälen die Gewand- 
figuren, Statuen, wie im Relief, von den 
frühen Etappen an, wo man erst die äußere 
Erscheinung des Gewandes schüchtern zu 



die beiden Friese und die Metopen des sog. 
Theseion in der Unterstadt (N. 7), Fries- 
figuren und Architektur vom Erechtheion 
und die Friesreliefs vom Niketempel (N. 8), 
endlich die Gräberplastik, vornehmlich Grab- 
mäler der attischen Friedhöfe, die eine Lang- 
seite der Friese eines Fürstengrabes in Gjöl- 
baschi, Lykien u. a. (N. 9). 

Die westlichen Kabinette nach der Uni- 




Abb. 6. Saal E. 



erfassen beginnt, bis zu jenen fernen sou- 
veränen Schöpfungen, in denen die Gewan- 
dung, mit allen Mitteln der Technik be- 
zwungen, dem Körper und aller Schönheit 
seiner optischen Erscheinung willig dient. 
Die östlichen Kabinette (5 — 9) enthal- 
ten archaische Kunstwerke des 7. und 6. 
Jahrhunderts v. Chr. (N. 5 und 6) — 
älteste Männerstatuen, Ephesos, Assos, la- 
konische Reliefs, Grabstelen sowie archaisti- 
sche Bildwerke späterer Zeiten. 

Es folgt die architeTctonische Plastik 
der kleineren athenischen Tempel: 



versitätsstraßc (10 — 13) umfassen vor allem 
die Entwicklung der männlichen Akt- 
figur seit den Perserkriegen und Werke 
einzelner großer Meister: N. 10 die Tyrannen- 
mördergruppe des Kritios und Nesiotes 476 
V. Chr. und die wichtigste Plastik der Über- 
gangszeit. N. II Myron und Polyklet, hier 
auch der Fries des Apollontempels von 
Phigalia (Abb. 7). N. 12 männlicheStatuen 
attischer und peloponnesischer Schule aus 
dem jüngeren 5. und Anfang des 4. Jahr- 
hunderts; Epidauros. Die Repliken der 
Athena Parthenos des Phidias und Gewand- 



27 



Die Sammlung der Gipsabgüsse in der Universität Berlin. 



28 




Abb. 8. Saal G. 



29 



Die Sammlung der Gipsabgüsse in der Universität Berlin. 



30 



Statuen des phidiasischen Kreises stehen hier, 
im zweiten Teile dieses Raumes, in unmittel- 
barer Beziehung zu den Statuen im Par- 
thenonsaale daneben (Demeter von Cherchel, 
Torso der Athena Medici). Der Raum 13 
neben dem Mausoleumssaale ist ganz der 
Kunst des Praxiteles und was ihr nahesteht 
gewidmet. 

Mit dem nun folgenden Saale F greift 
die Sammlung in das alte Universitätsge- 
bäude ein und gewinnt durch ihn den Weg 



die volle räumliche, dreidimensionale Be- 
wegungsfreiheit gewinnt, geht er bahn- 
brechend auch über die letzte, schon so 
weich und geschmeidig bewegte praxitelische 
Gestalt hinaus. Alexander weist auch der 
Kunst den Weg in die Welt. In Aufgaben 
von buntester Mannigfaltigkeit, in jeder nur 
denkbaren Haltung und Bewegung, von 
ruhiger, wenn auch kompliziertester Sitz- 
stellung, vom gliederlösenden Schlaf bis zum 
ausgelassensten Tanz, zu dem im höchsten 




Abb. 9. Saal H. 



zu dem zuletzt erstellten Zwickelbau, dessen 
Haupträume G — K, losgelöst von der bis 
dahin verfolgten strengen Achsenlagerung, 
sich nun in mehrfach gebrochener Flucht 
folgen. Nur der Raum 15 gehört gleichfalls 
noch dem Altbau an. Diese freiere Grup- 
pierung kommt, indem sie, zugleich von 
günstiger Belichtung unterstützt, wechsel- 
reiche Raumwirkungen gewährt, den be- 
sonderen Aufgaben dieses letzten Teiles der 
Sammlung vorteilhaft entgegen. 

Die erste große Entwicklung der griechi- 
schen Kunst hat sich in den geraden, langen 
Fluchten der vorderen Säle vor uns ab- 
gerollt. Indem Lysippos für die Statue 



Pathos gesteigerten Kampf und qualvollsten 
körperlichem Ringen lebt sich die Kunst im 
Hellenismus aus. 

An die lysippischen Werke (Abb. 8) 
schließen sich daher noch im selben Saale 
(G) die Beispiele für die letzten Lösungen 
der Probleme der sitzenden, kauernden und 
liegenden Gestalt; wichtige Beiträge liefert 
dazu die z. T. dekorative Gartenplastik mit 
den Gestalten des dionysischen Thiasos, auch 
Kinderbilder gehören hierher. Boethos, 
Doidalsas (3. und 2. Jahrhundert v. Chr.), 
Homerapotheose des Archelaos, Polyhymnia, 
Lykosura (Damophon von Messene). 

Im Durchgangskabinett N. 14 die helle- 



31 



Die Sammlung der Gipsabgüsse in der Universität Berlin. 



32 




Abb. 10. Saal K. 




Abb. 1 1 . Saal 3, 



33 



Italien 1914 — 192Q. 



34 



nistischen Aphroditetypen, im Saale H 
die Kunst von Pergamon und andere 
späthellenistische Großplastik, Laokoon, 
Torso von Belvedere (Abb. 9). Dahinter 
(N. 15) griechische Porträts und Idealköpfe. 
Endlich in den beiden letzten Sälen Kunst 
der römischen Zeit. 

Saal I: im stärksten Gegensatz zur Hof- 
kunst von Pergamon mit ihrer großen Geste, 
ihrem überraschenden Interesse für die un- 
hellenistische Erscheinung eines fremden 
Volkes, die Kunst der augusteischen 
Zeit in ihrer zeremoniellen, vornehmen 
Kühle und Finesse, aber auch mit ihrem 
feinen dekorativen Geschmack. Einzelne 
Platten der Ära Pacis Augustae (9. v. Chr.) 
sind zwischen ihrer flachen, nur angedeute- 
ten Pilasterarchitektur gefaßt. Beispiele der 
sog. hellenistischen Reliefbilder sind hier zu- 
sammengestellt. Hochzeitszug des Poseidon 
(Basis einer großen Statuengruppe, von Cn. 
Domitius Ahenobarbus geweiht). Römische 
Porträts, ältere Reihe. 

Saal K: Werke vornehmlich trajanisch- 
hadrianischer Zeit. Nur das große Kampf- 
bild vom Julierdenkmal in St. R6my mußte, 
obwohl frühaugusteisch, hier an der Ab- 
schlußwand Platz finden. Ausschnitte der 
Reliefs der Trajanssäule, Medaillonreliefs mit 
Jagdszenen Hadrians. Porträtköpfe der 
späteren Kaiserzeit. Dekorative Geräte 
(Prunkvasen, Kandelaber), Urnen und Sar- 
kophagreliefs. Einzelne Tierbilder. (Abb. lo). 

Von dieser historischen Aneinanderreihung 
mußte der stark verdunkelte Durchgangs- 
saal F eine Ausnahme machen; in ihm sind 
außer der nach neuen Vorschlägen aufge- 
stellten Niobidengruppe sehr verschie- 
denartige Werke vom 4. — I. Jahrhundert v. 
Chr. vereinigt, die an den ihnen zukommen- 
den Stellen nicht Platz finden konnten, wie 
Glykons Herakles Farnese, der vatikanische 
Nil, des Agasias borghesischer Fechter, der 
große borghesische Krater u. a. 

Die attischen und andere Weihreliefs 
sind in dem hellen nordöstlichen Eckzimmer 
(N. 4) vereinigt, wo auch die Modelle der 
Akropolis und des griechischen Theaters 
stehen. 

Von der Wanderung durch ein Jahrtausend 
antiker Kunstentwicklung zurückkehrend, 
wird der Besucher schließlich aus dem ar- 

Archäologischer Anzeiger 1921. 



chaischen Saale A durch das Löwentor 
von Mykenae, dessen Löwenrelief in die 
ihm zukommende Stelle der in Originalgröße 
hergestellten Fassade eingesetzt werden 
konnte, noch eintreten in den Saal der my- 
kenisch-kretischen Kunst (N.3) (Abb.u). 
Hier ist der Veisuch gemacht, wenigstens 
andeutend zu veranschaulichen, wie einst 
die Wände der altkretischen Paläste in 
Knossos, Phaistos und Haghia Triada durch 
eingelegte Holzanker gegliedert und ober- 
halb des bemalten und oft von flachen Bän- 
ken begleiteten Sockels geschmückt waren. 
Die verschiedenen Aquarellkopien der best- 
erhaltenen Reste von Wandfresken aus 
diesen Palästen, die noch Loeschcke von 
Gillieron hatte anfertigen lassen, sind in 
ihrer schweren Eisenrahmung und Vergla- 
sung zwischen den Holzankern in die Wand 
eingesenkt, um, soweit es möglich ist, als 
Schmuck der Fläche zu wirken. Nur die 
größten Stücke aus Knossos und die Fresken- 
reste aus Tiryns sind in ihrem Rahmen auf 
die Wände gehängt. Reproduktion kleinerer 
Freskobilder, z. T. skizzenhafte Miniaturen, 
vor der Mitte der Fensterwand. In den 
Schautischen und -schränken Nachbildungen 
der kostbaren Geräte und Prunkwaffen aus 
z. T. getriebenem, z. T. figürlich eingelegtem 
Edelmetall, von Steingefäßen mit Relief- 
darstellungen, Fayencefiguren und -gefäßen 
des kretischen Kultes, von Goldschmuck, 
goldenen Siegelringen (mit Szenen- des 
menschlichen Lebens u. a.), Abgüsse von 
Siegel- und Gemmenbildern, Originalscher- 
ben kretischer und mykenischer bemalter 
Tongefäße. Bemalter Steinsarkophag aus 
Haghia Triada mit Opferhandlungen des 
Totenkultes. F. Noack. 



FUNDE UND FORSCHUNGEN. 

Italien 1914—1920. 

Die letzten Fundberichte Delbrücks er- 
schienen über die archäologischen Tatsachen 
des Jahres 1912 im Arch. Anz. 1913, 132 bis 
177, über diejenigen des Jahres 1913 im 
Arch. Anz. 1914, 174 bis 205. Trotz der Ein- 
schränkungen, welche der Krieg der archäo- 
logischen Arbeit auch in Italien brachte und 
des Hinscheidens gerade einiger besonders 



35 



Italien 1 914— 1920. 



36 



I 



tüchtiger, ja führender Kräfte — ich nenne 
Salinas, Milani, Colini, Savignoni, Pellegrini, 
Ghirardini, Pasqui, Falchi, V. Poggi, Persi- 
chetti und den jugendlichen, auf dem Karst 
gefallenen Porro — ist es doch erstaunlich, 
was in den letzten sieben Jahren, und zwar 
nicht nur in Italien, sondern auch in Tri- 
politanien und der Kyrenaike sowie im süd- 
lichen Kleinasien von italienischer Seite ge- 
arbeitet ist, nicht nur gegraben, sondern 
auch berichtet und aufgearbeitet. Der fol- 
gende Versuch, zunächst von dem in Italien 
Geleisteten ein Bild zugeben, muß sich aller- 
dings im wesentlichen auf die amtliche Be- 
richterstattung beschränken, d. h. das, was 
in den Notizie degli scavi und den Monu- 
menti pubbl. dall' Accademia dei Lincei ver- 
öffentlicht ist, sowie auf das Bullettino di 
paletnologia, welches der Nestor der italieni- 
schen Altertumsforschung fortfährt tapfer zu 
leiten, sodann auf dasjenige, was mir mehr 
oder weniger zufällig aus Lokalzeitschriften 
oder durch freundliche Zusendungen bekannt 
geworden ist. Meine eigne Autopsie im 
Lande endigt mit dem Juni 1914. Die Funde 
sind örtlich nach der römischen Einteilung 
des Landes, zeitlich nach der Chronologie 
ihrer archäologischen Ansetzung, im allge- 
meinen wenigstens, geordnet. 

Ligurien. Während die Riviera di po- 
nente bis zum Beginn der Kaiserzeit an der 
altligurischen Leichenbestattung festhält, be- 
ginnt an der Riviera di levante bereits im 
5. Jahrhundert die von den wahrscheinlich 
über die Ostschweiz in die Lombardei gegen 
Ende des dritten Jahrtausends eingezogenen 
»Italikern« mitgebrachte Sitte der Ver- 
brennung Platz zu greifen. Die sog. Gola- 
seccakultur, auch von den nach der Mitte 
des 5. Jahrhunderts eingedrungenen Galliern 
aufgenommen, setzt die alte Brandsitte der 
Pfahlbauer in gleichartigen Formen fort. 
Schon zu Anfang des Jahrtausends ist die 
Nekropole von Bismantova die erste Etappe 
dieser Formen im nördlichen Appennin. Aus 
der gleichen Richtung, von N. und NO. in 
altligurisches Gebiet eindringend, erobert sich 
die neue Sitte das Land westlich bis Genua, 
südlich und südöstlich über die Gar- 
fagnana hinaus hinab bis an den Arno, wo 
am Lago diBientina die südlichste ligurische 
Brandgräberstätte gefunden, s. Z. durch 



Ghirardini in ihrer Bedeutung erkannt und 
vorzüglich erläutert wurde. Genua selbst mit 
seiner schon reichen Reihe schöner griechi- 
scher rotfiguriger Vasen aus solchen Gräbern, 
Cenisola.Velleia sind besonders wichtigeFund- 
plätze dieser ligurischen Gattung. Zu ihr 
gehören zwei Brandgräber bei S. Romano 
(Garfagnana) mit Urnen des Typus Gola- 
secca II, einer noch guten Certosafibel, um- 
baut mit Steinplatten, deren eine die In- 
schrift, linksläufig, »akiu« trägt, womit No- 
gara »akius«, eingeritzt unter dem Fuß einer 
Vase von Marzabotto, vergleicht: das erste 
Beispiel einer Inschrift auf Stein von einem 
Grabe Typus Golasecca II (Bull. pal. XLI, 
1916, 85 — 88). — Der Bau der Abkürzungs- 
bahn Serravalle-Tortona gab den Anstoß, das 
von dieser Neuanlage durchschnittene Stadt- 
gebiet von Libarna näher zu untersuchen, 
jener Stadt, die wohl in Verbindung mit der 
Via Postumia, Roms ältester Verbindung von 
Genua ins Poland, als Sperre am Nordaus- 
gang des Scriviapasses, ursprünglich als La- 
gerstadt errichtet, wesentlich militärischen 
Charakter hatte und erst nach ihrer Erhe- 
bung zur Kolonie unter Nerva oder Traian 
zu stärkerer bürgerlicher Blüte gelangt zu 
sein scheint. Was wir früher über die Stadt 
wußten, ist herzlich wenig (Nissen, LK. II, 
158; Moretti, Not. 1914, 113 — 115); der 
neue Plan nimmt die Ergebnisse der jetzigen 
Untersuchungen gut auf und orientiert, von 
sorgsamem Text Morettis begleitet, über 
diese, nach Lage und Bedeutung mit dem 
unfernen Velleia vergleichbare Stadt in dan- 
kenswerter Weise. Gute Straßen, geräumige, 
mit schönen Mosaikböden geschmückte, zum 
Teil mit Heizvorrichtung versehene Häuser, 
Theater und Amphitheater zeigen schon in 
dem bis jetzt erst bloßgelegten schmalen 
Streifen längs der neuen Bahnlinie, westlich 
der Scrivia, das Bild einer besonders im 
zweiten Jahrhundert der Kaiserzeit blühen- 
den Landstadt, jenem Jahrhundert, aus dem 
auch die weitaus zahlreichsten Münzen in 
der Stadt gefunden sind, ebenso die freilich 
wenigen Bildwerke, so ein Pan aus Marmor, 
einige gute Kleinbronzen, eine Marmornike 
usw. (Not. 1914, 113— 134). 

Gallia transpadana, westl. vom Min- 
cio. Die Kenntnis des Kupfers ist bei der 
durch die ganze Poebene dünn verteilten Ur- 



37 



Italien 1914 — 1920. 



38 



bevölkerung schon sehr früh verbreitet; nur 
im äußersten Westen und in entlegenen Al- 
pentälern findet sich noch reines Neolithikum. 
So bekanntlich bei Vayes im Susatal und im 
Aostatal bei S. Nicolas, Sarre, Montjovet. 
Hierzu kommt neuerdings eine Gruppe von 
25 Gräbern zwischen Villeneuve und Ar- 
vier auf einer Terrasse am r. Doraufer: aus 
unregelmäßigen Platten zusammengesetzte 
Gräber mit liegenden Hockern, einem ge- 
glätteten Jadeitbeil, andern Geräten aus 
Quarz und Feuerstein, einem als Amulett 
getragenen Eberzahn, auch andern Tierzäh- 
nen, einem Vogelknöchelchen, aber keinerlei 
Keramik (Not. 1918, 253—57). 

In einem Moor unweit Solferino ist ein 
bronzezeitlicher Pfahlbau gefunden, der be- 
sonders gut erhaltenes Holzwerk zeigte, das 
noch das System der Verschränkungen und 
Falzungen gut erkennen ließ, mit Wahr- 
scheinlichkeit auch eine für Aufnahme der 
Türpfosten usw. hergerichtete hölzerne 
Schwelle (Not. 1918, 257 — 59). 

Aus den ziemlich zahlreichen Grabfunden 
aller Zeiten seien folgende hervorgehoben: 
ein frühgallisches Bestattungsgrab — je wei- 
ter nach Osten, um so zäher hält sich ja die 
Bestattungssitte auch bei den Galliern, wäh- 
rend sie im Westen die von ihnen vorgefun- 
dene Brandsitte rascher annehmen — bei 
Castiglione delle Stiviere (südl. des 
Gardasees), das reich war an Bronzegeschirr, 
meist wohl etruskischen Ursprungs, worunter 
bemerkenswert besonders ein Kandelaber 
(Fig. I), den ein nackter Jüngling mit einem 
Vogel in der Hand krönt, während drei an- 
dere gleichartige Vögel auf den drei Tier- 
füßen sitzen, welche den Kandelaber tragen. 
Einen aus zwei Bronzeplatten zusammenge- 
setzten Vogelleib, zu dem einige Flügelstücke 
zu gehören scheinen, möchte Patroni für 
Teile eines dem Bestatteten mitgegebenen 
Feldzeichens halten. Die ins Castello Sfor- 
zesco nach Mailand übertragenen Fundstücke 
sollen den wohl ins dritte Jahrhundert (Du- 
cati, Atti e mem. R. Dep. d. Romagna XXVI 
1908, 79 — 85) gehörigen Bronzen aus der 
Galliernekropole von Montefortino (ML. IX) 
nah verwandt sein; damit stimmt der La 
T^ne Il-Charakter zweier geschwungener gal- 
lischer Eisenmesser aus demselben Grabe 
(Not. 1915,302—03; 1918,257) überein. — 



I Ebenfalls in La Tene II gehört der Inhalt 
eines oder mehrerer gallischer Gräber von 
S es toCremonese, vermutlich auch Leichen- 
beisetzung, reich an schönen Ringen und Arm- 
bändern aus Bronze — zwei in Gestalt von 
Pferdehufen modelliert — , ein tordierter 
silberner Torques, aus Eisen Schwerter und 
Speerspitzen, Pferdegebisse, die Keramik wie 
gewöhnlich in gallischen Gräbern dieser Art 
sehr spärlich und dürftig (Not. 191 5, 303 bis 
304). — Unsere Kenntnis des römischen 
Mailand ist namentlich durch Aufdeckung 
von einem Rundturm und Mauern der Be- 
festigung derartig erweitert, daß eine unter 
Morettis Vorsitz gebildete Kommission be- 
gonnen hat, sich mit dem Projekt einer 
Forma Urbis Mediolanensis zu befassen (Not. 
1917, 225 — 26). — Auch in Como ist nahe 
Porta Torre ein römisches Tor mit achtecki- 
gen Türmen herausgekommen (Fig. I, 2), 

j das Haupttor Comos in der Richtung auf 

j Mailand. Form und Grundriß gehen so nahe 
zusammen z. B. mit dem bekannten Tor von 
Turin, daß Patroni mit Recht auch das Co- 
motor in augusteische Zeit setzt. Nahe dem 

I Tor war eine Ehrenstatue auf Beschluß des 
Stadtrats für P. Plinius Paternus L. f. Ouf. 
Pusillienus errichtet gewesen, die nunmehr 
zu den andern bekafrinten Pliniusinschriften 
hinzutritt (Not. 191 5, 297 — 301). — Über 

! die Aufdeckung einer Mansio alpina auf dem 
Kleinen St. Bernhard (Not. 1914, I14, 2) 
ist leider bis jetzt nichts weiter verlautet. 
Die umfassenden von mir schon Heidelb. 
Jahrb. 1892, 74 — 75 als sehr erwünscht be- 
zeichneten Grabungen größeren Stils auf je- 
ner von Bauresten aller Art bedeckten Über- 
gangshöhe stehen immer noch aus. — 
Schließlich sei einer Mithrasgrotte bei An- 
gera (südl. Ostufer des Lago maggiore) ge- 
dacht, ursprünglich einer aeneolithischen 
Wohngrotte, in späten Zeiten durch An- 
bringung von Votivnischen, auch zwei Al- 
tären sowie des Hauptreliefs im Hinter- 
grunde, von dem allerdings nur noch der 
Platz jetzt erkennbar ist, für Kultzwecke 
adaptiert. Zahlreiche Reste von Opfern, 
auch von blutigen, sowie von Mahlzeiten, 
sowohl drinnen wie draußen, konnten fest- 
gestellt werden. Vom Ende des 3. bis ins 
5. Jahrhundert gehende Münzen, die in der 
Höhle aufgelesen wurden, gehörten nach 



39 



Italien 19 14 — 1930. 



40 



Patroni schwerlich einem einheitlichen Münz- 
fund an (Not. 1918, 2 — 11). 

Gallia transpadana östl. vom Mincio. 
Wie in der Lombardei Patroni, so werden im 
Veneto besonders dem zu früh verstorbenen 
Pellegrini eine Reihe wichtiger Fundbe- 
schreibungen verdankt. Hier wie in der Lom- 
bardei hat das Bestreben, aus den Mooren 
Torf zu gewinnen, zu mancherlei Entdeckun- 
gen geführt, so auch zur Feststellung eines 
schon seit 1869 durch De' Stefani (Bp. XLII, 
134) vermuteten Pfahlbaus im Feniletto- 
moor bei Vallese unweit Oppeano, jenem 
schon durch den berühmten Helm bekann- 
ten Fundplatz südöstlich von Verona. Groß, 
etwa 6000 Hektar, prachtvoll erhaltenes und 
gut abgebildetes Pfahlwerk, die Pfähle be- 
reits deutlich mit Metallwerkzeugen behauen; 
neben Steinpfeilspitzen ein guter Bronze- 
dolch mit schon starker Mittelrippe (Fig. 7), 
Holzreibern zum Fcucranzünden; sehr be- 
achtenswert 300 m entfernt, also nicht mehr 
in so besorglicher Nähe des Wohnplatzes 
selbst wie bei älteren Anlagen, Spuren eines 
Begräbnisplatzes, in dessen UrnenMetallrestc 
zeigen, daß die Zeiten des alten, strengen, 
beigabenlosen Beisetzens der Asche bereits 
vorüber sind (Not. 1919, 189 — 198). 

In den östlichen tiefliegenden Teil der 
Ebene zwischen Po und Alpen haben die 
»italischen«, ihre Toten verbrennenden Pfahl- 
bauer von Westen her nur vorübergehend 
ihre Fühler ausgestreckt — Arquä Petrarca 
— und auch aus dem ihnen damals wohl 
einzig bewohnbar erschienenen Euganeen- 
gebiet sich bald wieder zurückgezogen; die 
von NO. einziehenden umbrisch-sabellischen 
Stammesgenossen sind ebenfalls nur hin- 
durchgezogen, um, da ihre Vettern die 
fruchtbaren Ebenen und Hügellande des 
westlichen Mittelitalien bereits besetzt hat- 
ten, sich im gebirgigen Osten und Süden der 
Halbinsel sichere und gesunde Heimstätten 
zu suchen. Erst die wohl durch die Völker- 
schiebungen der Jahrtausendwende vom Bal- 
kan herübergedrängten Veneter wagen die Be- 
siedelung des fruchtbaren, aber schwierigen 
Landes, zunächst natürlich auch der sicheren 
Höhen der euganeischen Berginsel, des Aus- 
gangspunkts und noch auf lange hinaus 
Mittelpunkts der Gesamtkultur des Veneto. 
Pellegrini hatte das Interesse erfaßt, Zeit- 



punkt und Kulturstufe des Venetereinbruchs 
festzustellen und beabsichtigte planmäßige 
Untersuchungen besonders an den Rändern 
des Euganeengebiets, an deren Durchführung 
ihn leider sein vorzeitiger Tod verhindert hat. 
1 Doch hat er Not. 1917, 199 — 214 berichtet t 
über eine frühe Venetersiedelung am West- 
rand des Bergmassivs in der Gegend von Vo 
auf einem Sattel des Monte Rovalora, aus- 
gehende Bronzezeit, sogar noch mit allerlei 
neolithischen Überlebseln: über die Richtig- 
keit seiner Zuteilung lassen die Abbildungen 
Fig. 3 und 4 keinen Zweifel. Rechteckige 
Holzhütten seien vorauszusetzen. Ähnlich 
seien die namentlich durch Prosdocimis, 
Ghirardinis und Alfonsis Berichte (Bp. 1887, 
186; Bp. 1904, 129; Not. 1905, 299) 
bekannten Siedelungen vom Monte Lozzo 
und von Canevedo, beide benachbart, und 
auch sie hinabgehend bis in den Anfang der 
Periode Prosdocimi III. — Über eine vor- 
römische Siedelung von Bostel bei Rozzo 
im Gebiet der Sette comuni, über die eben- 
falls Pellegrini Atti dfell' Ist. Veneto LXXV, 
1915 — 16, 105 ff. berichtet hat, besonders 
über Häuser aus großen Steinblöcken, ist 
mir leider noch nichts Näheres zugänglich ge- 
worden. Es ist ja bekannt, daß sich in 
jenem Berggebiet, ähnlich wie im Breonio, 
dem Nachbargebiet der XIII comuni, sehr 
viel Uraltes bis in die römische Zeit gehalten 
hat. Also zunächst hier nicht festzustellen, 
ob die im 2. Jahrh. v. Chr. untergegangene 
Siedlung Rozzo schon der Urbevölkerung, 
an sich das Wahrscheinlichere, oder erst den 
>>Venetern« bzw. »Euganeern« angehört, wie 
die vom selben Bostel (Not. 1890, 293 — 94) 
durch Orsi mitgeteilten Funde. — Unsere 
Kenntnis von Este, nicht nur der Gräber, 
sondern auch des Wohngebiets, hat sich er- 
weitert einmal im Osten, wo unmittelbar 
neben dem Fondo Baratela mit seinem wich- 
tigen Heiligtum der Göttin Rehtia (Ghirar- 
dini, Not. 1888; 1890, 199 — 203; Conway, 
Journ. of the R. Anthropol. Inst, of Great- 
Britain XLVI, 1916, 221 ff.) im Fondo Area 
del Santo vom höhergelegenen Fondo Bara- 
tela stammende Schuttmassen viel zum Hei- 
ligtum Gehöriges ergaben, auch die Fest- 
stellung erfolgte, daß das Heiligtum auf einer 
künstlich erhöhten und von starken Mauern 
eingefaßten Terrasse lag (Not. 1916, 382 bis 



41 



Italien 



/ 88, Fig. 6 — 16); alsdann im Westen (Not. 
1916, 363 — 82). Hier ist oberhalb des alten 
Etschbettes 191 1 und 1914 erfolgreich ge- 
graben worden bei dem heutigen Friedhof 
und der Scheibenschießbahn, nahe dem 
Punkte, der auf der Karte Not. 1882, Tav. I 
mit »Casale« bezeichnet ist. Zuunterst 
Packungen aus Eichenstämmen, nur verein- 
zelt nach Pf ahlbauart ; auch Vertikalstämme 
fanden sich hier, wie schon gelegentlich früher 
in benachbarter Gegend, wie ebenso unter 
Adria, wie am Nordrand der Euganeen am 
Fuß des Monte Rosso, wie auch bei Arquä 
Petrarca, auf denen sich dann, gegen die 
Feuchtigkeit gesichert, die ärmlichen Hütten 
aus Pfählen, Reisern, Stroh und Erdschlag 
erhoben, in denen die ersten »Veneter« wohn- 
ten: die Fundstücke, besonders die Keramik, 
weisen in die erste Periode PrQsdocimis und 
den Beginn der zweiten, dahin z. B. die Na- 
del aus Bronze Fig. 4, 3. Es scheint, daß eine 
starke Überschwemmung dieser Siedelung 
ein jähes Ende bereitete; eine 1848 entdeckte 
Eindeichung mit Hilfe mächtiger Steinblöcke 
sollte wohl dieser Gefahr vorbeugen. Sie er- 
möglichte Herstellung einer Terrasse, die, in 
jüngeren Zeiten errichtet, das Heiligtum 
eines männlichen Götterpaares trug, dem 
das schon 1709 an dieser Stelle gefundene 
Votivrelief des Argenidas an die Dioskuren 
in Verona (Dütschke IV, 538; Wiener Vor- 
legebl. IV, 9, 8a; Röscher, Lex. I, 1171; 
Tod-Wace, Mus. of Sparta S. 113; AJA. 
XXIII, 1919, l) geweiht war. Die Etsch 
herauffahrende Schiffe mochten hier wohl 
landen; so ist denn das vom Relief darge- 
stellte Hafenbild hier ganz am Platze, ebenso 
das wohl von einem Griechen von der lakoni- 
schen Küste mitgebrachte Dankrelief über- 
haupt. Mit dem Größerwerden der See- 
schiffe, vielleicht auch Unschiffbarwerden 
oder Laufveränderung der Etsch wurde, so 
scheint es, Este später als noch anzulaufen- 
der Hafen ausgeschaltet und damit auch die 
Funktion der Dioskuren eine andere. We- 
nigstens ist eine Vermutung Pellegrinis durch- 
aus wahrscheinlich, daß die unverhältnis- 
mäßig große Zahl chirurgischer Instrumente, 
die sich auf der Terrasse dieses Heiligtums 
fanden, die hier verehrten jugendlichen Göt- 
ter als Heilgötter erweisen, vielleicht erst eine 
Interpretatio Romana (Weinreich, Heilungs- 



1914 — 1920. 



42 



wunder 151 und die dort angeführte Lit.), 
römische Anargyroi. Zahlreiche Marmor- 
stücke und Terracottametopen, Triglyphen 
und Simsstücke, die Metopen mit Bukranien 
oder Schalen mit Minervaemblem, auch Zie- 
gelstempel (376, Fig. 4) weisen für einen 
Neubau des Heiligtums auf das Ende des 
I. Jahrhunderts v. Chr. Dies Heiligtum 
scheint ebenso wie das auf ähnlicher Terrasse 
liegende im Fondo Baratela gegen Ende 
des 2. Jahrhunderts untergegangen zu sein, 
nicht etwa durch Überschwemmung, die nach 
Errichtung der hohen Stützmauern nicht 
mehr schädlich werden konnte, sondern, wie 
Pellegrini ausführt, wohl durch Erdbeben. 
In gleicher Höhe wie dies Heiligtum, aber 
nördlich, nordöstlich und östlich davon, sind 
zahlreiche Reste, besonders Einzelfund- 
stücke, der römischen Stadt aufgetaucht, 
darunter auch der vorrömisch-venetischen, 
die letzteren sicher, die römischen wahr- 
scheinlich auf beide damaligen Etschufer 
verteilt, welche eine Brücke verband, deren 
Spuren bei der Kirche della Salute gefunden 
sind. Durch die Laufveränderung der Etsch 
in späterer Zeit ist das Bild jetzt völlig umge- 
wandelt. Welche Not die stürmische undleicht 
jäh steigende Etsch gerade gegen Ende der 
Republik und zu Anfang der Regierungszeit 
des Augustus gelegentlich für Este herbei- 
führen mochte, lehren uns zwei Cippi, welche 
die Verteilung der Deicharbeit an Veteranen 
der Actiumschlacht, die in Este angesiedelt 
waren, regeln, so daß der eine Cippus jedem 
Arbeiter 27%, der andere 43 Fuß auszu- 
führen überträgt, augenscheinlich alles mit 
militärischer Pünktlichkeit und Schnelhg- 
keit. Der eine Cippus, nahe dem alten Deich 
(»Arzaron« = grosso argine), 1907 gefunden, 
ist Not. 1915, 139, Fig. I veröffentlicht und 
nach neuerer Nachprüfung durch Bormann 
ein gleichartiger bereits 1776 durch Alessi 
bekanntgemachter Not. 144, Fig. 2 ihm an- 
geschlossen, beide durch Barnabei sorgsam 
behandelt. — Diesen Este-Inschriften mag 
hinzugefügt werden eine Defixionstafel aus 
einem römischen Brandgrabe der Contrada 
Caldevigo bei Este stammend, worin Orcus 
pater, Proserpina, Pluto aufgefordert werden, 
einen jeden, der den Verfluchenden als Feind 
entgegentritt, in die Tiefe zu ziehen und zu 
übergeben tuis canibus tricipiti et bicipiti- 



43 



Italien 1914 — 1920. 



44 



bus, mit origineller Vorsicht, da der Schreiber 
sich nicht sicher auskennt in der alten Frage, 
ob der Höllenhund drei oder zwei Häupter 
habe (Alfonsi, Not. 1914, 369—71). 

Wichtig ist sodann die schon 1912 von 
Pellegrini durchgeführte, erst Not. 1918 
169 — 207 — seine letzte Arbeit, posthum ver- 
öffentlicht — dargelegte Entdeckung einer 
vorrömischen Siedelung bzw. Heiligtums auf 
dem Hügel Magrfe i km sw. oberhalb Schios, 
also nahe Vicenza. Sichere Spuren einer sa- 
kralen Anlage, von der zahlreiche Opferreste 
verbrannter Tierknochen u. a. zeugten, so- 
wie eine wunderschöne geglättete Axt aus 
grünem Stein (Fig. 3), auch eine Feuerstein- 
pfeilspitze, einige Bronzesachen, namentlich 
jedoch Bleibarrenstücke, von denen eins mit 
Buchstabenresten und nicht weniger als 21 
beschriebene Hirschhornstücke, die vortreff- 
lich abgebildet, mit größter Sorgfalt be- 
sprochen und mit allem Verwandten in Ver- 
gleich gesetzt werden. Die Schrifttabelle 
S. 194 ergibt die engste Verwandtschaft mit 
den Veneterinschriften z. B. vom Fondo Ba- 
ratela von Este, auch die annähernd gleiche 
Zeit, 4 — 3. Jahrhundert, aber doch auch 
sehr auffallende Abweichungen, die in Ver- 
bindung mit starken Anklängen an etruski- 
sche Worte und Stämme, wie wir sie nament- 
lich aus dem Trentino kennen, Pellegrini zu 
der gut begründeten Annahme führen, daß 
wir hier einen aus der Poebene verdrängten 
Stamm haben, der durch die Nachbarschaft 
der über .Mantua in das Alpengebiet einge- 
drungenen Nordetrusker beeinflußt worden, 
vielleicht auch ethnisch durchsetzt sei und 
so das von den Venetern überkommene Al- 
phabet seinen phonetischen Bedürfnissen ge- 
mäß mit einigen etruskischen Elementen 
vermischt habe. Die Sprache ist augenschein- 
lich sehr vokalreich gewesen. Ihr gehören 
auch die Inschriften an auf einer Bronze- 
"schaufel von Padua Not. 1901, 317, Fig. 
3 — 4, die aus dem Euganeengebiet stammen 
soll, und auf einem leider jetzt verlorenen 
Schwert von Ca de' Cavri unweit Verona 
(Lit.: Not. 1918, 192, 2). Pellegrini gibt 
diesem Alphabet nunmehr den Namen des 
A. von Magrfe und erkennt in ihm den Sprach- 
ausdruck der von den Venetern der Über- 
lieferung nach zurückgedrängten »Euga- 
neer«, die sich freilich schon für die römi- 



schen Berichterstatter etwas im Nebel ver- 
loren hatten: über sie zuletzt Pais, RCL. 
XXV, 1916, 93 — 132. Die Weihung so zahl- 
reicher Hirschhörner veranlaßte Pellegrini, 
das Heiligtum für eine Jagdgöttin in An- 
spruch zu nehmen. 

Istrien. Über einige noch in der öster- 
reichischen Zeit ausgeführte Untersuchungen 
an Castellieri und in Höhlen berichten Batta- 
glia und Cossiansich Bp. XLI, 191 5, 19 — 39. 
Beachtenswert, daß sich zu der einen Pinta- 
dera, welche vor Jahren Marchesetti in einer 
Höhle bei Duino feststellte, nunmehr in der 
ebenfalls auf Marchesettis erfahrenen Rat 
und mit von ihm geschafften Mitteln unter- 
suchten Höhle delle Gallerie bei Draga noch 
drei weitere gefunden haben, eine schon 
früher bekannt, abgebildet 32 — 33, Fig. 8 — 9: 
also Berührungspunkte mit den Höhlenbe- 
wohnern in Ligurien. Ebenfalls bei Draga 
in der Höhle del Tasso fand sich das erste 
neolithische Grab im Küstenland und Karst. 
— Die neue italienische Verwaltung hat den 
begreiflichen Trieb gehabt, in dem von Öster- 
reich so sorgsam und vielseitig archäologisch 
bearbeiteten Lande auch etwas Augenfälliges 
zum Beginn auszuführen. Und so hat man 
unter Calzas erfahrener Leitung in Pola 
durch Abreißen einiger Häuser den Sergius- 
bogen und den Roma-Augustustempel frei- 
gelegt, in Triest den »Arco di Ricardo«, 
einen augenscheinlich frühkaiserlichen Stra- 
ßenbogen in der Flucht der älteren Triestiner 
Stadtmauer, freizulegen wenigstens begon- 
nen. In Grado und Aquileia hat man 
österreichische Ausgrabungen zur Aufdeckung 
alter kirchlicher Bauten fortgesetzt, aus 
Monfalcone zwei Inschriften mit Dedi- 
kation an die Thermalquellen von Mon- 
falcone (Föns Beleni) veröffentlicht (Not. 
1920, 3—14; 99—106). 

Gallia cispadana westl. vomPanaro. Bei 
Campo Castellaro (unweit Vhö, nö. von 
Piadena) ist eine Siedelung der »voritali- 
schen« Hüttenbewohner gefunden, gleich- 
artig, aber wohl etwas jünger als die bekann- 
ten Siedelungen von Lagazzi und Ca' de' Ci- 
oss, viel jünger als Cella Dati und ähnliche 
westlombardische Plätze, noch gleichzeitig 
mit jüngeren Pfahlbauten sowohl lombardi- 
schen wie solchen der Emilia, noch volle 



45 



Italien 1914 — 1920. 



46 



Bronzezeit, also interessant für das ruhige | 
Weiterleben der Urbevölkerung neben den 
verbrennenden Pfahlbauern, den»Italikern«: 1 
Castelfranco und Patroni ML. XXIV, 309—44 ' 
und Taf. Vom Stuckbewurf der Hütten gibt 
Fig. 10 eine Vorstellung, Fig. 8 von den , 
»Wirtein«, die auch hier wie so oft wohl als 
Halskettenteile zu verstehen sind; durch- 
bohrte Knochen (Fig. 2e) und ähnlich durch- 
bohrte Bronzeröhren (Fig. 6a) möchten die 
Herausgeber als Pfeifen auffassen. — Bei , 
Brescello ist ein römisches Privathaus mit ' 
schwarz-weißen Mosaiken, meist tessellati 
aber auch opus sectile, gefunden (Not. 1914, j 
161 — 66). — Die Aufdeckung eines Teiles 
der Stadt Indus tria erwies, wie zu erwar- 
ten, regelmäßige Orientierung wie im benach- 
barten Turin, vervollständigte vielfach das ] 
früher besonders durch die Atti della comm. ] 
di Torino Bekannte. Bemerkenswert, daß 
viel Lezouxkeramik gefunden wurde, also 
auch hierher Übergreifen der südgallischen | 
Gewerbekunst (Not. 1914, 441—43), das j 
neuerdings so vielfach von der Mitte des i. ! 
Jahrhunderts der Kaiserzeit an in Italien be- 
obachtet wird, s. unten 91 Talamone und Do- 
nald Atkinson: Journ. Rom. Stud. IV, 1914, 
27 — 64 über Pompeji; charakteristische | 
Stücke aus Rom im Heidelberger archäol. ■ 
Institut. , 

Gallia cispadana östl. vom Panaro. 
Ein seit 1876 durch Scarabelli und Brizio mit 
Unterbrechungen untersuchter Wohnplatz 
der Hüttenbewohner, durch Pettazzoni wei- 
ter durchforscht (ML. XXIV, 221—78), er- 
gab unregelmäßig verteilte Hütten (Plan 
225 — 26, Fig. A) mit Herdplatz und Abfall- 
grube, also ganz wie auf der von Scarabelli 
in seinem bekannten schönen Werk veröffent- 
lichten Anlage auf der Höhe von Castellaccio 
d'Imola, die jedoch etwas älter sein wird, da 
siemehr Steingerät ergab. Toscanella Imo- 
lese entwickelter, kurzlebiger. Mehrere Hüt- 
tenschichten übereinander haben festgestellt 
werden können, gerade wie auf Castellaccio, 
in Castel dei Britti und Villa Cassarini bei 
Bologna. Daß das Verhältnis dieser Leute 
und ihrer Siedlungen zu den Terremare auch 
hier so ist, wie ich es Prähist. Zs. V, 480 — 81 
= Atti e mem. d. R. Dep. di Romagna IV, v, 
1915, 21 — 23 dargestellt habe, ergibt sich 
auch aus den Gräbern. Die Toten werden 



ohne weitere Ausstattung gestreckt in die 
Erde gelegt (229 — 30 Fig. B, wenn zu dieser 
Schicht gehörig?). Die Leute gössen ihre 
Bronzegeräte schon selber, benutzten noch 
Violinbogenfibeln und übernahmen, bei aller 
Fortsetzung eigner Überlieferungen, die sich 
z. B. mit den im Vibratatal üblichen Formen 
mannigfach berühren, besonders keramisch 
mancherlei von den gleichzeitigen Pfahl- 
bauern, die von Westen her neben sie rück- 
ten. — An diesen Bericht schließt sich ein 
zweiter (ML. XXIV, 279 — 308) über Funde 
in Villa Cassarini vor Porta Saragoza (Bo- 
logna). Zuunterst Urbewohner, deren Hüt- 
tenbodenschicht, derjenigen von Toscanella 
sehr ähnlich, doch wohl etwas jünger; auch 
hier neben vielem Alteinheimischem starker 
Terremareeinschlag; scharf zu scheiden die 
sich hernach in der Villanovazeit fortsetzende 
altneolithische Keramik mit ihren Graffito- 
verzierungen gegenüber der schmucklosen 
Pfahlbaukeramik. Ob freilich Pettazzoni im 
Wiederaufleben oder Fortsetzen der älteren 
Keramik in der Villanovazeit mit Recht eine 
Art nationaler oder lokaler Reaktion sieht, 
muß wohl zunächst dahinstehen. Über dieser 
Urbewohnerschicht keine Villanovaperiode, 
sondern die Etrusker, für deren Lokalisie- 
rung P. sich den bekannten Ansichten Du- 
catis anschließt. Zahlreiche meist männliche 
bronzene Votividole — nur zwei in länglichen 
Röcken vielleicht weiblich — lassen auf die 
Existenz eines etruskischen Heiligtums 
schließen. — Bei Rimini ist laut Not. 1915, 
3 — 6 auf dem Hügel S. Lorenzo in Monte in 
weitbeherrschender Lage ein großer römi- 
scher Bau, wohl ein Tempel, gefunden, aus 
dem 2. Jahrhundert n. Chr. Bedeutende 
Reste von Gebälk, Säulen und Kapitellen. 
Erwähnt sei auch der Grabstein eines T. Fae- 
sellius Onager, den ihm die trotz seines nicht 
gerade einschmeichelnden Namens und rauhen 
Äußeren die zärtliche Gattin viva setzt, da» 
bei zu ihrem mit dem Eheherrn gemeinsamen 
Porträt nochmals ihre Büste in das Giebel- 
feld fügend. Beide nebeneinander stehend 
in realistischer Lebenstracht, er mit der 
Linken eine Handfackel senkend, sie die 
Rechte beteuernd vor die Brust legend, beide 
mit den" inneren Händen des anderen Brust 
berührend, eine neue und höchst eigenartig 
sentimental wirkende Pose. Hadrianischo 



47 



Italien 1914 — 1920. 



48 



/ 



Zeit, bescheidene Kunst, trefflicher Schrift- 
steinmetz (Not. 1915, 33 — 35 und Fig. i). — 
Seine ein Menschenalter hindurch sorgsam 
betriebenen Studien, wie über alle Haupt- 
bauten seiner Vaterstadt Ravenna, so 
auch über das Mausoleum der Galla Placidia 
hat Corrado Ricci nach den schon Arch. Anz. 
1914, 179 — 80 angeführten Aufsätzen im 
Bolletüno d'Arte in einem besonderen Buch 
zusammengefaßt: II Mausoleo di Galla Pla- 
cidia in Ravenna, mit 76 Abbildungen und 
Plänen, Rom 1914. Der Placidianische Cha- 
rakter des Baues wird darin über allen Zwei- 
fel erhoben, auch nachgewiesen, wie er durch 
seine Lage in dem durch Honorius erweiter- 
ten Stadtteil und auf der dafür hergerichte- 
ten Terrassierung der Gruppe der Placidiani- 
schen Bauten unlöslich angeschlossen wird. 
Die Sarkophagfrage wird natürlich im Sinne 
der schon im Arch. Anz. a. a. O. mitgeteilten 
Darlegung behandelt. S. auch RCL. 1914, 
212 — 13. — Im Verfolg der S. Vitale und 
dem Mausoleum geltenden Arbeiten sind bei 
Trockenlegungen zwischen beiden Gebäuden 
schöne Mosaikfußböden bzw. Unterlagen zu 
solchen aus frühkaiserlicher Zeit zutage ge- 
kommen (Not. 1915, 235 — 39, Fig. I — 2). — 
Die umfassendsten Arbeiten haben jedoch 
der Aufdeckung und Untersuchung des The- 
odorichpalastes gegolten, über die ML. 
XXIV, 737—838, Tav. I— VII eine vorzüg- 
liche Arbeit Ghirardinis, des warmblütigen 
Italieners, feinsinnigen Kunstkenners und 
liebenswürdig-milden Gelehrten, posthum an 
das Licht getreten ist. Bescheiden gibt die 
Arbeit sich als ersten Bericht, dem eine Ver- 
einigung des ganzen Materials im Ravennati- 
schen Museum und alsdann umfassende Ver- 
öffentlichung folgen sollte. Festgestellt wird 
der Grundriß eines großen Teils des einstigen 
Palastkomplexes. Große Säulenhallen um- 
gaben einen vierseitigen Hof mit Mittel- 
bauten, dahinter ein besonders weiträumiger 
Nordbau, in dem außer einem mächtigen 
Saal namentlich ein in Kreuzform gebauter 
Dreiapsidenraum auffällt: dieser Trakt mit 
den Nebenräumen zweifellos reiche Reprä- 
sentationsräume, z. T. erst durch Theodorich 
gebaut, weil keine früheren Fußböden — 
weil unterm Seespiegel — darunter waren. 
Südlich vom großen Hofe sind kleinere, z; T. 
später zu größeren zusammengelegte, teil- 



weise heizbare Räume, die wohl nicht nur, 
wie Gh. meint, zu Badezwecken, sondern 
auch zum Wohnen gedient haben mögen. 
Hier legt sich eine höchst interessante Folge 
von Mosaikböden, bis zu drei, ja bis zu fünf 
; Schichten übereinander, die hoch in die 
1 Kaiserzeit, Einzelfunden nach bis ins zweite 
I Jahrhundert hinaufführen. Auch in den 
Säulenhallen ist solche Folge zu beobachten. 
Die Musterung dieser Mosaikböden wechselt 
zwischen bloß linearen Motiven und figür- 
lichem, z. T. auch schönem, feinem, groß- 
zügigem Opus sectile. Leider bleibt vorläufig 
das Verhältnis der wiedergefundenen Teile 
zu der Mosaikfassade des »Palatium« auf der 
rechten Wand in S. Apollinare nuovo noch 
ebenso ungeklärt wie auf jenem Bilde die 
richtige Benennung der Bauten zwischen 
dem Palast und der Stadtmauer, trotz eifri- 
ger Bemühungen Pasolinis und Riccis, an 
deren Kritik sich auch Ghirardini gewissen- 
haft beteiligt. Die Abhandlung schließt mit 
einem berechtigten und sehr verständlichen 
Entrüstungsausbruch gegen den Angriff 
österreichischer Flieger auf S. Apollinare nu- 
ovo. — Erwähnt mag schließlich noch der 
Fund römischer Bauten, auch Mosaikböden, 
im Savenatal sein, welche Negrioli Anlaß 
geben, auch aus dem Ortsnamen »Sesto« auf 
eine römische Straße zu schließen, die jenes 
Tal durchzogen habe (Not. 1915, 147 — 150). 
Umbrien. Von der Poebene nach Mittel- 
italien scheinen die verbrennenden »Italiker« 
im wesentlichen von der südöstlichen Ro- 
magna aus durch den Appennin vorgedrun- 
gen zu sein, wo einige Siedelungsplätze und 
Nekropolen, von wo sie später durch die be- 
I stattenden umbrisch-sabellischen Stammes- 
I genossen verdrängt oder assimiliert wurden, 
Dasein und Weg bezeugen: Pianello, Monte- 
leone unweit Spoleto, die Siedelung im Ge- 
biet des Stahlwerks bei Terni, Palombara 
Sabina, um östlich des Tiber zu bleiben (Pra- 
hlst. Zs. V, 476—77 = Atti d. R. Dep. di 
Bologna IV, v, 12 — 13). Dem Bericht über 
Pianello unweit Fabriano im Arch. Anz. 
1914, 181 sind hinzuzufügen die Berichte 
Colinis, welche seinen ersten weiterführen 
Bp. XL, 1914, 121 — 163; Bp. XLI, 1916, 
48 — 70, die letzten Arbeiten des unermüd- 
i liehen Typologen, ferner die Behandlung von 
■ Siedelung und Nekropole durch den ver- 



49 



Italien 1914 — 1920. 



50 



/ 



dienten Entdecker selbst, Dali' Osso, Guida 
illustrata del Museo naz. di Ancona, 1915, 
287 — 309, worin sich auch die von Pigorini 
Bp. XL, TJ — 83 dargelegte Hypothese, die 
Siedelung sei noch ein wirklicher Pfahlbau 
gewesen, weiter ausgeführt findet, freilich 
ohne stärkere, mehr überzeugende Gründe; 
S. 288 — 93 einige Abbildungen von Gräbern, 
Fibeln und Gefäßbruchstücken aus dieser für 
die italische Siedelungsgeschichte äußerst 
wichtigen Station. 

Wer im Jahre 1914 noch den der Vollen- 
dung nahen Ternisaal im neuen Flügel des 
Museums der Villa Giulia gesehen hat, wird 
bedauern, daß sein Inhalt nicht bereits seine 
Behandlung gefunden hat im 1918 erschiene- ] 
nen trefflichen Bd. I des Kataloges jenes Mu- 
seums durch della Seta. Die sorgsamen Aus- 
grabungsberichte Pasquis Not. 1907 und Ste- 
fanis 1914, 3 — 81 mit tav. I, II sowie 1916, 
191 — 226 müssen vorläufig genügen, um ein 
Bild zu geben von den um Terni gruppierten 
Siedelungsspuren und Nekropolen, die für 
ethnologische und kulturelle Schichtungen in 
Mittelitalien an Wichtigkeit von keiner an- \ 
deren Stätte übertroffen werden können. 
Zuunterst auf dem Gebiet der Stahlwerke, j 
2 km oberhalb der Stadt Terni, eine stein- 
zeitliche Siedelung der Urbewohner, dann i 
darüber ebenso wie bei der Cascata delle ] 
Marmore Gräber der verbrennenden »Itali- ] 
ker« (s. 0.), die wahrscheinlich zu einer 
Siedelung auf der festen Höhe von Pentima, 
nö. über der Ebene gehört haben; daneben , 
und alsdann auch darüber umbrische Be- 
stattungsgräber in reicher Fülle, etwa um . 
die Jahrtausendwende beginnend, zunächst 
die Brenner noch nicht verdrängend, sondern 
sich sogar pietätvoll neben sie setzend, erst 
allmählich sie aufsaugend oder vertreibend. 
Die Brenner nehmen in ihrer jüngeren Zeit 
Grabsitten der Umbrer an, statten ihre einst 
sehr einfach der Erde anvertrauten Toten- 
reste ähnlich reich aus, legen den umbrischen 
ähnliche Steinkreise um und über ihre Grä- 
ber, führen ähnliche Steinreihen als Weg- 
weiser auf sie hin, ja legen in Gruben von 
einer Abmessung, als ob sie für Bestattungs- 
leichen wären, um die Leichenasche die Bei- 
gaben so verteilt, wie sie am lebenden Körper 
ihren Platz hatten. Die ungemein reiche und 
interessante Ausstattung der umbrischen 



Leichen mit ihren Waffen, freilich nur An- 
griffswaffen, so oft bis zu zwölf Lanzen, aber 
durchaus keine kostbaren Schutzwaffen, 
Metallzutaten an der Kleidung, besonders 
die außerordentlich zahlreichen Fibeln von 
typischen Formen, sowohl bei Männern als 
bei Frauen, die vielen Amulette usw. geben 
uns von dem Aussehen und der Lebensgestal- 
tung dieser Leute in den ersten Jahrhunder- 
ten des letzten Jahrtausends v. Chr. ein sehr 
lebensvolles Bild. Vom 7. Jahrhundert ab 
tritt diese Siedelung mehr und mehr zurück; 
die Gräber, wenigstens an denselben, leider 
nur sporadischen Stellen des weiten Stahl- 
werkgebiets, welche haben untersucht wer- 
den können, werden je näher der Oberfläche 
um so spärlicher an Zahl und Inhalt, während 
sie zunehmen in und um das spätere und 
heutige Terni, wo besonders in der Nähe des 
Bahnhofs, beiS. Pietro inCampo eine inhalt- 
reiche Gruppe von Gräbern, die bis ins 4. 
Jahrhundert hinabreicht, sich nahe berührt 
z. B. mit den Gräbern von Todi, wenn auch 
nicht mit so reichem etruskischen Inhalt. 
Die Hinterwäldlerlage und -art der Terni- 
bewohner hat in den älteren Zeiten fremde 
Einfuhr von ihnen ziemlich ferngehalten; 
den reichlich vertretenen Bernstein mögen 
sie aus dem benachbarten Picenum erhalten 
haben, wo bekanntlich von den ältesten 
Zeiten — Nekropole von Belmonte u. a. — 
bis zu den Tagen des Plinius herab der Ver- 
brauch enorm war; Gold kam nur in ver- 
schwindend kleinen Spiralen für Hanr und 
Ohren vor, trotz der Nähe Etruriens; erst 
in jüngerer Zeit wird das etwas anders; so 
ergab ein besonders reiches Frauengrab von 
S. Pietro in Campo (Nr. 36) eine Fibel, schon 
mit langem Kanal, deren Bügel mit Elfen- 
bein umkleidet ist, auf dem sich zwei frei- 
plastische gegenständige Greifenköpfe erhe- 
ben (Not. 1916, 214, Fig. 20) und drei Elfen- 
beinamulette mit je zwei nebeneinanderge- 
schmiegten Löwen, auch einem Bes aus 
Glaspaste. Abgesehen von ziemlich ein- 
fachem Nutzhandwerk in Metall und Ton — 
letzteres bald sehr abhängig von der Indu- 
strie des Faliskcrländchens — tritt Kunst 
begreiflicherweise sehr zurück; das originelle 
Produkt eines einheimischen Töpfers mag die 
tönerne Bekrönung eines Stockes 0. ä. sein, 
die drei bärtige und kurzhaarige Köpfe, 



51 



Italien 1914 — 1920. 



52 



mit niedriger Stirn und Schlitzaugen, rück- 
wärts aneinandergeschoben zeigt, in denen 
man tatsächlich alte Umbrer erkennen 
möchte (Not. 1916, 197, Fig. 5, danach 
hier Abb. i). Zwei ganzfe Kapitel aus 
Bd. I meiner italischen Gräberkunde 
müßte ich abdrucken, wollte ich alles, 
was Terni für uns Neues und Wertvolles 
bringt, hier vorführen. — Auch bei Nocera 
Umbra hat sich eine kleine Gruppe altum- 
brischer Bestattungsgräber gefunden, wesent- 
lich ärmlicher als die von Terni, wo sie ihren 
Vergleichspunkt findet in den jüngeren Grä- 
bern von der Acciaieria und den älteren von 
S. Pietro in Campo; die einzigen und dabei 
frühen Importstücke weisen in das 8. — 7. 




Abb. I. Tönerne Stockbekrönung. 

Jahrhundert. Dies obere Topinotal, dicht 
unterhalb der hier schmalen Hochkette des 
Appennin, mag eine unwirtliche Waldgegend 
gewesen sein, die wiederholt zurückgefallen 
zu^sein scheint in überwundene Zustände. 
, So nach dem Eingehen einer Siedelung spät- 
neolithischer Viehzüchter am Südhang des 
nw. Nocera gegenüberliegenden »Portone«- 
Plateaus, des späteren Totenhügels (ML. 
XXV, 144 — 47, tav. I), so wiederum, bevor 
die germanischen Siedeier der Völkerwande- 
rungszeit hier Gualdo Tadino gründeten und 
die Via Flaminia, welche Leben in dies ent- 
legene Bergtal gebracht hatte, aufgehört 
hatte, starke Verkehrsader zu sein. Der Tote 
scheint meist nach umbrischer Sitte gestreckt 
im Holzsarg gelegen zu haben, wenigstens im 
1917 aufgedeckten Friedhof der »Ginepraia«, 
keine äußeren Kennzeichen, keine Stein- 
kreise oder Steinreihen wie bei Terni und 



wenigstens bei einem Grabe der Portone- 
gruppe. Für die Art der Leute bezeichnend 
die vielen Waffen; einmal sogar eine Lanze 
bei einer Frau, wie denn Eisenmesser typisch 
sind für Frauen (ML. XXV, 152). Aus sol- 
chen Gräbern, wie die beiden Noceragruppen 
am Portonehang, durch Pasqui schon 1897 
bis 1898 aufgedeckt, erst ML. XXV beschrie- 
ben, und auf dem Hang der »Ginepraia« (Not. 
1918, 103 — 123) mögen manche der in diese 
alte Zeit gehörenden Perlen aus Bernstein, 
Glas, Smalt, sogar alte Tonwirtel, auch 
Bronzesachen stammen, welche im 6. — 7. 
Jahrhundert n. Chr. Hals, Brust und Arme 
langobardischer Frauen und Mädchen 
schmückten, willkommene Fundbeute, und 
mit deren Leichen im großen langobardischen 
Grabfeld vielfach wiedergefunden (s. u.). — 
Todi, seit alters bekannt durch den Reich- 
tum seiner Grabfunde aus jüngerer Zeit, 
viel Bronze und Edelmetall, kostbare Geräte 
und Schmuck, alles, wenn auch noch auf 
umbrischem Boden, doch ganz unter der 
nachbarlichen Wirkung Etruriens stehend, 
tritt schon lange den Besuchern des Museo 
Villa Giulia mit imponierender Fülle und 
Pracht entgegen. Der Bearbeitung, die auch 
hier erst der zweite Band des Katalogs brin- 
gen wird, wird in zwei inhaltreichen und sehr 
sorgsam gearbeiteten Abhandlungen Bendi- 
nellis ML. XXHI, 609—84 und ML. XXIV, 
841 — 914, tav. I— rV und 39 Textabb. treff- 
lich vorgearbeitet, während der altbewährte 
Durchforscher von Umbriens Frühzeit und 
Volksglauben, Bellucci, in einem besonderen 
Werkchen La regione di Todi prima della 
storia, Perugia 1915, die Frühzeit behandelt. 
Besonders ein überreiches Grab in loc. S. Raf- 
faele, mit nur einmaliger Bestattung im 
Holzsarg, bald nach Mitte des 5. Jahrhun- 
derts geschlossen — Bendinelli setzt es et- 
was zu jung in die Zeit der Meidiasvasen — , 
ergab eine Fülle von Waffen aus Bronze und 
Eisen, darunter einen prachtvollen, mit Sil- 
ber eingelegten Helm (ML. XXIV, 844 — 45, 
Fig. I und Taf. I — II), auch eine Menge im- 
portierter Vasen, darunter viele rf., nur noch 
eine sf. Schale, auch einen Kolonnettkrater 
von Pamphaios signiert sowie eine Pam- 
phaiosschale (ML. XXIV, tav. III— IV), auf 
der einen Seite mit bacchischem Thiasos, auf 
der andern Dreifußraub. Aus dem Predio 



53 



Italien 1914 — 1920. 



54 



Peschiera stammt ein bemerkenswerter etrus- 
kischer Spiegel: Parisurteil, dabei hinter Pa- 
ris als bärtiger Alter Teukros (Techri), hinter 
Turan eine dienende fächerhaltende Jungfer, 
deren Funktion als Dienerin bezeichnet sein 
muß durch die Inschrift snenaoturn, also 
snenath = Dienerin. Oben Aurora, von 
einem vielleicht köchertragenden Mann be- 
grüßt, unten Herakles, jugendlich, über auf- 
schlagenden Flammen betrübt sitzend. Eine 
andere schöne Gruppe wird als Vorschmack 
der Todistücke auf der letzten Tafel von 
della Setas Katalog des Museums Villa 
Giulia, tav. LXIV, ohne Text, abgebildet; 
sie ist ML. XXIII, 626—636, Fig. 11— 14, I9 
behandelt: ein Hohlstandspiegel, von einem 
graziösen nackten Jüngling getragen; um 
die Standfläche läuft ein Mäander aus Silber. 
Ein barock wirkender Kandelaber, dessen 
Stab auf dem Kopf eines spreizbeinig auf 
einem flachen Ring stehenden jugendlichen 
Satyrs ruht, der mit zwei Reibern in einer 
Reibschale reibt und dabei dummdreist auf- 
wärts schaut. Der Ring wird von drei weib- 
lichen Flügelgestalten in luftsitzender Stel- 
lung getragen. Eine vierte ähnliche ist an 
der Mitte des Stabes angeheftet. Oben auf 
der viereckigen Platte vier Enten und vier 
eicheiförmige Anhänger. Eine bronzene 
Schnabelkanne, deren Henkel gebildet wird 
durch einen höchst geziert stehenden, auf 
den Rand gelehnten bärtigen Satyr. Ein 
schöner tönerner Kantharos in Form eines 
Doppelkopfes: Silen und ruhig-schöner Frau- 
enkopf. Eine ganz vereinzelte Sonderbarkeit 
ist ein bemalter Greifenkopf aus Blei ML. 
XXIII, Fig. 16. — Wie Todi, so ist auch 
Bettona, zwar nach der amtlichen augustei- 
schen Teilung inUmbrien, aber in der jünge- 
ren Zeit ebenso wie das benachbarte, amt- 
lich zu Etrurien gezählte Perugia selbst ganz 
von etruskischer Kultur und Kunst durch- 
setzt. Not. 1916, 3 — 29 beschreibt Cultrera 
ein gewölbtes Grab mit trotz Plünderung 
noch reichem Inhalt, Ohrringen, worunter 
ein Negerkopf mit Kapuze und Hut, Ringe, 
Glassachen, Reste von Reliefurnen, etruski- 
schen und lateinischen Inschriften, alles etwa 
aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts. 
— Weiter tiberaufwärts, 7 km von Cittä. di 
Castello, contrada S. Mariano, ist die Spur 
eines Vicus aufgefunden, der wohl zu Ti- 



fernum Tiberinum gehörte. Das aretiner 
Geschirr sowie die zahlreichen kleinen Glas- 
balsamari, neben grobem Geschirr, weisen in 
das I. Jahrhundert v. Chr. Noch später ist 
eine Gruppe von 20 Gräbern, nur 3 km, also 
noch näher der Stadt: Bendinelli, Not. 1916, 
164 — 66. — Eine interessante und relativ 
guterhaltene Mineralbadeeinrichtung bei 
Narni beschreibt Giglioli Not. 1914, 219 — 21. 
Nachdem Mengarelli ML. XII, 1902, den 
großen Barbarengräberfund von Castel Tro- 
sino veröffentlicht hatte, wartete man lange 
auf die Fortsetzung für den Fund von No- 
cera Umbra, dem ersteren so nahe und 
seit lange auch im Museo nazionale delle 
Terme ihm benachbart schön aufgestellt. 
Diese Publikation ist nunmehr erfolgt ML. 
XXV, 137 — 352, durch Pasqui lange vorbe- 
reitet, nach seinem Tode von Paribeni mit 
gewohnter Gewissenhaftigkeit und Verständ- 
nis zu Ende geführt. Es war ein strategisch 
wichtiger Punkt, auf dem Sattel zwischen 
Topino und Gualdo, die Stadt Nocera be- 
herrschend und damit die Via Flaminia: da 
lag der Friedhof der Barbaren, die hier mit 
fester Hand über die Verbindung zwischen 
Mittel- und Oberitalien geboten. Gewiß nahe 
dabei, noch nicht festgestellt, die Siedelung. 
Die Gräber natürlich alle orientiert, der Kopf 
im Westen, nach Osten blickend, die Männer 
reichlich bewaffnet (die Waffen vielfach auf 
den Särgen), auch die Frauen oft mit dem 
Scramasax neben sich. Sogar Klappstühle 
werden mitgegeben, für Getränke Bronze- 
gefäße. Speisebeigaben, besonders Eier und 
Hühnerknochen, auch Lammknochen, finden 
sich in den Holzsärgen, sind also am offnen 
Sarg als Totenspeise hergerichtet und mit- 
gegeben worden. Als Amulette sind nament- 
lich Muscheln sehr beliebt gewesen. Zur 
, Pferdeschur werden vorsorglicherweise Sche- 
ren den Toten beigelegt. Unter den vielen 
Schmu cks9,chen auch, wie schon oben ge- 
sagt, manche altitalische, gewiß Gräbern ent- 
nommene Stücke. Für Halsketten sind gern 
Goldmünzen verwendet, die natürlich chro- 
nologisch wichtig sind. Erweisen sich auch 
als letzte so verwendete Münzen aurei des 
lustinian, sogar fast alle stempelfrisch, so hat 
Paribeni doch gewiß recht, wenn er sich gegen 
die Annahme erklärt, es könnten noch ost- 
gotische Gräber sein. Ein Hauptbeweis sind 



55 



Italien 1914 — 1920. 



56 



für ihn zwei Parallelfunde, der eine aus Al- 
kalan in Bulgarien, ein Goldfund von 42O 
Münzen und dabei einigen Anhängern aus 
Gold, die ganz denen von Nocera gleichen. 
Jene Münzen aber erstrecken sich von Mau- 
ritius Tiberius bis zu Heraklius (582 — 641). 
Auch im verwandten Fund von Castel Tro- 
sino sind die jüngsten Stücke von Mauritius 
Tiberius (582 — 602). Und Not. 1916, 329 ist 
über einen Juwelenfund bei Senise (Basili- 
cata) berichtet, dessen Stücke wieder voll- 
ständig mit denen von Castel Trosino zu- 
sammengehen, dabei besonders beachtens- 
wert zwei Ohrgehänge, deren Rückseiten ge- 
bildet sind durch aurei des Heraklius und Ti- 
berius (659 — 668). Somit dürfte die Zeit 
dieser so eng miteinander verklammerten 
großen Funde gesichert sein. Es sind Lango- 
bardengräber. 

Picenum, mit Einschluß der südlichen 
größeren, bis über den Pisaurus reichenden 
Hälfte des östlichen »Umbrien«, die ethnisch 
zu Picenum gehört. Dies abgeschiedene 
Stück Italien ist uns in seiner nicht »itali- 
schen« Eigenart trotz dem deutlichen Zeug- 
nis der Inschriften eigentlich erst greifbar 
geworden durch Brizios Ausgabe der Nekro- 
pole von Novilara, 7 km südlich von Pesaro 
(ML. V, 1895), für die besonders nach der 
typologischen Seite Colinis treffliche Behand- 
lung der Funde im Vibratatal (Bp. XXXII, 
1906, 117 — 73; XXXIII, 1907, 100 — i8o, 
193—224; XXXIV, 1908, 50 — 65) die wich- 
tigste Ergänzung boten. Für die gallische 
Besetzung des nördlichen Teils der Land- 
schaft wurde wiederum Brizios Bearbeitung 
der Nekropole von Montefortino bei Arcevia 
^(ML. IX, 1901) grundlegend. Die wenigen 
sonst aus dieser stillen Ecke bekannt geworde- 
nen Fundnachrichten, die meisten aus An- 
cona selbst, Numana, Offida, Tolentino u. a., 
sind gegenüber den vorstehend genannten 
Berichten ziemlich unwesentlich. Um so er- 
staunter war in den letzten Jahren vor dem 
Krieg wohl jeder Besucher des Museums von 
Ancona über die Fülle wichtigsten Materials, 
das sich dort angehäuft und trotz ungünstig 
enger Räumlichkeiten gut aufgestellt findet, 
alles Material, über das die italienischen Be- 
richtsorgane bisher so gut wie vollständig 
geschwiegen haben, wofür als einzige Er- 
klärung die Überlastung zugelassen werden 



kann, welch dem betriebsamen, findigen, 
praktischen und gedankenfrohen Leiter des 
Anconitaner Museums eben dies Museum und 
die ihm so reich zuströmende Ausgrabungs- 
tätigkeit gebracht haben und dauernd brin- 
gen. Ein archäologisch gründlich durchge- 
bildeter Assistent wäre ihm zu wünschen. 
Um so dankbarer empfindet man die Hilfe, 
welche ein 1915 erschienenes, über 400 Seiten 
starkes Handbuch dieses Museums uns nun- 
mehr gebracht hat: Dall'Osso, Guida illu- 
strata del Museo nazionale di Ancona, con 
estesi ragguagli sugli scavi dell'ultimo de- 
cennio. Ancona, Stab, tipogr. cooperativo. 
54 Tafeln und 270 Textabbildungen, dazu 
ein Plan des griechisch-römischen Ancona 
erhöhen die Brauchbarkeit des Buches we- 
sentlich. Leider lassen z. T. die Klischees 
selber, z. T. ihre Wiedergabe zu wünschen 
übrig; doch wäre es unbillig, die erschweren- 
den Zeitumstände nicht in Gegenrechnung 
zu setzen. Ausgewählt sind die Abbildungen 
mit viel Überlegung und für das weitaus 
meiste eine Editio princeps. Besonders im- 
posant ist im Anconitaner Museum die 
Zimmerreihe, welche den Inhalt der über 
300 Gräber von Belmonte Piceno ent- 
hält, die, nach vorangegangenen wilden Gra- 
bungen, Dali Osso von 1909 — 11 systema- 
tisch geöffnet und z. T. ganz im Museum 
aufgestellt hat, zum größeren Teil wenigstens 
so, daß die Gruppierung der Fundstücke ihre 
Verteilung innerhalb des Grabes zur An- 
schauung bringt. Die sog. Tomba del Duce 
oder ein besonders reiches Frauengrab stellen 
sich den Gräbern Bernardini und Barberini 
von Praeneste, Regolini-Galassi von Caere, 
del Duce von Vetulonia usw. zur Seite. Der 
Absicht des »Führers« entsprechend gibt 
Dair Ossos Schilderung S. 33 — 91, 115 — 16, 
126 — 27, 133 verbunden mit zahlreich ver- 
teilten Abbildungen allerdings keine wissen- 
schaftliche Aufarbeitung, sondern mehr eine 
Vorstellung dessen, was da ist, jedoch mit 
technischen und erklärenden Bemerkungen, 
die dem Benutzer helfen, die Autopsie zu er- 
setzen, soweit möglich. Sehr kurz sind leider 
auch die dem Ort, zu dem die Nekropole ge- 
hören muß, gewidmeten Bemerkungen (iio 
bis 112), wahrscheinlich dem auf der Höhe 
des Mons Falernus (Nissen, LK. II, 423) 
gelegenen Vorgänger der von Rom in die 



57 



Italien 19 14 — 1930. 



58 



Tennaebene verlegten Stadt Falerio. Kies- 
gedeckte geradlinige Straßen, rechteckige In- 
sulae in Gestalt großer Baracken, die durch 
Innenteilung in Wohnungen zerlegt waren, 
sind merkwürdige Zeugen früher städtischer 
Ordnung und sozialer Gleichung. Ein hartes, 
kriegerisches Volk waren diese Picenter, de- 
nen sowohl die verbrennenden »Itaüker« 
wie die Umbrer-Sabeller wohlweislich aus 
dem Wege gingen oder weichen mußten. 
Nicht nur die Männer, sondern auch die 
amazonenartigen Frauen gingen mit ihren 
Waffen, auch den Streitwagen, bis zu sechs 
in einem Grabe, ins Jenseits, die Männer in 
dicker Wolltunika, die Brust förmlich ge- 
panzert mit einer Art Netz von Eisenfibeln, 
die Frauen mit Ärmeltunika und darüber 
großem Mantel aus Wolle, der wieder bis 
ans Knie dekoriert ist mit Myriaden von 
Knöpfen und Ringchen aus Bronze, Glas, 
Bernstein und Elfenbein. Außer den An- 
griffswaffen, neun verschiedenen Lanzen- 
formen, den bekannten, auch nach Athen 
gekommenen picentischen Hiebschwertern, 
den iberischen so auffällig gleich, sowie 
Messern aller Art trugen die Männer auch 
kostbare Schutzwaffen, Helme, Beinschienen 
— darunter einmal ein Paar mit Reliefdar- 
stellung des Löwenkampfes des Herakles auf 
der Knieerhöhung, über die die Schiene 
übergriff — , Schilde, die freilich, wie die 
vorauszusetzenden Panzer, aus vergängli- 
chem Stoff, fast ganz verschwunden sind, usw. 
An den Rennwagen, die sich stets unmittel- 
bar über dem Toten befanden — nur eine 
Schicht loser Erde von etwa 0,30 m trennt 
sie von den Knochenresten — , findet sich 
die auffällige Einrichtung eines sandalen- 
förmigen, mit Eisen geschienten Auftritts 
für jeden Fuß, um sicheren, vor Abgleiten 
geschützten Stand zu gewährleisten. Die 
förmliche Überdeckung der Frauenleichen 
mit Schmuck mannigfachster Art, verschie- 
denen Halsketten und Brustgehängen, die 
runden Scheiben an den Kopfseiten u. a. ver- 
anlassen Dair Osso mit Recht, an die Bilder 
der iberischen Frauen aus Cerro de los Santos 
zu erinnern. Dazu kommen die nur dem 
Küstengebiet eigenen dicken, schweren Bron- 
zeringe der bekannten Picenter Art, die auf 
Brust und Bauch lagen, zu Gürtungen ge- 
hörig, und alsdann die unendlich vielen Fi- 



: beln, deren reiche Varianten uns gestatten, 
die Trägerinnen von der auskhngenden 
Bronzezeit bis in die Certosaperiode zu be- 
gleiten, ja bis zum beginnenden Keltentum 
der La Tfeneformen. Und an den Fibeln 
— Eisenfibeln gibt es bis zu 0,60 m Länge — • 
hingen zahllose Hängestücke, besonders viel 
Bernstein, der auch einen sehr wesentlichen 
Bestandteil der Halskettenelemente bildet. 
Die Bernsteinmassen sind geradezu charakte- 
, ristisch für Picenum, den Funden nach sehr 
! viel mehr als für die Frauen der Gallia trans- 
padana, für die sie Plinius XXXVH, 44 be- 
zeugt, als Amulett medicinae causa, und 
schließlich, aber gewiß erst ganz sekundär, 
auch decoris gratia (Plin. a.a.O. 42 — 51). 
Schon 1667 berichtet Paolo Boccone von 
gewaltigen Bernsteinmengen aus alten Fossa- 
gräbern von Ancona (Z. f. Ethn. 1900, 
(152) — (159)). Dali' Osso bemerkt, wir würden 
noch sehr viel mehr Bernstein aus Gräbern 
besitzen, wenn nicht die Bauern ihre be- 
sondere Freude daran hätten, ihn zum Ver- 
gnügen ihrer Kinder zu verbrennen. So- 
lange nicht zweifellos Bernsteinfunde von 
einiger Bedeutung und qualitativ dem Grä- 
berbernstein gleich an der adriatischen Küste 
festgestellt sind, werden wir freilich Plinius 
mehr glauben müssen, daß es von Norden 
gekommener Bernstein gewesen sei, als Dal- 
rOsso, der sich die rätselhaften Mengen, dar- 
unter Stücke bis zu i kg schwer, durch ein- 
heimischen Fund erklären möchte. Ein- 
heimische Verarbeitung des Bernsteins, an 
sich schon wahrscheinlich, wird wohl gewiß 
durch den z. T. recht barbarisch anmutenden 
Schnitt der künstlerischen Gestaltung, wenn 
auch das Gegenständliche, so Gruppen von 
Löwen, die eine Antilope oder einen Bock 
zerfleischen, oder ein Äffchen von der aus 
den etruskisch-latinisch^n oder den sardini- 
schen. Gräbern bekannten Art natürlich öst- 
liche Muster erweist. — Neben dem Bern- 
stein tritt das Elfenbein in auffallenden 
Mengen hervor, auch dieses sicher in weit- 
gehendem Maße einheimisch verarbeitet, mit 
Benutzung fremder Vorbilder aus der kre- 
tisch-ostgriechischen Welt: als ein Beispiel 
für viele diene das Gorgoneion auf der runden 
Scheibe S. 47. Löwen, Gänse, Widder, 
Flügelpferde, Sphinxe bilden das animalische 
Inventar solcher Darstellungen, die sich teils 



59 



Italien 1914 — 1920. 



60 



als Anhänger an Fibeln, teils als Reliefs an 
Gegenständen oder sonstwie verwendet fin- 
den. Besonders beachtenswert ist eine in 
Reliefart geschnittene stehende Frauenfigur 
( 2 Exx.) in strenger Vordersicht, die Hände 
vorm Schoß zusammengefügt, in langem 
schwerem Rock, mit großen, hochaufgerich- 
teten, in Gürtelhöhe beginnenden Brustflü- 
geln, die Haare einfach den Kopf umrah- 
mend, das Gesicht aus Bernstein eingesetzt; 
ein Antlitz von nirvanaartiger Ruhe; neben 
ihr, mit dem Rücken hart an sie geschmiegt, 
seitwärts gerichtet bis zum Gürtel reichend, 
zwei Mädchen, die Arme fest anliegend, eben- 
falls in langen Röcken: Gegenstücke zu den 
nackten Knabengestalten zu Seiten des Wa- 
gens von Monteleone. In diesen vortreff- 
lichen Stücken möchten Dali' Osso und 
Pansa (RCL. 1920, 88) die picentische Dea 
Cupra erkennen. Jeder hierzu zwingende 
Anlaß fehlt allerdings, und gerade diese Stücke 
scheiden sich so sehr von andern Elfenbein- 
arbeiten, daß man sie als Zierstücke eines 
importierten Gerätes, Kästchens oder dgl. 
ansehen möchte (S. 68). — Während Gold 
und Silber sehr selten ist und nur in kleinen, 
dünnen Plättchen zum Aufsetzen auf Stoffe 
oder dgl. vorkommt — einmal eine Silber- 
schale (S. 107) — , sind Bronzegeräte und 
-gefäße außerordentlich reich vertreten, mehr 
in den Männer- als den Frauengräbern; dar- 
unter manches Stück, den altbekannten aus 
S. Ginesio, Tolentino, der Pracht der Wagen 
aus Perugia und Monteleone, dem schönen 
Lebes mit Untersatz (5. Jahrhundert) aus 
Amandola (S. 93) vergleichbar, das als Im- 
portstück wird angesehen werden müssen. 
Aber gewiß hat auch hier das einheimische 
Handwerk, für Waffenherstellung ja schon 
lange berühmt, rasch zugegriffen und nach 
den fremden Mustern selbst gearbeitet, ganz 
wie in Etrurien. Daher die Wiederholung 
derselben Vorlagen: so notierte ich mir im 
Museo Oliveriano in Pesaro ein genaues Ge- 
genstück zu einem geradezu monumentalen 
Gefäßhenkel aus Belmonte, Tomba del Duce 
(S- 59, 95): Krieger in Rüstung des 6. Jahr- 
hunderts, mit hohem Helmbusch, an jeder 
Hand ein loses Pferd führend, auf dem Ge- 
fäßrand in Höhe seines Kopfes je ein liegen- 
der Löwe, durch je eine Schlange und einen 
nach der Mitte fliegenden Adler mit der 



Pferdekruppe verbunden, alles ä jour in vor- 
trefflicher Stileinheit gearbeitet. Ebenso 
wird man bereits einheimische Herstellung 
voraussetzen müssen für zwei runde, reliefge- 
schmückte Panzerscheiben der bekannten 
Picenter Art aus Rapagnano (S. 113 — 138; 
116) mit Kampfszenen griechisch gerüsteter 
Krieger in äußerst geschickter, an die besten 
Beispiele rotfiguriger Schaleninnenbilder er- 
innernder Anpassung an die runde Form. 
Gegenüber der Bronzepracht tritt das Ton- 
geschirr in seiner Wirkung mehr zurück, ist 
aber zur Feststellung der Handelswege na- 
türlich wertvoller. Neben den verschiedenen 
einheimischen Gattungen, durchweg boden- 
ständig, darunter viel Bucchero älterer und 
jüngerer Gattungen (Abb. S. 141), tritt 
ziemlich viel Griechisches, beginnt jedoch 
später wie an der Westküste. Als Probe 
sind S. 133 einige attische Schalen und eine 
Lekythos aus der Zeit um und bald nach 
500 abgebildet. Auch einiges jüngere, be- 
sonders Apulisch-Messapische, findet sich, 
wenn auch lange nicht so viel wie in den 
Gräbern von Ancona und Numana und 
weiter südlich aus der Päligner Sphäre. 
Auffällig neben dem starken griechisch-ioni- 
schen Einschlag in der allerdings vorwiegend 
wohl einheimischen Metallotechnik ist die 
Spärlichkeit älterer griechischer Keramik, 
die durch einiges Protokorinthische und 
Korinthische vertreten ist. Daneben eine 
auf alten Formen weiterbauende einheimi- 
sche Gefäßkunst, die freilich von Griechen- 
land gekommene Anregungen (z. B. die Am- 
phora S. 58) nicht verleugnet. — Eine 
zweite neuerdings aufgedeckte Nekropole, auf 
dem Plateau zwischen Grottamare und Cu- 
pramarittima und wohl zum alten Cupra 
gehörig, hat über 400 inhaltreiche Gräber 
geliefert, deren Inhalt sorgsam geborgen 
und im Museum Grab für Grab geschieden 
gut aufgestellt ist. In schachbrettförmig 
angeordneten Reihen mit Zwischenraum von 
bis zu I m, diese Reihen in Gruppen ge- 
ordnet, die wieder je 15 m voneinander ent- 
fernt sind, die besseren Gräber mit einer 
Unterlage von Flußkies — wie in Spinetoli 
von Seesand — versehen, zeugen diese Grä- 
ber für etwas fertigere und feinere Gesittungs- 
formen einer Bevölkerung, die sich hier um 
das nationale Heiligtum der Dea Cupra 



6l 



Italien 1914 — 1920. 



62 



(Strab. 241) gesammelt hatte, welches Dal- 
rOsso ebenfalls glaubt in Gestalt eines qua- 
dratischen Sacellum neben der Kirche von 
S. Martine in Grottamare wiedergefunden zu 
haben (S. 180 — 81), nicht unwahrscheinlich 
wegen des damit stimmenden Fundorts der 
Hadrianischen Restitutionsinschrift aus dem 
Jahre 127 (CIL. IX 5294 und Mommsen 
S. 502). Wenn auch hier die Männer mit 
ihren Waffen ins Grab gehen, so überlassen 
die Frauen jenen doch dies Privileg, auch 
die hier überhaupt selteneren Streitwagen, 
wenn sie sich allerdings auch durch Be- 
hängen mit massenhaftem Metallschmuck, 
freilich von leichterer, gefälligerer Art, lan- 
gen, an der Seite herabhängenden Ketten 
und dgl., vielen Armringen, besonders ge- 
häuften Spiralen, sowie durch die bis zu 
2 kg schweren Knotenringe auf Brust oder 
Becken als leistungsfähige Genossinnen ihrer 
Männer darstellen. Im Metallglanz sonnten 
auch sie sich, wenn er auch nicht so massig 
wirkt wie in Belmonte: große konkave 
Knopfscheiben und große flache Reifen, an 
denen wieder kleinere hängen oder in die 
immer wieder kleinere konzentrisch einge- 
fügt sind (s. Abb. S. 180, 181, 192, 200), 
ähnlich so im Inneren, in Tolentino und 
S. Ginesio, horizontal getragene Metallstrei- 
fen, an denen zierliche Kettchen hängen 
(Abb. S. 195, 198), die ihrerseits dann wieder 
häufig Träger sind für Amulette, die, oft zu 
großen Mengen gehäuft, besonders gern als 
wirkliche oder in Bronze nachgebildete Cy- 
praeamuscheln (Abb. S. 187, 194), Bullae 
(Abb. S. 184, 194), mit Bronzedraht um- 
wundene Eberzähne (z. B. S. 191) usw. er- 
scheinen. Bernstein kommt auch noch vor, 
auch in großen Stücken, aber viel seltener, 
Elfenbein und Edelmetall so gut wie gar 
nicht. — Ist die Aufstellung dieser Gruppen 
wissenschaftlich unschätzbar wegen der Son- 
derung der einzelnen Gräber, so stellt sich 
leider der Inhalt vieler anderer Schränke 
als zu großem Teil nach früherer Art typo- 
logisch geordnete Masse einzelner Fundstücke 
aus Gräbern dar, ohne Schuld Dali' Ossos, 
weil es meist Bestände älterer Sammlungen 
sind: so die großen Fundmengen aus Nu- 
mana,' von wo nur eine kleine Gruppe aus 
staatlichen Grabungen stammt (S. 156 — 60), 
das meiste Material aus der großen Nekro- 



, pole Anconas am Cardetoabhang und vieles 
andere. Wie manche der Kulturstufen in 
dieser Übergangslandschaft, die Einflüssen 
von Nord und Süd, von Ost und West 
gleichermaßen ausgesetzt war, noch der Auf- 
hellung durch sorgsame topographische, be- 
sonders — bei den Gräbern — stratigraphi- 
sche Untersuchungen entgegensehen müssen, 
lehren uns z. B. die Ergebnisse von nur 15 
', Gräbern aus Fermo (S. 96 — lOO) im Verein 
\ mit Beobachtungen im Munizipalmuseum 
von Fermo, die bis jetzt vereinzelt dastehen 
durch starke Anlehnung an die Villanova- 
sphäre der Romagna, besonders Bolognas 
selbst, so die sonst in Picenum nicht be- 
kannten Villanovaurnen, sogar mit Metall- 
auflagen (Abb. S. 104), der Cristahelm S. 97 
die einfachen Bogenfibeln mit dickem Bügel 
und kurzem Fuß u. a. — Auch die sorgsame 
Ausstellung des reichen, 1913 — 14 gewonne- 
nen Materials aus der neo- oder aeneolithi- 
schen Siedelung und Nekropole von Ripoli 
im Vibratatal (S. 408 — 419 mit zahlreichen 
von S. 393 ab verteilten Abbildungen), nach- 
träglich dem Katalog hinzugefügt, verdient 
dankbare Anerkennung; nicht mindere die 
: Darstellung des hellenistisch-römischen Ma- 
I terials vornehmlich aus Ancona selbst, aber 
auch aus Falerio, Sentinum, Ascoli usw., 
einiges davon, so die so vorzüglich in Bo- 
logna zusammengesetzte Kline aus Holz mit 
Elfenbeinbelag S. 370, schon früher bekannt. 
Eine neue Auflage des Katalogs würde in der 
Einleitung manches kürzen, auch anders 
fassen können, dagegen sich den Dank der 
Benutzer erwerben durch Verzeichnung der 
! namentlich über die älteren, vor Dali' Ossos 
Zeit ins Museum gekommenen Fundstücke 
vorhandenen Literatur, auch über die zu- 
gehörigen Fundorte. 

Etrurien. Von außerordentHch früher 
Anwesenheit des Menschen haben Höhlen- 
untersuchungen in den Apuaner Alpen neue 
und überraschende Beweise gebracht. Zu- 
nächst sind die schon früher namenthch 
durch RegnoH untersuchten und manche 
andere Höhlen neu durchforscht, verschie- 
dene neolithische Wohn- und Grabhöhlen 
schon mit Keramik festgestellt, dann aber 
in der bekannten Grotta all' Onda (bei 
Casoli, 710 m über dem Meer) unter der 
jungneolithischen Wohnschicht (Bp. XXVI, 



63 



Italien 1914 — 1920. 



64 



1900, 196 — 202) eine Stalagmitenfläche 
durchbrochen, unter der eine jungpaläolithi- 
sche oder vielleicht schon ganz frühneolithi- 
sche Schicht mit Knochen großer pleisto- 
zenischer Fleischfresser, wie Höhlenbär, Bos 
primigenius u. a. herauskam und in derselben 
Herdreste, darunter wieder eine unberührte 
Stalagmitenfläche' und unter ihr abermals 
Herdspuren, Hyänen- und Pantherknochen, 
dazu Moustörienschaber u. a. (Bp. XLI, 1916, 
I — 4). — Interessant ist auch bei der starken 
Verwendung, die Völker auf primitiver Kul- 
turstufe gern von roter Farbe zu machen 
pflegen, daß im Monte Amiatagebiet Mi- 
nengänge gefunden sind, mit welchen zin- 
noberhaltige Erzgänge aufgeschlossen wur- 
den; und daß das sehr früh geschah, wird 
wahrscheinlich durch allerlei Handwerksge- 
rät aus Stein, worunter namentlich ein Ham- 
mer mit umlaufender Mittclrinne, das sich 
im Schutt dieser Gänge fand. Spuren von 
Grubenholzanwendung und Reste von Holz- 
geräten, besonders Gefäßen, sind beachtens- 
wert (Bp. XLI, 5 — 12). — An dem natür- 
lichen Wege von dem durch Vetralla gedeck- 
ten, später durch die Via Cassia benutzten 
Talausgang des Ciminer Waldes zum Marta- 
tal, also zwischen Vetralla und Norchia, ist 
schon 1903 auf dem Poggio Montane 
eine Nekropole leider unfachmäßig ausge- 
graben, die erst Not. 1914, 297 — 362 durch 
Rossi Danielli und Colini bekanntgemacht 
wurde, soweit noch möglich: wichtig, weil 
in dieser einst gewiß unwegsamen Wald- 
gegend weit und breit die bis jetzt einzige 
Niederlassung der verbrennenden »Italiker«, 
klein und unbedeutend, da am Abhang des 
Hügels, auf dessen Kuppe die Ortschaft lag, 
'sich nur sechs Pozzogräber gefunden haben, 
von denen das Aschengefäß nur in drei Fällen 
noch ungeschützt im Boden stand, in den 
drei andern in Tonfässern geborgen war; 
nur noch eine Urne in der alten typischen 
Villanovaform: also der allerletzten Zeit der 
Pozzogräber zugehörig — • was auch durch 
die Fibelformen erwiesen wird — als viel- 
leicht die itahsche Bevölkerung der Küste 
begonnen hatte, sich in diese noch unwirt- 
lichen Gegenden des Innern vor den von der 
Küste vordringenden Etruskern zurückzu- 
ziehen, soweit sie nicht blieb und sich unter- 
warf. Keine Rücksicht auf diese Gräber, 



also anderm — etruskischem — Stamme 
angehörig, nehmen in beträchtlicher Menge 
gefundene, ganz frühe, in ihren ältesten Ver- 
tretern den Brandgräbern noch fast gleich- 
zeitige Bestattungsgräber, die sich alsdann 
den Hügel hinabzogen, bis im 6. Jahrhundert 
mit einigen Kammergräbern schon nahe dem 
Fuß des Hügels die etruskische Siedelung 
ebenfalls ein Ende nimmt, vielleicht infolge 
der günstiger gelegenen, später angelegten 
Etruskersiedelungen nördlich, östlich und 
südlich. Die im Bericht angenommenen 
»Fosse ad incinerazione«, d. h. Brandgräber 
schon in Gestalt von Bestattungsgräbern, 
anderswo vorkommend — ich erinnere an 
Terni oder Motye oder Patons Funde auf der 
Landzunge von Myndos in Karlen — be- 
ruhen hier auf mißverständlicher Auslegung 
einiger Fundbeobachtungen: das im einzel- 
nen darzulegen würde hier zu weit führen. — 
Bis jetzt ist unsere Kenntnis der voretruski- 
schen italischen Brennerschicht in Etrurien 
durch etwa 60. Siedelungsplätze mit ihren 
Gräbern gestützt. Außer durch Poggio Mon- 
tano hat nur noch bei Populonia unser 
Wissen hierüber während der letzten sieben 
Jahre eine Erweiterung erfahren, wo zu den 
Spuren ganz junger »Italiker«niederlassun- 
gen, die wir aus der mit Eisenschlacken be- 
deckten Küstenebene an der Barattibucht 
durch vereinzelte glückliche Funde Falchis 
(Not. 1903, ii),Pasquis (Not. 190«, 211 — 14) 
und Mintos (Not. 1914, 445, Pernier, Em- 
poriuni XLI, 355) kannten, etwas weiter 
nördlich, unter dem Piano delle Granate, auf 
dem wohl die Siedelung lag, ein Gehöft oder 
kleines Dorf, zur Gemeinde Populonia ge- 
hörig, wenn es eine solche damals schon gab, 
sich eine größere Gruppe ärmlicher Brand- 
gräber fand, dem Inhalt benachbarter etrus- 
kischer Fossagräber nahverwandt, in viel- 
facher Hinsicht beachtenswert und klärend 
für das Zeitverhältnis dieser Populonia- 
Siedelungen zu jenen auf der Höhe Vetu- 
lonias, der stolzen Vorgängerin des erst spä- 
ter zu alsdann freilich bedeutendem Auf- 
stieg kommenden Verhüttungs- und Ver- 
schiffungsplatzes Populonia (Not. 1917, 63 
bis 93). Das Fehlen der für ältere Pozzo- 
gräber wie auch für frühe etruskische Fossa- 
gräber typischen Materialforrrien, wie z. B. 
der halbrunden sog. Rasiermesser, der Gür- 



65 



Italien 19 14 — 1920. 



66 



telbleche, der Kahn- und Mignattafibeln, der 
Beile, auch das Vorkommen der Bruchstücke 
nur noch einer Hausurne, dagegen Schwerter 
und Dolche, deren Grifformen zusammen- 
gehen mit denen der jüngeren Bestattungs- 
gräber von Terni, das alles zeigt, daß Po- 
pulonia später als Vetulonia beginnt — ge- 
hörte es doch auch nicht zu den Zwölf- 
städten — , aber dann in breiter Fülle weiter 
hinabgeht, wie uns ja die schönen attischen 
Vasen, die prachtvollen Bronzen, dann auch 
die über die frühen Gräberschichten ge- 
breiteten Gräber mit »etruskisch- campani- 
scher« Keramik lehren, Funde, über die 
ebenfalls für Piano und Poggio delle Granate 
Not. 1917 a. a. 0. berichtet ist, während 
schon 1914 (Not. 1914, 411 — 418, 444 — 463) 
Minto wichtige, ganz mit Vetulonia zusam- 
mengehende Funde der Zwischenzeit im 
eigentlichen Stadtgebiet und Grabfunde in 
der Barattiebene nö. der Stadt, besonders 
ein Rundgrab reich an Edelmetall, einem 
Wagen mit figürlichen Bronzebeschlägen, 
archaischen Bronzen, einer phönikisch-ky- 
prischen Lampe, einem Hern zum' Blasen, 
wie auf der Certosa-Situla u. a., auch Bau-, 
namentlich Mauerreste gut bearbeitet hat. 
— Das archäologische Bild Pitiglianos, 
wohl des alten Statonia (s. Solari, Topogr. 
stör, dell' Etruria I, 1912, 33. 227), einer 
der ganz wenigen Etruskerstädte, für die 
bis jetzt keine verbrennenden »Italiker« als 
Vorläufer haben festgestellt werden können, 
wie es Böhlau, Jahrb. 1900, 155 — 195 gab, 
hat seitdem einige Erweiterungen erfahren 
durch Pellegrinis Beobachtungen über Poggio 
Buco Not. 1902, 507 und durch seinen Be- 
richt Not. 1903, 267 — 79, sowie durch Minto 
Not. 1913, 334 — 41 und 1914, 88 — 93 und 
zuletzt durch Galli, der Not. 1918, 12 — 15 
aeneolithische Gräber nachweist, ferner etrus- 
kische Kammergräber z. T. aus geometri- 
scher Zeit. — Stehen die Berichte Men- 
garellis (Not. 1915, 348 versprochen) über 
die umfassenden Untersuchungen der ar- 
chaischen Gräber innerhalb der Banditaccia- 
Nekropole Caeres, deren großartige Ergeb- 
nisse an den mächtigen Rundgräbern die 
Teilnehmer des internationalen archäologi- 
schen Kongresses bereits 1912 bewundern 
konnten, immer noch aus, so darf, obschon 
es sich um Altberühmtes handelt, doch dieser 

Archäologischer Anzeiger 1921. 



Bericht nicht hinweggehen über den 191 5 
erschienenen ersten Band des großen amt- 
lichen Werkes des Vatikans, welches be- 
stimmt ist, neben das alte bekannte Werk 
des Museo Gregoriano etrusco zu treten und 
Rechenschaft abzulegen von der vielen und 
fruchtbaren Arbeit, welche in erster Linie 
der Rekonstruktion des Grabes Regolini- 
Galassi durch Pinza und Nogara gewidmet 
worden ist, dessen über unsere früheren Vor- 
stellungen beträchtlich hinausgehenden Be- 
stände aus den verschiedenen Sälen des Mu- 
seo Gregoriano und dessen Magazinen im 
großen doppelfenstrigen Saal bereits vor 
1914 vereinigt und in fruchtreichem Be- 
mühen, namentlich der Wagen und derbronze- 
plattierte Thron, wiederhergestellt wurden. 
Dieser erste, 191 5 bei Hoepli erschienene 
Folioband tritt würdig in die Reihe der 
früheren Werke, welche Teile der vatikani- 
schen Sammlungen den jetzigen Ansprüchen 
gemäß veröffentlichten: Materiali per la et- 
nografia antica toscana-laziale I, 496 Seiten, 
66 Tafeln und 408 Textklischees (300 Lire). 
Alles technisch trefflich hergestellt, geschrie- 
ben im wesentlichen von Pinza, da Nogara 
sich auf eine einleitende Geschichte der 
Sammlungen beschränkt. Nach einigen Ta- 
feln, welche Fundstücken aus der ersten Me- 
tallzeit gelten und der Veröffentlichung dreier 
albanischer Gräber von Montecucco, ist der 
ganze übrige Band dem Grabe Regolini- 
Galassi gewidmet, der Geschichte seiner Auf- 
deckung, der architektonischen Gestaltung 
des Grabes, der Verteilung der Beigaben und 
den sich daraus für den Totenritus ergeben- 
den Folgerungen, alsdann der Veröffent- 
lichung zunächst des mitgegebenen persön- 
lichen Schmucks aus Gold,' woran sich Ver- 
suche schließen, die ganze Tracht im wesent- 
lichen der Schmuckträgerin in der hinteren 
Grabkammer zu rekonstruieren, gestützt auf 
sehr weitausgreifende tracht- und kunstge- 
schichtliche Untersuchungen. Dem ersten, 
im August 1913 im Manuskript abgeschlossen 
gewesenen Bande soll in Bd. II die Veröffent- 
lichung des gesamten übrigen Fundbestandes 
aus dem Grabe folgen mit Beschreibung und 
kunstgeschichtlich- technischer Behandlung, 
Rechtfertigung der Wiederherstellungen usw. 
Bd. III wird dann bestimmt sein, anderes 
gleichzeitiges Material aus Caere und andern 



67 



Italien 1914 — 1920. 



68 



örtlichkeiten der Öffentlichkeit zuzuführen. 
Kürzer wäre das höchst verdienstliche Werk 
wohl noch wirkungsvoller. Wie auch in sei- 
nen früheren fleißigen und materialreichen 
großen Arbeiten über Sardinien und über 
Latium, in den ML., sucht Pinza mit über- 
großer Gewissenhaftigkeit den Leser zu zwin- 
gen, seinen ganzen mühsamen Forschungs- 
gang mit ihm zu machen, und überläßt ihm 
selbst zu wenig: Hes. op. 40. — • Auf die 
wundervollen photographischen Abbildungen 
und die so instruktivcnVergrößerungen eini- 
ger Hauptstücke aus dem Regolini-Galassi- 
grab und verwandten Gräbern Etruriens und 
Latiums bei M. Rosenberg, Granulation I, 
1915, II, 1916, Eine Fibelfrage 1915 und 
Rosenbergs technische Erläuterung sei hier 
ebenfalls hingewiesen: es gibt keine Ver- 
öffentlichung, welche geeignet wäre, in so 
weitgehendem Maße die unmittelbare Aut- 
opsie der Originale zu ersetzen und ihre 
Stellung innerhalb der antiken Juwelierkunst 
klarzumachen, als diese Arbeiten des ersten 
lebenden Kenners der Goldschmiedekunst 
aller Zeiten. Für die jüngeren Zeiten der 
Banditaccia-Nekropole bringen die Not. 191 5, 
/ 347 — 387 einen ergebnisreichen Bericht Men- 

garellis mit einem sprachlichen Anhang No- 
garas. Ms. kundigem Blick und geschickten 
Händen verdanken wir eine organische, zu- 
sammenhängende Durchforschung der gan- 
zen Banditaccia, wie wir sie ähnlich noch von 
keinem etruskischen Gräbergebiet haben. 
Die eigentümliche Lage dieses Gräberhügels 
machte ihn für alle Zeiten für Caere in dieser 
seiner Funktion unentbehrlich. So legt sich 
denn hier Schicht auf Schicht, die jüngere 
vielfach die ältere zerstörend. An die Stelle 
>ytalischer« Brandgräber, die sich auch hier 
teils erhalten, teils in Spuren fanden, und 
neben sie traten altetruskische Fossagräber, 
diese machten wieder seit der Mitte des 
achten Jahrhunderts Kammergräbern Platz, 
auch einfacheren jüngeren Gräbern und den 
Zugangswegen zu denselben. Und diese 
wurden zum Teil wieder seit Anfang des 
4. Jahrhunderts das Opfer eines neuen um- 
fassenden Anlageplanes, der die Banditaccia 
mit breiten und schmalen Stiaßen durchzog 
— s. Fig. I — 6 — , an denen die seit eben 
jener Zeit typisch einkammrigen, im Innern 
architektonisch gegliederten Gräber gereiht 



lagen wie die Häuser an städtischer Straße, 
ganz wie wir das Bild bereits seit 1876 von 
Orvieto kennen. Waren die umlaufenden 
Bänke mit Toten belegt, so wurden Wand- 
nischen hergestellt, die weitere Tote der- 
selben Familie aufnahmen. Einzelne große 
Gräber, wie das Tarquiniergrab, die Tomba 
dei bassirilievi, zeigen auch reichere Gliede- 
rung, stehengelassene Pfeiler, alkovenartige 
Vertiefungen, übereinander angeordnete Rei- 
hen von Bänken oder auch breite Bänke, auf 
denen die Toten im rechten Winkel zu den 
Grabwänden gelagert werden konnten. Oft 
mußten auch die Knochen früher Beigesetz- 
ter späteren weichen: stark riechende Pflan- 
zen, besonders Myrten umgaben aus be- 
greiflichen Gründen die scheinbar offen nie- 
dergelegten Toten. Die Menge der Bei- 
setzungen in dieser jungen Zeit erklärt die 
beträchtliche Zahl von Cippi und Säulchen, 
die mit meist noch etruskischen, aber auch 
vielfach schon mit lateinischen Aufschriften, 
wenn auch noch meist mit etruskisch ge- 
formter Onomatologie, über dem Grabe stan- 
den und die Identifikation bei der zu jeder 
neuen Bestattung nötigen \yiederaufgrabung 
des Zuganges sicherten. Sehr interessant 
und völlig neu ist Mengarellis Feststellung, 
daß als kleine Särge oder Häuschen geformte 
Grabaufsätze nur Frauen galten, während 
die Männer mehr oder minder phalloide Ste- 
len zeigen (Fig. 7 — 29). Anders z. B. in 
Tarquinii wo cippi a cono tronco e base ro- 
tonda auch auf Frauengräbern stehen: Not. 
1919, 220, I. So scheinen bereits in Caereta- 
ner Gräbern des 7. — 5. Jahrhunderts die 
Männer auf Bänken in Form von Klinai 
mit Füßen, die Frauen auf solchen in Sar- 
kophagform gelegen zu haben. — Das hüge- 
lige Gebiet zwischen dem Ombronetal und 
dem Gebiet von Vulci, südlich von Rusellae, 
meerwärts von Saturnia, von der Albegna 
durchströmt, archäologisch früher vernach- 
lässigt, ist in neuerer Zeit, seit 1908, durch 
Grabungen des Grundbesitzers Fürst Corsini 
bekannter geworden; die prachtvolle Gold- 
fibel, welche Milani veröffentlichte (RCL. 
1912, Taf. zu S. 315 — 330), hernach Rosen- 
berg (Eine Fibelfrage, 191 5, S. 5), der be- 
rühmten Rusellaner Fibel in New York nah- 
verwandt, gefunden wahrscheinlich in einem 
etruskischen Steinkreisgrab, wie die ent- 



69 



Italien 1914— 1920. 



70 



sprechenden von Vetulonia (Falchi und Per- 
nier, Not. 1913, 425, 435), läßt ahnen, was 
in diesem Gebiet der Tenuta Marsiliana 
noch zu erwarten sein mag, auch Voretruski- 
sches, da außer den nach Florenz ins Museum 
gekommenen Fundstücken von 30 etruski- 
schen Gräbern auch z.B. eine Villanova-Urne 
aus Bronze (abgeb. Milani, Mus. arch. 1912, 
Taf. CI) auf Brandgräber schließen läßt. 
Minto stellt Not. 1919, 204, i eine Veröffent- 
lichungdieserCorsini-Grabungen in erfreuliche 
Aussicht, wobei dann auch wohl wird Stel- 
lung genommen werden müssen zu der nahe- 
liegenden Frage, ob in dem Ort, der zu solch 
bedeutendem Gräberfeld gehört, nicht etwa 
Caletra zu erkennen sei, zu dessen Gebiet 
bekanntlich Saturnia gehörte. — Spuren 
einer anderen etruskischen Stadt, vielleicht 
des von Ptolemäus genannten Hebe (So- 
lari, Topografia arch. d. Etruria I, 1 18 — 1 19) 
sind nördlich der unteren Albegna bei Ma- 
gliano entdeckt, auch in geringer Entfernung 
Kammergräber mit Dromos, durch das ein- 
heimische, das griechisch-importierte und 
nachgeahmte Fundmaterial in das 7. — 6. 
Jahrhundert gewiesen (Not. 1919, 199 — 206). 
Daß ebenfalls in der Nähe etruskisch-römi- 
sche Gräber schon früher auftauchten, die 
der Gegend sogar den Namen »Tombara« 
einbrachten, wissen wir durch Dennis C. a. C. 
II, 261, 2. — Sehr verdienstHch ist Perniers 
erneute Untersuchung (Not. 1916, 263 — 81) 
des großen, durch Milanis Bericht Not. 1905, 
225 — 42 bekannten Hügelgrabes auf dem 
Montecalvario bei Castellina di Chi- 
anti das nunmehr vier gleichmäßig von 
den vier Seiten in den runden Hügel ge- 
triebene Gräber mit verschiedenen Seiten- 
kammern ergeben hat und möglicherweise 
in den Zwischenräumen noch mehr Gräber 
bergen mag. Mit Hilfe der damaligen Fund- 
stücke wies Milani den Grabkomplex etwa 
in die Mitte des 7. Jahrhunderts, womit die 
wenigen nunmehr hinzutretenden Stücke 
durchaus stimmen, namentlich ein wunder- 
voll tektonisch wirkender, nach Perniers 
überzeugender Rekonstruktion mit einem 
Pfeiler zu verbindender Löwenkopf aus Pie- 
tra serena von einer wieder einmal, wie neuer- 
dings so manches, an Kreta, insbesondere 
Priniäs erinnernden Stilisierung (Fig. 8, 13, 
14). Da das diesem vermutlich sehr ähnliche, 



aber nicht identische große Hügelgrab, wel- 
ches, von Giambullari 1507 erwähnt (Milani 
225 — 26), in der gleichen Gegend lag, ist zu 
hoffen, daß die noch nicht genügend durch- 
forschte Chiantigegend durch solche Monu- 
mentalg -aber einmal die bis jetzt noch dunkle 
Verbindung herstellen wird zwischen den 
Grabanlagen älterer Zeit im Florentiner 
Becken und um Cortona mit dem großen 
Siedelungs- und Gräbergebiet im Westen 
und Süden des Landes. Für die Etruskisie- 
rung der Florentiner Gegend von Interesse 
ist auch die Auffindung der Spuren eines im 
6. Jahrhundert begonnenen, bis in die erste 
Kaiserzeit fortgesetzten Heiligtums mit ar- 
chaischen Votivbronzen, rf. und sf. Vasen 
bei Impruneta, etwas südlich von Florenz 
(Not. 1918, 210 — 15). — Der aussichtsreiche, 
seit etwa zehn Jahren betriebene Plan, als 
dessen Hauptförderer Pigorini und Ricci 
immer wieder auftraten, neben den vielen 
Gräberaufdeckungen besonders in Etrurien 
auch einmal ganze Stadtbilder durch sorg- 
same Bodenforschung zu neuem, zusammen- 
hängendem Leben zu erwecken, wurde zuerst 
bei Veii, dafür durch seine spätere Verein- 
samung und seine bedeutsame Lage an der 
Grenze dreier Zivilisationsgebiete besonders 
geeignet, seit März 1913 energisch angefaßt 
durch Della Seta, Ricci, CoHni, Gäbrici, 
Giglioli und Stefani. Auf die ersten Ergeb- 
nisse wurde schon Arch. Anz. 1914, 182 — 83 
hingewiesen. Der dort in Aussicht gestellte 
ausführliche Bericht ist mittlerweile zum 
Teil erschienen (Not. 1919, 3 — n, tav. I bis 
VII), mit vielfach überraschend neuen Er- 
gebnissen, anderes, schon von mir mit Gä- 
brici 1913 Gesehenes wartet noch auf ent- 
sprechende Bekanntgabe. Zunächst berich- 
tet Colini in dieser seiner letzten Arbeit sehr 
anschaulich über die älteren Gräberreihen, 
über die jetzt erst ein brauchbarer Bericht 
vorliegt, da früher nur unkontrolliert und 
ohne genügende Berichterstattung hier und 
da gegraben wurde. Ergebnis: zuerst »Ita- 
liker«gräber mit Beisetzungsformen der ver- 
brannten Leichen, wie sie den jüngeren 
Pozzogräbern des westlichen Südetruriens, 
namentlich Tarquiniis entsprechen: Villa- 
novaurnen, Hausurnen, Doliengräber, Custo- 
die di tufo, dann Fossagräber, neben denen die 
Pozzogräber noch lange hergehen, die auf- 

3* 



7' 



Italien 1914 — 1930. 



72 



fällige Verwandtschaft zeigen mit den For- 
men im Faliskerländchen (Loculi, Holz- 
särge); dann Kammergräber, vom 7. Jahr- 
hundert ab, die schwerlich ohne bereits wir- 
kenden etruskischen Einschlag zu erklären 
sind, daneben wieder stärkeres Aufkommen 
des Brandes: wohl unterworfene Italiker, 
wie in den beiden Seitenkammern des Gra- 
bes Regolini-Galassi oder — später — die 
jüngeren Urnen mit gewölbtem Deckel im 
Grabe Campana So ergibt sich denn auch 
für Veii eine wenn auch nicht besonders 
frühe, so doch deutlich faßbare Besiedelung 
durch dieselben verbrennenden »Italiker«, 
welche von den Höhen um die vulkanischen 
Seen herabkommend nach Osten und Süd- 
osten in Richtung auf das Tibertal flußab- 
wärts zu siedeln begannen, sich aber bald 
stauten oder wenigstens zu keiner größeren 
freieren Entwicklung gelangen konnten we- 
gen der über den Tiber vordringenden be- 
stattenden »Italiker« sabellischen Stammes. 
Daß solche auch Veii innegehabt haben, ist 
nach unserer jetzigen Kenntnis der dortigen 
alten Fossagräber sehr wahrscheinlich. Etrus- 
ker sind schwerlich vor der Zeit des be- 
ginnenden orientalischen Imports, der Re- 
golini-Galassizeit, der dann bald der griechi- 
sche Verkehr folgt, von dessen erster Wir- 
kung uns das früheste sicher etruskische, 
das Campanagrab, Zeugnis ablegt, dort als 
Herren aufgetreten, wohl nur wenig früher, 
als ihr Vordringen nach Latium und Rom 
im 7. Jahrhundert. Augenfälligere Ergeb- 
nisse als die Durchforschung der Nekropolen 
hat die Spatenarbeit aus der Stadt selbst 
gebracht. Von ihnen bringt der obenge- 
nannte Notiziebericht eine Veröffentlichung 
der Reste großer Tonstatuen, die zum Be- 
deutungsvollsten gehören, was bis jetzt etrus- 
kischem Boden entstiegen ist. Sie stammen 
aus einem auf der Südwestecke des Stadt- 
gebiets, hoch über dem Fosso dei due Fossi 
(s. 13, Fig. i) belegenen Heiligtum, von dem 
zahlreiche oben und auf dem Abhang ge- 
fundene Ziegel, Antefixe und Votivgegen- 
stände, unter denen auch Statuetten aus 
Bronze sowie Substruktionsmauern Zeugnis 
ablegten: das alles harrt noch der Bekannt- 
gabe. Dagegen versteht man, daß die im 
Mai 1916 gefundenen Tonstatuen vorweg 
vorgelegt werden sollten, nachdem in mühe- 



voller und geschickter Arbeit besonders des 
Frl. Morpurgo die Zusammenfügung des 
noch Zusammenfügbaren vollendet war. Daß 
es nicht noch mehr sein konnte, nimmt wun- 
der bei der guten Erhaltung der Stücke und 
der augenscheinlich absichtlichen Bergung 
der Kunstwerke, als sie, der Anlage einer 




Abb. 2. ApoUon, Veji. 

römischen Straße weichend, zwar schon zer- 
brochen, in Hohlräumen eine sorgsame, wohl 
später Deisidaimonie verdankte Unterbrin- 
gung erfuhren (s. die photographischen An- 
sichten der Auffindungsstätte Fig. 2 — ^4). 
Die zu einer antithetischen Gruppe vereinigt 
gewesenen vier lebensgroßen Gestalten kön- 
nen nicht mit der Architektur des Tempels 
in irgendeiner Verbindung gestanden sein, 



73 



Italien 191 4 — 1920. 



74 




Abb. 3. Kopf von Abb. 2. 

sondern müssen als besonderes Weihgeschenk 
im Innern oder wohl wahrscheinlicher inner- 
halb des heiligen Bezirks auf gemeinsamer 
Basis ihren Platz gehabt haben. Apollon 
(Abb. 2. 3), nach links ausschreitend, 
bestimmt, im Profil von links gesehen 
zu werden, streckte den linken Arm 
etwas zurück, während der rechte Vor- 
griff; jedoch bleiben beide Oberarme dem 
Körper nahe, also war auch der Gegner zu 
enger geschlossener Gruppe mit ihm ver- 
einigt. Dieser war Herakles, allerdings nur 
an Löwentatzen und Schweifende auf der 
Hindin erkennbar, die gefesselt, aber wie es 
scheint unverwundet auf dem Rücken am 
Boden liegt; den linken Fuß setzte Herakles 
ihr auf den Bauch, der rechte wurzelte fest 
neben ihr auf dem Erdboden (Abb. 4). Also ein 




dem Dreifußkampf ähnlicher Streit zwischen 
Apollon und Herakles; dieser war im Begriff, 
eine wohl der Artemis gehörige Hindin zu 
rauben, wogegen der Bruder tatkräftig ein- 
schreitet, ein seltener, nur durch die Monu- 
mentalüberlieferung bekannter Mythos, der 
in der Tat mit der Kerynitischen Hindin, 
wie zuletzt noch Robert wollte (Arch. Her- 
men. 272; Griech. Heldensage H, 450), nichts 
zu tun haben wird, wie Giglioli in sorgsamer 
Untersuchung ausführt. Reste einer beklei- 
deten weiblichen Gestalt, die wohl auf der 
Seite des Apollon hinter ihm ihren Platz 
hatte, Artemis, und der prachtvolle, ver- 




Abb. 4. Hindin, Veji. 



Abb. 5. Hermeskopf, Veji. 

schmitzt lächelnde Kopf des Hermes (Abb. 5), 
mit einem weichen beflügelten Hut, bartlos, 
raschen Schrittes, einem erhaltenen Stück 
aus der Schenkelhöhe zufolge, heraneilend, 
vervollständigen die Gruppe. Strenge ioni- 
sche Vertikaldoppelvoluten, die Palmetten 
einschließen, verkleiden die Stützung, welche 
der vorsichtige Tonbildncr zwischen den 
weitausschreitenden Beinen der beiden Mit- 
telfiguren für nötig hielt. Die künstlerische 
Beurteilung wird sich am sichersten an den 
bis auf einige ergänzte Stücke am Unter- 
körper und die fehlenden Arme gut erhalte- 
nen Apollon halten, eine bereits schlanke Ge- 
stalt von etwa 7 Yo Kopflängen, klar aufge- 
baut, frei aber nicht gewaltsam vorschrei- 
tend, das Hauptgewicht auf das vorgesetzte 
rechte Bein gelegt, jedoch bei nur leiser Vor- 
beugung des Oberkörpers, das Nackte straff 



75 



Italien 1914 — 1920. 



76 



und sehnig gebildet, die Brust etwas zu hoch 
sitzend, in dünnem kurzem Chiton, wie ihn 
Theseus auf der Euphroniosschale im Hause 
des Poseidon trägt, darüber ein ebenfalls so 
leichter Mantel, daß die Körperformen auch 
durch ihn hindurchscheinen, der in feinen 
Falten gelegt und doppelt umgenommen die 
rechte Brust freiläßt; der Schädel hochauf- 
steigend, oben rund gewölbt, hinten flach 
niedTgehend, das Haar oberhalb der 
Tänie geradf" g' sträMt i'nd flach an- 
liegend, unter der Tänie in zwei Reihen 
Ringellöckchen - — ziemlich freien, soweit 
die hier stärkere Zerstörung sicher sehen 
läßt — , die Stirn in flachem Bogen um- 
schließend, an den Schläfen bis zum unteren 
Ohrrand freier niederrieselnd, an den Seiten 
und hinten in dickeren aber weichgedrehten 
Zöpfen herabgeführt, die seitlichen jedoch 
vom unteren Halsrand ab ebenfplls nach 
hinten im Bogen zurückgelegt; ebenso am 
Kopf des Hermes. Das Antlitz, ruhig-heiter, 
Kinn und Jochbeine kräftig herausgehoben, 
der Superziliarbogen in ungebrochen ge- 
schwungener Linie zur langen, schmalen, 
sehr fein geformten Nase herabgeführt. Die 
Augenstellung innerhalb der weiten Augen- 
höhle noch leicht archaisch, der Innenwinkel 
ein wenig nach der Nase zu gesenkt, die Lid- 
spalte mandelförmig, das untere wenig ein- 
geschwungene Lid in leichtem Relief aufge- 
legt, am Nasenanschluß nicht mit dem oberen 
stärker gerundeten Lid vereinigt, um die 
Tränenkarunkel anzudeuten. Der breite 
Mund zeigt noch ganz leicht emporgezogene 
Winkel, die Oberlippe ist schmal und gerade 
geführt, die Unterlippe, in der Mitte durch 
einen leisen Vertikaleinschnitt geteilt, hängt 
I«icht vor. Ebenso sind die Grundformen 
beim Hermes. Die Färbung ist gut erhalten, 
sorgsam und diskret durchgeführt. So sind 
z. B. die Gewänder in der gelblichen Ton- 
farbe gelassen, wie sie bei einem letzten Auf- 
trag fein geschlämmten Tones entsteht, nur 
die Säume sind gefärbt, die Haut zeigt die 
bekannte rotbraune Farbe männlicher Fi- 
guren, schwarz sind Haare und Augenbrauen, 
weiß die Augen mit rötlicher Iris, von dunk- 
lerem Kreis umgeben, die. Pupille schwarz. 
Die Statue ruht auf einer so kleinen Plinth", 
ebenso der Hermes, daß das Figürliche über 
den Rand vorspringt; ein durchgehendes 



horizontales Loch durch die Plinthen in Ver- 
bmdung mit einem durch die Plinthe von 
unten gehendem Loch und einem andern 
hinter den Schultern ermöglichte Durch- 
stecken von Tragstangen und schuf reich- 
liche Öffnungen für das Verdampfen der 
FeuchHgkeit beim Brand. Die Terrakotta- 
haut selbst ist nur 2 cm dick. Nirgends Spu- 
ren angesetzter Teile. Die ganzen^Statuen 
müssen als solche in einem Stück gebrannt 
worden sein, eine technisch bewundernswerte 
Leistung. Jetzt erhält die Nachricht Varros 
bei PliMusXXXV, 154, daß vor der Tätig- 
kei*^ des Damophilos und Gorgasos am Ceres- 
tempel in Rom alles in den Tempeln etrus- 
kisch gewesen sei, und ebenda 157, daß man 
für das tönerne Kultbild des Juppiter im 
kapitolinischen Tempel den vei'-ntischen 
Künstler Vulca gerufen habe, der auch die 
als Akroterien für den First des Tempels be- 
stimmten Quadrigen und den tönernen Her- 
kules arbeitete, einen ganz anderen festen 
Hintergrund. Plut. Popl. 13 läßt den Auf- 
trag zu den Quadrigen durch Tarquinius Su- 
perbus Tuppy,vot? Tiaiv IJ Our^tW 87)[i.ioupYOt? 
erteilen; da der Tempel erst im ersten Jahr 
der Republik eingeweiht wurde, wird tat- 
sächlich — wie es sich aus den Berichten bei 
Cicero, Livius und Tacitus zur Genüge er- 
gibt — in der ersten Hälfte des 6. Jahrhun- 
derts erst der Plan gefaßt (Tarquinius Pns- 
cus) und die Herrichtung der Bauterrasse, 
vielleicht auch der Beginn der Substruktio- 
nen erfolgt und unter Servius Tullius der 
Bau fortgesetzt sein; der von den Erklärern 
zu Tacitus Hist. III, 72 nicht verstandene 
Zusatz zur Erwähnung des Serviusanteils 
»sociorum studio« bezieht sich auf sein In- 
teresse am Etruskerbau; wer seine socii 
waren, wissen wir ja aus der Lyoner Rede 
des Claudius und dem Frangoisgrab von 
Vulci zur Genüge, wenn er auch einen römi- 
schen Namen annahm, blieb er innerlich 
doch der Macstarna. Nach der Nieder- 
werfung der Volsker brachte dann der letzte 
Tarquinier den Bau der Vollendung nahe: 
er, nicht wie Plinius irrtümlich berichtet, 
der erste Tarquinier, kann es nur gewesen 
sein, der für die letzte künstlerische Aus- 
stattung des Tempels zu sorgen hatte und 
die Veienter Tonkünstler dazu rief. Und in 
diese selbe Zeit gehören nun, das hat Giglioli 



n 



Italien 19 14 — 1920. 



78 



in sorgsamer Untersuchung dargelegt, auch j 
die neuen großen Tonwerke aus Veii, mit 
denen uns also ein klarer Einblick in die 
Kunststufe des kapitolinischen Tempels, 
überhaupt des damaligen Roms gegeben ist. 
Der große Schritt vom Campanagrab bis zu 
der neugewonnenen Stufe wird hoffentlich 
noch durch weitere Funde gefüllt werden; 
unmittelbar an letztere anschließend folgen 
dann Werke, wie die in der Technik noch 
unsichere aber das damalige Etrurien noch 
fest beherrschende chalkidisch - sizilische 
Griechentum schön kennzeichnende Bronze- 
statuette 447 desBritischen Museums »Aphro- 
dite« (Select G''eek Bronzes in the British 
Museum pl. VI; Mansell 2244) aus Suessa 
Aurunca, also mehr wie halbwegs nach Kyme, 
trotzdem, nicht nur der Schnabelschuhe we- 
gen, wohl sicher etruskisch und nach Schädel- 
form, Gesichtsbildung und Gesamthaltung 
den Veienter Werken auf das engste ver- \ 
wandt, wieder einmal ein schönes Beispiel 
für die Wahrnehmung, daß Tonplastik und 
Metallguß im engsten Verwandtschaftsver- 
hältnis zueinander stehen, die erstere als 
notwendige Vorbedingung der letzteren diese 
auch ins Leben ruft und ihr die Wege weist, j 
— Der Wunsch, nicht nur in Kopenhagen, 
sondern auch in Florenz die Grabgemälde 
Etruriens in Nachbildungen vorzuführen 
und so der Nachwelt zu erhalten, führte noch 
Milani 1910 und 191 1 dazu, die im Gegensatz 
zu Corneto immer etwas zurückgetretenen 
Gemälde von Chiusi neu untersuchen zu 
lassen. Ein Bericht Gallis Not. 1915, 6 — 16 
gibt das Wenige, was noch von einem bereits ; 
von Dennis gesehenen Grabe auf der Spitze 
des Poggio Renzo, unweit der Tomba della , 
scimmia an Malerei vorhanden ist, 5. Jahr- j 
hundert, wie ja dieChiusiner Kammergräber [ 
mit Gemälden fast durchweg, aber lange ] 
weitergebraucht, bis 2. — i . Jahrhundert ; auch 
hier die Farben nach Chiusiner Art unmittel- 
bar auf den Tuff gesetzt: Reste von Sym- ; 
posionszene und schön erhaltene, ein Com- \ 
pluvium nachbildende Decke; da der Hügel- 
gipfel, in den das Grab mit Dromos, Atrium 
und drei Kammern hineingetrieben ist, in- 
mitten der alten Nekropole liegt, die uns in . 
Etrurien zuerst mit den voretruskischen 
Brandgräbern bekannt machte (1874 — 75), 
fanden sich auch in dem Hügel gute Beispiele 



der letzteren. Alsdann wurde das seit 1866 un- 
zugängliche Grab di Tassinaia neu unter- 
sucht und die interessante Malerei bekannt- 
gemacht: an gemalten Nägeln aufgehängte 
Kränze mit Tänien, pickender Rabe, ganz 
römisch aussehender Mann und Frau, jedoch 
noch mit etruskischen Beischriften, zwischen 
den Festons hängend gemalte lunulae mit 
runder, von ihnen umschlossener Scheibe, 
runde Metallscheiben an den Schmalseiten 
gemalt: alles eine junghellenistische Verzie- 
rungsweise, die an Delos erinnert und gewiß 
richtig von Galli ins 2. Jahrhundert gesetzt 
wird: für Etrurien eine in Malerei sonst kaum 
vertretene Zeit (Fig. 8 — 10). S. 16 — 23 folgt 
dann ein Bericht von Schiff Gio"gini über 
die in diesem Hügelkopf bei der Gelegenheit 
gefundenen Brandgräber, unter denen ein 
Canopusgrab besonders bemerkenswert ist, 
weil das figürliche Aschengefäß selbst ebenso 
wie der durchbrochene Lehnsessel mit hell- 
gelblicher Farbe überzogen und darauf 
braunrötliche Streifenmalerei, auf den Kopf 
weiße Malerei gesetzt ist (Fig. i — 3): das 
erste Beispiel eines bemalten Canopus. Die 
Zeit wird durch ein griechisches Gefäß ins 
7. Jahrhundert bestimmt. Der an wert- 
vollem Inhalt reiche Bestand eines Chiusiner 
Grabes des 3. Jahrhunderts, mit Silbergefä- 
ßen, Silbertheken, farbigen Aschenurnen 
usw., wurde 1913 für Boston erworben und 
von Eldridge AJA. XXII, 1918, 251—294 
herausgegeben (19 Abb.). ML. XXIII, 
277 — 312, tav. I— IV veröffentlicht Della 
Seta auf den Tafeln, von denen zwei farbig, 
die Bruchstücke zweier Stamnoi aus einem 
Grabe der ersten Hälfte des fünften Jahr- 
hunderts bei Campagnano, die auf schwar- 
zen Grund rot aufgemalte Figuren zeigen, 
nach dem Brand, also für Sepulkralzwecke. 
Die tanzenden Männer, auf A ganz nackt, 
auf B mit kleinen shawlartigen Tüchern, in 
Motiv und Bewegung ungriechisch, knüpfen 
am ersten an Tänzer auf Grabwänden, be- 
sonders von Corneto (del Citaredo, del Tri- 
clinio, delle bighe, Querciola oder T. d Orfeo 
c d'Euridice von Chiusi) an und stellen ver- 
mutlich ausnahmsweise Arbeiten etruski- 
scher Wandmaler auf Gefäßen dar. Ein ähn- 
liches Gefäß steht schon seit länger im Mu- 
seum von Corneto. Della Seta stellt die Be- 
einflussung fest durch die Malweise der atti- 



79 



Italien 1914 — 1920. 



80 



sehen streng rf. Vasen, also wie bei den Grab- 
gemälden. Da solcher Männertanz auf atti- 
schen Vasen jedoch nicht vorkomme, sieht 
er in ihm sowohl auf den Grabwänden wie 
auf diesen Vasen eine wichtige Stufe der 
etruskischen Totenkultvorstellungen und 
gibt über den Wandel der etruskischen 
Totenkultideen und der Tanzformen im be- 
sonderen 303 — 310 eine vortreffliche, auf 
feine Beobachtungen gegründete, in dieser 
Art neue Darstellung. Als Herstellungsort 
vermutet er die Etruria marittima, Caere 
oder Corneto, letzteres wohl wahrschein- 
licher. — Cultrera, der jetzige Leiter des Cor- 
netaner Museums, veröffentlicht Not. 1920, 
245 — 58 zwei Kammergräber, nahe den 
f Gräbern »della caccia e pesca«, »delle leo- 

nesse« und »della pulcella«, deren eines neu, 
das andere schon früher geöffnet, aber 
wieder geschlossen und vergessen war; beide 
ausgeplündert. Ersteres, junghellenistisch, 
interessant durch einen aus Festons, Bän- 
dern und runden Scheiben zusammenge- 
setzten schmalen Fries, die Tür innen be- 
wacht durch zwei etruskische Dämone, 
gemalte Kassettendecke, in der eins der 
Felder noch auf braunem Grund kleine 
rötliche Knäbchen, welche grüne Blatt- 
kränze tragen, zeigt. Außer Scherben ein- 
heimischer ordinärer Topfware einige »etrus- 
kisch-campanische«, sowie die Stücke einer 
reliefierten, außen zum Teil braunen Por- 
zellanschale (Fig. 12) und einer bunten, 
gläsernen, mit Gold- und Silberlichtern, 
auch Bronzescheiben mit Holzresten, die 
auf eine Kline schließen lassen. Sowohl in 
diesem wie im andern Grabe einige Nenfro- 
cippen mit etruskischen und lateinischen 
Inschriften. Dieser Fund gibt dem Be- 
richterstatter Anlaß, in ausführlichen Dar- 
legungen seine Ansichten über die zeit- 
liche Verteilung der Grabgemälde, beson- 
ders die Notwendigkeit, mit ihnen bis in 
das 2. Jahrhundert hinabzugehen, auseinan- 
derzusetzen und ferner die topographische 
Frage wieder anzufassen, um sich gegen 
Pasqui und Pernier auch für das etruskische 
Tarquinii wieder für das Piano della Regina 
zu erklären (Not. 266—75). Je weniger ich 
selbst geneigt bin, ihm hier zu folgen, um 
so freudiger würde auch ich natürlich seinen 
Wunsch nach gründHcher Spatenarbeit auf 



jenemHügel begrüßen. — ML.XXIV, 5 — 120, 
tav.I — IV macht Galli einen polychromen Sar- 
kophag von Torre S. Severo (sw. vonOrvi- 
eto oberhalb des Bolsener Sees) bekannt, aus 
einem Kammergrab (Fig. 2), in dessen 
Hauptraum der Sarkophag stand. Nach 
den reichlich mitgefundenen und gut abge- 
bildeten Beigaben steht die Zeit, 4. — 3. Jahr- 
hundert, fest. Die Hauptseiten zeigen in 
ziemlich hohem Relief den Troermord an 
Patroklos' Totenfeier und die Schlachtung 
der Polyxena an Achills Leiche, die Schmal- 
seiten Odysseus-Kirke mit den Verwand- 
lungsszenen und das Nekyiaopfer mit merk- 
würdiger Unterweltdarstellung. In den 
Giebeln Acheloosmasken, von schlangen- 
haltenden Männern flankiert, Jünglingen an 
der Kirkeseite, Bärtigen an der andern. Gal- 
lis sorgsame Behandlung betont mit Recht 
allerlei Nachklänge an malerische Vorbilder 
des 5. Jahrhunderts. Der Troermord berührt 
sich eng mit der Tomba Frangois von Vulci, 
der Cista R6vil u. a., Hades mit der Hunds- 
kappe und Persephone hinter ihm mit den 
bekannten Gestalten der Gräber dell' Orco 
von Corneto und der Tomba Golini von Or- 
vieto. Interessant sind die Darstellungen 
der Gräber des Achill und Patroklos mit zu 
den Seiten der fiktiven Tür hängenden Opfer- 
schalen; auch die Schattenbilder des Pa- 
troklos und Achill, eingewickelt in ihre To- 
tentücher und -binden und den Mundbinden. 
— Auch durch andere Funde hat unsere 
Kenntnis der jüngeren, mehr national-etrus- 
kischen Zeit und Kunst Bereicherungen er- 
fahren. Zunächst aus der Gegend von Pe- 
rugia. Not. 1914, 135 — 41 berichtet Minto 
über ein Kammergrab im Südwesthang des 
Hügels von Santa Giuliana, teils Bestattung, 
teils Brand, wie so oft in diesem alten Misch- 
gebiet, aus dem es gelang, trotz früherer 
Plünderung noch einige wertvolle Stücke zu 
bergen, so eine rf. Schale >>faliskischer« Art 
(Fig. i), deren Innenfläche ausgefüllt wird 
durch eine von Minto in ihrer grotesk un- 
genierten Komik nicht erkannten, wenigstens 
nicht exegetisch gewürdigten Darstellung 
eines noch eben auf einem Bein ruhenden 
weinfrohen Silen, den ein Satyr aufrecht 
hält, während die mit der linken Hand aus- 
geführte Handlung einer Mänade auf der 
andern Seite durch die Corna, welche die 



8i 



Italien 191 4 — 1920. 



82 



Finger ihrer rechten Hand ausführen, auf 
südliche Weise klargemacht wird. Als Kunst- 
werk unbedeutend, aber mit neuem Motiv: 
ein bronzener Herakles, von einer Kande- 
laber- oder Kottabosbekrönung, nackt, links 
hochauftretend, rechts auf die Keule ge- 
stützt, in der Linke.n Trinkhorn (Fig. 2). 
Der bedeutsamste Fund ist jedoch ein Spie- 
gel, der im Typus guter alter Dreifiguren- 
komposition Itys zwischen den schwert- 
bereiten Prokne und Philomela zeigt 
(Fig. 4 und RCL. XXHI, 1914, 97; unsere 
Abb. 6). Minto hat RCL. 89 — in eine 




Abb. 6 Spiegel aus Perugia. 

kundige Einreihung des Spiegels in die 
literarische und monumentale Überliefe- 
rung (über diese s. jetzt auch Robert, 
Griech. Heldensage I, 154 — 162) gegeben, 
leider ohne neben den Schalenbildern 
aus München und dem Louvre auch die 
immer noch unveröffentlichte Amphora der 
Villa Giulia aus Falerii (Heibig, F. HS, 
S. 363) abzubilden. — Aus einem zerstörten 
Brandgrab in der Nähe Perugias (Not. 1915, 
261 — 62) stammt ein Paar schöner goldner 
Ohrringe, tordiert, in einen Löwenkopf endi- 
gend, einer im 4. — 3. Jahrhundert auch in 
Etrurien häufigen Form, die jedoch gut grie- 
chisch ist: im selben Band der Not. 1915, 
234 ist ein sehr ähnliches, etwas strengeres 



Paar aus Gela abgebildet, dies gewiß noch 
aus dem 4., das Peruginer vielleicht schon 
aus dem beginnenden 3. Jahrhundert. — 
Als erstes Anzeichen einer bisher unbekann- 
ten Nekropole Perugias im Westen der Stadt 
zwischen dem Kloster S. Francesco und den 
antiken Thermen von San Galigano ist ein 
in mehrfacher Hinsicht bemerkenswertes 
Urnengrab gefunden (Not. 1914, 322 — 44), 
das, wenn auch noch durch einen gewaltigen 
Travertinblock fest verschlossen (Fig. 2), 
doch antik geplündert war. Schema das 
übliche: langer Dromos mit Vestibulum 
und Atrium, an das drei Kammern so an- 
schließen, daß eine Kreuzform entsteht (Fig. 
I ). Ungemein sorgfältige Abwässerung durch 
förmliche Kanalisierung des Innern, das im 
Atrium und der Mittelkammer den Boden 
teilweise bedeckt zeigte mit Resten von 
Kohlen und Asche, schwerlich, wie Minto 
meint, Spuren eines Ustrinums innerhalb 
des Grabes, sondern Ausübung der bei vielen 
Brennervölkern, so auch vielfach in Italien 
üblichen Sitte, Rogusasche in das Grab zu 
tun, z. B. die Aschenurne in Rogusasche zu 
betten oder dgl. Von den Urnen ist eine 
leider mangelhaft erhaltene wichtig, weil sie 
Brunns Deutung der Peruginer Urne I, Taf. 
LXVIII, I auf den Kampf um Achills Leiche 
bestätigt durch Inschriften, die auf die Fuß- 
leiste aufgemalt waren und die Namen Achlc, 
Utzte und Paris zeigten, daneben sonder- 
barerweise noch Reste der Namen von sieben 
Personen, die sich gar nicht auf der Urne 
finden; Minto wird recht haben mit der Ver- 
mutung, daß mechanische Kopie der Namen 
von einer Vorlage von rechts nach links ge- 
schrieben und Weglassung von Figuren, die 
keinen Platz hatten, für beides die Erklärung 
geben, lehrreich für das Verhältnis der Ur- 
nenbildhauer zu ihren Vorlagen und für de- 
ren Beschaffenheit. Eine gut erhaltene Tra- 
vertinurne mit der Iphigenienopferung (eine 
solche auch beim Hospitalbau am Monte 
Luce gefunden: Not. 1914, 166 — 67), ver- 
schiedene Urnendeckel mit Inschriften der 
Calisnafamilie (Fig. 3, 5 — 8), ein trübseliger 
Spiegel mit zwei sich gegenüberstehenden 
»Dioskuren«, eigenartiges Bronzearmband 
mit vier teils den Schaft, teils die 
Ösen überschnäbelnden Gänseköpfen (Fig. 
10), allerlei Keramik, darunter Reste eines 



83 



Italien 1914 — 1920. 



84 



^ 



großen spätetruskisch gemalten Kraters mit 
Greifen- Arimaspenkampf (Fig. 11): alles das 
zeigt, daß die Calisna das Grab im 3. und 
2. Jahrhundert im Gebrauch hatten. — 
Urnengräber von Trequanda, Prov. Sicna, 
;in der Grenze des Chiusinischen aus dem 
2. Jahrhundert haben ihren Inhalt ins Mu- 
seum von Pienza abgegeben, darunter meh- 
rere, die deutlich Nachbildungen von Holz- 
truhen sind, mit Inschriften, Keramik und 
hellenistischen Glasfläschchen: Not. 1915, 
263 — 69. Eine Troilosurne entstammt einem 
Grabe bei Cordigliano, Prov. Perugia: 
Not. 191 5, 270 — 73. — Ungleich wichtiger 
als die bisher genannten Funde aus der 
jungetruskischen Zeit sind Entdeckungen in 
Arezzo (Pernier, Not. 1920, 167 — 215 und 
Taf. I — IV, woraus ein von Wiederholungen 
der wesentlichsten Abbildungen begleiteter 
Auszug Perniers in »Dedalo«, Rassegna 
d'Arte diretta da UgoOjetti I, 1920, 75 — 86; 
Del Vita, Not. a.a.O. 215 — 217: Bericht 
über den Fund wichtiger Majolikamengen 
in einem Brunnen desselben Fundgebiets). 
Das Problem, ob die von Plinius III, 52 
neben den Arretini Fidentiores und den 
Arretini lulienses, augenscheinlich Gruppen, 
die ersten sullanischer, die zweiten cäsari- 
scher Kolonisten, genannten Arretini Veteres 
auch örtlich von dem Wohnsitz der Neu- 
bürger getrennt gewesen seien, d. h. ob, wie 
ja oft in Etrurien, die alte etruskische Stadt 
an einem anderen militärisch mehr gesicher- 
ten Platz gewesen sei, etwa auf dem für eine 
größere Stadt freilich viel zu kleinen, eine 
Stunde südlich Arezzos gelegenen Poggio 
S. Cornelio, den Dennis vorschlug, ist jetzt 
gelöst. Die stets vom Nestor der Arezzo- 
^forschung Gamurrini, zuletzt in seinem Vor- 
trag »Testa antica di terracotta rinv. in 
Arezzo«, Arezzo, Tip. Cagliani 1919, 4 — 6, 
13—18 festgehaltene, von Del Vita RM. 
XXV, 1910, 294, 296 und Solari, Topogr. 
stör, della Etruria I, 1918, 289 vertretene 
Ansicht der kompetentesten Lokalforscher, 
daß das etruskische Arezzo auf der Stelle 
des römischen und heutigen gelegen habe, 
hat durch die neuen Funde ihre volle Be- 
stätigung erhalten, konnte eigentlich schon 
lange niemandem zweifelhaft sein, der die 
Gräberverteilung in und um Arezzo topo- 
graphisch verfolgt hatte. Damit sind auch 



die den italienischen Gelehrten übrigens un- 
bekannt gebliebenen Darlegungen von 
Frickenhaus, Bonner Jahrb. 1908, 30 — 33, 
erledigt. Die von Vitruv II, 8, 9 und Plin. 
XXXV, 173 bezeugten Luftziegelmauern 
sind schon von Caporali in seiner Vitruv- 
übersetzung 1536, fogl. 58als nochvonihmge- 
sehen erwähnt, von Del Vita 1910 an ver- 
schiedenen Punkten der Stadt restweise ge- 
funden, besonders in der Catonagegend nörd- 
lich vom Domhügel, während nach Süden 
sich die besonders durch die beiden koloni- 
alen Gründungen erweiterte römische Stadt 
später ausdehnte. Erst 1916 und 1918 sind 
dann diesen Spuren folgend durch Aretiner 
und Florentiner Kräfte unter Oberleitung 
Perniers, der seine große kretische Erfah- 
rung natürlich mit Freuden in den Dienst 
eines so wichtigen Stücks Heimatforschung 
stellte, zusammenhängende Stücke der Mauer 
ausgegraben. Die Ziegel, ganz leicht ge- 
brannt, ruhen auf dem Boden ohne Stein- 
sockel — höchstens ist hier und da eine 
dünne Tonschicht als Euthynteria drun- 
ter — , sind sesquipedales, also lydische Zie- 
gel, wie die Römer sie nannten, die sie doch 
wahrscheinlich von den Etruskern hatten, 
zumal sie auch in Veii gefunden sind (Not. 
1920, 189, i): ein Name, der zu denken 
gibt. Ganz gleiche Ziegel kamen 1917 — 18 
in Perugia unter den Trümmern eines römi- 
schen Hauses des i. Jahrhunderts und un- 
mittelbar neben der späteren Stadtmauer 
heraus (Not. 1920, 188) und Plinius er- 
wähnt bekanntlich gleiche Lehmziegelmau- 
ern um Mevania, Perugia so benachbart. 
Pernier gibt S. 191 eine instruktive Über- 
sicht über Luftziegel gleicher Abmessungen 
aus Kreta • — schon vom ältesten Phaistos- 
palast — und Hellas. 4,50 m war die durch- 
schnittliche Stärke der Mauer, von der Fig. i 
einen Plan gibt, die folgenden Figuren Ab- 
bildungen aller Art. Fig. I zeigt nun in 
musterhaft genauer Weise die Fundverhält- 
nissc der Artefakte, die sich unter dem 
Ziegelschutt der zusammengefallenen Mauer 
und in anderen hier angehäuften Schutt- 
massen fanden. Und damit ist die Zeitbe- 
stimmung der Mauer gegeben. Da Münzen 
der ersten Jahrzehnte des letzten Jahrhun- 
derts V. Chr. und entsprechendes kerami- 
sches Material in großer Fülle, dagegen noch 



85 



Italien 1914 — 1920. 



86 



nichts »Aretinisches«, unter den Trümmern der 
zusammengesunkenen Mauer gefunden sind, 
vermuten Gamurrini und Pernier wohl mit 
Recht, daß die sullanische Belagerung 81 
V. Chr. die Zerstörungen der zu Marius hal- 
tenden Stadt gebracht habe, der auch jene 
Teile der Mauer zum Opfer gefallen seien. 
Erbaut sei die Mauer, meint Pernier, gegen 
Anfang des 3. Jahrhunderts, nach genauer 
Erwägung auch der unter der Mauer gefunde- 
nen Dinge. Freilich müsse es eine offne Frage 
bleiben, ob es die erste Mauer gewesen sei, 
ob sie nur partiell als Lehmziegelmauer, ob 



etruskischer Kunst besonders aus den Tem- 
peln von Falerii kannten, jetzt im Museo 
Villa Giulia, viel bewundert als Nachklänge 
griechischer Großplastik des 4. Jahrhunderts 
und der Alexanderzeit. Die Arctiner Stücke 
sind zum Teil gewiß aus Giebeln: man denke 
an Arcevia, Luni, Telamon, nur daß sie jene 
an harmonischer Schönheit und Kraft der 
Ausführung weit übertreffen. Sie sind mehr- 
fach nicht ganz vom Grund gelöst, auch hin- 
ten hohl, waren also zum Teil architektoni- 
sche Schmuckstücke. Eine Anzahl der schön- 
sten lassen sich zu einem Parisurteil zusam- 





Abb. 7. Pariskopf aus Arerzo. 



ganz als solche oder ob als Ausbesserung 
früherer anderer Mauern errichtet sei: aber 
jedenfalls Vitruvs e latere vetustus egregie 
factus murus. Dieselbe Zerstörung, welche 
einzelnen Teilen der Mauer verhängnisvoll 
wurde, war es auch für manche Häuser oder 
ganze Quartiere der Stadt. Der dadurch ent- 
standene Schutt wurde an der Mauer abge- 
laden und für die Ausgräber eine Fundstelle 
für eine Fülle von Architekturtrümmern, 
unter denen zahlreiche Simen, Antefixe und 
Akroterien aus Häusern und auch wohl Tem- 
peln, auch Stücke jener schwarzgefirnißten 
Tonware, die der roten »Aretiner« Art voran- 
ging. Bei weitem das bedeutendste waren 
aber wundervolle großplastische Stücke, wie 
wir solche bisher für die hellenistische Periode 



menfinden. So der prachtvolle JüngHngs- 
kopf (Paris) Taf. HI (hier Abb. 7) mit 
weichem, leicht melancholischem Aus- 
druck, phrygischer Mütze, unter der 
die Locken in freiem Spiel hervorquellen, 
die tiefliegenden Augen leicht empor- 
blickend, der Mund atmend geöffnet. Ferner, 
Taf. IV (hier Abb. 8), ein eigenartiger, beson- 
ders in der Seitensicht männlicher Art sich 
stark nähernder Athenakopf mit konzen- 
triertem, willensbewußtem Aufschlag der tief- 
gelagerten Augen und dem leicht, etwas 
trotzig geöffneten Munde sowie in freien 
Strähnen unter dem Helm sich vordrängen- 
den Haaren; schließlich das Bruchstückeines 
nackten weiblichen Torso, der zur Aphrodite 
gehören könnte. UmdenzuerstvonGhirardini 



87 



Italien 1914 — 1920. 



ausgesprochenen Gedanken an ein Parisurteil 
wahrscheinlich zu machen, verweist Pernier 
auf Kompositionen wie den Spiegel Etr. 
Sp. V, Taf. 99. Da diese in 5/3 Lebensgröße 



stellani, der Apollon Pourtalös u. ä. drängt 
sich zum Vergleich auf. Andere Stücke: ein 
skopasisch kraftvoller Kopf, vielleicht eines 
hellenistischen Herrschers, mit Tänic im 





Abb. 8. Athenakopf ans Arezzo. 





Abb. 9. Skopasischer Kopf aus Ärezzo. 



ausgeführten Figurenteile keine Ansatz- 
spuren auf ihrer Rückseite zeigen, wäre Frei- 
aufstellung denkbar, gut passend zum »per- 
gamenischen« Gepräge der Werke; manches 
aus der Gigantomachie, der Dionysos Ca- 



kurzen krausen Haar, den Taf. I gut wieder- 
gibt (Abb. 9). Er steht auf einer Linie, die 
vom Kopf Alexanders auf dem sidonischen 
Sarkophag herabführt bis zum bronzenen 
Kentaurenkopf in Speier ( '/o Lebensgröße). 



89 



Italien 1914 — 1920. 



90 



Ganz anders wieder ein hochpathetischer 
Frauenkopf Taf. II (hier Abb. 10) 
( '/4 Lgr.), gewaltsam auf die linke Seite ge- 
worfen, der Blick nach oben gerichtet, in 
höchster Erregung, der Mund schmerzlich 
geöffnet mit sichtbarer Zahnreihe, die Augen 
tief in den Schädel hineingedrückt, die Au- 
genknochen mit absichtlich übertriebener 
Formgebung über den Nasenansatz hoch 
emporgeschoben und durch tief eingegrabene 
Vertikalfurchen von der Nasenwurzel ge- 
schieden, dazu phrygische Mütze mit auf- 
fällig zurückgeworfner Spitze. Pernier stellt 



bekleidete Füße (S. 205, Fig. 19; 3/5 Lgr.) 
und eine weiche, etwas Geschwungenes 
leicht umfassende Hand (S. 209, Fig. 20; 
'/2 Lgr.) rufen wiederum den Vergleich auf 
mit einigen jedem vertrauten Füßen und 
Händen aus der pergamenischen Giganto- 
machie. Von einem figürlichen Antefix 
stammt nach Perniers Ansicht das Unterteil 
der Gruppe (Gesamthöhe etwa 0,80) eines 
nach halbrechts sitzenden kraftvollen Jüng- 
lings, neben dem ein anderer stand (S. 201, 
Fig. 18), ebenfalls wundervolle Arbeit, über- 
haupt sowohl an den abgebildeten wie den 





Abb. 10. Frauehkopf aus Arezzo. 



den Kopf zwischen Niobiden und Laokoon, 
doch gehört er trotz aller Anklänge an Per- 
gamenisches, auch den sog. sterbenden 
Alexander der Uffizi, näher an Laokoon 
heran. Nur dem Motiv nach drängt sich 
auch die freilich ältere Amazone Borghese 
auf. Merkwürdig, wie nah sich italienische 
Barockempfindung des 17. Jahrhunderts mit 
einem solchen Kopf berührt, gewiß nicht zu- 
fällig! Ein anderer Jünglingskopf, etwas 
unter Y^ Lgr., erinnert Pernier an den Her- 
mes aus Falerii im Museo Villa Giulia (Della 
Seta, Museo V, G. I, Taf. XXXIX), wenn 
auch der aretinische von viel feinerem Schnitt 
ist, namentlich um den Mund (Not. 211, 
Fig. 21), und wohl noch in das 4. Jahrhun- 
dert gehören könnte. Wundervolle sandalen- 



zahlreichen ähnlichen noch nicht reprodu- 
zierten Stücken überall die Spuren sorgsam- 
ster Handmodellierung und zahlreiche Farb- 
reste. Von den vielen sonstigen plastischen 
Bruchstücken, architektonischen und figür- 
lichen sowie den Gefäßfragmenten sind nur 
Fig. 10 — 17 einige Proben abgebildet. Der 
ganze außerordentliche Fund aber erschließt 
uns die Wurzeln der späteren Aretiner Kunst 
und auch der bis jetzt so ganz isoliert da- 
gestandenen Großwerke, der Chimaira, des 
Redners, der Minerva, des Lampadario von 
Cortona, ja schließlich wohl, wie Gi- 
glioli mit Recht meint, auch der römischen 
Wölfin, diese wenigstens als eines Werks 
älterer etruskischer, wenn auch vielleicht 
nicht gerade Areiiner Werkstatt. Während 



91 



Italien 1914^—1920. 



92 



die hohe Kunst Griechenlands zwischen 500 
und 350 so merkwürdig stumm an Etrurien 
vorübergeschritten ist, scheint mit einem 
Male mit der Aufschließung der kleinen 
althellenischen Welt durch Alexander das 
Tor auch nach Westen von neuem sich erst 
langsam, dann im 3. Jahrhundert rasch und 
weit aufzumachen. Am Schluß der ersten 
Hellenisierung Etruriens standen die oben 
besprochenen Großterrakotten von Veii, im 
vollen Strom der zweiten die wunderbaren 
Tongruppen von Arezzo, zwei große Schritte 
vorwärts, die eine so kurze Spanne von Jah- 
ren uns gebracht hat. — Die noch ungenü- 
gend bekannte Topographie des römischen 
Vetulonia hat durch Aufdeckung von 
Straßenzügen und Häuserresten eine wesent- 
liche Erweiterung erfahren (Not. 1918, 216 
bis 22), wobei Pernier römische, mit Relief- 
schmuck versehene große Tonputeale be- 
spricht und veröffentlicht. — Bei Asciano 
ist eine in ihren Spuren schon seit 1899 be- 
kannte Villa der Domitii, um Mitte des i . Jahr- 
hunderts n. Chr. erbaut, durch Gamurrini 
näher untersucht. .Sie hat später dem Kaiser 
M. Aurelius als Abkömmling der Domitii ge- 
hört; mehr darüber noch zu ermitteln sei 
erwünscht (RCL. 1916, 1185; 1917, 91 — 97). 
— Unweit Civitavecchia an der Straße 
nach Tolfa, drei Miglien von C, sind große 
Traianische Thermen entdeckt, zur Aus- 
nutzung der Mineralquellen, der Aquae 
Tauri, welche des Plinius (III, 52) Aquenses 
cognomine Taurini voraussetzen lassen und 
Rutilius I, 259 — 60 mit derselben Entfernung 
von Centumcellae preist (Nissen, LK. II, 
334). Noch in Hadrianischer Zeit wurde 
Ziegelstempeln zufolge daran weitergebaut 
(Not. 1919, 209 — 16). — Ebenfalls im Be- 
reich Traianischer Thermen bei Talamone 
sind Blei- und Tonröhren gefunden, letztere 
mit Traianischen Stempeln, vereinzelte Mün- 
zen, meist aus der späteren Kaiserzeit, so- 
dann zahlreiche aretinische und nacharetini- 
sche »südgaUische« Keramik, namentlich fla- 
vische des L. Rasinius Pisanus, von der Be- 
richterstatterin Tina Campanile für >>are- 
tinisch« gehalten. Die 26 beigegebenen ke- 
ramischen Abbildungen gestatten, sich von 
der Bedeutung dieser Funde für die Frage 
des Übergangs des keramischen Monopols 
von Italien auf Südgallien seit Ende des 



1. Jahrhunderts eine Vorstellung zu bilden 
(Not. 1919, 261 — 75; s. oben45 zu Industria). 
— Auch auf Giglio kamen römische Villen- 
reste und Mosaiken zutage (Not. 1919, 275 
bis 79). ■ — Die Fortsetzung der Geschichte 
Toscanellas in die Kaiserzeit hinein be- 
ginnt klar zu werden durch die ersten zutage 
getretenen Reste römischer Bauten, von 
denen wir wirklich wissen; denn eine Ther- 
menanlage, von der Campanari, Tuscania e 
i suoi monumenti I, 48 redet, ist unbekannt 
geblieben. Jetzt haben wir einen Thermal- 
bau, Straße , Häusergrundmauern, alles 
nahe S. Maria maggiore. Damit wird wahr- 
scheinlich, daß die etruskische Akropolis und 
alte Stadt auf der Höhe von S. Pietro lag, 
zu deren Füßen die römische Stadt sich aus- 
breitete, wie es Nissen schon ähnlich ver- 
mutete (Not. 1920, 115 — 117). — Das für 
die topographische Gestaltung des römischen 
Arezzo wichtige Amphitheater, unter Co- 
simo L- und wieder zu Ende des 18. Jahr- 
hunderts als Steinbruch benutzt, ist durch 
die dortige Societä degli amici dei monu- 
menti zum Gegenstand von Untersuchungen 
gemacht, die sogar Einrichtungen für nauti- 
sche Spiele haben feststellen wollen. Nach 
Pernier wäre der Bau in die erste Hälfte des 

2. Jahrhunderts zu setzen (Not. 1915, 316 
bis 21). — Bei Le Sieci, unweit Pon- 
tassieve, hart am Arno, an der römischen 
Straße ist ein römisches Bad gefunden, durch 
Mosaiken und Münzen bis in die Zeit der 
Reichstrennung hinabreichend. Topogra- 
phisch interessant (Not. 1916, 3 — 8). — 
Schließlich seien einige Einzelfunde genannt: 
bei Carrara, zusammen mit einer Traians- 
münze, Eisenwerkzeuge für die Marmor- 
bearbeitung (Not. 1916, 91 — 94 und Fig. I); 
bei Sesto Fiorentino die Stele eines Ger- 
bers mit Abbildungen von Schuhen und 
Schabmesser (Not. 1914, 229 — 31 und Fig. I), 
bei Titignano unweit Orvieto eine inter- 
essante Weinpresse, durch Minto als solche 
— torcular — mit Heranziehung sonstiger 
Beispiele gut erklärt (Not. 1914, 167 — 68); 
der Bestattungssarg eines Ti. Claudius Aug. 
1. Pardalas Apollinis parasitus Apolausti 
maioris condiscipulus Apolausti iunioris doc- 
tor, mit Fieberverfluchungen für Grabfrevler, 
auch formal interessant, aus Fiano Ro- 
mano, wird von Cultrera Not. 1915, 158 



93 



Italien 1914 — 1930. 



94 



bis 65 (wozu Abb. S. 158) kundig be- 
handelt. 

Im Fali skerländchen sind besonders in 
der Nähe von Corchiano durch Rellini die 
zahlreichen Höhlen in den Seitenrändern der 
Taleinschnitte auf Paläolithisches untersucht 
worden (ML. XXVI, l — 170, vorher kurzes 
Referat Bp. XLII, 74 — 85) und für diese für 
Italien noch recht lückenhaft bekannten j 
Frühzeiten viel Material festgestellt, das | 
Rellini durch Vergleichung mit ähnlichen ; 
Funden aus dem ganzen Lande von den j 
Balzi rossi bis hinab zur Grotta Romanelli 
nahe Cap Leuca und bis Sizilien an seinen 
Platz zu bringen sucht, wobei natürlich viele 
ethnologische Fragen, namentlich das Ver- 
hältnis zu den Neolithikern eingehend er- 
örtert werden. In einer dieser Höhlen , 
am Fosso dell'Acqua santa lagen unten Stein- 
zeitreste, darüber nach Rellini vielleicht — 
denn es ist ja bekannt, wie dünn und viel- 
fach ganz zweifelhaft in Mittelitalien und 
weiter südlich sog. reine Bronzezeit anzu- 
treffen ist — eine bronzezeitliche Wohn- 
schicht, darüber (Bp. 82 und ML. 171 — 74, 
durch Giglioli behandelt) zwei Stipes sacrae, 
Füße, Hände, Köpfe, kleine Kultbildchen, 
Wickelkinder, Gefäße usw. aus Terrakotta, 
alles gehäuft namentlich um ein rohes sitzen- ! 
des Frauenbild, das im Grunde der Höhle noch 1 
an seinem Platze war, wie ebenso an die { 
Felswand gelehnt noch ein Wickelkind so 
stand, alles unberührt gefunden, langsam von 
der schützenden Erd- und Staubdecke zuge- 
deckt, daher »Caverna della Stipe«. Die j 
Zeit dieses Kultes war wahrscheinlich das 
3. bis I. Jahrhundert, die künstlerische Phy- 
siognomie etwa die des obersten Heiligtums 
von Satricum-Conca, von Vignale bei Civita- 
castellana oder der luno Curitis ebendaher j 
oder des Hercules Victor von Tivoli. Der ' 
Name des Fosso, über dem die Höhle sich 
fand, auch wohl die unbewußt wirkende , 
Analogie der zahlreichen neuerdings aufge- 
fundenen und auf Wasserkultstätten ge- i 
deuteten Heiligtümer in andern italischen i 
Gegenden, auf Sardinien, in Apulien und 
Lucanien haben Rellini ynd Giglioli auf die i 
Vermutung geführt, auch hier habe die Ver- 
ehrung wohltätigem Wasser gegolten. — 
Sonstige Untersuchungen im kleinen Länd- 
chen galten Gräbern, so zwei Gruppen, einer ! 



»altitalischen« Brandgruppe und einer Be- 
stattungsreihe mit vielem Tongeschirr, dar- 
unter guten faliskischen Gefäßen (Fig. 7 
bis ll) von archaischer bis zur kaiserlichen 
Zeit bei Rignano (Not. 1914, 265 — 81), 
ferner sehr inhaltreichen Kammergräbern bei 
Vignanello, durch Gabrici und später Gi- 
glioli, deren Inhalt jetzt in einem Saal des 
Museo V. Giulia vereinigt ist (Not. 1916, 
37 — 86). Die Kammergräber, quadratisch, 
mit Dromos und ringsum mitunter sogar in 
mehreren Reihen übereinander angeordneten 
Loculi, vereinzelt auch mit drunter skul- 
pierten Klinefüßen für Bestattungen, eine in 
der Mitte gestützt durch eine im Fels stehen- 
gelassene, trefflich erhaltene tuskanische 
Säule (Fig. 2 — 3), sind von einer späteren 
Generation wieder benutzt worden, wie es 
scheint, nach geraumer Unterbrechung, mit 
Beiseiteräumung der früheren Gebeine und 
Beigaben. Während die Anlage des Grabes 
nach den Vasenfunden, sf. und strengrf., in 
den Anfang des 5. Jahrhunderts gehört, auch 
jenes Grab mit der Säule, beginnen die Bei- 
gaben der zweiten Periode mit der Alexander- 
zeit oder bald hernach, als für das Ländchen 
nach längerem Hin und Her der Anschluß 
an Rom entschieden war und manche Ver- 
schiebungen der Bevölkerung im Gefolge ge- 
habt haben mag. Da wurden die früheren 
Gräber vielleicht von neuen Familien be- 
setzt, bis aufs letzte Fleckchen und herab 
bis an die Kaiserzeit, die Loculi mit Ziegeln 
verschlossen, die in reicher Fülle, vereinzelt 
auch wieder jüngere Namen über älteren, 
mit faliskischen Aufschriften bemalt wurden, 
die in guter Faksimilewiedergabe von Giglioli 
veröffentlicht und am Schluß von Nogara 
kommentiert werden. Den jüngeren Bei- 
setzungen sind gut bemalte faliskische Vasen 
(Fig. 10 — 17), ferner Bronzegerät, Kande- 
laber u. a. beigegeben, den älteren neben ein- 
fachem einheimischem Geschirr alter Über- 
lieferung jungsf. und rf. attische Vasen, 
unter denen besonders beachtenswert sind 
eine rf. Kylix, dem Kachrylion verwandt 
(Fig. 4) mit streng symmetrisch angeordne- 
ten Kampfbildern, sodann ein Stamnos, auf 
A Abschiedsspende an einen Krieger, auf B 
Abschiedsspende des vor einem Altar sitzen- 
den Achill für den scheidenden Patroklos, 
der ebenfalls gerade zu spenden bereit ist. 



95 



Italien 1914 — 1920. 



96 




Abb. II. Strengrotfiguriger Stamnos aus Vignanello. 



während der ihm vorangehende Odysseus 
stehenbleibt, sich halb umwendet und mit 
Helm und Schwert in den Händen dem 
Achill auffordernd winkt; hinter Achill steht 
in der langen Tracht des Alten der kahle 
Phoinix, der in der R. mit einer derjenigen 
des Odysseus korrespondierenden Bewegung 
ebenfalls eine Schale senkrecht hoch empor- 
hält (Fig. 5 — 7; unsereAbb.il), ein gut wie- 
dergegebenes ausgezeichnetes Stück, von Gi- 
glioli anEuthymides genähert, vonPfuhlArch. 
Anz. 1917, 38 dem Epiktet zugewiesen, was 
ich doch nicht ohne weiteres unterschreiben 
möchte, da mir Erfindung und Ausführung 
für Epiktet zu originell und bedeutend er- 
scheint. Eine eigenartige Scherbe mit dem 
Bild eines die Opferschale über einen Altar 
vor geschlossener Tür haltenden Jünglings 
(Fig. 8) und ein Rhytonfragment des Cha- 
rinos seien noch genannt. Die Gräberterrasse, 
Piano della Cupa, wird überragt durch einen 
Hügel, Piano del Molesino, auf dem die Spu- 
ren der zugehörigen, uns bis jetzt unbekann- 
ten Ortschaft festgestellt worden sind. Daher 
stammt die bis heute vielleicht älteste der 
Flachreliefplatten aus Ton, die so vielfach 
im Volskerland, Latium, auch auf dem Fo- 
rum Roms und in Etrurien gefunden und 
zuletzt von Moretti Ausonia VI, 191 2, 147 
bis 56 behandelt sind: ein lanzenschwingen- 



der Reiter n. 1. (Fig. 46). Ebendaher eine 
strenge rf. Scherbe: bärtiger Mann mit 
Kranz im Haar, zwischen den überzierlichen 
Fingern der vorgestreckten Linken eine 
Blume, vor ihm Rest des Namens Glaukos 
(Fig. 47). — Die gleiche Erscheinung wie 
bei Vignanello war in Kammergräbern bei 
Corchiano laut Bendinellis Bericht Not. 
1920, 20 — 30 zu beobachten: auch hier An- 
lage der Gräber nach dem auch für das Fa- 
liskerland maßgebenden etruskischen Vor- 
bild im 7. — 6. Jahrhundert mit wesent- 
lich etruskischem Inhalt; dieser ist heraus- 
geworfen, z. T. auf dem Boden verstreut, 
um neuem Inhalt des 4. — 3. Jahrhunderts 
Platz zu machen. Darunter gute faliskische 
Vasen, z. B. ein ausgezeichnetes Stück: Leda 
mit Schwan und Aphrodite mit Adonis, links 
Hermes, rechts bärtiger Satyr als Zuschauer 
(Fig. I — 2), die Einzelmotive attischen Er- 
findungen der Zeit zwischen Meidias und 
Kertsch abgelauscht, z. T. wiederkehrend auf 
einem von Bendinelli gut beigezogenen Spie- 
gel. — Umgekehrt ein Kammergrab bei 
Nepi, des 6. — 5. Jahrhunderts, das ein älte- 
res Fossagrab durchschnitt, aber sorgsam 
abmauerte (Not. 1918, 16 — 19). 

Rom und seine unmittelbare Umgebung. 
Da auch in Rom während des Krieges die 
Bautätigkeit beschränkt war und nur das 



97 



Italien 1914 — 1920. 



98 



Notwendigste zur Ausführung kam, war 
innerhalb der Stadt die Bodenbewegung ge- 
ring und galt meistens nur der Fortführung 
von früher Begonnenem. Nur in der Pe- 
ripherie der antiken wie der neuen Stadt 
ging es etwas lebhafter zu, so daß unsere 
Gräberkenntnis manche dankenswerte Be- 
reicherung erfuhr. Die an den Palilien 1916 
mit feierlicher Rede des Regierungskommis- 
sars Lanciani (Bull, comun. 1916, 196 — 207) 
erfolgte Übergabe der »Zona monumentale« 
durch den Staat an die Stadt, vom Kapitol 
bis zur Porta Appia sicherte zwar dies Gebiet 
vor der Gefahr moderner Bebauung, nach 
neun Arbeitsjahren und Aufwendung von 
7 Millionen Lire; aber damit wurde doch 
auch zugleich ein gewisser Abschluß markiert 
und die von Lanciani in seinen Schlußworten 
hoffnungsvoll hingemalte Erweiterung dieser 
Zone namentlich durch Aufnahme der großen 
Pläne Riccis (Ricci, BoU. d'Arte V, 1912, 
446 — 55 und Per l'isolamento degh avanzi 
dei Fori Imperiäli, Roma 1913; Hülsen, 
Internat. Monatsschr. 1912, August) einer 
von der Gegenwart zunächst noch getrennten 
Zukunft überwiesen. — Auf dem Viminal 
kamen zwischen vulkanischen Schichten von 
Pinza als »Hüttenböden« erklärte Anlagen 
zutage, für deren sichere Beurteilung jedoch, 
zumal Artefakte fehlen, die Anhaltspunkte 
vermißt werden (RCL. 1917,761 — 67). Daes 
als Notwendigkeit empfunden wird, in das 
Gassen- und Häusergewinkel zwischen Ka- 
pitol, Tiber, Via Arenula und Corso Vitt. Em. 
Luft und Licht zu bringen, wird, wenn auch 
auf Kosten manch reizvoller Mittelalterbil- 
der, der Kenntnis des alten Rom hier wohl 
manch neuer Aufschluß winken, wenn, was 
leider zweifelhaft, guter Wille und Geld da 
ist (s. Bull. com. 191 5, 340). So gaben Ar- 
beiten, die zur Freilegung verschiedener Por- 
ticus frumentariae am Forum holitorium 
führten, Lanciani Anlaß zu einer z. T. gegen 
Hülsen gerichteten Untersuchung über die 
verschiedene Lage und Benennung dieser 
Hallen (Bull. com. XLV, 1918, 168—92, 
tav. XIV — XV). So wurde der trotz seiner 
Entfernung vom Circus Flaminius und daher 
wohl mit Unrecht früher meist für Hercules 
Custos in Anspruch genommene Rundtempel 
nahe S. Nicola dei Cesarini untersucht und 
der andere Tempel unter S. Nicola als näch- 

Ai'chäologisclicr Anzeiger 1931. 



stes Angriffsobjekt in Aussicht genommen 
(Bull. com. XLIII, 1915, 340) und dieselbe 
Gegend zum Gegenstand einer ausführlichen 
Untersuchung durch Marchetti-Longhi ge- 
macht, der mit Hilfe des kapitolinischen 
Stadtplans hier, neben und, wie er meint, 
der großen Porticus Pompeii noch vorauf- 
gehend die Porticus Octavia, auch Corinthia 
genannt, erkennen möchte, auch eine um- 
fassende Arbeit über den Circus Flaminius 
in Aussicht stellt (Bull. com. XLVI, 1918 — 
1920, 115 — 160 und tav. IV, mit unmotivier- 
tem und würdelosem Ausfall gegen Hülsen 
und uns Deutsche S. 125); v. Domaszewskis 
Behandlung desselben Gebiets, von der er 
wohl einiges hätte lernen können (Arch. f. 
Rel.-Wiss. XII, 67 — 82 = Abhandlungen z. 
röm. Religion, 1909, 217 — 233) ist Marchetti 
vermutlich unbekannt geblieben. — Nicht 
auf neue Fundtatsachen sich gründende topo- 
graphische Untersuchungen übergehe ich an 
dieser Stelle, ebenso die große Mehrzahl der 
rahllosen Einzelfunde, die in den Notizie oder 
dem Bull. com. verzeichnet sind, nur das 
Bedeutendere heraushebend, was fortan nur 
das kaiserliche Rom angeht. Manches, wor- 
über man gern ausgiebig berichten möchte, 
ist durch das Schweigen der dazu Berufenen 
noch wissenschaftlich verschlossen. Das 
gilt namentlich von den für die Geschichte 
des Hügels und römischen Privatbau und 
Dekoration der letzten vorkaiserlichen Zeit 
so außerordentlich ergebnisreichen Tiefgra- 
bungen auf dem Palatin, die ich 1912, 1913, 
1914 in ihrem Fortgang bewunderte: Hülsen, 
Voss. Ztg. 1916, Sonntagsbeil. 5, S. 29 — 31. 
— Ob der Zeitungsnachrichten zufolge ernst- 
lich ins Auge gefaßte Plan, die Ära Pacis, 
zeitgemäßer Erwägung folgend, in einem der 
Säle des Palazzo S. Marco zur Vereinigung 
bzw. Aufstellung zu bringen, der Verwirk- 
lichung nahe ist, weiß ich nicht. Hülfe 
dieser schöne Gedanke dazu, die noch zer- 
streuten Stücke aus dem Vatikan und V. 
Medici, aus Florenz, Wien und Paris wirklich 
wieder zu versammeln, so wäre damit nicht 
nur ein idealer Gedanke schön erfüllt, sondern 
auch das Studium des einzigartigen Denk- 
malswesentlich erleichtert und hoffentlich die 
Bergung der noch unterm Palazzo Fiano- 
Almagiä ruhenden Stücke damit wieder mehr 
in den Gesichtskreis gerückt. — Für die 



99 



Italien 1911. — 1920. 



100 



Kenntnis des Gebiets zwischen Via Flaminia 
und den beiden »Busta« Antonini und M. 
Aureli (Studi Romani I, 1913, 5 — 15; Arch. 
Anz. 1913, 140 — 143) hätte der große Par- 
lamentsneubau wohl noch mehr ergeben kön- 
nen, wenn Zeit gewesen wäre, ihn mit mehr 
Rücksicht auf die Wissenschaft zu betreiben. 
So wurde unter den einstigen Stallungen des 
Palazzo Chigi ein Cippus gefunden, der 
Kunde gibt von einer am 19. September 152 
durch zwei Curatores operum publ., von 
denen einer dasCognomenSabinus trug, frei- 
lich aus der Tribus Papiria, pro incolumitate 
Augustorum vollzogenen Weihung an Sil- 
vanus, auf Grund einer Platzbewilligung 
durch zwei frühere Curatores op. publ. et 
aed. sacrarum A. Flavius Longinus und Te- 
rentius lunior (Not. 1916, 395 — 98 und Bull, 
com. XLIV, 1916, 37—54, 234—35). — 
Leider topographisch wohl kaum verwendbar 
ist eine mächtige, reichverzierte Säulen- 
plinthe (1,60, ob. Durchm. 1,25), die unterm 
Pal. d. Missione herauskam, aber nie ver- 
setzt, daher nie im Gebrauch war. Auf der 
Plinthenvorderseite ein Delphin zwischen 
zwei Greifen, der Torus von prachtvollem 
Lorbeerkranz, mit Tänien gebunden, durch- 
zogen, mit dem Torus der Traiansäule eng 
verwandt, also wohl auch traianisch, mit 
Didyma vergleichbar (Not. 1915, 322 — 24 m. 
Abb.). Und wohl ebenso steht es mit einem 
großen Marmorcippus des I. Jahrhunderts, 
der gegenüber dem Staatsarchiv an der 
Piazza Campo Marzio herauskam, mit Bu- 
kranien, Festons und Tänien reich ge- 
schmüefet, wenn auch in etwas harter, emp- 
pfindungsloser, auch nicht ganz fertiger Aus- 
führung, der nach Marianis richtiger Darle- 
^ng kein Altar, sondern ein Cippus für Auf- 
nahme eines Aschengefäßes ist, also in dieser 
Zeit auf dem Marsfeld nichts zu suchen hat 
und herverschleppt sein muß für Brunnen- 
zwecke (Bull. com. XLV, 1917, 93—102, 
Taf. VI— VII, Fig. 1—3). — Das Nieder- 
reißen des Pal. Piombino hat wenigstens das 
Gute gehabt, daß unter ihm und in der Nach- 
barschaft ein ganzes Stück des alten kaiser- 
lichen Roms herausgekommen ist, von dem 
Not. 1917 Plan zum Bericht E. Gattis9 — 20: 
rechtwinklig gekreuzte Straßen und Teile 
mehrerer Insulae, von großen zusammen- 
hängenden Bauten gefüllt, die, namentlich 



ein großes Gebäude an der Via Flaminia, 
unten ganz zu Läden geöffnet sind. Die 
Räume, alles Erdgeschoß, unter denen auch 
eine geräumige öffentliche Latrina, mit 
Kreuzgewölben überdeckt. Wieviel von 
älteren Bauten, z. B. hier der Porticus Vip- 
saniae, darin steckt und später überbaut ist 
oder durch Quermauern verengt und zu Ta- 
bernen umgewandelt, hat sich nicht völlig 
sicher ausmachen lassen. Sowohl hadriani- 
sche als Stempel des 4. — 5. Jahrhunderts 




Abb. 12. Römischer Porträtkopf aus Rom. 

sind gefunden. Im Innern sind große 
Lichthöfe angeordnet. Das Kloakensystem 
ist noch zum Teil gut festgestellt. Wichtigere 
Einzelfunde sind ein wundervoller bartloser, 
emporblickender Porträtkopf eines alten 
Mannes (3. Jahrhundert, erste Hälfte: Not. 
1917, 19, Fig. 8 = Bull. com. 1917, 221, 
Fig. I, wonach hier Abb. 12), ein guter 
Knabenkopf, kein Idealkopf, wie Fornari 
wollte (Not. 21, Fig. 9 = Bull. com. 
1917, 222, Fig. 2), sowie zwei kopflose Statuen 
desAsklepios(Neugebauer,Asklepios,78.Berl. 
Winck.pr. 1921, 3ff. Taf. I) und der Hygieia, 
die Kopien aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., 
die Originale er aus dem 5., sie aus der zwei- 
ten Hälfte des 4. Jahrhunderts (Mariani, 
Bull. com. XLII, tav. I, II, S. 3—12; ebenda 



101 



Italien 1914 — 1920. 






10^ 



macht Lanciani 13 — 24 wahrscheinlich, daß 
beide Statuen aus der Statuensammlung des 
Cosimo Giustini stammen, also erst in der 
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in den 
Bereich des späteren Pal. Piombino gekom- 
men sind, wo sie zum zweiten Male begraben 
wurden). — Der Tempel des Antoninus Pius 
und der Faustina ist durch A. Bartoli mit 
Hilfe der alten Handzeichnungen, die er in 
seinem Monumentalwerk »I monumenti an- 
tichi di Roma nei disegni degli Uffizi di 
Firenze, I — V, Roma 1914 — 1920« veröffent- 
licht, neuer Untersuchung unterworfen, die 
an diesem Beispiel schön zeigt, was alles 
noch aus jenen Zeichnungen herausgeholt 
werden kann. Interessant ist die damit ver- 
bundene Auffindung figürlicher Antefixe, wie 
. füllhorntragender Viktorien (Fig. 6, 7) und 
Stücke vom Geison des durch Urban V. 
1362 — 70 zerstörten Giebels, von denen noch 
Stücke von jenen Zeichnern in der Vorhalle 
des Tempels gesehen und gezeichnet wurden 
(F'g- 4, 5)- Eine überzeugende Rekonstruk- 
tion des Podium, des Grundrisses und der 
Seiten wird gegeben (ML. XXHI, 949 — 974 
und zwei Tafeln). — Auch einige kleine 
HeiHgtümcr sind näher untersucht worden. 
Zunächst das bekannte Privatmithräum un- 
ter S. demente. Die erneuten Arbeiten der 
irischen Mönche daran hat L. Nolan, The 
Basilica of S. demente in Rome', 1914 zu- 
/ sammengefaßt; darüber Bericht Cumonts 
CRAc. 191 5, 203 ff. undCantarellisBull.com. 
191 5, 69 — 70. Neugefunden ein kubischer 
Altar mit Mithrasbild, Solbüste und zwei 
JüngHngsbüsten, denen zwei andere an der 
nicht gefundenen Kehrseite entsprochen ha- 
ben werden, nach Cumont »Jahreszeiten«. 
Auf der Leiste Cn. Accius Claudianus pater 
posuit, d. h. pater sacrorum nach Cumont. 
Die Gens Accia war also wohl die Besitzerin. 
Mütterlicherseits stammt aus ihr Antoninus 
Pius. Zeit: Ende des 2. Jahrhunderts. Viele 
Eberknochen sind augenscheinlich Opfer- 
residuen. — Am Viminal, über Via Cavour, 
im Bereich des einstigen Klosters S. Fran- 
cesco di Paola ist eine quadratisch in den 
Fels gearbeitete Kammer gefunden mit bal- 
dachinartig geschwungenem Satteldach, ei- 
nem Pfeiler in jeder Ecke, einer Aedicula 
dem Eingang gegenüber, in der Mitte des 
Raums ein viereckiger Tuffkörper — Al- 



tar? — , davor ein Brunnen, der 4 m unterm 
Boden noch Wasser hielt. Ob eine kopflose 
Marmorherme Dionysos genannt werden darf, 
steht dahin (Not. 1916, 166 — 170). — Ebenso 
wurde eine kleine Quellaedicula beim Aus- 
heben der Fundamente für das neue Unter- 
richtsministerium draußen am Viale del Re 
entdeckt, gestiftet der schönen Inschrift zu- 
folge im Jahre 70 n. Chr. durch zwei Magistri 
quinquennales und ihre beiden Frauen: Fonti 
d. d. (Not. 1914, 362 — 63, Bull. com. XLII, 
1914, 52 — 53). — In einem Raum an der Via 
XX Settembre, wo sich zwei weibliche Ge- 
wandstatuen ohne den besonders eingesetzten 
Kopf gefunden haben, möchte Pasqui das 
von den Itineraren zwischen den Sallusti- 
schen Gärten und den Diokletiansthermen 
verzeichnete Senaculum mulierum erkennen. 
Von diesem Bau wissen wir zu wenig und ge- 
funden ist auch zu wenig, um diese Vermu- 
tung genügend zu stützen. Die Statuen sind 
gute Arbeiten augusteischer oder ihr noch 
.naher Zeit (Fig. 2, 3), nur unter der von 
Pasqui selbst allerdings erkannten Möglich- 
keit in die Zeit des Elagabal oder später zu 
setzen, daß alte Köpfe entfernt und zeit- 
gemäße Köpfe aufgesetzt worden seien (Not. 
1914, 141 — 46). — Das bei weitem inter- 
essanteste solcher Heiligtümer ist die viel- 
besprochene Basilika an der Via Prenestina 
unter der Bahnlinie Rom-Neapel, nahe der 
Porta Maggiore, ihre Grundfläche 13% m 
unter dem heutigen Boden, intakt erhalten 
trotz der schon ein halbes Jahrhundert über 
sie hinwegbrausenden Bahnbewegung unse- 
rer Zeiten. Sie war schon in ihrer Anlage 
unterirdisch gedacht, eingetieft in den Tuff, 
der Bogenscheitel ihrer Wölbung noch unter 
der antiken Erddecke. Das aufgehende 
Mauerwerk aus mit Kalk gebundenem Stein- 
schlag, Emplekton, ebenso Bögen und die 
Tonnenwölbungen, wahrscheinUch aufgemau- 
ert auf Lehren, die man zunächst im Urboden 
stehenließ, wodurch sich auffällige Ungleich- 
heiten der Ausführung erklären mögen. Der 
westlichen Schmalseite liegt eine annähernd 
quadratische Vorhalle von etwa 3 !4 m Seiten- 
länge vor, die den Eingang von Norden auf- 
nimmt in Gestalt eines Ganges, der zuletzt 
eben, vorher jedoch zum kleineren ebenen 
Stück im rechten Winkel von Osten kom- 
mend mit 15 % Neigung von der Oberfläche 

4* 



v\ > 



nt\ 



^ 



ID3 



Italien 1914 — 1920. 



104 



herabsteigt. Eine viereckige Öffnung spen- 
dete dem Vorraum Licht, oben durch eine 
Brustwehr aus Tuffretikulat geschützt. Der 
Hauptraum, 1. 12 m, breit 9 m, ist in drei 
Schiffe geteilt, deren mittleres 3 m, die seit- 
lichen je 2 m breit sind. Je vier Durchgänge 
verbinden die Schiffe miteinander, die tren- 
nenden viereckigen Pfeiler von i ,25 und 0,95 m 
Seitenlänge sind durch gedrückte Bögen ver- 
bunden (Abb. 13). Dem Mittelschiff ist im 
Osten eine Apsis vorgelegt von 1,55 m Seh- 




Abb. 13. > Basilika« bei Porta Maggiore. 
NebcnschifF. 

n^nlänge, in deren Mitte auf dem Fußboden 
eine Art Kathedra gestanden haben muß, 
deren Seitenlehnen noch ihre Spuren in der 
Rückwand hinterlassen haben. Ein kleiner 
Hohlraum unter dem Apsisboden, der sich 
bis unter die Mauer hinzog, barg die Ske- 
lette zweier Bauopfer, eines Hundes und 
eines Schweines, deren rituelle Schlachtung 
sich vielleicht in zwei kleinen Gruben vollzog, 
die sich noch vorfanden. Die Pfeiler zeigen 
nach der Mittelschiffseite je eine rechteckige 
Nische, von einem Stuckrahmen eingefaßt, 
in der eine Platte eingelassen war — leider 
alle entfernt — , über deren Funktion, ob 



Schmuck oder Inschrift oder beides, nichts 
zu vermuten ist. Unter jeder Nische erhob 
sich vom Boden ein o,8om hoher, 0,35 m 
breiter aufgemauerter Pfeiler, der irgend- 
einen Gegenstand trug. Beleuchtet wurde 
der Mittelraum durch eine oben in der Ein- 
gangswand gelassene Lichtöffnung, welche 
wieder von jener über der Vorhalle ihr Licht 
empfing. Für weitere Beleuchtung nament- 
lich der Nebenschiffe sorgten Lampen, die 
von den Bögen zwischen den Pfeilern herab- 
hingen, wo ihre Befestigungsspuren noch er- 
halten sind. Feiner weißer Mosaikboden, 
schwarz gesäumt, und meist weiße Stuck- 
dekoration an den Wänden, zuoberst und 
an den Wölbungen auch farbige, verliehen 
dem ganzen Bau, auch den Zugangsgalerien, 
wie anzunehmen ist, ein reiches Schmuck- 
kleid. Gern würden wir demselben die Be- 
stimmung des Baues abfragen. Aber weder 
die realistischen Porträts an den Pfeilern 
noch das Bild einer Nike, welche Palme und 
Kranz hält, zwischen zwei anbetenden Ge- 
stalten auf der zylindrischen Apsiswand, also 
über der vorauszusetzenden Kathedra, geben 
uns genügenden Aufschluß. Auch die leider 
mangelhaft erhaltene, daher auch bis jetzt in 
Abbildung nur ungenügend vorgestellte große 
Komposition in der Apsiswölbung bringt uns 
bis jetzt nicht mit Sicherheit weiter, da die 
Darstellung ohne Analogien ist: eine Frau in 
Mantel und Schleier, von Eros unterstützt, 
steigt herab von einem Felsen ins Meer, wo 
sie von einem Triton empfangen wird, der 
mit ausgebreitetem Tuche sich anschickt, sie 
zu gegenüber sichtbaren Felsen zu bringen, 
ein zweiter Triton im Meere bläst die Muschel- 
trompete; zwei Männer, der eine stehend, 
es ist Apoll mit dem Bogen, der andere nach- 
denklich sitzend, erwarten die Frau auf jenen 
Felsen. Sollte Dinsmoor Curtis (AJA. XXIV, 
1920, 146 — 50) mit Recht Sapphos Sprung 
erkannt haben? Cumont, Rass. d'Arte 1921 
Febbr. nimmt Curtis Deutung an, sie in 
neupythagoräischem Sinn erklärend. Pa- 
ribenis Bedenken gegen die Deutung (Atene 
e Roma 1920, 172 — 76) sucht Bagnani, 
Journ. of Rom. Stud. IX 1919 (ausg. April 
1921), 78 — 85 zurückzuweisen. Wo schon 
diese durch ihren Platz besonders augenfälH- 
gen Darstellungen versagen, ist nicht zu er- 
warten, daß wir den zahlreichen anderen 



105 



Italien 1914— 1920. 



106 




Abb. 14. Stuckbild aus der »Basilika« bei Porta Maggiore. 



Stuckreliefs mehr entnehmen können, die sich 
durchweg in der Richtung der junghellenisti- 
schen Erfindungen bewegen: Helenaraub und 
Hesionebefreiung, Raub des goldenen Vließes 
durch den auf einem Opfertisch neben dem 
Baum knienden lason, während Medea von 
der andern Seite kommend die Schlange 
durch Speisung ablockt (hier Abb. 14) und 
Herakles mit Hesperide, die Äpfel holend, 
Bestrafung der Danaiden und des Marsyas, 
Leukippidenraub und Raub eines gany- 
medesartigen Mundschenken mit Krug und 
Fackel durch einen Windgott, ein Schul- 
meister mit zwei Knaben (hier Abb. 15 ; von 
Wolters fein erklärt durch Vergleich von Kalli- 
machos epigr. XLIX Schneider), und andere 
Genreszenen, Prästrigiatoren und Tänzer 
(Abb. 16), ländliche Opfer und Wagenrennen, 
mit Pygmäen, Eroten auf Schmetterlingsjagd 
oder einen Ziegenwagen lenkend, Athleten im 
Kampfschema und Betende, Mänaden auf 
Panthern und bacchische Gestalten, Gorgo- 
neiaundheiligeGeräte, Kandelaberund Nikai 
usw. — die ganze anmutigeWelt, wie sie uns 
in der Casa dei Vetti oder auf den Stuckwöl- 
bungen der Famesinavilla entgegentritt. Mit 
letzteren ist überhaupt die ÄhnUchkeit so 
stark, daß schon dadurch Gatti und Fornari, 
die ersten Herausgeber, sich veranlaßt sahen, 



efne Datierung in die erste Kaiserzeit auszu- 
sprechen, wie sie auch mir nach den Ab- 
bildungen die einzig gegebene scheint, im 
Gegensatz zu Lanciani, der an hadrianische 
Zeit denkt, wie vorübergehend, damals noch 
ohne Autopsie und Abbildungen, auch Hül- 
sen (BphWoch. 1919,259 — 64). Andererseits 
muß man Lanciani recht geben, daß For- 
naris Gedanke, die Anlage könne oder gar 
müsse den Statiliern gehört haben, topo- 
graphisch nichts weniger als zwingend zu 
begründen ist. Trotz der Dekoration wird 
man der Beweiskraft analoger, ebenfalls mehr 
oder minder unterirdischer basilikaler An- 




Abb. 15. Stuckbild [aus der »Basilika« bei Porta 
Maggiore. 



107 



Italien 1914 — igao. 



108 




Abb. 16. Stuckbild aus der »Basilika« bei Porta Maggiore. 



lagen, die Lanciani zusammenstellt, nicht 
entgehen können und auch für diese wie für 
die Basilica Crepereia, Hilariana, des Scipio 
Orfitus, des lunius Bassus, der syrischen 
Kulte im Furrinahain religiöse Bestimmung 
annehmen müssen, wofür doch auch das 
Bauopfer sprechen würde. Daß später be- 
wegliche Ausstattungsdinge bei sonstiger 
schonsamer Erhaltung der Basilika fortge- 
nommen sind, könnte vielleicht durch Ver- 
wendung für heimlichen christlichen Kult 
erklärt werden (Not. 1918, 30—52, Gatti 
und Fornari; RCL. 1918, 159—64, Barnabei; 
Bull. com. XLVI, 1918—20, 69—84, Lan- 
ciani; CRAc. 1918, 272—75 und Rev. arch. 
1918, II, 52—75, Cumont). — Thermen an 
der Via Portuensis, mit Ziegeln zw. 123 — 26, 
worunter bisher unbekannte Stempel, mit 
dazu stimmender Bauweise, ergaben Mo- 
saike mit Gladiatorenszenen und reichlichen 
Inschriften darauf (Fig. I— 3), auch geometri- 
sche Mosaike solchen aus der Hadriansvilla 
(z. B. Gusman, Fig. 73) gleichartig: Not. 
1916, 311 — 318. — Der Neubau der ameri- 
kanischen Akademie förderte ein Stück der 
Aqua Traiana und Reste noch im frühen 
Mittelalter benutzter Mühlen am Janiculus 
zutage. Ausführlicheres wird Ashbys bevor- 
stehende Behandlung der römischen Wasser- 
leitungen bringen (Memoirs of the Americ. 
Academy in Rome I, 1917, 59 — 61 und pl. 
15). — Hingewiesen sei hier auch auf Da- 
riers fleißige Bibliographie über das Furrina- 
heiligtum: »Les fouilles du Janicule ä Rome. 
Le Lucus Furrinae et les temples des dieux 
Syriens«. Genf 1920. — Die Forderungen 
des sich steigernden Verkehrs haben seit 
geraumer Zeit Durchbrechungen der aureli- 



anischen Mauer veranlaßt, zum Teil mit 
solchen Übereilungen, daß die Zerstörung 
wertvoller historischer Bilder lebhaft be- 
dauert, ja der Wunsch laut geworden ist, 
man möchte die großen Lücken durch teil- 
weisen Wiederaufbau der Mauer wieder 
schließen (Mariani, Bull. com. XLV, 1918, 
217). Da ist es denn begreiflich, daß man 
sich bemüht, die vorhandenen und natür- 
lichen Durchgangspunkte des Verkehrs, die 
Tore, zu erweitern und, wo Höhenverhält- 
nisse oder sonstige Schwierigkeiten im Wege 
stehen; diese auszugleichen. Über solche 
Arbeiten an Porta S. Giovanni, Maggiore, 
Tiburtina (S. Lorenzo) und Pinciana steht 
ein instruktiver Bericht Marianis im Bull, 
com. XLV, 193—217 mit tav. XVI— XIX 
und zahlreichen Textbildern. Die Arbeiten 
scheinen diesen Toren durchweg keinen 
Schaden getan, ihre monumentale Wirkung 
gegenüber früherer Verbauung, ja teilweiser 
Schließung sogar gehoben zu haben. Die 
Freilegungsarbeiten führten zur Aufdeckung 
von Anbauten, naheliegenden Denkmälern, 
innerhalb der Porta Maggiore auch einiger 
später Malereien in schon im Altertum ver- 
mauerten Seitenbögen, die wohl aus trai- 
anisch-hadrianischer Zeit stammend zu den 
Wasserleitungen gehörten, denen ja Porta 
Maggiore ihren Ursprung verdankt. Zwei 
Schichten Malereien übereinander wurden 
festgestellt, die unteren einfach, mit bacchi- 
schen Masken u. dgl., darüber in Zonen, die 
durch rote Striche horizontal abgeteilt waren, 
Szenen vom Wettkampf des Pelops und 
Oinomaos, flott, mit raschem Pinsel ausge- 
führt, nicht spät, interessant durch die la- 
teinischen Beischriften »Myrtilus«, »Eurya- 



109 



Italien 1914^1930. 



HO 



lus«, »Ippodamia«, »Nutrix«, »Ippodamus«, 
die übrigen Namen unvollständig und nur 
vermutungsweise zu Nereas Pelops, Oeno- 
maus ergänzt; die leider mangelhafte Er- 
haltung mindert die Bedeutung, welche sonst 
die Malereien beanspruchen könnten, als 
Niederschlag römischer dramatischer oder 
pantomimischer Dichtung. Der Bogen war 
augenscheinlich vor seiner Zumauerung zu 
praktischem Gebrauch vermietet, wie in 
einem ähnlichen Bogen der P. S. Lorenzo 
sich eine Kapelle des 11. Jahrhunderts mit 
gemaltem Altar und Wandgemälden auf den 
Seitenwänden des Raums eingenistet hatte. 
— Gräberfunde sind wie immer reichlich ge- 
macht worden, antike wie spätere. Besonders 
zwei Komplexe sind beachtenswert, einer in 
der Nähe des Lateran, der andere an der 
Via Ostiensis. Der erste gehört zu einer 
Straße, die durch Gräberfunde schon seit 
1866 bekannt am Nordende der Villa Wol- 
konsky hinzieht (Lanciani, FÜR. tav. 31, 
Jordan-Hülsen, Top. I, 3, 246 — 47). Hier 
sind sukzessive bis jetzt im ganzen fünf 
oberirdische Kammergräber in Aediculaform 
aufgedeckt, die hausartig aneinanderschlie- 
ßend das Bild einer einheitlichen Straßen- 
flucht gewähren, auch als solches erhalten 
bleiben sollen (Not. 1917, 174— 79> 274; 
1919, 38; Bull. com. XLV, 1918, 237—42). 
Namentlich die Abbildungen Not. Fig. 2 = 
Bull. com. Fig. 3 geben eine gute Vorstellung 
von dem Bilde, das ähnlich bereits die Grä- 
berstraßen von Orvieto im 5. und 4. Jahr- 
hundert gewährten: aus Peperinquadern er- 
richtete Hausfronten mit solider Fundierung, 
Sockel, breiter Tür, Geison und Sima als 
oberer horizontaler Abschluß, die Wandteile 
über der Türhöhe verziert an einem der Grä- 
ber mit Rundschilden in Relief, an andern 
mit Reliefbüsten, zusammengerückt in Ver- 
tiefungen, die mit Rundbögen abgeschlossen 
sind, ganz der Vorstellung entsprechend, die 
wir uns von der Aufstellung der Ahnen- 
masken in den Atrien machen müssen. Das 
Innere ist für Brandgräber eingerichtet, zum 
Teil mit seitlichen Loculi zur Aufnahme von 
Aschenurnen, die Wände, nicht bei allen 
Gräbern, mit farbigen Stuckschichten, ein- 
mal eine ältere durch eine spätere ersetzt, 
bedeckt. Spätere Nachbestattungen, sowohl 
Brand wie in rechteckigen, meist mit Ziegeln 



abgedeckten Gruben, einmal auch in einem 
Tonsarg erfolgte Skelettbestattungen sind die 
Regel, hier wie in so vielen stadtrömischen 
Columbarien und andern Gräbern früherer 
Zeiten, meist wohl ohne daß noch ein Fa- 
milienzusammenhang anzunehmen wäre; die 
zum Teil mit Hilfe roh zwischengesetzter 
Mauern eingerichteten Skelettbestattungen 
gehören ja selbstverständlich sehr viel jünge- 
ren Zeiten an. Die Errichtung dieser Gräber 
nach den Bauformen und den Inschriften 
der Vorderseite — • Beigaben sind außer 
einigen Glasgefäßchen der jüngeren Gräber 
kaum mehr gefunden • — hat wahrscheinlich 
noch in der letzten Zeit der Republik oder 
der ersten Kaiserzeit stattgefunden. Durch- 
weg Freigelassene, soweit die leider starke 
Zerstörung der Peperinquadern noch Lesung 
der Inschriften erlaubt. — Ein noch ungleich 
vollständigeres Bild einer solchen Nekropole 
gewähren umfassende Aufdeckungen an der 
Via Ostiensis in unmittelbarer Nähe von 
S. Paolo, unter der bereits 1823 gleichartige 
Gräber gefunden sind (Not. 1919, 285 — 354 
mit Taf. VIII— IX und 35 Textabbildungen. 
Lugli). Grab reiht sich hier an Grab, ganze 
Insulae haben sich gebildet mit Grabhaus- 
fronten nach allen Seiten und Straßen da- 
zwischen, auch kleine Columbarien, jeder 
freie Platz ausgenutzt, viele Aediculae, die 
ursprünglich freistanden, sind später durch 
andere eingebaut. Als noch mehr Raum da 
war, mögen manchen Gräbern kleine Gärt- 
chen beigefügt gewesen sein, aus denen dann 
vereinzelt gefundene Skulpturstücke wie die 
Marmorherme des einschenkenden jugend- 
lichen Dionysos (Not. 343, Fig. 28) stammen 
mögen. Manche Gräber sind groß, augen- 
scheinlich Familiengräber gutstehender Fa- 
milien, die auch schön ausgeschmückt waren, 
wie z, B. die Gräber, von deren Ausmalung 
die Abbildungen Fig. 5 und 6 — eine inter- 
essante schöne Darstellung der Rückführung 
der Alkestis durch Herakles (Abb. 17), der 
köstlich lebendige Kinderkopf Fig. 30, — oder 
Fig. 13, 14 eineVorstellunggcben. Die Mehr- 
zahl jedoch auch hier, im Hinblick auf die 
plebejische Gegend begreiflich, Gräber von 
Freigelassenen. Auch hier überall das Be- 
streben, den Raum immer mehr auszunutzen, 
in vorhandene Gräber immer neue Toten- 
reste zu verbringen, zuerst in Brandurnen 



III 



Italien 1914 — 1920. 



1X2 




Abb. 17. Herkules u. Alkestis. Bild im Friedhof an der Via Ostiensis. 



Später in eingebauten Formae, die sich zum 
Teil schon in christHcher Zeit über die 
Scheitelhöhe der alten Gräber hinwegzogen. 
Die ältesten Gräber aus dem Ende der Re- 
publik und dem ersten kaiserlichen Jahr- 
hundert waren die besterhaltenen, weil spä- 
ter mit der infolge der Erhöhung des Tiber- 
betts und dem Steigen des Grundwasser- 
spiegels notwendigen immerwährenden Er- 
höhung der Via Ostiensis das ganze Niveau 
gehoben werden mußte und die jüngeren 
Nachbestattungen daher höher, der Ober- 
fläche und ihren Zerstörungsfaktoren aus- 
gesetzter wurden. — Am Viale Manzoni, 
zwischen Porta Maggiore und S. Croce in 
Gerusalemme ist eine umfassende kata- 
kombenartige Anlage aufgefunden, über 
die Bendinelli, Not. 1920, 123 — 41, tav. 
I — IV und 8 Textabb., sowie kurz Marucchi, 
Nuovo Bull, di archeol. crist. XXVI, 
I9?P, 53 ff-, berichtet haben. Den Beginn 
macht ein in der zweiten Hälfte des 
2. Jahrhunderts ausgemaltes Arkosolien- 
gemach, mit späteren Erweiterungen nach 
verschiedenen Richtungen. Eigentümer nach 
den Inschriften Freigelassene der Aurelier, 
welche dieselbe Familie bis ins 3. Jahrhun- 
dert geleiten. Manche Türen und Arkosolien 
später eingebrochen, ebenso wieder Ein- 
bauten von Formae in Arkosolien. Überall 
Lichtschachte und Treppen von verschiede- 
nen Seiten. Die einzelnen Kammern auf ver- 
schiedenen Höhen. Sorgsamer Bau aus zie- 



geiförmigem Tuffstein und Backstein, mit 
Wölbungen. Die zum Teil sehr guten und 
gut erhaltenen Malereien verteilen sich un- 
gleich. Die weitaus besten und auch wohl 
ältesten sind auf hellen Grund eines Haupt- 
raumes gesetzte Einzelgestalten von zwölf 
Männern in weißer Tunika mit roten Säumen 
und Pallium, nackten Füßen, in der einen 
Hand meist eine Rolle, die andere oftmals 
redebegleitend erhoben. Obwohl unter Lgr. 
(M. I, 04 — I, 13), wirken die Gestalten, unter 
geschickter Benutzung des zentralen Licht- 
einfalls so lebendig vom Grunde gelöst, der- 
artig ernst und monumental, daß der auch 
von den Herausgebern besprochene Gedanke, 
hier die zwölf Apostel vor uns zu haben, an 
sich verständhch wird, zumal im selben 
Raum viermal der gute Hirte an der Decke 
wiederholt und ein kleines, grün gemaltes 
Kreuz, 0,9 m hoch, im Eingang zum zweiten 
Gemach in die Augen fällt. Trotzdem wird 
der Gedanke, hier bereits eine christliche 
Anlage vor sich zu haben, noch sorgsam ge- 
prüft werden müssen. Je zwölf Gestalten 
erscheinen auch in die Lünetten zweier Ar- 
kosohen gemalt. Es sind aber abwechselnd 
Männer und Frauen. Denn wenn auch z. B. 
ein Gemälde (tav. III), das eine Lünette 
desselben Raums füllt, dessen Wände mit 
den »Aposteln« geschmückt sind, einen in 
der Höhe sitzenden bärtigen Mann zeigt, der 
über eine mit beiden Händen gehaltene offne 
Schriftrolle hinwegbhckt, während zuunterst 



113 



Italien 19 14 — 1920. 



114 




Abt. 18. Rom, Grabanlage am Viale Manzoni. 



auf hügeligem, mit Bäumen bestellten Boden 
eine Schafherde weidet (Ziegen vermag ich 
auf der Tafel nicht mit Sicherheit zu er- 
kennen), zur Not auf Petrus gedeutet werden 
könnte — freilich, soweit ich sehe, ohne jede 
Analogie in der bildlichen Überlieferung; 
Marucchi erinnert an den fiaör^TTjc 1:01- 
fisvo? d^voü der Aberkiosinschrift (s. Diete- 
rich, Kl. Sehr. 496) — , so versagt doch jede 
christliche Erklärung bei einem andern Lü- 
nettenbild desselben Raums (tav. IV, hier 
Abb. 18), das, in zwei Pläne zerlegt, 
zuoberst eine treffliche '»hellenistische« 
Landschaft zeigt, mit einer Stadt im_ 
Hintergrund, ländlichen leichten Bau- 
werken links und rechts vorn, auch eine 
Laufbrunnenanlage, davor einen schreienden 
Esel, zahlreiche Rinder und Ziegen; im un- 
teren Plan einen Webstuhl, von dem rechts 
eine Frau einem am Boden sitzenden, in leb- 
hafter Rede die Rechte erhebenden Manne 
gegenübersteht, während von links drei 
nackte Männer herankommen, in denen Ben- 



dinelli die Freier, in den beiden rechts Pene- 
lope und Odysseus erkennen möchte: wohl 
sehr fraglich. Auch die übrigen im Bericht 
nur beschriebenen hellenistischen Land- 
schaftsbilder entbehren der bestätigenden 
altchristlichen Analogien. Eher bieten sich 
solche natürlich für ein lebendig dargestelltes 
Convivium. Ist freilich die Datierung vor 
200 zutreffend, wie ich glauben möchte, 
so dürfen wir nach solchen auch nicht gar 
zu ängstlich suchen: würde es sich hier doch 
in ganz hervorragender Weise um »christ- 
liche Antike« handeln. — Auch das schon 
seit geraumer Zeit so ausgiebige Gräber- 
gebiet vor Porta Salara hat seit 1913 sehr 
viele Einzelfunde ergeben, darunter eine 
ganze Anzahl größerer und kleinerer Co- 
lumbarien, an Inschriften, zum Teil auch an 
künstlerischem Schmuck reich: besonders 
bemerkenswert die Stücke eines vortreff- 
lichen Reliefs, das vielleicht vom Außen- 
schmuck eines Grabes stammend ein Vier- 
gespann zeigt, in bestem hellenistischen Stil, 



"5 



Italien 1914 — 1930. 



116 



das über das Meer dahinfährt, von Tritonen 
geleitet, von kraftvollen Jünglingen gebän- 
digt, dazu gehörig schön gewandete Frauen- 
gestalten, alles mit großer Frische gearbeitet: 
Not. 1917, 288 — 310, besonders Fig. 6, 7; 
1916, 95 — 110. Ein merkwürdiges Beispiel 
von lange fortgesetztem Totenkult wenn 
nicht Deisidaimonie zeigt der aus kleinen 
Kammergräbern und Columbarienresten in 
gutem Retikulat des i. — 2. Jahrhunderts er- 
richtet gewesene, später mit kleinen Mäuer- 
chen aus unregelmäßigem Material durch- 
setzte und behufs Anlage von Formae mehr- 
fach vom 4. Jahrhundert ab überbaute Kom- 
plex E. der Gräberanlage Not. 191 7, 289, 
Fig. I: ein solch kleines spätes Mäuerchen 
zeigte zwei emporragende Tonröhren der be- 
kannten Spenderöhrenart des i. — 2. Jahr- 
hunderts. Das Mäuerchen auseinanderneh- 
mend fand man in ihm, sorgfältig ausge- 
spart, einen rechteckigen Hohlraum und in 
ihm zwei Aschenurnen, in welche jene Ton- 
röhren mündeten (294 — 95). — Ebenfalls vor 
Porta Salara sind umfassende, bis zu 900 m 
betragende christliche Katakombengänge er- 
forscht, mit früher bekannten zum Teil zu- 
sammenhängend, zum großen Teil vorkon- 
stantinisch; auch hier wie oft von Interesse 
die in die Loculiverschlüsse eingedrückten 
Erkennungszeichen: aretinische und andere 
Scherben, Münzen des 3. Jahrhunderts, 
Glasstücke, einmal auch ein Kinderkopf aus 
Bergkristall. Eine umfassende Veröffent- 
lichung wird vorbereitet durch Josi für die 
Comm. di archeol. sacra; vorläufig: Josi, 
Nuovo Bull, di archeol. crist. 192O, 6off. ; 
Not. 1920, 227 — 231. — Von noch weit- 
greifenderer Bedeutung sind die durch die 
'Comm. di archeol. sacra seit 1914 in Aus- 
führung begriffenen Grabungen um und un- 
ter der Kirche S. Sebastiano an der Via 
Appia, um die auf Verse des Papstes Da- 
masus im Liber pontificalis zurückgehende 
Tradition nachzuprüfen, welche hier die vor- 
übergehende Ruhestätte des römischen Apo- 
stelpaares angibt. Eine Darstellung des ver- 
wickelten, aber doch klaren und bestätigen- 
den Ergebnisses (Doppelkenotaph, zahlreiche 
die Apostel anrufende Graffiti, Refrigerium- 
raum) kann hier nicht gegeben werden; eine 
umfassende Veröffentlichung wird durch Ma- 
rucchi vorbereitet; vorläufige Berichte und 



zum Teil gegeneinander polemisierende Be- 
handlungen durch Styger, Rom. Quartalschr. 
191 5 und Atti Pontif. Acc. di archeol. XIII, 
1917; Marucchi, N. Bull, crist. 1916 und 
Bull, comun. XLIII 191 5, 249 — 78 mit dem 
PlanTaf. XI; XLIV 1916, 145— €0. Unter 
und neben der Kirche wurde eine römische 
Villa des i. Jahrhunderts gefunden, im 4. 
Stil gut ausgemalt, mit ebenfalls ausgemal- 
ten Souterrainräumen (hierüber besonders 
Fornari, Studi Romani I, 355 ff. und Pro- 
fumo, Studi Romani II, 1914 (1916), 415 ff.); 
ferner unter der Kirche drei Columbarien, 
klein aber fein dekoriert; ihr Boden bei be- 
ginnender Bestattungszeit zum Teil vertieft 
für Formae und dann neue jämmerliche De- 
koration darüber. Zerstört durch den Kir- 
chenbau (Not. 191 5, 64 — 67; Bull. com. 
1915, 256, 264). — Freigelegt wurde ferner 
ein großer Teil des im Itin. Salisb. (de Rossi, 
Roma Sott. I, 182) erwähnten oberirdischen 
cimitero di Ponziano an der Via Portuensis 
(Not. 1917, 277 — 88). — Auch hier sei Erwäh- 
nung getan der neuen Serie der »Roma Sotter- 
ranea cristiana«, deren erster Band, durch 
Marucchi herausgegeben, in vier Heften die 
lange erwartete und von De Rossi sorgsam 
vorbereitete Veröffentlichung der für »christ- 
liche Antike« ja so wesentUchen Domitilla- 
katakombe und ihrer zahlreichen Denkmäler 
bringt. Die Fortsetzung soll der Priscilla- 
katakombe gewidmet werden. — Nachdem 
die jüdischen Katakomben vor Porta Portu- 
ensis erschöpfende Behandlungen erfahren 
haben durch N. Müller, Atti Pontif. Acc. 
Archeol. Xn, 1915, 205 — 318 und Schneider- 
Graziosi, N. Bull, crist. 1915, 13 — 56 (s. auch 
Paribeni, Not, 1919, 60 — 70), ist eine neue 
vor Porta Nomentana im Bereich der Villa 
Torlonia bekannt geworden, welche nach 
Paribenis Vermutung vielleicht zu der Ge- 
meinde gehört, die als Synagoge der Si- 
burenses (Subura) möglicherweise jenes Ora- 
torium besaß, das als Proseuche de aggere 
CIL. VI, 9821 genannt ist: etwa 4500 Loculi, 
zum Teil bei Kindern bis zu zehn überein- 
ander, ärmlich, in einigen Arkosolien etwas 
mehr Malerei, z. B. der Leuchter, Scholar, 
Ceder, Mohn, Thora, Delphine, Noahtaubc, 
Oliven- und Lorbeerzweige; in einem Arko- 
solium ein gemalter Riefelsarkophag mit 
Löwenköpfen. Wo Sarkophage, sonst nur 



117 



Italien 19 14 — 1920. 



118 



rohe Steinkisten, mit Ausnahme des doch 
wohl von hier stammenden S. 155, Fig. 2 
abgebildeten Sarkophags mit dem Leuchter 
zwischen Pflanzen in der Mitte der flachen 
Vorderseite aus V. Torlonia (Paribeni, Not. 

1920, 143—55)- 

Latium außer Rom. Ganz in den Vorder- 
grund tritt Ostia, das sich immer mehr zu 
einem latinischen Gegenstück zu Pompeji 
herausgestaltet und mit Aufwendung bedeu- 
tender Mittel und starker Arbeitskraft 
während des Krieges auch österreichischer 
Gefangener — immer weiter aufgedeckt wird 
unter trefflicher Leitung kundigster Fach- 
männer, namentlich Paribenis und Calzas, 
nach Vaglieris vorzeitigem Tode, dessen guter 
kleiner Führer, noch im letzten Institutsbe- 
richt (Arcli. Anz. 1914, 192) dankbar er- 
wähnt, die bisherige Grabungsperiode ab- 
schloß, über welche auch in Paschettos um- 
fassendem Buch (Arch. Anz. 1912, 651), so- 
wie in knapper trefflicher Zusammenfassung 
Hülsens (Internat. Monatsschr. VII, 1913, 
Septemberheft, mit Plan) das Notwendige ge- 
geben ist. Während in der päpstlichen Zeit 
und noch geraume Zeit hernach die Grabung, 
mehr durch Zufall als planmäßige Erwägung 
geleitet, bald hier, bald dort Augenfälliges 
weiter aufzudecken, namentlich aber Objekte 
hervorzuholen sich bemühte, setzt seit Jahren 
eine andere Methode ein, uns, die wir durch 
Olympia, Pergamon und die anderen helle- 
nistischen Städte Kleinasiens das Beispiel 
gegeben haben, nicht überraschend: das Be- 
streben, die einzelnen im weiten Stadtbild 
verteilten Ruinenkom'plexe zu verbinden und 
so, von der bisher am besten bekannten Mitte 
nach der Peripherie gehend, zwar wesentlich 
die große Hafenstadt des kaiserlichen Roms, 
welche keine plötzliche Katastrophe, sondern 
die Zersetzungskraft der Zeit und der Sand 
zugedeckt haben, vor unserm geistigen und 
soweit möglich auch dem physischen Auge 
wiederaufzubauen, aber auch die tieferen re- 
publikanischen Schichten zu ermitteln, um 
die Geschichte des Gemeinwesens zu ver- 
stehen. Alles das ist verständig dargelegt 
von Calza (Bull, comun. XLIV 1916, 161 
bis 95): »Scavo e sistemazione di rovine a 
proposito di un carteggio inedito di P. E. 
Visconti sugli scavi di Ostia«, wie man dort 
jetzt vorgehe, um auszugraben, zu erhalten. 



herzustellen, zu befreien, ältere Schichten 
sichtbar zu machen, alles ästhetisch zu ge- 
stalten, durch Modelle und Pläne zu ergän- 
zen und anschaulich zu machen. Mit Recht 
hebt Calza die notwendige Verschiedenheit, 
z. B. von Pompeji hervor, das da aufhört, 
wo Ostias uns vor Augen stehendes Bild 
beinahe erst anfängt, das eine neben dem 
Erwerb behaglichem campanischen Lebens- 
genüsse hingegebene Stadt war, während 
Ostia ganz auf Schiffahrt und Handel, be- 
sonders die Korneinfuhr eingestellt, nur Be- 
wohner sah, welche genötigt waren, hiermit 
ihr Brot zu verdienen. Das durch diese 
Lebensnotwendigkeiten bedingte Bild der 
Stadt, die Gestaltung der hohen Etagen- 
häuser, meist aus Backstein, mit ihren 
Fensterfassaden und Baikonen, Lichthüfen 
im Innern und in langen Reihen mit voller 
Raumbreite sich öffnenden Tabernen (Abb. 19 
bis 2 1 ), alles dem Mittelalter- und Renaissance- 
haus Italiens so überraschend ähnlich, wenn 
auch lange noch der Erdgeschoßbau und die 
Öffnung nach dem Hof nachwirken, der Miet- 
häusertyp, die Lagerhäuser, überhaupt die 
verstandesmäßige mathematisch geregelte 
Anlage des Straßennetzes, die allmählich not- 
wendige Erhöhung der Straßenkörper, der 
vier Tempel und Häuser als Folge des stei- 
genden Grundwasserspiegels, da das Tiber- 
bett sich immer mehr aufhöhte, der mächtige 
Platz der Schiffahrtsbörse: die Piazza delle 
Congregazioni mit den Mosaikinschriften, 
welche den Standort der Schiffer namentlich 
aus den Getreide liefernden Häfen Afrikas 
und der Levante bezeichneten und dem wohl 
der Ceres geltenden Tempel, das Theater, 
ältere und jüngere Straßen und Tore, die 
Gräber nahe der sog. Porta Romana, die 
noch in republikanische Zeit fallenden vier 
kleinen Tempel und der beherrschende, frü- 
her schwerlich richtig für Vulkan, von Hülsen 
mit gtiten Gründen für den Kaiserkult in An- 
spruch genommene Backsteintempel, die 
Hauskulte, allein bis wahrscheinlich jetzt 
schon neun Mithräen, die Innendekorationen 
mit ihren gewollten Unregelmäßigkeiten und 
bei aller Ähnlichkeit mit den pompejanischen 
Architekturstilen doch dem zweiten näher- 
stehend als dem vierten, ihren sukzessiven 
Änderungen, die uns der Füllung der Lücke 
zwischen Pompeji und der Katakomben- 



119 



Italien 1194 — 1910. 



120 




Abb. 19. Ostia. Rekonstruktion. 



maierei um ein so bedeutendes Stück näher- 
bringen, schließlich der Niedergang Ostias, 
teils durch Portus und durch das immer wei- 
tere Hinausrücken der Küste, teils durch den 
Abstieg Roms selbst — charakteristisch die 
Verbote, Häuser auf Abbruch zu verkaufen, 
das Erlöschen der Korporationen: alle diese 
-vielen Tatsachen und Gesichtspunkte, durch 
zielbewußte Untersuchung gut festgestellt, 
unter Hinblicken auf so manche noch zu 
lösende Aufgaben, sie sind von den Bearbei- 
tern Ostias in manchen Einzelberichten und 
einigen großen Abhandlungen der letzten 
Jahre vortrefflich und gewissenhaft vor 
Augen geführt; es seien genannt: Paribeni, 
I quattro tempietti di Ostia (ML. XXIII, 
1914, 437 — 484 und tav. I — III); Calza, 
La preminenza deir Insula nell' edilizia Ro- 
mana (ML. XXIII, 1914, 541 — 608, tav. 
I — VI); Calza, Not. 1914, 69 — 74; Mancini, 
Not. 1914, 98 — 102; Pasqui, Not. 1914, 



147—51; Calza, Not. 1914, 244—56; 284 
bis 91; 426—29; Not. 1915, 27—31, 242 
bis 58; 324 — 33; II piazzale delle corpora- 
zioni e la funzione commerciale di Ostia 
(Bull, comun. XLIII, 191 5, 178 — 206 und 
tav. VIII); Calza, Not. 1916, 138—148 
Paribeni, Not. 1916, 176— 80; 321—29 
399—428; Calza, Not. 1917, 312—26; Pari 
beni, Not. 1918, 128 — 38; Calza, Gli scavi 
recenti nell' abitato di Ostia, ML. XXVI, 
1920, 321 — 43O; Moretti, Not. 1920, 41 — 66; 
Paribeni, Not. 1920, 156 — 66. — An der Via 
Ostiensis, 7 Migl. von Rom, sind die bis in 
prähistorische Zeiten hinaufreichenden Reste 
einer Siedelung gefunden, die in christlicher 
Zeit volkreicher geworden zu sein scheint; 
zwei christliche Friedhöfe, teils unter, teils 
neben der von Papst Honorius I. (525—38) 
erbauten Kirche S. Ciriaco: Not. 1916, 123 
bis 37. Die vier dort gefundenen Sarkophage: 
M^l. d'arch. et d'hist. XXXVI, 1916-17, 



121 



Italien 19 14 — 1910. 



122 





Abb. 20. Ostia. Rekonstruktion. 



Abb. 21. Ostia. Rekonstruktion. 



57—72 (Fornari). — Nordöstlich von Lanu- 
vium fand sich zugedeckt mit einem Tuff- 
block 3 m unter dem Boden altlatinisches Ge- 
schirr, doch wahrscheinlich von einem Brand- 
grab der alten Albaner Art, alsdann das erste 
Anzeichen der Italikernekropole des alten 
Lanuvium, über das auf die zusammen- 
fassende Darstellung Colburns hingewiesen 
sei: Am. J. of Archaeol. XVIII, 1914, 18—31, 
185—98, 363—80. Leider kein brauchbarer 
Fundbericht (Not. 1917, 27—30). — Die 
Villenanlagen am Kraterrand des Albaner 
Sees hat G. Lugli zum Gegenstand sorg- 
fältiger Untersuchungen gemacht, und zwar 
die älteren Anlagen vor der großen Umge- 
staltung durch die Villa Domitians: Bull, 
com. XLII, 1914, 251—316, tav. IX— XI; 
die Domitianische Villa: Bull. com. XLV, 
1917, 29-78, tav. III-V; XLIV, 1918, 
(1920), 3—68, tav. II— III, beide Abhand- 
lungen mit zahlreichen Abbildungen bau- 
licher Einzelheiten vortreffhcher dekorativer 
Dinge, namentlich Stuckverzierungen, guten 
Plänen usw. — Durch eine ähnliche Unter- 
suchung hat sich Lugli verdient gemacht um 



die Kenntnis der oft genannten, aber nie ge- 
nügend erforschten Castra Albana, die 
zum Teil in die große Domitianische Anlage 
eingriffen als Kaserne der zweiten parthischen 
Legion, mit der Septimius Severus sich nach 
Auflösung der Prätorianer sicherzustellen 
suchte: das alles von Lugli auf Henzens 
Bahnen fortschreitend mit guter Methode 
erwiesen. Den oft besprochenen älteren Rund- 
bau innerhalb dieses Lagers bringt er mit 
einem Bäderbau der Domitiansvilla zusam- 
men (Ausonia IX, 1919, 211— 265). — Auch 
die jedem Campagnabesuchcr so augenfälli- 
gen Baureste an der Via Prenestina, 2—4 km 
vor der Stadt, die man früher allzu rasch 
mehr oder minder eng mit der vom Scr. hist. 
Aug. geschilderten Prachtvilla der Gordiane 
verband, sind von Lugli, der zum Teil auf Ash- 
bys fleißigen und besonders für Tor de' Schia- 
vi glücklichen Forschungen weiterbaut, 
ergebnisreich untersucht und geschieden in 
Reste einer republikanischen Villa, später 
natürlich weiter verwendet, großer später 
Anlagen des ausgehenden 3. und 4. Jahrhun- 
derts — wohin auch die grandiose, aber aus 



123 



Italien 191 4 — 1920. 



124 



schlechtem, zusammengesuchtem Material 
errichtete Ruine »Tor de' Schiavi« nach von 
Ashby festgestellten Stempeln gehört, ein 
mächtiges Grab, unten die Grabgewölbe, dar- 
über der Hauptraum, der für Gedächtnis- 
feiern bestimmt gewesen sein muß — , zahl- 
reicher Monumentalgräber zu beiden Seiten 
der Straße und schließlich die Reste der 
Gordianischen Villa, begonnen wohl schon 
zeitig im 2. Jahrhundert, zu ihrer späteren 
Ausdehnung durch Gordian HI. erweitert; 
von der so gerühmten Halle von 200 Säulen 
aus vier Gattungen kostbarer Marmore sind 
in situ keine Säulen mehr vorhanden, aber 
umherliegende Säulenstücke beweisen die 
Richtigkeit der Überlieferung. Die beige- 
gebenen Tafeln geben von der verschiedenen 
Art des Mauerwerks und, wo erhalten, auch 
von der Stuckornamentik, leider wenig, sehr 
gute Vorstellung. Es ist erfreulich, daß die 
von Frl. van Deman und Toebelmann so 
scharf ins Auge gefaßte historische Erfor- 
schung der sukzessiven Mauertechniken der 
Kaiserzeit nunmehr von italienischer Seite 
methodisch aufgenommen wird. Durch den 
Einblick in die starke Aufsaugung des kleine- 
ren Privatbesitzes durch den kaiserlichen 
Besitz geben Arbeiten wie diese Luglis dem 
Historiker und Wirtschaftsforscher, dem 
Campagnahydrographen durch die Auffin- 
dung so vieler in den aufeinanderfolgenden 
Jahrhunderten erbauten großen Zisternen 
und die Linien der Wasserverteilung nütz- 
liche Hinweise (Bull. com. 1915, 136—67, 
tav. V— VH). — Ich nannte Fritz Toebel- 
mann, mit dessen Kriegertod so manche 
wissenschaftliche Hoffnungen begraben sind. 
Hier muß auch seines Buches über den Bogen 
von Malborghetto Erwähnung getan wer- 
den, das als Abhandlung 2 der Heidelberger 
Akademie der Wissenschaften 191 5 posthum 
erschienen, von der schönen Entdeckung 
Kunde gibt, die, gemeinsamer Arbeit Toebel- 
manns und Hülsens verdankt, in einem qua- 
drifronten Backsteinbau, der 17 km von Rom 
entfernt auf weithin sichtbarer Höhe der Via 
Flaminia sich erhob und noch im Casale di 
Borghettaccio steckt, von Giuliano da San- 
gallo gezeichnet wurde, den Triumphbogen 
wiedererkennt, welcher Konstantins Sieg ad 
saxa rubra über Maxentius festzuhalten be- 
stimmt war. Ist auch der arg verbaute Bo- 



gen jetzt nur noch ein unscheinbares Skelett, 
so ist es Toebelmann doch möglich gewesen, 
mit Hilfe Sangallos und der noch am Bau 
erhaltenen Verkleidungsstücke das Bild des 
Bogens durchaus glaubhaft wieder aufzu- 
bauen, ferner aber auch, und zwar im Gegen- 
satz zu Moltke, die historischen und topo- 
graphischen Konsequenzen aus der Ent- 
deckung zu ziehen, natürlich auch für die 
Würdigung der Quellen von beträchtlicher 
Bedeutung. Erfreulich ist die rückhaltlose 
Zustimmung eines durch seine Studien in 
Tripolitanien für spätrömische Triumph- 
bögen so kompetenten Beurteilers wie L. Ma- 
riani. Bull. com. XLVI, 1918— 20, 252—55. 
— Das endlich mehr in den Vordergrund 
des Interesses tretende Velletri (Arch. Anz. 
1914, 193) hat uns durch die erfolgreiche Un- 
tersuchung eines volskischen Tempels unter 
der Chiesa delle Stimmate einen erfreulichen 
Einblick in seine Vorgeschichte gebracht. 
Der Grundriß eines wenigstens einmal ver- 
stärkten Tempels, SO-NW orientiert, mit 
Peribolosmauern und ringsum verschiedenen 
runden Favissae wurde festgestellt; in den 
Favissae wurden viele jener archaischen 
Terrakottareliefs gefunden, auch, wie sich 
jetzt klarstellte, die 1784 entdeckten Borgia- 
reliefs, jetzt in Neapel. Andere an der Peri- 
bolosmauer. Überall Schutt voller alter 
Reste. Die neuen Reliefs sind gut in Farben 
und bestehen aus verschiedenen Reihen. 
Auch zwei Stücke freiplastischer Giebel- 
figuren und Stücke freiplastischer Akro- 
terien sowie viele andere architektonische 
Stücke, namentlich Simen und Antefixe. 
Das Tongeschirr begann mit latialischem, 
wozu »Protokorinthisches« verschiedener Ar- 
ten, sf. und rf. attischer Import tritt, als- 
dann Etruskisch- Campanisches. Den Höhe- 
punkt scheint der Kult im 5. Jahrhundert 
erreicht zu haben, nachdem sich die Volsker 
494 von der ersten Überrumpelung durch 
Rom freigemacht hatten. Ein offenbarer 
Rückgang scheint einzutreten nach der zwei- 
ten Eroberung 404 und der Niederwerfung 
der vergeblichen Aufstände 393 und 377, 
die dann ja auch, den Scherbenfunden in 
und unter der sog. kyklopischen 'Stadtmauer 
von Norba zufolge (Auswahl im archäol. In- 
stitut Heidelberg), zur Gründung jener 
Zwingburg gegen das Volskerland geführt 



125 



Italien 1914 — 1930. 



126 



hat. Die Velletrifunde zeigen, wie selbst- 
verständlich, die größte Verwandtschaft mit 
gleichartigen Stücken aus Satricum-Conca, 
Rom und Südetnurien (Mancini, Not. 191 5, 
68—88). In dem Zusammenhange ist auch 
von Interesse, daß eine Inschrift die Wieder- 
herstellung einer verfallenen direkten Ver- 
bindungsstraße zwischen Velitrae und Satri- 
cum, der Via Mactorina, meldet (Not. 1918, 
138—41), die bisher unbekannt war. 14000 
Sesterzen werden für Silextransport zu die- 
sem Zweck bewilligt. 

Sabina. Bendinelli veröffentlicht Not. 
1915, 273 — 78 Grundmauern und sonstige 
Reste eines großen, vielleicht öffentlichen 
Gebäudes in Rieti, das eine höhere Be- 
deutung Reates in der Kaiserzeit vermuten 
läßt, als nach Colasantis letzter Bearbeitung 
der Stadt (Bell. d. R. Dep. d. stör, patria 
p. rUmbria 191 1) zu erwarten wäre. — Als 
wertvolle Vermehrung der eigentümlichen 
Grabreliefs provinziellen Charakters aus dem 
Abruzzengebiet Amiternums (s. Rom. 
Mitt. XXIII, 1908, tav. IV und S. 15 — 25; 
26—32) sind in der Nähe San Vittorinos 
zutage gekommene Reliefs zu begrüßen, die, 
der ersten Kaiserzeit angehörend, gewiß den 
Schmuck architektonisch gestalteter Grab- 
aediculae von Amiternum bildeten: Stücke 
eines Frieses: aus einem Tor heraustretende 
Gladiatoren, nach ihren Klassen deutlich be- 
zeichnet, denen voran von Togati begleitete 
Fercula getragen werden, auf denen Statuen 
des luppiter und der luno stehen, uti ve- 
huntur in pompa ludorum circensium de- 
orum simulacra (Macrob. I, 23, 13), eine 
gute Illustration auch zu Ovid. Am. HI, 2, 
44—60. Davor eine Biga, dann zwei Er- 
wachsene und zwei Jünglinge, auch diese 
schon in der Toga, davor wiederum eine 
Biga, von Viktoria geleitet. Vielleicht zum 
gleichen Fries, wenn auch an einer anderen 
Seite des Baues, gehörten zwei Tubicines 
(Fig. 1 — 5). Zu einem andern Denkmal ge- 
hörte ein sehr viel besser gearbeitetes Plat- 
tenstück, das einen gorgogeschmückten Rund- 
schild zwischen zwei Beinschienen zeigt (Fig. 
6), zu einem andern ein rankenverziertes 
Friesstück (Not. 1917, 332—41). 

Campanien. Bei Santa Scolastica, 
4 km von Cassino, an der Straße Rom— Ne- 
apel, ist ein Fund roher Tonväschen gemacht, 



jetzt im MuseoJ'preistorico in Rom, der 
Pigorini Anlaß gab (Bull, di pal. XLH, 
85 — 95), ähnliche Funde, auch solche mit 
rohen menschlichen Figuren, ähnlich denen 
von Butmir, späten Terremaren oder frühem 
Latium aus ganz Italien zusammenzustellen 
und ihren Votivcharakter wahrscheinlich zu 
machen (S. Scolastica, Emilia, caverna Re 
Tiberio bei Casola Valsenio [Prov. Ravenna], 
Viminal, Satricum, Tivoh, Valvisciolo bei 
Sermoneta, Dea Nortia bei Bolsena, Nym- 
phenheiligtum der Marica bei Minturnae, die 
Grotten und Höhlen von Pertosa und La- 
tronico, S. Maria di Luco, Croccia-Cognato, 
Servirola usw.). Pigorini vergleicht die ähn- 
lichen Funde beim Curtiheiligtum bei Capua, 
übersieht die gleichen Funde beim »griechi- 
schen« Tempel von Pompeji und meine in 
gleicher Richtung sich bewegenden Zusam- 
menstellungen »Der griech. Tempel von Pom- 
peji«, 1890, 12—13; 25—26. — Wichtig ist 
Spinazzolas Bericht über ein zweites Amphi- 
theater in Pozzuoli (Not. 1915, 409—15), 
auf das sich Erwähnungen bei Sueton Aug. 
44 und Cässius Dio LXIII, 3 beziehen, das 
auf dem Glasgefäß von Odemira (Fig. 4) 
in der Tat abgebildet ist und sich jetzt nahe 
dem bekannten gefunden hat (Fig. 1 — 3). — 
Die archäologisch trotz ihrer leichten Er- 
reichbarkeit immer noch ungenügend durch- 
forschte Halbinsel von Sorrento hat uns 
am Ostabhang der Punta di Massa unter- 
halb Villazzano, also etwa halbwegs zwi- 
schen Sorrento und Massa, die Trümmer einer 
umfassenden römischen Prachtvilla ge- 
schenkt, mit großen marmorbedeckten Sä- 
len, kunstvollen Treppen, mehrere Stock- 
werke übereinander, in der die Bericht- 
erstatterin Alda Levi Not. 1918, 246—52; 
ML. XXVI, 1920, 181-218, tav. I-V 
die von Statius silv. II, 2 beschriebene Villa 
des Pollius Felix erkennen möchte, wozu die 
Lage allerdings gut zu passen scheint. In 
die Zeit dieser Villa würden auch einige 
von A. Levi nicht durchweg richtig erklärte 
Reste schöner großer Reliefs sich gut ein- 
fügen, originelle Erfindungen voll bacchischer 
Lebenslust und Jagdfreude, wie sie sich in 
einem Opfer — eines Privatmanns, nicht 
eines »Sacerdote« — an Diana äußert. Stil 
der Komposition und Figuren, besonders 
deutlich jedoch die breite ranken- und 



127 



Italien 191 4 — 1930. 



128 



X 



blütengefüllte Umrahmung weisen den vor- 
nehmen Wandschmuck dieser Reliefs ebenso 
wie einige Architekturstücke, so ein eigen- 
artiges Pfeilerkapitell, dessen umgekehrte 
Rückseite aus älterer, wohl frühkaiserlicher 
Zeit mit dem Bild eines liegenden Flußgotts 
und gröberem Pflanzenornament geschmückt 
gewesen war (Fig. 5—6), in flavische, viel- 
leicht auch etwas spätere Zeit. — Neapler 
Tageszeitungen vom März 1921 melden von 
Auffindung noch in situ stehender gemauer- 
ter und hellgelb stuckierter Säulen eines 
Tempels in Positano. Mir liegt ein von 
Virginia Attanasio gezeichneter Bericht vor, 
der von einer doppelten Reihe solcher Säulen 
zu melden weiß, sechs auf der einen, fünf auf 
der andern Seite, die Reihen 3 m, die Säulen 
2 m auseinander. Dieser »dorische« Tempel 
habe sich auf einem kleinen Vorgebirge ober- 
halb des Meeres erhoben. Zu Seiten des 
Tempels sei gegraben und zwei Straßen, 
eine nach Nord, eine nach Ost laufend ge- 
funden, von Retikulatmauern eingefaßt und 
begleitet von in Intervallen stehenden, in 
gleicher Weise wie jene Säulen gelb stuckier- 
ten Flachpfeilern, darauf polychrome Deko- 
ration, welche in Nähe der Basis mit ge- 
maltem Blatt- und Blütenkranz verziert sei. 
Die Verfasserin benutzt den Anlaß, um auf 
viele antike, in Positano verstreute Reste 
hinzuweisen, namentlich eine Aschenurne in 
der Chiesa S. Giovanni mit den »FuneraH 
d'un guerriero« und in der Chiesa Nuova 
eine gleiche mit schönem Blumen- und 
Fruchtfeston, an zwei Bockshörnern hän- 
gend, wodurch sie sich an die Ära Pacis 
erinnert fühlt. Die italienischen Autoritäten 
sollten kommen und helfen, ehe die in alle 
Löcher kriechenden deutschen Vagabunden 
kämen, um womöglich solche vaterländische 
Schätze heimlich fortzuschleppen. — In Pom- 
peji hat sich die Ausgrabungstätigkeit seit 
1912 fast ganz auf die Freilegung der Strada 
deir Abbondanza beschränkt und bekanntlich 
zu sehr wertvollen Ergebnissen geführt, über 
deren Anfang: Arch. Anz. 1913, 161—65. 
Von 1914— 17 enthalten die Notizie Berichte, 
die freilich auch nicht alles geben, was ent- 
deckt ist, vielmehr allerlei schöne Dinge noch 
nach alter neapolitanischer Unsitte verbor- 
gen halten; seitdem erschien nur noch 1919, 
232—42 eine Mitteilung Della Cortes von 



inzwischen zutage getretenen Dipinti und 
Graffiti. Von besonderem Interesse ist der 
Reg. III, Ins. IV an der Eingangsöffnung 2 
erfolgte Fund einer, der nunmehr sechsten, 
oskischen Wegweisungsinschrift, als solche 
von Della Corte gewiß richtig verteidigt 
gegen Skutschs unglücklichen Versuch 
(Glotta 1909, 104 ff.), Wechslerreklamen dar- 
in zu erkennen. Leider hat ein später ein- 
gebrochenes Fenster die linke Hälfte zum 
größeren Teil vernichtet, so daß die Er- 
gänzung der im übrigen gut erhaltenen In- 
schrift (photogr. Wiedergabe Not. 1916, 156, 
Fig. 4) in einigem unsicher bleibt. Zwei 
größere Buchstaben, von denen einer er- 
halten ist, stehen wie eine Art Überschrift 
über dem Text. Aus der auch wieder mit 
»Eksuk amvianud« beginnenden Inschrift ist 
besonders bemerkenswert die Erwähnung 
einer viu Mefira, einer tiurri Mefira und einer 
veru Urubla; die beiden Kommandanten 
heißen L. Pupid. und Mr. Puril. Mr., also 
Popidius und Purellius. Was bis jetzt ge- 
sagt werden kann, findet sich bei Della 
Corte sorgsam erwogen. Der neue Stadt- 
torname findet seine Ergänzung in einem an 
derselben Straße auf überhaupt inschrift- 
reichem Hause des Trebius Valens (Reg. III, 
Ins. II, Nr. i) gefundenen Wahlaufruf der 
Urblanenses (Not. 1916, 153), deren Name 
I in einem andern Wahlaufruf derselben Straße 
(Not. 1919, 239) als Urbulanenses erscheint. 
Wir werden also nicht unwahrscheinlich an- 
nehmen können, daß das Tor, auf welches 
I die Strada dell' Abbondanza auslief, d. h. 
die Porta di Sarno, eben die Veru Uru- 
bla war und daß in der Nähe dieses Tores, 
! vielleicht als besonderer Pagus außerhalb 
desselben, die Urbulanenses wohnten, in de- 
nen Sogliano »Porte, Torre e vie di Pompei 
ncll' epoca sannitica« (Atti R. Acc. Napoli 
n. s. VI, 1917), 164—170 einen vor der Ma- 
] laria geflüchteten Teil der Bewohner der va- 
1 cuae Ulubrae in den Pontinischen Sümpfen 
! an der Appia (Nissen, LK. II, 637) erkennen 
möchte; solche vorsullanische Zusiedelung 
aus dem volskischen Latium nach dem süd- 
lichen Campanien ist freilich nicht unbe- 
I denklich, wenn man sich auch an der Meta- 
j thesis in der Namensform nicht würde zu 
stoßen brauchen, sie jedenfalls nicht so kom- 
1 pliziert zu erklären wie Sogliano S. 169. 



129 



Italien 1914— 1920. 



130 



Sehr anerkennenswert sind die sorgfältigen 
Bemühungen, was von Baikonen, Oberge- 
schossen, Dächern, Pavimenten auf den Bai- 
konen, Plafonds u. dgl. gerettet oder glaub- 
haft wiederhergestellt werden kann, zu er- 
halten und somit ein ungemein lebendiges 
Straßenbild zu schaffen, in dem durch die 
Außengemälde, vor den Häusern hier und 
da errichteten Altäre u. a. ähnlich wie auf 
Delos auch das kultliche Leben zu seinem 
Recht kommt. Wie ganz wesentlich anders 
müßte unsere Vorstellung Pompejis sein, 
wenn früher gleich sorgsam beobachtet und 
erhalten worden wäre! Aus den fortlaufenden 
Berichten ist besonders folgendes zu er- 
wähnen: Not. 1914, 178—80; 197; 202; RCL. 
1914, 210; 257; V. Duhn, Pompejis 1918, 
86: eine Kryptoporticus (Grundriß und 
Schnitt: Not. 1914, 179, Fig. i), deren ge- 
wölbte Decke mit feinem weißem Stuck- 
werk geschmückt ist, die Wände, im zweiten 
Stil gehalten, eingeteilt durch Pfeiler, welche 
Giallo antico nachbilden und Hermen tragen, 
außer der imitierten bunten Marmortäfelung 
an Sockel und Hauptfläche zuoberst einen 
Fries zeigen, der, in 0,34 m hohe Felder zer- 
legt, äußerst feine homerische Szenen vor- 
führt, unter jeder Gestalt der griechische 
Name. Ilias und Aithiopis lieferten den Stoff. 
Leider hat spätere profanere Verwendung 
vieles zerstört. Die 1914 bereits versprochene 
photographische Wiedergabe und Veröffent- 
lichung der allerdings mühsam zusammen- 
zusetzenden Malereien ist noch nicht er- 
schienen. Not. 1914, 205—08 berichtet Spi- 
nazzola über den Fund zweier Leichen, die 
Schmuck und Gefäße aus Edelmetall zu 
retten suchten, darunter ein Simpulum und 
zwei tiefe und breite Skyphoi aus Silber, 
Ringe und einiges Geld die eine, die andere 
zwei goldene Armbänder, wie aus Haselnuß- 
schalen zusammengesetzt, einen großen gol- 
denen Ring mit Kristalleinlage, die einst- 
mals wohl noch ein Porträt zeigte, zwei 
Ringe mit Edelsteinen, zwei Ohrringe mit 
Perlen, einen runden Silberspiegel, alles, so 
scheint es, in einem Korb getragen (Fig. 
1—4). Andere zum Teil in wunderbarer Er- 
haltung wiedergefundene Leichenbilder gibt 
Spinazzola Not. 1914, 260—63, 365—68, 
beide Berichte mit guten Abbildungen, unter 
denen besonders auf 367, Fig. 3 hingewiesen 

Archäologischer Anzeiger 1921. 



sei: ein abgedrückter feiner Schuh, mit Spi- 
nazzolas Beschreibung. — Der Fund einer- 
Rasiermesserschneide — Mau hatte über- 
haupt geleugnet, daß in Pompeji jemals Ra- 
siermesser gefunden seien — zwischen den 
Resten eines Schrankes — von dem ebenso 
wie von einer Haustür treffliche Abdrücke 
gewonnen wurden — Not. 1914, 293 gab 
Della Corte Anlaß zu einer Untersuchung 
über antike Rasiermesser mit Abbildung ver- 
schiedener zum Teil mit fein verziertem 
Elfenbeingriff versehener Stücke, die früher 
gefunden, aber nie richtig gedeutet waren: 
Ausonia IX, 1919, 139—60, worin die Typo- 
logie bis in unsere Zeiten mit Glück verfolgt 
wird. — An einem Pfeiler zur Rechten einer 
Hausöffnung Reg. IX, Ins. XI, 7 war Not. 
1912, 65 bereits ein gemalter Herkules be- 
schrieben; die ihn tragende Stuckschicht ist 
inzwischen abgefallen und hat darunter das 
gut erhaltene ältere Bild einer Minerva in 
Wehr und Waffen enthüllt (Not. 1915, 285, 
Fig. 2), die aus einer Schale in die Flammen 
eines Altars spendet, der sich gelblich auf 
weißem Sockel über grünem Unterbau er- 
hebt, »bezeichnend für eine Zeit, in der die 
Arena und ihr Held immer mehr die anderen 
höheren Interessen zurückzudrängen beginnt« 
(v. Duhn, Pompejis, 122). — Not. 1915, 287, 
Fig. 3 ist ein Krug mit aufgelegten Reliefs 
abgebildet, der die wohl einzig dastehende 
Darstellung einer Minerva zeigt, die sich die 
Ägis umlegt, zwischen zwei tanzenden Hie- 
rodulen. — Not. 1915, 334—45 wird über die 
weitere Aufdeckung des interessanten Hau- 
ses des Trebius Valens berichtet, mit hüb- 
schen Malereien im dritten Stil, besonders 
reizvoll ein feiner Weinrankenfries im Ober- 
geschoß, unter den Ranken zierliche Hirsch- 
kälbchen (Fig. 7); eigenartig ist auch eine 
Bronzelampe mit großem Griff in Gestalt 
eines ungemein rassigen Ammonkopfes (Fig. 
6), sowie manche andere wertvolle Klein- 
kunstwerke. — Berichte über den Fortgang 
jener Grabung erscheinen alsdann Not. 1916, 
30-32, 87-90, 119-22, 148-51, 231-35 
mit den Plänen 31, Fig. 2 — das Vorder- 
haus — und 232, Fig. I — das Peristyl — . 
In ersterem ist die aus zwei Räumen be- 
stehende Badeeinrichtung bemerkenswert, 
im Peristyl vor der in bunter Quadrierung 
bemalten Abschlußwand ein gemauertes Sti- 



131 



Italien 1914 — 1920. 



132 



badium mit verlängertem linken Bett, augen- 
scheinlich mit leichtem Rebendach 0. ä. über- 
deckt, das von vier aufgemauerten Säulen 
getragen wurde. Inmitten der runde Tisch, 
hier ebenso wie in der Casa delle Nozze 
d'argento (Not. 1910, 326—27) mit einer 
Springbrunneneinrichtung versehen; wie 
man derartige Einrichtungen bei Sommer- 
triklinien liebte, zeigt PHnius ep. V, 6, 36. 
Und wie in jenem und manchen andern 
Häusern ein größeres Wasserbassin mit 
Springvorrichtung gern vor dem Stibadium 
angebracht war, so auch hier, halbrund, mit 
der Hauptspringvorrichtung in der Mitte 
und zwölf kleinen Strahlen aus der halb- 
runden Umfassung. Auch hier war wie 
anderswo ein Küchenraum in nächster Nähe 
des Stibadium, von dem ein Fenster in der 
Mauer, mit der die Peristylsäulen miteinan- 
der verbunden waren, das Durchreichen der 
Speisen ermöglichte, zu deren Abstellen zwei 
Nischen links und rechts ebenfalls nicht 
fehlten. Auch auf der andern Seite war 
der Peristylumgang abgemauert, am Ende 
zu einem abgeschlossenen Zimmer, vielleicht 
zum Schlafen der Herrschaft bestimmt, da 
sich von hier die sonderbarerweise auf das 
Peristyl sich öffnenden Baderäume durch 
den Umgang bequem erreichen ließen. Dieser 
Raum und der anstoßende Umgang waren 
durch ein Ziegeldach abgedeckt, das auf 
einem Teil des Umgangs so gut erhalten ge- 
blieben ist, daß, der' erste Fall in Pompeji, 
es hat erhalten bleiben können (Not. 149, 
Fig. I; 151, Fig. 3). Ein anderer Teil des 
Daches, auf dem die schweren Aschenmassen 
nicht niederglitten in den Gartenraum, son- 
dern, wahrscheinlich infolge Zusammen- 
bruchs einer der gemauerten Säulen, ihn 
eindrückten, tötete vier dorthin geflüchtete 
Hausbewohner, deren gut erhaltene Leichen 
mit ihren Schmucksachen usw. wiedergefun- 
den wurden (Not. 88—89, Fig. i, 2 und dazu 
die klare Darlegung Spinazzolas mit der Be- 
stätigung 150—51). — Von noch größerem 
Interesse ist die Entdeckung eines nach der 
Straße mit 6,17 m geöffneten, 8,50 m breiten 
und tiefen Saales, in welchem Spinazzola mit 
guten Gründen glaubt ein Armamentarium 
der Schutzmannschaft 0. ä. von Pompeji 
sehen zu dürfen (Not. 1916, 429—50). Schon 
die breiten Pfeiler zu beiden Seiten der 



großen Eingangsöffnung sind mit großen, 
sehr flott gemalten Trophäen geschmückt 
(Fig. 3, 4), von denen das eine auch fast 
vollständig und gut erhalten ist. Die Waffen- 
zusammenstellungen zeigen Barbarenwaflen 
aller Art, aber nichts Gladiatorenmäßiges; 
der früher im zweiten, später im dritten Stil 
ausgeführte Schmuck des Wandsockels im 
Saal zeigt in den Feldern zehn schwebende 
Viktorien mit Waffen von gleich trefflicher 
und origineller Erfindung wie Ausführung 
(z. B. Fig. 8, 9), dazwischen leichte kan- 
delaberartige, metallisch gedachte Träger, 
auf deren Spitze Adler von ebenfalls ganz 
vortrefflicher lebendiger Ausführung ruhen 
(Fig. 7). An zwei Seiten des Raumes sprin- 
gen Halbpfeiler vor, die dazu dienten, mäch- 
tige goldverzierte Schränke mitzutragen, von 
deren Aufbau und Verzierung Abdrücke er- 
halten sind. In ihnen werden die Waffen 
aufgehoben gewesen sein; einige wenige 
Stücke, die zu Waffen gehörten, so nament- 
lich ein Elfenbeingriff einer Stoßwaffe in 
Form eines kraftvollen Minervakopfes (Fig. 
10) sind auch noch im Raum gefunden, ebenso 
Spuren eines feinen Tisches und Beschläge, 
die wohl von einer Geldkiste herrühren 
(Fig. 11). Daß der vordere Verschluß des 
Saales nicht durch feste Türen, sondern durch 
rhombisch gekreuzte Gitter statthatte, in 
deren Mitte sich wahrscheinlich Gitterdoppel- 
türen befanden, hat Spinazzola erwiesen 
durch ein Stück im Abdruck erhaltenen 
Gitters (Fig. 13), die Be^stigungsvorrichtun- 
gen und die Analogie der Stuckreliefverzie- 
rung des Grabes des Ceius Labeo vorm Her- 
culaner Tor (Mazois I, pl. 16—17 = Not. 
Fig. 14), wo aus zwei Öffnungen eines solchen 
Gitterverschlusses aus dem einen ein Ritter 
mit seinem Pferd, aus dem andern ein Fuß- 
soldat heraustreten. Spinazzola möchte so- 
gar in diesem Bild die Front des neuen Ar- 
mamentarium erkennen, also Ceius Labeo 
damit in berufliche Beziehung setzen, hin- 
weisend, daß an eben jenem neuen Bau ein 
Wahlaufruf für einen Ceius gefunden wurde, 
natürHch ohne selbst diesem Zusammen- 
treffen irgendeine Beweiskraft zuzuweisen; 
denn derselbe Name kehrt auf benachbarten 
Aufrufen mehrfach wieder: Not. 1919, 235, 
29—32; 238, I. Erfreulich ist, daß die Be- 
schäftigung mit den gemalten Tropaia Spi- 



133 



Italien 1914 — 1920. 



134 



nazzola Anlaß war, ein verschollenes, bereits 
früher vergeblich gesitthtes Aquarell Mor- 
ghens zu veröffentlichen (Fig. 12), das einst- 
mals durch Minervini und Garrucci Bull. Nap. 
1853, taV. VII und 1859, tav. VII abgebil- 
dete Tropaia (fehlen bei Heibig) in ihren 
verlorenen Wandzusammenhang stellt. — 
Die Fortsetzung der Straßenaufdeckung 
(Not. 1917, 247 — 64) ergab noch mehrere 
Möglichkeiten zu guten Wiederherstellungen, 
so eines Daches, eines Balkones usw.; ein 
gut erhaltenes Thermopolium hatte u. a. eine 
Larennische, in der eine nackte Venus aus 
vergoldetem Pscudo-Alabaster mit" noch 
allerlei Goldschmuck stand (Fig. 6, unerfreu- 
lich); interessant ist ein aus Blöcken von 
Noceratuff aufgebautes Wasserkastell, auf 
dem, ein in Pompeji bis jetzt einziger Fall, 
noch der Wasserkasten aus Blei stand (Fig. 
7). Auch ein öffentlicher Laufbrunnen der 
alten Zeit mit dem Relief eines Stierkopfes 
steht hier an der Straße. — Die so sorgsame 
und kundige Aufdeckung der wichtigen Ver- 
kehrstraße hat Spano wohl veranlaßt, die 
Frage der nächtlichen Beleuchtung der Stra- 
ßen einer fleißigen und in manaher Hinsicht 
förderlichen Untersuchung zu unterziehen: 
i)La illuminazione delle vie di Pompei« (Atti 
d. Acc, Napoli VII, 1919, i — 128), in der 
alle Tatsachen zusammengestellt sind, die auf 
automatische Beleuchtung durch Verkaufs- 
und Gebrauchslampen sowie Kult- und Grä- 
berlampen führen. Die dankenswerte Arbeit 
wird nach einigen Seiten erweitert werden 
können: literarische Nachrichten über Stra- 
ßenbeleuchtung, die Lichthäuschen und La- 
ternenfunde in Original und antiken Abbil- 
dungen, inschriftlich bezeugte Tatsachen wie 
die Beleuchtung der Arkadiane in Ephesos 
sind zu berücksichtigen. Manche Dekora- 
tionsbilder besonders zweiten Stils sind gut 
verwertet, auch manche Anregungen für An- 
knüpfung dieses Stils an Syrien gegeben, 
wenn auch die allzu starke Betonung von 
Antiochia usw. wohl einer allseitigeren Be- 
trachtung des gesamten hellenistischen Ori- 
ents besser weichen würde. — Ein besonders 
für die Geschichte der Stadt wichtiger Fund 
ist schließlich ein mit Mauern umschlossener 
Begräbnisplatz vorm Stabianer Tor — etwa 
'/i km östlich, in contrada »Minutella« oder 
»Asciutta« — , in dem eine so vorwiegende 



Zahl von Epidii bestattet ist, daß der Ver- 
fasser des trefflichen Berichts, Della Corte, 
nicht mit Unrecht vermutet, daß auch die 
Vertreter andc;rer Namen mit den Epidii in 
verwandtschaftlichen oder abhängigen Be- 
ziehungen standen und das Ganze als ein 
Familienfriedhof der Epidii anzusehen ist 
(Not. 1916, 287—309; was ich Pompejis 
1918, 116 über diesen Gräberplatz sagen 
konnte, beruhte auf Zeitungsnachrichten und 
ist mehrfach zu berichtigen). Die Gräber be- 
ginnen gegen Ende des 4. Jahrhunderts mit 
Bestattungsgräbern der sabellischen Bevöl- 
kerung, ganz denen gleich, die Mau und ich 
1873 vorm Herkulaner Tor beobachten und 
beschreiben konnten und zu denen 1907—08 
bedeutender Zuwachs gefunden wurde (So- 
gliano, La necropoli preromana di Pompei, 
Mem. Acc. Napoli II, 191 1, 209—29). Della 
Corte beschreibt genau die verschiedenartige 
Struktur der Gräber, von denen einige son- 
derbarerweise mit quer übergelegten Am- 
phoren gedeckt, im allgemeinen ebenso 
ärmlich wie -ihr ausschließlich einheimischer 
Inhalt: spätest rf. sowie schwarzgefirnißte 
Ware, letztere oft mit weißlicher Aufmalung, 
Lampen u. a., Schmuck und sonstige Metall- 
sachen wenig und bedeutungslos. In elf 
Gräbern, von insgesamt 44, fanden sich 
Münzen, außer einer massaliotischen durch- 
weg campanische, meist in der rechten Hand 
oder im Munde. Nur zwei Gräber sind in 
Form eines größeren Aufbaus konstruiert; 
wenn trotzdem von den jüngeren 119 Brand- 
gräbern keines mit einem Bestattungsgrab 
kollidierte, wird man jetzt verlorene Kennt- 
lichmachung durch vergängliches Material, 
Holzstelen oder dgl. annehmen müssen. Das 
Bestattungsgrab XVII enthielt nur eine 
Hundeleiche, jedoch auch diese von einem 
ganz kleinen schwarzgefirnißten Schälchen 
begleitet. Der oskische Stempel eines Ziegels 
in Reliefbuchstaben F. Cubuld führt auf den 
Namen der campanischen Stadt Cubulteria 
(Fig. 7), interessant, weil die Namensform 
auf den oskischen Münzen (Friedländer, Osk. 
Münzen, Taf. I) Kupelternum lautet, wäh- 
rend der Stempel bereits lateinischen Kon- 
sonanten und Stammvokal gibt. Die Ver- 
teilung der Bestattungsgräber innerhalb des 
ummauerten Bezirks (Fig. i) läßt ebenso- 
wenig ein Prinzip erkennen wie diejenige der 



135 



Italien 1914 — 1920. 



136 



zwischen ihnen, meist in geringerer Tiefe 
verteilten Brandgräber, die nur in kleineren 
Gruppen und längs Mauern auch reihen- 
weise geordnet sind. Runde, selten über 
I m tiefe Löcher, in denen, oftmals auf 
einer Schicht von Rogusasche und von sol- 
cher umgeben, sich die einfachen Töpfe, ei- 
förmig oder rundlicher mit Henkeln und 
Deckeln, die vielfach mit etwas Ton be- 
festigt sind, befinden. Eine große Anzahl 
dieser Urnen sind in der aus Pompeji schon 
aus dem Fondo Pacifico bekannten Art mit 
der Oberwelt in Verbindung gehalten durch 
Tonröhren, entweder geschlossene oder aus 
aufeinandergesetzten Amphorenhenkeln oder 
gedoppelten Rundziegeln zusammengesetzt, 
deren obere Öffnung in einfacher Weise ge- 
schlossen war. In einzelnen Fällen war die 
Beisetzung noch mehr vereinfacht, indem 
sogar auf die Urne verzichtet wurde, während 
in andern die Urne noch durch eine Über- 
wölbung besonders geschützt war. Im Gegen- 
satz zu den älteren, oskisch schweigsamen 
Bestattungsgräbern fehlte nur bei 24 von den 
1 19 Brandgräbern die Stele, welche, meist aus 
Vesuvstein, seltener aus Tuff oder Travertin, 
oft auch aus Marmor hergestellt, fast durch- 
weg die bekannte Büstenform zeigte (v. Duhn, 
Pompeji3, 116, 124), wenn aus Marmor, auch 
eine natürlich schon stets lateinische In- 
schrift, so daß das Fehlen einer solchen auf 
den Stelen aus anderm Material wohl durch 
verschwundene Aufmalung zu erklären sein 
mag. Ebenso erklärt Della Corte das Fehlen 
jeder Stele an 24 Gräbern gewiß richtig aus 
Vergänglichkeit des Materials, so daß der 
Gedanke sehr nahe liegt, daß di e f ür oskisches 
Gebiet so charakteristische Büstenform ur- 
sprünglich als obere Endigung von Holz- 
brettern gedacht das Gedächtnis des Toten 
auch schon in der Bestattungszeit in pri- 
mitivem Bilde festzuhalten bestimmt war 
und diese Sitte sich in die Brandzeit hinein 
einfach fortsetzte, da ein Bevölkerungswech- 
sel in dieser Zeit mit dem in Unteritalien ja 
auch nur sehr partiellen und an starke römi- 
sche Beeinflussung gebundenen Rituswechsel 
nicht mehr verbunden ist. So mögen auch 
die älteren, in runder Scheibenform endigen- 
den Bologneser Büstensteine (Ducati, ML. 
XX, 191 1) uns in etruskischer Übernahme 
einen Nachklang gewähren älterer Holzstelen 



der Italiker, die sie vorfanden und in Stein 
nachbildeten, diesen jedoch gemäß ihren fort- 
geschritteneren künstlerischen Ansprüchen 
anders dekorierten. Fig. 10—12, 14 geben 
eine gute Vorstellung einiger Büstensteine, 
Fig. 13 ist der Kopf einer Frauenstatue aus 
Tuff, die als Grabstatue diente. Zwei 
Epidierbrandgräber waren aufgemauerte 
Baukörper, stuckiert und bemalt, in Nischen- 
form; unten die Urnen, drüber die der Ur- 
nenzahl entsprechenden Büstensteine mit den 
Inschriften. Mit Kohle aufgesetzte Schmiere- 
reien, aus Interesse für Gladiatoren und Ob- 
szönes 4iervorgegangen; nicht uninteressant, 
daß, wenn Della Corte recht hat, eins dieser 
griechischen Dipinti Zeugnis ablegen würde 
für die Fortdauer auch hier des ausThera uns 
seit Hillers Aufdeckung der Felszunge über 
dem Gymnasium nähergetretenen Verbs 
ottfäv, oi'fsXv. Außer den zahlreichen 
auch onomatologisch wertvollen Inschriften 
sind drei Defixionstäfelchen aus Blei gefun- 
den (Fig. 15 — 19), zwei freilich in sehr ver- 
zweifeltem Zustand. Die Münzen, welche 
in 67 von I19 Brandgräbern gefunden wur- 
den — also, die Regelmäßigkeit der Steige- 
rung der Münzbeigabe gegen die Kaiserzeit 
hin ganz entsprechend den von F. Galli 
(Sessa Aurunca) in seiner fleißigen und ver- 
dienstlichen, wenn auch in der Rückführung 
auf Griechenland zu einseitigen Arbeit »Ap- 
punti e ricerche sul rito funebre del Naulon« 
(Atti Acc. Napoli V, 1916, 51 — 116) dar- 
gelegten Ermittelungen — beginnen mit 
einzelnen griechischen und großgriechischen 
Stücken des 2. Jahrhunderts und einzelnen 
campanischen, unter denen wie auch schon in 
den Bestattungsgräbern Exemplare von »Ir- 
num«, die ja auch in den Gräbern vorm Her- 
culaner Toraufgetaucht waren (Bull. dell'Inst. 
1874, 160—63), besonders beachtenswertsind; 
alsdann folgen 32 römisch-republikanische 
und 18 kaiserliche. Die Beigaben sind im 
übrigen äußerst spärlich, noch ärmhcher als 
bei den bestatteten Vorgängern, Metall 
nur ganz ausnahmsweise, z. B. eine eiserne 
Messerklinge, Fläschchen aus Ton oder Glas, 
auch solche, die mit im Feuer waren (Fig. 9), 
Lampen und bedeutungslose Kleinigkeiten; 
die Wertsachen hatte man den Toten vorm 
Brand abgenommen und behielt sie sorgsam 
für sich. 



137 



Italien 19 14 — 1920. 



138 



Schließlich sei erwähnt, daß der schöne 
Freskenzyklus im großCn Saal der Villa des 
Fondo Gargiulo-Item vor dem Herculaner 
Tor die bis jetzt ausführlichste und gelehrte- 
ste Behandlung erfahren hat in dem Buche 
V. Macchioros »Zagreus. Studi sull' Orfismo«. 
Bari. Laterza & figli. 1920, wo diese Fresken 
auf S. 7—133 mit viel Scharfsinn als Darstel- 
lung einer orphischen Liturgie erklärt wer- 
den an der Hand einer dankenswert zusam- 
mengezeichneten Übersichtstafel. Zukünftige 
Deutungsversuche dieses wundervollen Bil- 
derkreises werden mit der gewissenhaft auf- 
gewendeten Arbeit Macchioros stets rechnen 
müssen, wenn auch der einzelne Gelehrte 
nach dem Stand seines Wissens von orphi- 
scher Religion oder der Richtung seiner exe- 
getischen Methode über manches anders 
denken mag auf einem Gebiet, wo die Dunkel- 
heit das Licht noch so stark überwiegt und 
die Frage, ob in einer eleganten Villa Pom- 
pejis, die in der augusteischen Zeit, den 
frühesten in ihr erhaltenen Dekorationen zu- 
folge, errichtet ist, trotz der von Macchioro 
richtig hervorgehobenen Eigentümlichkeiten 
des Grundrisses eine orphischem Gottesdienst 
gewidmete Stätte gesucht und eine derartig 
eingehende Wiedergabe ihres Rituals voraus- 
gesetzt werden darf. — Für die Anfangs- 
geschichte der Grabungen in den verschütte- 
ten Vesuvstädten ist wichtig die Zottoli ge- 
glückte Auffindung der bisher ganz unbe- 
kannten Berichte Alcubierres über die Jahre 
1748—55 in der Bibliothek der Societä di 
storia patria in Neapel: RCL. 1914, 184—85. 
Die Veröffentlichung steht noch aus. 

Lucanien. Tief in die Frühzeit hinein 
führt eine große Abhandlung Rellinis (ML. 
XXIV, 461—622, tav. I, II), welche an 
die schon früher durch die Arbeiten Pa- 
tronis und Caruccis bekannten Höhlen von 
Pertosa und Zachito anknüpfend andere 
Wohn- und Kulthöhlen, besonders die La- 
trönicohöhle oberhalb des Sinnitales behan- 
delt und die Ergebnisse sorgsamer Unter- 
suchung namentlich dieser Höhle und ihres 
Fundbestandes nach allen Seiten klarzu- 
stellen sucht. Rellini glaubt festgestellt zu 
haben, daß der Wohnplatz seit aeneolithischer 
Zeit vor der Höhle gewesen sei, diese selbst 
nur sakralen Zwecken gedient habe, und 
zwar dem Quell- oder Wasserkult, eine im 



letzten Jahrzehnt namentlich unter dem 
Einfluß der sardinischen Entdeckungen (s. 
Pettazzonis Religione primitiva in Sardegna, 
1912, und dazu Deubner, Arch. f. Rel.-Wiss. 
XX, 1920, 190) in Italien besonders beliebt 
gewordene Einstellung religiös orientierter 
Betrachtungsweise. R. begründet seine Ab 
lehnung der Wohnhöhle mit dem Fehlen von 
Abfällen und Werkzeugen und möchte die 
vielen in der Höhle sorgsam deponiert ge- 
fundenen Gefäße mit Getreidekörnern, wil- 
den Äpfeln, Schlehen, Eisbeeren usw. als 
sakrale Weihungen erklären, ein etwas ver- 
zweifelter Ausweg; die nächstliegende Deu- 
tung führt doch auf die Verwendung der 
Höhle als Vorratsraum, vielleicht durch eine 
Bewohnerschaft, die noch im Zustand der 
Gemeinwirtschaft lebte. Damit soll nicht 
gesagt sein, daß nicht in anderen Fällen 
Höhlenkult stattgefunden hat, was Rellini 
besonders für die Pertosahöhle gegen Pa- 
tronis Erklärung der Holzbauten in derselben 
zu verteidigen unternimmt, wo noch heute 
der Kult des h. Michael die in Süditalien 
übliche Fortsetzung vor Augen stellt (ML. 
549) und Münzspenden (549, 559 ff.) den 
Quellkult zu bestätigen scheinen. Übrigens 
hat es Rellini erfreulicherweise unternom- 
rnen, die von Patroni innerhalb der Pertosa- 
höhle bemerkte Lücke zwischen der Bronze- 
und ersten Eisenzeitschicht und der ersten 
griechischen Periode, welche Carucci durch 
seine glückliche Entdeckung reichen Ma- 
terials außerhalb, vor der Höhle, ausfüllen 
konnte, auch für die öffentliche Wissenschaft 
durch die Publikation S. 563—98 mit Taf. 
I — II zu überbrücken. Das Fundmaterial 
aus der Latronicohöhle, die mangelhaft be- 
arbeiteten Jadeit- und Serpentindinge, die 
Obsidianmesser und was sonst auf ganz 
frühen Handel führt, die bearbeiteten Rinds- 
zähne, welche vielleicht als Stempel für Ton 
verwendet wurden, die ungemein reiche ke- 
ramische Fundmasse, die zu eingehenden 
und fruchtbaren Vergleichungen aller ähn- 
lichen Gattungen aus den aeneolithischen und 
Bronzestationen landauf, landab und zu Ver- 
mutungen über sich kreuzende und vereini- 
gende Strömungen sowohl aus derTerremare- 
kultur wie vom Balkan herüberführt — das 
alles wird von Rellini mit Gründlichkeit und 
Gewissenhaftigkeit erwogen, so daß seine Ab- 



139 



Italien 1914 — 1920. 



140 



Handlung einen wichtigen Ausgangs- undAn- 
knüpfungspunkt für jede spätere Forschung 
über süditalische Frühzeit bilden wird. Er- 
scheint auch manches heute noch ungenü- 
gend begründet, wie z. B. des Verfassers 
Darlegungen S. 606—16 über den Wasser- 
kult und seine Verbindung mit Sepulkralem, 
so freut man sich doch, daß er keiner Frage 
aus dem Wege geht, auch wo vieles proviso- 
risch bleiben muß, so auch in seinen Schluß- 
betrachtungen über das chronologische und 
ethnologische Verhältnis zwischen eingeritzter 
und gemalter Keramik u. a. — V. di Cicco 
(Potenza), der unermüdliche Aufspürer und 
Erforscher der Hochburgen seines schwierigen 
lukanischen Berglandes, hat in Aufnahme 
einer schon 1884 erfolgten Entdeckung Laca- 
vas (Not. 1887, 332 — 35) von 1905 — 13 auf der 
Bergeshöhe von Croccia-Cognato unweit 
Oliveto Lucano (oberhalb der Station Camp 0- 
maggiore der Bahn Potenza-Metapont) er- 
folgreiche Grabungen veranstaltet, die uns 
das Bild einer altlukanischen Bergfeste ge- 
geben haben, deren in frühe Zeiten hinauf- 
reichender Mauerring, von dem wieder eine 
Akropohs abgeschieden ist, später zerfiel, 
jedoch etwa im 5. Jahrhundert wieder kunst- 
gerecht erneuert und mit einem schönen, 
nach griechischer Art erbauten Torgebäude 
versehen wurde. Ob diese Erneuerung von 
Griechen und für Griechen oder von Lu- 
kanern gegen Griechen, wohl in jener Zeit 
beginnenden aktiven Nationalismus das 
Wahrscheinlichere, hat sich nicht ausmachen 
lassen. Die Hellenisierung war hier, so tief 
im Binnenlande, natürlich nur in Form 
äußerhcher Übernahme von Griechen er- 
lernten Handwerks und griechischer Fabri- 
Jcate zum'Ausdruck gebracht. Hierfür haben 
die Funde reiche Belege geliefert: einheimi- 
sche Keramik, sowohl die verschiedenen Gat- 
tungen einfacher als auch geometrisch-ein- 
heimisch bemalter Ware, alsdann längere 
Unterbrechung, bis mit rf. italiotischen Va- 
sen des 4. Jahrhunderts die neue Zeit ein- 
setzt, wie sie uns aus so zahlreichen Funden 
des südösthchen Lukanien namentlich im 
Museum von Tarent entgegentritt, kommer- 
ziell griechisch-italiotisch, wenn auch poli- 
tisch meist schon lukanisch-oskisch. Kul- 
turell interessant, wie hoch sich hier der 
griechische Weinbau von der Küste hinauf- 



gezogen hat in Gegenden, die heute ihn nicht 
mehr kennen, aber noch, wie auch in der 
alten Bergstadt von Croccia-Cognato, pri- 
mitive Keltervorrichtungen — pietre pal- 
menti — zeigen, in deren Nähe dann oftmals 
noch wieder zu Wildreben gewordene Trau- 
benstöcke an alten Bäumen emporranken 
(Not. S. 257—58). Auch von Bauten guter 
rechtwinkliger Art noch aus der Zeit der 
vorgriechischen Siedelung haben sich sowohl 
auf der Akropolis als in der Stadt allerlei 
Mauern gefunden. Bemerkenswert ist die 
Beobachtung, daß auf dem Boden der Bau- 
grube für die Mauern sich leichte Schichten 
Asche und Kohlenstückchen fanden (S. 246), 
also Merkzeichen wohl auch ritualen Cha- 
rakters, während ein solcher fehlte, wenn 
man die Fluchtlinie nur durch je drei Ho- 
rizontalstriche bezeichnete (S. 257). Sowohl 
hier wie bei andern ähnlich gelegenen Berg- 
städten spricht das Fehlen von Fundstücken, 
die nach dem Bundesgenossenkrieg gesetzt 
werden müßten, für die Kirchhofsruhe, wel- 
che Roms Pranken den früher widerstreben- 
den italischen Stämmen des Innern brachten. 
Auch alles Byzantinische und Mittelalterliche 
fehlt hier. Mit Hilfe mittelalterlicher Ur- 
kunden und der heutigen Flurbenennung der 
Gegend macht de Cicco es im höchsten Grade 
wahrscheinlich, daß der griechische Name 
dieser vergessenen Stadt Callipolis gewesen 
ist. Auch die nähere Umgebung hat Verfasser 
abgesucht und manche wertvolle Beobach- 
tung mitgeteilt. Leider fehlt noch die Ne- 
kropole, welche, bis auf ein Grab etwa des 
8. Jahrhunderts nahe der Stadtmauer, wo 
sie sich mit der Akropolismauer trifft (S. 253), 
erst gesucht werden muß, um die Geschichte 
der Stadt auch zeitlich völlig klarzustellen. 
Es soll weitergesucht werden, auch wird eine 
Fortsetzung des Berichtes zugesagt (Not. 
1919, 243—60; II Abb.). — Bei Padula 
unterhalb Consilinum sind die Spuren eines 
vorrömischen Begräbnisplatzes gefunden, zu- 
nächst allerdings nur ein Grab, dessen In- 
halt, nach Neapel gebracht, von Maiuri 
sorgsam untersucht ist (Not. 1914, 403— 06) ; 
zumal ältere Einzelfundstücke ebenfalls aus 
Sala Consilina (Not. 1896, 173; 1897, 166) 
dieselbe Eigentümlichkeit wertvoller Bern- 
steinschmuckstücke altionischer Art zeigen, 
in dieser überhaupt archäologisch noch wenig 



141 



Italien 1914 — 1920. 



142 



bekannten Gegend Italiens recht beachtens- 
wert. Aus dem neuen Grabe ist besonders 
merkwürdig ein mit zwei Ruderern be- 
setztes Bernsteinschiff, vorn in einen Tier- 
kopf auslaufend, doch wohl ein Fischmotiv, 
obwohl Maiuri nach anderer Urform sucht 
(Fig. 2, 3). Eine Fig. i rekonstruierte Hals- 
kette war wohl abwechselnd aus Bernstein- 
bullae und Bronzeanhängern zusammenge- 
setzt, wie wir sie ähnlich namentlich aus 
Gräbern von Aufidena besitzen. — Des wich- 
tigen Barbarengrabes von Senise mit dem 
datierten Ohrgehänge (Not. 1916, 329—32; 
RCL. 1916, 1132—34) ist schon oben bei 
Nocera Umbra (Sp. 55) gedacht worden. 
Apulien und Calabria. Hier scheint 
wenig geschehen. Rellini gibt Memorie dei 
Lincei XV, 2, 1915, 181— 210 eine fleißige 
Typologie über paläolithische Fundstücke 
der Ach6ulklasse aus dem Venusinischen, 
jedoch ohne Stationen mit Wohnresten oder 
Gräbern nachweisen zu können, Neolithi- 
sches aus dem mittleren Aufidustal weist 
Dair Osso nach (Not. 1915, 55—59); Ben- 
dinelli berichtet (Not. 1914, 434—40) über 
messapische Gräber in der Nähe von Fran- 
cavilla, wo, wie schon früher, messapische 
Vasen, namentlich Torzellen, zusammen mit 
Tarentiner glänzend schwarzer Ware mit 
weißer Aufmalung, Terrakotten, Lampen 
usw. gefunden sind; das Interesse gemein- 
samen Fundes von Torzellen mit Gnathia- 
vasen hebt Bendinelli S. 439 gebührend her- 
vor. Ähnliche Funde von Oria werden be- 
sonders erwähnt (S. 440). Nachbestattung 
sei hier durchgehende Sitte. — Die Ent- 
deckung dreier intakter Kammergräber 
bei Oria gibt Bendinelli Anlaß (Not. 
1920, 297—302), über die seit dem 6. Jahr- 
hundert in diesen Gegenden, auch in Tarent 
selbst, übliche Auszierung der Gräber mit 
verschiedenfarbig gemalten Horizontalstrei- 
fen, sowie über die messapische Keramik 
und ihre Chronologie, z. B. Fortdauer der 
Torzellen bis ins 3. Jahrhundert, einige zu- 
treffende Bemerkungen zu machen. Inter- 
essant die Ausschmückung eines nahezu 
halbkugelförmigen Bechers mit dem durch 
das Kapitolinische und andere Mosaiken 
uns vertrauten Bilde der auf einem Gefäß- 
rand sitzenden Tauben (Fig. i). Von Carlo 
Arno in Manduria, liebenswürdigem Kunst- 



freund und Sammler, liegt mir ein Buch vor 
»Antichitä Mandurine«. Lecce, Tip. editr. 
Sallentina. I920, worin eine von 16 Tafeln 
begleitete Veröffentlichung seiner an dort 
gefundener Keramik, kleinen Metallsachen 
und vielen Münzen reichen Sammlung ge- 
geben ist. 

Ager Bruttiorum. Hier treten wir in 
das Arbeitsgebiet Paolo Orsis, wo die Klagen 
Ashbys (Times 1914, 13. Febr.), in Italien 
grabe man zu viel aus und veröffentliche zu 
wenig (hierüber Barnabei RCL. 1916, 1222 
bis 26; 1918, 164—65), verstummen müssen 
angesichts der unermüdlichen Berichterstat- 
tung Orsis über das, was er ebenso unermüd- 
lich durch seine Grabungen ans Licht bringt. 
Als ob es gälte, alles, was allerdings frühere 
Generationen im griechischen Italien ver- 
säumt haben, so rasch und umfassend wie 
nur denkbar nachzuholen, folgen sich Orsis 
große Aufdeckungen und Veröffentlichungen 
mit fast unbegreiflicher Schnelligkeit und 
Vortrefflichkeit. Wie viel nachzuholen sei, 
ist natürlich niemandem klarer als ihm 
selbst: so stellt er beispielsweise ML. XXIII, 
769 zusammen, was es für militärische Topo- 
graphie und Architektur in Großgriechenland 
noch alles zu tun gäbe. Bis 1915 galt die 
Arbeit noch in hervorragendem Maße Lokri 
und seiner tyrrhenischen Tochterstadt 
Medma. Nachdem die Ergänzungshefte zu 
den Notizie 191 1 und 1912 (s. Arch. Anz. 
1913, 167—72) genau Buch geführt hatten 
über die Grabungen in Stadt und Nekropole 
von Lokri, bringt das Ergänzungsheft zu 
1913 (erschienen 1914), 3—54, alsdann die 
Not. 1917, loi — 167 zunächst den Bericht 
über die Nekropole im Fondo Lucifero bei 
Lokri zu Ende, dem später einmal, begleitet 
von dem seit langen Jahren vorbereiteten 
und jetzt wohl fertiggestellten großen Stadt- 
plan Lokris eine zusammenfassende Darstel- 
lung dieser früher so unbekannten und jetzt 
so in den Vordergrund getretenen Griechen- 
stadt auf einheimischer Grundlage folgen 
soll. Mit berechtigtem Stolz sagt Orsi von 
dieser lokrischen Nekropole, sie sei jetzt 
wohl die am besten, ja eigentlich über- 
haupt wohl einzig wirklich bekannte des 
brettischen und lukanischen Landes. Das- 
selbe gilt noch nicht von der i'/» km weiter 
westlichen archaischen (8.— 7. Jahrhundert) 



143 



Italien 191 4 — 1920. 



144 



und dann wieder hellenistischen Nekropole 
in contrada Monaci (Not. 1909, 323). Der 
Bestand von nicht weniger als 1675 Gräbern 
vom 6. bis in das 3. Jahrhundert, die große 
Menge aus dem 5. und 4. Jahrhundert, ist 
von Orsi in jenen sich folgenden Berichten 
gegeben und begleitet mit einer dankens- 
werten Fülle guter Abbildungen, von denen 
hier leider nur eine beschränkte Auswahl 
wiederholt werden kann. Leben und Han- 
delsbeziehungen sowie die eigne Industrie der 
Stadt treten uns mit Klarheit vor Augen, 
wenn auch die griechische Zurückhaltung in 
den Beigaben hier wie in den siziUschen 
Nekropolen von Syrakus, Kamarina und 
Gela uns noch viele Fragen offen läßt. Die 
Gräber lagen ungemein dicht, vielfach in 
Schichten übereinander, auch sich übe'r- 
kreuzend und oftmals ein Grab ein früheres 
zerstörend, erklärlich einmal aus dem Man- 
gel guten Steinmaterials, so daß die Toten 
in die weiche Tonerde gebettet und die Gru- 
ben höchstens mit Ziegeln ausgestellt und 
gedeckt wurden: kein Widerstand also für 
später eingetiefte Gräber. Alsdann aus der 
großen Seltenheit dauerhafter Grabeszeichen, 
daher auch kaum Inschriften oder künst- 
lerische Stelen. Einige wenige Grabauf- 
sätze sind Not. 160, Fig. 66 zusammen- 
gestellt; andere mögen aus Holz gewesen 
sein. Aber das Durch- und Übereinander 
der Gräber spricht gegen irgend monumen- 
tale Bezeichnung der Gräber. Die weitaus 
meisten zeigen Skelettbestattung. Doch sind 
Aschen- und Kohlenreste gefunden, ohne 
daß sie in besonderen Behältern geborgen 
gewesen wären, mitten zwischen den Skelett- 
gräbern, so daß es noch näherer Unter- 
suchung bedürfen wird, ob es sich in solchen 
Fällen stets um Leichenasche oder nicht mit- 
unter vielmehr um Brennmaterial handelt, 
das wir uns bei rituellen Leichenmahlen ver- 
wendet denken mögen, wobei dann festzu- 
stellen wäre, ob die dabei gefundenen Reste 
verbrannter Knochen nicht auch Tierkno- 
chen sein könnten. Allerdings sind, wenn 
auch nicht sehr zahlreich, sichere Leichen- 
brandfälle beobachtet worden, aber sehr in 
der Minderheit. Die Leichen sind alsdann 
einer ja auch sonst sowohl in Italien wie 
auch in Griechenland, z. B. in Attika fest- 
gestellten Sitte gemäß nicht auf besonderem 



Scheiterhaufen, sondern in der Grube ver- 
brannt, welche hernach ihre Reste aufnahm; 
diese Grube hat durchweg Abmessungen, 
wie sie für Bestattungen ganzer Leichen die 
üblichen sind, und in manchen Fällen ist 
die hineingelegte Leiche nur unvollständig 
verbrannt, also entweder einzelne Körper- 
teile stärker, andere schwächer (z. B. Grab 
497), oder die Brennung war so schwach, 
daß das ganze Skelett unzerstört liegen 
blieb, umgeben von den durch das Feuer 
häufig auch kaum geschädigten Beigaben 
(z. B. Grab 1128, 1309). WahrscheinHch 
rituell war die in einigen Fällen (z. B. Grab 
326, 334, 1433) beobachtete Verwendung 
wilder Mandeln als Brennstoff. Die Unter- 
lage für die Toten bildete meist eine Schicht 
Tonerde oder Kies, Kiesel, Sand, auch wohl 
ganze Ziegel, die ja auch an den Seiten 
und zur Bedeckung des Grabes reichliche, 
wenn auch nicht regelmäßige Verwendung 
fanden. Die Ausstattung der Toten war 
nach griechischer Art einfach, soweit sie 
körperlich war; kostbarer Schmuck fehlt 
durchaus, selbst Fibeln sind spärlich: wegen 
ihrer Verwandtschaft zur Certosafibel ist Not. 
1914, Suppl. Fig. 21 interessant, zu der Not. 
1912, Suppl. Fig. 19 eine Vorstufe bildet. 
Das Bestreben, dies einfache, meist aus 
Eisen bestehende Gebrauchstück künst- 
lerisch auszugestalten, ruft oft reizvolle For- 
men ins Leben: so wenn der Bügel einer 
Fibel von einem Elfenbeindelphin gebildet 
wird (Not. 191 7, Fig. 46) oder (ebenda) aus 
einem sprungbereiten Löwen, auch aus Elfen- 
bein, oder wenn eine aus Knochen geschnitzte 
Taube (Not. Suppl. 1914, Fig. 51) oder eine 
Elfenbeinzikade (ebenda Fig.6) dieselbe Funk- 
tion ausübt. Not. 1917, Fig. 14 sind aus 
einem Grabe ein Sieb, ein Schöpflöffel und ein 
Heber, alle drei Geräte aus Bronze und von 
vornehmer Einfachheit, Fig. 30 drei Bronze- 
schalen, zwei davon mit Schlangengriffen, 
und ein Eimer abgebildet, auch diese aus 
einem Grabe, feine und originelle Stücke; 
ähnliche Suppl. 1914, Fig. 30, 34. Vom 
erlesensten Geschmack zeugen aber auch aus 
diesen Gräbern wie aus den früheren die 
wundervollen Spiegelgriffe aus Bronze, gerade- 
zu eine Spezialität Lokris — von wo solche 
Stücke übrigens schon früher in den Handel 
kamen — ; gewiß hat Orsi methodisch recht 



145 



Italien 1914 — 1920. 



146 




Abb. 22. Spiegelgriff aus Lokri. 




mit seiner Warnung, nicht allzu rasch Lokri 
als den Herstellungsort anzusehen, da wir 
die Nekropolen anderer großgriechischer 

j Städte, z. B. Reggios, noch zu wenig kenn- 
ten: aber ein gemeinsamer Ursprungsort 
wird durch die so gleichartige Ausführung 

; und die gleichmäi3ige hohe Feinheit der Er- 
findung sehr wahrscheinlich gemacht, und 

: zwar ein Ort, in dem die Kunstübung unter 




Abb. 23. Spiegelgriff aus Lokri. 



.\bb. 24. Spiegelgriff aus Lokri. 

einer ionischen Überlieferung stand. Zu den 
Griffen mit den schönen ionischen Palmetten, 
die Arch. Anz. 1913, 170 reproduziert sind, 
kamen noch manche neue, von denen ge- 
nannt seien: Not. Suppl. 1914, Fig. 35; fer- 
ner Fig. 12 wegen seiner außergewöhnlichen 
Hebung des Blütenkelches und Rankenwerks 
in höheres Relief. Ähnliches Ranken- und 
Volutenwerk verbindet figürlichen Träger- 
schmuck bald mit dem Griff (z. B. Suppl. 
1914, Fig. 18, [hier Abb. 22] eine pracht- 
voll geschlossen komponierte Harpyie; mit 
Griff und Scheibe Suppl. Fig. 20), bald mit 



147 



Italien 1914 — 1920. 



148 





Abb. 25. Spiegelgriff aus Lokri 



Abb. 26. Spiegelgriff aus Lokii. 



der runden Scheibe allein (z. B. Suppl. Fig. 
15 [hier Abb. 23] und 16 ein ganz in den 
Mantel togaartig gehülltes Mädchen voll 
strenger Schönheit; Fig. 49 [hier Abb. 24] 
ein spendender nackter Knabe gleicher Zeit 
— etwa 460—50 — ; Not. 1917, Fig. 48 
eine auf einer Schildkröte stehende Kora 
im Spestypus, die lebendigere Vorgängerin 
der kalteleganten Figur Suppl. Fig. 65.) 
Einer besonderen, Großgriechenland und 
Sizilien eignen Familie, die zuletzt Pollak, 
Österr. Jahresh. VII, 1904, 203—08, Per- 
nice, Jahrb. XXXV 1920, 94 — 96 und 
Ducati, Arch. stör. p. 1. Sicilia Orient. 
XVI — 'XVII 1921, 104—14 zusammen- 
stellten, gehören Suppl. Fig. 63 und 
Not. 1917, Fig. 13 an, Spiegel, bei 
^ denen die rechteckige Verbindungsplatte 
der archaischen Zeit ersetzt ist durch 
eine ä jour gearbeitete Relieffigur. Die 
erstere, hier Abb. 25, vonOrsi richtig Elektra 
benannt und trefflich behandelt, wird von 
ihm in nächste Parallele zu dem Spiegel aus 
Vizzini Not. 1902, 215 gestellt und derselben 
Fabrik zugeschrieben; doch ist der Spiegel 
aus Lokri wesentlich feiner in Ausführung, 
getragen von der gleichen Empfindung, die 
uns aus so manchen der feinen Tonreliefs 
von Lokri entgegenströmt, wenn auch die 
Ausführung der Bronze auf wesentlich höhe- 
rer Stufe steht: Elektra mit der vermeint- 



lichen Aschenurne des Bruders fast zu eins 
verwachsen sitzt auf dem Grabe, den schwe- 
ren letzten Trennungskampf durchkämpfend; 
an den Pfeilern hängen schon des Bruders 
Waffen, aber auch die Haarlocke; Ala- 
bastron, der große Wasserkrater in Elektras 
Rücken — wie üblich gerade in Lokri die 
Wasserspende auf den Gräbern war, ergibt 
sich aus den außerordentlich vielen Bruch- 
stücken großer Kratere, die nur diesem 
Zweck gedient haben können, welche Orsi 
bei den Gräbern fand (Not. 1917, 154—55, 
namentlich S. 107, Fig. 10) — und besonders 
die so auffällig zuunterst angebrachte zer- 
brochene Lekythos sprechen für die schon 
vollzogenen Spenden für den Vater, denen 
sich nun die für den Bruder anschließen 
sollen. Gewiß: eine Erfindung großer Zeit, 
welche diese Bilder nicht nur über die Bühne 
Athens gehen sah, klingt in diesem Werk 
des fernen Lokri feierlich nach. Der zweite 
Spiegel mit ähnlich durchbrochener Griff- 
zunge Not. 1917, Fig. 13 (hier Abb. 26) hat 
sich von der geschlossenen Rahmenfbrm schon 
beträchtlich entfernt und zeigt Europa von 
dem sich unter ihr durchbiegenden und mit 
dem Hinterhuf schon wieder aufsprungbe- 
reiten Stier auf den Rücken genommen, sich 
mit der Rechten an das linke Hörn klam- 
mernd, völlig überrascht. Blicke und linker 
Arm hoch emporgerichtet, das Gewand in sei- 



149 



Italien 191 4 — 1920. 



150 




Abb. 27. Tänzerin aus Lokri. 

nem Hochflattern geschickt zum Stützen des 
Rundes benutzt: eine erregte und geistreiche 
Komposition, welche gegenüber der Elektra 
die Art einer neuen Zeit atmet, von jener 
um Jahrzehnte getrennt. Andere Bronze- 
figuren dienten zur Verzierung von Ge- 
räten, so Suppl. Fig. II ein betendes Mäd- 
chen, Fig. 13 ein knieend anbetender 
nackter Knabe, Fig. 14 (hier Abb. 27) ein 
altertümlich tanzendes Mädchen, zu welchem 
im Grab 1061 eine Replik gefunden wurde. Zu 
den äjour gearbeiteten Griffzungen läßt sich in 
Vergleich setzen eine durchbrochene Bronze- 
scheibe mit dem Bild eines in Kampfbereit- 
schaft halbknieenden nackten Mannes, die 
Hand am Schwertgriff, in seiner herben 
eckigen, straffen Sprödheit ein guter Klang 
aus der Perserzeit (Suppl. Fig. 44; hier 
Abb. 28). Noch zweier Bronzehände mit 
Unterarm muß gedacht werden, o, I32_('m 
und 0,142 m lang (Not. 1917, 144, Fig. 51 ; 




Durchbrochene Scheibe aus Lokri. 



hier Abb. 29), die sich neben den ent- 
sprechenden Händen der Leiche befanden, 
zwischen Daumen und den Fingern der lin- 
ken Hand ein Rundstab gespreizt, um den 
sich zwei runde Scheibchen drehten, offenbar 
Spiel, auf Zuklinftserratung gestellt. Eine 
wie große Rolle letztere überhaupt in der 
Vorstellung der Lokrer spielte, ergab sich 
schon seit Beginn der Gräberaufdeckung 
durch die außerordentlich große Zahl von 
Astragalen, die sich, oftmals mit Blei gefüllt, 
längs des Körpers oder in einzelnen Gruppen 
im Grabe verteilt, auch in Gefäßen beigege- 
ben fanden, im Grabe 1308 bis zu 250 Stück, 
bisweilen auch über der Ziegeldecke des 
Grabes; übrigens durchaus keine Eigentüm- 
lichkeit von Lokri allein: so fand Orsi in 
Kaulonia auf der Brust von Toten je 5—6 
Astragale und dabei einen Eisennagel, 
dessen apotropäische Bedeutung ja auch be- 
kannt ist (ML. XXHI, 940). Und so an 




Abb. 29. Bronzehand mit Unterarm, Lokri. 



151 



Italien 1914 — 1920. 



152 



vielen Orten Italiens, auch des nichtgriechi- 
schen (s. Not. Suppl. 191 1, 25, i). Dasselbe 
Grab, dem jene merkwürdigen Hände ent- 
stammen, in dem auch neben dem Kopf 
zwei Eisennägel lagen, ergab vom selben 
Platz einen 0,7 m langen Elfenbeinstab, der 
unten in eine Palmette endigt, deren kleine 
Voluten mit größeren, den oberen Abschluß 
bildenden Voluten durch aufgelegte Rund- 
stielchen verbunden sind. Der obere kapitell- 
artige Abakus trägt ein leider kopfloses, 
0,4 m hohes ionisches Frauenfigürchen von 



ner Art sind z. B. eine gut erhaltene Flöte 
(Not. 1917, Fig. 5), manche Tonfigur, von 
denen auf die lässig thronende königliche 
Frau Not. 191 7, Fig. 56, die schöne Tänzerin 
Suppl. Fig. 60 und eine weibliche, noch 




Abb. 30. Vergoldeter Elfenbeinstab, Lokri. 

großer Zierlichkeit, dessen erklärendes 
Attribut mit der vorgestreckten rechten 
Hand verloren ist. Spuren reichlicher Ver- 
goldung reihen dies kleine Juwel ein in die 
Reihe chryselephantiner Proben, die uns, 
leider nur zu spärlich, erhalten sind (Not. 
1917, Fig. 50, wonach hier Abb. 30). Fig. 
39 gibt eine von Orsi bedachtsam 
zusammengestellte Anzahl von feinen 
Bronzebeschlagstücken, die Orsi unter 
Hinweis auf die Büste von Elche u. ä. für 
einen freilich sehr eigenartigen Kopfschmuck 
erklären möchte. Einige sonst den Toten 
mitgegebene Lebensschönheiten bescheide- 



Abb. 31. Kandelaber aus Lokri. 

Strenge Büste hingewiesen sei, die in originel- 
ler Weise so in einen Topf gesteckt gefunden 
wurde, daß der Kopf nur vom Kinn auf- 
wärts hervorragte, dann aber durch einen 
ihm hutartig aufgesetzten Becher und den 
dagegen gelehnten Topfdeckel geschützt war 
(Suppl. Fig. 8). Höchst merkwürdig ist 
sodann die in apotropäischer Haltung und 



153 



Italien 1914 — 1920. 



154 



Beschäftigung sitzende Figur eines dicken, 
häßlichen Weibes im Grabe eines jungen 
Mädchens Not. 191 7, Fig. 8, oder die gro- 
teske Amme Fig. 58. Von den kleinen für 
Großgriechenland typischen Terrakotta-Al- 
tären, die kürzlich Douglas van Buren in den 
Memoirs of the American Acad. in Rome II, 
1918, 15 — 54 und Elisabeth Jastrow Arch. 
Anz. 1920, 102 — 104 zusammenstellten, sind 
natürlich auch in den Grabungen seit 1913 
eine beträchtlicheAnzahlgefunden, und zwar 
in den Gräbern selbst, sogar benutzt, um ein 
Kinderskelett, zwei zusammengestellt, zu 
beschützen (Not. 1917, I15); eine solche 
Arula mit Dar- 
stellung vonHe- 
rakles Kampf 
mit Acheloosist 
ihres archai- 
schen Stils we- 
gen besonders 
beachtenswert 
(Not. 1917, Fig. 
24). Manch täg- 
liches Lebens - 

geschirr aus 
Metall ist noch 

mitgegeben, 
vielfach in ver- 
kleinerter 
Form: s. z. B. 
den Inhalt des 

Grabes 739, 
unter dem ein 

großer Kandelaber eigenartiger Form, viel- 
leicht auch als Kottabos verwandt, aus Eisen 
mit einem nackten Jüngling als Träger, einer 
Kora vom SpestypusalsBekrönung, die beiden 
Figuren aus Bronze ; auf dem Kopf der »Spes« 
ruhte die Hand der Toten (Suppl. Fig. 31, 
33, hier Abb. 31). Andere Eisenkandelaber 
mit Seitenarmen : Not. 1917, Fig. 31, 44. Die 
große Menge der Vasen und Scherben gehört 
vom ausgehenden 6. bis in das 4. Jahrhundert 
dem attischen Import an — eins der letzten 
Stücke wohl der »megarische Becher« Suppl. 
Fig. 25 — (eine einzelstehende Ausnahme 
ist das Grab 1356 mit korinthischem Inhalt), 
aber im ganzen qualitativ ziemlich spärhch, 
wie überhaupt in den Gräbern des Bruttier- 
landes (s. Orsi, Suppl. 53). Eine pan- 
athenäische Vase der älteren Gruppe (Not. 



^^ 






dl 


l!v 




^^ 


h.^A 






»T-^^^^K 




fp 






\ 


-v.^L 




ijä 


K^ 


*. 




.itwH 


^ 


W0 


ü^K^ 




V . 


.^dV^^B^^H 


|nr- 


w^ 


^^Hi^ 


^- 


\^ä 


l^^v^^ät^l^^^^^^^^H 






" ■ "*"*^3 


L"' '-j 




JHHH^^^^^^^H 


^^^^^ 


-y 


i»^ 


3 


■ 


w^^ 


mt 


Lmm 






^^^^^■u^^aa 


W^ 






„I^^BHU^ 



.\bb. 32. Vase aus Lokri 



191 7, 145, Fig. 52 oder das Alabastron 
mit der Amazone Fig. 45) bildet eine Aus- 
nahme, ebenso Bruchstücke eines schönen 
rf. Kraters mit einer Athenageburt aus der 
Euphronioszeit (Fig. 53). Dagegen ist 
das italiotische Material neuerdings immer 
mehr und interessanter in den Vorder- 
grund getreten, und zwar neben campa- 
nischer und — seltener — lukanisch-apuli- 
scher Ware auch ganz originelle, wohl 
brettisch-griechische Arbeit : so schon der 
frühe sf. Viergespannkrug Suppl. Fig. 22, 
ebenso, aber jünger, die Sau mit sf. auf- 
gemalten Pygmäen auf der Hasenjagd Suppl. 

Fig. 45 (hier 
Abb. 32) oder 
das Fäßchen 
mit Aphrodite 
und Eros Suppl. 
Fig. 53 oder der 
höchst sonder- 
bare von der 

Meidiasart, 
wenn auch be- 
reits in einiger 
Entfernung be- 
einflußte Krug 
Suppl. Fig. 55 
bis 56 (hier 
Abb. 33). Von 
italiotisch - im- 
portierten Va- 
sen seien be- 
sondersgenannt 
derLykurgoskrater Not. 1917, Fig. 2, II bis, 
die Tanzprobe des jungen Mädchens vor einem 
Jünghng 1917, Fig. 12 (Abb. 34) und der fa- 
mose, weiß auf schwarze, weißüberrankte 
apulische Schale gesetzte Papposilen Not. 
1917, Fig. 38. Viele Nietungen beweisen die 
Wertschätzung guter Stücke. Auch viele 
und treffliche Glasgefäße fanden sich in oder 
nahe den Gräbern. Viele über und um die 
Gräber aufgehobene Scherben sprechen für 
rituelle Zerbrechung der Gefäße nach ihrer 
Verwendung bei der Totenspende. 

In weitgehender Weise wird das Bild Lo- 
kris ergänzt durch dasjenige Medmas, der 
tyrrhenischen Kolonie Lokris, welche, zwei- 
fellos richtig lokalisiert auf der Stätte Ro- 
sarnos (Ni'ssen, LK. II, 960; Orsi, Not. 
Suppl. 1914, 55—58), als natürlicher Be- 



155 



Italien 1914 — 1920. 



156 





Abb. 33. Krug aus Lokri. 



lierrschungspunkt einer reichen Ebene zwi- 
schen dem 6. und 3. Jahrhundert sich einer 
mit Lokri parallelgehenden Blüte erfreut 
haben muß. Auf dem östlich des heutigen 
Rosarno, dem 



Ausgangspunkt 

und der späte- 

,ren Akropolis 

der'Stadt, sich 

weit hinstrek- 

kenden Plateau 

des Piano delle 

Vigne erhob sich 

wenigstens ein 

bedeutendes 

Heiligtum, 

wahrscheinlich 

aber mehrere, 

und dehnte sich 

die Stadt sehr 

rasch aus, weil 




nur auf dem 'entferntesten kleinen Sonder- 
hügel Badia dei Greci wenige ärmliche Grä- 
ber auftauchten. Seit bald 20 Jahren im 
Gang befindliche Raubgrabungen veranlaß- 

ten Orsi, von 
1912 ab auch 
auf dem Piano 
delle Vigne 
selbst den Spa- 
ten anzusetzen, 
wenn auch nicht 
zurErforschung 
der Stadt, von 
der keine Reste 
sichtbar sind, 
bei mangeln- 
dem Hartbau- 
material be- 
greiflich (s. den 
Plan Suppl. 
Fig. 66). Der 



Ttaliotisches Vasenbild aus Lokri. 



157 



Italien 19 14 — 1930. 



158 



Herkunft vieler Terrakotten, die aus un- 
kontrollierten Grabungen teils in das Mu- 
seum von Reggio, teils auf das Nelsonsche 
Schloß Bronte hinterm Ätna, zu großem 
Teil meist über Taormina in den Kunst- 
handel gekommen sind, nachspürend, ent- 
deckte Orsi an der Nordwestecke des 
Plateaus, also dem Ausgangspunkt der 
Stadt nahe, an den beiden Punkten Cal- 
derazzo und S. Anna, oberhalb des Mes- 
maflusses ein großes und ein kleineres Depot, 
Abschub von Votivstücken eines noch nicht 
selbst gefundenen benachbarten Heiligtums, 
wie er meint, der chthonischen Göttinnen; 
diese Depots reichen vom endenden 6. bis 
etwa in die Mitte des 5. Jahrhunderts und 
sind, ähnlich wie die immer noch nicht ver- 
öffentlichten Terrakottenmengen von der 
Stips Sacra des Heiligtums auf der Abba- 
dessa von Lokri im Museum von Neapel, in 
ganz hervorragendem Maße geeignet, uns die 
reiche und eigenartige griechische Plastik 
dieser Gegenden vor Augen zu führen und 
damit auch die sizilische Plastik aus ihrer 
Isolierung emporzuheben. Ein großes Stück 
bester griechischer Kunstgeschichte dieses 
uns früher so verschlossenen Landes ist da- 
mit zum erstenmal auf feste Grundlage ge- 
stellt (Not. 1914, Suppl. 55—145, 122 Abb.; 
Not. 1917, 58—67) und mit m. E. durchweg 
treffender wissenschaftHcher Analyse für die 
weitere Forschung verwertbar gemacht. Eine 
umfassende Veröffentlichung über ganz Med- 
ma stellt Orsi in Aussicht, wird jedoch dafür 
wohl noch weitere Forschungen anstellen 
wollen. So ist er auch früheren Funden 
nachgegangen und hat z. B. das Glück ge- 
habt, über dem Grabe 19 in Medma zu der 
mangelhaft erhaltenen Arulaform Colloca 
noch ein wichtiges Positivstück aus derselben 
Form zu finden und damit das sagenge- 
schichtlich so interessante Tyrorelief wieder- 
zugewinnen, das nach seiner erstmaligen Ver- 
öffentlichung Not. Suppl. 1914, Fig. 67 und 
68 bereits eingreifende Besprechungen und 
Erklärungsversuche erfahren hat durch 
Rizzo, Hauser, Savignoni (Ausonia VIH, 
1915, 166—177), Robert (Hermes LI, 1916, 
273—302) und Herbig (Hermes LI, 1916, 
465—74). Siehe auch Orsi, Not. 191 7, 39, 
40, I und Robert, Griech. Heldensage I, 40, 
6. Im großen Depot, das völlig unberührt 



gefunden wurde, lassen sich zwei Schichten 
unterscheiden, unten das ältere Material, dar- 
über nicht durchweg, aber vielfach eine 
Schicht von Ziegeln, über die eine dünne, 
nur wie tuchartige Kalkschicht gebreitet war, 
die als Unterlage diente für die figürlichen 
Terrakotten, während die spärlichen Stücke 
architektonischer Terrakotten in den Zwi- 
schenräumen der Ziegeldecke verstreut lagen: 
also waren Bautrümmer von Heiligtümern 
nicht im gleichen Grade als geheihgter Göt- 
terbesitz angesehen wie von einzelnen ge- 
weihte Sondergaben, religionsgeschichtlich 
wichtig. Suppl. Fig. 70—76 bildet Orsi 
einige der am meisten beachtenswerten ar- 
chitektonischen Stücke ab, altertümliche, 
von kleinen, wohl aediculaartigen Bauten 
stammend, die, wie gegen Ausgang des 
6. Jahrhunderts ja auch anderswo — ich 
erinnere nur an Athen — größeren Tempeln 
zu weichen begannen, von denen allerdings 
bisjetzt auf dem Pian delle Vigne nichts ge- 
funden ist. Die enge Verwandtschaft mit 
Stücken aus Kroton und namentlich Lokri, 
wie selbstverständlich, ebenso wie die Ver- 
schiedenheiten z. B.. von Campanien werden 
von Orsi klargestellt. Der Frauenkopf Fig. 74 
und die beiden kleinen Tempclmodelle Fig. 
75 und 76, mit denen Orsi gleichartige Stücke 
aus Satricum vergleicht, sind besonders be- 
achtenswert. Unter den figürlichen Terra- 
kotten nehmen die großen und kleinen Pro- 
tomai, durchweg weiblich, einen bedeutenden 
Raum ein (Fig. 77—91), welche das in 
Winters Typenkatalog (I, 236 ff.) gesammelte 
Matcrial bedeutend erweitern, alsdann die 
vielen Korai, meist ionisch-archaisch, viele 
stehend, viele auch sitzend, unter letzteren 
besonders bemerkenswert Fig. 103, welche 
in der Linken, die auf dem Schoß ruht, ein 
Kästchen hält, genau wie die vielen Käst- 
chen auf den Lokrireliefs, während andere 
einen Hahn (Fig. 104, 107), eine Schale und 
darüber Taube (Fig. 104 bis) oder nur eine 
Taube (Fig. 105, 112) halten, andere vor der 
Brust einen Eros (Fig. 108, 112; vgl. »Lu- 
dovisithron«!), eine Nike (Fig. 109, lio), ein 
im Schoß liegendes (Fig. 100, 114) oder die 
Arme zur Mutter emporbreitendes (Fig. 107; 
hier Abb. 35; vgl. »Ludovisithron«!) Kindchen 
zeigen, Stücke, die in großer Menge den Besu- 
chern des Museums in Reggio gleichartig seit 



»59 



Italien 1914 — 1930. 



160 



X^ 



lange bekannt sind. Auch der Thron ist oft- 
mals reich verziert mit plastischen Zutaten 
(Fig. 106, 113). Die künstlerische Entwicklung 
von gegen Ende des 6. Jahrhunderts bis zur 
Mitte des 5. ist lückenlos vertreten und zeigt 
jene für diese groi3griechisch-sizilische Kunst 
so typische Verbindung ionischer Feinheit 
imd Anmut mit einer gewissen an den Pelo- 
ponnes erinnernden ernsten Hoheit, letztere 
besonders stark hervortretend an diesen wie 
so vielen andern dieser Stätte entstammen- 
den Köpfen (besonders auf den drei schönen 
■ Tafeln, die Fig. 124—147 vereinigen), welche 
von einem bestimmten Schnittpunkt etwa 
von der Perserkriegszeit an den belebenden 
Einschlag einer bedeutenden Künstlerper- 
sönlichkeit erraten lassen, den man auch an 
manchen Einzelfiguren, wie Fig. 153, 155 — 157 
zu spüren glaubt. Will man in diesem Künst- 




' Abb. 35. Tonrelief aus Medma. 

1er nicht den für uns leider völlig schatten- 
haften Klearchos erkennen, so kann man 
wohl nur an seinen großen Schüler Pythagoras 
denken. Diese Zusammenhänge führte ich 
aus in einem Vortrage auf dem archäol. Kon- 
greß in Rom 1912, erschienen Ausonia VIII, 
191 5) 35~43> ni't besonderem Hinweis auf 
einen mit dem Kopf des delphischen Wagen- 
lenkers sich nahe berührenden Terrakotta- 
kopf aus Medma (Aus. a. a. O. 40, Fig. 3, 4 
= 67 Fig. 12) und verwandte Köpfe; mit 
meinen Gedanken berührte sich Orsi Ausonia 
ebenda 51 und 66 sowie Not. Suppl. 1914, 
110— 113 und 132. Siehe auch Amelung, 
Jahrb. XXXV, 1920, 58. Von der Steigerung 
der technischen und künstlerischen An- 
sprüche an die Tonplastik, die vereint mit 
der ihr so nahestehenden Bronzekunst in 
diesen Gegenden den fehlenden Marmor er- 



setzen mußte und daher die in Griechenland 
gewohnten Größenmaße der Tonfiguren viel- 
fach überschritt, gibt nunmehr auch hier das 
Auftauchen lebensgroßer Statuen eine Vor- 
stellung: s. Not. 1917, 59, Fig. 34. Einige 
Athenafiguren von archaischen Promachos- 
typen bis zu einer fein und leicht stehenden 
Peplosgestalt der Zeit ganz kurz nach Mitte 
des 5. Jahrhunderts und wohl schon stark- 
attisch führen aus der Sphäre der chthoni- 
schen Göttinnen heraus (Fig. 115— 119; mit 




Abb. 36. Kriophoros aus Medma. 

117 vgl. die Metope vom Tempel F in Se- 
linus!) und auch die Welt des Dionysos (Fig. 
167) und der Aphrodite mit Eros (Fig. 
171—72; Not. 1917, Fig. 36) ist anmutig 
und originell vertreten. Kleine »Apollines«, 
bald frei, bald als Relief, sind wegen ihrer 
Seltenheit in der Tonplastik bemerkenswert 
(Fig. 149—50), ebenso mit schwerem Mantel 
teilweise bekleidete männliche Gestalten 
(Fig. 152, 154), Athleten (Fig. 155-56), 
männliche und weibliche Hydrophoroi (Fig. 
lOi, 151), ganz besonders aber eine Reihe 
von acht Kriophoroi, keine Hermes, sondern 
bald mehr an ionische und attische Schöpfun- 



i6l 



Italien 1914 — 1920. 



162 



gen, bald an die bekannten, aus dem Leben 
gegriffenen arkadischen Bronzefigürchen er- 
innernde Typen dankbarer Herdenbesitzer 
oder -pfleger (Fig. 159—66; hier Abb. 36—39). 
Die Freude an genrehafter Wiedergabe nur 
äußerlich mythologischer Motive, echt ionisch, 
wie sie uns auf so manchen großgriechischen 
und sizilischen Münzen auch begegnet, äußert 
sich in jenemjüngling praxitelischen Aufbaus, 
derein Knäbchen auf der Schulter trägt, wäh- 
rend sein kleiner Wolfshund voll Eifersucht 
an ihm emporsteigt (Fig. 168), oder dem be- 



großer Anzahl, fast alle aus dem zweiten, 
Not. 1917 beschriebenen kleineren Depot 
stammend (Fig. 43), im Kunsthandel schon 
lange weithin verbreitet, gewiß ein guter 
Beweis für die in der weiten Flußebene 
blühende Rossezucht, wie Orsi zutreffend 
darlegt. Auch die Zahl der Bruchstücke von 
Gefäßen aus Ton jeder Art ist groß, viele von 
ihnen unmittelbar aus dem täglichen Leben 
entnommen, noch mit Resten von Speisen 
darin, die den Gottheiten dargebracht waren 
(Suppl. S. 133), ebenso kleine mehr oder 






Abb. 37. Kriophoros 
aus Medma. 



Abb. 38. Kriophoros aus 
Medma. 



Abb. 39. Kriophoros aus Medma. 



hagHch Flöte blasenden Silen, der auf den 
Schultern eines Eros reitet (Fig. 169), oder 
der grotesken Art, wie ein ithyphallischer 
»Gigant« von einem Gegner rücklings um 
den Hals gepackt wird (Fig. 170), oder jenem 
fröhlichen Schildkrötenreiter Fig. 173. Vo- 
tivpinakes gleich jenen aus Lokri, zum Teil 
aus denselben Formen, wie z. B. das lang- 
bekannte, aus Medma stammende Relief mit 
Aphrodite und Eros der Münchner Klein- 
kunstsammlung fehlen nicht, ebensowenig 
Wiedergaben von Feld- und Baumfrüchten, 
Kuchen u. dgl. (Fig. 174 und 175) sowie 
Tieren, für die man den Gottheiten dankbar 
ist, in erster Linie Pferden in ungemein 

Archäologischer Anzeiger 1921. 



minder konische Väschen, durchbohrt für 
Aromata, wie Orsi gewiß richtig meint (Fig. 
177). Neben einheimisches, aber von guten 
griechischen Formen stark abhängiges Ge- 
brauchsgeschirr tritt attisches, wenig und 
letztes sf., z. B. der große, eigentlich schon 
zur rf. Art gehörige Krater Fig. 179. Atti- 
scher Meisterhand entstammt das schöne 
und ausgezeichnet erhaltene Gefäß in Form 
eines Frauenkopfes Fig. 180, um 480. Ferner 
Glassachen, Alabastra, aus Elfenbein die Ver- 
schlußflügel eines feinen Kästchens Fig. 181, 
ganz so wie wir uns manche der auf den 
LokrireHefs abgebildeten Kästchen im Origi- 
nal vorstellen müssen. Gold nichts, aus Sil- 



i63 



Italien 191 4 — 1920. 



164 



ber einige Ringe und ringförmiger Ohr- 
schmuck Fig. 182—83, mehr aus Bronze, 
Geräte, nicht weniger als 121 Bronzeschalen 
(Fig. 186), eine beträchtliche Zahl von Waf- 
fen aus Bronze, jedoch keine Schutzwaffen, 
nur Schwerter, Dolche, Messer, seltene Lan- 
zenspitzen usw., zum Teil Formen, die noch 
auf einheimische Tradition zurückweisen 
(Suppl. Taf. Fig. 187). Nur eine hübsche 
Figur aus Bronze wurde gefunden, wohl Auf- 
satz eines Gerätes: eine frisch vortretende 
Frau in langem Peplos mit Überhang und 
Stephane, in den vorgestreckten Händen 
Alabastron und Taube (Fig. i84;hierAbb.4o). 
Eine epigraphische Merkwürdigkeit in diesem 




Abb. 40. Bronze aus Medma. 

k'ider so schweigsamen Lande ist schließlich 
das Fußstück einer nach Orsi sitzend dar- 
gestellt gewesenen Frau (Not. 1917, Fig. 39), 
auf deren Plinthe in Reliefbuchstaben steht, 
linksläufig und vermutlich aus zwei getrenn- 
ten Formstücken gepreßt, von denen jedes 
drei Buchstaben umfaßte: ;v\YSA.?i(D, also 
4>paau[i.... Orsi möchte einen Genetiv 
<l>pa(jua oder Öpaaoa ergänzen, im Hinblick 
auf den Abschluß links, wo nach der Abbil- 
dung die Plinthe zu Ende zu sein scheint, 
wenn sie auch unregelmäßig abschließend, 
vielleicht gebrochen aussieht, was nur am 
Original zu entscheiden. Nach dem Fak- 
simile kann der letzte Buchstabe nur ein M 
sein, so daß die Schrift entweder auf der 
1. Seite weitergeführt oder die Plinthe nach 
links noch länger gewesen sein muß, so daß 
neben der Frau noch eine zweite Figur vor- 
auszusetzen wäre. Die erste Annahme ist 



die wahrscheinlichere. Also, falls Nominativ, 
©poKJojii^STj oder -r^, wenn (D als genom- 
men werden darf; mit «p würden onomato- 
logische Schwierigkeiten entstehen, die ich 
nicht zu überwinden wüßte. — Auch einen 
Teil der Nekropole Medmas ist es Orsi ge- 
lungen 2'/a km von Rosarno selbst, in Luft- 
linie aber nur einen starken km südlich vom 
Südrand des Plan delle Vigne aufzufinden 
(Not. 1917, 37—67), so weit vom Ort ent- 
fernt, weil die sumpfigen Niederungen, wel- 
che die Wohnhügelkette umgeben und sie 
sichern, der Bestattung hinderlich sein muß- 
ten, auf einer Erhebung, die schon prä- 
historische Siedelungsspuren zeigte. Was 
ausgegraben ist, umfaßt Gräber von der 
Mitte des 5. Jahrhunderts bis zur Mitte des 
4., zumeist Bestattungsgräber derselben Art, 
mit Ziegeln hergestellt wie in Lokri, in etwas 
höheren Lagen, aber darum nicht jünger, 
ebensolche Brandgräber, von Orsi auch hier 
Ustrina genannt, weil die Verbrennung in 
situ stattfand (s. den Durchschnitt Not. 1917, 
40, Fig. 4, sowie Fig. 9, 10, 23, den Plan 
des aufgedeckten Stücks Fig. 2). Die ganze 
Ausstattung ist in Medma spärlicher als in 
der Mutterstadt, Metall tritt noch mehr zu- 
rück, wenn auch Spiegel, Strigeln, Blei- 
plättchen u. a. vereinzelt gefunden sind. 
Hier wie in Lokri kaum Fibeln, also mehr 
genähte Gewandung. Eine schöne, von Orsi 
mit dem Kopf auf den Euainetosdekadrach- 
men verglichene, vornehm blickende Frauen- 
büste zeigt auf den Schultern Palmetten 
statt der Fibeln (Not. 56, Fig. 30)- D'e 
Hauptmenge der Beigaben auch hier Terra- 
kotten, darunter viele Arule, meist über den 
Gräbern, also im Totenkult verwendet, aber 
nicht mehr mit Tierkämpfen, sondern mit 
mythologischen Bildern. Sonst sitzende 
Göttinnen, meist mit »Polos«, einmal (Fig. Ii) 
auf einem hohen, polsterbelegten Schemel, 
mehrfach die auch in Lokri vorkommende 
Figur des hockenden, dämonartigen Tam- 
muz-Adonis (Fig. 13); ferner Puppen ver- 
schiedener Art, bacchische Gestalten usw. 
Viele Lampen. Das Tongeschirr, wenn nicht 
einfachste einheimische Ware, meist schwarz- 
gefirnißt — dies noch zum Teil attisch — , 
sehr viel weniger attischer Import als selbst 
in Lokri, keine attischen sf. oder rf. Vasen, 
auch keine einzige attische Lekythos; ver- 



i65 



Italien 1914— 1920. 



166 



einzelt das Stück eines apulischen Fisch- 
tellers (Fig. 31), wie auch einmal in Lokri 
Not. 1917, 118, Grab 1345. Auch hier 
Astragale, aber nicht in so großen Mengen 
wie in Lokri. — Eine andere wichtige Ent- 
deckung ist Orsi geglückt durch die Fest- 
stellung des früher verkehrt angesetzten 
Kaulonia, dessen schöne Münzprägung 
allerdings die Erwartungen etwas überspannt 
haben mag, die man auf die Wiederent- 
deckung der Stadt geglaubt hat setzen zu 
können. Die mit dem Spaten nunmehr end- 
gültig bewiesene Lage Kaulonias auf dem 
Hügel des Capo Stilo war von Orsi schon 
Not. 1891, 61 — 72 und 1909, 327—30 in 
hohem Grade wahrscheinlich gemacht. Die 
Grabungen 1912, 1913 und 1915 geben uns 
jetzt ein vollständiges und klares Bild jener 
achäischen Kleinstadt, die, als südlichster 
Vorposten Krotons gegründet, durch das 
entgegenstehende Lokri eingeengt, nur eine 
bescheidene Existenz hat führen können. 
Der ausführliche, von 18 Tafeln und 182 
Textabbildungen begleitete Text ML. XXIII 
1914, 685—944 gibt zuerst eine Darstellung 
der Geschichte Kaulonias durch De Sanctis, 
dann von Orsis Meisterhand eine vorzügliche 
topographische Schilderung mit ausgezeich- 
neter Karte des Stadtgebiets, alsdann ein 
Bild der Anlage, besonders der sorgsamen 
Befestigungen mit ihren sorgsam erwogenen 
Anpassungen ans Gelände, ihren Toren und 
viereckigen Türmen, wertvoll für unsere Vor- 
stellung von griechischen Verteidigungsbau- 
ten älterer Zeit und ihrer dreifachen Er- 
weiterung, namentlich solange wir auf ähn- 
liches von der Mutterstadt Kroton selbst, 
von Sybaris oder andern großgriechischen 
Städten noch warten müssen; nur Schleu- 
nings Bearbeitung Velias bot in bescheide- 
nem Maße als Ergebnis anspruchsloser Ober- 
flächenuntersuchung (Jahrb. IV, 1889) — 
denn auch die Puchsteinsche Bearbeitung 
Paestums ruht vergessen — , was wir von 
Orsi jetzt mit allen Mitteln modern geführter 
Forscherarbeit uns vor Augen gestellt sehen. 
Überraschend an so alten Bauten, z. B. den 
wohl ins 7. oder frühe 6. Jahrhundert ge- 
hörenden Türmen, die reichliche Anwendung 
weißen Kalkes auch zum Schließen der Fu- 
gen, wenigstens an den Sockeln, während 
auch da, wo die hier schwer erhältlichen Hau- 



steinquadern fehlen mußten, namentlich im 
aus unregelmäßigen Kalksteinstücken herge- 
stellten und meist mit Gußwerk gefüllten 
Oberbau, gerade dies Material zur Verwen- 
dung besonders kräftig bindenden Mörtels 
erziehen mußte, aber auch zu großer Sorg- 
falt im Bauen. Der Zug der Mauer, nur an 
der Meerseite lückenhaft, ist festgestellt und 
damit der Stadtumfang. Sie läuft auf der 
Krone einer Bergrippe hin, welche hier ganz 
ähnlich wie in Veha oder Akragas die Siche- 
rung nach der Landseite bot; auf ihrer Höhe 
ein längliches Plateau, das sich zur.Akropolis 
eignete, die »Piazzetta«; mit drei Zungen 
in die schmale Küstenebene vorgreifend, 
bietet dieser Bergzug mit seinen Abdachun- 
gen und die schmale Küstenebene, aus der 
sich wieder dem Meere nahe ein isolierter 
Hügel, der heute den Leuchtturm von Cap 
Stilo trägt, erhebt, für eine kleine städtische 
Siedelung geeigneten Platz, der sich in der 
Ebene nach Nord und Süd bei Erweiterun- 
gen, die allerdings zweimal stattgefunden 
haben müssen, ausdehnen ließ. Die Unter- 
suchungen auf dem Leuchtturmhügel erga- 
ben dort die Spurerf eines kleineren Heilig- 
tums, von dem allerlei architektonische Ter- 
rakotten stammen, für dessen Votivgaben- 
fülle namentlich die ganz außerordentliche 
Menge jener kleinen Arule sprechen, die wie 
in Lokri undMedma in den Gräbern und über 
ihnen, so hier um die Heiligtümer und auch 
als Hausaltäre in den Häuserresten gefunden 
wurden, die in ziemhcher Menge rings um 
jenes Heiligtum erkennbar waren, bei letzte- 
rem durchweg archaische, also meistens 
Tierkämpfe, ebenso in den Häusern, die 
selbst jedoch in spätere Zeiten wiesen, so 
daß Orsi geneigt ist, jüngere Häuser über 
einer älteren Schicht anzunehmen, aus wel- 
cher sich die kleinen Altärchen entweder zu- 
fällig in Tieflagen noch fanden, oder aber 
wenn auch alle aus dem 6.-5. Jahrhundert 
stammend, doch später noch benutzt worden 
seien. Außer den von Orsi noch gesehenen 
und zum großen Teile abgebildeten und auch 
bei van Buren, Memoirs of the Americ. Acad. 
in Rome II notierten Altärchen sind leider 
große Mengen unkontroUiert von hier und 
andern Punkten Kaulonias durch früheren 
Raubbau in Händlerhände verschwunden; 
i namentlich ein Ingenieur Ernesto Piagnoni 



i6y 



Italien 19 14 — 1920. 



168 



von Mailand wird von Orsi gebrandmarkt. 
Immerhin ist es noch gelungen, eine be- 
trächtUche Anzahl für die Museen von Co- 
trone und Reggio zu retten. Die architekto- 
nisch wichtigste Entdeckung jedoch war auf 
einem Dünenpunkt nahe der Küste, aber 
innerhalb des Mauerringes ein großer dori- 
scher Tempel des 5. Jahrhunderts, hart am , 
Meer wie in Lokri, Lakinion, mit ähnlicher 
Absicht auch wohl auf dem Südrand des 
Stadtplateaus von Akragas, an der hafen- ; 
losen Küste eine gute Anseglungsmarke für 
die Schiffer, aber eben durch solche Lage 1 
auch bequemer Zerstörung und Material- 
beraubung derartig ausgesetzt, daß von dem 
vermutlich durch Erdbeben umgeworfnen 
Bau über der Erde wohl schon seit Jahr- , 
hunderten nichts mehr sichtbar war, ob- 
schon die mittelalterlich griechische Orts- i 
bezeichnung Stilo, Stylida auf damals noch | 
stehende Säulen hiaweist. In zweijähriger 
angestrengter Arbeit wurde der große Ste- 
reobat freigelegt und aus teilweise verzwei- 
felt zertrümmerten Bruchstücken der Ober- 
bau mit großem Scharfsinn soweit klar- 
gestellt, daß die Einordnung des Baues in 
das System der großgriechischen Tempel mit 
voller Sicherheit vollzogen werden kann. 
Der Unterbau bestand aus einheimischem 
Sandstein, großen Quadern, der Oberbau, 
auch die Säulen, aus wahrscheinlich syra- 
kusanischem weißen Kalkstein, - das Dach 
aus Marmor, die Simen merkwürdigerweise 
aus Ton. Der Grundriß ist der Normal- 
grundriß des unteritalischen dorischen Tem- 
pels. Eine Fülle sorgsamster Pläne, Detail- 
aufnahmen mit Zeichenstift und im Licht- 
bild setzen den Leser in den Stand, sich ein 
wissenschaftlich genaues Bild von diesem 
einzig entdeckten und überhaupt wohl einzi- 
gen großen Tempel der Stadt zu machen, 
dessen ungemein solide und sorgfältige, 
durchweg ohne Bindemittel ausgeführte Ar- 
beit augenscheinlich Rücksicht nahm auf die 
Erdbebengefährdung dieses Landstrichs. 
Zahlreiche Steinmetzzeichen sind Fig. 85 zu- 
sammengestellt, ihre mehrfach noch archai- 
sche Gestalt stimmt gut zur Ansetzung in 
die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts. Die 
spärlichen Einzelfunde ergaben leider keinen 
Anhalt, um den göttlichen Eigentümer zu 
benennen. Daß die Münzen auf Apollon 



als den Hauptgott der Stadt führen, sagt 
Orsi mit Recht. Der Tempel lag auf der 
höchsten, wenn auch immer noch niedrigen 
Erhebung der Düne, nur 12 m landsei ts der 
Stadtmauer, so daß nach vorn — er ist 
nach Ost orientiert — für den zu erwarten- 
den Altar kaum Platz war. Er ist auch nicht 
gefunden. So hat man denn um den Tempel 
sich bemüht einen geebneten Platz zu schaf- 
fen, um größeren Ansammlungen von An- 
dächtigen und der Aufstellung von Weih- 
geschenken Raum zu geben. Also die ört- 
lichen Verhältnisse gleichartig denen am La- 
kinion. Nördlich setzte sich dieser Platz 
noch auf tieferem Niveau fort, mit dem eine 
Freitreppe längs der ganzen Langseite des 
Tempels und hernach im rechten Winkel 
sich noch weiter nach Norden hinziehend 
die Verbindung herstellte. Eine Anzahl von 
Weihgeschenkträgern, teils Säulen, teils Pfei- 
ler und Blöcke, sind noch gefunden und 
sorgsam aufgenommen. Sie verraten junge 
Zeit, sind ärmlich, wie nach der für die 
Stadt verhängnisvollen Einnahme durch Di- 
onysios 389 kaum anders zu erwarten. Auch 
was an Resten von Weihegaben sich noch 
fand, ist spärlich, alte Dinge, z. B. ein ko- 
rinthisches Alabastron (Fig. 135) oder eine 
Kora (Fig. 137), eine sitzende Sphinx (Fig. 
136), ein paar Bruchstücke von Arule (Fig. 
138) sind selten. Unter den wenigen Metall- 
sachen ist eine Mittel-Latfenefibel wohl das 
jüngste Stück. Orsi hat, bis jetzt wenigstens, 
vergeblich gesucht nach Favissen, in Hoff- 
nung auf ähnliche Schätze, wie sie ihm Lokri 
beschert hat. Ein Bild des Straßennetzes 
zu gewinnen war Orsi noch nicht beschieden. 
Einige hellenistische Häuser, getrennt durch 
enge Amphodoi, sind so angelegt, daß man 
auf ein regelmäßiges Netz schließen mag 
(Taf. VIII); die paar Häuser, ärmlich wie 
alles spätere in Kaulonia, sind in der orts- 
übhchen Weise aus kleinen Steinen, Ziegel- 
brocken usw. mit viel Aufwand von schlech- 
tem Mörtel gebaut, nur für die Ecken sind 
größere quaderartige Blöcke verwendet (Fig. 
68), gerade wie bei der Stadtmauer. Von 
Schmuck keine Spur, ebensowenig von kunst- 
voller Wasserversorgung, womit es in Kau- 
lonia überhaupt traurig aussah; nur einige 
Brunnen bzw. Zisternen sind gefunden. Der 
einfache Aufbau einer Megaronfront Fig. 70 



i69 



Italien 1914 — 1920, 



170 



ist gewiß zutreffend. Von älteren Siedelun- 
gen unter den späteren Häusern geben proto- 
korinthische Scherben Fig. "JT, Reste be- 
sonders alter Arule u. a. eine Ahnung. — 
Die Nekropolen sind etwa vom 7. bis zum 
3. Jahrhundert zu verfolgen, durchweg ärm- 
lich, äußerlich den Ziegelgräbern von Lokri 
und Medma vergleichbar, auch hier ohne 
Stelen oder dgl. Kennzeichen, vielfach so 
nahe unter dem Boden, daß sie, wie ich es 
ebenso vor Kroton bergwärts beobachtet 
habe, oftrnals heute bloßgedeckt daliegen. 
Orsi glaubt eine Unterbrechung nach den 
ernsten Ereignissen des Jahres 389 annehmen 
zu müssen. Auffällig groß ist wieder die Zahl 
der Arule; auch einige hellenistische Terra- 
kotten von Interesse haben sich gefunden. 
Attischer Vasenimport mit Ausnahme einiger 
ärmlicher sf. Stücke des 6. Jahrhunderts 
fehlt, bis jetzt wenigstens: nur 139 Gräber 
sind gefunden und die Möglichkeit offen, daß 
in andern Punkten vor der Stadt sich noch 
anders ausgestattete finden. Bronzen, Edel- 
metall, Terrakotten von Belang fehlen voll- 
ständig. Nur zahlreiche Astragale auch 
hier. Die große Mehrzahl aller Gräber haben 
ganze Leichen aufgenommen; die Brand- 
gräber sind Ausnahme; auch hier nirgends 
Aschenbehälter; die Leichen am Ort ver- 
brannt, mitunter sehr unvollständig. Viele 
Krug- oder Topfgräber für Kinder. Auf- 
fällig, daß die meisten solcher Töpfe noch 
starke Spuren profaner Benutzung zeigen. 
Von der Mitte des 3, Jahrhunderts ab, also 
noch vor der Kannibalischen Zeit, beginnt 
das große Totenschweigen Großgriechenlands 
sich auch über diese Stätte zu legen, die 
Strabon als verödet bezeichnet. — Eine an- 
dere schöne Stadtentdeckung glückte Orsi 
mit Nuceria (Not. 1916, 335 — 62), das er 
fand auf seiner schon langen Suche nach 
Temesa, das auch in jener Gegend gelegen 
haben muß (336, 357 ff.). Unweit Nocera 
Tirinese — wo Kiepert u. a. unrichtig Terina 
suchten — , das in der Sarazenenzeit auf 
eine sichere Höhe, später auf seine jetzige 
abwanderte und den Namen mitnahm, wie 
die Ithakesier, als sie von Leukas nach 
Ithaka flüchteten, erhob sich auf einem Hü- 
gel zwischen dem Savuto, durch dessen Tal 
die wichtigste Verbindung von der Tyrrhener 
Küste hinüber ins Krathistal nach Cosenza 



geht, und dem Fiume grande, die kleine Stadt, 
ohne Hafen, mit versumpfter Flußmündung, 
wohl getragen durch den noch ungenügend 
untersuchten Metallreichtum der Berge und 
i die topographisch-strategisch wichtige Lage. 
Kein gutes Baumaterial, durch Kalkmörtel 
gebundene Stadtmauern, Quadern mit Ver- 
stärkungen von innen, besser gebaut wie die 
; von Kaulonia. Keine Türme, nur Pforten. 
Eine gute Tonrohrleitung, zum Teil Druck- 
leitung, innerhalb der Stadt auch Bleirohre, 
brachte das Wasser; Kloaken, Hausreste, 
mit trotz der allgemeinen Ärmlichkeit ge- 
legentlichen Hausbädern wie auch in Kau- 
lonia; an Fundstücken nichts vom 5.— 4- 
Jahrhundert, älteres erst recht nicht. Das 
Geschirr hellenistisch-römisch, darunter are- 
tinisches, auch Glas. Keine griechischen be- 
malten Vasen, keine Terrakotten, keine Mün- 
zen. Innerhalb der Mauern eine ganz kleine 
ärmliche Nekropole, also für einen kleinen 
übrig gebliebenen Bewohnerrest. Weiterhin 
jedoch Zeichen älterer Gräber, sogar gold- 
gefaßte Skarabäen von drei verschiedenen 
Fundorten. Auch einiges »Prähistorische« 
fand sich in der Umgegend, so ein Bronze- 
kurzschwert aus def älteren Bronzezeit, das 
I erste der Art in diesen Gegenden. Die Zeit 
der Stadt, wie die Grabungen von 1913 — 16 
' sie ermittelt haben, stimmtmitihrerins4.— 3- 
Jahrhundert weisenden Prägung. — Auch 
in Rhegion setzt seit 1913 planmäßige Ar- 
beit an, seit endlich ein fachmännischer Mu- 
seumsleiter, Putortl, dort fruchtreich tätig ist 
i und mit Orsi, dem Sopraintendenten auch für 
' das Bruttierland, schön Hand in Hand ar- 
■ beitet. Zusammenwirken von Staat und Ge- 
j meinde hat bedeutende Stücke der Stadt- 
\ mauer zur Aufdeckung gebracht, deren Ver- 
' öffentlichungnoch aussteht (Orsi,ML.XXIII, 
769, 774—75); manche andere Überraschung 
wird folgen, je mehr die rührige Stadt die 
Zerstörungen des großen Erdbebens von 1908 
I zu überwinden oder auch nützlich auszuge- 
I stalten begonnen hat. Erwähnt sei, daß die 
I merkwürdige archaische Tonmetope Not. 
i 1886, 243 durch Orsis Eingreifen gründlicher 
} Reinigung unterzogen wurde und dabei wert- 
! volle ornamentale und trachtgeschichtliche 
i Einzelheiten herauskamen (ML. XXV, 634, 
1 3), ferner die Auffindung vier rhodischer 
' Scherben im Vicolo Griso-Laboccetta, also in 



171 



Italien 1914 — 1920. 



172 



der Nähe eines sakralen und alten Mittel- 
punktes der Stadt (Not. 1914, 209—11, 
Fig. 1-2). 

In Sizilien knüpfen sich die Fortschritte 
wesentlich an die Namen Orsis und Gabricis. 
Einen nützlichen -Überblick über Sizilien 
überhaupt, bis 191 7, gibt Biagio Pace, Arti 
ed Artisti della Sicilia antica, 1917, 4 Tafeln 
und 93 Textabbildungen, Memorie della Acc. 
dei Lincei Cl. sc. mor. XV, 469—628. Das 
gut und knapp, ja mitunter, so bei Behand- 
lung der doch so dankbaren Münzen, zu 
knapp geschriebene Buch behandelt nach 
einer Einleitung Architektur, Plastik, Male- 
rei und Kleinkunst nacheinander, gibt eine 
Schlußzusammenfassung und bespricht in 
drei Appendici die Aktaionauffassung der 
Metope des Tempels E in Selinus, die Ikono- 
graphie der sizilischen Tyrannen und die 
literarisch oder inschriftlich überlieferten 
sizilischen Denkmäler in Olympia, Delphi, 
Delos und Lindos sowie schließlich den 
Bronzewidder aus Syrakus im Museum von 
Palermo. Als erster Versuch, die antike 
Kunstgeschichte der Insel aufzubauen, ist 
die Arbeit mit Dankbarkeit zu begrüßen, 
wenn man ihr auch wünschen möchte, 
daß es einer Neubearbeitung beschieden 
wäre, auch die mit Sizilien so eng ver- 
knüpfte Kunst des Brettierlandes und den 
Widerhall Siziliens im benachbarten Kar- 
thago einzubeziehen. Zahlreiche Denkmäler 
namentlich der Plastik in Ton, Stein und 
Bronze sind zum erstenmal überhaupt oder 
wenigstens leidlich brauchbar veröffentlicht, 
manche durchaus gut, andere durch mangel- 
haften Abdruck der Klischees beeinträchtigt. 
Ich nenne Fig. 10 ein archaisches Relief, 
^rtemis mit Bogen, im langen Peplos, aus 
Selinus, Fig. II den nicht, wie zu Arndt, 
Bruckmann, EV. 752—53 bemerkt, aus Li- 
byen, sondern aus dem Fondo Laianello bei 
der Kyane, Anapostal, stammenden archai- 
schen Fräuenkopf, Fig. 17 die Arula, Stier 
und Löwe, in Palermo sowie, auch in Pa- 
lermo, Fig. 23, die erste photographische 
Wiedergabe der Arula mit Quadriga aus Se- 
linus, die mit der Metope des Tempels C oft 
zusammen genannt wird, Fig. 32 — 33 Proto- 
mai aus Megara sowie die gleichen Terra- 
kotta- und Marmorköpfe von Syrakus, die 
auch Orsi Ausonia VIII, 64, Fig. II; 65, 



Fig. 10 veröffentlicht. Bei manchen dieser 
Stücke werden von Pace mit Glück rhodi- 
sche Beziehungen wahrscheinlich gemacht. 
F'g- 39 gibt die auch Ausonia VIII, 68, 
Fig. 13, 14 von Orsi veröffentlichte wichtige 
kopflose Peplosstatue in Syrakus, Fig. 61 
endlich einmal in leider schlechter Photo- 
graphie (s. auch Brogi 16 016—20) eine jener 
merkwürdigen weiblichen aus dem Fels ge- 
hauenen Sitzbilder (»Santoni«) von Akrai. 
Zu diesen Textwiedergaben von Werken der 
Großplastik kommen auf Taf. I das Kalk- 
steinrelief mit derrt Frauenraub aus dem 
Temenos der Westnekropole von SeHnus (der 
auf derselben Tafel reproduzierte, so eigen- 
artige pathetische Gigantenoberkörper aus 
dem Apollontempel ist freilich viel besser zu 
würdigen in der alten Wiedergabe im Bull, 
di Sicilia IV, 1871, Taf. IV), auf Taf. II 
eine Arula aus Selinus, die die Zurückhaltung 
eines nach rechts fliehenden Jünglings durch 
eine ihm nacheilende Göttin zeigt, nach Pace 
vielleicht ein Nachklang einer der verlorenen 
Gigantomachiemetopen des Tempels F, also 
ein Verhältnis wie die Quadrigaarula zur 
Metope des Tempels C, ein im Kunsthand- 
werk einer so abgesondert liegenden Stadt 
wohl denkbarer Vorgang. Dieselbe Tafel 
gibt den bisher nur durch die bescheidene 
Zeichnung Not. 1894, Fig. I bekannten zeus- 
artigen Marmorkopf aus dem Gaggerateme- 
nos, nächst vergleichbar mit dem Zeus der 
Idaszene auf der Metope des Tempels E, in 
freilich schlechter Profilaufnahme, sowie einen 
Poroskopf einer der Westmetopen des Tem- 
pels C, der bisher nur völlig ungenügend 
durch Serradifalco bekannt war. Taf. III 
bildet die auf dem greifengetragenen Thron 
sitzende kopflose Porosgöttin aus Solus ab, 
Taf. IV den hohe Götterkunst des 5. Jahr- 
hunderts spiegelnden wundervollen Terra- 
kottakopf, »polos «beschwert, einer den ersten 
Münzköpferi des Kimon verwandten Göttin 
aus Akragas im Museum von Syrakus, erst- 
malig herausgegeben und richtig beurteilt 
von Rizzo, Ost. Jahresh. XIII, 1910, Taf. I. 
Fig. 62 gibt eine Reihe anmutiger Solunter 
Terrakotten in Palermo, Fig. 66 wiederholt 
die von Orsi Ausonia VIII, 73, Fig. 15 
edierte Prajiitelische Gestalt eines gelagerten 
nackten Jünglings, Fig. 70— -71 junghelle- 
nistische, jedoch stark einheimisch umge- 



173 



Italien 1914 — 1920. 



174 






Abb. 41. Vasenbruchstück aus Kenturipe. 



formte Terrakotten aus den Museen von 
Syrakus und Palermo, Fig. 69 gibt eine 
erstmalige photographische Wiedergabe des 
guten Musensarkophags inj der Krypta des 
Doms von Palermo. Fig. 72 publiziert ein 
Exemplar aus der leider noch so wenig be- 
kanntgewordenen eigenartigen Reihe der ge- 
malten punischen Grabstelen aus Lilybaion 
in Palermo. Einige spätsikulische Vasen mit 
geometrisch-figürlichem Schmuck aus Le- 
ontinoi: Fig. 82—86. Aus seiner verdienst- 
lichen Veröffentlichung Ausonia VIII, 29, 
Fig. 2 und 30, Fig. 3 wiederholt Pace Fig. 87 
und 73 höchst interessante reliefierte und 
bemalte Gefäi3e aus Kenturipe (hier Abb. 41). 
Fig. 75 — 78 gibt hellenistische Goldschmuck- 
stückeaus der Sammlung Vagliasindi in Ran- 
dazzound dem Museum von Syrakus, Fig. 79 
die bronzenen Verkleidungsstücke lederner 
Gürtel aus dem großen Bronzefund von Men- 
dolito-Adernö, die Orsi Ausonia VIII, 55, 
Fig. 4 bekanntmachte, um mit ihrer Hilfe 
den Gürtel des von ihm ebenda S. 53, Fig. 3 
veröffentlichten ebenso eindrucksvollen wie 
in jeder Hinsicht barbarischen bronzenen Si- 
kulers(hier Abb. 42) zu erklären, freilich mit 
dem überraschenden Zusatz, dai3 er in den 
Sikulergräbern dieser späten Zeit, 7- — 5- Jahr- 
hundert, solche Gürtelnoch nie gefundenhabe. 
Auch auf die rohen Sikulerfiguren aus dem 
Binnenlande Ostsiziliens, den nackten Mann 



Ausonia 57, Fig. 5 und die Zweifiguren- 
gruppen 58, Fig. 6 und 59, Fig. 7 sei bei 
dieser Gelegenheit hingewiesen. Sie zeigen 
überraschend, welch eine tiefe Kluft auch 
noch im 6.-5. Jahrhundert zwischen grie- 
chischem und siku4ischem Können und 
Kunstempfinden herrschte. Denn aus dem- 
selben Adernö stammt der wundervolle 
idolinoartige, an die Zeit und Kunst des 
Myron, Pythagoras, Kaiamis gemahnende 
Bronzeephebe, den Orsi Ausonia VIII, 44 — 52 
vorzüglich behandeltund Fig. i — 2 abgebildet. 




Abb. 42. Bronzestatuette eines Sikulers 
aus Aderno. 



175 



Italien 19 14 — 1920. 



176 



Pace Fig. 41 wiederholt hat (unsere Abb. 43). 
Schließhch seien noch ein paar korinthisch- 
römische Kapitelle genannt, aus Palermo, 
Monreale, Syrakus, Fig. 5 — 7. — Einen hüb- 
schen, raschen Überblick, herabgeführt bis in 
die Gegenwart, bietet Orsi mit dem Kapitel 
»L'Arte in Sicilia attraverso i secoli« in 
der Guida d'Italia des Touring Club italiano, 
Mailand, Capriolo e Massimino 1919 (auch 
im Sonderdruck). — Die Grabungen des 
Jahres 1910 hatten für die protosikelische 
Station von Stentinello unmittelbar nörd- 
lich' der Syrakusaner Terrasse elliptische 
Gestalt und Umschließung durch einen Gra- 



167 — 91), den Wohnort und die Gräber zu 
finden, auch hier bis zu 200 Skelette in 
einem Grabe: Not. 1920, 333 — 35. — Cafici 
veröffentlicht (ML. XXIII, 485—538, tav. 
I— VI, mit 52 Textabb.) eine sorgsame 
Untersuchung zweier Siedelungsplätze, 
■ Trefontanel und Poggio rosso, 'der 
eine nördlich, der ^andere südlich des 
Simeto, beide nahe Paterno. Nur in der 
zweiten sind Hüttenböden gefunden, auch 
ein mit platten Kieseln gepflasterter Platz, 
der mit gebrannter Tonerde überdeckt war. 
Auch zum Decken der Hüttenwände dienten 
gebrannte Tonerdeplacken, von denen Stücke 




Abb. 43. Bronzestatuettc aus Ademo. 



ben festgestellt; die von Orsi bereits Not. 
1912, 357 in Aussicht genommenen weiteren 
Untersuchungen haben, wenn auch immer 
noch nicht die sehnlich erwarteten Gräber 
dieser Leute, im Innern eine Pfiasterstraße 
erwiesen und dadurch Stentinello mit der in 
Cannatello an der Südküste und Poggio 
rosso am Simeto (s. u.) klargelegten Siede- 
ln ngsform verknüpft (Not. 191 5, 209). — Für 
eine bei Comiso entdeckte Sikulernekropole 
verweist Orsi Not. 1915, 214 auf eine m. W. 
noch nicht erschienene Sonderbehandlung Pa- 
ces. — Nach langemSuchen ist es Orsi geglückt, 
zu den Leuten, die im Monte Tabuto die 
merkwürdigen Minengänge auf Feuerstein- 
gewinnung gegraben haben (Bull. pal. 1898. 



festgestellt wurden. Wie in Stentinello und 
Matrensa fehlen auch hier bis jetzt Gräber, 
die in weichem Boden gewesen, sein müssen. 
In beiden Stationen fand sich viel Basalt, 
Quarzit, Feuerstein, Obsidian, dieser in Tre- 
fontane reichlicher, seltener in Poggio rosso; 
Auch viel Pectunculusmuscheln. Während 
diese Steinformen viel primitiver anmuten 
als auf dem Festland, manches noch fast 
paläolithisch aussieht, ist die Keramik ent- 
wickelter, in Trefontane schon viel glänzend 
rote Ware, wozu Farbenreiber gefunden wur- 
den, viel weniger in Poggio rosso, nur zwei 
Stücke bis jetzt in Stentinello. In Tre- 
fontane setzt farbige Keramik ein, auf ge- 
meinsamen Ausgangspunkt mit Pulo di Mol- 



177 



Italien 1914 — 1930. 



178 



fetta, Matera, Thessalien weisend, in Poggio 
rosso fehlt sie noch; dagegen zeigt dieses 
sehr reichhaltige Preßtechnik in oft kom- 
plizierten, zum Teil der Natur entlehnten 
Formen und reichlicherer Ausfüllung mit 
Weiß als in Trefontane. Im allgemeinen ist 
das wohl etwas jüngere Trefontane Binde- 
glied zwischen der in Stentinello-Matrensa 
uns schon früher entgegengetretenen Kultur- 
stufe und der Sikulerperiode Orsi I; auch 
werfen diese Stationen etwas Licht auf das 
noch vielfach unklare Verhältnis zu West- 
sizilien — Villafrati-Moarda — , allerdings 
mehr im Sinne der Gleichzeitigkeit, so schon 
früher Orsi, als des Nacheinander, wie Pect 
meint. Immerhin mag die Entwicklung 
sehr langsam vor sich gegangen sein. Eine 
dritte Station dieser Zeit, in contrada Ca- 
faro, halbwegs zwischen Trefontane und 
Poggio rosso ist in Sicht (ML. 536, i). Über- 
haupt ist aus dieser für Frühkultur mehr 
wie andere lockenden Gegend noch viel zu 
erwarten, wenn nur, weil im Talboden, die 
Siedelungsreste nicht so schwer zu finden 
wären. — Endlich beginnt es nunmehr auch 
im früher Orsis Jurisdiktion entzogenen 
Nordostwinkel der Insel für die alten Zeiten 
lichter zu werden, für die Anknüpfung zum 
Festland natürlich von größter Wichtigkeit. 
Über eine kleine Sikulernekropole Orsi III 
bei Pozzo di Gotto unweit Castroreale 
berichtet Orsi Bull, di pal. XLI, 1916, 71—84. 
Während Bronzestücke bereits Spuren der 
Berührung z. B. mit dem griechischen Me- 
gara zeigen, ist die Keramik von Griechi- 
schem noch unbeeinflußt. Höchst sonderbar 
klingt der Fund einer an die Villanovaform 
anklingenden Urne mit einer kleinen Hand- 
voll Asche, welche nach einer Untersuchung 
im Museo antropologico in Florenz von 
Leichenbrand herrühren soll. Das wäre der 
erste Fall von Brandbestattung in der ganzen 
Sikulerkultur, daher zunächst mit großer 
Vorsicht aufzunehmen. — Ferner sind Si- 
kulergräber gefunden auf dem Hochplateau 
von Cocolomazzo zwischen Mola und der 
Akropolis von Taormina, auch Orsi III, 
ärmlich, aber doch ein Beweis, daß die auf 
der Landspitze von Naxos sich festsetzenden 
Hellenen mit nahen Landeseinwohnern sich 
friedlich hatten auseinandersetzen müssen; 
denn bei vorhandenem Gegensatz hätten die 



Chalkidier sich wohl einen besser natur- 
geschützten Platz ausgesucht (Not. 1919, 
360—69). — Die Erforschung des griechi- 
! sehen Sizilien hat einen bedeutenden Schritt 
j vorwärts getan durch Orsis Bearbeitung des 
[ Mittelpunkts des heutigen wie des ältesten 
! Syrakus, indem er nach Beendigung der 
Untersuchungen über und unter dem alten 
Athenatempel, der heutigen Kathedrale, und 
i Tastungen nördlich derselben, die bereits in 
j die vorgriechische Zeit hinaufführten (Not. 
1 1910, 519— 41), in mühsam durchgerungenen 
I Grabungen, welche den großen, nördlich sich 
hinbreitenden Platz (Piazza Minerva, lang 
i HO m, breit durchschnittlich 15 m, teil- 
i weise jedoch bedeutend mehr) und auf der 
i Südseite den Hof des erzbischöflichen Pa- 
lastes — leider noch nicht das vor der Ost- 
front liegende Gebiet des Albergo di Roma — 
gründlich durchforschten, 1912— I7,uns einen 
tiefen Blick in die Geschichte des alten 
Syrakus ermöglicht hat (ML. XXV, 1918, 
353—762, mit 26 Tafeln und 268 Textabb.), 
als Grabungsarbeit wie als Verarbeitung der 
Ergebnisse eine gleich imposante Leistung 
Orsis und seines technischen Helfers, des 
trefflichen R. Carta. "In Wort und Bild, 
Plänen und Zeichnungen ist alles aufs ge- 
naueste festgehalten. Massenhafte archi- 
tektonische Terrakotten von den verschieden- 
sten Abmessungen erweisen einstige Fülle 
kleiner Naiskoi. Nördhch des späteren 
großen Tempels erhob sich einstmals ein 
kleinerer alter Tempel aus Stein, dem wohl 
ein Holztempel voranging, östlich davor, zum 
j Stein tempel, wie ja. oft, nicht in rechtwinkli- 
i gem Verhältnis ein langer Altar (Rekon- 
struktion Fig. 261) mit schönen Krateutai. 
Den späteren großen Tempel hat Orsi nach 
den Schichtungsverhältnissen, den Einzel- 
formen, besonders der Kapitelle, Löwen- 
speier u. a., auch den Fundstücken, dem 
was da war, dem was fehlt, z. B. noch jede 
rf. Scherbe, gegen Koldewey-Puchstein als 
Deinomenidentempel festgestellt; ein ent- 
wässernder Kanal läßt ihn auf ein Hyp- 
aithron schließen: denn die den Kanal 
einfassenden Mauern sind alt, wovon ich 
mich 1914 selbst überzeugen konnte. Alte 
Wegführungen, Tcmenosmauern, ein wahr- 
scheinliches Propylon, Weihgeschenkträger 
und Stelen — leider mit sizilisch-groß- 



179 



Italien 1914 — 1930. 



180 




Abb. 44. Altarwange aus Syrakus. 



griechischer Stummheit (die wenigen In- 
schriftstücke, darunter wohl der älteste 
griechische Inschriftrest, Bustrophedori, fak- 
simihert und sorgsamst besprochen Fig. 202 
bis 209) — vervollständigen das Bild einer 
Anlage, die zu den bekannten Tempelkom- 
plexen von Akropolis und Heraion, Delphi 
und Delos, Aigina und Eleusis, Epidauros 
und SeUnus West eine wichtige Parallele 
bietet. Auf das sorgsamste sind die Schich- 
ten festgestellt, zuunterst Sikuler, sogar eine 
Rundhütte; Fig. 108 zeigt merkwürdige 
Sikulerplastik : zwei fragmentierte Stier- 
köpfe, der eine sehr unvollkommen und stark 
stilisiert, der andere naturalistisch und, an- 
scheinend, ein- Kalb. Alles Orsi III, also 
entgegen der von Orsi selbst gegebenen Be- 
obachtung, daß die Sikuler dieser Periode 
mehr im Inneren, unzugängHcher auf den 
Berghöhen usw. zu hausen pflegten, zurück- 
gezogen vor den griechischen Siedlern, oder 
Seeräubern, an der Küste. Es folgen, durch 
zahlreiche architektonische, plastische und 
keramische sowie andere Einzelfunde, alle 
soweit irgend wichtig, abgebildet, bezeugt, 
protogriechische, archaisch-griechische Dinge 
durchs ganze Altertum durch bis zur Zeit der~ 
Byzantiner, die hier nahe der Kirche viel- ■ 
fach begruben. Auch eine echtägyptische 
Porphyrpyxis, wohl für Aromata, mit dem 
Namen Ramses IL ist ein Gruß ältester 
Zeit (Fig. 201). Die Folgen der verschiede- 
nen Materialien sind interessant. Archi- 
tektonisch fast alles dorisch, ionisch nur 
Palmettenakrotericn, zum Teil sehr Schönes, 



z. B. tav. XXIII (hier Abb. 44) von den Kra- 
teutai des Altars u. ^dgl. Besonders reich an 
Aufklärung aller Artist das sorgfältige Kapitel 
der architektonischen Terrakotten, durch 
Tafeln, Textabbildungen und scharfsinnige 
Rekonstruktionen ungemein anschaulich ge- 
staltet, sich lehrreich ergänzend mit Kochs 
Campanischen Dachterrakotten ; mit beson- 
derem Nachdruck weist Orsi 654— 56 z. B. auf 
das hier zuerst auf griechischem Boden sich 
findende Motiv des hängenden Palmetten- 
frieses hin, den Koch in Capua bereits fest- 
gestellt hatte. Wundervoll ist die auf tav. 
XVI in ihren leuchtenden Farben veröffent^ 
lichte archaische Gorgo (photographisch auch 
Not. 1915, 178, Fig. I und Pace Fig. 43; hier 
Abb. 45), mit dem Pegasos im rechten Arm 
nach links knielaufend, eine nur 0,50 m hohe 
Tonplatte, also nach Orsi schwerhch architek- 
tonisch verwendet, sondern vielleicht ein Son- 
dervotiv (?), durch den Vergleich mit zwei 
bisher unveröffentlichten Gorgoneia aus Gela 
(Fig. 210) und Hipponion (Fig. 211) u.a. 
trefflich erläutert. Die Reihe dieser groß- 
griechisch-sizilischen Gorgoneia wird nun- 
mehr noch erweitert durch das leider bis jetzt 
erst in sieben Stücken sehr teilweise ver- 
tretene kolossalste aller antiken Gorgoneia, 
das vielleicht den Ostgiebel des Tempels C 
in Selinus geschmückt hatte, 2,50 m hoch 
und in verschiedenen Stücken hergestellt, 
die selbst wieder durch inneres Strickwerk 
in bis jetzt gänzlich unbekannter Weise ver- 
stärkt waren; Stücke eines etwas kleineren 
mögen, so meint Gäbrici, den Westgiebel 



I8l 



Italien 1914 — 1920. 



182 



gefüllt haben. Dieser überraschende Fund, 
der hoffentlich Gabriels Wunsch nach er- 
neuten Grabungen um den Tempel C mäch- 
tig unterstützen wird, wurde vom Entdecker 
bekanntgemacht in einer vorzüglichen Ab- 
handlung »ir Gorgoneion fittile del tempio 
C di Selinunte« in den Atti della R. Acc. di 
scienze lettere e belle arti di Palermo Ser. III, 
vol. XI, 1919, 3 — 15 mit zwei Tafeln. — 
Skulptur nicht allzu viel; bemerkenswert na- 
mentlich eine kretisierende Göttin, nur Ober- 
körper, in einem Naiskos, eine eingeführte 
»chiotische« Nike Taf. XV, einige Terra- 
kottaplastik. Viele ältere Vasen, geo- 
metrisch, protokorinthisch (z. B. zwei feine, 
kleine Lekythen tav. XIII— XIV), korin- 
thisch, rhodisch tav. XII, wenig attisch sf., 
keine rf. Vasen. Alles wundervoll beobachtet 
und vorzüglich aufgenommen — namentlich 
sehr schöne Durchschnitte — , nach allen 
Seiten lichtgebend. Auch die Opferschichten 
und die Speisereste sind aufs genaueste un- 
tersucht. Es ist die ausführlichste und beste 
Behandlung, die je eine Tempelumgebung in 
Sizilien- Italien erfahren hat, in wahrhaft 
historischem Geiste geführt. Dabei Re- 
produktion, Druck, Papier alles beste Frie- 
densarbeit. — Auch sonst hat unsere Kennt- 
nis des alten Syrakus sich erweitert, worüber 
Bericht Orsis Not. 1915, 175—208 und 1920, 
303 — 27. — Unter dem Südrand von Epipolai 
fand Orsi altsikulische Gräber der ersten und 
zweiten Periode, darunter eins, dessen Vor- 
halle einstmals durch zwei allerdings un- 
regelmäßig gestellte Pfeiler gestützt war, 
also ähnlich, wenn auch nicht so wirkungs- 
voll, wie die bekannte Fassade von Cava 
Lazzaro (Aus. I, 1906, 7, Fig. 2), in denen 
Orsi den Felsersatz sieht für Holzpfosten, 
welche das Reiser- oder Strohdach der 
Wohnhütte getragen hätten (Not. 1920, 303). 
Südlich vom Amphitheater, auf der Linie 
Ortygia- Portella delFusco wurden große grie- 
chische Mauerstücke entdeckt, gewaltige Qua- 
dern mit Gußwerk dazwischen, also gutes Em- 
plekton, später absichtlich zum Teil zer- 
stört, vom Material manches beim Amphi- 
theater verwendet. Orsi möchte hier die 
lange gesuchte Stadtmauer erkennen, welche, 
natürlich in jüngerer, etwa Dionysioszeit, 
Ortygia und die Hügelstadt miteinander ver- 
bunden und Syrakus nach der Anaposebene 



abgeschlossen haben muß (Not. 191 5, 190). 
Diese Vermutung zu sichern und in diese und 
frühere Entdeckungen Zusammenhang zu 
bringen, dienten weitere Untersuchungen, 
über die Not. 1920, 305 — 09 berichtet ist. 
Den Südrand der Epipolaiterrasse sowie 
die in denselben einschneidenden Aufwege, 
besonders die wichtige »Pylis«, noch heute 
»Portella del Fusco« (wie Orsi den Namen 
gewiß richtig kombiniert), und die ganze 
vorgelagerte Fuscoterrasse gegen die Anapos- 
ebene zu sichern, mußte das Hauptaugen- 
merk von Festungsingenieuren sein, di,e 
Groß- Syrakus mit dem Hafen und der Or- 
tygia in gesicherte Verbindung setzen woll- 



ji^sr??. 




Abb. 45. Gorgo, Terrakottaplatte aus Syrakus. 

ten. Eine Reihe glücklich und absolut sicher 
verbundener Mauerstücke erlaubten Orsi 
schon 1903 (Not. 1903, 517—23), ein Außen- 
werk festzustellen, das mit den gewaltigen, 
von Cavallari bei Anlage des Friedhofs ge- 
fundenen Mauern in einem vorwerkartigem 
I Verhältnis stand (s. den Plan Not. 1903, 524, 
Fig. 8 = 1920, 306, Fig. 3) und die Ver- 
bindung zur Portella sicherstellte. Nunmehr 
hat er den Anschluß der Südmauer an die 
Portella del Fusco, Mauerstück, einen ge- 
waltigen Turm und einen Verschluß des 
Portellaaufgangs selbst gefunden (Not. 1920, 
308—09, Fig. 4—5). Immer mehr lernt 
man staunen vor der raschen und durch- 
dachten Arbeit des Dionysios, welche die 



i83 



Italien 1914 — 1920. 



184 



Stadt und damit das sizilische Griechentum 
gegen den Punier schützen sollte. Ähn- 
lich haben Grabungen am Euryalos, in 
Fortsetzung der für den Festungsbau so 
ungemein ausgiebig gewesenen Untersu- 
chungen früherer Jahre (Not. 1904,284 bis 
286; 1905, 390-91; 1912, 299—303), eine 
Mauer aufgefunden, welche den lange ge- 
suchten Abschluß des Kastells nach der 
Epipolaifläche darstellte (Not. 1915, 191 bis 
192). Es war eine prächtige, wohl von 
Dionys errichtete Quadermauer, die zutage 
kam (Not. 1920, 305 Fig. 2) mit schönem Tor, 
dahinter, kaum i m entfernt, eine starke 
Futtermauer, wohl gegen den Erddruck er- 
richtet. Das Bild konnte früher nicht klar 
werden, weil Cavallari sich durch byzanti- 
nisch-arabische Flickmauern täuschen ließ, 
die mit altem Material den wichtigen Be- 
obachtungsposten nach jahrhundertelangem 
Verlassensein wieder zu sichern versucht 
hatten (Not. 1920, 305—09). Immer mehr 
nähert sich die Kenntnis dieser einzigartigen 
Festung jener Vollendung, die eine große, 
zusammenfassende und schon lange geplante 
Veröffentlichung ermöglichen wird, wie sie 
Orsi vorbereitet. Südlich des Belvedere ist 
ein ländliches Artemision, ähnlich dem von 
Scala greca (Not. 1900, 353—87) entdeckt, 
ebenfalls reich an Terrakotten, besonders des 
5. Jahrhunderts, unter denen neben Artemis 
auch Kora und Demeter stark vertreten 
sind. Die Menge des wertvollen Terrakotten - 
materials sei so groß, so viele neue religions- 
und kunstgeschichtlich wichtige Typen, daß 
eine umfassende und reich mit Abbildungen 
ausgestattete Veröffentlichung nötig sei (Not. 
1915, 192—93). Die geschichtlich neben den 
Ortygiagrabungen wichtigste Entdeckung ist 
jedoch diejenige neuer Fuscogräber, und zwar 
endlich solcher des 5. Jahrhunderts, die bis- 
her bekanntlich so auffällig fehlten (Not. 
1915, 181—85). Sind auch viele von ihnen 
durch Menschenhand oder die Anschwem- 
mungen des Anapos, wie Orsi früher ver- 
mutete, zerstört, so hat doch der Bau von 
Betriebsgebäuden der Bahn Syrakus-Vizzini 
am äußersten Südrand der Fuscoterrasse 
noch sicheren Anhalt geboten, um in mehr- 
monatlichen Grabungen des Jahres 1914 
längs einer antiken Straße 94 Gräber fest- 
zustellen, deren große Mehrzahl eben dem 



5. Jahrhundert angehört. Der Mischcharak- 
ter der Großstadt bedingte auch die Ver- 
schiedenheit des Ritus; in 33 Fällen konnte 
■ Brand, in 44 Bestattung sicher beobachtet 
werden, und zwar wurde P-'ndasche regel- 
mäßig in bemalten Vasen ocigesetzt, diese 
in meist runden Bodenvertiefungen, die mit 
Steinplatten oder Ziegeln ausgestellt und 
überdeckt wurden; in 7 Fällen konnte Ver- 
brennung der Leiche in situ festgestellt wer- 
den, die Leiche gestreckt auf der Scheiterlage 
und hernach, ohne Aschensammlung, nicht 
gerührt, also so wie es auch in Lokri, Medma, 
Kaulonia vielfach geschah (s. 0.!). Die Be- 
stattungsgräber waren meist einfache, läng- 
liche Gruben, oben erweitert, selten ausge- 
füttert oder stuckiert, mit mächtigen Stein- 
platten gedeckt; zwei große monolithe Sar- 
kophage beweisen, daß auch diese aus Gela 
und Akragas besonders bekannte vornehm- 
schöne Form hier nicht unbekannt war. 
Auch einige Kruggräber — Kinder — fanden 
sich, wie überall auf griechischen Begräbnis- 
plätzen. Stelen wurden als ganze nicht ge- 
funden, doch bezweifelt Orsi nicht, daß es 
solche gegeben habe, da allerlei plastische 
Bruchstücke, namentlich von Reliefs in Mar- 
mor oder feinem Kalkstein und auch Ar- 
chitekturfragmente sich fanden, so daß auch 
auf kleine Grabbauten, Naiskoi, wird ge- 
schjossen werden dürfen. Nach einfacher 
griechischer Sitte beschränken die Beigaben 
sich fast durchweg auf Gefäße, wenige aus 
Bronze, meist aus Ton; keinerlei kostbarer 
Schmuck, keine Münzen; merkwürdig ein- 
mal unter dem Haupte eines Jünglings sein 
eiserner Diskos. Ältere Vasen sind selten, 
einige wenige protokorinthische, korinthi- 
I sehe, schwarze Buccheroschalen, auch ganz 
I wenige attisch-sf., dagegen einige streng-rf., 
I in größerer Menge schöner und reicher Stil 
bis in die Meidiaszeit und weiter herab, so 
daß in der Gegend bis in das 4. Jahrhundert 
hinab bestattet sein wird. Das ganze Ma- 
terial ist so reich, daß Orsi eine Veröffent- 
lichung in den ML. in Aussicht stellt. Weiter- 
hin gegen das Westende der Fuscoterrasse, 
kurz bevor die Straßen nach Floridia und 
hinauf nach dem Belvedere sich trennen, in 
contrada Canalicchio, wo schon früher eine 
Grabkammer mit vielen Bleiurnen aus dem 
2. Jahrhundert v. Chr. gefunden war (Not. 



i85 



Italien 1914 — 1920. 



186 



1913, 275), traten weitere Gräber der äußer- 
sten Syrakusaner Nekropole des 3-— 2. Jahr- 
hunderts zutage (Not. 1915, 185—86); außer 
dem übrigen Inhalt bestätigen Münzen jener 
Zeiten, hier 'J^rst auftauchend, die An- 
setzung, auch eine Stele mit dem Namen 
eines Massalioten Xenokritos S. des He- 
phaistokles aus Massalia (Fig. 5); unweit 
davon, ebenso an der Straße nach Floridia, 
wurde ein monolither Kindersarg gefunden 
mit bemalten Vasen des ausgehenden 4. oder 
schon des 3. Jahrhunderts und feinem Gold- 
schmuck (Fig. 6—7), worunter ein Ring, in 
dem ein sehr viel älterer Skarabäus gefaßt 
ist, augenscheinlich ein aufgehobenes altes 
Stück, je älter, um so zauberkräftiger. 
Dieselbe Nekropole del Canalicchio, im 
äußersten Westen der Fusconekropole, von 
ihr durch einen gräberfreien Streifen ge- 
trennt, hat Orsi in Wiederaufnahme seiner 
früheren Versuche 1920 wiederum gelockt: 
ist es ihm doch Überzeugung (Not. 1920, 309) 
daß die freilich von den Karthagern wohl 
zerstörten Königsgräber auch in dieser Ge- 
gend zu suchen seien: Not. 1920, 321—26 
wird Wertvolles berichtet, auch Fig. 14—17 
Grund- und Aufrisse gegeben. Die Bei- 
gaben und zahlreiche Münzen gestatten 
freilich wieder nur Datierung von der 
Mitte des 3. Jahrhunderts in das I. Brand 
und Bestattung, dieser Zeit gemäß, wahllos 
gemischt; z. B. im Grabe Fig. 15 nur eine 
bestattete, 13 verbrannte Leichen. Orsi 
bezeichnet seinen Bericht als durchaus vor- 
läufigen. — Das interessante Gräbergebiet im 
Südostwinkel des Temenites, nördlich von der 
I^atomia S. Venera, jedem Besucher von Sy- 
rakus in Erinnerung durch die hellenistischen 
Grabfassaden — unter denen jene des sog. 
Archimedesgrabes — und die vielen Formae, 
wurde wissenschaftlich • nur angearbeitet 
durch Orsi, der eine Besprechung und Ver- 
öffentlichung ganz später Gräber einleitete 
durch einige orientierende Worte über die 
früheren (Not. 1896, 334—35); jetzt hat er 
sein altes Interesse für diese Gegend Not. 
1920, 316— 18 wieder betont und eine Gruppe 
ärmlicher Gräber des in Syrakus bisher ja 
so auffällig schwach vertretenen 5. Jahr- 
hunderts, 29, und eine andere des 2. — i. 
Jahrhunderts der Aufmerksamkeit empfoh- 
len auch wegen der damit verbundenen topo- 



I graphischen Frage; denn die älteren Gräber, 
jedenfalls vor der athenischen Belagerung 
angelegt, weil vor der vollständigen Um- 
mauerung der Stadt, sind möglicherweise 
schon damals von Mauern mitumschlossen 
gewesen, aber fern von der bewohnten Stadt, 
so daß die rituellen Gründe vielleicht nicht 
mehr entscheidend mitgesprochen hätten. 
Ein archaisches, schon früher durch Zufalls- 
funde zu erschließendes Gräberfeld in der 
Gegend von S. Lucia gehörte zur Unterstadt 
auf der von Gelon vermutlich durch eine 
Sonderbefestigung geschützten Achradina, 
d. h. in eine Zeit, als Ortygia und Achradina 
noch nicht zu einer Stadt verschmolzen wa- 
ren, also eine wichtige Tatsache zur Stadt- 
geschichte. Zwischen dem 3. und I. Jahr- 
hundert wurde dies Gebiet mit ärmlichen 
Häusern bedeckt, deren Reste wieder man- 
cherlei Fundstücke der hellenistisch-früh- 
römischen Zeit, darunter auch römische 
Bleiröhren mit Inschriften ergaben. Auch im 
erweiterten Bahnhofsbereich wurden einige 
hellenistische, römisch umgebaute Häuser 
entdeckt. Von Einzelfunden sind besonders 
beachtenswert und werden von Orsi einem 
Sonderstudium empfohlen die Schichten voll 
hellenistischem Abhub aller Art, dem alten 
Industrie- und Hafengebiet entstammend, 
unendliche Mengen von Küchenabfällen, von 
rhodischen Amphorenhenkeln, Conzeschen 
Kohlenbeckengriffen, neben italiotischem 
Tongeschirr viele nach dem Osten weisende 
Reliefkeramik, Emblemataschalen und »Ter- 
ra sigillata«, Stücke von Fayencevasen, 
einige Terrakottenfiguren, teils tanagraartig, 

' teils mehr Myrina, Reste von Glasgefäßen 
usw. Das alles wird für Handels- und Ge- 
werbegeschichte noch eine Menge Aufschlüsse 
bringen. Sonderbar und auch für Orsi neu 
ist eine Gruppe von kleinen, durch ihre 
Spindelform hellenistisch anmutenden Ge- 
fäßen, die mit geronnenem Pech gefüllt wa- 
ren und auf der Außenseite eigenartige, 
aus Buchstabenelementen zusammengesetzte 
oder, nur zweimal, figürliche Stempel zeigen. 

1 Sie sind aus dem großen Hafen gebaggert 

' worden und werden vermutlich im Schiffs- 
baugewerbe benutzt sein. Sowohl Orsi wie 

1 mich muten sie durchaus byzantinisch an, 
wenn auch die figürlichen, mehr an Tiere auf 
gallischen Münzen erinnernden Stempel be- 



i87 



Italien 19 14— 1020. 



188 




Abb. 46. Arretinischer Becher aus Syrakus. 



denklich machen können (Fig. 15). Auf 
Fig. 8—14 bildet Orsi schließlich einige teils 
in den Nekropolengebieten, teils in der The- 
atergegend und im Bahnhofsbereich gefun- 
dene Marmorskulpturen ab, unter denen be- 
sonders bemerkenswert sind Fig. 13 eine 
archaische, langgewandete, nach rechts ei- 
lende weibliche Statuette aus par. Marmor, 
die Orsi wie ein Prototyp der Laphria an- 
mutet, freilich altertümlicher und in Ver- 
hältnissen und Ausführung recht verschieden, 
ferner Fig. 14 ein trefflicher bartloser, be- 
helmter Kriegerkopf — schwerhch weib- 
lich — , beides Stücke aus dem Anfang des 
5. Jahrhunderts, in denen Orsi, der eine be- 
sondere Veröffentlichung darüber verheißt, 
Reste einer Giebelkomposition erkennen 
möchte; eine bedeutende Menge in der Nähe 
dieser Stücke gefundener archaischer Terra- 
kotten, so etwa 50 Protomai mit Aufhänge- 
löchern, viele weibliche Sitzfiguren, die Köpfe 
oft mit dem »Polos« bekrönt, auch eine Menge 
kleiner Köpfe strenger Art sowie einiges alter- 
tümliche Geschirr lassen Orsi hier die Stätte 
eines zwischen Ortygia und der Fusconekro- 
' pole gelegenen kleinen Heiligtums erkennen. 
Von einem für Syrakus ja äußerst seltenen 
Grabrelief des ausgehenden 5. Jahrhunderts 
stammt der leider allein erhaltene Mittel- 
körper eines in langsamer Bewegung nach 
rechts befindlichen, schon stark naturalisti- 
schen Knaben (Fig. 8). In demselben 
dichtbewohnten Hafengebiet zwischen Achra- 
dina und Ortygia, Gegend von S. Lucia 
nach dem Meere zu, sind bei Zisternenunter- 
suchungen einige wertvolle Einzektücke ge- 
funden : zunächst ein männlicher Porträtkopf 
(3i3i Fig- 7), schon in alten Zeiten so ab- 
geschnitten, daß nur die Maske übrig blieb, 



die durch Eisenklammern an einem Hinter- 
grund befestigt war: ein kraftvolles Römer- 
antlitz,' zwischen 50— 60, bartlos, willens- 
starke Züge ohne jede Liebenswürdigkeit, 
große abstehende Ohrmuscheln, keinerlei 
Ausarbeitung des Augensterns, das Haar in 
einzeln modellierten, beweglichen Löckchen. 
Die wichtige Zutat einer dünnen Binde, 
welche die Stirn umgebe und mit 15 Löchern 
versehen sei, um Kranzblätter oder Strahlen 
aufzunehmen läßt das Lichtbild leider nicht 
klar genug erkennen. Magerer, knochiger 
Brust- und Schulteransatz, über der linken 
Schulter ein Stück Mantel. Das Diadem 
und die an bekannte Typen des 3.-4. Jahr- 
hunderts lebhaft erinnernden physiognomo- 
; nischen Eigentümhchkeiten ließen Orsi an 
einen Kaiser jener Zeiten denken. Aber 
abgesehen davon, daß sich ein genau ent- 
sprechendes Kaiserbild nicht finden will, 
steigen Orsi selbst die Bedenken auf, die 
jeder empfinden wird. Künstlerische Be- 
handlung, der ganze Stil, weisen den Kopf 
i in die Tradition, welche im letzten Jahr- 
■ hundert der Repubhk beginnt und mit 
Traian aufhört. Mir scheint — immer 
' nach dem Bilde — der Kopf in die flavische 
: Zeit zu gehören, besonders mit den Nerva- 
köpfen ist die Stilähnlichkeit groß. 

Unter zahlreichen Bruchstücken arretiner 

Ware, die ebenfalls einer Zisterne entstam- 

! men, sind die Trümmer eines Bechers be- 

I merkenswert (Not. 1920, 314, Fig. 8), der 

I durch den Stempel »Atticus Naevi« als Ar- 

; beit eines auch sonst bekannten Sklaven 

des Puteolaner Großfabrikanten Naevius (s. 

CIL. X, 8056, 56; Behn, Rom. Keramik 

im röm.-germ. Zentralmus. Mainz, 1910, 

227— -28, Nr. 1509—13; S. Löschcke, Mitt. 



i89 



Italien 19 14 — 1920. 



190 



d. Altertumskomm. f. Westfalen V, 1909, 
178) erwiesen wird und eine sonderbare Dar- 
stellung des Kerberosraubes durch Herakles 
aus der mit zinnentragenden Türmen be- 
wehrten Unterwelt zeigt, der Kerberos von 
Schoßhündchenproportionen; zu beiden 
Seiten werden andere Unterweltsszenen an- 
geschlossen haben, zur Rechten vielleicht das 
gefesselte Heroenpaar (Abb. 46). — Eine aus- 
gezeichnete Karikatur eines kahlschädligen, 
mit gewaltiger Nase bewehrten Mannes ale- 
xandrinischer Art ist der Terrakottakopf Not. 
316, Fig. 9 (wonach hier Abb. 47). — Leider 
nicht veröffentlicht ist das Oberteil einer als 
»grandios« von Orsi Not. 1920, 318 bezeich- 




Abb. 47. Terrakottakopf aus .Syrakiis. 

neten Karyatide aus stucküberzogenem Kalk- 
stein aus derZeit der Neuherrichtung des The- 
aters durch Hieron II., dort gefunden bei Gra- 
bungsarbeiten, mit denenOrsi die mittlerweile 
prämierte Arbeit Rizzos über das Theater 
von Syrakus unterstützte, die im Druck ist. 
Zahlreiche stabförmige »Gladiatorentesseren« 
fanden sich beim Amphitheater, mit lateini- 
schen, jedoch wenig lesbaren Aufschriften; 
mehrfach beginnen dieselben mit »EGO«; 
spectavit ist nirgends gelesen. R. Herzogs 
Entdeckung, welche diese Anhänger als 
Tesserae nummulariae erweist (Abh. der 
Gießener Hochschulgesellschaft I. Aus der 
Geschichte des Bankwesens im Altertum. 
1919), war Orsi bei Abfassung seines Be- 
richts noch unbekannt (Not. 319—21). — 
Interessant sind schließlich zwei ebenfalls 
beim Amphitheater zutage gekommene Maß- 



stäbe aus Knochen, zum 
Zusammenlegen und 
Feststellen eingerichtet, 
an den Enden und bei 
den Scharnieren mit 
Kupferblech umkleidet, 
eingeteilt nach dem rö- 
mischen Fuß 0,2957 m 
(Not. 321, Fig. 13; hier 
Abb. 48). Not. 1920, 310, 
Fig. 6 gibt Orsi eine 
merkwürdige' Zisterne 
unter einem altgriechi- 
schen Hause der Ortygia 
(6. Jahrhundert) in Gra- 
benform mit Einsteig- 
öffnungen. Orsi betont 
die Notwendigkeit, die 
alte Arbeit Schubrings 
über die Bewässerungs- 
systeme von Syrakus auf 
neuer Grundlage wieder- 
aufzubauen. — Auch die 
Erforschung des christ- 
lichen Syrakus hat be- 
deutende Fortschritte 
gemacht (Not. 1915, 
203—08; 1918, 270—85; 
1920, 326 — 27): mehrere 
neue Katakomben wur- 
den entdeckt, schon 
früher bekannte genauer 
durchforscht, von letzte - 
ren namentlich, in fünf- 
jähriger Arbeit, die Kata- 
komben von S. Lucia, 
früh, vielleicht schon im 
2. Jahrhundert (noch 
keine Täfelchen aus Mar- 
mor) angelegt, anders 
wie die bekanntesten, 
erst nach freigegebenem 
Kultus erbauten Kata- 
komben von S. Giovanni. 
Die Ansichten Führers 
und Schultzes sind viel- 
fach verbessert, manche 
Graffiti und Wandge- 
mälde, auch byzanti- 
nische, entdeckt. Der 
letzte Bericht Orsis mel- 
det in mehr kurz an- 



m 



m 




J3 
< 



191 



Italien 1914 — 1920. 



192 



kündigender Weise über Arbeiten [in den 
Katakomben (Not. 1920, 326 — 27), sowohl : 
derjenigen von S. Lucia (s. Not. 1918, 
270 ff.), wie einer neuen »Bracciamore«, in 
derselben Gegend, in zwei Stockwerken, un- 
ermeßlich reich an Lampen, der Cassia, uns 
bisher besonders durch Führers Behandlung ' 
Abh. bayr. Akad. 1897, 710 — 29 bekannt, wo 
sieben Kampagnen vor- und nachkonstan- I 
tinische Teile haben scheiden lehren, viele 
Malereireste zutage förderten, wo es noch 
immer viele verschlossene Loculi gibt, 
schHeßlich in einem »Ipogeo Fortuna«, meer- 
wärts von S. Lucia, wo vorchristliche Kom- ' 
plexe von 4 — 5 Grabkammern des 2. — 3. 
Jahrhunderts in einen einzigen Raum zu- | 
sammengelegt wurden, sich auch jetzt noch j 
Loculi mit Beisetzungen nach vorchrist- ■ 
lichem Ritus und vereinzelte Brandbestat- 
tungen fanden, auch viele Lampen vorchrist- 
licher Art. — AuchCatania, dessen historische 
Topographie trotz der eifrigen Bemühungen 
Holms, Sciuto Pattis, Vaters und Sohnes, u. 
a. bis in die jüngste Zeit infolge der teilweisen 
Überdeckung durch Lava und derdichtenund 
andauernden Besiedelung so vielfach dunkel 
geblieben ist, beginnt langsam sich aufzu- 
hellen. Orsi faßt Not. 1915, 215 — 25 und 
19181 53 — 71- mancherlei zusammen. Die 
Expropriation des Odeion, wenigstens zu 
seinem größeren Teile, des Nachbarbaues des 
Theaters, hatte schon kurz vor dem Kriege 
begonnen zu seiner Freilegung den Weg zu 
ebnen, gegen Ende 191 7 war beendet, was 
bis jetzt gemacht werden kann; schon im 
Mai 1914 konnte ich mich von der vorzüg- 
lichen Erhaltung des überhaupt Erhaltenen, 
großer Teile der Cavea, überzeugen; das 
^- Bühnengebäude scheint leider verschwunden. 
Wichtiger sind Orsis Versuche, die Gräber- 
verteilung Catanias zu ermitteln, um, wenn 
möglich, auch durch neue und gut kon- 
trollierte Untersuchungen weiterzukommen, 
als einige sorgsam von ihm gesammelte No- 
tizen (68 — 70) über im Nordwesten der alten 
Stadt früher gemachte Funde korinthischer 
und attischer Vasen des 6.-5. Jahrhunderts 
— s. die Lekythen Fig. 15 und die pan- 
athenäische Amphora der alten Reihe RM. 
1900, 258—59, Fig. 3—4 — es bis jetzt ge- 
statten. Leider ist nur ein Fund gleich alter 
Zeit von aus Steinplatten zusammengesetzten 



Bestattungsgräbern an der Via Etnea unter 
dem neuen botanischen Institut ihm trotz 
emsigen Forschens bekannt geworden. In 
einer späteren Gräbergegend, unweit S. Ma- 
ria di Gesü, ließ sich der Unterbau einer dori- 
schen Grabaedicula frühhellenistischer Zeit 
feststellen, auch spät noch, unter allerlei 
Veränderungen für Deposition dann aller- 
dings unterirdischer Sarkophage (s. z. B. den 
Bleisarg Fig. 12— 13 mit kleiner, verschheß- 
barer Öffnung im Deckel, genau wie der Bull. 
Inst. 1833, 172— 76 beschriebene) verwendet. 
Ebenso wie in Syrakus, so ist also auch hier 
die Errichtung solcher Grabnaiskoi, wie wir 
sie namentlich aus Tarent in Originalresten 
und von den Vasenabbildungen kennen 
(s. Pagenstechers Unteritalische Grabdenk- 
mäler), bezeugte Sitte. Den Niedergang der 
Stadt gegen Ausgang des Altertums bestätigt 
hier, wie so oft, die Ausbreitung des Gräber- 
gebiets über Stadtgegenden, die fjüher dicht 
besiedelt waren und wo unter den späten 
Formae frühere Häuserreste hervorkommen. 
So dehnt sich zwischen der Piazza del Duomo 
und dem Meere über einem Gebiet voller 
alter zerfallener Gebäude eine große Reihe 
ausgedehnter Grabfelder; besonders bemer- 
kenswert ein gewölbter Saal mit gut erkenn- 
barer Dekoration des I. Jahrhunderts n. Chr., 
zu einem Hause der letzten Zeit der Republik 
oder der ersten Kaiserzeit gehörig, schwerlich 
ursprünglich, wie Orsi meint, sondern wohl 
erst später infolge Aufhöhung des Bodens 
unterirdisch geworden und dann zu allerlei 
unsauberen Praktiken verwendet, wovon 
eine recht obszöne, bereits lateinische Liebes- 
erzählung, Graffito, (S. 58—59) Zeugnis ab- 
legt. — Und wie mit Catania, so ist nunmehr 
auch mit der dritten Großstadt der Ostküste, 
Messina, Orsis Name verknüpft durch eine 
ausführliche und musterhafte Veröffent- 
lichung der im Gefolge der Zerstörung dieser 
Gegend durch das große Erdbeben und die 
Aufbaunotwendigkeiten bloßgelegten Gruppe 
römischer Gräber bei S. Placido, unweit der 
Meeresküste nahe dem Nordende der alten 
Stadt, von mir noch 1914, soweit sie damals 
offenlag, untersucht (ML. XXIV, 1916, 
121 — 192, tav. I— IV und viele Textabbil- 
j düngen, die beste Bearbeitung, die bis jetzt 
1 ein römisches Gräberfeld Siziliens oder Groß- 
I griechenlands gefunden hat). Es ist das 



193 



Italien 1914 — 1920. 



194 



erste wirkliche Nekropolenstück Messinas, 
vom I. Jahrhundert n. Chr. bis höchstens in 
den Anfang des 3. reichend. Nach hellenisti- 
scher Sitte, wie sie uns schon aus Lykien 
früher vertraut ist, aus Thessalien z. B. aus 
Metropolis in der Hestiaiotis (Prakt. 191 1, 
338, Fig. 13) uns entgegentritt, ist der 
Typus des Familiengrabes festgehalten mit 
starker Betonung des Eigentums durch eine 
den Grabbezirk umschheßende Mauer. In- 
nerhalb des Bezirks wurde zunächst eine 
Grabaedicula zur Aufnahme der ersten Gräber 
errichtet; andere Gräber gruppieren sich 
bald um jenes erste Grabhaus, häufig in wenig 
geordneter Weise, sogar in bloßen Erdgruben. 
Die meisten Toten liegen, da kein Haustein 
dort, in Ziegelsärgen, mit einem rechteckigen 
»Tumulus« überbaut, der stuckiert und rot 
bemalt zu sein pflegt. Nur etwa ein Achtel 
sind Brandgräber, also das Verhältnis, wie 
seit dem 8. Jahrhundert im allgemeinen in 
allen griechischen Nekropolen Siziliens. We- 
nige Inschriften, in beiden Sprachen, auch 
die griechischen, der Zusammensetzung der 
Zugewanderten gemäß, meist mit lateini- 
schen Namen. Manche Inschriftplatten sind 
später wiederverwendet. Mehrere Blei- 
defixionstafeln sind S. 154—60, Fig. 25—26 
und 167—69, Fig. 34 abgebildet. Kaum 
Beigaben: kleine Töpfchen, Gläser u. dgl. 
Münzen mitunter, aber nicht regelmäßig; 
meist im Munde, aber auch in der Hand. 
Rituell sind Zugaben von Eisennägeln und, 
oft, ein Kiesel an der Kopfstelle. Vielfach 
sind mehrere Leichen in einem Grabe, die 
Nachbestattung erleichtert durch bewegliche 
Kopfplatten, im Grab 56 durch eine beweg- 
liche Giebelplatte, einmal durch einen hin- 
eingestellten Tonkopf Fig. 24. Verbrennung 
fand meist in situ statt, daher wenig Aschen- 
gefäße. S. 192—218 folgen dann noch man- 
cherlei topographische Mitteilungen, so über 
eine Mauerstrecke, die vielleicht Stadtmauer 
war und gleichzeitig Schutzmauer gegen die 
Aufschwemmungen des Baches Portalegna, 
ferner über Einzelfunde von Skulptur- 
stücken. — Von Syrakus, Catania, Messina 
abgesehen ist aus der östlichen Inselhälfte 
nicht viel neues zu melden: nur Zufallsfunde 
und kleine Tastgrabungen. Ein wichtiger 
Fund ist in Megara gemacht. Orsi bemühte 
sich, den einzig nachweisbaren Tempel der 

Archäologischer Anzeiger 1921. 



Stadt, dessen Fundamente leider vor 40 Jah- 
ren zerstört sind, soweit möglich zu unter- 
suchen, wobei freilich nur die Einarbeitungen 
im Boden gefunden wurden, ferner unbedeu- 
tende Säulenreste — dorischer Hexastylos • — , 
Stücke architektonischer Terrakotten, wie in 
der Mutterstadt von Selinus zu erwarten, und 
protokorinthische Scherben. Aber die Tem- 
pelachse steht auf einem Graben, dessen 
weiterer, zum Teil gewundener Verlauf ihn 
als Schutzgraben eines Stentinellodorfs er- 
kennen läßt. Außer den üblichen Sten- 
tinelloscherben, den Feuerstein- und Ob- 
sidiansplittern, bearbeiteten Knochen und 
andern Besiedelungsspuren fanden sich auch 
Reste einer sehr feinen, gemalten Tonware, 
darunter eine Schale, »decorata nella con- 
vessitä di una grande Stella rossa a 9 raggi«. 
Orsi vermutet auswärtigen Import. Aber 
woher? Über diese Entdeckung verheißt 
Orsi eine größere Publikation in den ML. 
(Not. 1920, 331). Die im Gegensatz 
zu der heutigen Konzentrierung auch der 
ländlichen Bevölkerung auf die Städte im 
späteren Altertum und noch unter der by- 
zantinischen Herrschaft .zu beobachtende 
Ausbreitung einer wohlhabenden, wenn auch 
dünn verteilten Ackerbevölkerung auf dem 
flachen Lande, wo augenscheinhch der Ge- 
treidebau wieder lohnender wurde nach Aus- 
scheiden der fernen Versorgungsgebiete für 
Italien infolge der Umgestaltung der politi- 
schen Verhältnisse, brachte schon früher, 
z. B. auf den Hochflächen um Modica, 
manche wertvolle Einzelfunde und regte zu 
gelegentlichen Grabungen an: Not. I9I5) 
212—14. Interessant, daß hier auch aus 
griechischer Zeit eine als Aschengefäß ver- 
wendete rf. Vase ganz nach aus dem chal- 
kidisch-kymäischen Kolonialgebiet bekann- 
ter Weise in einen Steinwürfel eingeschlossen 
gefunden wurde, und Spuren anderer griechi- 
scher Gräber in der Nähe. Fig. 21 ist ein 
ausgezeichneter bronzener Pferdefuß, augen- 
scheinlich von einem Denkmal mit etwas 
über lebensgroßen Gestalten stammend, in- 
nerhalb der Stadt Modica gefunden. Orsi 
vergleicht einen Kolossalarm aus Bronze aus 
den »Castra Hannibalis« bei Catanzaro. So 
fand sich halbwegs zwischen Noto und Pa- 
chynon, ebenfalls als Aschengefäß verwendet, 
ein guter Kolonnettkrater (Fig. 20), dessen 



'95 



Italien 1914^1920. 



196 



Amazonenkampf, drei Fußkrieger, sie allein 
zu Roß, ein Ausschnitt ist aus einer megalo- 
graphischen Komposition, deren Widerklänge 
besonders durch die bei F.-R. wiedergegebe- 
nen großen Vasen uns neuerdings so nahe- 
gebracht sind. Ebenfalls als Aschenurne 
diente eine im Teilarotal gefundene rf. Pe- 
like des beginnenden 4. Jahrhunderts, auf 
der ein Mädchen zwischen zwei Jünglingen 
sich ihres Bildes im Spiegel freut (Fig. 19). 
Bei Akrai fand sich aus dem Heiligtum 
des Apollon, der (weiblichen) Paides und der 
Anna (nicht An- 
assal ) hellenistisch- 
römischer Zeit 
(Orsi, Not. 1899, 
352— 71) eine grie- 
chische Marmor- 
tafel, welche aber- 
mals als Sitz des 
Amphipolos Syra- 
kus bestätigt, als 
Priesterin am Orte 
eine Marcia Cae- 
cilia nennt. L. Cor- 
nelius Aquila stif- 
tet für sich, seine 
Mutter und für 
seine Frau Mocstia 
Volumnilla einen 
Spiegel (^vuTTTpov) : 
Not. 1920, 327— 
29. — Von Akrai 
I km entfernt fand 
sich der untere 
Teil eines schönen 

hellenistischen 
Hochreliefs aus feinstem Kalkstein: Apollon, 
stark entlastet, lehnt sich mit dem linken 
Ellbogen auf einen Omphalos, der auf einem 
Altar steht, auf dem ebenfalls ein künstle- 
risch verzierter Dreifuß; in der Linken hält 
er Lorbeerzweige, der rechte Oberarm ging 
seitwärts, der verlorene Unterarm scheint 
hoch gehoben und zum Kopf geführt ge- 
wesen zu sein. Auf der andern Seite des 
Altars steht eine Frau ohne Kopf und rechten 
Arm, in hochgegürtetem Chiton, den Mantel 
von unterhalb der rechten Hüfte zur linken 
Hand emporgeführt; in der Linken Zweige. 
Orsi denkt an Demeter, auch eine Priesterin 
wäre möglich (Not. 1920, 332 — 33, Fig. 20, 




Abb. 49. Relief aus Akrai 



I wonach hier Abb. 49). — Daß die 
; Stadt auf Monte S. Mauro bei Calta- 
girone, woher das bekannte archaisch- 
griechische, kunstgeschichtlich nach Rhodos 
und Kleinasien weisende Relief ML. XX, 
, Taf. 9, zuletzt Pace, Arte ed Artisti 512, 
! Fig. 16, stammt, tatsächlich im 6. Jahrhun- 
dert vielleicht von Gela aus griechisch be- 
setzt wurde, hat Orsi in seiner damals er- 
schöpfenden Behandlung dieser Stadt ML. 
XX angenommen. Eine erneute Bestätigung 
scheint eine noch ungenügend bekannte ärm- 
liche aber griechi- 
sche Gräbergruppc 
— etwa 300 fest- 
gestellt, doch wa- 
ren es mehr — zu 
geben, die 1913 
anfing herauszu- 
kommen. Der In- 
halt weist durch- 
aus ins 6. Jahrhun- 
dert (Not. 1915, 
225—26). Die 

noch nicht sicher 
zu benennende 
Sikulerstadt bei 
Grammichele, 
die die Überland- 
verbindung Gelas 
über die Heräi- 
schen Berge nach 
dem Simaithostal 
beherrschte und 
daher früher Helle- 
nisierung verfallen 
mußte, hat uns 
Orsi bekanntlich durch eine Folge glänzender 
Untersuchungen nahegebracht (Bull. pal. 
XXXI, 1905, 96—133 für Orsi II— III, als- 
dann ML. VII und XVIII) und demMuseum 
in Syrakus wertvollste Kunstwerke zugeführt. 
Nunmehr berichtet er Not. 1920, 336 — 37 
über die Aufdeckung von Gräbern der 4. Si- 
kulerpcriode, bereits Mitte 6. bis in die zweite 
Hälfte 5. Jahrhunderts, welche augenschein- 
lich die Hellenisierung der Stadt in unge- 
mein lehrreicher Weise vor Augen führen. 
Neben eine große Fülle einheimischer, zum 
Teil noch geometrischer Keramik tritt ko- 
rinthischer, dann attischer Import. Auf 
dem Fußring einer obszönen Vase ein Vers 



197 



Italien 19 14 — 1920. 



198 



aus dem Ephialtes des Phrynichos, von 
Comparetti erkannt, der den Fund beson- 
ders veröffentlichen wird. Der auch sonst 
reiche Inhalt dieser Gräber wird Orsi Anlaß 
zu einer umfassenderen Veröffentlichung 
geben. — Aus Kamarina bildet Orsi 
Not. 1920, 330, Fig. 19 die Bronze- 
statuette einer Athena ab, deren gesenkte 
Rechte wohl am verlorenen Schild lag, wäh- 
rend die Linke eine Eisenlanze hoch faßte. 
Tracht und ganzer Habitus, Kopfwendung 
u. a. scheinen mir das Figürchen, dessen 
ausführliche Behandlung Orsi in Aussicht 
stellt, in das 4. Jahrhundert zu weisen. 
Nachklänge der Großplastik des 5. auf- 
zeigend. Orsi verweist auf das Prototyp 
der in die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts 
gehörenden Athena auf den Silberlitren von 
Kamarina (Salinas, Taf. XVI, 27—41; BMC. 
Sicily S. 33; Holm, GS.III, Taf. II, i), 
wohl das Kultbild der Stadt, dem auch der 
Bronzebildner jüngerer Zeit naturgemäß 
folgte. — Die ebenfalls noch unbe- 
nannte Stadt auf dem Hochplateau von 
Serra Orlando bei Aidone ergab ein 
Haus, ferner ein Brandgrab, in dem 
die Leiche ausgestreckt in situ verbrannt 
lag, daneben ']^ Astragalen und, wie es 
scheint, hellenistisches Geschirr, alsdann ein 
Kammergrab mit drei Bänken und Mittel- 
graben, darin 36 Skelette, attisches sf. Ge- 
schirr und einheirnisches, 6. bis Anfang 5. 
Jahrhundert. Andere hellenistische Gräber 
hier und bei Cittadella, ebenda, ergaben Be- 
stattungsgräber, diese zum Teil Tonsärge und 
auf der Stelle verbrannte Leichen, auch zwei 
aufgemauerte Grabmäler, wie sie z. B. aus 
Kenturipe bekannt sind. Weitere Hausfunde 
stehen in Aussicht: allmählich ist die Zahl 
sizilischer Hänser besonders der hellenisti- 
schen Zeit so im Wachsen, daß wohl die 
Hoffnung auf eine zusammenfassende Ver- 
öffentlichung ausgesprochen werden darf. — 
Besondere Aufmerksamkeit hat Orsi dem 
vorgriechischen Ort und der wahrscheinlich 
von ihm 8 km entfernten, von Dionysios als 
Zwingburg errichteten Festungsstadt von 
Adranum-Adernö zugewandt, hat nur 
wegen Knappheit der Mittel nach 50tägiger 
Kampagne abbrechen müssen, aber an die- 
sem .sehr viel Aufklärung versprechenden \ 
Punkt noch weitere Arbeit und dann natür- ' 



lieh auch umfassende Veröffentlichung in 
Aussicht (Not. 1915, 227—30) gestellt. Das 
vorgriechische Adranum unten im Symai- 
thostal mit seinen rohen Steinwällen um den 
Ort, seinem großartigen Bronzefund (Bull, 
pal. XXXV, 1913, 43—44), jetzt der Stolz 
des syrakusaner Museums, wo im 5. Jahr- 
hundert Sikuler ihre Sprache mit griechi- 
schen Buchstaben in die Ziegel drückten 
(Not. 1912, 416—17, Fig. 24—25), und die 
neue gewaltige Festung in der Höhe, deren 
Mauern auch mir früher als zu mächtig 
erschienen, um nur als Substruktionen des 
Adranusheihgtums zu dienen, werden der 
Forschung noch manche schöne Aufgabe 
stellen. — Aus dem so lange vernachlässigten 
und jetzt unter Orsis glückliche Hand ge- 
kommenen Tyndaris gibt er Not. 1920,346, 
Fig. 30 den leider auch nur fragmentarisch 
erhaltenen Unterteil einer nach rechts vor- 
wärts schwebenden Nike, ein wunderschönes, 
scharf geschnittenes, in griechischem Marmor 
gearbeitetes Stück. Orsi denkt, durchaus 
wahrscheinlich, an ein Akroter, datiert je- 
doch zu hoch noch in das 5. Jahrhundert. 
Das Stück erinnert am meisten an die guten 
Epidaurosskulpturen, auch an des Timotheos 
Leda u. a., womit ja auch die Zeit des erst 
396 durch Dionysios gegründeten Tyndaris 
(s. meine Darlegungen Z. f. Numism. III, 
1876, 27 — 39) stimmt. — Hellenistische 
Gräber bei Assaro ergaben schöne 
Bronzen. Ein ausgezeichneter Eimer mit 
Schlangenhenkeln und als Attache einem 
Silenkopf, der hervorlugt unter Efeublät- 
tern, die zum Teil in Silberplattierung auf- 
gelegt sind: Not. 1920, 334—35, Fig- 21—22. 
— Nahe der Station Giardini wurde in 
einem späten Hause ein Fußboden mit dem 
Bilde des Labyrinth gefunden, von Mauern 
und Türmen umgeben: Not. 1920, 341 — 45, 
Fig. 26 — 29. — Im Hof des Manfredkastells 
oberhalb Castrogiovannis fanden, als ich 
1914 zuletzt dort war, umfassende Auf- 
grabungen statt; in Verbindung mit diesen 
fand sich eine byzantinische Kirche und 
viele Gräber, die schon wegen der zu Füßen 
sich verengernden Form, bekanntlich auch 
bei uns typisch mittelalterlich, für ebensolche 
gehalten werden müssen. Dazwischen jedoch 
konnten viele glockenförmige Silos (»Ziri«) 
beobachtet werden, in denen nahe und ge- 



199 



Italien 19 14 — 1920. 



200 



wissermaßen unter dem Schutz der chthoni- 
schen Göttinnen die Kornvorräte der Ein- 
wohner sicher und trocken geborgen waren 
(Not. 1915, 232—33). — Als interessante Ein- 
zeltatsache sei noch erwähnt, daß aus Gran- 
michele eine richtige archaische Rippen- 
cista aufgetaucht ist, ein Fund, denOrsi ver- 
wertet, ähnlich wie 1913 den Fund eines 
Eimers aus Bronzeblech von Leontinoi (Bull, 
pal. XXXVIII, 1913, 30-38, 168-75, um 
mit Heibig und mir (RM. 1887, 269) für 
chalkidisch-ionischen Ursprung dieser Metall- 
formen gegenüber der von Marchesetti, Du- 
cati, Grenier u. a. vertretenen nordischen 
Herkunft einzutreten: eine grundsätzlich für 
Fabrikations- und Handelsgeschichte recht 
wesentliche Frage von weittragender Be- 
deutung (Bull. pal. XLII, 1917, 36—49). 
Im selben Bande des Bull. pal. 1 10— 112 
bildet MaggiuUi eine solche Rippencista aus 
Rudiae im Museum von Lecce ab und be- 
tont ihr häufiges Erscheinen auf apuhsch- 
messapischen Vasen des 4. Jahrhunderts aus 
Rugge und Umgegend. — So glänzend es, 
seit Orsis Tatkraft vor mehr als 30 Jahren 
einsetzte, um unsere enorm erweiterte Kennt- 
nis Ostsiziliens bestellt ist, so kümmerlich 
war es bekanntlich im Westen. Eine so 
wichtige Griechenstadt wie Akragas blieb 
so gut wie unberührt, in Selinus wurde zwar 
gegraben, auch Wichtiges gefunden: aber 
die Fundstücke wanderten in die Keller des 
Museums von Palermo, ohne daß genügende 
Berichterstattung erfolgt wäre. Ebenso in 
Lilybäum usw. Auch die ProJ:)leme der 
Frühzeit, die Orsi im Osten so schön klärte 
und die Entwicklung langer Jahrhunderte 
in einen organischen Zusammenhang brachte, 
,so daß ein festes geschichtliches Bild auch 
vom einheimischen Wesen bis tief in die helle 
griechische Zeit hinein geschaffen ist, sind im 
Westen nur sporadisch angefaßt. Das alles 
wird aber besser werden, seit vor einigen 
Jahren mit Ettore Gabriel ein Direktor ans 
Museum von Palermo getreten ist, der mit 
großer Sachkenntnis und Grabungserfahrung 
auch Fleiß und Gewissenhaftigkeit in hervor- 
ragendem Maße mitbringt. Die großen Men- 
gen zum Teil schon vor langer Zeit aufge- 
deckter selinuntiner Gräber, deren Inhalt in 
den Katakomben des palermitaner Museums 
von neuem begraben war, mußte ihn ver- 



anlassen, der vornehmsten Begräbnisstätte 
von Selinus im Fondo Gaggera westlich 
des Selinus seine besondere Aufmerksamkeit 
zuzuwenden, um so mehr, da an dieser einzig- 
artigen Stätte zwar 1902— 03, 1905, 1915 ge- 
graben ist, die Berichterstattung jedoch mit 
1898 aufgehört hat. Besonders interessant 
ist hier bekanntlich die Verbindung der Ne- 
kropole mit reich mit Kultvorrichtungen 
und Weihegaben ausgestattetem heiligem 
Bezirk, welcher den Gräberfeldern vorge- 
lagert ist. Das Haupttemenos erfuhr 1905 
eine Ergänzung durch ein kleineres Temenos 
mit einem Altar. Der mit Resten von Weih- 
gaben ganz durchsetzte Boden in beiden Be- 
zirken gab arger Raubgräberei ein gefähr- 
liches Feld. So begann denn Gabriel seine 
Tätigkeit mit genauen Untersuchungen und 
Vervollständigung früherer Arbeit, deren Er- 
gebnisse durch den Flugsand zu gutem Teile 
bereits wieder zugedeckt waren. Die Nord- 
westecke des großen Temenos wurde frei- 
gelegt und ebenso der kleine Bezirk. Das 
Votivmaterial hat sich außerordenthch ver- 
mehrt; schon die in Gabriels erstem Bericht 
Not. 1920, 67—91 abgebildeten 30 Terra- 
kotten von ganzen Figuren und Köpfen 
weiblicher Gottheiten geben eine Vorstellung, 
was für den Kult der chthonischen Götter 
hier alles gewonnen und zu gewinnen ist, 
so daß man versteht» daß Gabriel eine 
größere Publikation mit Plänen und voll- 
ständiger Veröffentlichung des gesamten Vo- 
tivmaterials in Vorbereitung hat und bitter 
klagt, daß auch in Italien die Schwierig- 
keiten und Kosten des Drucks jetzt so hin- 
dernd eingreifen. Die erste der Stadt in 
ihrer anfänglichen Beschränkung auf das 
Burgplateau — auf das sie nach der Zer- 
störung und Neubefestigung durch Hermo- 
krates wieder reduziert wurde — nächste 
Nekropole auf dem nördlichen Hügel von 
Galera Bagliazzo, wo u. a. über einem Grabe 
noch der Bronzejüngling von Castelvetrano 
gefunden ist — , ist augenscheinlich be- 
deutend früher als wir annahmen durch die 
Westnekropole zu ersetzen begonnen, ein 
Beweis für das rasche Aufblühen der Stadt: 
das lehren die neuen Funde. Denn unendlich 
reich ist von dort bereits die protokorinthi- 
sche, korinthische, rhodische, attisch sf. Kera- 
mik vertreten, dann die rf., dazu die Terra- 



20I 



Italien 1914 — 1920. 



2Ü2 



kotten, und alles durch das Zerstörungsjahr 
mit festem Endpunkt. Sie vervollständigen 
zugleich das Bild dieser in der ganzen griechi- 
schen Welt bis jetzt so einzigartigen Toten- 
kultstätte derartig, daß, wer sich mit griechi- 
scher Religionsgeschichte abgibt, nur mit 
größter Erwartung jener in Aussicht gestell- 
ten Gesamtveröffentlichung entgegenhoffen 
kann. Drei vielfach interessante Bleidefixio- 
nen von dort RCL. 1918, 193—206 (Com- 
paretti). — Von den Grabungen auf der 
Akropolis beim Tempel C war schon oben 
die Rede. Im Archivio stör. p. 1. Sicilia 
Orientale XVI, 1—8 mit Tafel veröffentlicht 
Gabriel Originalberichte Valerio Villareales, 
mit Serradifalcos Nachlaß ins Museum von 
Palermo gekommen, über die Grabungen der 
Jahre 1830— 32 an den Tempeln E und F, 
sowie einige nachträgliche Grabungen bei 
B und C. Wenn auch schon benutzt im 
Bull. Inst. 1831, 177 ff. und bei Serra- 
difalco, enthalten die Berichte doch noch 
manches beachtenswerte, besonders über die 
noch zahlreich beobachteten Farbspuren 
(über die Gabriel erneute Untersuchung ver- 
spricht) und die Fundlage der Metopen. — 
Motye, die karthagische Inselfestung, früher 
derartig verwachsen, daß man in der Tat 
kaum mehr davon sah,- als das Bild, welches 
wir 1896 auf einer badischen Studienreise 
aufnahmen (Aus dem klassischen Süden, 
Taf. 131), hat durch ihren jetzigen Besitzer, 
den italianisierten Engländer Whitaker, eine 
Untersuchung erfahren, deren Ergebnisse er 
selbst in einem Buch, das mir noch nicht zu 
Gesicht gekommen ist, dargelegt hat : Joseph 
^ J. Whitaker, Motya, a Phoenician Colony in 
Sicily. London 1921. G. Bell and sons. XVI, 
358 SS. 9 Karten und Pläne. 116 Abb. 
Preis 30 Sh. Pace berichtet Not. 1915, 
431 — i,(s und bildet einiges ab mit leider nur 
10 Textfiguren und ohne den Stadtplan, 
soweit er sich bis dahin hätte geben lassen. 
Die Gräber geben auch hier das getreueste 
Bild der Stadtgeschichte. Daher erwähne 
ich zunächst eine überraschende Entdeckung, 
Gräber auf der Insel selbst und zwar unter 
und innerhalb der Stadtmauer, also älter als 
diese und mit dem Karthago des 8.-7. Jahr- 
hunderts auch darin zusammengehend, daß 
in für Semiten erstaunlichem Grade die Vcr- 
brenmingssitte Platz gegriffen hat: proto- 



korinthische Gefäße verschiedenster Gattung 
und anderes Material, als Waffen, Halsketten 
auch mit Bernsteinverwendung, mit Silber 
und Gold datieren diese Gräber. Die späte- 
ren früher allein bekannten Gräber gegenüber 
auf dem Festland an der »Li Birgi« ge- 
nannten Örtlichkeit kehrten wieder zur alt- 
semitischen Bestattung in Sarkophagen oder 
Holzsärgen zurück, wenn auch vereinzelte 
Brandnachzügler nicht fehlen. Diese jüngere 
Nekropolis, die kurze Zeit noch neben den 
Begräbnissen auf der Insel herging, dann 
aber diese ersetzte, ist durch die sf. und rf. 
attischen Vasen, bunte Gläser, etwas junges 
Bucchero, schwarzgefirniste Gefäße mit auf- 
gesetztem Weiß und Rot, dazu einigen In- 
schriften mit punischen Namen, aber in 
älterer griechischer Schrift, die erst demnächst 
veröffentlicht werden sollen, charakterisiert; 
sie steht ganz unter jenem starken griechi- 
schen Einfluß, dem die karthagische Epi- 
krateia überhaupt im 5. Jahrhundert zu er- 
liegen drohte, den man auch auf dem Eryx 
beobachten kann, so daß man das gewalt- 
same Abwerfen solcher politisch gefährlich 
werdenden Suprematie gegen das Jahrhun- 
dertende versteht; dieser Gräberinhalt, mit 
dem manche Funde im Stadtgebiet zusam- 
mengehen, bestätigt durchaus, was man 
schon aus der Münzprägung hätte sehen 
können, aus den Silbermünzen mit griechi- 
scher Aufschrift, z. B. Holm, Gesch. Siz. III, 
Taf. IV, 9 oder Brit. Mus. Cat. Sicily 115, 
116, ebenso aus den punischen, für 
sizilische Zirkulation in Motye geprägten 
Stücken: Holm, Taf. VIII, 8 oder BMC. 
243—45. Erwähnt sei, daß die Grabungen 
verschiedene neue Münztypen zutage för- 
derten, darunterein Silbertetradrachmon mit 
einem dem Typus des Eukleidas und Kimon 
nachgebildeten Frauenkopf nach rechts, 
einem Weizenkorn zwischen vier Kugeln auf 
der Rückseite (443, 3). Eine gute Vorstellung 
vom Aussehen der älteren insularen Brand- 
gräber, deren Inhalt und einfachsten Grab- 
cippen geben die Abbildungen Fig. 8 — 10. 
Die Stadt lebte bis 397. Die Belagerungs- 
geschichte und ihre Einnahme durch Diony- 
sios, wie sie Diod. XIV, 47—53 anschaulich 
schildert, erhält durch die Aufdeckung der 
Befestigungen und der wesentlichen Züge 
des Stadtgrundrisses sowie der Häuser helles 



203 



Italien 1 914 — 1920. 



204 



Licht. Die Stadtmauern, schöner Quader- 
bau mit viereckigen Türmen, ein doppel- 
tes, reich gegliedertes Nordtor von zwei 
Türmen flankiert, stellt die Hauptverbin- 
dung der Stadt nach dem Festland dar, in- 
dem es sich nach dem Deich öffnete; im 
Süden entsprach ein einfacheres Tor; kleine 
Pförtchen, die eine anschauliche Vorstellung 
geben z. B. von den Ausfallpforten auf dem 
Stadtbilde der Gjölbaschireliefs, öffnen sich 
dazwischen. Weiß getünchte Zinnen aus 
Sandstein zeigen eine neue Form (Fig. 4); 
schöne Treppen führen von den Mauern 
herab zu den Landeplätzen (Fig. 6). Im 
Nordwesten ist eine große Bresche gefunden 
und ebenda eine große Menge Bronzepfeil- 
spitzen : wohl die Bresche des Dionysios. 
Das Nord- und Südtor sind durch eine grade 
Straße verbunden, in der Mitte ein großer 
Platz mit Tennenboden, wohl ein Markt. 
An ihm stand ein Monumentalbau, ungewiß, 
ob städtischen oder religiösen Zwecken die- 
nend. Auch eine Töpferwerkstatt fand sich 
am Platz, ebenda eine Terrakottaarula mit 
zwei Löwen und Stier, wie solche mehrere 
gefunden sind, merkwürdig auch für griechi- 
sche Religionsäußerungen auf fremdrassigem 
Boden. Häuser mit Mosaikböden, auch fi 
gürlich geschmückten — Tierkämpfe — , 
durch rf. Gefäßbruchstücke, das wohl jüngste 
eine Meidiasscherbe, vor 397 datiert, wie zu 
erwarten. Ein imposantes, vornehmes Haus 
läßt noch seine Höhe erkennen, wie ja auch 
in Karthago gebaut wurde und die enge 
Inselfestung es nahelegen mußte. Einfache 
Häuser sind aus Lehmziegeln und Holz ge- 
baut. Die Dächer sind bei vielen Häusern 
nicht Ziegel, sondern Lehmschlag oder Rohr- 
dächer über Holzbalken, auch Olivenzweige 
sind verwendet worden. Zwischen den 
Häusern enge Zwischengänge, wie so oft. 
Face verweist auf die gleiche Erscheinung 
in Solus. Auch auf Pergamon mit seinen 
Peristaseis können wir hinweisen. Ein klei- 
nes, geschlossenes Hafenbecken, wie wir es 
aus Diodors Beschreibungerschließen müssen, 
in Karthago noch sehen, wurde ermittelt. 
Führt uns nunmehr dies Hafenbecken eine 
Episode der Schlußkatastrophe lebendig vor 
Augen, so mag damit auch eine kleine 
Gruppe von Gräbern auf der Insel selbst 
nnhe den Bastionen am Nordtor in Zusam- 



menhang stehen ; wohl mit Recht sieht Pace 
hier während der Belagerung Gestorbene. 
Aus späterer Zeit sind nur ganz vereinzelte 
Dinge gefunden, ärmlich und unbedeutend, 
die nur bestätigen können, daß es mit Motye 
nach 397 zu Ende war. Lilybaion war an die 
Stelle getreten. Erwähnt sei schließlich, daß 
einzelne Spuren vorphönikischer Besiedelung 
altsikulischen Charakters auf der Insel ge- 
funden sind (445). 

Not. 1919, 80—86 macht Pace einige Mit- 
teilungen über die Gruppen punischer Gräber 
um Lilybaion, wo ganz anders wie bei 
Motye die punische Grabesform des Vertikal- 
schachtes mit von der Bodenfläche sich öff- 
nenden Seitenkammern, wie W'ir sie von Sar- 
dinien, Karthago, Cypern usw. kennen, die 
in der Hauptgräbergegend nördlich und öst- 
lich übliche ist, während im Südosten Grup- 
pen unterirdischer Krypten mit Loculi oder 
gemauerten Kammern, zu denen man auf 
Treppen hinabsteigt, vorherrschen. Von 
hier stammen jene bemalten Stelen in Pa- 
lermo, von denen oben die Rede war. Die 
Nekropolen reichen augenscheinlich bis tief 
in die Kaiserzeit hinab; doch fehlen noch 
durchaus genauere Beobachtungen, so scheint 
es wenigstens, um eine wissenschaftliche 
Gliederung, ja auch nur die Ritenwechsel 
klar zu überschauen. Viele rhodische aber 
auch einheimische und punische Stempel 
werden hier vielleicht noch manche Auf- 
schlüsse über die Handelswegc geben (Stem- 
pel: 80—82). Pace, Arti ed Artisti 579 mel- 
det von Katakombengemälden aus Lilybaion, 
die auf Salinas Geheiß aquarelliert seien, von 
denen man jedoch nichts erfahren hat. — 
In späte Zeiten führt eine Arbeit Paces 
ML. XXIV, 697—736 mit zwei Tafeln, die 
die Basilika von Salemi, 1893 entdeckt 
und bisher nur durch einen kurzen Bericht 
Not. 1893, 339—42 bekannt, nach eingehen- 
den Untersuchungen darstellt: drei Schich- 
ten übereinander, sowohl die Kirche wie die 
dazu gehörigen Gräber. So denn auch drei 
Mosaikböden übereinander. Die unterste 
Schicht aus dem 3.-4. Jahrhundert ist nur 
noch in Andeutungen vorhanden; desto 
besser die zweite, von Cubuldeus (= Quod 
vult Deus) und Maxima hergestellt, mit 
griechischen Inschriften des 5. Jahrhunderts, 
darüber die dritte Schicht mit dem Namen 



20j 



Italien 1914 — 1920. 



2ü6 



des Presbyter Dionysius, alles lateinisch, 
6. Jahrhundert, während hernach alles wie- 
der griechisch wird. Die Gräber, soweit 
untersucht, stammen meist aus der zweiten 
Schicht. Pace hätte gut getan, zur Erklärung 
jenes merkwürdigen Wechsels hinzuweisen 
auf den ganz scharf im 6. Jahrhundert ein- 
setzenden Einfluß der römischen Kirche auch 
auf rein politischem Gebiet, wie ihn uns die 
Briefe Gregor d. Gr. in so eindringlicher und 
kulturell wertvoller Weise schildern, worüber 
in Holms Geschichte Siziliens III, 282—316 
ein sehr lesenswertes Kapitel steht. 

Was Orsi für Sizilien, ist Taramelli für 
Sardinien geworden. Sein schönes Mu- 
seum in Cagliari, luftig und weit und unge- 
mein übersichtlich und methodisch geordnet, 
durch einen von 49 Tafeln begleiteten Kata- 
log (Guida del Museo di Cagliari; 1915, 
200 S.) gut vorgeführt, zeigte mir, als ich 
es zuletzt 1914 sah und mit der Erinnerung 
an die früheren bescheidenen und überfüllten 
Räume in der Unterstadt verglich, welche 
enorme Fortschritte die Kenntnis der Insel 
und ihre wissenschaftliche Verwertung unter 
Taramellis Leitung gemacht hat, nicht min- 
der deutlich,. wie seine und seiner Mitarbeiter 
— meist sind es aber seine überaus fleißigen 
Abhandlungen in den ML., Not. und Bull, 
pal. allein — umfassende Berichte es den- 
jenigen ahnen lassen, den das Schiff nicht 
hinüberführt zu der einsamen und früher so 
arg vernachlässigten Insel. Mit großer Kon- 
sequenz und eiserner, auch physisch bei den 
schwierigen klimatischen und sonstigen Ver- 
hältnissen der Insel nicht hoch genug anzu- 
schlagender Ausdauer haben Taramelli, Nis- 
sardi und Porro fortgesetzt, was schon vor 
1913 in jahrelanger glücklicher Arbeit be- 
gonnen war. Die Kenntnis der äneolithischen 
und der besonders glänzenden Bronzezeit, 
die sich in manchen ihrer Erscheinungen auf 
der abgeschiedenen Insel bis in die punische 
und römische Zeit weiterahnen läßt, ist durch 
fruchtbare Erforschung einzelner und ganzer 
Gruppen von gemeinsamem Zweck dienender 
Nuragen sowie der zugehörigen Dörfer und 
Gräber, Wasseranlagen und Heiligtümer un- 
gemein gefördert, auch das zugehörige In- 
ventar, insbesondere die Bronzen, auf au- 
tochthonen Ursprung oder Import bzw. Be- 
einflussung ■ von anderen höheren Kultur- 



gebieten, namentlich dem mykenischen (s. 
besonders Porro, Influssi dell' Oriente pre- 
ellenico suUa civiltä primitiva della Sar- 
degna: Atene e Roma 1915, Luglio-Agosto), 
sorgsam und vielseitig untersucht und da- 
durch die Stellung der Insel in ihrer Los- 
gelöstheit vom übrigen Italien, ihrer engeren 
Verknüpfung mit den westmediterranen Ge- 
bieten, aber auch mit östlichen Ländern 
mehr und mehr geklärt worden. Die ganze 
Aufmerksamkeit der Forscher während der 
Berichtszeit ist auf das eigentlich Sardische 
gerichtet gewesen, entsprechend den starken 
Anregungen, die Taramellis eigene und 
Mackenzies Forschimgen über Nuragen und 
Megalithdenkmäler anderer Art, über Siede- 
lungs- und Hausbauformen, Gräber und 
Heiligtümer gegeben haben. Pettazzonis ge- 
dankenreiches Buch »La religione primitiva 
in Sardegna«, Piacenza 1912, kombiniert ge- 
wiß noch oft zu rasch und eilt unserm wirk- 
lichen Wissen kühn voraus: aber sicher hat 
Deubner recht, wenn er Arch. f. Religions- 
wiss. XX, 1920, 191 es zu den Büchern 
rechnet, welche der Wissenschaft einen Ruck 
geben. Daß wir uns namentlich in den Bcrg- 

' gebieten der Insel noch inmitten der ge- 
schichtlichen Zeiten puniscner und später 
römischer Beherrschung einem deutlich greif- 
baren Naturvolkszustand gegenübersehen, 
wie ihn uns Poseidonios von Ligurern und 
Korsen schildert, macht grade die kultlichen 
Dinge auf der Insel in ihrer ganzen Greif- 
barkeit mit den von Jahr zu Jahr rasch 
fortschreitenden und musterhaft veröffent- 

I lichten Forschungsergebnissen für uns so 
lehrreich; aber auch alles übrige, die Bc- 

I festigungskunst, ganz auf stete Verteidi- 
gungsbereitschaft gerichtet, die Wohnweisc, 
die Hauskunst, den Totenkult u. a. Wäh- 
rend in früheren Zeiten der jetzt ja erledigte 
Streit über die Bestimmung der Nuragen 
mehr zur Einzelbeobachtung gedrängt hatte, 
hat die namentlich durch den unermüdlichen 
Nuragenforscher Nissardi gewaltig geförderte 
Zahl der wissenschaftlich bekannten Nu- 
ragen und der Entwurf wenigstens partieller 
Nuragenkarten zur Erkenntnis der in ihnen 
sich ausdrückenden Befestigungssysteme ge- 
führt und damit zur Ermittelung ihres Ver- 
hältnisses zur Gestaltung der Landschaft, 
ihrer Gliederung und Verteidigungsfähigkeit. 



207 



Italien 19 14 — 1920. 



208 



So gaben die schönen Entdeckungen San- 
filippos, schon benutzt von Pais RCL. 1909, 
5—6, den ersten Anstoß zu der gründlichen 
Bearbeitung des sardischen Verteidigungs- 
systems des südwestlichen Erzgebirges 
durch Tarämelli ML. XXIV, 633—95 mit 
27 Textabbildungen, eine Arbeit, die sich 
würdig seiner Darstellung des grandiosen 
innersardischen Festungskomplexes der Gi- 
ara di Gesturi durch ihn und Nissardi ML. 
XVIII anschheßt und ihre Forsetzung findet 
in der Behandlung der Sperrfortsysteme 
zwischen dem Campidano und dem nörd- 
lichen Inselteil, durch welche »ugleich die 
durch die Flußgebiete südlich des Tirso, 
nördlich des Temo-Coghinas sich öffnenden 
Verbindungen ins Innere und durch die Insel 
gedeckt wurden, durch Taramelli in Wieder- 
aufnahme von Pinzas Veröffentlichung des 
Nissardischen Materials (ML. XI) in folgen- 
den Neubehandlungeh: Not. 1915, 305—13 
Nurage S. Barbara auf der Felszunge öst- 
lich vom Eintritt des Tirso in das Campidano: 
ein Doppclturm, dazwischen Hof, sukzessiv 
angelegt, mit Geheimkammer im Haupt- 
turm mit Beobachtungs- und Verteidigungs- 
loch im Boden, durch zwei Treppen zu- 
gänglich, der Herd steht im Nebenturm, der 
zur Verteidigung des Hauptturms eingerich- 
tet wurde ;. ähnliche Anlagen auch anderswo, 
aber nirgends so gut untersucht und er- 
halten; im Innern Spuren von Hütten- 
bauten noch aus der Kaiserzeit mit zuge- 
hörigen Gräbern draußen. Ferner 15 — 18 km 
weiter nördlich die westöstlich verlaufende 
Sperrlinie, welche den Nordrand der Hoch- 
fläche von Abbasanta zwischen Tirso und 
Collica verteidigt, wo die Nuragenzitadellen 
von Norbello (Not. 1915, 117— 118), Nurar- 
thei im Tal von Domusnovas Canales (Not. 
1915, 118— 119; Bull. pal. XLI, 15 — 16), 
besonders aber »il sovrano dei nuraghi sardi« 
(Bull. pal. XLI, 18), der mächtige Nurage 
Losa mit seinen sukzessiven Erweiterungen, 
seinem mit Korkplatten zur Trockenhaltung 
ausgefütterten Geheimraum für Waffen u. ä. 
seinen römischen und christlichen Hütten 
und seinen Kultresten schön aufgenommen 
wurde (Not. 1916, 235—54). Alsdann hat 
sich Taramellis Forschung nördlich der schon 
durch Lamarmora u. a. relativ gut bekannten 
Nuragenkette, welche das Plateau von Ma- 



comer sicherte, dem Gebiet von Bonorva 
zugewandt, wo die Abdachungen des Mar- 
ghineplateaus, jene unwirtliche, altberühmte 

! Banditengegend, den Paß zwischen Tirsotal 
und Logudoro sowie die Verbindungen nach 
Nordwest beherrschen, eine Gegend, die we- 
gen der vielen und äußerst geschickt an- 
gelegten Nuragen, ummauerten Bezirken, 
Siedelungen und Heiligtümern sowie der 
zahlreichen und ausgedehnten vorrömischen 
Nekropolen Taramelli für den politischen 
und strategischen Mittelpunkt der Insel an- 
sehen möchte. In einer umfassenden und 
gründlichen Abhandlung ML. XXV, 1919— 
20, 765—904 mit 60 Abbildungen breitet 
Taramelli seine Ergebnisse aus, gibt zunächst 
ein durch Karten, die freilich nicht die 
grade hier wichtige klare Reliefwirkung der 
Lamarmoraschen Karte oder der auf sie ge- 
bauten des Touring Club erreichen, erläuter- 
tes Bild der ganzen Landschaft mit ihren 
unendlich vielen Nuragen, um darauf seine 
weiteren Darlegungen und Schlüsse aufzu- 
bauen, bildet einzelne der hervorragendsten 
Nuragen ab, z; B. Oes bei Torralba, Giove, 
Oltovolo, Puttu de Inza (Fig. 28—32) u. a. 
und erläutert den sakralen Charakter einiger 
Nuragen (834—35). Sodann wird besondere 
Aufmerksamkeit den runden ummauerten 
Bezirken zugewandt, von denen namenthch 
einer im Piano di S. Lucia bei der Fontana 
Sansa eingehend veröffentlicht und be- 
sprochen wird (Fig. 17— 20b); allein auf 
dieser Hochfläche sind nicht weniger als 30 
solcher »Recinti« festgestellt, die keine Be- 
festigungen, sondern Umhegungen heihger 
Bezirke gewesen sein müssen, da in ihnen 
vielfach Quellen gefunden sind, deren Kult, 
mag man auch einige Übertreibungen re- 
ligiöser Heiligung aller Quellen abziehen, 
wie sie namentlich in Pettazzonis Buch auf- 
zutreten scheinen, doch zweifellos ein un- 
gemein wichtiges Element der sardinischen 
Agrarreligion gewesen ist, wie grade Tara- 
melli in den beiden grundlegenden, vorzüg- 

I liehen und glänzend illustrierten Abhandlun- 
gen »II Tempio Nuragico cd i monumenti 
primitivi di S. Vittoria di Serri« (ML. 
XXIII, 1915 — 16, 313—436 mit Taf. I bis 
VIII und 119 Textabbildungen, früher kurz 
Not. 1915, 99—107, ferner Pettazzoni, Bull, 
pal. XXXV, 159—77) und »II tempio Nu- 



209 



Italien 1914 — 1920. 



210 



ragico di S. Anastasia in Sardana« (ML. 
XXV, 1918, 5 — 106, Taf. I-X und 109 Ab- 
bildungen) zur Gewißheit erhoben hat, mit 
zahlreichen Grundrissen, Abbildungen, 
Durchschnitten, Rekonstruktionen und über- 
zeugenden Heranziehungen von Erwähnun- 
gen in jder antiken Literatur belegt. Hierzu 
die" obengenannte Behandlung des Recinto 
von Fontana Sansa (810—16) und von 
Su Lumarzu (Fig. 22— 26) sowie die schöne 
Entdeckung des als »Funtana coperta« 
erhaltenen Quellheiligtums, das Spano schon 
kannte, ohne es würdigen zu können, unweit 
Ballao am Flumendosa (Not. 1919, 169—86 
mit 14 Abbildungen), eingereiht in die früher 
bekannten (Not. 173). Vielfach Unschädlich- 
machung durch das aufgemalte oder ge- 
meißelte Kreuz oder durch angeheftete 
Eisenkreuze, wie beim Tempel von S. Vit- 
toria di Serri. Die Funde innerhalb dieser 
mit wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit un- 
tersuchten heiligen Stätten berechtigen dazu, 
viele früher bekannt gewordene Einzelfund- 
stücke oder Gruppen von solchen, wie von 
Forraxi Nioi, Valenza, Abini u.a. ebenfalls 
solchen Heiligtümern zuzuschreiben und da- 
durch Licht zu bringen in manches Dunkel 
der altsardischen Kleinkunst und Religion 
(Bp. XLI, 13—17). Gegenüber der neuer- 
dings z. B. von Rellini vertretenen Annahme, 
erst die Bronzeleute wären die Träger des 
Quellenkultus gewesen, wird derselbe schon 
in die neolithisch-äneolithische Zeit hinauf- 
gewiesen (ML. XXV, 815 — 16). Von da an 
geht die Entwicklung auf Sardinien ebenso 
wie auf Sizilien in ungebrochener Kette 
weiter, wie in allem und jedem so auch in 
der Religion. Daß durch diese Kontinuität 
die zuletzt von Ghirardini vertretene An- 
sicht, die keines der in Ägypten eingefallenen 
Seevölker mit einem der im Westen wohnen- 
den identifizieren will, berührt wird, erkennt 
auch Taramelli und sucht sich in längeren 
Ausführungen, auf die hier nicht eingegangen 
werden kann, mit diesen Fragen auseinander- 
zusetzen. Für mich sind allerdings die 
Schardana und die Schakaleschi wesentlich 
leichter und doch auch wohl methodischer 
mit Namen wie Sardes und Sagalassos in 
Zusammenhang zu bringen, wie mit den 
Sardern und Sikulern; und daß Taramelli 
ernsthaft mit der These Cocchias rechnet 



(883—84), der die Turscha = Tusci schon 
deswegen für Italiker erklärt (Atti Acc. 
Napoli 1914, 45), weil der Name doch mit 
der »radice italica«, »turris« osk. »tiurri« 
zusammenhänge, die in Türmen wohnenden 
Leute bezeichne, ist verwunderlich; beide 
scheinen sich, wenn einmal an diesen Stamm 
gedacht werden soll, nicht des gutgriechi- 
schen Tupat? (z. B. Find. Ol. H, 126, Xen. 
Anab. IV, 4, 2; V, 2, 5; Hell. IV, 7, 6 u. ö.) 
zu erinnern. Die törichte Verbindung 
übrigens bereits bei den Alten: Dion. Hai. I, 
26; Schol. Find. Ol. II, 127 Drachm.; 
schol. Lycophr. 717. Daß grade den etruski- 

1 sehen Mauern Türme von Haus aus fremd 
sind, hob schon O.Müller (M.-Deecke I, 235) 

j mit Recht hervor. Ferner behandelt Tara- 

j mein in jener umfassenden Bonorvaarbeit 
eine Fülle von Gräbern, die zu den um die 
Nuragen gruppierten Dörfern gehören, so- 
wohl Tombe dei Giganti wie Domus de 
gianas mit vielen guten Abbildungen, Grund- 
rissen und Durchschnitten: gradezu über- 
raschend wirken die Gräber von S. Andrea 
Priu (845—82, Fig. 35—60), in den Fels 

I gearbeitete Komplexe großer und diesen an- 
geschlossener kleiner Kammern, die großen 
Räume zum Teil mit inneren Säulenstellun- 
gen, imitierten Zelt- oder Satteldächern, 

j Sparrennachbildung, Votivnischen darin, 
auch in den Boden getieften Bestattungs- 
gruben (für Sardinien neu 859—60), ferner 
sowohl in den Hauptsälen wie besonders in 
den Vorräumen ebenso wie in Anghelu Ruju 
beckenartige Vertiefungen für Spenden (z. B. 
861-66, Fig. 44-46; 877-80, Fig. 56-58): 
ähnlich in Tonara, Not. 1911, 388, Fig. 
1—2; in den Tombe dei Giganti von Luogo- 
santu unweit Laerru ganz im Norden: 
Not. 191 5, 394, Fig. I usw. Überall drängen 
sich die Vergleiche mit den Wohnhütten und 
Häusern der Lebenden auf, deren Bild uns 
in lehrreichster Weise vor Augen geführt 
wird. Rundgräber wie 861—64, Fig. 44—45 
geben uns die schönste Ergänzung zu den 
Hüttenböden der Wohnhütten von S. Vit- 
toria di Serri ML. XXIII, 329, Taf. II 
oder zu dem ganzen Dorf in der Senkung 
zwischen dem mächtigen, schützenden Nu- 
ragen auf der einen, den Gräbern auf der 
andern Höhe, das uns die Aufdeckungen von 
Gonnesa (Scrrucci) ML. XXIV, 655 ff., 



211 



Italien 1914 — 1920. 



212 



Fig. 12 wiedergeschenkt haben, mit seinen 
vielen unregelmäßig gruppierten runden 
Steinhütten, nach Süden geöffnet, manche 
mit runden oder eckigen Anbauten für 
Schweine oder Kleinvieh, den kleinen Höfen 
dazwischen, die Mauern mit etwas Anzug, 
aber nicht stark genug, um Steinwölbungen 
zu tragen, sondern berechnet auf Holz- 
deckung, wie die Gräber sie uns imitiert 
zeigen, den vielfachen Nischen besonders 
nahe dem Herd zum Abstellen, den ähnlich 
nahe den Gräbern aufgestellten baitylos- 
artigen Steinen und Stelen, wie sie schon 
früher von Tamuli und Perdu Pes, dort mit 
Reliefbildern weiblicher Brüste versehen, be- 
kannt waren (ML. XXV, 792—93), in Gon- 
nesa konisch (ML. XXIV, Fig. 19, 22, 23) 
usw. Es ist nur natürlich, daß Taramelli 
durch die Entdeckung besonders von Gon- 
nesa die Entstehung der Nuragenform und 
-struktur und ihr genetisches Verhältnis zu 
jener einfachen Hüttenform neuen Erwägun- 
gen unterzieht und sich namentlich mit Pa- 
troni (L'Origine del Nuraghe Sardo: Atene 
e Roma, 1916, 145-68) ML. XXIV, 687-92 
gewissenhaft auseinandersetzt, worauf dann 
wieder Patron! repliziert im Archivio storico 
sardo XIII, 1919,1—22. Erwähnt sei noch, 
daß in der Gegend von Orunc, nördlich 
von Nuoro, in dem früher so wenig bekann- 
ten Bergland der nördhchen Osthälfte ein 
neues Nuragengebict erforscht und gut er- 
haltene Brunnenanlagen, Gräber, auch wie- 
der von dem neuerdings sich so mehrenden 
Dolmentypus,' aufgefunden und abgebildet 
wurden (Not. 1919, 120—32, Fig. I — 14). 
Besonders interessant war die Erforschung 
des Nuragc von Ortu Comidu, am Nord- 
os^rand des Campidano, 2 km südlich von 
Sardara: ein nuragenartiger Bau mit zwei 
runden Nebenräumen und mehreren Vor- 
räumen, tiefem miteingeschlossenem Brun- 
nen, der Nurage durch niedrige Umwallungen 
noch besonders geschützt. Darinnen reich- 
liche Spuren einer Metallgießerei mit den 
nötigen Öfen, Gruben, Gefäßen usw. (ML. 
XXV, 1919-20, 107-35, Taf. Xl-XIIund 
12 Abbildungen). Fig. 116 gibt eine feine 
Rekonstruktion eines derartigen Ofens, um 
das Kupfer aus dem Erz zu schmelzen. Der 
politisch und handelsgeschichtlich wichtige 
Reweis, daß diese ganze Tätigkeit in die 



volle Nuragenzeit gehöre, wird durch Tara- 
melli gebracht. Dieser Fund, die Entdeckung 
altsardischer Kupferausbeutung bei Gadoni 
südwestlich vom Gennargentu im Quellgebiet 
des Flumendosa (Taramelli, Bull. pal. 
XXXVIII, 1913, 75-83; ML. XXV, 127 
bis 29), diejenige der sardischen Verteidi- 

: gungskette, die das den Puniern so be- 

' gehrenswerte südwestliche Erzgebirge gegen 
unberechtigte Ausbeutung und Konkurrenz 
schützen sollte, und manche Einzelfunde von 
Bronze zum Teil mykenischen oder sonst aus- 
ländischen Charakters legen natürlich Ur- 
sprungsbetrachtungen nahe, die sich durch 
die Tarameilischen Arbeiten der letzten Zei- 
ten hindurchziehen und auch in jener oben- 
genannten Abhandlung Porros (Atene e 
Roma 191 5) ihren Ausdruck fanden: wann 
nämlich die durch die Funde der mykenisch- 
kyprisch signierten Bronzebarren von Serra 
Ilixi bei Cagliari (Pigorini, Bull. pal. XXX, 
1904, 91 — 107) bezeugte Einfuhr des Metalls 
durch einheimische Produktion in Wegfall 
kam und die der Erzeugung folgende ein- 
heimische Metallarbeit einsetzte, eine Frage, 

. die besonders für die Waffenformen, aber 
natürlich auch für vieles andere von großem 
Interesse ist. So ergab ein bedeutender Fund 
von Waffen, Werkzeugen, Geräten und 
Bronzebruchstücken aller Art, auch runden 
und längHchen Bronzebarren, der 1914 auf 
dem Monte Idda am Ostrand des Erz- 
gebirges, nahe dem Ausgang des Cixerritales 
zwischen Siliqua und Decimoputzu gemacht 
wurde (Not. 1915, 89—97; Bull. pal. XLI, 

I 16—18; Not. 1918, 163—68) u.a. Schwert- 

I griffe, die deutlich an kretische und mykeni- 
sche Formen anklingen, aber doch durch 
Vereinfachung und leichte Abweichungen 
wohl auf einheimische Arbeit hinweisen. 

i Während die ägeischen Elemente derselben 
Zeit in Sizihen einfach aufgenommen wur- 
den, wo einheimisches Metall fehlte, hat das 
sardinische Kupfer, das das Handelsinteresse 
und die Habsucht der Phöniker und Kar- 
thager in einer für die Insel so verhängnis- 
vollen Weise früh reizte, die einheimische 
Technik zeitig geweckt und für Waffen und 

' Werkzeuge die Bewohner bald zu Selbst- 
erzeugern gemacht, wobei die überkomme- 
nen bewährten Formen maßgebend blieben, 
während die Freude an der neu errungenen . 



213 



Italien 1914 — 1920. 



214 



Kunst den Anreiz bot, der eigenen für 
Plastik durch keine Tradition gebundenen 
und gezügelten Phantasie die Zügel schießen 
zu lassen und so zu jener barbarisch an- : 
mutenden,figürlichen Auswirkung führte, die ' 
uns mehr an Iberisches und Westafrikani- 
sches wie an östliche Mittelmeerkunst er- 
innert. Beiläufig sei hier der Fund eines 
frühsardischen Kriegers aus der Gallura er- 
wähnt, das erste Beispiel aus jener Gegend [ 
überhaupt, die ja in manchem mehr an 
Korsika wie an die eigne Insel gemahnt 
(Not. 1918, 72—76). Taramelli hält sie für 
das Anzeichen eines dem Fundort nahen 
Heiligtums, an dessen Stelle, am Wege von j 
Tempio nach Palau, bei Luogosantu am ! 
Abhang des Monte Balaiana zwei alte Feld- 
kirchlein, des N. S. del Rimedio und des Sal- 
vatore, die letztere uralt, nach Taramelli 
vielleicht die Erinnerung festhalten. Der- 
artige Schlüsse sind auf Sardinien ganz be- 
sonders berechtigt, wo die Zähigkeit der 
Tradition einzigartig ist, wie ja auch Lebens- ' 
und Geistesverfassung der Bewohner in den j 
abgelegneren Gegenden noch heute durch- 
aus frühgeschichtlich, um nicht prähistorisch 
zu sagen, anmutet. Der antike Kult setzt 
sich fort in Höhlen (ein interessanter Be- 
richt z. B. über die Grab- und Votivgrotte ' 
von S. Michele dei Cappuccini bei Ozieri 
von Porro Not. 1915, 124—36) und auf [ 
Bergen und Hochflächen; so ist das Kirch- 
lein von S. Vittoria di Serri noch heute J 
Stätte von Dankfesten, besonders für Ernten, ; 
sicher ganz wie vor Jahrtausenden (ML. . 
XXIIT, 388), so finden die religiös-zivilen 
Versammlungen der heutigen Sarden noch 
auf entlegenen Höhen oder von den Orten 
entfernten Plätzen statt, wie solch ein Platz 
inmitten der Giara di Serri für Versammlun- 
gen hergerichtet mit allen nötigen religiösen 
Einrichtungen, einem Weihwasserbecken am 
Eingang, einem Altar im Inneren, den Fund- 
stücken nach benutzt durch die ganze puni- 
sche und römische Zeit, von Taramelli ML. 
XXIII, 406—29 mit Hinweis auf die jetzigen 
Sitten beschrieben und abgebildet wird. — 
Langandauernde Gräberplünderungen und 
der Wunsch, einer vor langen Jahren ins 
Museum von Cagliari gelangten Sammlung 
von Fundstücken aus Cornus wissen- 
schaftlich näherzukommen, gaben Taramelli 



den Anstoß, diese kleine, inmitten der West- 
küste gelegene Stadt und ihre Umgebung 
besser zu untersuchen, als es früheren For- 
schern gelungen war (Not. 1918, 285—331 
mit 67 Abbildungen). Die Akropolis, Aus- 
gangspunkt und schließlich wieder Abschluß 
der in der jüngeren Kaiserzeit absterbenden 
Stadt, späte, wohl erst in der Sccräuber- 
oder Vandalennot errichtete Mauern wurden 
festgestellt, vom Inneren, worüber alte Be- 
richterstatter mehr zu sagen wußten, freilich 
ohne viel Gewähr zu geben, wenig mehr ge- 
funden außer allerlei Einzelstücken, dagegen 
ziemlich viele Gräber, deren Lage zeigt, wie 
außerhalb der Stadt, ihrer ländlichen Be- 
deutung gemäß, sich Einzelgehöfte oder 
Dörfer in ihrem Weichbild verbreitet hatten, 
vielleicht, darauf führt namentlich die 
Lage altsardischer Gräber — guter Domus 
de gianas, darunter intakte, mit außerordent- 
lich vielen sukzessive hineingebrachten Toten 
gefüllt — , sogar Vorgänger der Stadt selbst, 
die in punischer und frührömischer Zeit sich 
einer gewissen Blüte erfreut zu haben scheint. 
Auch punische und römische Gräber wurden 
ziemlich viele gefunden, mit •zum Teil in- 
taktem Inhalt, darunter schöne und sehr 
mannigfache Glasgefäße, wie sie mit jener 
Sammlung auch seit lange einen Stolz des 
Museums von Cagliari bilden. — Daß im 
übrigen wie an Interesse so auch an tat- 
sächlichen Funden die jüngere Zeit auf der 
Insel mehr zurücktritt, versteht sich von 
selbst. Punisches wurde während der Be- 
richtsperiode, wie es scheint, kaum erforscht, 
in Sulcis ein römisches Haus mit spätem 
Mosaik untersucht (Not. 1914, 406—09), 
spätkaiserlich- »barbarische« Schmucksachen 
im Campidano aus Gräbern bei Sardiana 
und Dolianova (Not. 1919, 141— 47) aus- 
gehoben und in Assemini 13 km westnord- 
westlich von Cagliari interessante byzantini- 
sche Stücke dekorativer Art zum Teil inner- 
halb des Altars und unter dem Fußboden 
der alten Kirche S. Giovanni Battista ent- 
deckt (Not. 1919, 161—68). 

Funde einzelner bemerkenswerter- 
Kunstwerke, soweit sie nicht imvorstehen- 
den Bericht bereits verzeichnet sind. Nicht 
berücksichtigt sind hier die inventarartigen 
Aufführungen aus den Zugangslisten der Mu- 
seen in der Cronaca dellc belle Arti im 



215 



Italien 1914 — 1920. 



216 



BoUettino d'Arte, ebensowenig' selbstver- 
ständlich der große und so höchst erfreuliche 
Zuwachs wertvoller Marmorkunstwerke, wel- 
che der Öffnung der vatikanischen Magazine 
verdankt wird, worüber vorläufig der Bericht 
über Amelungs Vortrag in der arch. Ges. in 
Berlin vom 11. April ds. Js. Kunde gibt 
(unten Sp. 261 f.). 

Statuarische Marmorwerke: Statue 
einer Göttin, gefunden bei Aricia, jetzt im 
Museo nazionale; Veröffentlichung durch 
Amelung im Jahrbuch zu erwarten. (Vgl. 




Abb. 50. Fischer, hellenistische Statue von der 
Via Praenestina. 

unten Sp. 261.) Die Photographien lassen 
eine nooh strenge Peplosgestalt mit jüngeren 
Anklängen erkennen, deren zu kleiner Kopf 
jedoch neben der Hera Farnese auch den 
Barberinischen Apoll in München herb i- 
ruft. Amelung, der das Original kennt, denkt 
an Hegias, m. E. zu früh. Ich fragte mich 
beim Anschauen des Bildes, ob die Statue, 
schon ihrer überlebensgroßen Ausführung 
nach Kopie oder Umarbeitung einer Kult- 
statue des 5. Jahrhunderts, nicht etwa für 
den strittigen Zeitansatz des Alkamenes 



von Bedeutung werden kann. Hera? 
Artemis? — Eine leider bis jetzt nicht 
abgebildete Athena ohne Ägis, in der 
man Parthenosnachwirkung erkenne, ist, 
bös zerbrochen, an der Terrasse der sog. 
Villa Neroniana in Antium gefunden. 5.-4. 
Jahrhundert nach Fornari Not. 1915, 54—55. 

— Die von Mariani Bull. com. XXIX, 1901, 
Taf. VI, wozu 71—81, bekannt gemachte 
größere und treuere Marmorkopie der Her- 

I kulanenser Tänzerin Ost. Jahresh. IV, 181, 
Fig. 198, von Benndorf ebenda 183—84 
: gleichfalls besprochen, steht nunmehr als 
j Leihgabe ihrer jetzigen Bostoner Besitzerin 
I in der Amerikanischen Akademie in Rom 
! und ist als Titelbild der Memoirs of the 
Amer. Acad. in Rome I, 1917 in schöner, 
neuer Abbildung vorgelegt. — Im Frigi- 
darium der Thermen in Sezze sind ein guter, 
alte Formensprache in den Stil des 4. Jahr- 
hunderts überführender Apollonkopf und 
eine anmutige frühhellenistische Frauenstatue 
gefunden: Not. 1916, 182—83, Fig. 3, 2. — 
Ein nachpraxitelischer jugendlicher Diony- 
sos, kopflos, rechter Arm hoch, linker ge- 
senkt, stammt wohl aus römischem Villen- 
besitz bei Castel Gandolfo: Not. 1914, 191. 

— ML. XXIV, 207—08 ist eine gute, wenn 
auch etwas trockene Kopie der Hygieia 
Hope, ohne Kopf, rechte Schulter und Hand 
gegeben. — Eine leider sehr trümmerhaft er- 
haltene Kolossalgruppe von der Via Salaria 
atmet pergamenischen Geist. Man denkt an 
Achill-Penthesileia und erinnert sich der 
Amazone Borghese: Not. 1915, 25, Fig. 2. 

— Ein hellenistischer Fischer, kopflos, in 
der Linken die Sportula, knickebeinig, ähn- 
lich dem Fischer in der Galleria dei cande- 
labri und den beiden im Louvre, stammt von 
der Via Praenestina: Not. 1920, 224, Fig. 2 
(wonach hier Abb 50). Dem Herausgeber 
Mancini ist begreiflicherweise Wiegands 
erschöpfende Behandlung des schönen 
Torso aus Aphrodisias (Jahrb. d. pr. 

' Museen 1916) unbekannt gebUeben; die- 
, selbe erfährt durch die neue, fast lebens- 
große Gestalt eine erwünschte Erweiterung. — 
Ebenda 226, Fig. 3 gibt eine gute Brunnen- 
figur eines hochauftretenden jugendlichen 
Satyr, der mit der linken den Strahl lenkt, 
der dem auf dem rechtem Oberschenkel ru- 
henden Schlauch entspritzt. — Aus Albano 



217 



Italien 1914 — 1930. 



218 



stammt eine guteFrauenbtiste der ersten Kai- 
serzeit: Not. 19 14, 194, Fig. 2. — An der 
Via Labicana fand sich, trefflich erhalten 
und originell komponiert das Grabbild einer 
auf dem Klinesarg schlafenden Frau flavi- 
scher Zeit, bei der man an das Haterierdenk- 
mal erinnert wird: Not. 1917, 97, Fig. 3. — 
Aus Olbia, rarae aves für Sardinien, kommen 
ein Drususartiger Kopf und ein Traian: Not. 
1919, 113 — 20, Fig. I — 4. — Ein sentimental 
aufblickender römischer Frauenkopf der 
zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts stammt 
aus Poggio Sommavilla: Not. 1916 282. — 
Den ikonographisrhen Hauptfund aus der 
Kaiserzeit ergab Ostia mit einer Kolossal- 
gruppe des Commodus und der Crispina als 
Mars und Venus, die bekannte Zusammen- 
stellung der beiden Statuenschöpfungen des 
4. Jahrhunderts, für eine Nische bestimmt, 
von ausgezeichneter Erhaltung (es fehlen nur 
die rechten Hände), obschon wahrscheinlich 
hinabgestürzt in eine christliche Basilika: 
Alles gut dargelegt, die Gruppe zutreffend 
behandelt durch Moretti: Not. 1920, 61, 
Fig. II. — Ebenda Fig. 8 eine vorzügliche 
Büste eines Römers hadrianischer Zeit. — 
In den Anfarig des 3. Jahrhunderts gehört 
ein wohl zu einem Monumentalgrab an der 
Via Appia zwischen Capua und Caserta ge- 
hörender Männerkopf, von der Herausgeberin 
Alda Levi zu früh datiert: Not. 1917, 

34—35, Fig- 1—2. 

Marmorwerke in Relief: Von der Via 
Clodia (5 — 6 km von Rom) stammt ein aus- 
gezeichnetes Büstenrelief, die Büste in tiefer 
Nische, vom Grabe eines L. Petronius L. f. 
Pal. patronus faber argentarius, also eines 
freien Künstlers. Auffassung und Arbeit 
weisen in flavische Zeit. — An der Via Sa- 
laria fanden sich große Bruchstücke bester 
Arbeit in hohem Relief: vom Meer auf- 
steigende Quadriga, Männer und Frauen, 
vielleicht Schmuck eines monumentalen 
Grabbaues. Man möchte, da die Deutung 
mythologisch gesucht werden muß, an 
Achills Zug nach Leuke denken: Not. 1917, 
305 — 08, Fig. 6 — 7. — Von einem späten 
Grabe bei Aricia stammt die größere Hälfte 
eines guten, leider ungenügend abgebildeten 
Reliefs, jetzt im Museo nazionale, vielleicht 
von einem älteren Grabe an der Via Appia, 
mit ägyptisierenden Darstellungen in römi- 



scher, zum Teil absichtlich scherzhafter Auf- 
machung. Paribeni begleitet die Veröffent- 
lichung Not. 1919, 106 — 12 mit guten Dar- 
legungen über den Unterschied alexandrini- 
cher und römischer Auffassung ägyptischer 
Dinge. Ein interessanter guter Larenaltar 
mit bacchischem Opfer aus Ostia : Not. 1916, 
145 — 48 und 423, Fig. 4 — 5: Laribus vicinis 
sacrum, in situ gefunden. — Von Sarkopha- 
gen sei genannt ein eigenartiges Stück aus 
der oben behandelten Nekropole S. Placido 
von Messina (ML. XXIV, 198) : zu beiden 
Seiten der Vorderfront je ein sich zuge- 
wandtes Kentaurenpaar, männlich und weib- 
lich, in der Mitte ein auf Palmen ruhender 
Gorgonenschild, links und rechts davon zwei 
Panther, zwei andere unter den Kentauren; 
über diesen fliegende Harpyien. — Ferner 
ein Endymionsarkophag von der Via Ar- 
deatina (Not. 1920, 219, Fig. l), gut 
erhalten, der die Familie 'gut vertritt, 
welche uns durch den Sarkophag Panfili 
(M. — D. 2712; Robert, Sarkophage, III, I 
Taf. XIV, 50) besonders geläufig ist. — 
Aus Sulcis sei ein kleiner Altar genannt, der, 
auf drei Seiten mit Darstellungen punischer 
Götter in hellenistischer Formgebung, an 
griechische Götter und Heroen durchaus an- 
gelehnt, geschmückt, der punischen Inschrift 
zufolge von Puniern geweiht ist. Taramelli 
hat in sorgsamen Ausführungen diese merk- 
würdige Erscheinung eingehend gewürdigt: 
Not. 1919, 151 — 59. — Und wenn auch nicht 
aus Marmor, sondern aus Steatit, mag hier 
noch angereiht sein eine Tafel aus Tharros, 
welche auf der Rückseite in guter Hiero- 
glyphenschrift Weihung an Amonra, Mut 
und Chonsu ausspricht, nach Schiaparelli 
mit einer unägyptischen Anomalie, während 
die Vorderseite diese Götter in allerdings 
weder ägyptisch noch griechisch aussehender 
Art in Relief gibt: Not. 1919, 135 — ^40, 
Fig. 1—2. 

Kleinbronzen. Die vielen zum Teil 
recht wertvollen Bronzen aus Lokri und 
Medma, die im obigen Bericht nicht alle 
die gebührende Berücksichtigung finden 
konnten, sollen hier nur erwähnt sein; be- 
sonders hervorgehoben jedoch ein 1906 ge- 
fundener Spiegel, dessen Rückseite ein feines 
Rosettensystem schmückt und den mit 
hoch erhobenen Händen ein Peplosmädchen 



219 



Italien 1914 — 1920. 



220 



trägt: Orsi, BoU. d'Arte XIII, 1919, 95 — lOi 
mit 5 Abbildungen. Ebenso die große Zahl 
sardischer Bronzen aus den dortigen Heilig- 
tümern und Gräbern, deren Abbildungen 
durch Taramellis große Berichte verstreut 
sind, unscrn bisherigen Bestand wesentlich 
vergrößern und — was noch wichtiger — 
vielfach besser erklären. Besonderes Ge- 
wicht legt Taramelli auf einen Bronzekrieger 
aus einem Grabe bei Sardara (ML. XXIII, 
432, Fig. 1 18 — 19), weil er in Tracht und Be- 
waffnung seiner Meinung nach den Bildern 



Eine atestinische Frau aus der Anfan gszeit des 
großen Baratelafundes, also Periode III, 
5. — 4. Jahrhundert, ersterem wohl näher. 
Die Tracht ist aufs genaueste nachgebildet, 
der kurze, stark auf Taille gearbeitete 
langärmlige Rock, der Gürtel mit der großen, 
rautenförmigen Schließe, die wie eine Kor- 
sage wirkt und als solche schon in vielen 
Frauengräbern Ober- und Mittelitaliens ge- 
funden ist, der aus den überreichen Haaren 
spitz aufgedrehte Tutulus, die dicken Hosen 
oder Gamaschen, die in barbarischer Fülle 





Abb. 51. Herakles. Bronzestatuette aus Alife. 



der Schardana auf ägyptischen Wänden 
gleiche. Auch auf das sonderbare Votiv- 
bukranion von S. Maria di Tergu ML. XXIII, 
401, Fig. 95 und den prachtvollen, sonstiges 
sardische weitüberragenden Stierkopf aus 
Orani ebenda Fig. 96 sei besonders hin- 
gewiesen. — • Als Kunstwerk schauderhaft, 
als Trachtstück vom größten Wert ist eine 
Statuette, die in der archaischen Nord- 
nekropole von Este gefunden, von 
Ghirardini veröffentlicht und mit muster- 
hafter Sorgfalt kommentiert wurde (Bull, di 
pal. XLI 1916, 147 — 163, Fig. la — c). 



um Hals und Brust gelegten Schmuckketten: 
das alles stellt uns solch eine venetische Bar- 
barenfrau so greifbar wie nur denkbar vor 
Augen und erklärt Originale aus den Gräbern 
und Abbildungen auf Denkmälern. — Bendi- 
nelli bespricht ML. XXVI, 221—66 
Taf. I — II eine Menge italischer Votiv- 
bronzen im Museo V. Giulia. Er veröffent^ 
licht den großen Fund von Cagli (1878) und 
knüpft daran eine Zusammenstellung vieler 
ähnlicher Stipes sacrae — leider nicht aller, 
die literarisch bekannt sind — , insbesondere 
der Marsbronzen, von denen die beiden Ta- 



221 



Italien 1914 — 1920. 



222 



fein vorzügliche Abbildungen geben; viele 
andere im Text. Bendinelli bedauert mit 
Recht, daß diese wertvollen Zeugen italischer 
Religion und Kunst bisher nicht gesammelt 
worden seien, betont jedoch zu einseitig das 
»italische« Element darin, während doch die 
Formgebung auf dem Festlande von vorn- 
herein auf griechisches Schema zurückgeht. 
Merkwürdig, daß er die vielen Herkules- 
bronzen gar nicht streift. Bei Besprechung 
zweier weiblicher Bronzen mit Angabe von 
allerlei Toilettenbesonderheiten wird die 
Frage erwogen, was Gottheit, was dankbare 
Sterbliche sind. Bendinelli entscheidet sich 
mehr für letztere. — An der Via La- 
bicana und zwar in einem Columbarium ist 
eine 0,144 m hohe Replik des Diadumenos 
gefunden, bis auf den fehlenden vorderen 
Teil der Unterarme und die Hände gut er- 
halten, den Statuen von Vaison und Delos 
am nächsten verwandt: Not. 1918, 26 — 27, 
Fig. I — 2; vgl. 1920, 31 ; abg. auch AJA. 
XXIII, 1919, 83. Die Figur hat nur sechs 
Kopflängen und ist oben zu breit. Not. 1916, 
112 — 13. — Fig. I — 2 (hier Abb. 51) ver- 
öffentlicht Alda Levi einen aus Alife 
stammenden nachlysippischen jugendlich 
schlanken Herakles, das Löwenfell als 
Schurz umgegürtet, ein Trinkhorn in 
der Rechten, ein schönes Stück, höchst 
erfreulich ergänzt durch das fehlende, vom 
Finder bereits ein Jahr vorher einem Tabak- 
händler für 2 sigari napoletani und ein Päck- 
chen Tabak zu 10 centesimi verkauft ge- 
wesene Bein. — RCL. XXV, 1916, 81—84 
wird von Mengarelli die gute Bronzebüste 
einer Göttin mit der Kapsel, die sie an 
einem Bugspriet befestigte, abgebildet und 
richtig besprochen: ein schönes und inter- 
essantes Stück, das aus dem Hafen von 
Centumcellae gefischt sein soll und ins Museo 
nazionale gekommen ist. — Aus Ostia bildet 
Calza Not. 1915, 253 — 56, Fig. 13 — 20 (vgl. 
auch Journ. of Roman Stud. V, 191 5, 
165 — 72) eine Reihe Kleinbronzen ab, dar- 
unter einen ausgezeichneten Negerkopf. 
Für Terrakotten gilt das vorher von den 
Kleinbronzen gesagte: Lokri und Medma, 
aber auch die sizilischen Fundstätten sind 
durch den hier gegebenen Bericht bei weitem 
nicht erschöpft. Ferner: aus Reggio eine 
Tonform mit dem Bild eines kämpfenden 



jugendlichen Kriegers, dem Mars auf den 
Mamertinermünzen sehr ähnlich, ein Beweis 
für dort einheimische keramische und damit 
doch auch wohl toreutische Industrie im 
3. Jahrhundert: Not. 1915, 430, Fig. i. — 
In Ferento fanden sich, zur Bedeckung eines 
Totei> verwendet, Simastücke aus Terra- 




Abb. 52. Punische Maske aus Tharros. 

kotta (Not. 1920, 117 — 20), von denen 
Fig. 3 für die Konstruktion und Verwendung, 
Fig. I durch die beiden ausgezeichneten 
Masken von Sklaven der neueren Komödie 




Abb. 53. Punische Maske aus Tharros. 

wertvoll. — Aus Tharros und der Nekropole 
von San Sperate sind Masken zutage ge- 
kommen ähnlich denen, die schon früher in 
glänzenden Exemplaren sowohl in Karthago 
(Mus6e S.Louis und Bardo) wie im Museum von 
Cagliari aus den Punierstädten Sardiniens die 
Aufmerksamkeit so stark erregt haben und 
den Weg zeigten, auf dem die Phersu- 
masken zu den Etruskern — und von da 
als »persona« zu den Römern — kamen 
(Arch. Anz. 1896, 88). Taramelli, der sie 



223 



Italien 1914— 1930. 



224 



Not. 1918, 145 — 55, Fig. I — 8 herausgibt 
(vgl. unsere Abb. 52 — 55), möchte schei- 
den in Masken ursprünglich bacchi- 
schen Charakters, die zuerst griechisch 
auf dem Wege über Sizilien und die 
Epikrateia zu Puniern gekommen seien 
und eine andere Klasse, die rein orientalisch 
uns die grimassenhaften japanischen Cha- 
raktermasken zunächst vor Augen rufen. 
Sammlung und kritische Verarbeitung dieser 
ganzen Maskenfamilien wäre recht erwünscht. 
Vasen. Auch hier unmöglich, alles heraus- 
zuheben, was Interesse erwecken möchte. 
Außer dem schon früher aufgeführten sei 
noch der Beginn der Veröffentlichung der 
wertvollsten Vasen des Museo V. Giulia 



Einzelnes. Aus Bronze: Aus Olbia schö- 
nes, mit Pompejanischem sich eng berühren- 
des Gerät, auch ein Kandelaber (Not. 1920, 
91 — 96, Fig. I — 5); vom Emporium in Rom 
allerlei Schiflszubehör, so drei Cheniskoi, eine 
Platte mit Balkeneinsatz für die Schiffsseite 
u.a. (Bull. com. 1916, 236 — 48); eine Amu- 
lettscheibe, rund, auf der einen Seite eine 
opfernde zeusartige Gestalt, über der »So- 
lomon«, auf der andern Hekate in öfter vor- 
kommender Weise, aus Ostia: Not. 1917, 
326—28, Fig. 1—2. — Aus Elfenbein: Hörn 
mit figürlich geschmücktem Goldblechbe- 
schlag, 7.-6. Jahrhundert (Not. 1914, 450 
bis 52, Fig. 6—10). — Stücke einer Athena- 
statue in der vatikanischen Bibliothek: 






Abb. 54. Punische Maske aus Tharros. 



Abb. 55. Punische Maske aus Tharros. 



im Bollettino d'Arte X, 1916, 335 — 68 
mit 24 Abbildungen durch Savignoni ge- 
nannt, durch dessen so beklagenswerten 
Tod leider unterbrochen. — Eine attische 
lax sf. Schale aus Pitigliano verdient Er- 
wähnung: A: zwei kauernde Krieger mit 
devot vorgestreckten Händen blicken auf 
■ zu einer eben mit dem einen Fuß den 
Boden erreichenden Nike, vom Rücken ge- 
sehen, nach links umschauend, die jeder der 
Krieger um Unterstützung anfleht. B: zwei 
Krieger in gleicher Stellung. Hier streckt 
nur der zur Rechten seine Rechte einer in 
Vordersicht auf Klappstuhl sitzenden Göttin 
entgegen, die den Kopf ihm zuwendet. 
Weinranken auf beiden Seiten, auf A unter 
Freilassung des Mittelfeldes zwischen den 
Kriegern, auf B auch hier in zwei Doppel- 
zweigen hinter der Göttin aufsteigend (Not. 
1914, 89—91, Fig. 1—3). 



Albizzati, JHSt. XXXVI, 1916, 373—402 
mit 2 Tafeln und 8 Textabbildungen. — 
Aus Knochen: Verkleidungsstücke eines Ge- 
räts, wohl Kastens, aus einem Kammergrab 
von Perugia, auf dem noch zwei geflügelte 
Krieger und der Anfang eines ' dritten: Not. 
1914, 140, Fig. 5. — Aus Glas: Vieles in den 
genannten Berichten; besonders bemerkens- 
wert eine Zikade als Fläschchen für aromati- 
sches Öl: Not. 1915, 340, Fig. 5. — Aus 
Obsidian: Geschnitzte Bruchstücke plasti- 
scher Figuren aus der früheren Villa Patrizi: 
Not. 1915, 408—09; Bull. com. 1915, 326. 
Vgl. Plin. XXXVI, 196. - Malerei: Pap. 
of the Brit. Seh. Rome VIII, 1916, 91 — 103 
veröffentlicht E. Strong- Seilers Gemäldereste 
aus einem Privathaus der Via de' Cerchi mit 
lebensgroßen Figuren. Die Herausgeberin 
erkennt, natürlich auch unter dem Einfluß 
der Fresken von Boscoreale und Villa Item, 



225 



Italien 1914 — 1920. 



226 



zweiten pompejanischen Stil, während Mii3 
van Deman ihren Baukriterien zufolge den . 
Bau viel später setzt. — Aus Ostia sei außer 
dem schon im Bericht allgemein gesagten 
noch besonders hingewiesen auf eine origi- 
nelle Dekoration: Wand mit konvex nach 
oben geschwungenen Festons feinster Zeich- 
nung, unter denen zierliche Rehe v. dgl. : 
Not. 191 5, 343, Fig. 7. — Von der Via La- 
bicana ein auffällig gutes Arkosolien- 
porträt Not. 1914, 381, Fig. 2. 

Inschriften. Nur eine Auswahl des 
Wichtigsten und nur in Form der Erwähnung 
hier zu berücksichtigen, soweit nicht schon 
im Hauptbericht berührt. Nicht weniger 
wie acht mehr oder minder archaische In- 
schriftbrocken aus Selinus und drei aus der 
Festlandnekropole von Motye bringt in 
guten Faksimilewiedergaben Gabriel Not. 
191 7, 341—48; 1—5 stammen aus den Gra- 
bungen der Jahre 1892—93, also den Her- 
mokratischen Befestigungen, soweit etwa 
sepulkral, also wohl von der älteren Nekro- 
pole Galera Bagliazzo, 6 — 8 aus der West- 
nekropole von Manicalunga. Auf die Merk- 
würdigkeit, daß auf Motye das Griechische 
so stark eindrang, wurde oben schon hin- 
gewiesen. — Not. 1914, Suppl. 4 wird, eben- 
falls in Faksimile, jene Weihung durch Ka- 
paron und Proxenos aus Lokri wieder- 
gegeben, deren Namen, Vater und Sohn, 
bei Thukydides III, 103 korrumpiert, durch 
die Inschrift richtiggestellt werden, und deren 
Stellung in der Stadt durch diese in Lokri 
so überaus seltene epigraphische Form be- 
sonderen Nachdruck empfängt (Keil, Her- 
mes L, 1915, 635—36). — Aus Menae 
in Sizilien der Vokativ 'Adr^voi (Not. 
1920, 337). — ML. XXIV, 195-98 
zwei oskische griechisch geschriebene Mamer- 
tinerinschriften, durch Wackernagel Berl. 
ph. W. 1917, 1248 zurechtgerückt. — Ein 
Altar von mehreren gleichartigen, die gewiß 
ebenso aus schmucklosen, viereckigen 
Blöcken aufgebaut und durch C. Saufeius 
Sabinus und C. Orcevius als Censoren von 
Praeneste genehmigt waren, dieser der luno 
Palosticaria geweiht; ein neues Epitheton; 
Zeit: 2. Jahrhundert v. Chr. (Not. 1914, 195 
bis 196; Bull. com. 1913, 22 ff.). — Not. 1917, 
329 ist ein neugefundenes Ejgänzungsstück zu 
der Inschrift CIL. XIV, 2983 gegeben, das 

Archä?>Iogischer An/eiijer 1921. 



Dessaus Bedenken wegen der drei ersten 
Zeilen beseitigt und die Verbindung der In- 
schrift mit den Dindii und Macolnii (ficoroni- 
sche Cista!) zuläßt. — Daß quer über das Fo- 
rum von Pompeji eine Bronzeinschrift lief, 
stellt A. W. van Buren durch das Vorhanden- 
seih eines monumentalen Q fest: Memoirs of 
the Amer. Academy in Rome II, 70—71. — 
Zwei wichtige Fastenfragmente sind in Ostia 
zutage gekommen und, auch photographisch, 
gut reproduziert von Paribeni Bull. com. 
XLIV, 191 6, 208—27 und von Calza Not. 

1917, 180 — 95; dazu Hülsen B. ph. W. 
1920, 305 — 12; das zweite von Calza Not. 

1918, 223—45; zum Fundort Paribeni Not. 
1920, 156. Ebenfalls aus Ostia das Bruch- 
stück eines Elogium auf Ancus Martius, 
wohl zu der Reihe vom Augustusforum 
(CIL. I» p. 186 ff.) gehörig: Paribeni Not. 
1918, 137. Auch ein paar Grenzcippen 
zwischen öffentlichem und privatem Grund 
aus Ostia seien genannt: Not. 1918, 131—32, 
sowie die für die bekannte Verknüpfung des 
Kaiserkults mit Silvanus bemerkenswerte 
Inschrift Not. 1918, 136, zu_ der Paribeni 
auch an die grade für Ostia bezeugte Ver- 
bindung Silvanus-Mithra erinnert. — Zwei 
neue Arvaltafeln sind gefunden, die eine, 
wohl um 140 zu setzende (Not. 1919, IOC 
bis 106), in welcher Paribeni u. A. Bezug 
sehen möchten auf ein Verlangen der servi 
nach dem Begräbnisplatz nahe dem Zirkus 
der Arvalen draußen bei der Dea Dia. 
Diese Tafel enthält auf ihrer Rückseite 
die knappe, kümmerhche Angabe eines 
Magisteriums der Arvalen aus dem Jahre 
304, die bis jetzt letzte Erwähnung der 
Existenz des Kollegium, zugleich ein Be- 
weis für den damals schon eingetretenen 
starken Verfall der Baulichkeiten. Die 
zweite, ungleich wichtigere, unter S. Cri- 
sogono in Trastevere gefunden, aus dem 
Jahre 240, gut, auch photographisch, ver- 
öffentlicht von Mancini und Marucchi Not. 
1914, 464—78, ist von Wissowa Hermes LII, 
191 7, 321—47 ausgiebig behandelt. — Die 
späte BauinschriftvonCasteldiSangro, welche 
den rechten Flügel eines Macellum und eine 
Porticus erwähnt, ist über die Veröffent- 
lichung Marianis (ML. X, 1901, 259) hinaus 
etwas vervollständigt worden (Not. 191 8, 
143); aber trotz der guten photographischen 



227 



Italien 1914 — 1920. 



228 



Aufnahme ist sie nicht recht zu einem ver- 
ständlichen Zeugnis für so überraschend 
späte munizipale Bautätigkeit in der ab- 
gelegenen Aufidenagegend auszugestalten. 
Bei Amiternum ist die von einem leicht 
gerundeten Grabe kommende Inschrift eines 
Illvir Augustalis gefunden, eine Besonder- 
heit, statt des Sevir, von Amiternum und 
Peltuinum: Not. 191 7, 339. — Aus Sulcis 
kommt ein Stempel »Annus longus«, inter- 
essant, weil noch heute, namentlich in der 
entlegenen Mitte der Insel, der übliche Neu- 
jahrsgruß (Not. 191 9, 150). Die Gräber- 
gruppe von S. Placido bei Messina (s. o.) 
hat viele neue Ziegelstempel ergeben (ML. 
XXIV, 180—81). Gamurrini ist es geglückt, 
eine Not. 1916, 185 bekanntgemachte In- 
schrift von Venosa richtig zu lesen und zu 
erklären, in welcher letztwillig bestimmt 
wird, auf den Scheiterhaufen feinen, süßen 
Honig zu stellen, wozu Gamurrini Parallelen 
zusammenstellt: RCL. 1917, 98 — 102. Ein 
hübsches Graffito vor der Porta del Vesuvio 
von Pompeji, an dem sich schon Hülsen mit 
Glück versucht hatte, ist von Della Corte, 
Hülsens Ergänzung schön bestätigend, so 
gelesen : Sic tibi contingat semper florere, 
Sabina, Contingat forma(e), sisque puella 
diu! (Not. 1916, 286). — In S. Sabina in Rom 
ist ein Inschriftblock entdeckt, der in Über- 
einstimmung mit dem Scr. h. Aug. Wieder- 
herstellung des Balneum Surae durch Gor- 
dian III. bezeugt: Not. 1920, 141—42. — Im 
Bull. com. di Roma ist ein Ehrencippus aus 
Reggio Cal. veröffentlicht (XLIII, 1915, 
47—51), zunächst für Flavius Optatus, dann, 
in Versen, für Zenodorus, corrector Lucaniae 
et Bruttiorum. Not. 1914, 224: lange, metri- 
sche Klage einer Ehefrau, später christhch 
verwendet. Not. 1916, 31.8— 20: zwei neue 
Tiberterminationscippi, hadrianische Resti- 
tutionen. Hadrian auffälligerweise Imp. IV 
bezeichnet (sonst immer Imp. II). — Eine 
Freigelassene mit der neuen Bezeichnung 
»tosillaria« erscheint Bull. com. XLIII, 1915, 
67. — Ebenda 208 ein Aidilis lustralis, noch 
repubUkanisch, auf der Akropolis von Tus- 
culum. — Ein römisches Mosaikpaviment in 
Este begrüßt die Besucher: salvis amicis 
felix hie locus (Not. 1918, 260). — Inmitten 
des großen Gräbergebiets zwischen Porta 
Salaria und Nomentana kam ein später 



j Marmorcippus zutage: Eufrosynus posuit 
donum deo aram et deum: Bull. com. 

■ IQIS) 65. Ein Columbarientitulus von der 
Via Salaria nennt einen M. Servilius Pa- 
ratus concinnator a scaena, worunter E. Gatti 
einen Theatermaschinisten verstehen möchte 
(Not. 1920, 285). Scharfsinnig rekonstruiert 
und würdigt Taramelli eine leider sehr man- 
gelhaft erhaltene monumentale Inschrift aus 
augusteischer Zeit aus den Thermen von 

i Fordungianus, also dem natürlichen Ein- 
gangstor in die Gennargentugegend, die ja 
seit dem Altertum noch, besonders südlich 
und südwestlich von jenem Bergmassiv, Bar- 
bargia heißt (s. Dante, Purg. XXIII, 
94 — 96). Die Civitates Barbariae sprechen 
dem Kaiser ihren Dank aus durch eine 
Weihung, nachdem die Übernahme der Insel 
in kaiserliche Gewalt Ordnung geschaffen 
hatte. Hierdurch bestätigt die civitates 
Barbariae der pränestiner Inschrift CIL. 

! XIV, 2954 (Not. 1920, 347—53)- 

I Münzfunde. Nur soweit in den Notizie 

! verzeichnet, da mir die Rivista di numis- 
matica, Bollettino di numismatica und an- 

! dere Organe noch nicht zugänglich waren. 

j S. Stefano Roero (Prov. Cuneo): halbe 
Victoriati, Denare, Quinare, alle aus der 
letzten Zeit der Republik, die letzten 
von Caesar und Augustus (Not. 1914, 
86—88). — Gignod (Aostatal): 122 Klein- 
bronzen, von Valerian bis Diocletian: Not. 
1914,409—10. —Turin: 1357 Kaisermünzen 
von 244—68: Not. 1915, 62—69. — Angera 
(L. maggiore), in einer Mithrasgrotte: Kaiser- 
münzen von Ende 3. bis Anfang 5. Jahr- 
hunderts, nach Patroni Not. 1918, 8—9 zu- 
sammenhängender Fund. — Besano, unweit 
Varese: 182 römische Sesterzen, Dupondii, 
Asse von Tiberius bis Philippus minor: Not. 
1918, 92—93. — Ebendaher 23 Sesterzen 
von Domitian bis Alexander Severus, in 

I einen Topf: Not. 1917, 197— 98. — Castagnaro 
unweit Verona: 1227 Aurei und Denare von 
Vespasian bis Hadrian: Not. 1914, 213—18 

' mit Hinweis auf drei zum Teil bedeutende 
Münzfunde der gleichen Gegend, von denen 
zwei in die Republik, einer in die Kaiserzeit 
gehören. — Bei Martellago, unweit Mestre, 
fanden sich, wohl in einem Holzkistchen ge- 
borgen, 497 Sesterzen von Vespasian bis 

! Trebonianus Gallus: Not. 1917, 217 — 20. — 



229 



Italien 19 14 — 1920. 



230 



Bei S. Giorgio di Nogaro (Prov. Udine) : 
206 römische Asse, älter als 89 v.Chr.: 
Not. 1917, 235—36. — Topffund bei Vico Pi- 
sano, nahe dem Lago Bientina. Der Topf 
war mit rundgeschnittenem Ziegel geschlos- 
sen. 202 Denare und — wenige — Quinare 
aus der letzten Zeit der Republik bis Au- 
gustus. Museum Florenz (Not. 1920, 240 
bis 43). — Bei Imola 12 Victoriati und über 
500 Denare, um 89 —88 vergraben : Not. 1916, 
159—63. — In Ostia zwei Funde von Billon- 
münzen, aus der zweiten Hälfte des 3. Jahr- 
hunderts bis Probus: Not. 1914, 252; 323. — 
Bei Sessa Aurunca ein kleiner Topffund von 
ostgotischen und byzantinischen Münzen: 
Not. 1919, 356—58. — Am Platz des antiken 
Calatia, links von der Via Appia, ist ein 
etwa 92 v. Chr. unter die Erde geratener 
Fund von 361 Münzen zutage gekommen, 
und zwar 336 Denare und 26 Victoriati: 
Not. 1914, 172—78. — Von San Martino, 
bei Cava dei Tirreni, wurden Teile eines 
schon 1908 gemachten Fundes bekannt (Not. 
1908, 84—85), der 87 Aes gravestücke ent- 
hielt und 165 Münzen von Rom, Campanien, 
Paestum, Mamertinern, Syrakus, alles 3. 
Jahrhundert: Not. 1918, 268—69. — Suk- 
zessive Niederlage von Münzen vom 4. Jahr- 
hundert V. Chr. bis zum 6. n. Chr. vor der 
Pertosagrotte wurde von Rellini festgestellt: 
ML. XXIV, 597—98. — Aus Curinga, un- 
weit Maida, ist ein Fund von etwas über 
300 archaischen Silbermünzen von Meta- 
pont, Sybaris, Kroton, Kaulonia zur Kennt- 
nis gekommen (Not. 1916, 186—87), über 
den Orsi eine Sonderbehandlung zusagt, 
»poichfe di tesoretti monetali calabresi, che 
io sappia, quasi mai si h dato conto«. Vgl. 
jedoch z. B. meine Berichte Z. f. Numism. 
VII, 1880,308 — 1 1 ; 312 — 14. — Ein größe- 
rer Schatzfund griechischer Silbermünzen, 
darunter besonders viele der im Bruttierland 
ja überhaupt so auffällig zahlreichen Statere 
von Ambrakia und Akarnanien, stammt von 
S. Giorgio Morgeto, unweit Medma- Rosarno: 
Not. 1914, 211 — 12. — Gegen lOO meist 
sizilische Stücke, nur 7 von Rhegion, 5. bis 
4. Jahrhundert, sind in Reggio gefunden. 
Putortl bezeichnet den Fund als verwandt 
den Not. 1888, 295 flf.; 1891, 345 ff.; 1912, 
454 ff. aufgeführten und verspricht Sonder- 
behandlung: Not. 1914, 159—60. — Bei 



Gizzeria, unweit Nicastro, fand sich in einem 
Topf eine zwischen 510—350 zu datierende 
Gruppe von Münzen, nur 2 silberne von 
Metapont und Messana, 59 Bronze: 3 Velia, 
23 Kroton, 5 Rhegion, 20 Messana, 2 Syra- 
kus, 5 schlecht erhalten: Not. 1914, 211. — 
Aus der Nähe Paternös kam ein Fund, etwa 
40 archaische Stücke von Messana, Syrakus, 
Gela, Akragas und ein größerer Denarfund 
aus Paterno selbst, von dem 157 fürs Mu- 
seum von Syrakus gerettet werden konnten: 
Not. 191 5, 226. — Ein Fund aus Gela, Zeit 
des Agathokles, ergab viele Pegasosstatere, 
mit ihnen ein Paar schöne Löwenkopfohr- 
ringe : Not. 1915, 234. — Topffund bei Gela. 
Kleine Goldstatere des Philippus und Ale- 
xander. Dabei ein Goldohrring mit Löwen- 
' köpf. Vielleicht aus diesem Fund auch kartha- 
i gische Elektronstatere, die in Catania Stücken 
aus diesem Funde beigemischt gesehen 
wurden. Orsi vermutet, daß dieser Fund wie 
zwei andere, frühere, mit Goldmünzen des 
Agathokles um 282, als Phintias Gela zer- 
störte, unter die Erde gekommen sei (Not. 
1920, 338). Aus Lilybaion kamen 328 
Kleinbronzen von Nachfolgern Constan- 
tins: Not. 1919, 80. — Aus Ber- 
chiddu (unweit Ozieri) stammt ein Fund 
von etwa 1400 Denaren, der um 82 v. Chr. 
verloren sein muß, von Taramelli in lehr- 
' reichen Vergleich gesetzt mit dem Fund von 
I 871 Denaren aus Olbia, der von 268 bis Au- 
i gustus hinabgehe (Not. 1918, 155—69). — 
Aus einer Bidelle genannten Gegend bei 
Villaurbana in der Nähe Oristanos kam ein 
in der Riv. it. di numism. 1915 fasc. I be- 
handelter Fund von 287 Bronzemünzen der 
Kaiserzeit, von Traian bis Trebonianus Gal- 
lus, die älteren Stücke sehr abgenutzt; die 
meisten von Gordian und Philippus d. Ä. 
(Not. 191 5, 97—99). — Aus dem 4. Jahr- 
liundert n. Chr. stammt ein Fund von Gus- 
pini, im südwesthchen Erzgebirgegebiet : Not. 
1919, 187. — Den Schluß mache eine antike 
Geldbörse aus dünnem Blei, zu einer Tasche 
zusammengelegt, mit 89 stempelfrischen Vic- 
toriati, gefunden auf dem Plateau einer an- 
tiken sizilischen Stadt, Serra Orlando, bei 
Aidone: Not. 1915, 233 -34, Fig. 36. 

Heidelberg, Mai 1921. F. v. Duhn. 



231 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Januar- Sitzung 1921. 



232 



ARCHÄOLOGISCHE GESELLSCHAFT 
ZU BERLIN. 

Sitzung vom 4. Januar 1921. 

Herr Valentin Müller sprach über 
drei archaische männliche Statu- 
etten. Die 16 cm hohe Bronze in 
Stockholm (Abb. i nach Harald Brising, 
Antik Konst i Nationalmuseum. Stockholm 
1911, Taf. XIV, Nr. 314)') gehört zu den 




Abb. I. Bronzestatuette in Stockholm. 

ältesten Beispielen des »Kurostypus«; 
nur die Kuroi aus Rhodos und Naukratis 
(Deonna, Apollons archaiques Nr. 135 und 
148) sind noch älter, jünger dagegen ist der 
Torso aus Tigani (a. a. 0. Nr. 137), bei dem 
die Hände schon zur Faust geballt sind *). 



') Brising gibt keine stilistischen Erläuterungen; 
kurz gestreift wird die Bronze von Poulsen, D. 
Orient u. d. frühgriech. Kunst 160. 

') Poulsens Bemerkungen a. a.O. sind nicht richtig: 
die Bronze aus Ephesos (Excavations Taf. XIV) ge- 
hört wie die in Stockholm ins VII. Jahrhundert und 
ist noch älter als diese; im VI. gibt es nur bei weib- 
lichen Figuren noch vereinzelt ausgestreckte Hände: 
ionische Terrakotte in Berlin (Ath. Mitt. 1921 Taf. 
IV, I) und aus der Auktion Lambros-Dattari Nr. 113. 
Auch in der ägyptischen Kinst kommt diese ja ur- 
sprünglich auch Männern eigene Haltung (Curtius, 
Antike Kunst Abb. 54 Porphyrstatue der Samml. Mac 
Gregor) später auch noch bei Frauen vor: vgl. die 
Gruppe Cat. g^n. du Mus^e du Caire, Borchardt, 
Statuen u. Statuetten Taf. 34 f. Nr. 151 u. 158, bei 
der der Mann die Faust ballt, Hie Frau die Hand 



^Taf . I ff. auf- 

Bterien gehört 

^tung der Arme 

zu 10—12; die 



Auf Grund der von Deom 

gestellten chronologischen | 
die Bronze in bezug auf diel 
hinter Taf. I Nr. 2, vor 3, 
Rückenlinie ist etwa die von 20—22 ; dem 
Brust -Bauchwinkel nach ist er nicht nach 
Taf. II Nr. 38 zu setzen, der Schenkel-Brust- 
breite vor 53; die Linie nach den Achseln hin 
ist stark ausgebogen, wie bei den ersten hinter 
54. Mit dem absoluten Datum möchte der 
Vortragende keinesfalls unter 600 herab- 
gehen, besonders da Deonna (379) die älteren 
Kuroi eher zu spät als zu früh datiert: er 
setzt S. 292 den Chares um 550 (vgl. Curtius 
A. M. XXXI 1906, 154 f.). 

Stilistisch ist der mit Recht Chios zuge- 
schriebene »Kuros«von Melos (Nr. 114) trotz 
der jüngeren Entstehungszeit sehr verwandt; 
ebenso der Torso von Tigani (Nr. 137) und 
die Torsen aus Naukratis, wohl lokaler Ar- 
beit (z. B. Nr. 150). 

Das Silberfigürchen Hogarth, Excava- 
tions at Ephesus Taf. XI Nr. 23 läßt sich 
zum Vergleich nicht brauchen, wohl aber 
der prächtige Kopf im Brit. Mus. Abb. 2, 
der vom Artemision der Kroisoszeit stammt '). 
Er ist rund ein halbes Jahrhundert jünger: 
Das Fleisch ist saftig und quellend, ja fett, 
während es bei der Bronze knapper und 
fester ist, aber die Formprinzipien sind die 
gleichen; man vergleiche u. a. den Profil- 
kontur mit der zurückfliehenden Stirn, der 
leichten Schwellung der Nasenwurzel, der 
leichten Einsenkung des kurzen Rückens; 
gleich ist auch bei beiden das breite runde 
Untergesicht, in dessen von Jochbeinen und 
Kinnrundung gebildeter Mulde der gerade 
Mund liegt, und der Ausdruck, dessen Lä- 
cheln etwas unangenehm Süffisantes hat. 
Die Bildung des Auges beim Ephesoskopf 
ist illusionistisch : die Lider sind nicht 
als bestimmte Hautfalten in ihrer Form 

ausstreckt; spätere Bronzen z. B. Cat. g^n. Daressy, 
Statues de divinit^s Taf. XLIV Nr. 38866 und 
38868, XLVII. 

■) Veröffentlicht ist er in Dreiviertelprofil und 
klein bei Hogarth, Atlas Taf. XVI Nr. 6. Für die 
Überlassung der Photographien und der Publika- 
tionserlaubnis bin ich Paul Stern in Leipzig zu größ- 
tem Dank verpflichtet, dem 1913 die Verwaltung 
des Britischen Museums in ihrer damals geübten 
und mit Dank anerkannten Liberalität die Erlaubnis 
dazu e^b. 



233 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Januar-Sitzung 1921. 



234 





Abb. 2. Kopf vom Artemisioii in Ephesos, London. 



klar gezeichnet, sondern derAugapfel quillt 
stark aus seiner Umgebung hervor, getrennt 
nach Augenhöhlenrand und Wange hin 
durch Kehlungen; er ist nicht konvex, son- 
dern konkav; es entsteht ein lebendiges 
Flimmern von schmalen Augen in fettem 
Gesicht. Das gleiche starke Hervorquellen 
schmaler flimmender Augen hat auch die 
B. on/c in Stockholm; im Gegensatz ver- 
gleiche man dazu die Augenbildung des 
Köpfchens aus Milet in Berhn Ant. Denkm. 
III Taf. 37 Textabb. 8 '). 

Den gleichen Gegensatz der knapperen und 
saftigeren Formbildung zeigt auch der älteste 
Branchide Brunn-Br. 141 1., Perrot-Chipiez 
VIII 272 Abb. 109 gegenüber jüngeren, 
z. B. Brunn-Br. 143 1., Perrot-Chipiez 275 
Abb. 1 1 j. Das für den Ursprung der Bronze 
in St. in Betracht kommende Gebiet ist also 
klein, es aber auf Ephesos, das doch wohl 
eine lokale Schule gehabt haben dürfte, ein- 



zuschränken, ist beim jetzigen Stande der 
Forschung zu gewagt. 

Für die Beziehungen der arch9,isch grie- 
chischen Kunst zu Ägypten ist eine Bronze- 
statuette des Albertinums in Dres- 
den bezeichnend, die mit gütiger Erlaubnis 



') Auch die kyprische Kunst übernimmt diese 1 
Augenbildung: Ohnefalsch-Richter Taf. XLVIII 
Nr. 2, anders Nr. i. 1 




Abb. 3. Bronzestatuette in Dresden. 



235 



Archäologische Gesellschaft xu Berlin. Januar-Sitzung 1931. 



236 



des Direktors Herrmann Abb. 3 gibt (Z. V. 
2626; jetzige Höhe 8,3 cm). Trotz der 
schlechten Erhaltung erkennt man deutlich 
— bei der Untersuchung des Originals unter- 
stützte den Vortragenden in liebenswürdiger 
Weise W. Müller — als Bekleidung einen 
ägyptischen Schurz, und zwar den »Königs- 
schurz«: senkrechte Fältelung des Haupt- 
teils undwagerechte des Mittelstücks, Gürtel 
[vgl. Sethes Untersuch. VH. G. Bonnet, 
Ag. Tracht 14 ff. Taf. H Nr. 8) ; auch Privat- 
personen tragen ihn später. Auch die Arm- 
haltung: steifes Herabhängen des einen und, 
wie es scheint, wagerechtes Vorstrecken 
des anderen Unterarms ist ägyptisch (vgl. 
Daressy, a. a. 0. Taf. I Nr. 38003, -6, -7, -8 
u. a.); in der Körperbildung meint man 
ebenfalls ägyptische Formgebung zu spüren. 
Frontalität und Vorsetzen des linken Beins 
könnten auch griechisch sein. Unzweifelhaft 
griechisch ist nun aber die Bildung des 
Kopfes; die nächsten Analogien sind die 
ionischen Köpfe aus Hieronda (Perrot- 
Chipiez VHI 281, Abb. 113) im Brit. Mus., 
in Konstantinopel (a. a. 0. 282 Abb. 114) 
und in Kairo (Cat. g6n. Edgar, Greek Sculp- 
tureNr. 27425 Taf. I). Das Haar bildet über 
der Stirn einen gegen den Kopf abgesetzten 
Streifen, der mit welligen senkrechten Linien 
gekerbt ist, was sich an dem griechischen 
Kopf in Kairo, Edgar, Nr. 27 428 Taf. I und 
dem genannten in Konstantinopel wieder- 
findet. 

Diese Verbindung von griechischer Kopf- 
und ägyptischer Körperbildung ist höchst 
eigenartig und singulär. Der Jäger aus 
Naukratis (Gardner, NaukratisII Taf. XHI 
Nr. 5) hat einen Schurz mit gleichartig 
zugeschnittener Spitze, aber über einem 
Chiton, und auch in Cypern wird der 
noch dazu abgewandelte ägyptisierende 
Schurz fast immer über einem Chiton 
getragen: Cesnola, Cypriote Antiqu. z. B. 
Taf. n-rV, VH, IX; auch sonst sieht die 
Bronze ganz und gar nicht kyprisch aus. Die 
einzige Parallele ist vielleicht eine Stütz- 
figur in Cambridge, die aber nur in ganz 
ungenügender Abbildung im Museum Dis- 
neianum II Taf. LXIV und bei Reinach, 
R^p. statuaire II, 89 Nr. 4 vorliegt; Feder- 
krone und Lampe sind wohl sicher nicht 
zugehörig; archaisch scheint sie auch zu sein. 



Möglicherweise ist auch die Bronze in Dres- 
den eine Stützfigur; ein jetzt an den Kopf 
angesetzter Aufsatz ist zwar nach Ansicht 
von Herrmann nicht zugehörig, doch meint 
er, daß ein solcher vorhanden gewesen sein 
könne; dafür spricht, daß der Kopf glatt 
abgearbeitet ist, sonderbarerweise hinten 
am Kopf die Haare fehlen, und auf den 
Schulterblättern eine wagerechte längliche 
Erhöhung sitzt. Bei einer Stützfigur wäre 
die Darstellung eines Ägypters auch gut er- 
klärlich, vgl. A. M. XXXI 1906, 174 ff. Da 
die Statuette nach der Angabe des Händlers 
in Vonitza inAkamanien gefunden ist, wor- 
an man nicht zu zweifeln braucht, ist sie 




-Abb. 4. Terrakottastatuette in Berlin. 

für den griechischen Gebrauch, wohl in Nau- 
kratis oder in lonien, verfertigt worden; 
auch die Torsen von Aktium sind östlicher 
Import (Deonna, a. a. O. 129). Der Gesichts- 
bildung nach dürfte sie nicht vor der Mitte 
des 6. Jahrhunderts entstanden sein. 

Die Terrakotte im Antiquarium in 
Berlin (Abb. 4 mit liebenswürdiger Erlaub- 
nis von Direktor Zahn; Misz. Inv. 6634; 
h. 13,5 cm) ') verdient es, einmal photo- 
graphisch wiedergegeben zu werden, da das 
an ihr Bemerkenswerte in der Zeichnung bei 
Winter, Typen I 177, 2 nicht herauskommt: 
nicht nur die Brustmuskeln sind sehr stark 
und fett, sondern auch der Leib zeigt einen 

') AuchDeonnaverzeichnetsie:a.a. 0.359 Nr. 19. 



237 



Archäologische Gesellschaft zu Beilin. Februar-Sitzung 1921. 



238 



recht stattlichen Embonpoint. Die Haltung 
der Arme ist ungewöhnlich, da sie nicht 
herabhängen, sondern auf die Oberschenkel 
gelegt sind; sie geben eine rundliche Linie, 
verstärken dadurch die Rundlichkeit des 
Leibes und rufen den Eindruck der Bequem- 
lichkeit und Schlaffheit hervor; auch das alte 
Schema der geschlossenen Beine ist be- 
wahrt (vgl. Deonna, a. a. 0. 257 ff.). Ähn- 
lich ist dieser Typus dem der »Dickbauch- 
dämonen«, aber wesentlich gemildert, die 
Fettfalten fehlen, und die Arme sind nicht 
ostentativ auf den Leib gelegt (vgl. Winter, 
Typen I 213; Boehlau, Aus ionischen und 
italischen Nekropolen, Taf. XIII, 4. Furt- 
wängler, Arch. f. Religionswiss. X 1907, 
321 ff.). Winter hält die Terrakotte mit 
Recht für kleinasiatisch. In diesem Kunst - 
kreis findet sich ja auch sonst verschiedent- 
lich die starke Ausbildung der Brustmuskeln 
(Deonna Nr. 149) und die Korpulenz; man 
vergleiche den Branchiden Brunn-Br. 143 1; 
Perrot-Chipiez VIII 275 Abb. iii, dessen von 
Deonna (a. a. 0. 306 A. 3) behauptete Männ- 
lichkeit die Terrakotte bestätigt. 

Hierauf sprach Herr Delbru eck über das 
Templum Divi Augusti auf dem 
Forum Romanum; vgl. den Aufsatz in 
diesem Hefte des Jahrbuches S. 8 ff. 

Sitzung vom i. Februar 1921. 

Zunächst berichtete Herr Neugebauer 
über die Archaische Terrakotta- 
gruppc aus Veji, die bisher an folgenden 
Stellen besprochen worden ist: Notizie 
degli scavi 1919, 13 ff. (Giglioli), vgl. Amer. 
Journ. of Arch. 1920, 299ff., 1921, 179; Ras- 
segna d'arte VII 1920, 33 ff. (Giglioli), ins 
Deutsche übersetzt Zeitschrift für bildende 
Kunst LVI 1921, 25 ff. (Kreplin);' Kunst- 
chronik 1920, 373 ff. (E. Maaß); Emporium 
LI 1920, 59 ff. (Giglioli); The BurHngton Ma- 
gazine XXXVI 1920, 245 ff. (van Buren); 
Revue de l'art ancien et moderne XXXVII 
1920, 258 ff. (Cumont); La Renaissance 
de l'art frangais III 1920, 185 f. (L. Ven- 
turi); Dedalo I 1920/21, 560 ff. (della Seta); 
Boll. d'Arte XIV 1920, 73 ff. (Anti). 

Darauf trug Herr Delbrueck über die 
Konstantinssäule in Konstantinopel 
vor. 



Außerordentliche Sitzung 
vom 12. Februar 1921. 

In der außerordentlichen Sitzung vom 
12. Februar 1921, die im archäologischen 
Hörsaal der Universität stattfand, wurden 
die wichtigsten Erwerbungen der letzten 
Jahre, in erster Linie die ausländische 
Literatur, vorgelegt. Diese ist zum großen 
Teile der gütigen Hilfsbereitschaft einzelner 
Freunde deutscher Wissenschaft im neu- 
tralen Auslande, z. T. der griechischen ar- 
chäologischen Gesellschaft und der General- 
ephorie in Athen zu danken. Einzelne Zeit- 
schriften waren auch bereits wieder auf dem 
Wege des Tausches beim Archäologischen 
Institut eingegangen. Die mit * bezeich- 
neten Werke hatte die BibHothek der staatl. 
Museen für den Abend zur Verfügung 
gestellt. 

Ausgelegt waren: 'Apy/xwko-^iyAv AsKziov I 
1915, II 1916; 'Ap}(ottoXoYixr| ' E'f /ifispt'? 1914 
bis 18; ripotxTtxa TTj? dp}(. STctip. 1914; Mara- 
ghiannis, Antiquit. cr^t. III. — Annuario d. 
scuola it. di Atene I 1914, II 1916; Noti- 
ziario archeologico II, i 1916; Ausonia VIII 
1915, IX 1919; Monumenfi antichi XXIV, 
1 1917, XXV 1919; *BulIetino comunale 
XLIII 1915 -XLV 1917; A. della Seta, 
Museo di Villa Giulia I. Rom. Danesi 1918. 
- B. C. H. XXXIX 1915, XL 1916, XLV i 
1920; *Mon.PiotXXIIi9i6, XXIII 1918-9; 
Sylvain Mulinier, Maisons sacröes de Delos 
315-166/5. Paris 1914. - J. H. S. XXXIV 
1914- XXXIX 1919; J. R. S. IV 1914, 
VIII 1918; B. S. A. XX 1913/14, XXII 
1916/18; Pap. Brit. Seh. Rome VII 1914, 
VIII 1916; A. Evans, Tomb of the Double 
Axes, London 1914 = Archaeologia LXV; 
F. Gardner, History of Ancient Coinage. — 
A. J. A. XVIII 1914 - XXIV, 3 1920; 
*Memoirs of the American Academy, Rome 
I 1917 — III 1919, *Boston, Museum of 
Eine Arts, Bulletin 1914—20; Metropolitan 
Museum of Art, New York [Gisela M. A. 
Richter], Classical CoUection 1917; [die- 
selbe], Greek, Etruscan and Roman Bronzes, 
1915; J. D. Beazley, Attic Red-Figured 
Vases in American Museums, Cambridge 
1918; J. C. Hoppin, Handbook of Attic 
Red-Figured Vases, Cambridge 1919; ders., 
Euthymides and his Fellows, Cambridge 



239 



Arch&ologiiche Gesellschaft zu Berlin. Februar-Sitiung 1931. 



240 



191 7; *Dennison, GoldTreasure fromEgypt. 
Michigan Studies. — Fra Ny Carlsberg 
Samlinger, Kopenhagen 1920; F. Poulsen, 
Delphi, engl. Ausg.; ders., La Collection 
Ustinow, Kristiania 1920; K. Johansen, 
Sikyoniske Vaser, Kopenhagen 1918; S. 
Eitrem, Beiträge z. griech. Religionsge- 
schichte III = Videnskapsselskapets Skrif- 
ter. II. Hist.-Filos. Klasse 1919 Nr. 2, 
Kristiania 1920; Joh. Sundwall, Ursprung 
d. kret. Schrift. = Acta Academiae Abo- 
ensis, Humaniora I 2, 1920; ders., Zur Deu- 
tung kret. Tontäfelchen, dass. II, 1920. — 
Vjestnik Hrvatskoga archeoloskoga drustva 
N. S. XIV, Zagreb 191 9. 

Dazuvon deutschen Veröffentlichun- 
gen: Jahrb. XXX 191 5— XXXV 1920; Ath. 
Mitt. XXXXII 1917, XXXXIII 1918; 
Rom. Mitt. XXXI 1916— XXXIII 1918; 
Ant. Denkm. III Heft 3/4; Münchn. 
Jahrb. X, XI; Präh. Zeitschr. VI-XII. - 
Robert, Oidipus; ders., Archäol. Herme- 
neutik; ders., Griech. Heldensage I; Schuch- 
hardt, Alteuropa; Studniczka, Der La- 
pithenkopf der VI. Südmetope vom Parthe- 
non, Leipziger Winckelmannsblatt 1920; 
Wiegand, Sinai; ders., Milet, Nymphäum; 
Djemal-Pascha, Alte Denkmäler a. Syrien; 
Fimmen, Kretisch-myken. Kultur; Pagen- 
stecher, Nekropolis; Langlotz, Zur Zeit- 
bestimmung der strengrotfigurigen Vasen 
maierei. —Osterr. Jahreshefte XVIII— XX; 
Heberdey, Altattische Porosskulptur, Wien 
1920; C. Praschniker u. W. Schober, Ar- 
chäol. Forschungen in Albanien u. Monte- 
negro. Akad. d. Wiss. Wien. Schriften der 
Balkankommission, antiquar. Abt. VIII 1919. 

Herr Noack gab einen Überblick über 
die verschiedenen Ausgrabungen und topo- 
graphischen Untersuchungen der letzten 
Jahre. 

I. Kleinasien und Inseln, 

Klares, Propylon: BCH. 191 5. 

Troas, Topographisches: BSA. XXI. 

Thasos (Neue Tore u. große Tiergruppen. 
Säulenreste der Agora (?); arch. ionische 
Terrakottasimen ; kolossale arch. Jünglings- 
statue): Deltion 1 1915. C. R. ac. inscr. 1915. 

Chios (Nekropole mit Tonsarkophagen. 
Apollonheiligtum in Phanai, arch.-ionische 



Architekturreste) : Deltion I u. II (vgl. 
Arch. Anz. 1915). 

Delos (Häfen, Stadtquartiere, Gemälde- 
reste. Heiligtümer auf und am Kynthos): 
Deltion L BCH. 1916. 

Kreta: Plati BSA. XX. Atsipada Eph. 
1915. Damania Deltion II 1916. Gurnes 
Deltion I (u. Deltion III 1918, 45—87). 

Phaistos Ausonia VIII (meist Gräber und 
Grabfunde). Von einem neuen myken. Palast- 
fund meldet die Times v. 3. Juni 1920. 

Kythera, myken. Gräber: Deltion II 1916. 

Eretria, Isistempel: Deltion I. 

II. Nord- und Mittelgriechenland. 

I Elaeus (Dardanellen), Nekropole 5.-2. 
I Jhdt. BCH. 1915. 

i Makedonien, Prähistor. Stationen; BCH. 
I 1916 (AJA. 1917). Dium (dor. Tempel, 
Agora, Theater): Deltion I. C.-R. ac. inscr. 
191 5. Philippi: Deltion l. Olynth (Lage) 
BSA. XXI. Salonik, Die antiken Reste des 
Triumphbogens und der Kirche d. heil. 
Georg: BCH. 1920. 

Thessahen: Praktika 1914, 149— 218. 
Trikka, Asklepieion: Ephem. 1918. 

Aetolien, Thermos (Schicht der ellipt. 
Häuser; arch. Bronzestatuetten. Dachterra- 
kotten u. Metopenfragmente): Deltion I, II. 
Akarnanien, Topographisches: Deltion I. 
Alyzia: Grabmalreste ähnl. dem Ne- 
reidenmonument: Times 3. Juni 1920. 

Lokris, Oeta, irupd des Herakles. Topo- 
graphie, AJA. 1916. 

Boeotien, Theben (Zusammenfassung der 
archäolog. Arbeiten. Topographie, myken. 
Funde, Tempeid. ApoUon Ismenios): Deltion 
I III, 1—503 (Keramopulos). 
I Attika Amphiareion (Hallenanlagen f. 
j Kranke, Quellhaus): Ephem. 1918. 
! Pansgrotte: Ephem. 1918, Sunion ebda. 

i 1917- 

Athen, Odeion : Praktika 1914. AJA. 1916. 
Ephem. 1915. 1917. Lage des Tempels der 
Aphrodite Urania: Ausonia IX 1919. 

Eleusis, kl. Propyläen u. Ausgrabungen 
im Vorhof : Annuario II. Times 3. Juni 1920. 

III. Peloponnes und westl. Inseln. 

Korinth, Lechaion u. Ausgrabungen in 
der Stadt: BCH. 191 5. Deltion L 



241 



Archäolog^ische Gesellschaft xu Berlin. Februar-Srtzungf 192 1. 



242 



Mykenae. Neue Untersuchungen am 
Gräberrund u. Atreusgrab: Ephem. 1918, 
AJA. 1920. Neue Grabfunde: Times 3. Juni 
1920. Evans über d. Datierung der Schacht- 
gräber: Times 15. JuH 1920. — (Vormyk'en. 
Keramik auf d. Festland: BSA. XXII. Über 
den Stil d. Vaphiobecher: AJA. 1917.) 

Elis, Theater; Deltion I (1915).' 

Messenien, Heiligtum d. ApoUon Koryn- 
thos: Deltion II (1916). 

Kephallenia, Demetertempel bei Argostoli 
(dorisch): Times 3. Juni 1920. 

Kerkyra, Die deutschen Ausgrabungen: 
Deltion I 1915. 

IV. Italien u. d. Westen. 

Rom. Unterirdische Basilika: AJA. 191 8, 
79; 1919, 82. Das augusteische Palatium: 
Journ. of Rom. Stud. IV. Ebenda: Villa des 
Horaz in Tivoli. 

Pompeji, D. Vesuvausbruch v. J. 79 n. 
Chr.: AJA. 1918, 1920. Forumstudien: Mem. 
Amer. Acad. Rome II. 

Syrakus, Vor- und frühgriech. Funde b. 
Athenatempel. Reste e. archaischen Heilig- 
tums :Mon. Line. XXV 1919; AJA. 1920,297. 

Von ausländischen Mitteilungen über 
neue Skulpturenfunde seien genannt: 

Hochrelief (hocharchaische Sitzfigur) aus 
Kreta: Annuario II 313 f. 

Kolossalkopf einer arch. weiblichen Kult- 
statue u. andere früharchaische Kalkstein- 
plastik auf Sizihen: Mon. Piot. 22 (1916) 
Taf. 14, 15. 

Artemis Laphria des Menaichmos u. Soi- 
das (Versuch, sie in einem jüngeren statuar. 
Typus nachzuweisen): Annuario II, 181 ff. 

Relieffragment eines Epheben mit Pferd 
(Stil des Onesimos): Journ. Hell. Stud. 1917. 

Ephebentorso (Kreis des Kritios): Samm- 
lung Ustinow (s. o.). 

Weibliche Gewandstatue der Übergangs- 
zeit (Bullet, com. 1901 Taf. 6): Mem. Amer. 
Acad. Rome I. 

Apollon vom Thermensaal in Cherchel 
(vgl.SpringerHdb.il, 243): Mon. Piot. 22 
(1916) Taf. 7—9. 

Frauenkopf in Boston (ca. 460/50) : AJA. 
1917, 102. [Ebenda und 1918 über das Re- 
lief Ludovisi und sein Bostoner Gegenstück 
(Caskey); vgl. darüber auch Journ. Hell. 



Stud. 1920, 113 ff. (Gisela M. A. Richter), 
u. 137 ff. (Casson).] 

Kleine Parthenosreplik (Genua): AJA. 
1919,421. 

Kopf V. Parthenonfries: Mon. Piot. 23 
(1917) Taf. I. 

Grabrelief d. Museums in Philadelphia: 
AJA. 1917, 352 (Abb.). 

Grabrelief : Catalogue Metropol. Museum, 
New York (Berl. philol. Woch. 1920, iiSQff.). 

Grabreliefs aus Thessalien: Eph. 1916, 
1917. Bemalte Grabstele a. Theben: Deltion 

in, 245. 

Diadumenoskopf, Bronze, fragmentiert: 
J. H. S. 1919, Taf. I. 
Kopfreplik der Berliner Amazone AJA. 

1917, 353- 

Jünglingsstatue Wellesby (Furtwängler 
Meisterwerke, 493 f.): AJA. 19 18, Taf. I (die 
Zugehörigkeit des Kopfes wird dargetan). 

Zum Apollon Lykeios des Praxiteles: 
Bullet, com. 1915, Taf. II, III. Zur Aphro- 
dite V. Arles: Mon. Piot 1913, 13—45. 

Kopf einer Göttin mit Schleier (Boston), 
praxitehscher Kreis: AJA. 1916, Taf. 17, 18. 

Athenakopf mit korinth.Helmüber Leder- 
kappe (Princeton Universität): AJA. 1917. 

Kopf des gealterten Sophokles: Sammig. 
Ustinow (s. o.). 

[Über die Nachfolger des Praxiteles 
(Dickins): BSA. XXI (1914).) 

Asklepiosreliefs: i. mit kniender Frau, 
2. Krankenbesuch, vervollständigt aus Conze, 
Att. Grabrel. 1174: Eph. 1917, 227. 

Alexander mit der Aegis, Bronzestatuette: 
AJA. 1917, 213, Mon. Piot. 1913. 

Olympiodoros, Porträtbüste (Zt. d. De- 
mosthenesstatue) : Sammlung Ustinow (s.o.). 

Helioskopf aus Rhodos: AJA. 1916, Taf. 
7,8. 

Jugendlicher Satyrkopf, frühhellenistisch : 
BCH. 1916. 

Dionysos vom Satyr gestützt (Gruppe, 
Venedig): Ausonia IX 1919, Taf. IV. 

Statuette d. personifizierten Afrika: Mon. 
Piot 22 (1916), Taf. 16. 

Aphrodite mit Helm an d. Seite, Ostia: 
Ausonia IX 1919. 

Weiblicher Kopf aus Stuck und Marmor 
(Grabfigur?): Mon. Piot 23 (1917)- 

Frauenkopf aus Korinth, 2. Jhdt. n. Chr. : 
AJA. 1916, Taf. XIV— XV. 



243 



ATehftologtsche Gesellschaft zu Berlin. Februar-Sitzung 1921. 



244 



Jünglingskopf aus Spanien, mit Kopftuch: 
Mon. Piot 22 (1916), Taf. 17. 

Herme des Herodes Attikus mit Inschrift 
TIptt>5rj? iv&aSe irspie'rcctTei (Korinth) BCH. 
1920, 171 ff.; vgl. die Abhandlung V. Grain- 
dor über Kosmetenköpfe BCH. 191 5. 

Mithrasrelief aus Syrien: AJA. 1918. 

Verschiedenes. 

Die Funde aus der Tomba Bemardini, 
Praeneste: Mem. Amer. Acad. Roma, Bd. HI. 

Terrakotta-Altärchen aus Italien u. Si- 
zilien: ebenda Bd. II. 

Tempelterrakotten aus Falerii: Pap. Br. 
Seh. Rome VIII 1916. Etrusk. Dachterra- 
kotten im Museum in Philadelphia AJA. 
191 7, 296 ff. 

Römische Wandmalereien, vergesseneReste 
a. e. Hause Via de' Cerchi : Pap. Br. Seh. 
Rome VIII (1916). 

Terra Sigillata-Ware aus Pompeji: Journ. 
of Rom. Stud. IV, 1914, Taf. 2 — 14 (Bullet, 
com. 1915). 

Amphorenhenkel aus Rhodos: Annu- 
ario II. 

Die Bedeutung' von Jootvov bei Pau- 
sanias AJA. 1917, 8 ff. 

Die Verteilung der Panainosbilder am 
Zeusthron in Olympia: Atti del Reale Isti- 
tuto veneto di scienze, lettere ed arti 1915, 

1555 ff- 

Zur Beriiner Göttin: Rev. arch^ol. 1916, 
180 f. 

Zur Entstehung und Erklärung des dori- 
schen Gebälkes: AJA. 1917 (L. B. Holland), 
1919 (Washburn). 

Über Tempelorientierung: AJA. 1917 
(Frothingham). 



Darauf besprach Herr Wiegand im An- 
schluß an Ghislanzonis Bericht im Notiziario 
archeologico pubblicato dal Ministero delle 
Colonie II die italienischen Ausgrabungen 
in Kyrene. 

Freigelegt wurden der Zeustempel, in dem 
sich das stehende Kultbild fand, und eine 
große Thermenanlagc unweit der Apollo- 
quelle, mit zahlreichen Mosaiken und Mar- 
morskulpturen. Von diesen seien erwähnt: 
ein sehr pathetischer lebensgroßer Dionysos- 



kopf mit hoher Frisur, der Torso einer leicht 
bekleideten und elegant bewegten Tänzerin, 
ein bogenspannender Eros, zwei Gruppen der 
drei Chariten, die größere mit vorzüglich er- 
haltenen Köpfen. Ferner ein lebensgroßer 
praxitelischer Aphroditetorso (jetzt im Ther- 
menmuseum), wohl im Typus der das Dia- 
dem anlegenden Liebesgöttinnen, ein Athena- 
kopf strengen Stils, auf ein Original des 
5. Jahrh. zurückgehend, und die Statue eines 
jugendlichen Athleten, ebenfalls 5. Jahrh. 
Schließlich fand sich eine Statue Alexanders 
d. Gr. ; ihr Kopf ist durch seine aufdringliche 
Mache für die Alexanderikonographie wert- 
los. Im Asklepiostempel in der nächsten Um- 
gebung von Kyrene kam eine Siegesgöttin 
im Stil des 5. Jahrh. v. Chr. zutage, stilistisch 
mit der sog. Lemnia verwandt. 

Der Vortragende erwähnte ferner den auf 
Thasos von den Franzosen gemachten Fund 
eines unvollendeten, aber vollständig erhalte- 
nen, mit der Plinthe 3 m hohen kolossalen 
archaischen Kriophoros und berichtete 
über die von der französischen Orientarmee 
unternommenen Grabungen und Unter- 
suchungen an der S. Georgskirche von 
Saloniki. Es erwies sich, daß der »Ga- 
lerius«bogen, um 306 n. Chr. errichtet und 
ursprünglich ein arcus quadrifrons von größ- 
ten Ausmessungen, gleichzeitig mit dem 
Rundbau des H. Georgios entstanden ist 
und mit ihm eine architektonische Einheit 
gebildet hat. Im ursprünglichen Zustand 
wurde der Rundbau von acht annähernd 
gleichtiefen Nischen gebildet, deren Gewölbe 
auf Pfeilern von ö'/i m Stärke ruhte; über 
ihnen und in der Achse der Pfeiler öffnete 
sich ein Lichtgaden. Das Ganze wurde von 
einer Kuppel von 24,10 m Dm. bekrönt und 
erreichte dieHöhe von fast 30m. Ins 5. Jahrh. 
n. Ch ■. fällt die Umwandlung des römischen 
Gebäudes in eine byzantinische Kirche: der 
Eingang wird von SW. nach NW. verlegt, die 
Ostnische verbreitert und um den römischen 
Kern ein konzentrischer Umgang gelegt. 
Drei Nischen und die Kuppel tragen pracht- 
vollen Mosaikschmuck, letztere in acht Fel- 
dern riesige stehende Heiligengestalten vor 
architektonischem Hintergrund. Im 16. 
Jahrh. wurde die Kirche von den Türken in 
eine Moschee umgewandelt und ist erst 1912, 
nach dem letzten Balkankrieg, ihrer früheren 



245 



ArchSologische Gesellschaft zu Berlin. Februar-Sitzung 1921. 



246 



Bestimmung als Kirche zurückgegeben 
worden. 

Die im Inneren des Gebäudes und in seiner 
Umgebung vorgenommenen Ausgrabungen 
förderten schöne Architekturfragmente und 
die Basis des bekannten, jetzt im Konstan- 
tinopler Museum befindlichen Ambo zutage. 
In den unter dem Boden der ursprünglichen 
Kirche befindlichen Gräbern fanden sich Bei- 
spiele byzantinischer Keramik des 10. — 16. 
Jahrh. und feine, mit Goldbelag geschmückte 
Glasfläschchen. 

Herr Dragendorff legte Mon. antichi dei 
Lincei Bd. XXV vor, aus denen er besonders 
die reichen Funde aus einer germanischen 
Nekropole der Völkerwanderungszeit bei 
Nocera Umbra und Orsis ausführlichen 
Bericht über die mit großer Sorgfalt ge- 
führten Grabungen am Tempel von Syrakus 
hervorhob, die die Geschichte der Heilig- 
tümer, die aufeinanderfolgenden Tempel- 
bauten und den heiligen Bezirk bis in 
die tiefsten vorgriechischen Schichten der 
vorausgehenden vorgriechischen Kultur we- 
sentlich geklärt haben. Unter den Funden 
sind besonders prachtvolle Terrakottaplatten 
zu erwähnen. 

Herr Bru eckner faßte Bereicherungen 
der Kenntnis vom griechischen Gräber- 
wesen zusammen. 

Im American Journal XIX 1915, 385 ff. 
hat Gisela M. A. Richter aus dem Besitze 
des New Yorker Metropolitan Museum zwei 
große Dipylon-Kratereveröffentlicht. Haupt- 
darstellung des einen, pl. XXI, ist 
die Aufbahrung eines Kriegers unter einem 
Zelte. Die Stelle für das Zelt ist nicht das 
Innere des Hauses, sondern der Hof. Das 
fordert die Sitte auch, damit ritterliche 
Wagenzüge den Aufgebahrten umkreisen 
können, wie unter den bildlichen Dar- 
stellungen des 8. vorchr. Jahrhunderts die 
Vasen des Louvre A 517 und 541, von den 
epischen Schilderungen das Beispiel des Um- 
zugs um die Leiche des Patroklos beweisen: 
ifap Yspot? ia-i Oavovrtuv W 9. Die 
bürgerliche Sitte der späteren Zeit verlegt 
die Prothesis in das Haus. Wenn also Thu- 
kydides II 34 das Aufschlagen eines Zeltes 
(ix/jVTjv uoti^tjav-sc) zur Aufbahrung der 
im Kriege Gefallenen, vermutlich auf dem 
Staatsmarkte, bezeugt, so zeigt sich, daß 



die athenische Demokratie dabei altes aris- 
tokratisches Herkommen für ihre ä'piaxoi be- 
obachtete. In der Zeit der Dipylonvasen 
pflegte das ganze Zelt mit dem Toten zur 
excpopa auf einen großen Wagen gehoben 
zu werden, auf dem wohl auch die nächsten 
.ungehörigen ihren Platz hatten, wie der Ver- 
gleich von M. d. I. IX 39, A. M. XVIII 1893, 
102 und dazu Hekabes und Andromaches 
Klage auf dem Leichenwagen des Hektor 
Q 711 lehrt. 

In dem Prothesis-Bilde des zweiten New 
Yorker Kraters, pl. XVII— XX, schwingen 
Frau und Kinder des Toten Zweige 
über die Leiche. Die gleiche Art Zweige 
hängen vom Totenbette herab auf der Scher- 
be M. d. I. IX 39, 3. So hat man den Weiß- 
dorn, pa'[j.voc, auch an die Türen gehängt, 
zu dem ausgesprochenen Zwecke schädliche 
Geister abzuwehren (Rohde, Psyche*l237,3; 
Samter, Geburt, Hochzeit und Tod 73 f.). 
Daß der Ritus forderte, damit um den Toten 
zu kehren, ja daß geradezu Kehrreigen um 
ihn stattfanden, ist für die Dipylonzeit aus 
der Scherbe Graef, Vasen von der Akropolis 
T. 8, 251 zu entnehmen, wo klagende 
Schwertträger hinter sich die in der Malerei 
ornamental zu einem »Fischgrätenmuster« 
aufgelöste Rute halten; daß es wirklich eine 
Rute ist, beweisen die gleichartigen Scher- 
ben ebenda 282 und 305 und Waldstein, The 
Argive Heraeum II, LVIII 12 a, b. Dies 
sind die ältesten Belege für einen Brauch, 
der in Griechenland nur noch im Gesetze 
von Julis durchschimmert, welches ver- 
bietet, den Kehricht zum Grabe zu schaffen, 
[xsSs xä xaXXuafxaTa »spsv im m dr^iin 
IG XII 5 nr. 593. LS'lI S. 261; vgl. ö?u- 
&u[iia bei den Hekatäen s. v. Hesych, 
Harpokr. Phot. Lex. Länger hat sich die 
Sitte in Rom erhalten, nach den An- 
gaben in Paulus' Epitome 77,8: für den 
Hauserben blieb die Bezeichnung exverri- 
ator. Ausfeger; nam exverriae sunt pur- 
gatio quaedam domus, ex qua mortuus ad 
sepulturam ferendus est, quae fit per everri- 
atorem certo genere scoparum adhibito. 
Weitere volkskundHche Belege dieser Sitte 
hat Samter a. a. 0. S. 30 ff. gesammelt. 

Nach S. Pelekidis' Veröffentlichung im 
'ApyaioXo-cixöv AsXxtov 1916, 49 ff. wurde 
der Befund eines Verbrechergrabes vor- 



247 



Archäologische Gesellschaft lu Berlin. Februar-Sitzung 1921. 



248 



geführt, das, in der Strandebene des Phaler 
entdeckt, die grauenvolle Strafe des An- 
nageins (TCpoaÄoiüaotXs'jiiv, vgl. Herod. IX 
120, Arist. Thesmoph. 931 ff.) an 18 Opfern 
attischer Justiz zeigt. — 

Als bedeutendstes der neuerdings bekannt 
gewordenen attischen Grabreliefs besprach 
der Berichtende das von Gis. Richter im 
Handbook des Metropolitan Museums auf 
S. 220 Fig. 133 veröffentlichte, von L. Cur- 
tius in seiner Besprechung Berl. Phil. Woch. 
1920, 1160 ah Werk eines jüngeren Schülers 
des Phidias gewürdigte. In der Tat ist das 
Relief im Stile auf das engste dem des Kna- 
ben mit dem Vogelbauer Conze 1032 ver- 
wandt. Zur Zeitbestimmung, nach Curtius 
um 400, bedarf es einer Nachprüfung der 
Inschrift des Epistylblockes, in der Sostrate, 
Tochter des Thymokles vonPrasiai, genannt 
ist. Denn je nach den Schriftzügen wird der 
zeusähnliche Thymokles des Reliefs entweder 
der Vater oder der Großvater desjenigen 
Thymokles von Prasiai sein, der nach Pro- 
sopogr. attica 7401 im Jahre 356/5 Trier- 
arch war. — 

Schließlich wurde vorgelegt: K. F. Kinch, 
Le tombeau de Niausta. Tombeau mac6- 
donien, D. Kgl. Danske Vidensk. Selsk. 
Skrifter, 7. Raekke, hist. og filos. Afd. IV 3, 
Kopenhagen 1920, die Veröffentlichung eines 
72 km westl. Salonik entdeckten Kammer- 
grabes vom Ausgang des 4. vorchr. Jhdts., 
dessen Hauptschmuck das 2,05 lange, l,il 
hohe Wandgemälde mit der Gruppe eines 
Ritters ist, der mit eingelegter Lanze gegen 
einen durch vorgestreckten Schild sich 
wehrenden, schreienden Barbaren von 
packender Naturwahrheit ansprengt. 
^ Zum Schluß gab Herr Valentin Müller 
eine Übersicht über die Arbeiten auf dem 
Gebiet der Keramik: 

B. C. H. XL. Prähistorisches, dem Thes- 
salischen verwandt, auch Spätmykenisches 
und Pi(itogeometrisches. 

B. S. A. XXII Wace und Biegen: Premy- 
cenaean Pottery of the Mainland. Neue 
Terminologie: helladisch. 

früh-helladisch = Urfirnis = Früh- 

Minoisch— M. M. I 
mittel-helladisch = Minyisch, Mattma- 
lerei = M. M. II/III, Schachtgräber, 
Anfang 



spät-helladisch = Mykenisch = Schacht- 
gräber, Ende, Sp. M. I— III 

J. H. S. XXXIV: Forsdyke, The Pottery 
calied Minyan Ware; XXXV: Childe, On the 
Date and Origin of Minyan Ware. 

AeXtiov I. Ausgrabungen in Thermos: Mo- 
nochromes, Mattmalerei, Mykenisches. 

Rev. Arch. IV 1916 (Bericht A. J. A. XXI 
458). Franchet hat ein neues System für 
die kretische Chronologie aufgestellt. 

Neolith. I (Tripiti, Rouss^s) 

Neolith. II 

Eneohth. = Fr. M. I, II 

Bronze I = Fr. M. III, M. M. I 

Bronze II = M. M. II u. Anfang M. M. III 

Bronze III = M. M. III Ende, Sp. M. I, II 

Bronze IV = Sp. M. III 

I. Eisen-Zeit = Geometrisch. 

AsXti'ov II. Gräber in Phaleron mit »Pha- 
leron<(gattung. — ■ Kuruniotis hat auf Chios 
viele sog. naukratitische Ware gefunden; 
daraufhin nimmt er Chios als Fabrikations- 
ort an. 

A. J. A. XXIIL Ionischer Deinos in Boston, 
von derArtderB.C.H. XVII veröffentlichten. 

K. F. Joharisen, Sikyoniske Vaser, Kopen- 
hagen 1918, besprochen von B. Schweitzer 
in Berl. phil. Woch. 1919 Nr. 8. 

Mon. antichi XXV. Eine protokorintliische 
Lekythos aus Syrakus mit Wagenrennen. 

A. J. A. XX. Eine »kyrenäische« Schale 
mit Zweikampf in Bryn Mawr; eine Gruppe 
spätschwarzf. Amphoren vom »nolanischen« 
Typus. 

Die Union internationale acadömique, die 
ausdrücklich die deutsche Wissenschaft aus- 
schließt, plant ein Corpus griechischer Vasen- 
bilder in Photographien. (Referenten Ho- 
molle und Pottier.) 

Ein Corpus der Meistersignaturen hat 
Nicole in Rev. arch. 191 7 zusammengestellt. 
Nachträge und Berichtigungen im A. J. A. 
XXL 

Das Werk von Paul MiUiet, Recueil 
arch^ologique, das alle Literatur, antike 
und moderne, über griechische Künstler 
bringen will, wird auch die Vasenmaler be- 
handeln; imi, 1921 erschienenen Bandesind 
sie noch nicht enthalten. 

A.J. A. XXI, 409 ff. u. XXIV, 271 f.: 
Listen verschollener Vasen, die wieder auf- 
getauchtsind, z.B. Coghill in SammlungHope. 



249 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Mäiz-Sitzung 1921. 



250 



Beazley, Attic Red Figured Vases in 
American Museums, Cambridge 1918, ver- 
öffentlicht nicht nur Vasen in Amerika, 
sondern gibt eine Übersicht über das ganze 
Werk des Meisters, dem die betr. Vase zuge- 
schrieben wird; dabei werden auch Vasen 
in Europa abgebildet. Die Anordnung ist 
chronolopsch. Die Meister werden kurz 
charakterisiert. 

Hoppin, Handbook of Attic Red Figured 
Vases, Cambridge 1919 (2 Bände), will keine 
neue Forschungen geben, sondern ein be- 
quemes Nachschlagewerk sein. Die Anord- 
nung ist alphabetisch nach Meistern, deren 
bisher irgend zugewiesene Werke nach Mu- 
seen und Katalognummern geordnet auf- 
geführt werden. Die signierten Werke wer- 
den abgebildet, vielfach nach Furtw.-Reich- 
hold; kaum etwas Neues. 

Hoppin, Euthymides and his Fellows, 
Cambridge 191 7, ist eine 2. Auflage seines 
Euthymides und behandelt diesen, Phin- 
tias und Kleophrades. Eine Besprechung 
von Beazley J. H. S. XXXV H. 

A.J.A. XXI. Schale desOltos in Baltimore. 

J. H. S. XXXV. Radford: Euphronios 
and his CoUeagues, scheidet I'^pccisv-Meister 
von iiroir,asv und nimmt hier 5 verschiedene 
an: Panaitios-M., Troilos-M., Onesimos, M. 
der polychromen Schale in Berlin Innenbild, 
M. der Außenbilder. 

A. J. A. XX. Schale des Panaitios-M. in 
New- York, signiert von Euphronios. He- 
raklesszenen. 

A. J. A. XIX. Skyphos des Brygos. 

J. H. S. XXXVIII. Skyphos im Stil des 
Brygos, m. Silenen in der (jetzt versteigerten) 
Hope-Collection. 

A. J. A. XXI. 2 Schalen des Hieron in 
New York mit Hetärenszenen und Männern 
und Jünglingen im Himation. 

J. H. S. XXXIX. Beazley bespricht eine 
Scherbe des Duris in Lewes (Sammlung 
Warren) und gibt Nachträge für ihn. 

A. J. A. XIX. Penthesilia-Meister. 

Mon. Piot. XXII. Pottier veröffentlicht 
vier weißgrundige Lekythen im Louvre. 

Sitzung vom i. März 1921. 
Herr Borrmann sprach über das Pan- 
theon in Rom. Der Vortragende ging 
von der Tatsache aus, daß über das ursprüng- 



liche Innere des Pantheons — und nur von 
diesem wolle er sprechen — noch immer 
verschiedene, voneinander zum Teil stark 
abweichende Meinungen im Umlauf wären. 
Der gegenwärtige Zustand ist das Ergebnis 
eines Umbaues vom Jahre 1747. Damals 
wurde das Attikageschoß zwischen der un- 
teren, großen Ordnung und der Kuppel 
gänzlich umgestaltet (Abb. i rechts). 
Über den Zustand vor 1747 unterrichten 
uns Skizzen und Aufnahmen verschiedener 
Renaissancemeister, am besten die sorg- 
fältigen Aufmessungen eines französischen 




Abb. I . Pantheon. 

Rekonstruktion von F. Adler. Jetziger Zustand. 

(Aus J. Durm, Baukunst der Römer.) 

Architekten, Antoine Desgodetz') (Abb. 2). 

Alteren und späteren Bearbeitern galt 
es als feststehend, daß, wie die Inschrift 
am Friese des Frontgebälks meldet, das Pan- 
theon von M. V. Agrippa während seines 
dritten Konsulats, d. i. im Jahre 27 vor 
unserer Ära, gegründet wäre. 

Die Überlieferung gibt nur wenig an die 
Hand; am wichtigsten ist eine Nachricht 
bei Plinius d. Ä., welcher die Bildwerke im 
Frontgiebel und die Karyatiden des Bild- 
hauers Diogenes »in columnis templi« 
rühmt. Die Pliniusstelle lieferte £.uch den 
ersten Anlaß zu Wiederhsrstellungsver- 
suchen. Unter denselben hat lange Zeit ein 
im Winckelmannsprogramm der Archäo- 



■) Antoine Desgodetz: Les Mifices antiques de 
Rome. Paris 1682. 



251 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. März-Sitzung 1931. 



252 



logischen Geselbchaft (1871) veröffentlich- 
ter Versuch von Fr. Adler Beifall gefunden. 
Das Bestechende der Adlerschen Rekon- 
struktion lag darin, daß sie die sechs großen 
Seitennischen oder Exedren des Rundbaues 
im Attikageschosse durch Bögen öffnete 
und in die Bögen die Karyatiden einstellte 
(Abb. I links). Adlers Wiederherstellung 



Auf zwei Voraussetzungen beruht die 
Adlersche Wiederherstellung, wie andere 
ähnliche Versuche: i. daß wir in dem Rund- 
bau des Pantheons noch den Ursprungsbau 
des Agrippa, 2. in dem Zustande, wie ihn 
die Aufnahmen von Desgodetz geben, einen 
späteren Umbau zu erkennen haben. Von 
einem solchen berichtet eine zweite Bau- 




Abb. 2. Querschnitt des Pantheons nach A. Desgodetz. 



war daher ein geistvoller Versuch, die Bild- 
werke des Diogenes in den architektonischen 
Organismus einzuordnen. 

Kein Zweifel, daß durch die Bogen- 
öffnungen in der Attika ein klarer Zusam- 
menhang zwischen der großzügigen Säulen- 
architektur des Unterbaues und der Kuppel 
hergestellt wird, daß namentlich der Rhyth- 
mus der Wandstruktur zwischen tragenden 
Pfeilerblocks und Raum öffnenden Nischen 
dem Auge faßlich entgegentritt. 



Inschrift amEpistyl des Frontgebälks, worin 
es heißt, daß die Kaiser Septimius Severus 
und Caracalla »Pantheum vetustate corrup- 
tum cum omni cultu restituerunt«. 

Die erste Voraussetzung ist bekanntlich 
gefallen, seitdem durch Untersuchung der 
Ziegelstempel der Gewölbebau des Pan- 
theons in allen Teilen als ein Werk der hadri- 
anischen Epoche erwiesen und damit end- 
gültig an die in der Baugeschichte allein 
mögliche Stelle gerückt ist. Das Pantheon 



253 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. März-Sitzung 192 1. 



254 



des Agrippa mit den Bildwerken des Dio- 
genes scheidet damit aus unserer Betrach- 
tung aus. Es war schon einmal unter Titus, 
ein zweites Mal im Jahre 112 durch Feuer 
schwer beschädigt worden, ehe es — eben 
durch Hadrian — auf ganz veränderten 
Grundlagen neu erbaut wurde. 

Wie steht es nun mit der zweiten Voraus- 
setzung eines Umbaues des Innern in spät- 
römischer Zeit? Aus den Konstruktions- 
zeichnungen in dem Sammelwerk von M. E. 
Isabelle: Les6dificescirculaires et les domes, 
Paris 1855 und in dem bekannten Hand- 
buche von J. Durm: »Die Baukunst der 
Römer« läßt sich folgendes entnehmen 
(Abb. 3): Blickt man hinter die Stuckver- 
kleidung des jetzigen Attikageschosses, so 
zeigen sich im Backsteingemäuer der Ro- 
tunde weitgespannte, bis zur Peripherie hin- 
durchgreifende Entlastungsbögen, sowohl 
über den großen Seitenexedren als auch in 
den Mauerblocks zwischen diesen. Die Bö- 
gen über den Exedren werden jedesmal 
durch zwei Backsteinpfosten — an deren 
Stelle Adler seine Karyatiden setzte — 
geteilt; zwischen den Pfosten bUeben kleine 
Öffnungen ausgespart, denen wieder Wand- 
nischen von gleichen Abmessungen in den 
Mauerblocks entsprechen. 

Die Zeichnungen bei Isabelle und Durm 
lehren ferner, daß die Backsteinpfosten 
über den Säulen der Exedren vorsorglich 
durch Zungenwände und Bögen mit den 
Umfassungswänden verankert werden. Pfo- 
sten aber und Zungenwände sind nicht etwa 
nachträglich eingeschaltet, sondern Glieder 
der ursprünglichen Konstruktion. Schon 
dieser Befund spricht das entscheidende 
Wort. Die Bögen über den großen Wand- 
nischen können niemals offen gewesen sein, 
denn sonst hätte man die Hilfskonstruktion 
vom Innern aus sehen müssen. Daß es hier 
etwas zu verdecken gab, hat auch ein spä- 
terer Wiederhersteller, der Architekt J. Dell '^, 
wohl gefühlt, indem er die Bogenöffnungen 
durch ein engmaschiges Gitter ausfüll, e. 
Wozu aber eine Öffnung schaffen, wenn man 
sie nachträglich wieder verschließen muß? 



Von Durm, der den klaren Blick für das 

Technische nie verleugnet, ist denn auch die 
Unmöglichkeit der Adlerschen und Dell- 
schen Anordnung richtig erkannt, trotzdem 
hat er beide Rekonstruktionen neben einer 
dritten in seine Baukunst der Römer auf- 
genommen. 

Es sprechen jedoch noch andere als die 
bisher erwähnten Gründe dagegen: Adler 




^') Josef Dell in: Zeitschrift f. bildende Kunst 
1893, 273—278. Vgl. auch Springer-Michaelis, Hand- 
buch der Kunstgeschichte I. 11. Auflage 1920, 
Abb. 958. 



.jä^iäss«»- 



Abb. 3. Pantheon, Konstruktionssystem des Innern. 
(Aus J. Durm, Baukunst der Römer.) 

und Dell müssen, in Übereinstimmung mit 
der Mauerkonstruktion, die Archivolten 
ihrer Exedren auf einer Brüstung ansetzen 
lassen. Die Folge davon ist, daß dieselben 
dann höher hinaufrücken als die unmittel- 
bar auf dem Gebälk fußenden Bögen der 
Eingangs- und Altarnische; damit aber 
werden gerade die beiden Hauptnischen in 
der Mittelachse niedriger und unansehn- 
licher als die durch Säulen vom Rundraume 
abgetrennten Seitenexedren. 



255 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. März-Sitzung 1921. 



256 



Beachtung erheischt noch die Entlastungs- 
konstruktion am Gebälk der großen Ord- 
nung (Abb. 3). Man hat über Pilastern und 
Säulen jedesmal Widerlagsblöcke aus Mar- 
mor eingeschaltet und zwischen diese flache 
Backsteinbögen eingespannt. Die gleiche 
durchdachte Zerlegung des Mauerwerks in 
tragende und versteifende Teile kehrt auch 
an anderen Stellen wieder. So finden sich 
am Kuppelfuße, f,erade über den großen 
Exedren, drei Entlastungsbögen in gleicher 
Funktion wie die Bögen am Säulengebälk 
und in deutlicher Beziehung zu denselben; 
auch fehlen nicht die Zungenwände, welche 
die Kuppelschale mit der Hintermauerung 
verbinden. Angesichts dieser Übereinstim- 
mung in der Kuppel- und Nischenkonstruk- 
tion müssen alle Zweifel an der Gleichzeitig- 
keit beider, folglich auch an der Ursprüng- 
lichkeit des Pfeiler- und Bogensystems in 
den großen Nischen fallen. 

Die Innenarchitektur des Pantheons, wie 
sie bis zum Umbau im Jahre 1747 bestanden 
hat, ist mithin nicht einem spätrömischen 
Umbau zuzuschreiben, sondern hadrianisch 
. — sie trägt auch sonst alle Kennzeichen 
dieser Zeit. Selbst Schwächen und Mängel 
im formalen Ausdrucke finden darin ihre 
Erklärung. Ist es doch eine in der Bauge- 
schichte genugsam beobachtete Tatsache, 
daß gerade die großen raumschöpferischen 
Epochen oft mit einem Niedergange der 
Formenkunst zusammenfallen. Wie sehr 
dies für das Zeitalter Hadrians, den Beginn 
der gewaltigen Gewölbebaukunst Roms zu- 
trifft, lehrt des Kaisers eigenste Bau- 
schöpfung, seine Residenz bei Tibur. An 
raumbildnerischen Aufgaben und Lösungen 
^ ist dieser Mikrokosmos der Architektur 
■ vielleicht einzig in aller Welt, daneben aber 
begegnet man in der Tiburtina einer auf- 
fallenden Nachlässigkeit in den Einzel- 
bildungen, einem Mangel an Formgefühl, 
kurz einer Ausführung, die nicht entfernt 
auf der Höhe der Raumkonzeption steht. 
Man wende nicht ein, daß daran die Eile und 
Hast, mit der dort gebaut und der kaiserliche 
Bauherr zufriedengestellt werden mußte, 
allein die Schuld trage. Es sind Schwächen, 
denen wir auch anderwärts begegnen. 

Die Attika z. B. mit der kleinlichen Pi- 
lasterarchitektur über einer großen Ordnung 



findet sich in einer zeitlich einigermaßen 
bestimmbaren Gruppe von Felsbauten in 
Petra in Nordarabien. Selbst formale Nach- 
lässigkeiten, wie das unvermittelte Ein- 
schneiden der Nischenbögen in die Pilaster- 
ordnung, was zur Folge hat, daß die Pilaster 
gewissermaßen an den Bögen emporklettem 
(Abb. 2), kehren in Petra wieder. Es sei 
nur auf die allgemein der hadrianischen 
Epoche zugeschriebene Grabfassade des Sex- 
tius Florentinus ') und verwandte Beispiele 
derselben Denkmalklasse hingewiesen. 

Man hat es ferner als ein Zeichen gesun- 
kenen Geschmacks betrachtet, daß an eben 
jener Attika, unter der machtvollen Kuppel 
des Pantheons, die architektonische Glie- 
derung nur durch die farbige Steininkru- 
station bewirkt wurde. Desgodetz betont im 
Texte zu seinen Aufnahmen ausdrücklich, 
daß an den Pilastern bloß Kapitelle und 
Basen gemeißelt, die Schäfte dagegen aus 
Platten roten Porphyrs gefertigt wären und 
nicht aus der Wandfläche vorsprängen. 
Ganz die gleiche Behandlung der Pilaster 
zeigt u. a. auch die Marmorinkrustation 
am Nympheion des Herodes Atticus in 
Olympia. Der Bau des Herodes aber steht 
der hadrianischen Epoche immerhin näher 
als der des Septimius Severus und Caracalla. 

Noch eine bisher immer nur gestreifte 
Frage bleibt in diesem Zusammenhange zu 
erörtern. Die Frage nach der ehemaligen 
Polychromie des Innern des Pantheons. 
Von farbigen Aufnahmen ist meines Wissens 
nur eine Teilansicht der großen Ordnung bei 
Isabelle veröffentlicht *). Daß dieselbe dem 
ursprünglichen Zustande entspricht, ist nir- 
gends in Zweifel gezogen worden, geht auch 
aus allen älteren Aufnahmen hervor. Von 
der Marmorverkleidung des Pilastergeschos- 
ses, vor dem Umbau von 1747, handel glück- 
licherweise derText bei Desgodetz. Mit rüh- 
menswerter Genauigkeit hat der franzö- 
sische Architekt nicht nur die Stein- und 
Marmorsorten nebst ihren Farben, sondern 
auch deren Verteilung auf die Fläche ange- 
geben. Material aber und Farben sind die- 
selben wie im Säulengeschoß. Die großen 
Wagerechten, die Gebälke und Sockel be- 

') R. E. Brünnow und A. v. Domaszewski, Ara- 
bia I, Fig. 192, 194 u. 197. 
i ^) IsabeUe a. a. 0. pl. 17. 



257 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. März-Sitzung 1921. 



258 



Stehen aus weißem Marmor, aus weißem 
Marmor auch die Kapitelle und Basen. 
Die farbigen Steinsorten kleiden die Flächen. 
Von diesem Hintergrunde heben sich im 
Hauptgeschosse die hellmarmornen Säulen- 
schäfte, an der Attika die dunklen Porphyr- 
schäfte der Pilaster ab; so ergab sich 
Übereinstimmung zwischen Attika und 
Unterbau. Aber Desgodetz gibt noch 
mehr: er hat beobachtet, daß in beiden Ge- 
schossen auch Übereinstimmung in der Be- 
arbeitung des Materials herrschte, daß die 
Profile für die Unteransicht etwas unter- 
schnitten, daß die lotrechten Flächen leicht 
nach vorn geneigt waren. In großem Maß- 
stabe ist das bekanntlich auch bei den 
Kassetten der Kuppel geschehen und schon 
immer aus optischen Rücksichten erklärt 
worden. • 

Derartige werkliche Eigenheiten sind 
nicht ohne Belang, denn sie geben etwas wie 
die Handschrift der ausführenden Meister. 
In unserem Falle liefern sie ein weiteres 
wertvolles Zeugnis für die zeitliche Zusam- 
mengehörigkeit aller Teile der Rotunde. 
Wollte man daher an dem Gedanken fest- 
halten, daß das Innere des Pantheons durch 
eine Wiederherstellung unter Septimius Se- 
verus und Caracalla wesentliche Verände- 
rungen erfahren habe, so müßte der ur- 
sprüngliche Zustand erst noch erfunden 
werden. Nachzuweisen ist er nicht. Im 
Gegenteil, es spricht alles dafür, daß der von 
Desgodetz und den Renaissancemeistern 
dargestellte Befund in allen wesentlichen 
Teilen demalten, hadrianischen entsprochen 
ha«. 

Sonach können allein die auf dem Des- 
godetzschen Werke beruhenden Wieder- 
herstellungen Anspruch auf Glaubwürdigkeit 
erheben. Unter ihnen aber kommt immer 
noch die Tafel, welche Isabellei) seinen Auf- 
nahmen vom Pantheon beigefügt hat, in 
erster Linie in Betracht. (Abb. 4.) 

Wie man sich auch zu dem Bilde verhalten 
mag — und der Phantasie verbleibt noch 



») Isabelle a. a. 0. pl. 18. Irrtümlicherweise hat 
Isabelle in seiner Rekonstruktion den Pilastern der 
Attika Relief gegeben, abweichend von den Auf- 
nahmen und dem Texte bei Desgodetz, abweichend 
auch von einer gewöhnlich dem Rafael zugeschrie- 
benen Skizze vom Innern des Pantheons. 

Archäologischer Anzeiger 1921. 



Spielraum genug, sich das Innere des Pan- 
theons im Schmucke seiner Götterstatuen 
und Anatheme, der Bronzepracht und Ver- 
goldung der Kuppel vorzustellen — , eines 
kommt auf jenem Bilde überzeugend zum 
Ausdruck: die unvergleichliche Raumes- 
macht des Innern. Sie beruht auf der Ein- 
heit und_^Geschlossenheit des Baukörpers. 
Überall, wo man auch stehe, hat man den 
vollen, durch nichts beengten Raumeindruck. 
Wand und Decke sind eines. Unmerklich 




Abb 4. Pantheon. Rekonstruktion des Innern 
von M. E. Isabelle. 

führt die Kuppel den Blick vom Boden zur 
Höhe, zur Lichtöffnung des Scheitelrings, 
der das Innere mit ruhiger, gleichmäßiger 
Helle erfüllt. Es gibt im ganzen Bereiche der 
Baukunst kein zweites Beispiel mehr einer 
derartigen Konzentration aller Ausdrucks- 
mittel auf ein Ziel, auf Raumwirkung. 
Hierauf trug Herr E. Pernice (Greifs- 
wald) über die kunstgeschichtliche 
Verwertung der pompejanischen 
Bronzegerätc vor. In Anfang wurde die 
Forderung einer genauen Untersuchung der 
einzelnen bedeutenderen Stücke erhoben 



259 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. April-Sitzung 1921. 



260 



und die Berechtigung dieser Forderung durch 
den Nachweis geUefert, daß wohlbekannte 
und bedeutende Stücke (tanzender Faun, 
Dreifuß aus dem Isistempel u. a.) durch 
antike Restaurierung oder Umarbeitung 
stark verändert worden sind. Alsdann wurde 
die Methode besprochen, durch die es ge- 
lingen könne, die ungeheuere Menge von 
Bronzen zu gruppieren. Den Hauptteil des 
Vortrags bildete der unter Vergleichung 
sonstiger italischer Funde (Bronzen und be- 
sonders Vasen) unternommene Nachweis, 
daß ein naher Zusammenhang zwischen den 
pompejanischen Bronzearbeiten und der 
unteritalischen, insbesondere der tarentini- 
schen Kunst besteht. Eine nicht geringe 
Anzahl von Gefäßen und Geräten konnte 
dabei der Tuffzeit zugewiesen und der künst- 
lerische Stil der tuffzeitlichen Toreutik über- 
haupt genauer festgestellt werden. 

Sitzung vom 11. April 1921. 

Herr Schuchhardt sprach über den neuen 
»Nuraghen-Tempel« von Sta. Anastasia, 
den Taramelli kürzlich im XXV. Bd. der 
Monumenti dei Lincei veröffentlicht hat. Es 
ist ebenso wie das ganz verwandte früher ge- 
fundene Gebäude von Serri (Mon. Line. 23, 
1914 und Arch. Anz. 1910, 193) kein Tempel, 
sondern ein Quellhaus, in dem oben am 
Eingang ein Kult eingerichtet war. In dem 
neuen Nurago steht das Wasser unten noch 
mannshoch. Taramelli tut auch unrecht, 
wenn er über die Nuragen im allgemeinen 
immer noch die alten Ansichten vorbringt, 
sie gehörten mit ihren Funden zu den Nach- 
klängen der mykenischen Kultur und könn- 
ten in dem entlegenen Westen wohl noch ins 
8. Jahrh. gesetzt werden. Wir wissen längst, 
daß die Nuragen als Wohntürme, die Land- 
güter oder kleine Ortschaften schützten, zu- 
sammengehören mit den unterirdischen Kam- 
mergräbern wie Anghela Ruju und den ober- 
irdischen »Gigantengräbern« und daß sie da- 
mit in die Zeit der Glockenbecher fallen, die 
der Periode von El Argar = Troja II vorauf- 
geht. Sie sind also um 2500 v. Chr. anzu- 
setzen. Grade der neue Nurago bietet wich- 
tige Anhaltspunkte dafür, daß wir in seines- 
gleichen nicht Nachklänge, sondern Vorstu- 
fen des Mykenischen vor uns haben. Unter 



seiner Keramik befinden sich viele Schnabel- 
kannen, die für die Kykladenkultur be- 
zeichnend sind und in das Frühmykenische 
nur noch spärlich hineinragen. Von der 
Umrahmung der monumentalen Tür sind 
einige Blöcke vorhanden, die einmal das 
einfache Zickzackornament, das beliebteste 
Zierstück der Kykladen bieten, ein ander- 
mal dieses selbe Zickzack neben einer großen 
runden Scheibe genau wie ein im sog. Atreus- 
grabe zu Mykene gefundener Block es hat 
(Schliemann, Mykenä S. 163, Nr.215). Die 
Tür dieses Nurago von Sta. Anastasia scheint 
also schon ganz ähnlich gestaltet gewesen zu 
sein wie die der mykenischen Tholosbauten. 
Aber nicht nur in den mykenischen Tho- 
losgräbern klingen die Nuragen nach. Sieht 
man die Pläne der kleinen sardinischen 
Burgen durch, die in Bogenlinien eine Hoch- 
fläche umziehen und im Innern gewöhnHch 
einen großen Nurago als einzigen festen Bau 
haben, so erklärt sich leicht der große Rund- 
bau in der Mitte der Burg von Tiryns, der 
kurz vor dem Kriege erkannt worden ist 
(Schuchhardt, Alteuropa S. 216). Er ist 
selbst auch ein Nurago, ein mächtiger Wohn- 
turm, und von der alten zu ihm gehörigen 
Burgmauer ist, wie mir scheint, auch noch 
ein Stück vorhanden. Fast die ganze er- 
haltene Umwehrung ist gradlinig, recht- 
eckig, die einzelnen Stücke gleichmäßig dick. 
Im Süden aber springt ein eigenartiger 
Mauerbogen aus, um einen Nebenein- und 
-aufgang zu decken. Schon die Bogenlinie 
an sich spricht für höheres Alter, außerdem 
ist die Bogenmauer im Westen 5, in der 
Mitte 6, im Osten 7 m dick. Das Tor in ihr 
ist durch Überkragen zugewölbt, wofür ich 
im Mykenischen kein Beispiel mehr weiß, 
und die Mauertechnik ist noch weit ent- 
fernt von dem schönen Quaderbau am ti- 
rynther oder mykenischen Haupttore, sie ist 
ganz »Kyklopisch«. Eine Nachforschung an 
Ort und Stelle wird leicht entscheiden kön- 
nen, ob meine Vermutung richtig ist. Ich 
glaube es um so mehr, als auch die vor- 
geschichtliche Akropolisvon Athen mit ihrer 
ganz alten primitiven Mauertechnik eine 
Linienführung verbindet, die in der SO.- 
Ecke eine große Schleife macht in der Art, 
wie die Nuragenburgen auf ihren Ecken 
runde Türme umziehen. 



2ÖI 



Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Mai-Juni-Sitzung 1921 



262 



Darauf sprach Herr Amelung (Rom) 
über neue Funde in Italien, zunächst 
über die Kolossalfigur einer Göttin, deren 
Körper in pentelischem, deren Kopf, Arm- 
fragment und linker Fuß in parischem Mar- 
mor gearbeitet ist. Die Figur steht heute in 
einer großen Halle der Diokletians-Thermen 
in Rom; gefunden wurde sie in einem Wein- 
berge bei Ariccia. Sie verdient unser be- 
sonderes Interesse, da ihr Kopf eine Replik 
der Hera Farnese in Neapel ist. Bekleidet ist 
der Körper mit dem tiefgegürteten Peplos 
und einem um Schultern und Arme ge- 
schlungenen Mantel. A. erklärte die Darge- 
stellte für Artemis oder Hekate, jedenfalls 
eine jungfräuliche Göttin, suchte die Stel- 
lung des Werkes, dessen Original augen- 
scheinlich in Bronze gearbeitet war, in der 
kunstgeschichtlichen Entwickelung zu be- 
stimmen — Mitte des 5. Jahrh. v. Chr., 
attisch, etwaHegias, Lehrer des Pheidias, — 
und betonte die große Bedeutung des neuen 
Fundes für unsere Erkenntnis griechischer 
Religion. Nachdem A. darauf kurz eine 
jetzt im Thermen-Museum in Rom befind- 
liche Christus-Statuette erwähnt hatte, die 
sich als eine Arbeit antoninischer Zeit nach 
dem Vorbilde des Sarapis-Bildes in Alexan- 
dria erkennen läßt, berichtete er eingehend 
über seine Durchforschung der Magazine 
des vatikanischen Museums, wo sich eine 
außerordentlich große Menge bedeutender 
Skulpturenfragmente unter dem Staub eines 
Jahrhunderts vorfand. A. konnte sich im 
allgemeinen sehr anerkennend über das 
freundliche Entgegenkommen der italieni- 
schen Fachgenossen aussprechen: während 
R. Paribeni, der Direktor des Thermen-Mu- 
seums, in liberalster Weise die Aufnahmen 
jener Kolossalfigur ermögÜcht und deren 
Veröfifentlichung im Jahrbuch des Instituts 
und dann in den Bruckmannschen Denk- 
mälern gestattet hat, wird die Erlaubnis 
und Förderung der Studien in den vatikani- 
schen Magazinen insbesondere B. Nogara, 
dem neuen Direktor des vatikanischen Mu- 
seums, dem bekannten Etruskologen, ver- 
dankt. Diese Funde werden in einem großen 
Bande von der Accademia Pontificia di ar- 
cheologia mit einem von A. verfaßten Texte 
veröffentlicht werden. Von besonders her- 
vorragenden Stücken sind zu nennen: eine 



vorzügliche Wiederholung des Pherekydes- 
Aristogeiton, mit der eine Ergänzung des 
bärtigen Tyrannenmörders endgültig ausge- 
führt werden kann; eine gute Wiederholung 
des Kopfes der myronischen Athena, dem 
Dresdener Kopfe ähnlicher als dem Frank- 
furter; eine Wiederholung des Athleten- 
kopfes aus Perinth in Dresden, hier mit 
Satyrohren, wohl von einem Pan oder Fluß- 
gott stammend; eine in voller Schärfe aus- 
geführte Kopie des Idolino-Kopfes in Ba- 
salt; eine Wiederholung des sog. Hertzschen 
Kopfes (Nike des Paionios) ungebrochen auf 
• Hermenbüste aus pentelischem Marmor; ein 
bärtiger Originalkopf aus den Metopen des 
Parthenon; zwei unter einander abweichende 
Wiederholungen der knidischen Aphrodite; 
%in praxitelischer Aphrodite-Kopf, dem 
Kaufmannschen sehr verwandt; eine ganze 
Gruppe alexandrinischer Originalköpfe, deren 
Hinterköpfe in Stuck ausgeführt waren; eine 
Reihe neuer Fragmente der Skylla-Gruppe; 
Plinthe, Stamm und Beine der Diogenes- 
Statuette in Villa Albani; ein außerordent- 
lich reizvoller hellenistisch-etruskischer Kopf 
in Nenfro gearbeitet; endlich eine ganze 
Gallerie vortrefflicher römischer Porträts, 
zumeist aus der letzten Zeit der Republik 
und dem Beginn der Kaiserzeit. 

Herr Dragendorff beglückwünschte den 
Vortragenden zu der reichen Fülle neuge- 
wonnenen wertvollen Materiales und bat ihn, 
den italienischen Fachgenossen, vor allem 
Herrn Dir. Nogara den aufrichtigen Dank 
der Gesellschaft zu übermitteln. 

Sitzung vom 3. Mai 1921. 

Herr Schäfer (als Gast) hielt einen Licht- 
bildervortrag über das Bildnis in der 
ägyptischen Kunst. 

Sitzung vom 7. Juni 1921. 

Herr Ippel berichtete über das Grab 
des Petosiris, das 1920 bei Derwe, west- 
lich von El-Amarna, auf dem ehemaligen 
deutschen Konzessionsgebiet aufgedeckt wor- 
den ist ■). Es ist datiert durch griechische 
Graffiti des 3. Jahrhunderts v. Chr. und 



•) Annales du service de l'ant. en Egypte, XX 
1920, 41 ff., Taf. I— IV (Lefebvre). 



263 



Archäologische Doktor-Dissertationen. 



264 



durch die biographischen Angaben des Pe- 
tosiris in ägyptischer Sprache. P. war da- 
nach in der letzten persischen Zeit vor 
Alexander sieben Jahre lang Oberpriester in 
Hermupolis. Das Grab muß danach um 
300 gebaut sein. Das ist von größter Be- 
deutung wegen der reichen ägyptischen Re- 
liefs, die in gräzisierendem Stil gehalten sind. 
Auch ein »Zinkenaltar«, hoch 1,95 m, steht 
vor dem Grabe. Bei aller nötigen Reserve 
bis zur vollständigen Veröffentlichung der 
Reliefs kann man immerhin eine Reihe 
wichtiger Folgerungen ziehen: I. Das erste 
Werk hellenistischer Zeit in ägyptischem 
»Mischstil« ist bestimmt von ägyptischen 
Künstlern gearbeitet. Das eröffnet ganz 
neue Ausblicke auf das Verhältnis der Grie- 
chen zu Ägypten und umgekehrt im 4. Jahr» 
hundert. 2. Es ergibt sich die Möglichkeit, 
die stattliche Menge verwandter Reliefs ab- 
solut zeitlich zu ordnen. Etwas jünger z. B. 
ist das neue Berliner Relief 2214 '), etwa 
gleichzeitig Berlin 15 415; um 350 gehört 
das des Zi-Bastet-Emow>) und Pathnefti J), 
noch ins 5. Jahrhundert die Zanoferreliefs 
und Berlin 15 414 (Henot), auf denen noch 
nichts »griechisch« ist. Die ägyptische Kunst 
beschreitet in der letzten Zeit von sich aus 
einen Weg, der dem Griechischen naheführt, 
bis dies tatsächlich rezipiert wird. 3. Die 
Skulptur geht parallel: Berlin 2214 und 
Petosiris gleicht etwa der Kopf Berlin 10 1004) ; 
Zi-Bastet-Emow gleicht durchaus Berlin 
8805 5); den Henot und Psammetiknef ersam 
steht ganz nah der kleine grüne Berliner 
Kopf*), der also ins 5. Jahrhundert gehört 
und dem großen Berliner grünen Kopf die 
Zeit davor anweist, wohl noch sicher das 
$. Jahrhundert. Man muß sich davon frei- 
machen, Griechisches in ihm finden zu wol- 
len. 4. Die Möglichkeit ist jetzt ohne weiteres 
vorhanden, den ältesten Isistypus mit dem 



') Berliner Museen XLIt 1920, 15 fr. (H. Schäfer) 
und Festschr. zu Lehmann-Haupts 60. Geburtstag 
(= Janas I 1921) 194 S. 

») Petrie, Memphis II (1909) Taf. 17 r. 

3) Vgl. im ganzen v. Bissing-Bruckmann zu 
Taf. lOi, wo die relative Datierung ähnlich ge- 
geben wird. 

4) Recueil des travaux XVIII S. 132 f. (v. Bis- 
sing). 

5) V. Bissing-Bruckmann zu Taf. 67. 

«) Vgl. Ny Carlsb. Taf. 211 C (A 141)! 



»Isisknoten« (s. Sp. 263 A. l) in demselben 
ägyptischen Kreis entstanden zu denken, aus 
dem die Petosirisreliefs hervorgingen; die 
Griechen hätten dann diesen Typus übernom- 
men und weitergebildet. 5. Die neuen Reliefs 
stellen mit ihrenDarstellungen vom Leben und 
Treiben auf dem Nil die direkte Verbindung 
vom Altägyptischen zudenalexandrinischen, 
entsprechenden Darstellungen her, d. h. das 
»Agyptisieren« in der Kunst stammt eben 
aus Ägypten! 6. Die zum Teil jener Relief- 
gruppe gleichzeitigen Bildhauermodelle er- 
halten ganz neues Licht und zeigen auch 
auf diesem Gebiet die großen Leistungen 
der Nektaneboszeit. 7. Die Beziehungen zu 
»Petosiris und Nechepso« ■) sind wohl so zu 
denken, daß ein berühmter Petosiris eben in 
der Zeit Nechepsos (während der 25. Dyn.) 
lebte, daß man aber in dem neuen Grab 
das des alten Weisen wiedergefunden zu 
haben glaubte; denn ein griechisches Graf- 
fito redet P. als Weisen an, wofür er also 
schon im 3. Jahrhundert bei den Griechen 
gilt^). 

Darauf sprach Herr Rubensohn über 
das Delion auf Paros. Der Vortrag 
soll an anderer Stelle im Druck erscheinen. 



ARCHÄOLOGISCHE DOKTOR- 
DISSERTATIONEN. 

Walter Wrede, Kriegers Abschied und 
Heimkehr in der griechischen Kunst I. 

(Von der Philos. Fakultät Marburg als Preisarbeit, 
dann als Dissertation angenommen 1921. Referent: 
Prof. P. Jacobsthal. — 170 S. Text, 74 S. Anmer- 
kungen ; in Maschinenschrift. Ein Exemplar in der 
Staatsbibliothek Berlin, zwei in der Universitätsbib- 
liothek Marburg, eines im Archäol. Seminar Marburg. 
Dazu eine Originalmappe Pausenskizzen und Photos 
im Archäol. Seminar Marburg. Die letzteren gelten 
nicht als Publikationl — Längerer Auszug (yj Druck- 
bogen) im Jahrbuch der Philos. Fakultät Marburg.) 

Die Arbeit bietet den ersten Teil einer 
Behandlung der verschiedenen Abschieds- 

») W. Kroll, Neue Jahrb. VII 569 fr. 

') Diese Lösung erscheint auch Herrn Prof. 
Heinr. Schäfer als die wahrscheinlichste, dem ich 
auch an dieser Stelle für seine unermüdliche An- 
teilnahme an den hier nur kurz angedeuteten Stu- 
dien herzlich danken möchte. 



265 



Archäologische Doktor-Dissertationen. 



266 



typen griechischer Kunst (Abschiedsspende, 
Rüstungsszene, 8eSt(uat? u. a.), zu der dem 
Verf. das Material vorliegt. 

Einleitung. Typologische Methode. 
Thema. Der Berliner Amphiaraoskrater 
(F.-R. 121/122) der Behandlung der sf. 
Wagenszenen zugrunde gelegt. — Katalog 
mit 125 Ausfahrts- und 33 Anschirrungs- 
szenen. I. Elemente der Abschieds- 
typik in der Kunst vor Ausbildung 
des sf. Stils. U. a. : Frau der mykenischen 
Kriegervase (Furtw.-Loeschcke, Myk. Vas. 
42/43); »Lcontis« (?) der geometr. Bronze- 
fibel B. M. 3205; Motiv der Hinterschnei- 
dung des Pferderückens durch menschliche 
Figur schon mykenisch. — Argivische He- 
raionscherben Waldstein II, pl. 57, i typen- 
geschichtlich und stilistisch besprochen. An- 
dere Wagenszenen orientalisierender Stile. — 
II. Ausfahrt zu Wagen. A. Im sf. 
Stil des Mutterlandes. Die einzelnen 
Figuren der Ausfahrtskompositionen und 
ihre Gruppierungen besprochen, und zwar 
I. Held und Lenker, 2. die Frauen, 3. der 
Stehende vor den Pferden, 4. der Sitzende 
vor den Pferden (das Halimedesproblem; 
Klappstuhlmänner), 5. der stehende bärtige 
Mann, 6. die begleitenden Krieger, 7. die 
Gespanne (Schrittmotive, Gespannkompo- 
sition), 8. die übrigen Tiere (Vogel und 
Schlange, Eidechse usw.; Hunde), 9. Zu- 
sammenfassung. Kompositionsfragen. — 
B. In der Malerei außerhalb des 
Festlandes. Bostoner Klaz omenischer Sar- 
kophag Phot. Coolidge 9880 selbständige 
Typik. Münchener italisch-ionische Vase 
Sieveking-Hackl 883 typologisch vom Fest- 
land beeinflußt. Die unhelladische Ver- 
bindung der Wagenszene mit Reihe mar- 
schierender Krieger. • — C. Archaische 
Reliefs usw. Sima v. Palaikastro (BSA. 
XI, 1904/05, pl. XV), etruskische Terrakotta- 
friese (Milani, Stud. emat. I, 92 ff., Mon. d.i. 
Suppl. Taf. I, u. a.), Elfenbeinpyxis von 
Chiusi (Mon. d. I. X, Taf. 39a) u. a. typo- 
logisch und stilistisch analysiert. Auch hier 
die Kriegerreihe. Diese Typik stammt aus 
dem Orient. — D. Anschirren des Ge- 
spanns (z. B. Berlin, Furtw. 1897). i. 
Technischer Vorgang, Einzeltypik, 2. Kom- 
position (drei Hauptgruppen), 3. Stil. — 
E. Deutungsfragen; Mythos und ßio?. 



Bestimmte epische Szene, allgemein mytho- 
logische Sphäre, ßt'o?. — Exkurse und 
Anmerkungen. 

W. Wrede. 



Hans Möbius, Die Darstellung des 
sitzenden Menschen in der antiken Kunst. 
I. Teil: Bis zum Ende der archaischen 
griechischen Kunst. Ungedruckte Disser- 
tation. Marburg 1921. Ref. Prof. Dr. 
P. Jacobsthal. Ein Exemplar in Maschinen- 
schrift (140 Seiten) mit 12 Tafeln kann 
vom archäologischen Seminar der Universi- 
tät Marburg entliehen werden, ein anderes 
(ohne Tafeln) von der Zentraldirektion des 
Archäologischen Instituts. 

Fragestellung: »In welchen Fällen wird 
im Altertum der Mensch sitzend dargestellt?« 
und »Wie entwickelt sich der Typus des 
sitzenden Menschen in der Kunst?« 

I. Sitzen und Hocken. »Thronende Herr- 
scher und hockende Völker«. In primitiver 
Kunst Hockende und Sitzende^ nebeneinan- 
der. II. Ägypten, i. Offiziell gebunden. 
(Könige, Götter, Tote.) Starrer Typ der 
Sitzstatue. Kanonische Flächenprojektion 
durch Realismus unter Amenophis IV. unter- 
brochen. Vier feste Typen von Kauernden: 
»Hieratisch«, »Würfelhocker«, »Schreiber«, 
»Kauernde mit einem untergeschlagenen 
Bein . 2. Frei bewegte Darstellung des 
Volkes: Höchste Mannigfaltigkeit der Hal- 
tungen, Körpergefühl, Verkürzungen. III. 
Vorderasien. i. Offiziell gebunden. Ba- 
bylon. — Hethitisch: Die »orientalische Sil- 
houette«: Kurzer Oberkörper, lange Ober- 
schenkel, über den Knieen ausgebogene Ge- 
wandkurve. Flächenprojektion: beide Beine 
j übereinander. Assyrisch: Scharfes Profil 
I des Unterkörpers.' 2. Frei bewegtes Volk. 
I Babyl. : Handwerker und hockende Frau auf 
Siegelzylindern. Assyrisch: Angler und Ge- 
fangene kauernd auf Reliefs. IV. Kretisch- 
myk. Kultur. Keine Herrscherbilder. Thro- 
' nende Gottheiten auf Gemmen tragen Zei- 
chen oriental. Herkunft, dagegen originelle 
Haltung der großen kret.-myk. Göttin: Leb- 
, hafte Bewegung, tiefes Sitzen. V. Griechen- 
I land. A. Geometrisch. Bilder thronender 



267 



Archäologische Dokior- Dissertationen, 



268 



Kultstatuen zeigen »oriental. Silhouette«. 

Sitzende und kauernde Klagefrauen, Schif- 
fer und Handwerker. (Verschiedene Stadien 
der Geometrisierung.) B. Orientalisch. Die 
»oriental. Silhouette« in Phönikien, Cypern, 
Rhodos, Korinth, Etrurien, Oberitalien (?). 
C. Archaisch, i. Der Sitzende als Einzel- 
figur. Verbreitung, inhaltliche Bedeutung, 
antiquarische und stilistische Kriterien spre- 
chen für ihre Herkunft aus Asien, ägyptische 
Einflüsse erst in jünger archaischen Werken. 
Entwicklung von der »Hagemo« zur En- 
doios-Athena, im Relief zur klassischen 
Flächenprojektion in Xanthos. Drei Typen 
der Frau im Totenmahl. 2. Der sitzende 
Mensch als Glied zusammenhängender Dar- 
stellungen, a) Inhaltlich. Aufzählung und 
Scheidung nicht-attischer und attischer Ty- 
pen, (lonien: Thronende Herrscher. Ko- 
rinth: sitzendeMuttermit Kind. Attika:Zeus 
(Athenageburt), Zeus und Hera (Einführung 
des Herakles und Hephai§tos), Götterver- 
sammlung, »Sacra conversazione«, zuschau- 
ende Götter, Greise, Priamos auf dem Altar. 
Brettspieler, Männer neben der Sphinx, 
»Mann vor den Pferden« (beim Auszug zu 
Wagen), Preisrichter, Handwerker, Frauen. 

b) Formal. Folgen der archaischen Aktivität 
und des Silhouettenstiles: Bewegter Kontur 
(Umblicken, stark angezogenes Bein, Sitzen 
auf der Stuhlkante), keine Überschneidun- 
gen, kein Zurücklehnen und Aufstützen. 
3. Der auf der Erde sitzende und hockende 
Mensch im Altertum, a) Silene, Komasten, 
Pan, Riesen. b) Sklaven, Handwerker. 

c) Kinder, d) Brautführer, e) Trauernde, 
Verwundete, Gefangene, f) Schutzflehende, 
g) Seher. 

Hans Möbius. 



Lili Frankenstein, Tarentiner Terra- 
kotten, Studien zur Kunstgeschichte Groß- 
griechenlands. Ungedruckte Dissertation. 
Greifswald 1921. Ref.: Geh. Reg.-Rat Prof. 
Dr. E. Pemice. Vollständige Exemplare in 
Maschinenschrift in der Universitätsbiblio- 
thek zu Greifswald und der Staatsbibliothek 
zu Berlin. 

Aufgabe der Arbeit ist, eine Übersicht 
über die in Tarent gefundenen Werke der 



Kleinplastik in Ton zu geben — soweit in 

der Jetztzeit eine Sammlung des Materials 
möglich ist — und das Verhältnis der Ta- 
rentiner zur griechischen Kunst zu zeigen. 

Als Material liegen zugrunde figürliche 
und Reliefdarstellungen (archaische — helle- 
nistische Periode), Typen von »Webe- 
gewichten«, »Kuchenstempeln«, Antefixen 
sowie von Reliefkästchen, Altärchen, Relief- 
gefäßen und Kohlenbecken. 

Die Ausführung umfaßt folgende Teile: 
I. Übersicht über Typen und antiquari- 
sche Einzelheiten. 

II. Zur Form. 

Technik. Primitive Terrakotten sind 
aus freier Hand geknetet. Seit dem 6. Jahr- 
hundert Herstellung von flachen Figuren 
aus Halbformen und völlige oder teilweise 
Entfernung des Reliefgrundes. Cha- 
rakteristisch für die archaische Stilstufe ist 
Verbindung von Relieftechnik und 
rundplastischer Bildung. Seit dem 
5. Jahrhundert Benutzung von Doppelfor- 
men. Bei der Herstellung der Formen 
Streben nach vielseitiger Verwendbarkeit 
(Zerlegung in Teile, die für verschiedene 
Darstellungen benutzt werden können; Bil- 
dung indifferenter Typen, die durch nach- 
träglich aufgesetzte oder einmodellierte Zu- 
taten individualisiert werden). Bemalung 
spielt seit der archaischen Zeit eine wichtige 
Rolle bei der Ergänzung wesentlicher Zu- 
taten und der dekorativen Ausgestaltung. 
Zunächst Rot und Braun, später über- 
wiegend bunte Farben. Die Bemalung er- 
strebt entweder Naturwiedergabe oder rein 
dekorative Wirkung (hellblaue Pferde- 
mähne). 

Typen. Das Vorherrschen von Figuren 
in Ruhe in archaischer Zeit ist erstens in 
der Verwendung als Weihgaben und der 
entsprechenden Wahl der Motive begründet; 
ferner erschwert die archaische Gewandung 
die Darstellung des bewegten bekleideten 
Körpers. Nur die unbekleideten Silene sind 
in Bewegung dargestellt, und zwar stets 
laufend. Frauen in lebhafter Bewegung 
erst am Ende des 5. Jahrhunderts, vielleicht 
im Zusammenhang mit der Einbürgerung 
des leichteren ionischen Chitons. Stärkeres 
Bedürfnis nach Wiedergabe von Bewegung 
in hellenistischer Zeit: laufende Kinder und 



j69 



Archäologische Doktor-Dissertationen. 



270 



Eroten, ringende, tanzende, schwebende 
Figuren. Im 4. Jahrhundert auch Verände- 
rung des Reitertyps. Statt des Reiters in 
ruhiger Haltung Apobaten; auch Delphin- 
und Hahnenreiter im Apobatenschema. — 
Gruppenbildung erfolgt in archaischer Zeit 
durch nachträgliche Verbindung von Einzel- 
figuren (Frau mit Kind; Reihen von 
Frauen), oder durch bloßes Nebeneinander- 
stellen einzelner Figuren (Gelagerter mit 
gesondert sitzender Frau). Beide Arten 
bieten wieder eine vielseitige Verwendungs- 
möglichkeit der Einzelfiguren. Seit dem 
5. Jahrhundert Gruppen aus einer Form 
gewonnen. Dabei lassen sich allmählich 
Fortschritte in der Komposition erkennen 
(vgl. die Gruppen aus dem Kreise des Ge- 
lagerten in verschiedenen Zeiten). 

Stil. Schon seit der archaischen Periode 
griechischer Charakter der tarentiner Koro- 
plastik, doch leben in einzelnen Stücken 
vorgriechische Stilelemente fort, wie auch 
sonst öfters in apulischer Keramik. Außer- 
dem ist für Taren t eine archaisierende Tendenz 
charakteristisch, die über den allgemeinen 
Konservatismus der Koroplastik hinausgeht. 

III. Zum Inhalt der Darstellungen. 

Die Terrakotten bis zum Anfang des 
4. Jahrhunderts sind im wesentlichen für 
Kultzwecke verfertigt. EJs werden Gott- 
heiten, Heroen und Sterbliche dargestellt. 
Die Verteilung auf diese Gruppen ist z. T. 
von den Fundumständen abhängig: Ins- 
besondere bietet die Deutung der Gelagerten 
und verwandter Typen Schwierigkeiten, und 
die inhaltliche Einordnung der hier nur 
nach formalen Gesichtspunkten behandelten 
Figuren dieser Art muß einer religions- 
geschichtlichen Untersuchung vorbehalten 
bleiben, die neben den Beziehungen zum 
griechischen Kult auch den Zusammenhang 
mit apulischen Lokalkulten berücksichtigt. 
In hellenistischer Zeit macht sich Schwin- 
den des religiösen Ernstes und Be- 
tonung des Erotischen bemerkbar (s. d. 
Entwicklung bei den Gelagerten), und die 
seit dem 4. Jahrhundert vertretenen Genre- 
figuren und grotesken Typen mehren 
sich. Für die Entwicklung des Grotesken 
und die idyüische Richtung bietet die hel- 
lenistische Literatur in Tarent Parallelen 
(Rhinton und Leonidas). 



IV. Kunstgeschichtliche Einordnung. 
Nach Typen, Stil und antiquarischen 
Einzelheiten ergibt sich folgendes Bild 
der Entwicklung: vor dem 6. Jahrhundert 
»Daedalidenkunst«, dorische Periode; 
seit dem 6. Jahrhundert ostgriechische 
Einflüsse, vermutlich aus ionischer Kunst 
eingedrungen; im 5. Jahrhundert pelo- 
ponnesischer Einschlag, argivische 
Schule; seit der 2. Hälfte des 5. Jahrhun- 
derts attischer Einfluß, z.T. in Ver- 
bindung mit ionischen Elementen) 
im 4. Jahrhundert Fortdauer des atti- 
schen Einflusses und Einwirkung der 
großen Kunst (Praxiteles, Skopas, Ly- 
sipp). Übereinstimmung mit griechi- 
scher Koroplastik von Tanagra und 
Ägypten in praxitelischen und allgemein 
hellenistischen Zügen; die meisten und 
weitestgehenden Parallelen, auch im Stil, 
bieten die Terrakotten des griechischen 
Ostens in hellenistischer Zeit. 

Für die großgriechische Koroplastik der 
hellenistischen Periode ist Abhängigkeit von 
Griechenland, Kleinasien oder Alexandria 
nicht sicher nachweisbar; wahrscheinlich 
fand Austausch von Formen und fertigen 
Figuren und gegenseitige künstlerische Be- 
einflussung statt. 

Deutlicher als bei der Koroplastik tritt 
; die Wechselbeziehung zwischen Großgrie- 
[ chenland und den übrigen hellenistischen 
i Kunstzentren bei der Reliefkeramik und 
j der mit ihr zusammenhängenden Toreutik 
1 hers'or, vgl. übereinstimmende Reliefstempel 
j von »Webegewichten«, Altärchen und Ge- 
I fäßen und die Embleme in Hochrelief an 
j Funden aus Tarent und dem übrigen Groß- 
! griechenland mit solchen aus Ägypten, 
! Griechenland, Kleinasien. 

Im Hinblick darauf, daß das Haupt- 
zentrum der »calenischen « Keramik auf 
italischem Boden Hegt und daß die unter- 
italische, insbesondere tarentiner Toreutik 
reiches Material an Vorlagen bietet (vgl. 
z. B. Coppa Tarantina und Schale von An- 
cona als Vorbilder für apuhsche Eierschalen 
in Ton; Orestesemblem aus dem Kuban- 
gebiet im Stil der tarentiner Toreutik und 
dieselbe Szene auf tonpfanne aus Orvieto), 
scheint es, daß Italien der Ausgangs- 
punkt auch für die auswärts gefunde- 



271 



Ein neues Parthenonfragment. — Institutsnachrichten. 



272 



nen Werke der Calener Keramik und 
ihrer Vorstufen ist. Die Annahme wird 
gestützt durch Inschriften aus Delos, die 
für hellenistisch-römische Zeit Kolonien von 
Tarentinem u. a. Italikern im Osten be- 
zeugen. Darin liegt Begründung für leb- 
haften Wirtschaftsverkehr mit Großgriechen- 
land und Möglichkeit künstlerische! Zu- 
sammenhänge. Ähnlich wird das Verhält- 
nis zu Alexandria gewesen sein. Zwar fehlt 
hierfür bisher die literarische Bestätigung, 
doch spricht das gelegentliche Vorkommen 
anscheinend ägyptischer Elemente in ta- 
rentiner Toreutik dafür. 

Anhang I. Zu den Signaturen der Terra- 
kotten. 

Signaturen treten in Tarent vereinzelt 
seit Anfang des 5. Jahrhunderts auf, die 
meisten im 4. Jahrhundert und später. 

Ihr Vorkommen auf den Formen (nur 
einmal auf einer Statuette) macht den Ver- 
trieb von Formen neben fertigen Figuren 
aus großen Werkstätten wahrscheinlich. Es 
folgt die Liste der Signaturen. 

Es sind entweder vollständige oder ab- 
gekürzte Namen, wohl Künstlersignaturen, 
oder einzelne und ligierte Buchstaben. 
Diese können, vielleicht in Zahlbedeutung, 
als Werkzeichen für Zusammensetzung von 
Formteilen dienen. Denselben Zweck haben 
eingeritzte Linien, Kreuze usw. 

Die Namensignaturen finden sich teilweise 
auf großgriechischen Münzen und toreuti- 
schen Werken wieder. 

Anhang II. Museographische und Li- 
teraturübersicht von Funden aus Tarent 
(Plastik in Ton, Bronze, Marmor, Kalkstein, 
Waffen, Schmuck, Metallgefäße). 
Aachen, Lili Frankenstein. 

Marktstr. 2. 



tut der Universität Heidelberg oder 
vom Verfasser direkt zu beziehen. 



Die Dissertation von B. Schweitzer, 
Untersuchungen zur Chronologie der geo- 
metrischen Stile in Griechenland I (191 7) 
ist für das Inland und Deutsch-Österreich 
zum Preise von 6 M., für das Ausland gegen 
Voreinsendung von 2 Franken (Goldwäh- 
rung) durch das Archäologische Insti- 



i EIN NEUES PARTHENONFRAGMENT. 

} Das kleine Reliefbruchstück der Kunst- 
historischen Sammlungen in Wien (Esten- 
sische Kunstsammlung, Neue Burg), früher 
in Catajo, Dütschke, Ant. Bildw. in Ober- 
italien, V Nr. 723, das unter Vorbehalt in 
die »Attischen Grabreliefs« III Nr. 1297 
aufgenommen ist, stammt vom Nordfriese 
des Parthenon. Es enthält die verhältnis- 
mäßig gut erhaltenen Köpfe von Michaelis 
IX 31 und 32. 

Die Veröffentlichung des wertvollen 
Fundes und der Nachweis der Zugehörig- 
keit nebst einem kleinen Nachtrag zu dem 
schon längst bekannten, in derselben Samm- 
lung befindlichen Reiterfragment des Par- 
thenonfrieses (Michaelis, Der Parthenon, 
S. 248 XXVII A; Smith, The Sculptures of the 
Parthenon, pl. 92, p. 59 u. p. 66 no. 389) 
erfolgt unter obigem Titel im »Jahrbuch 
der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien«, 
Bd. XXXV S. 235—242 Taf. XIX; sie 
kann als Sonderdruck vom Verlag Halm 
und Goldmann, Wien I Opemring 17, be- 
zogen werden. 

Wien, im Oktober 1921. 

Fritz Eichler. 



INSTITUTSNACHRICHTEN. 

Zum I. Sekretär des deutschen Archäologi- 
schen Instituts in Rom ist Herr Walter 
Amelung ernannt worden. 

Stellvertretend für den I. Sekretär in 
Athen hat Herr Noack während des Sommer- 
halbjahrs die Leitung des dortigen Instituts 
übernommen. An seine Stelle wird mit 
Ende Oktober, zunächst ebenfalls stellver- 
tretend,. Herr Buschor treten. 

Eine hochherzige Stiftung gestattete dem 
Institut, Herrn Kurt Müller für einige Mo- 
nate nach Athen zu entsenden zur ab- 
schließenden Bearbeitung der Funde ' von 
Tiryns. 



JAHRESBERICHT 
DES ARCHÄOLOGISCHEN INSTITUTS FÜR DAS JAHR 1920. 



Die Tätigkeit des Instituts hat sich im verflossenen Geschäftsjahr erfreulich belebt. 
Dank dem von der Reichsregierung bekundeten Willen, unser Institut als lebensfähigen 
Organismus der Wissenschaft zu erhalten, konnte die Arbeit fortgesetzt und nach den 
langen Kriegsjahren wieder planmäßig in geregelte Bahnen gelenkt werden. Gewiß 
müssen, den so veränderten Verhä*ltnissen entsprechend, auch wir uns bescheiden und 
vielfach einschränken. Wir hofllen aber auch so in dem Institut der deutschen archäo- 
logischen Wissenschaft die feste Stütze, die es ihr seit bald einem Jahrhundert gewesen 
ist, erhalten zu können. Den vorgesetzten Behörden im Rückblick auf das vergangene 
Jahr für die verständnisvolle Berücksichtigung der Bedürfnisse des Instituts auch an 
dieser Stelle zu danken, ist der Zentraldirektion eine angenehme Pflicht. 

Aus der Zentraldirektion schied der Vertreter des Auswärtigen Amtes, Herr Geh. 
Legationsrat v. Schnitzler infolge der Übernahme eines anderen Referates aus. An 
seiner Stelle entsandte der Reichskanzler Herrn Generalkonsul Moraht in die Zentral- 
direktion. Gegen Ende des Berichtsjahres gab auch Herr Robert sein Mandat in die 
Hände der preußischen Regierung zurück. Daß wir uns ihm auch an dieser Stelle zu 
wärmstem Dank verpflichtet fühlen, bedarf kaum einer Begründung. Als eines der 
ältesten Mitglieder des Instituts hat Carl Robert sein Leben lang an den Arbeiten des 
Instituts sich beteiligt. Es genügt, auf die vier mächtigen Bände des Sarkophagwerkes 
hinzuweisen, deren letzter im vorigen Berichtsjahr abgeschlossen wurde. Die Fülle der oft 
entsagungsvollen Arbeitsleistung, die Robert in diese größte unserer Serienpublikationen 
gesteckt hat, kann wohl kaum einer von denen voll ermessen, die heute dankbar das 
Werk benutzen, das uns diese Denkmälerklasse erst wissenschafdich erschlossen hat. 
Wenn wir Herrn Robert mit Trauer aus der Zentraldirektion scheiden sahen, so versöhnt 
uns damit, daß wir ihn mit ungebrochener geistiger Kraft an seiner wissenschaftlichen 
Arbeit sehen und daß unter seinen Händen auch bereits ein weiterer Band des Sarkophag- 
werkes der Veröffentlichung entgegenreift. 

Neu eingetreten sind im Herbst 1920 in die Zentraldirektion die Herren Curtius 
und Zahn. 

Zum I. Oktober verließ Herr Karo das Institut, . um einem Rufe an die Uni- 
versität Halle Folge zu leisten. Auch an dieser Stelle ist es der Zentraldirektion ein 
Bedürfnis, ihm ihre Dankbarkeit für sein langjähriges erfolgreiches Wirken in Athen zu 
bekunden. Die Stellung, die Köhler, Dörpfeld und Wolters der athenischen Anstalt 
errungen, hat er ihr erhalten und weiter entwickelt, selbstlos arbeitend, helfend und 
ratend nach allen Seiten. Mit besonderem Dank gedenkt die Zentraldirektion seiner 
Tätigkeit während des Krieges. Ihn, der in guten Zeiten das kollegiale Verhältnis zu 
den fremden Schulen aus innerster Überzeugung von der Gemeinsamkeit kultureller und 
wissenschaftlicher Arbeit so liebevoll gepflegt hatte, trafen die Anfeindungen deutscher 
Wissenschaft ganz besonders schwer und bitter. Den Gründen, die Karo veranlaßten, 
nicht wieder auf seinen athenischen Posten zurückzukehren, konnte die Zentraldirektion 
sich nicht verschließen. Mit besonderer Genugtuung begrüßt sie es, daß er seitens der 
preußischen Regierung an Stelle von Herrn Robert in die Zentraldirektion entsandt 
wurde und sogleich wieder an ihren Beratungen, die ja gerade jetzt von besonderer 
Bedeutung sind, teilnehmen und seine reiche Erfahrung weiter dem Institut zuteil werden 
lassen kann. 

Aus der Reihe seiner Mitglieder verlor das Institut durch den Tod die Herren 
F. Biermann-Paderborn (C. M.), H. Dressel-Berlin (O. M.), G. Ghirardini-Bologna 
(O. M.), F. Imhoof-Blumer-Winterthur (O. M.), L. Reinisch-Wien (CM.), R. v. Scala- 
Innsbruck (C. M.). 



— II — j< 

Von der Abhaltung einer Plenarversammlung wurde ebenso wie von der Ver- 
teilung von Reisestipendien im Berichtsjahre noch Abstand genommen. Ausschuß- 
sitzungen fanden am 12. Juni, 2. August und 13. Dezember statt. Den im Jahre 1914/15 
mit Reisestipendien Beliehenen konnten diese überwiesen werden. 

Die schon im vorigen Bericht erwähnte Reise des Generalsekretars nach Rom 
dehnte sich bis in den Juni 1920 aus. Weitere Reisen nach Weimar, Eisenach, München, 
Lübeck, Schwerin, Kiel, Würzburg, Freiburg, Frankfurt a. M. dienten teils der Teilnahme 
an Versammlungen, teils Propagandazwecken für das Institut, teils Beratungen mit Zentral- 
direktionsmiigliedern, eine Reise nach Wien der Besprechung gemeinsamer Interessen 
mit der I^eitung des österreichischen Instituts. 

Vom Jahrbuch und Anzeiger erschien Band XXXIV, von den Athenischen 
Mitteilungen Band XLIV (19 19), von den Römischen Mitteilungen Band XXXIV 
(19 19). Herr von Mercklin stand dem Generalsekretär bei der Redaktion aller drei Zeit- 
schriften zur Seite. 

In Rom führten langwierige Verhandlungen, bei denen die Interessen der deutschen 
wissenschaftlichen Institute außer durch unsere diplomatischen Vertreter durch Geh. Rat Kehr, 
die des Archäologischen Institutes im besonderen zunächst durch den Generalsekretär, 
dann durch Herrn Amelung vertreten wurden, im Herbst 1920 zu einem Abkommen 
mit der italienischen Regierung, das die Weiterführung unseres Archäologischen Instituts 
gestattet, das seit Jahrzehnten Gelehrten aller Nationen Gastrecht gewährt hat. Die 
Institutsbibliothek wurde aus ihrer Internierung in der Engelsburg betreit und uns wieder 
übergeben. Allen, die sich um dieses für die Wiederanbahnung wissenschaftlicher und 
kultureller Beziehungen so wichtige Abkommen verdient gemacht haben, sagt die Zentral- 
direktion auch an dieser Stelle ihren wärmsten Dank. Noch sind wir weit vom Ziele. 
Noch fehlt uns vor allem ein Ersatz für das uns durch Enteignung genommene Instituts- 
gebäude, so daß wir die Bibliothek noch nicht wieder aufstellen und der Benutzung 
zugänglich machen können, woran nicht nur wir Deutschen ein lebhaftes Interesse haben. 
Wir hoflen aber, daß auch hier Mittel und Wege zur Lösung gefunden werden. 

Im Oktober reiste auf Bitte der Zentraldirektion Herr Studniczka nach Athen. 
Er konnte die dortige Zweiganstalt, die dem Schutz der griechischen Regierung an- 
vertraut, von dieser mit vorbildlicher Treue gehütet war, übernehmen und wieder er- 
öffnen. Sein Wirken während des Winters hat besonders viel dazu beigetragen, dem 
Institut seine alte Stellung wiederzugeben und einem entgültigen Leiter die Wege zu 
ebnen. Als freiwilliger Hilfsarbeiter hatte sich dem Institut in Athen Herr G. Weiter 
in dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt. 

In Frankfurt a. M. stand Herr Drexel wie bisher Herrn Koepp zur Seite. Die 
Römisch-Germanische Kommission bestrebt sich in erster Linie ihre periodischen Ver- 
öffentlichungen, die »Germania« und die Berichte fortzuführen. Von sonstigen Ver- 
öffentlichungen erschien der zweite Teil des Kataloges der Sammlung in Bingen, be- 
arbeitet von Herrn Behrens und ein Nachtrag zu Georg Wolflfs Werk über die südliche 
Wetterau. Die Kommission konnte die Forschungen des württembergischen Landes- 
konservatoriums in den- Donaukastellen unterstützen, ebenso die Bearbeitung der von 
der Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde geplante Karte der Römerstraße der 
Rheinprovinz. Auch die vom historischen Verein für Niedersachsen herausgegebenen 
»Urnenfriedhöfe in Niedersachsen« wurden unterstützt. 

Reisen führten den Direktor u. a. nach Wetzlar^ Bonn, Bamberg, Herrn Drexel 
nach Augsburg und München. Gelegentlich der Teilnahme des Direktors an der Tagung 
des Gesamtvereins deutscher Geschichts- und Altertumsvereine in Weimar erfolgte die 
Gründung eines Bundes für heimische Altertumsforschung, der es sich zur Aufgabe 
macht, Arbeiten auf dem Gebiet der heimischen Archäologie zu unterstützen. 

Dankbar erwähnen wir zum Schluß, daß auch im Berichtsjahr die Stadt Frankfurt 
die Kommission durch Gewährung eines Zuschusses unterstützt hat. 



JAHRBUCH DES INSTITUTS XXXVI 1921 



TAFEL I 






^' 



CO 
UJ 

_I 

z 
u. 

UJ 

_l 
ui 

> 

I- 
o 

> 



JAHRBUCH DES 




,o 



'■■■'-. M 



TAFEL 2 




;l 3 



JAHRBUCH DES INSTITUTS XXXVI 1921 



TAFEL 3 




DOMiTiANisü-iea z-vrit 

TEILWBJE VBJE»J«(MrVHO ERfiÄttT. 



JAHRBUCH DES INSTITUTS XXXVI 1921 




Südostbi 



JAHRBUCH DES INSTITUTS XXXVI 1921 



TAFEL 5 





Südostbau, Skizzen 1:500, teilweise rekonstruiert. 
A. Aufril3 von Norden. — B. Schnitt O.-W.. Blick nach Süden. 



JAHRBUCH DES INSTITUTS XXXVI 1921 



TAFEL 6 




: 


,gg^y^ 


■ 


1 


==?S! 


■ 1 




mr^. 






:■»■ Vi" 

■ 


^hI 




'■' lltiull 1 '' 


^ 


^ 







CC 



Südostbau, Skizzen 1:500, teilweise rekonstruiert. 
A. Aufriß von Süden. — B. Schnitt N.-S., Blick nach Westen. 



JAHRBUCH DES INSTITUTS XXXVI 1921 



TAFEL 7 





SCidostbau. Westsaal, Skizzen 1:500. 
A. Querschnitt, Blick nach O. — B. dgl. mit hadrianischem Einbau, 

rekonstruiert. 



JAHRBUCH DES INSTITUTS XXXVl 1921 



TAFEL 8 




S^D-OSTBüV WESTSAAL REliDNJSTBVIEDT . BÜCK- VOM NOBD- OSTENJ. 



JAHRBUCH DES INSTITUTS XXXVI 1921 



TAFEL 9 




a 
E 
o 
q: 



E 

(0 

O 
73 

CO 



JAHRBUCH DES INSTITUTS XXXVI 1921 



TAFEL 10 





Doppelseitiges Relief in Barcelona. 



ZUR BAUGESCHICHTE VON SENDSCHIRLI. 

Die Königsburg von Schamal, heute Sendschirli, in Nordsyrien umschließt 
mit ihrem Mauerring eine Reihe von Einzelgebäuden bzw. Gebäudegruppen, die 
nach dem Ausgrabungsbefund nicht gleichzeitig sein können, sondern das Ergebnis 
einer längeren Baugeschichte darstellen. Sie ist indessen so verwickelt, daß die 
Herausgeber der Ausgrabungsberichte (Koldewey, v. Luschan und Jacoby) schon 
in der Deutung der Einzelheiten des Befundes nicht immer Einhelligkeit erzielten 
und daher auch im Ganzen zu keinem befriedigenden Ergebnis gelangen konnten'). 
Das ist bis zum gewissen Grade in dem — allerdings sehr beda'uerlichen — 
Umstände begründet, daß die Ausgrabung nicht fertig geworden ist, und eine 
endgültige Klärung der Baugeschichte kann daher auch nur von weiteren 
örtlichen Untersuchungen erwartet werden. Indessen gibt eine sorgfältige Nach- 
prüfung des Befundes, wie er in den bisherigen Veröffentlichungen niedergelegt 
ist, auch ohne dies die Möglichkeit, einige offensichtliche Irrtümer richtigzu- 
stellen und gegenüber der bisherigen Erkenntnis weiterzukommen. 

Der beigefügte Übersichtsplan (Abb. I, nach Ausgr. S. 262, Abb. 168) läßt 
folgende Baulichkeiten erkennen: 

1. Die Ringmauer mit dem Torgebäude D und die innere Abschnittsmauer 
mit dem Torgebäude E. 

2. Der Komplex der sogenannten Kasematten (F). 

3. Der »obere Palast« (G), so genannt wegen seiner Lage auf der höchsten 
Stelle des Burghügels, bestehend aus einem um einen Hof zusammengeschlossenen 
Gebäudekomplex (A — Q) und einem Einzelgebäude daneben (R — Z). Das Hof haus 
erhebt sich über den Fundamenten des großen Hilani H i, dessen Umrißlinie punk- 
tiert eingetragen ist. 

4. Der »untere Palast«, bestehend aus den beiden Hilanis H u H m, dem 
»nördlichen Hallenbau« (NHB) und dem südlichen Hallenbau P, die den Hof R 
umschließen. 

5. Der »Nordwestbezirk«, bestehend aus dem Torgebäude Q, dem vielräumigen 
Palaste J, der mit dem Hilani K zu einem Gebäudekomplex zusammengeschweißt 
ist, und der an die Burgmauer angelehnten Raumreihe L. 



') Ausgrabungen in Sendschirli, ausgeführt und 1911 (= Mitteilungen aus den Orientalischen 

herausgegeben im Auftrage des Orient-Komitees Sammlungen der königlichen Museen zu Berlin 

zu Berlin, I. 1893, II, 1898, III, 1902, IV, XI— XIV). 

Jahrbuch des archäolog-ischen Instituts XXXVI. j 



86 



F. Oelmann, Zur Baugeschichte von Sendschirli. 



Als Koldewey in Heft II der Ausgrabungen (1898) S. 172 ff. die Bauge- 
schichte der Burg zu rekonstruieren versuchte, waren der Nordwestbezirk und 
der südliche Hallenbau noch nicht bekannt, und an absoluten Datierungsmitteln 
waren nur die Asarhaddonstele aus dem kleinen Hofe des äußeren Burgtores, die 




Abb. I. Übersichtsplan von Sendschirli. 



Orthostateninschrift des Barrekub vom Ostteil des NHB und die große Bauinschrift 
;les Barrekub vorhanden, die damals noch vermutungsweise dem Westteil des 
NHB zugewiesen wurde. Koldewey suchte deshalb wenigstens eine relative 
Chronologie aus den Verschiedenheiten der Fundamentierungstechnik abzuleiten 
und kam zu folgender Gruppierung: 

1 . Gebäude mit Balkenrost und zwischengelegten Steinschichten : die äußere 
und innere Burgmauer mit den Torgebäuden und vermutlich Hilani I, dessen 
Rostschicht allerdings nicht erhalten ist. 

2. Gebäude mit Balkenrost ohne Steinreihen dazwischen : Hilani III mit dem 
nördlichen Hallenbau und vermutungsweise Hilani II. 

3. Gebäude ohne wahrnehmbaren Balkenrost: der »obere Palast« und die 
»Kasematten«. 

Gegen die angenommene Abfolge der drei Gruppen ist nach der Lage des 



F. Oelmann, Zur Baugeschichte von Sendschirli. 87 

Befundes in der Tat kaum etwas einzuwenden. Eine absolute Datierung ist nur 
für Gruppe 2 gegeben durch die Orthostateninschrift vom NHB, die den Barrekub 
bar Panammu, den Vasallen Tiglat Pilesers III (745 — 727), als Bauherrn nennt. 
Daß die dritte Gruppe in die Zeit Asarhaddons (681 — 668) fällt, der — jedenfalls 
im Jahre 670 — seine Stele im äußern Burgtore errichtete, ist zum mindesten 
sehr wahrscheinlich. Den Beginn der ersten Gruppe glaubte Koldewey durch 
Schätzung des Wachstums der Schuttschichten etwa ins 13. Jahrhundert setzen 
zu dürfen, wobei er sich allerdings über das Problematische eines solchen Ver- 
fahrens nicht im Unklaren blieb. Für die vermutungsweise Einordnung von H j 
in Gruppe l und von H n in Gruppe 2, und zwar vor H m, war für ihn eine 
Theorie maßgebend, die er sich über die Entstehung und Entwicklung des soge- 
nannten Hilanitypus gebildet hatte. Danach sollte nämlich das Hilani aus dem 
Festungstore hervorgegangen sein und seine Ähnlichkeit mit diesem Vorbilde 
erst im Laufe der Entwicklung allmählich eingebüßt haben. So ergab sich ihm 
die zunächst wohl bestechende Entwicklungsreihe Hi — Hn — Hm — G. Jacoby 
und v. Luschan, die in Heft IV der Ausgrabungen (191 1) das Bild der Burg 
durch den Nordwestbezirk und den südlichen Hallenbau ergänzen konnten, haben 
sich Koldeweys Anschauungen im wesentlichen angeschlossen und jedenfalls 
keine grundsätzlichen Zweifel geäußert, so daß Koldeweys Auffassung heute noch 
in Geltung zu sein scheint. Wie schwach sie indessen begründet ist, wird sich 
zeigen, wenn wir an der Hand des Befundes die einzelnen Bauten auf ihre relative und 
absolute Chronologie hin nachprüfen. 

1. Die Ringmauer ist nicht zu trennen von den beiden Torgebäuden D 
und E. Für ihre Datierung ist auszugehen von ihrem reichen Orthostatenschmuck, 
der — wenigstens teilweise — zum Ältesten gehört, was in Sendschirli gefunden 
ist. Puchstein setzte die Reliefs ins 10. und 9. Jahrhundert, und ich sehe keinen 
zwingenden Grund, sie wesentlich höher zu datieren '). Die Ringmauer ist im Laufe 
der Zeit mehrfach erneuert worden und überschneidet in ihrem jüngsten Zu- 
stande beispielsweise an der Westseite die rückwärtigen Mauervorsprünge von 
Hilani III und die Südwestecke des südlichen Hallenbaus (vgl. Abb. 2), ist hier also 
jünger als Barrekub. Man wird kaum fehlgehen, wenn man diese jüngste Er- 
neuerung in die Zeit setzt, wo Asarhaddon seine Stele im äußeren Burgtor auf- 
stellen ließ. 

2. Die sogenannten Kasematten (F) sind auf alle Fälle jünger als die Burg-* 
mauer und von jüngeren Bauten nicht mehr überlagert. Ihre Fundamentierungs- 
technik ist die gleiche wie beim Palast G, der zu den jüngsten Bauten auf der 
Burg gehört. So spricht viel dafür, daß sie gleichfalls in die Zeit Asarhaddons 
gehören. Bei dieser Gelegenheit sei noch darauf hingewiesen, daß wir hier, so- 
viel ich sehe, das älteste Beispiel für die Art des Kasernenbaus haben, wie sie in 
den spätrömischen Kastellen seit Diocletian üblich ist. Zwar ist öfter geäußert 
worden, daß dieser Kastelltypus mit den an die Mauer angelehnten Kasernen 

') O. Puchstein, Pseudohetitische Kunst, 1890, 9 f. F. Oelmann, Kunstchronik LVIII, 1922/23, 68 ff. 

7* 



88 



F. Oclmann, Zur Baugeschichte von Sendschirh. 




Abb. 2. »Oberer Palast« in Sendschirli. 
I : looo. 



Abb. 4. Haus in Meroe. I : 1000. 



1 


d] 1 


L 


__^l i^J H ^1 ^^ l^^^^^^' HEU 





Abb. 7. Palast in Hatra. i : 1000. 



F. Oelmann, Zur Baugeschichte von Sendschirli. 



89 



altorientalisch sein müsse, doch sind Belege m. W. bisher nicht beigebracht worden. 
Zu vergleichen sind auch als älteste Beispiele des orientalischen Chantypus die 
beiden Hofhäuser an der Ostseite des großen Hofes von E-Temenanki in Babylon '). 

3. Der obere Palast (Abb. 2) ist großenteils aus dem Material älterer Gebäude 
errichtet worden. Für die Türschwellen wurden nach Koldewey alte Oithostaten- 
platten von Hilani I, II und III verwendet, wobei die Reliefs abgemeißelt wurden 2). 
Im Grundriß zeigt der Nebenbau R — Z auffallende Ähnlichkeit mit dem Hilani 
Sanheribs (705—681) in Ninive-Kujundschik, worauf schon Koldewey hinwies, und 
der um den Hof zusammengeschlossene Baukomplex A — Q ist in seiner Planung 
eng verwandt dem kleinen Palaste von Saktsche Gözü (Abb. 3), der, nach seinem Ortho- 
statenschmuck zu urteilen, nicht älter als Ende des 8. Jahrhunderts sein dürfte 3). 
Jedenfalls ist der ganze Komplex G jünger als Barrekub, und Koldeweys Datie- 
rung in die Zeit Asarhaddons hat viel für sich. 

Darunter liegen die nur in den unteren Fundamentschichten erhaltenen Reste 
des Hilani I (Abb. 5 a). Koldewey setzt es an die Spitze seiner Entwicklungsreihe der 
Hilanibauten, da es nicht nur an Größe (34x52 m) alle übrigen übertrifft, sondern 
auch dem angeblichen Vorbilde des Gebäudetypus, dem Festungstor, noch ver- 
hältnismäßig nahesteht, nämlich in der Einfachheit und Regelmäßigkeit des Grund- 
risses und der angebUch massiven Ausbildung der beiden »Türme«. 




Abb. 5. a Hilnni I in Sendschirli. b Hilani Sargons in Khorsabad. c^ d Torgebäude in 
Sendschirli. e Tempel in Takschasila (Gandhara) i : 1000. 



') R. Koldewey, Das wieder erstehende Babylon, 
1913, 181 Abb. 144. 

=) An anderer Stelle wird die Wiederverwendung 
von Orthostaten aus Hilani 11 nur als wahrschein- 
lich bezeichnet. Da sich 'herausstellen wird, 
daß H i[ junger als Barrekub und vielleicht 



gar nicht älter als G ist, so darf man wohl H n 
.ils Ursprungsort von Baumaterial, das beim Bau 
von G wiederverwendet wurde, ausscheiden. 
3) Vgl. v. Luschan, Ausgr. 371 (»etwa 720«). Nach 
J. Garstang, Annais of Archaeology and Anthropo- 
logy V 1913, 73 ff. älter (9. Jalirh.). 



QO F. Oelmann, Zur Baugeschichte von Sendschirli. 

Zunächst jedoch erweist der letzte Punkt sich bei näherem Zusehn als nicht 
stichhaltig. Denn die »Massivität« des rechten »Turmes« ist weder durch die 
Ausgrabung erwiesen, noch wird sie durch die Analogie der übrigen Hilanibauten 
wahrscheinlich gemacht, und auch der linke »Turm« ist gar nicht als massiver 
Festungsturm zu denken, sondern als Treppenhaus, wie ein Blick auf das Hilani K 
lehrt, das Koldewey allerdings noch nicht kannte. Daß ein solches Durchfun- 
damentieren des Treppenhauses geradezu typisch ist für den orientalischen Lehm- 
bau überhaupt, mag ein hellenistisch-römisches Peristylhaus in Meroe zeigen, 
wo ja von irgend einem Zusammenhang mit dem massiven Festungsturm gar 
keine Rede sein kann (Abb. 4)'). 

Aber schon der Grundgedanke, daß das Hilani nichts als ein modifiziertes 
Festungstor sei, muß zum mindesten starken Zweifeln unterliegen. Solche Zweifel 
hat bereits Val. K. Müller geäußert und statt eines unmittelbaren Abhängigkeits- 
verhältnisses eine Wechselwirkung zwischen Hilani und Festungstor angenommen^). 
Und selbst damit geht er m. E. noch zu weit, denn eine Absicht, durch die an- 
geblichen Türme das Haus verteidigungsfähig und damit dem Festungstore in 
gewisser Beziehung ähnHch zu machen, ist schwerlich zu erweisen. Hätte man 
das gewollt, so wäre vor allem die Vorhalle mit ihren Holzsäulen zu beseitigen 
gewesen, die immer einen denkbar günstigen Angriffspunkt bieten mußte. So ist 
selbst eine Beeinflussung des Hilanitypus durch das Festungstor sehr zweifelhaft, denn 
dem Festungstor fehlt, was für das Hilani bezeichnend ist, die Säulenhalle, und für das 
Hilani sind die Verteidigungstürme zum mindesten nicht nachzuweisen (vgl. Abb. 5 c,d). 
Viel eher könnte ein Zusammenhang mit einem Gebäudetypus des alten Reiches 
in Ägypten vorliegen, den Torbauten der Totentempel der 5. Dynastie bei AbusirS). 
Diesen Fragen wird an anderer Stelle ausführlicher nachzugehen sein, hier sei 
nur noch einmal festgestellt, daß gar kein Grund vorliegt, dem Hilani I ein be- 
sonders hohes Alter zuzuschreiben. Dagegen spricht außerdem noch die Beob- 
achtung Koldeweys, daß vor dem Hilani an dieser Stelle schon kleinere Gebäude 
standen, vor diesen schon ein größeres von recht erheblicher Mauerstärke (2'/a m) 
und vor diesem wieder kleinere Gebäude. Die Einfachheit des Grundrisses und 
die geringe Zahl der Räume mag sich daraus erklären, daß das Gebäude, an der 
höchsten Stelle des Burghügels gelegen, lediglich der Repräsentation, als Audienz- 
halle diente. Und die allerdings ungewöhnliche Stärke der Fundamente ist ein- 
fach durch den Lehmbau bedingt, genau wie in Ägypten und Babylonien. 

4. Der »untere Palast« (Abb. 6) ist sowohl von Koldewey und v. Luschan wie 
noch von Müller als eine bauliche Einheit aufgefaßt worden, bestehend aus den 
beiden Hilanis II und III, die später durch Säulenhallen verbunden worden seien. 
Nur Jacoby (Ausgr. S. 312) fiel es schon auf, daß die Fundamentkrone von H n 
rund 3,4 m höher liegt als die Schwelle der Halle P t, und er schloß daraus, daß 
P beim Bau von H n teilweise oder ganz zerstört sein müsse. Das ist in der 



') Annais of Arch. and Anthrop. IV 1912 Taf. 7. 3) Vgl. tiermania 1921, 66 Anm. 4. 
^) Val. K. Müller, Ath. Mitt. XLU 1917, 118. 



F. Oelmann, Zur Baugeschichte von Sendschirli. 



91 




Abb. 6. »Unterer Palast« und »Nordwestbezirk« in Sendschirli. i : 1000, 



Q2 F. Oelmann, Zur Baugeschichte von Sendschirli. 



Tat richtig und wird durch folgende Überlegung bestätigt. Denkt man sich H n 
als einer späteren Bauperiode angehörig fort, so wird zunächst die östliche Hälfte 
des nördlichen Hallenbaus mit den dahinter gelegenen Räumen 2 und 3 als ein 
kleines Hilani verständlich, das in der Folge als H w bezeichnet wird und in 
Zahl wie Anordnung der Räume dem Hilani K des Nordwestbezirks völlig entspricht 
Genau wie dort ist dem großen Hauptsaal an der Rückseite ein kleinerer Raum 
(Schlafraum ?) angehängt, und der rechts neben der Vorhalle gelegene und zum 
großen Teil unter der Nordwestecke von H n verschwundene Fundamentklotz ist 
zweifellos als Treppenhaus zu deuten, denn bezeichnenderweise sind die Lehm- 
.^iegellagen des Aufgehenden gerade da unterbrochen, wo der Eingang zur Treppe 
zu erwarten ist (vgl. Ausgr. Taf. 24/25). Verlängert man ferner die Ostwand der 
Halle Pi nordwärts unter H n hindurch, so stößt sie genau auf die Ostecke des oben 
besprochenen Treppenhauses. Das kann unmöglich ein Zufall sein und beweist 
unwiderleglich die spätere Entstehung von H n- Daß Koldewey diesen völlig 
klaren Sachverhalt nicht sah oder nicht sehen wollte, ist wieder in seiner allzu 
schematischen Entwicklungstheorie begründet, nach der allerdings H ' i wegen 
seiner Größe und seiner Raumzahl zwischen H i und H m eingeordnet werden 
mußte. Nur unter dem Eindruck dieser Theorie wird auch v. Luschan den ver- 
mutlich zu Hn gehörigen Sphinxorthostaten (a.a.O. S. 330f.) für älter als die 
Skulpturen von H m erklärt haben. Er scheint mir vielmehr entschieden zum 
Jüngsten zu gehören, was überhaupt in Sendschirli an Plastik gefunden ist. 

Nach Ausscheidung von H n ist noch der übrigbleibende Baukomplex zu 
betrachten. Auch er ist keineswegs aus einem Gusse, vielmehr ist der Hallenbau 
P ,0 nach Jacobys Beobachtung (a. a. O. S. 31 7) sicher an H ni angelehnt, also 
jünger, und dasselbe zeitliche Verhältnis wird man für den ganzen Komplex der 
Hallenbauten einschließlich H jv annehmen dürfen, der eine architektonische 
Einheit gebildet zu haben scheint. Dazu paßt auch, daß die Säulenbasen und 
Orthostatenreliefs von H m stilistisch einen älteren Eindruck machen als die 
von H IV. 

Den Eingang zürn Hofe R suchte v. Luschan an der Südseite, wo er von ' 
einer Fortsetzung der Grabung weiteren Aufschluß erwartet, wie jedoch zu be- 
fürchten ist, vergeblich. Denn einmal zeigen die Fundamente von P3 — ^ von 
einem Torbau nicht die geringste Spur, und vor allem ist er auch gar nicht hier 
in dem spitzen Winkel zwischen P3 — g und der Burgmauer zu erwarten, sondern 
gegenüber dem Hauptgebäude des Palastbezirks, dem Hilani III. In der Tat weist 
die Halle Pi nahe der Südwestecke von Hu eine schmale Quermauer auf, die 
am ehesten als südliche Begrenzung eines unter H n begrabenen Durchgangs- 
raumes zu deuten sein dürfte. Gestützt wird diese Auffassung durch den Rest 
eines festungsartigen Tores, der gleich östlich von H n zutage gekommen ist 
und gleichfalls zu Zeiten dieses Gebäudes abgebrochen gewesen sein muß. Seine 
Lage gerade gegenüber H ni spricht sehr dafür, daß es diesem Bau gleichzeitig 
gewesen ist, und als eine Möglichkeit sei wenigstens erwogen, ob es nicht mit der 
turmbewehrten Rückwand des nördlichen Hallenbaus zu einer rechteckigen Um- 



F. Oelmann, Zur Baugeschichte von Sendschirli. g^ 



mauerung der Art zusammengehörte, wie sie den kleinen Palast von Saktsche Gözü um- 
schließt (Abb. 3). Dann kann man sich die Baugeschichte etwa so denken, daß 
der H m vorgelagerte Palasthof zunächst von der turmbewehrten Mauer mit dem 
Tor vom Typus Saktsche Gözü umgrenzt war, und daß erst später dieser Hof 
verkleinert und mit den Hallenbauten einschließlich H iv umgeben wurde. Ein 
Umbau scheint sich auch in der Südostecke des Hofes zu verraten, wo Pi und 
P3 zusammenstoßen und der Eckpfeiler in auffälliger Weise aus der Fluchtlinie 
von P3 herausfällt. 

Absolut datiert ist von allen diesen Baulichkeiten nur das kleine Hilani IV 
durch das Orthostatenrelief mit der Inschrift des Barrekub. Die Hallenbauten in 
ihrer letzten Gestalt, insbesondere Pi, gehören damit zweifellos eng zusammen. 
Dann mögen das ältere Hilani III, ferner das festungsartige Tor neben H n und 
die Rückwand des NHB mit ihren Türmen dem Vater Panammu bzw. dem Groß- 
vater Bar Sur gehören. Hilani II dagegen ist erst errichtet, als diese Baulichkeiten 
durch Brand und zwar, wie Koldewey scharfsinnig beobachtet hat, wahrscheinlich 
durch beabsichtigte Brandlegung vernichtet waren. In die gleiche Zeit wird die 
Erneuerung der Burgmauer an der Westseite zu setzen sein, die hier über die 
niedergebrochene Rückwand von H m und die Südvvestecke der Hallenbauten 
hinweggeführt ist. Schreibt man den Brand mit Koldewey einer Eroberung der 
Burg durch Asarhaddon zu, was viel für sich hat, so kann auch H n nicht älter, 
muß vielmehr dem oberen Palaste etwa gleichzeitig sein. 

Die eben besprochenen Gebäude waren indessen nicht die ältesten, die an 
dieser Stelle gestanden haben. Ältere Bauten, die insbesondere unter H m zutage 
getreten sind, sind ihnen voraufgegangen. Sie scheinen sich nach Süden nicht 
über die Mitte des Hofes R ausgedehnt zu haben, der hier von einer Wehr- 
mauer unterkreuzt wird. Ihre turmartigen Verstärkungen sind nach Süden gekehrt, 
sie bildete also die Begrenzung eines nördlich gelegenen Burgbezirks und wird 
bis zur Erbauung von Hilani III den sogenannten Nordwestbezirk der Burg nach 
Süden hin abgeschlossen haben, dessen Betrachtung noch übrigbleibt. 

5. Daß auch die Gebäude desNordwestbezirks (Abb. 6) nicht aus einem Gusse 
sind, ist schon Jacoby und v. Luschan nicht verborgen geblieben. Beide er- 
kannten, daß J und K wohl gleichzeitig in Benutzung gewesen, aber nicht gleich- 
zeitig entstanden sein können. In der Beurteilung des zeitlichen Verhältnisses 
beider Gebäude macht sich indessen ein merkwürdiges Schwanken bemerkbar.' 
Entscheidend ist wieder Jacobys Beobachtung, daß die Fundamentkrone von K 
etwa I m höher liegt als die von J. Daraus schloß Jacoby, daß K jünger sei. 
während v. Luschan (a. a. O. S. 245) nach mehrfachem Schwanken sich für das 
Gegenteil entschied, ohne seine Ansicht näher zu begründen. Er scheint auch 
da wieder im Banne der Koldeweyschen Entwicklungstheorie gestanden zu haben, 
nach der allerdings J jünger hätte sein müssen, weil ihm der bei K noch vor- 
handene »massive Verteidigungsturm« ganz fehlt. 

Daß Jacoby Recht hat, wird nun durch weitere Beobachtungen außer Zweifel 
gesetzt. In der Westwand von J^ finden sich zwei symmetrisch angeordnete Fenster, 



QA F. Oelmann, Zur Baugeschichte von Sendschirli. 

die ungewöhnlich tief, fast bis zum Fußboden, hinabreichen, so wie es in Boghazköi 
üblich ist'). Sie sind beide durch die Ostwand von K verbaut und so zu Nischen 
geworden. Auch die beiden Öffnungen in der Westwand von J 3 dürften ursprüng- 
lich solche tief herabreichende Fenster gewesen sein. Sie liegen ebenfalls streng 
symmetrisch, nur ist die südliche Öffnung bei ihrer Umwandlung zu einer Ver- 
bindungstür mit K 2 bis zur Südecke der Wand verbreitert worden, während die 
nördliche Öffnung wohl Fenster blieb, aber fast zur Hälfte durch K verbaut 
wurde. In ähnlicher Weise ist auch die Südfassade des Raumkomplexes J 10 — 14 
durch K verbaut worden, worauf wir noch zurückkommen werden. Ferner ließen 
sich in Ji — 3 vielfach Ausbesserungen und Umbauten feststellen. So führen in 
J2 die verschiedenen Wandputzschichten auf zwei bis drei Bauzeiten, und in J3 
- — nicht etwa in K — zeigten sich mehrere Fußböden übereinander^). Der Fuß- 
boden wurde hier offenbar bei dem Anbau von K höher gelegt, um den Höhen- 
unterschied auszugleichen. Daß schließlich K in seiner Grundrißbildung völlig 
mit dem kleinen Hilani IV übereinstimmt, wurde schon hervorgehoben. Da dieses 
inschriftlich als Bau des Barrekub gesichert ist, so wird man auch K in die gleiche 
Zeit setzen dürfen. 

Das wird nun in denkbar wünschenswerter Weise bestätigt durch den Um- 
stand, daß die schon erwähnte Platte mit der großen Bauinschrift des Barrekub 
aller Wahrscheinlichkeit nach den linken Orthostaten von Ki gebildet hat 3). 
Ihre letzten Zeilen sind für die Baugeschichte des Nordwestbezirks so wichtig, daß 
ich sie in neuer Übersetzung hersetze 4): 

16 durch mich ist es schön gebaut worden, nicht war es vorhanden für meine 

Väter, 

17 die Könige von Schamal. Stehe da ist das Haus des Kalamu von ihnen. 



') Vgl. V. K. Müller a.a.O. «37 ff., dem jedoch ») Jacoby, Ausgr. 272, 276, 279. 

bei der Suche nach Analogien für die Fenster 3) v. Luschan, Ausgr. 255. Dagegen hat sie 

von Boghazköi die beste und schlagendste, Lidtbarski, Ephemeris für semitische Epigraphik 

nämlich Sendschirli, entgangen ist. Die Ahn- III igog'is, 218 wieder der Westhälfte des 

lichkeit geht sogar noch viel weiter. Wenn nördlichen Hallenbaus zusprechen wollen, weil 

man beispielsweise die Räume Ji, J3 und K2 der Bau K, »wie nach v. Luschan feststeht, 

, mit den Thronsälen III ,3 und IV ,3 in Bu- älter als die Zeit des Barrekub« sei. Das Gegen- 

ghazköi (O. Puchstein, Boghazköi, 1912, 176 teil ist aber der Fall, wie eben gezeigt wurde. 

Abb. 108, Müller a. a. O. 125 Abb. 17 und Außerdem ist der Hallenbau gar kein »Haus«, 

127 Abb. 19) vergleicht, so ergeben sich als sondern nur eine Porticus. Nur die Osthälfte 

weitere Übereinstimmungen die Lage des Thron- ist ein wirkliches Haus vom Hilanitypus, und 

Sitzes vor der Mitte der linken Schmalwand — sie hat schon ihre Orthostateninschrift, nach der 

in Ja und J3 in Sendschirli nach Analogie ebenfalls Barrekub der Erbauer war. 

von Kl zwischen den beiden Fenstern der 4) Sie stammt von E. Littmann, dem ich überhaupt 

Rückwand zu ergänzen — , femer die Lage für seine stete Hilfsbereitschaft in semitisch- 

des Haupteingangs am Ende der einen Längs- sprachwissenschaftlichen Fragen zu danken habe, 

wand (ausgenommen Jj) und vor allem die Ältere Übersetzungen: Sachau, Sitzungsber. Berl. 

ausgesprochene Tiefräumigkeit aller dieser Säle, Akad. 1896, 1051 ff. (danach in den »Aus- 

deren ideelle Achse offensichtlich durch die grabungen« 168); v. Luschan, Ausgr. 380; 

Lage von Thronsitz und Herd bestimmt ist. Lidzbarski a. a O. 218. 



F. Oelmann, Zur Baugeschichte von Sendschirli. gc 

i8 siehe da ist das Winterhaus von ihnen, siehe da ist das Sommerhaus von 

ihnen und 
19 ich habe dies Haus erbaut. 

Da ist zum mindesten von zwei verschiedenen Häusern die Rede, einem 
älteren des Kalamu und einem jüngeren des Barrekub. Das »Winterhaus« und 
das »Sommerhaus« sind bisher immer mit einem von beiden gleichgesetzt worden, 
aber der Wortlaut läßt auch die Möglichkeit zu, an vier verschiedene Häuser zu 
denken. 

Mit dieser Auffassung läßt sich nun der Grundriß des Gebäudekomplexes in 
überraschender Weise vereinigen. Daß nur K das neue Haus des Barrekub sein 
kann, haben wir gesehen. Nun hat es ein glücklicher Zufall gefügt, daß an der 
linken Eingangswange von J i ein Orthostat in situ erhalten gefunden wurde, der 
eine große Inschrift des Kalamu, Sohnes des Haja(nu), mit beigefügtem Bildnis 
trägt'). Dieser Haja(nu) ist zweifellos derselbe wie der auf dem Monolith Sal- 
manassarsll für 859 und 854 genannten Hajan(u), Sohn des Gabbar von Schamal^). 
Das Gebäude J ist also das in der Barrekubinschrift genannte Haus des Kalamu 
und muß in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts errichtet sein. Doch gilt das 
sicher nur für den vorderen Teil von J, d. h. die Räume Ji — 3. Denn auch J ist kein 
einheitlicher Bau, sondern setzt sich aus zwei Teilen (Ji — 3 und J4 — 14) zusammen, 
die nicht gleichzeitig errichtet sein können, wie die zwischen J 10 und der Nord- 
westecke von J 3 sichtbare Mauerfuge ausweist, v. Luschan wollte in dem rück- 
wärtigen Komplex J4 — 14 eine nachträgliche Erweiterung sehen. Daß die Sache 
gerade umgekehrt liegt, lehrt eine aufmerksame Betrachtung dieses Gebäudeteils. 
Er zerfällt seinerseits wieder in zwei Hälften, denen dasselbe Planschema zu 
Grunde liegt. Beidemal bildet den Mittelraum eine tiefe Halle (Je und J13), die 
jedesmal von zwei Räumen gleicher Größe flankiert ist. Diese Seitentrakte sind 
entweder ungeteilt (J4 und Ji4) oder zerfallen in mehrere Abteilungen (J 7 — g und 
Jio — 12)- Jio ist ein massiver Fundamentklotz, auf dem man sich nach Analogie 
von K das Treppenhaus zu denken hat. Über J4 — n haben schon Jacoby und 
V. Luschan wegen der Schichtung des Brandschutts ein Obergeschoß angenommen. 
In der westlichen Gebäudehälfte ist der Mittelsaal (J13) nach vorn in voller Breite 
geöffnet, also ein richtiger Liwan. v. Luschan und Jacoby (a. a. O. S. 252 und 286) 
halten ihn zwar für ungedeckt, d. h. für einen Hof, dem widersprechen aber 
zwei mächtige Orthostaten, die den Eingang flankieren und seine Eigenschaft als 
Tor sicherstellen. Die Südwand von Jio — 14 ist dann als eine monumentale Fassade 
aufzufassen, von völliger Symmetrie, mit weiter Mittelöffnung zwischen flankierenden 
Wandflächen, also von demselben Typus, wie er in der sasanidischen und persisch- 
islamischen Baukunst üblich ist i). Ob die breite Mittelöffnung einen wagerechten 



') Letzte Behandlung der Inschrift mit deutscher Felsreliefs, 1910, 129; Sarre und Herzfeld, 

Übersetzung von Lidzbarski, Ephemeris III 218 ff., Archäolog. Reise im Euphrat- und Tigrisgebiet 

wo auch die altere Literatur zusammengestellt ist. III 191 1, Taf.39ff. ; Swoboda, Rom. u. roman. 

=) Lidzbarski a.a.O. 225. Paläste, 1919, iSoff. — Firuzabad: P. Coste 

3) Z. 13. Klcsip hon; Sarre und Herzfeld, Iranische et E. Flandin, Voyage en Perse. Perse anci- 



96 



F. Oelmann, Zur Baugeschichte von Sendschirli. 



oder bereits bogenförmigen Abschluß hatte, ist nicht zu entscheiden, doch scheint 
mir die letztere Annahme im Hinblick auf die spitzbogigen Stadttore in Boghaz- 
köi und die vermutliche Abkunft des Liwans von den rundbogigen Schilf hütten 
der Euphratanwohner wohl erwägenswert'). Da nun die Wirkung dieser Fassade 
durch die übergreifende Nordwestecke von J3 — und erst recht natürlich durch 
K — zerstört ist, so ist der Schluß unausweichlich, daß der Bau Ji — 3 nachträg- 
lich vor J4 — 14 vorgesetzt ist. Ob die rechte Hälfte des rückwärtigen Gebäude- 
teils (J4 — 9) dasselbe Fassadenmotiv wiederholte oder ob hier der Mittelraum 
l6 vorn geschlossen war, kann natürlich nur eine Tiefgrabung lehren. Unbedingt 
nötig scheint es mir nicht, denn auch in dem Raumkomplex L4 — 6, dem das 
gleiche Schema des dreiteiligen Hauses zu Grunde liegen dürfte (L 1 — 3 und 
Ly — 8 sind wohl Anbauten), ist der Mittelraum L5 nach vorn nicht voll ge- 
öffnet 2). 

So ergibt die Grundrißanalyse des Nordwestbezirks vier Einzelhäuser, wie 
sie auch aus der Bauinschrift des Barrekub herauszulesen sind. Da K als das 
Haus des Barrekub und Ji — 3 als das des Kalamu bereits erkannt worden sind, 
so liegt der Schluß nahe, daß mit dem Winterhaus und Sommerhaus der Raum- 
komplex J4— 14 gemeint ist. Die westliche Hälfte J 10 — 14 mit dem weit geöffneten 
Liwan könnte dann das Sommerhaus sein, während in der östlichen Hälfte (J4 — g), 
die eine größere Anzahl kleiner und geschlossener Räume aufweist, eher das 
Winterhaus zu erkennen wäre. 

Was die absolute Chronologie betrifft, so reicht das Doppelhaus J4 — 14 
nunmehr mindestens in die Zeit des Haja(nu) oder Gabbar, also in die Mitte oder 
erste Hälfte des 9. Jahrhunderts hinauf und ist somit wahrscheinlich das älteste 
Gebäude, das überhaupt in Sendschirli vollständig im Grundriß erhalten ist. Die 
Baugeschichte stellt sich jetzt in wesentlichen Punkten anders dar, als Koldewey, 
v.Luschan und Jacoby sie sich gedachthaben. Am Anfang steht das Doppelhaus J4 — ,4 
mit seinem in dieser Umgebung ganz fremdartig wirkenden Grundrißschema des 
dreiteiligen Liwanhauses. Auch L4 — e und vielleicht Li — 3 mögen noch in diese 
Zeit zurückreichen, ebenso wie die unter Hr gelegenen Bauten, deren Grundriß- 
schema nicht bekannt ist. Die Burgmauer in ihren älteren Teilen sowie das 
äußere Burgtor mit seinem ganz altertümlichen Orthostatenschmuck wird gleich- 
falls hierhergehören. Dann baut Kalamu in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts 



enne 1 Taf. 39 f.; M. Dieulafoy, 1,'art antique ») Weitere Beispiele für die Schließung des Mittei- 



de la Perse IV 1885 Taf. 13 ff. 
') Auf die Geschichte des Liwanhaustypus werde 
ich an anderer Stelle ausführlicher zu sprechen 
kommen. — Für die Frage der Wölbung in 
Sendschirli ist noch eine Grabstele aus der Zeit 
des Barrekub zu vergleichen (v. Luschan, Ausgr. 
325 ff. Taf. 54). Der rundbogige Abschluß 
des Bildfeldes mit seiner rechteckigen Um- 
rahmung läßt sich ohne architektonisches Vor- 
bild kaum erklären. 



raums in gleichen oder ähnlichen Haustypen 
sind der Nordostpalast in Lachisch-Tell el Hesi 
(Kanaanitisch, 14. Jahrhundert?, vgl. Bliss, A 
Mound ofMany Cities, 1894, 71 ff. H.Vincent, 
Canaan, 1907, 64 Abb. 35; die Front liegt 
nach Westen, nicht nach Osten 1), ferner die 
Nebenhäuser in Mschatta (vgl. Jahrb. preuß. 
Kunstsamml. XXV 1904 Taf. 7) und vor allem 
das Hauranhaus der Kaiserzeit (vgl. H. C. Butler, 
Ancient Architecture in Syria, 1907 ff. A 194 ff.). 



F. Oelmann, Zur Baugeschichte von Sendschirli. nn 



vor die Osthälfte von J^ — 14 in neuem Stil sein Haus Ji — 3, dessen Verwandt- 
schaft mit der hetitischen Baukunst von Boghazköi schon hervorgehoben wurde. 
Nicht zu trennen ist davon der kleine Torbau Q und die altertümliche Statue auf der 
Löwenbasis, die an die Ostwand des neuen Hauses angelehnt wurde. Ihre Sockel- 
löwen sind denen des äußeren Burgtores aufs engste verwandt. Die südliche 
Begrenzung des Nordwestbezirks bildete damals die den späteren Hallenhof R 
unterkreuzende Abschnittsmauer. Der Zeit des Karal und des älteren Panammu 
(um 800), der ebenso wie Haja(nu) als König von Jaidi bezeichnet wird und die 
Hadadstatue von Gerdschin hinterlassen hat, lassen sich keine Bauten mit Be- 
stimmtheit zuweisen. Vielleicht gehören das innere Burgtor und das große 
Hilani I in diese Zeit. Auf Bar Sur oder den jüngeren Panammu glaubten wir 
dann den Bau von Hilani III zurückführen zu dürfen mit dem davorgel egenen 
Palasthofe in seiner älteren Gestalt (vom Typus Saktsche Gözü). Festen Boden 
betreten wir erst wieder mit Barrekub (um 730, vielleicht bis Ende des 8. Jahr, 
hunderts), der als Erbauer der beiden gleichartigen Häuser K und H iv und jeden- 
falls auch der Hallenbauten P inschriftlich gesichert ist. In diesem Zustande ist 
die ganze Burg einem großen Brande zum Opfer gefallen, der von Koldewey 
wohl mit Recht mit einer assyrischen Eroberung in Zusammenhang gebracht 
worden ist. Auf den Trümmern wurde dann Hilani II und der obere Palast er- 
richtet, ob gleichzeitig oder nacheinander, ist nicht zu entscheiden. Auch die 
Burgmauer wurde erneuert oder streckenweise ganz neu errichtet, an der Westseite 
wurde sie über die ehemalige Westwand von L und Hni sowie über die Südwest- 
ecke von Pg weggeführt, die nicht wieder aufgebaut waren. Dieser Neubau (Jer 
Burgmauer ist mit Wahrscheinlichkeit datiert durch die große Stele, die Asarhad- 
don i. J. 670 im äußeren Burgtor errichten ließ. Damit ist die Baugeschichte 
der Burg im wesentlichen abgeschlossen. 

Schließlich wäre noch die Frage zu erörtern, ob die beiden verschiedenen 
Haustypen, die sich ergeben haben, das dreiteilige Liwanhaus der älteren Zeit 
(vor Kälamu) und das sog. Hilanihaus der jüngeren Zeit sich vielleicht zwei ver- 
schiedenen Bevölkerungsschichten zuweisen lassen. Doch ist da über Vermutungen 
einstweilen nicht hinauszukommen. Es sei aber wenigstens darauf hinge- 
wiesen, daß es für das alte Doppelhaus vom Liwantypus eine merkwürdig weit- 
gehende Parallele gibt, das ist der Hauptpalast von Hatra (Abb. 7, ob. S. 88). Auch 
hier sind zwei dreiteilige Häuser mit dem großen Liwan in der Mitte und kleineren 
doppelgeschossigen Räumen zu beiden Seiten nebeneinander gesetzt und zu einer 
Einheit verbunden. Der Hatrener Palast stammt spätestens aus dem zweiten 
Jahrhundert n. Chr., vielleicht reicht er mit der Gründung der ganzen Siedelung 
noch ins erste vorchristliche Jahrhundert zurück. Die Gründer waren Araber, wie 
E. Herzfeld wahrscheinlich gemacht hat'). Araber, d. h. Steppen- und Wüsten- 
bewohner, waren aber auch die Aramäer, die gegen Ende des zweiten Jahrtausends 



') E. Herzfeld, Zeitschr. deutsch, morgenl. Ges. LXVIII 1914, 655ff. und Jahri). preuß. Kunsts. XLII 

1921, 107. 



q8 Karl Schwenderaann, Der Dreifuß. 



in Nordsyrien seßhaft wurden. Sie werden auch zuerst den Burghügel von Send- 
schirli besiedelt und mit dem semitischen Namen Schamal belegt haben, jeden- 
falls sind von einer älteren, etwa mitannischen Bevölkerungsschicht keine Spuren 
nachgewiesen worden. Unmittelbar aus der Wüste allerdings werden die Araber 
den Liwantypus nicht mitgebracht haben, wohl aber können sie ihn in der unteren 
Euphratlandschaft kennen gelernt haben, wo Schilfhütten vom Liwantypus heute 
noch landesüblich und offenbar uralt sind. Erst Kalamu und seine Nachfolger 
errichten ihre Häuser nach einem anderen Grundrißschema, das zur Kategorie 
des Laubenhauses gehört und in Kleinasien verbreitet ist'). Zwar spricht auch 
er aramäisch bezw. phönikisch, wenigstens in seiner Inschrift, aber der Name ist 
nach Lidzbarski kleinasiatischer Herkunft, wie übrigens auch schon der seines 
Vaters Haja(nu)^). Sollte es da ein Zufall sein, daß wir gerade am Hause des 
Kalamu so auffallende Übereinstimmungen mit der Baukunst von Boghazköi fanden? 
So ist wenigstens mit der Möglichkeit zu rechnen, daß im 9. Jahrhundert ein 
kleinasiatisches Dynastengeschlecht die Herrschaft über die aramäische Siedelung 
gewann und seine kleinasiatische Herkunft in seinen Bauten zum Ausdruck brachte. 
Von dem Fassadenmotiv des sogenannten Hilani (d. h. Porticus mit Eckrisaliten), 
das ja auch in Boghazköi unbekannt ist, ist hier, am Hause des Kalamu, noch 
nichts zu bemerken, es setzt sich erst später, wohl unter südlichem Einfluß, durch. 
Die Klärung seiner Herkunftsfrage und weiteren Geschichte muß einer besonderen 
Untersuchung vorbehalten bleiben, die an anderer Stelle vorgelegt werden soll. 
Bonn. F. Oelmann. 



• DER DREIFUSS. 

EIN FORMEN- UND RELIGIONSGESCHICHTLICHER VERSUCH. 

Mit einer Beilage. 

TEIL I: DIE FORMENGESCHICHTE DER DREIBEINIGEN GERÄTE. 

Wenn wir das Wort Dreifuß hören, tritt uns unwillkürlich der Name Apollo 
Ins Bewußtsein, wir denken an Delphi und sein Orakel. Des weiteren mögen wir uns 
an Homer erinnern, wo Dreifüße so oft erwähnt werden. Treten wir aber in eine Unter- 
suchung über die Dreifüße ein, so wird vor allem das Wort Dreifuß und der dadurch 
ausgedrückte Begriff die Grundlage der Fragestellung bilden müssen. Was ist ein 
Dreifuß } Ganz allgemein ein Gerät mit drei Füßen. Als Thema unserer Abhandlung 
ergibt sich dann eine Reihe von Fragen: Welche Geräte dieser Art gab es im Altertum, 
wie und wo sind sie entstanden, welche formale Entwicklung haben sie durchgemacht 
vom Beginn bis zum Ausgang der Antike; welches waren die Namen dieser Geräte 
bei den Griechen und Römern? Welchen Zwecken dienten sie als Gegenstände des 
täglichen Lebens und des Kultus? So zerfällt unsere Aufgabe in drei Teile: i. Die 



') Vgl. vorläufig Germania 1921, 71 Anm. 12. 2) Lidzbarski a.a.O. 200 und 223. 



JAHR 



€^ 




I. Oly 
1881 ' 

VII rl 

-,.8.1 

— 24 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß. 



99 



Formengeschichte der dreibeinigen Geräte im Altertum zu entwickeln. 2. Ihre Termi- 
nologie klarzustellen. 3. Ihre Bedeutung in Leben und Kultus darzulegen. 

Die weite Verbreitung und die Vielfältigkeit der dreibeinigen Geräte ist der 
Einfachheit und Standsicherheit ihrer Form zuzuschreiben. Für ein Gerät kommen 
vor allem vier Arten des Stehens in Betracht, auf einem, auf zwei, auf drei oder vier 
Füßen. Ein nach unten ausladender Fuß vermag, besonders am Schwerpunkt, eine 
Last genügend zu unterstützen. Ebenso bieten zwei in gleicher Entfernung vom 
Schwerpunkt angefügte Stützen mit der nötigen Standfläche sicheren Halt. Die 
einfachste und dabei sicherste, zugleich die mannigfachste Benützung gestattende 
Art, eine gerade oder gebogene Fläche in horizontaler Lage zu erhalten, ist die Unter- 
stützung an drei Punkten, ganz besonders bei allen jenen Flächen, deren Grundform 
sich dem Dreieck nähert oder ihm ein- oder umbeschrieben werden kann. 

Die tektonisch einfachste Gestalt eines dreibeinigen Gerätes ist der an drei 
Punkten unterstützte Kreisring oder die Kreisfläche, dann der mit drei Stützen ver- 
sehene Topf. Davon kann die dritte Form aus der ersten entstehen, wenn der auf 
den Ring gestellte Kessel mit diesem zusammenwächst. Ferner kann aus der ersten 
Gattung die zweite entstehen durch Auflegen einer Platte auf den Ring. Dabei ist 
natürlich eine mannigfache Gestaltung der getragenen Fläche denkbar. 

Nach dem Gesagten kann es nicht befremden, dreibeinige Geräte der verschie- 
densten Gestalt und Benützung zu finden. Ferner muß man von vornherein ver- 
muten, daß die Griechen wie sonst so auch hier manches von auswärts übernahmen, 
was die Zweckdienlichkeit der Form bei älteren Kulturvölkern .längst hatte ent- 
stehen lassen. 

DIE NIEDEREN UNTERSÄTZE UND VERWANDTES. 

Die Vermutung bestätigt sich sofort bei der einfachsten Form, dem durch drei 
niedere Füße getragenen Kreisring. Massenhaft sind solche Geräte in archaischen 
Fundschichten Griechenlands und Italiens vertreten: In Olympia'), Dodona ^), 
Delphi 3), dem argivischen Heraion 4), auf der athenischen Akropolis 5), an vielen 
Stellen Italiens ^), um nur die wichtigsten aufzuführen. Es gibt einfachere und reichere 
Formen. OI.IV853 ist ein schön erhaltenes Beispiel der einfacheren Art (Beil., Abb.i). 
Ein Ring mit Stabverzierung am äußeren Rand ruht auf einfach stilisierten Löwen- 
klauen, die jeweils auf einer rechteckigen kleinen Plinthe stehen, das Ganze dann 
auf einem einfachen unteren Ring. Die letzte Eigentümlichkeit ist aber selten. Eine 
lebendigere Bildung Ol. IV 856. Der Fuß ist einzeln gearbeitet und mit dem oberen 
Fortsatz von innen an den Ring angenietet gewesen?). An Stelle der Löwenklauen 



■) Curtius- Adler, Die Ausgrabungen in Olympia. *) Ol. IV, 136. 

Bd. IV. Die Bronzen S. 136 ff. ') Bei einem anderen Exemplar (De Ridder Nr. 97, 

>) Carapanos, Dodone S. 84. Taf. XL, XXIII. Fig. 10) entwickeln sich die Voluten direkt aus 

3) Fouilles de Delphes V, 70. Nr. 259 ff. der Klaue, was den Ausdruck der Elastizität 

4) Waldstein, ArgiveHeraeum II, 295 ff. PI. CXXIV. hervorruft. Der Winkel zwischen den sich aus- 

5) De Ridder, Les Bronzes de l'Acropole d'Athenes breitenden Voluten ist mit einer Palmette gefüllt. 
Nr. 60 — 101. Vgl. Arch. Anz. 1915, 207.- 



lOO •^'"■^ Schwendemann, Der Dreifuß. 



finden sich auch solche von Greifen'), auch Pferdehufe. Die einzelnen Beine können 
jeweils auf runder Basis ruhen. Meist stehen sie aber frei auf. Die Tragkraft des 
Ganzen ist manchmal noch verstärkt, indem die Löwenklauen unter sich noch ein- 
mal mit Stäben verbunden sind, welche sich unter der Mitte des Ringes treffen »). 

Dieser Untersatztypus stammt aus Assyrien, wie u. a. ein Relief aus Khorsabad 
beweist, das einen Sieg Sargons über einen König von Armenien verherrlicht 3). 
Fragmente solcher Geräte fand Palma di Cesnola auf Cypern, Löwenklauen und 
Stierfüße aus Bronze, welche unzweifelhaft von derselben Gattung stammen 4). 

Dieses nach Ausweis der Funde in archaischer Zeit offenbar sehr beliebte Gerät 
hat sich mit geringer Veränderung lange erhalten. Öfter erscheint es auf Vasen- 
bildern 5), auch auf etruskischcn Wandgemälden, immer als Träger von Kesseln und 
Schalen. Die Maße bewegen sich zwischen 8 — 20 cm Ringdurchmesser und ca. 3 — 12 
cm Höhe. Die Vasenbilder illustrieren den Gebrauch (Beil , Abb. 2). Verschiedent- 
lich wurden auch große fußlose Kessel mit solchen Untersätzen zusammen ge- 
funden *•). 

Daß auch die hellenistische und römische Zeit das Gerät besaß, zeigen zwei 
Exemplare im Silberschatz von Boscoreale /). 

Eine noch einfachere Art von Untersätzen ohne formengeschichtliche Bedeu- 
tung mag hier kurz erwähnt werden: Ein eiserner Ring auf drei ebensolchen geraden 
einfachen Füßen diente als Küchengerät, um fußlose Kessel übers Feuer zu stellen; 
es behielt stets dieselbe Form. Auf einem älter-schwarzfigurigen Vasenfragment 
von der Akropolis 8) sehen wir ein solches Gerät in Gebrauch. Es steht über dem 
Feuer, ein großer Kessel darauf, in dem ein Mann rührt. Gestelle derselben Art wurden 
im Tumulus III von Gordion, der an den Ausgang des VIII. Jahrhunderts gehört, 
gefunden 9). Pompeianische Wandgemälde zeigen nach so vielen Jahrhunderten die 
Form unverändert ' ), auch wieder als Küchengerät. 

• DREIFÜSSIGE SCHALEN. 

In der Form nahe verwandt mit den niederen Untersätzen ist eine Reihe drei- 
füßiger Schalen, die in archaischer Zeit in Griechenland und Italien in Verwendung 
waren und auch später noch nachweisbar sind. Das älteste vollständige Exemplar 



') De Ridder Nr. 63. oben in einen Blattkelch endigend, aus dem ein 

^) Olympia IV, 855. Catalogue of the Bronzes Eros herausragt. Die Eroten tragen das ganz 

in the British Museum 61,62. flache Becken, das hier an Stelle des Ringes 

3) Museo Italiano II, 818. Menant, Glyptique II, ist. Nr. 3: D. 0,73. H. 0,33. Greifenfüße oben 
S. 94. mit Blattkelch, auf dem der Ring sitzt. Ein 

4) Cesnola, Salaminia PI. III, 5, 4. Vgl. Ed. Meyer, außergewöhnlich großes Exemplar, aber derselbe 
Reich u. Kultur d. Chetiter S. 45. Typus. Vgl. Arch. Anz. 191 7, 75. 

5) Z. B. Furtwängler-Reichhold, Taf. 19. Mon. d. I. *) Graef, AkropoHsvasen 654 a. 

VIII, 27. Ebd. IV, 32 u. sonst öfter. 9) G. und A. Körte, Gordion (V. Ergänzungsheft 

') Olympia IV, 136. Ein Dinos auf Untersatz. des Arch. Jahrb.) S. 68, 80. H. = 0,30. D. 0,48. 

Mon. d. I. XI, 6. '») Mau, Rom. Mitt. XI, 75, Nr. 152. Not. d. sc. 

7) Mon. Piot. V, Taf. XXII, 1,3. Nr. i: D. 0,11. 1901, 259. 

H. 0,04. Lüwenklauen auf kleinen runden Basen, 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß. 



lOl 



wurde zusammen mit dem Bronzewagen von Monteleone gefunden, gehört also etwa 
in die Mitte des VI. Jahrhunderts '). Ein tiefes Becken mit übergebogenem Rand 
und zwei hochstehenden Henkeln ruht auf den Löwenklauen. »Der am Kessel an- 
liegende Teil zeigt ein durchbrochenes Ornamentstück und darüber den oberen Teil 
einer Sphinx mit emporgehobenen Flügeln in barbarisierendem Stil. Zugrunde liegt 
ein altgriechischer Typus von Bronzebeckenfüßen, wo sich aus der Löwenklaue direkt 
der Oberteil einer Sphinx oder Gorgone erhebt« ^). Gerätfüße dieser Art, mit denen der 
Untersätze sehr verwandt, vielleicht sogar von solchen stammend, sind in archaischen 
Fundschichten sehr häufigs). Ein ganz gleichartiges Becken stammt aus Pompei4). 
Also auch dieser Typus bleibt durch die Jahrhunderte lebendig. 



DREIFUSSVASEN. 

In naher Beziehung zu den dreifüßigen Untersätzen auf Löwenklauen stehen 
die Dreifußvasen. Sie sind entstanden durch Zusammenwachsen eines solchen Unter- 
satzes mit einem darauf gestellten Gefäß. Dabei ist die Dreifußpyxis auf die Aus- 
gestaltung der Form nicht ohne Einfluß gewesen 5). Den englischen Ausgrabungen 



') Brunn-Bruckmann, Text zu Taf. 586, 587. Abb. 6. 
Furtwängler, Kl. Sehr. II, 317. Abb. 6. Vgl. 
Furtw.-Reichh. 89. Richter, Metropolitan Mu- 
seum. Bronzes S. 224. Nr. 624. Die Darstellung 
eines hethitischen Siegelzylinders (Ed. Meyer, 
Reich u. Kultur d. Chetiter S. 55, Fig. 46) be- 
weist die Existenz dreifülBiger Schalen bei den 
Hethitern. 

') Furtwängler a. a. 0. 

3) Ein besonders altertümliches Stück aus der 
idäischen Zeusgrotte auf Kreta. Mus. Ital. II, 
744. Taf. XII, Fig. 17. H. = 0,085. ^^^ einer 
Löwenklaue steigt ohne Vermittlung eine Sphinx 
mit ausgebreiteten oben einwärts gebogenen 
Flügeln auf. Kleine Bronzestreifen an Kopf und 
Flügelenden dienten einst zur Befestigung. 
Olympia IV, 858: ähnliches Stück mit Gorgone; 
hier noch einige weitere zitiert. Ein solches 
Becken auf der Vase Furtw.-Reichh. Taf. 89 
(Beil. Abb. 3). 

4) Not. d. sc. 1908, 288, Fig. II. H. der Füße 0,23. 
D= 0,44 m. Schlanke Katzenfüße, aber bis zu 
den Schenkeln ansteigend und darüber eine 
Sirene mit ausgebreiteten Flügeln. Ganz ähn- 
liches Becken auf der apulischenVase. Mon.d. I. 
VI/VII, 71,2, ebenso auf der Patroklosvase 
Furtw.-Reichh. Taf. 89, und der Medeavase 
in München, ebda. Taf. 90. 

5) Die Dreifußpyxis selbst, welche besonders der 
protokorinthischen und korinthischen Industrie 
Jahrbuch des archäolog^ischen Instituts XXXVI. 



angehört, zeigt in ihren ältesten Exemplaren 
eine auffällige Verwandtschaft mit einer Art von 
dreifüßigen Becken, meist aus Stein, wie sie an 
verschiedenen Orten gefunden wurden. Sie ge- 
hören alle einer sehr frühen Epoche an und sind 
teils flacher, teils etwas tiefer mit drei breiten 
mitgearbeiteten Füßen, die nach unten sich 
verjüngen. Ein schönes Exemplar Fouilles de 
Delphes V, 21, Fig. 97 aus Serpentin D. = 0,40 m. 
Ganz ähnliche fand Schliemann in Mykenae, 
jetzt im Museum zu Athen. Daneben halte man 
das Fragment einer in Gela gefundenen proto- 
korinthischen Pyxis von noch geometrischer 
Dekoration (Mon. d. Line. XVII, 630, Fig. 443). 
Eine ähnliche Form des Beckens, aber tiefer und 
mit mehr rechtwinkligem inneren Kontur, 
Veränderungen, welche durch die Verschiedenheit 
des Materials zur Genüge erklärt werden. Ganz 
dieselbe Form des kurzen, nach unten schmäler 
und dünner werdenden Beines. Das Ganze er- 
scheint wie ein erster Versuch der Übertragung 
jener alten Form in den Ton. Später werden 
dann ja die Füße gleichmäßig breit und dick 
und höher, bis in den Pyxides des VI. Jahr- 
hunderts ein ästhetisch befriedigender Typus 
vorliegt; die Füße, welche einen unnötigen Auf- 
wand an Form bedeuten, verschwinden schließ- 
lich ganz. Den Übergang dazu zeigt ein Stück 
in München (Sieveking-Hackl, Vasens. I, 334, 
Taf. 12). 

8 



I02 K*'l Schwenden) ann, Der Dreifuß. » 

ZU Rhitsona in Böotien, dem alten Mykalessos') verdanken wir eine große Anzahl 
solcher Gefäße. Darunter ist eines ») (Beil., Abb. 4), welches aus einem tönernen Untersatz 
mit drei Löwenklauen besteht, auf dem ein rundes im Durchschnitt ellipsenförmiges 
Becken mit stark verengter Mündung, von der Gestalt der sogenannten Kothone 
ruht. Die beiden Teile sind fest verbunden 3). Formal ist die Trennung aber deutlich. 
Ein genau entsprechendes Becken trägt eine Dreifußvase imLouvre 4) (Beil., Abb. 5). 
Doch ist hier der Untersatz verschwunden; dafür sitzen drei breite Beine am Rand des 
Beckens, mit dem sie außerdem unten noch durch je drei gebogene Stützen ver- 
bunden sind. Metallimitation ist deutlich. Die spätere Entwicklung hat auch die 
Form des Beckens verändert. Ein Gefäß derselben Gattung im athenischen National- 
museumS) (Beil., Abb. 6) hat die beiden Formenelemente verschmolzen. Das Becken hat 
walzenförmige Gestalt bekommen, mit flachem Boden. Die Ansatzstellen der Beine 
sind durch Palmetten mit Doppelvoluten geschmückt. An Stelle der neun inneren 
Verstrebungen sind drei getreten, die etwas über den unteren Enden der Beine an- 
setzen und sich in der Mitte des Kesselbodens treffen und so dem Ganzen sichersten 
Halt und einfachsten Ausdruck geben. Die Löwenklauen erscheinen wieder an den 
Beinen. Die schönste Entwicklung der Dreifußvasen macht der »Dreifuß von Tanagra« 
deutlich ^) (Beil. , Abb. 7,8). Hier ist die völlige Verschmelzung der Elemente eingetreten, 
die einzelnen Teile in ein befriedigendes Verhältnis zum Ganzen gebracht und dadurch 
jeder Eindruck von Schwere vermieden. Die Breitenentwicklung des Beckens mit der 
Profilierung der Oberseite und de^ Deckels tritt in erfreulichen Gegensatz zu der 
Vertikale der Beine mit ihren einfach stilisierten Löwenklauen. Die unteren Stützen 
vollenden den Eindruck ruhigen und sicheren Stehens. 

Pernice hat 7) die Meinung ausgesprochen »daß die ursprüngliche Form des 
Gerätes der kleine Dreifuß ist. Sein Oberteil von den Füßen losgelöst und selbständig 
gemacht, ergibt den henkellosen Kothon mit drei Ansätzen; die gewöhnlich Kothon ^) 
genannte Form mit dem einen kleinen horizontalen Henkel, ist eine Weiterbildung 
dieses selbständig gewordenen oberen Teiles eines Dreifußes«. Dagegen ist zunächst 
geltend zu machen, daß die gewöhnlichen »Kothone« mit einem niederen Fuß und 
einem horizontalen Henkel schon in viel älterer Zeit vorkommen als die Dreifußvasen 9). 
Ebenfalls gegen Pernice spricht die Erwägung, daß die Entstehung eines kompli- 
zierteren Gerätes aus einem einfacheren mehr Wahrscheinlichkeit für sich hat als das 
Umgekehrte, wenigstens zu Zeiten aufsteigender Kultur. Ferner wäre es unerklärlich, 
daß von den hunderten bis jetzt bekannten» Kothonen «'°) — wurden doch in Rhitsona 



') Ann. Brit. Seh. Ath. XIV. 7) Jahrb. d. Inst. XIV 1899, 64. 

') A. a. 0. Taf. IX i. H 0,115. ^- "i^o m. *) Daß die Bezeichnung Kothon für die ganze Klasse 

3) Weitere Gefäße derselben Gestalt, teilweise dieser Gefäße mit dem stark nach innen über- 
aus Metall, Journ. Hell. St. 191 1, 82. Class G. gebogenen Rand nicht richtig ist, betont Pernice 

4) B. C. H. XXII 1898, 293. Taf. VII. H=o,23. a.a.O. 

D.= o,23 m. 9) J. H. St. 1911, 82. 

5) B. C. H. a. a. 0. Fig. 8. H.= 0,17. D. = 0,18 m, ■») Zusammengestellt und klassifiziert J. H. St. 
schwarzfigurig. a. a. 0. 

«) Arch. Ztg. 1881, Taf. IV. H. 0,18. D. 0,17 m. 
Furtwängler, Berl. Vasens. 1727. 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß. iQ-i 



allein etwa 120 gefunden — nur 28 Dreifußform zeigen'). Ausschlaggebend aber 
sind die Formen, welche das einfache fußlose Gefäß auf dem dreibeinigen Untersatz 
zeigen»). Es trijfft demnach alles zusammen, um die oben an Beispielen aufgezeigte 
Entwicklung zu bestätigen. 

Auch der Zweck der Gefäße ist umstritten. Pernice a. a. 0. erklärt sie alle als 
Räuchergefäße 3). Durch die Zusammenfassung des ganzen Materials im J. H. St. 
191 1 wird für die meisten Exemplare eine Verwendung als Lampen festgestellt, für 
die Dreifußvasen wahrscheinlich gemacht 4), obwohl auch eine Benützung als Räucher- 
becken durchaus möglich ist. Der tief übergreifende Rand schützte einen Teil der 
eingelegten Kohlen vor direktem Luftzug und verhinderte dadurch ein zu rasches 
Abbrennen. Mit dem Deckel konnte die Glut jederzeit erstickt werden. 

Eine Anzahl Dreifußvasen weicht von dem durch das Exemplar von Tanagra 
vertretenen Typus ab und zeigt deutliche Anlehnung an die Dreifußpyxis 5) (Beil., 
Abb. 9). Sie haben dieselben breiten niederen, der Rundung des Oberteils ent- 
sprechend konvexen Beine, teilweise noch durch untere Verbindungen verstärkt, wie 
das ja auch an Pyxides vorkommt''). Zuweilen sind 7) große einfache Ringhenkel 
im Ton modelliert, eines der vielen Anzeichen für Nachahmung eines Metallvorbildes. 

DIE STABDREIFÜSSE. 

Tektonisch eng verwandt mit den dreibeinigen Ringuntersätzen sind die Stab- 
dreifüße in ihrer verschiedenen Gestaltung. Auch sie stellen im Prinzip alle einen an 
drei Stellen unterstützten Kreisring dar. 

Die ältesten Exemplare, welche uns auf griechischem Boden begegnen, zeigen 
schon einen fertigen durchaus charakteristischen Typus. Drei Beine tragen einen 
hohen Ring. In etwa 1/3 Höhe der Beine gehen von ihnen nach beiden Seiten und nach 
hinten dünnere Stäbe aus. Die seitlichen treffen sich zu je zweien am oberen Ring 
in der Mitte zwischen den Ansätzen der zwei Beine, von denen sie ausgehen und ver- 
einigen sich in einem Bogen. Die nach hinten abzweigenden Stäbe treffen in einem 
Ring in der Mitte des durch die drei Beine dargestellten Dreieckes zusammen. 

Im ganzen sind fünf Exemplare dieser Gattung bekannt: 

1. Aus einem Grabe von Kurion auf Cypern, im Metropolitan Museum in New- 
York, abgeb. jetzt bei Richter, The Metropolitan Museum of Art: Greek, Etruscan 
and Roman Bronzes. New- York 191 5. S. 345 ff. 

2. Aus einem Dipylongrab zu Athen, abgeb. Athen. Mitt. 1893, 414. Taf. 
XIV (Beil.. Abb. 10). 

■) Wichtig ist auch die Dreifußvase des athenischen 4) Diese dort aufgeführt als Klasse C. S. 76. 

Nationalmuseums Nr. 12924. J. H. St. a.a.O. Anm. 33, 34, 35. Die Dekoration ist bei allen 

Fig. 14, die nur einen und zwar horizontalen spätkorinthisch oder schwarzfigurig. 

Henkel hat; deutlich der mit drei Beinen ver- 5) Z. B. B. C. H. XXII, 300 f. Fig. 9, 10. 

sehene einfache Kothon. 6) Z. B. Ann. Brit. Seh. Ath. XIV, Taf. X c. 

») Zusammengestellt J. H. St. a.a.O. S. 82 als 7) B. C. H. XXII, Fig. 10. Nicole, Vases peints 

Klasse G. du Mus^e National d'Athenes. Supplement 

3) Kuruniotis in der 'EtprjiJ.. ipy. 1899, 234 mach- Taf. V. 

te dagegen treffende Einwände geltend. 



104 Katl Schwendemann, Der DreifuB. 



3. Ein Dreifuß desselben Typus aus Grab 3 der geometrischen Nekropole von 
Knossos. Ann. Brit. Seh. Ath. VI, 83. B. Schweitzer, Untersuchungen zur Chrono- 
logie der geom. Stile in Griechenland 39. 

4. Ein kleines Miniaturexemplar aus einem Enkomigrab (Nr. 58) auf Cypern, 
ganz ähnlich Nr. 2, jetzt im British Museum. Jahrb. d. Inst. 191 1, 228. Furtwängler, 
Kl. Sehr. II 301. Schweitzer a. a. O. 39. 

5. Südöstlich der Burg von Tiryns wurde mit einem Schatzfund, der Gegen- 
stände aus verschiedenen Zeiten enthielt, »ein sehr hübscher kleiner Stabdreifuß 

mit Tierköpfen und Bommeln (Blüten und Vögelchen) reich verziert« gefunden 

(Karo, Arch. Anz. 191 6, 145). 

Alle diese Exemplare sind aus Bronze und gegossen. Ihre Zeit bestimmt sich 
durch den Fundort und außerdem durch stilistische Betrachtungen. 

Nr. I stammt aus der spätmykenischen Nekropole von Kurion '). Nr. 2 fällt 
in frühgeometrische Zeit 2), nach Poulsen ins IX. Jahrhundert v. Chr. 

Das Grab, in welchem Nr. 3 gefunden wurde, gehört nach Schweitzer a. a. 0. 
40, ins X., vielleicht noch ins XL Jahrhundert, während das Enkomigrab von Poulsen 
auf Grund der syrisch-het itisch beeinflußten Elfenbeinfunde etwas vor das Jahr 
1000 v. Chr. gesetzt wird. (Jahrb. d. Inst. XXVI 1911, 231.) 

Dazu kommen stilistische Momente. Der obere Ring von Nr. i zeigt im Relief 
den mykenischen »Galop volant«, rennende Steinböcke und verfolgende Löwen 3). 
Das Exemplar vom Dipylon hat an derselben Stelle eine Reihung von Brillcnspiralen, 
auch ein mykenisches Element und bei den ältesten Kcsseldreifüßen von Olympia 
noch vorkommend (s. unten S. 122). Dasselbe gilt für das Strickornament, welches 
bei I und 2 die Vorderseite der Beine schmückt 4). 

Zwei eng mit unseren Dreifüßen verwandte Bronzegeräte von Cypern gehören 
stilistisch ebenfalls in spätmykenische Zeit 5). Ihr ringförmiger Aufsatz trägt dasselbe 
Spiralmotiv k jour wie unser Dreifuß Nr. 2. Ebenso findet sich eine reichliche Ver- 
wendung des Strickornaments. Die Ansatzstellen der Beine haben an unseren Drei- 
füßen die Gestalt einer jonischen Volute, welche zwischen Horizontale und Vertikale 
vermittelt. An der entsprechenden Stelle der kyprischen Kesselwagen erscheint 
dasselbe Motiv ^). Die Gruppe dieser Dreifüße gehört nach den Fundumständen 
in die spätmykenische bezw. die von Schweitzer in die Zeit vom XII. bis X. Jahrhun- 



') Poulsen, Jahrb. d. Inst. XXVI 1911, 234. Furt- 10, Fig. 18. Vergl. auch Karo, Arch. f. Rel. VIII 

wängler, Kl. Sehr. II 513. Beiheft, 62. Taf. i. Wie ein später Abkömmling 

*) Furtwängler a. a. 0. dieser Kesselwagen erscheint ein Bronzegerät 

3) Furtwängler a. a. 0. Schöne Parallele bei Richter, im Museum zu Kairo. Muse^ du Caire. Edgar, 
Metropolitan Museum, Bronzes S. 223. Rand The Bronzes Nr. 27 904, PI. XIX 3. Arch. Anz. 
eines Beckens mit Relief. Löwen, Eber und J903, 147, Fig. 3 d. 

Stiere verfolgend. Bronze. Spätmykenisch. '') Auch sonst ist es in mykenischer Zeit anzu- 

4) Über die Chronologie dieser Dreifüße neuerdings treffen. So besteht eine Halskette aus Palaikastro 
ausführlich Karo, Ath. Mitt. XXXXV1920, I28ff. (Ann. Br. Seh. Ath. IX, PI. XIII 74) aus einer 
Nach Abschluß dieser Arbeit erschienen. Reihe von Paaren solcher Glieder, die mit den 

!) Furtwängler, Kl. Sehr. II 298 ff. Abgeb. auch Voluten nach außen schauen und mit dem Rücken 

bei Murray- Smith-Walters, Excavations in Cyprus aneinander haften. 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß. 



105 



dert gesetzte Epoche des protogeometrischen Stils, in dessen Verlauf die anfänglich 
noch starken spätmykenischen Einflüsse allmählich absterben. Daß die Dreifüße in 
ihrer Dekoration noch ganz spätmykenisch sind, beweist nur, daß in dieser protogeo- 
metrischen Epoche das Kunsthandwerk die mykenische Tradition länger festhielt als 
die Töpferei. Man darf auch nicht vergessen, daß die Dreifüße, von denen zwei in 
Cypern selbst gefunden sind, und die in den Kesselwagen vonCypern die allernächsten 
stilistischen und technischen Parallelen haben, wohl dem kyprischen Kulturkreis ent- 
stammen, in dem, wie überhaupt im ganzen Osten und Südosten das geometrische 
Element langsamer vordringt wie im Westen, eine erklärliche Tatsache, da der geo- 
metrische Stil der Ausdruck des griechischen Formwillens ist. Aber dieser Stab- 
dreifußtypus hat sich auch weiterhin gehalten. Er ist aus geometrischer Zeit zwar 
nicht durch erhaltene Exemplare, wohl aber mehrfach durch Nachbildungen aus 
Ton bezeugt ('EttTjfi. dpx. 1898 Taf. IV, 3. Ath. Mitt. 1918, 52. Taf. I, 5; 65. Taf. 

IV 3). 

Mit diesen Tonnachbildungen finden wir einen wenn auch nicht sehr engen 
zeitlichen Anschluß an den archaischen Stabdreifußtypus, der dann der Ausgangs- 
punkt für eine lange und glänzende Entwicklung geworden ist, ebenso gut wie an 
den in den archaischen Fundschichten Italiens des VIII. bis VI. Jahrhunderts 
häufigen Typus des aus Bronzeblech verfertigten dreibeinigen Untersatzes, ein 
Anschluß, der typengeschichtlich deutlich in die Augen springt. Karo (Ath. Mitt. 
XXXXV 1920, I33f.) weist nachdrücklich auf die Lücke zwischen diesen spät- 
mykenisch-protogeometrischen und den späteren archaischen Stabdreifüßen hin. 
Immerhin haben wir die genannten geometrischen Tonnachbildungen, die mindestens 
das Weiterleben der Form beweisen. 

Der archaische Stabdreifuß besteht in seinen älteren und einfacheren Exemplaren 
wie dem von La Garenne (Olympia IV, S. 115 (Beil., Abb. II). Savignoni, Mon. d. 
Line. VII, 314, fig. 10. Vgl. auch Fouilles de Delphes V 68 ff.) aus einem oberen Eisen- 
ring, der auf drei Eisenstäben steht, mit denen er durch ein bronzenes Verbindungs- 
stück befestigt ist. Die Eisenstäbe stecken unten in Löwenklauen aus Bronze. In 
jede der drei so gebildeten Seiten des Dreifußes ist ein parabelförmiger Eisenbogen 
eingespannt, der mit den unteren Enden in den Löwenklauen steckt und mit dem 
Scheitelbogen durch Bronzebänder unfer dem oberen Ring festsitzt. Von den Löwen- 
klauen horizontal nach innen laufende gebogene Eisenstäbe halten mit Hilfe von 
Bronzeverschnürungen einen unteren kleinen Ring. 

Das Gerät entspricht also im Typus ganz dem spätmykenisch-protogeometri- 
schen gegossenen Bronzedreifuß. Alle Verschiedenheiten erklären sich ausschließlich 
durch die Technik. 

Dieser einfache Typus belebt sich dann im Laufe des VI. Jahrhunderts und 
verändert gleichzeitig seine Form. Während das Exemplar von La Garenne, ebenso 
wie das mit dem Bronzewagen von Monteleone zusammen gefundene (Furtwängler, 
Kl. Sehr. II, 317 (Beil., Abb. 12); Text zu Brunn-Bruckmann Taf. 586/87), mit seinem 
spätmykenischen Ahnen noch gemein hat, daß die senkrechten mittleren Beinstützen 
die Hauptlast tragen, eine Ursprünglichkeit, die auch das Exemplar von Palestrina 



jq5 Karl Schwendemann, Der DreifuB. 

(Savignoni a. a. 0. 312 fig. 9) beibehält, ist diese Funktion beim Dreifuß von Meta- 
pont (Savignoni a. a. O.Taf. VIII) (Beil., Abb. 13) auf den ursprünglich als Beistütze 
entstandenen Bogen der Beinseitenteile übergegangen, währen die bisherigen Haupt- 
stützen, in Palmetten endigend, den oberen Ring nur noch berühren. Die Vulcenter 
Stabdreifüße (Savignoni a. a. O. Taf. IX, Mon. d. Inst. II Taf. 42 u. a.) (Beil., 
Abb. 14) verlieren dann den oberen Ring vollständig. Die Beine sind mit dem 
Kessel fest verbunden. Außerdem sind diese Exemplare ganz in Bronze gegossen. 

Die Ausbildung des Typus bis zu seiner reichsten Gestaltung ist nicht den 
Etruskern sondern den Griechen zu verdanken (Savignoni a. a. O. 304, 369 ff.). 
Das Stück aus Metapont bezeichnete schon Furtwängler als »vorzügliche, echt grie- 
chische Arbeit« (Olympia IV, S. 127). 

Allmählich wurde der Stabdreifuß seiner ursprünglichen Bedeutung als Kessel- 
untersatz entfremdet. Noch das Exemplar von Metapont und das ihm nahe ver- 
wandte von Capua (Rom. Mitt. 1897, 114) dienten dem ursprünglichen Zweck. Die 
Vulcenter trugen dagegen Kohlenbecken (Savignoni S. 302). Bei dem Exemplar 
von Dürkheim war dasselbe noch erhalten (Berthold- Sprater, Führer durch das 
Museum von Speyer). 

Mit den Vulcenter Dreifüßen ist die Entwicklung des Stabdreifußes in dieser 
Linie abgeschlossen. Sie geht nicht über das V. Jahrhundert hinab, dem die jüngsten 
Exemplare angehören '). 

Ebenso wie der archaische Stabdreifuß geht auch der altitalische Blechdrei- 
fuß auf den spätmykenisch-protogeometrischen Typus zurück. Eine einfache 
Gegenüberstellung der Typen ist beweisend (z. B. Savignoni, Mon. d. Line. VII, 318, 
fig. 12, 13)*) (Beil., Abb. 10 u. 15). Der einzige wesentliche formale Unterschied 
besteht in der Biegung der Beine bei den Blechdreifüßen und der Verschiedenheit von 
deren Konstruktion. Ihre Seitenstützen vereinigen sich nicht zu Bogen wie an den 
gegossenen und geschmiedeten Stabdreifüßen; das war technisch unmöglich. Die 
Biegung der Beine erklärt sich bei deren starker Spreizung -ebenfalls technisch: Sie 
war nötig um die an den oberen Ring genieteten Beine dort glatt aufzulegen. Die 
Biegung durch Nachahmung der Form des Menschenbeines zu erklären (Petersen, 
Rom. Mitt. 1897, 8 ff.) geht nicht an. Wenn der Dreifuß von Lucera (Petersen 
%. a. 0. 4 Fig. I ) diese Eigentümlichkeit aufweist, so folgt er eben einem damals 
bei reicheren Gestaltungen üblichen Gebrauchs). Aber die ursprüngliche Form ist 
das nicht 4). 

•) Ob wir bei den auf den Totenmahlreliefs öfter Verzierung »mit Tierköpfen und Bommeln 

vorkommenden Kesseluntersätzen (Z. B. Svo- (Blüten u. Vögelchen)«. 

ronos, Ath. Nat. Mus. Taf. 94, 151, 152, 177, 187) 3) Menschenbeine sind in archaischer Zeit in Italien 

an einen ähnlichen Typus zu denken haben, recht häufig zu Gerätfüßen verwandt worden, 

ist nicht klar, da der obere Teil des Geräts stets An Vasen: Rom. Mitt. 1908, Beilage III. Pottier, 

mit einem Tuch überdeckt ist. Vases du Louvre D 23. Gardner, Greek Vases 

') Der von Karo (Arch.Anz. 1916, 146; Nr. 5 unserer Cambridge, 229. PI. XXXV S. 76. M. Mayer, 

obigen Reihe) beschriebene Stabdreifuß hat als Apulien Taf. 11, Fig. 4. Dazu die Belege bei 

erstes frühgriechisches Exemplar auch die bei Petersen a. a. O. S. 10. Ferner an verschiedenen 

den italischen Blechdreifüßen öfter vorkommende altitalischen Kesseldreifüßen, die aber mit dem 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß. 



107 



DIE KLAPPDREIFÜSSE. 

Schon in früharchaischerZeit (Beil., Abb. 16) (Graef, Akropolisvasen654a, Sieve- 
king-Hackl, Münchner Vasensammlung Nr. 900 Taf. 40) kommt ein Stabdreifuß 
als Kesselträger vor '), der Querverstrebungen vom unteren nach dem oberen Bein- 
ende aufweist, eine Konstruktion, die ähnlich auch ein rotfiguriges Gefäß des fünften 
Jahrhunderts (Furtwängler-Reichhold Taf. 116) zeigt, und die uns durch ein kleines 
Exemplar aus der Isisgrotte in Vulci auch direkt überliefert ist (Mon. d. Line. VII, 
310 fig. 7). 

Wird nun der eine Endpunkt der Diagonalstäbe mit den senkrechten Stäben 
durch ein Scharnier verbunden, die Kreuzpunkte der Querstäbe beweglich und die 
Verbindung ihres andern Endpunktes mit den Hauptstäben in der Vertikale ver- 
schiebbar, so haben wir den Klappdreifuß. 

Gestelle dieser Art oder Reste von ihnen sind aus dem Altertum in ziemlicher 
Anzahl erhalten. Die mir bekannten werden hier aufgeführt. I. Im Konservatoren- 
palast zu Rom Nr. 514. InstitutsphotographieVID22. 2. Im Kapitolinischen Museum. 



eben in Frage kommenden Typus nichts zu tun 
haben. St. e Mat. II, 221. Nr. 376 f. aus Vetu- 
lonia. 

4) Nach dem Gesagten wäre die von Petersen 
(Rom. Mitt. XII, 1897, 6 ff.) aufgestellte Reihe 
der Stabdreifüße zu ändern. An erster Stelle 
haben die mykenischen zu stehen, bei Petersen 
C I, 2. Dann spaltet sich die Reihe; die eine Seite 
ist die der Blechdreifüße, bei Petersen A i bis 
A a 4, wobei aber das Stück von Kurion nicht 
die erste Stelle annehmen darf (s. 0.); die andere 
Seite beginnt mit den Fragmenten von Olympia 
IV 823 ff., dann die Serien E bis H bei Petersen. 
Dabei kann über Anordnung der einzelnen Stücke 
in den Serien natürlich gestritten werden. Zu 
der Reihe E bis H kommt ein neues Exemplar, 
das zusammen mit dem Bronzewagen voff Mon- 
teleone gefunden wurde, abgeb. bei Furtwängler 
im Text zu Brunn-Bruckmann Taf. 586, 587. 
Kl. Sehr. II 316. Es hat verschiedene Eigen- 
tümlichkeiten; der untere Ring steht in halber 
Höhe des Gerätes (vgl. Savignoni Fig. 11); 
ferner ist die dreispitzige Lilienblüte an ihm 
mehrfach zum Schmuck verwandt, an den drei 
Verbindungspunkten des unteren Rings mit 
seinen Trägern, aufwärts stehend, nach unten 
gerichtet an den drei Bogen. 

') Stilistisch, nicht typengeschichtlich gehören noch 
zu den archaisch-griechischen Stabdreifüßen 
die im Amer. J. of Arch. 2. S. XII 1908, 287 ff. 
Taf. VIII— XVIII veröffentlichten drei Stücke. 
Es sind dreiseitige Untersätze, auf Löwenklauen 



ruhend, oben abschließend mit einem runden 
mehrfach profilierten Glied, aus dem ein stili- 
sierter großer Blattkelch sich erhebt, auf welchem 
der Kessel ruht. Die drei Seiten sind bis herab 
auf die Löwenklauen mit Bronzeblech über- 
kleidet und zeigen, in mehreren Streifen über- 
einander, Kämpfergruppen, Szenen aus der 
Mythologie und Tiere im Wappenschema. Die 
Reliefs sind sehr lebendig und frisch modelliert, 
im Stil mit denen des Bronzewagens von Mon- 
teleone eng verwandt und wohl griechische 
Arbeit, vielleicht in Etrurien selbst gemacht. 
Die Form dieser Untersätze, welche wie eine 
Kombination des Stabdreifußes und des runden 
reUefgeschmückten Untersatzes aussieht, ist die 
eines Fußstückes eines Kandelabers. Die Größe 
beträgt mit den zusammengefundenen Kesseln 
0,89 — 1,378 m. Zu demselben Typus gehört 
das schöne Bronzeblech Olympia IV Taf. 38. 
Nr. 696. S. 100. H. = 0,86 untere Breite 0,35, 
obere 0,25. Diese dreiseitigen Untersätze sind 
der Ausgangspunkt für die späteren Marmor- 
kandelaber geworden (Hauser, Neuattische Re- 
liefs S. 123 ff.). Nahe verwandt mit ihnen sind 
Stücke wie der altjonische Bronzekandelaber 
des römisch-germanischen Zentralmuseums zu 
Mainz (Behn, Mainzer Zts. 1911, Taf. i, S. 4 ff. 
v. Duhn, Verzeichnis der Abgüsse nach ant. 
Bildw. im arch. Inst. d. Univ. Heidelberg Nr. 
425 B.). Das Mainzer Stück hängt stilistisch 
wieder mit den Stabdreifüßen aufs engste zu- 
sammen (Behn a. a. 0.). 



I08 Karl Schwendemann, Der Dreifuß. 



Bottari, Museo Capitolino II Taf. C S. 212. 3. Aus Xanten, Houben und Fiedler, Denk- 
mäler von Castra vetera Taf. XII (Beil., Abb. 17). 4. ImKairener Museum, Catalogue 
gönöral des antiquitfe Egyptiennes du mus^e du Caire Vol. XIX 1905. Edgar, Greek 
Bronzes. Nr. 27817, H. = o,97m, Nr. 27 8l8H.= 0,94m. 5. Im Museo nazionale in 
Neapel. Museo Borbonico V 60 (Beil., Abb. 18). 6. Aus Pompeji, Not. d. sc. 1899, 
442 . 7. Im Museum zu Turin aus Industria. Atti della societä di archeologia e 
belle arti per la provincia di Torino III 1880, Taf. XVI. H. = 0,98. 8. Im Hildes- 
heimer Silberfund. Pernice- Winter, Der Hildesheimer Silberfund Taf. XXVII 
S. 54 ff. H. =0,70. [Zwei vollständige Exemplare auch im Arch. Mus. zu Lüttich.] 

Dazu kommen viele Fragmente. Ein vollständiges Bein: Fröhner, Bronzes 
de la CoUection Gr6au Nr. 327, Taf. LIX. H. = 0,595. Die Beine dieser Gestelle endigen 
oben meist mit einer Büste. Solche finden sich in den Bronzensammlungen häufig. 
Arch. Ztg. 1883, 178. Babelon-Blanchet, Catalogue des bronzes antiques de la bib- 
lioth^que nationale 486, 487. Schumacher, Bronzen in Karlsruhe 417 u. 418, Taf. 
VII8.V. Sacken, Die antiken Bronzen inWienS.7, Taf. XXIX3. Edgar a.a.O. Taf. VII 
Nr. 27 819 — 27. Perdrizet, Bronzes grecques d'Egypte de la collection Fouquet S. 15 
Nr. 13 PI. X. Lindenschmidt, Altertümer unserer heidnischen Vorzeit IV, Taf. 64, 
3 — 5. M. Bieber, Die antiken Skulpturen und Bronzen des königlichen Museum 
Fridericianum in Cassel 191 5. Nr. 297, 298. Taf. XLVIII. Die Gußform für eine solche 
Büste: Catalogue genöral du Mus^e du Caire VIII Edgar, Greek Moulds Nr. 32 232 
Taf. XVI. Stücke aus Bulgarien befinden sich im Nationalmuseum in Sofia. Arch. 
Anz. 191 5, 232. Abb. 8, 9. Weitere Exemplare notierte ich im Museum zu Leiden. 
Untere Endigungen von Füßen: Edgar 27 830, 27 832 PI. XVI. 

Die angeführten Exemplare und Reste zusammenklappbarer Stabgestelle ge- 
hören, wie es scheint, alle der hellenistischen und römischen Zeit an. Aber es läßt 
sich an ihnen eine Entwicklung aufzeigen. Dem ursprünglichen Typus am nächsten 
steht I'). Die Beine sind von einfach-rechteckigem Durchschnitt, unten um- 
gebogen, ohne jede Verzierung. Die Diagonalverstrebungen sind an deren oberen 
Ende beweglich an scheibenförmigen Zapfen befestigt, die etwas schief nach außen 
gestellt sind, entsprechend dem Winkel des durch die drei Beine bezeichneten 
Dreieckes. Am Kreuzungspunkte sind die Querstäbe durch einen Stift mit 
großem Kopf beweglich verbunden. Die Verbindung von Querstäben und Beinen 
unten geschieht durch ein eigenes Glied. Um das Bein ist ein Bronzeband gelegt, 
dessen beide Enden nach hinten schauen und durch Stifte mit den entsprechenden 
Querstäben verbunden sind. So ist ein Zusammenklappen möglich und das Gerät 
kann weiter oder enger gestellt werden, je nach dem Zweck, dem es dienen soll. Zu- 
gleich ist aber eine Vorrichtung vorhanden, um es höher oder niederer zu machen. 
Auf das eigentliche Bein ist in seiner oberen Hälfte ein zweiter kürzerer Bronzestab 
derselben Form gelegt, der an seinem unteren Ende mit einem Bügel um das Bein 
herumgreift, während dieses an seinem oberen Ende in gleicher Weise den aufgelegten 

') Damit soll aber keineswegs gesagt sein, daß hier wie immer: Einfachere Formen leben neben 

das Stück zu den älteren gehört, sondern es ist den reicheren fort. 



Karl Schwendemann, Der DreifuB. iqq 



Stab umfaßt. Beide Teile sind also beweglich verbunden und können auseinander 
oder zusammengeschoben werden, etwa wie das Stativ eines photographischen Appa- 
rats. Damit das höhergestellte Gerät nicht wieder zusammensinkt ist das eigentliche 
Bein in seiner oberen Hälfte in gleichem Abstand dreimal durchbohrt, während an 
seinem beweglichen Teil durch ein Kettchen ein kleiner Stift befestigt ist, der, wenn 
das Gerät höher gezogen ist, in das entsprechende Loch gesteckt, das Ganze in der 
gewünschten Höhe erhält. Das Gestell kann so um mehr als 1/3 erhöht werden. Das 
Bein endigt oben in ein durchbrochenes ornamentales Stück, das wohl auch als Hand- 
habe gedient hat. An seinem Ansatz ist ein aufwärts gebogener Haken sichtbar. 
In diese Haken sind die Ringhenkel eines halbkugelförmigen Kessels gehenkt. 

Eng verwandt mit diesem Exemplar ist das in Xanten, Nr. 3 unserer Reihe. 
Derselbe Mechanismus zum Weiter- und offenbar auch zum Höherstellen, nur scheinen 
Stift und entsprechende Löcher zu fehlen. Die Beine endigen jeweils in einen plumpen 
Menschenfuß, der von einem nach unten schauenden roh stilisierten Blattkelch 
ausgeht, oben in eine männliche Büste mit phrygischer Mütze. An ihrem 
Ansatz wieder der Haken. Die zwei Exemplare aus dem Kairener Museum 
(Nr. 4) haben denselben Mechanismus zum Weiterstellen und sind auch zusammen- 
geklappt und durch den Rost unbrauchbar geworden gefunden. Es fehlt aber wie 
allen folgenden Stücken eine Einrichtung zum Höherstellen. Ein kleiner Unterschied 
besteht darin, daß die vertikal bewegliche Befestigung von Querstäben und Beinen 
hier oben und die Scharniere unten sind. Das Stabwerk ist rechteckig, auf der 
Vorderseite mit Rundstäben geschmückt, während die großen Köpfe der Nieten mit 
konzentrischen Kreisen ornamentiert sind. Die Beine stehen unten ohne besonders 
gebildeten Fuß auf. Die bekrönenden Hermenbüsten sind abgebrochen bei 27 817, 
bei 27 818 ist noch eine erhalten. Die Büsten sind stets getrennt gearbeitet und ver- 
mittelst eines auf ihrer Unterseite befindlichen Loches auf die Stäbe gezapft '). 

Völlig verschieden von den behandelten Stücken erscheint auf den ersten 
Blick der Bronzedreifuß von Industria (Nr. 7). Der ganze Aufbau ist mit reichem 
figürlichem und ornamentalem Schmuck ausgestattet. Die Beine zeigen in der 
Mitte eine starke Schweifung nach außen. Als Fuß ist eine Löwenklaue auf kleiner 
runder Basis angesetzt, oben in eiVien Blattkelch endigend, aus dem ein na kter 
bärtiger, glatzköpfiger Alter, von der Mitte der Oberschenkel sichtbar, aufsteigt. 
Die Hände stützt er auf die beiden seitlichen volutenartig sich ausbreitenden Blätter 
des Kelches. An der Schulter des Alten und dem hinteren Kelchblatt ist der Vertikal- 
stab angegossen. Er steigt zunächst mit leichter Krümmung einwärts empor, bis zu 
etwa 1/3 seiner Höhe, um dann mit starkem Schwung nach außen und wieder zurück- 
zubiegen und gerade nach oben auszulaufen. Der unterste Teil bis zu dem Bogen 
erscheint von vorn zweigeteilt, wie zwei neben einander verlaufende Rundstäbc. 
Über das Bogenstück ist ein Blattmotiv gebreitet, das sich nach oben kelchartig 
ausweitet und einer nach außen blickenden geflügelten Sphinx, deren Arme bis auf 

') Nur bei dem Exemplar von Xanten sind Stab berührt sich ein vierbeiniger Klapptisch aus 

und Büste an einem Stück. Mit diesem Stück Pompei (Mus. Borb. XV 6). 



1 1 Karl Schwendemann, Der Dreifuß. 



die Löwenklauen menschlich gebildet sind, Platz zum Sitzen gewährt. In der Scheitel- 
höhe der Sphinx setzt das Bein mit einem Rundstab ab, über dem ein einfacher drei- 
blätteriger Kelch erscheint, dessen breites vorderes Blatt einer auf der Kugel schwe- 
benden Nike als Stütze dient. Sie ist in einen dorischen Chiton gekleidet und faßt 
mit beiden Händen den wallenden Peplos. Das über sie hinausragende kurze Stück 
des Beines schließt oben mit horizontaler Profilierung, auf der eine Dionysosherme 
mit Blumen im Haar sitzt. Im Rücken des Dionysos wieder der Haken. 

Die figürlichen und ornamentalen Teile, wie es scheint, auch die Dionysosherme, 
sind alle mit dem Stab gegossen. Der Stil der Figuren ist grob, unklar und schematisch, 
der Ausdruck stumpf. Das fällt besonders bei der Nike auf, aus der alles Leben des 
Originals bis auf weniges in den größten Gewandfaltenzügen verschwunden ist. Ihr 
Gesicht ist ohne jede feinere Modellierung. Die Haarbehandlung ist bei allen Figuren 
unklar. Zu der Betrachtung des Einzelnen kann das Urteil über den Gesamtaufbau 
nur bestätigend hinzukommen. Das Motiv des Alten, der sich mit beiden Händen 
fest auf seinen Blattkelch stützt, ist noch das Beste. Aber die Sphinx und die Nike 
sind mit dem Aufbau des Gerätes nicht im geringsten organisch verbunden, einfach 
von außen angeklebte Zutaten. Stellt man sich auf dem Gerät einen Kessel vor, so 
muß man das Motiv der leicht schwebenden Nike an einem zum Tragen bestimmten 
Teil um so unangenehmer empfinden. Wie ganz anders hat es da der Künstler des 
»Dreifußes aus dem Isistempel« oder des ähnlichen Exemplars im British Museum 
verstanden, die zum Aufbau verwandten Figuren einzugliedern. 

Schlicht erscheint neben dem Stück von Industria eines aus Pompei (Nr. 6). 
Vollständig erhalten sind nur die drei Beine, von den Verbindungsstäben nur einige 
Stücke. Es gehört formengeschichtlich eigentlich nicht hierher. Denn die Form des 
Beines hat mit den Stabdreifüßen nichts zu tun, sondern gehört den Tischdreifüßen 
mit Tierbeinen (s. u.) an. Aber der Gesamttypus des Gerätes ist der eben hier be- 
handelte. Auch der Dreifuß von Industria ist offenbar von der Tierbeinform beein- 
flußt; wenigstens ist die Biegung in der Mitte kaum anders zu erklären. Aber die 
Typen mischen sich eben, und es kann ohne Inkonsequenzen nicht abgehen. 

Unser Stück gehört bereits zur zweiten Serie der Klappdreifüße. Bei diesem 
läuft der Rückseite des unteren Teiles jedes Beines ein dünner runder Stab parallel, 
der mit seinen umgebogenen Enden befestigt ist. In ihm waren, wie vollständige 
Ekemplare zeigen, die Querstäbe mit einem Ring befestigt, und er diente also beim 
Zusammenklappen des Gerätes als Leitschiene. 

Das Bein selbst ist einfach gebildet. Ein Hundebein mit Klaue und darauf der 
Kopf einer Hündin. Diese trägt ein Halsband und sogar die Warzen sind angegeben. 
Im Nacken sitzt ein Ring für die Querstäbe. Auf dem Kopf erhebt sich ein kurzer 
Stab, in den oben die Tischplatte eingezapft war, wie nach Analogie zahlreicher 
Tischfüße anzunehmen ist (s. u.). Das Material ist Bronze mit Spuren von Silber- 
einlagen ^). 

') Das Becken, welches jetzt auf dem Gestell ruht zierliche Gestell viel zu schwer. Dieses wird 

ist schwerlich zugehörig, sowenig wie das auf vielmehr eine runde Tischplatte getragen haben. 



dem Dreifui3 aus dem Isistempel. Es ist für das 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß. III 

Die beiden letzten Exemplare unserer Reihe zeigen den gleichen Mechanismus. 
Zunächst Nr. 5. Unten eine schlanke Hundepfote, darüber in zwei Teile gegliedert 
das hohe Mittelstück, dann Kopf und Hals einer Uräusschlange mit dreistufigem 
Lotoskelch und Knospe. Das Mittelstück des Beines besteht aus zwei Teilen, von 
denen das obere die etwas kräftigere Wiederholung des unteren darstellt. Sie sind 
vieleckig gebildet und in der Mitte sowie an den Enden durch ein breites spitzzu- 
laufendes Blatt geschmückt. Das Ganze macht einen graziösen und ruhigen Eindruck, 
der nicht zum wenigsten auf den Proportionen der einzelnen zierlich geformten Teile 
beruht. Der Uräus gibt uns zum ersten Male einen Fingerzeig. Er ist in Ägypten 
seit alters mit der Sonnenscheibe verbunden. Die hellenistische Kunst hat das Motiv 
in Ägypten übernommen. Das zeigt u. a. ein kleines bronzenes Altärchen im Kairener 
Museum •). Auf einem vierbeinigen niederen Untersatz erhebt sich eine dicke Mittel- 
stütze und vier Seitenstützen, die den Rezipienten des Altars tragen. Die Seiten- 
stützen haben die Form des Uräus, wie an unserem Dreibein, der ein Isisdiadem, die 
Mondsichel mit Sonnenscheibe darin, trägt. An einem anderen Altärchen derselben 
Gestalt 2) sind die Uraei abwechselnd mit Isisbüsten als Reliefschmuck verwendet. 
Der Rezipient der Altäre kommt in dieser Form nur im hellenistischen Ägypten vor 3). 
Das Vorkommen des Uräus an unserem Stabgestell weist also nach der alexandri- 
nischen Kunst 4). 

Das letzte Glied unserer Reihe bildet der große Dreifuß aus dem Hildesheimer 
Silberfund. Er ist das schönste und wertvollste aller erhaltenen Stücke. Die Publi- 
kation von Pernice- Winter erübrigt ein näheres Eingehen 5). Nur Weniges sei zum 
Vergleich mit den übrigen Stücken hervorgehoben. Zunächst ein technischer Unter- 
schied. Die Zapfen für die Verbindungsstäbe sind »so angebracht, daß sie nur bei 
einer der Hermen in gleicher Schräge auf die Rückseite treffen; bei den beiden anderen 
Hermen liegt der eine der Zapfen parallel zur Frontebene der Herme, also im rechten 
Winkel zu ihrer Seitenfläche, während der andere in schräger Richtung auf die Rück- 
fläche aufstößt. Hieraus ergibt sich mit Notwendigkeit, . . . daß die Hermen nicht 

•) Perdrizet, Bronzes Fouquet Taf. XL. Edgar 4) Uraei in derselben Funktion befinden sich an dem 

27 813, PI. XV. Vgl. Expedition Sieglin Bd. I. kleinen Dreifuß des Hildesheimer Silberfundes, 

S. 239. Abb. 176. Tönerne Altäre dieser Form Pernice-WinterTaf. XXV, S. 51, ebenso an einem 

aus Alexandria. Der Aufsatz ist ursprünglich bronzenen Bein im Antiquarium zu Berlin Inv. 

nichts als ein Korb (Furtwängler, Gemmen III, 1518. Pernice-Winter a.a.O. 
S. 45) wie er auf den Vasen öfter vorkommt. 5) Ein den Beinen des Hildesheimer Dreifußes im 

Z. B. Furtw.-Reichh. Taf. 73. v. Bissing, Arch. Aufbau verwandtes bei Froehner, CoUection 

Anz. 1903, 147 vermutet syrische Herkunft Gr^au 327 Taf. LIX. Aber dort steht die Herme 

für diese Altarform. Sie sieht aus wie ein später auf einer niederen zweistufigen Basis und hat 

Abkömmling der »Baetylic altars«. Vgl. Evans, außerdem keine frei gebildeten Füße, sondern 

J. H. St. 1901, 115 Fig. g. Dasganze Material über nur deren Vorderteil schaut aus dem Hermen- 

diese Altarform bei W. Weber, Die äg. griech. schaft hervor. Die Herme als Tischfuß ist ja 

Terrakotten. Mitt. aus der äg. Samml. der Kgl. auch sonst sehr beliebt. Vgl. z. B. Altert, von 

Mus. zu BerHn II, Text S. 257, Taf. 40, 41, Nr. Pergamon VII, S. 337. Andere Ath. Mitt. XXXII 

470, 471. 1907, 397, XXV 1900, 204, Nr. 112 ff. Dionysos- 

*) Edgar 27 814. hermen. Würz, Plastische Dekoration des Stütz- 

3) Schreiber, Alexandrinische Torcutik 176. werks 121, Fig. 83. 



112 Karl Schwendemann, Der DreifuS. 



dreiseitig über Eck, sondern in Parallelstellung zu einander gestanden haben«. Der 
Dreifuß hatte also eine Vorderseite. Darin macht er von den anderen einen '^nt^r- 
schied. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird die runde Platte a. a. O. Taf. XXV^il c 
Tischplatte des Gestells angesehen. Sie zeigt, welche Bedeckung man sich auf diesen 
zierlichen Gestellen zu denken hat. Sie macht auch begreiflich, wie bei den Gestellen 
mit Leitschiene die nötige Stabilität garantiert und bei der leichten Verschiebungs- 
möglichkeit ein unerwünschtes Auseinanderklappen bei Belastung vermieden wurde. 
Die Platte hat nämlich einen nach unten gebogenen Rand, welcher die Hermen- 
köpfe festhielt. Vielleicht haben auch die Haken an anderen Exemplaren nicht 
zum Einhängen eines Kessels gedient, sondern griffen unter den übergebogenen Rand 
einer aufgelegten Tischplatte. 

Die in den Hermen dargestellten Personen gehören in überwiegender Mehrzahl 
dem dionysischen Kreise an. Dionysos, Mänaden und Satyrn, auch Pan und Pri- 
apos, stellen das Hauptkontingent. Die einfachste Art der Verbindung mit dem Stab ist, 
daß wie z. B. bei dem Exemplar von Xanten, sie sich auf einer horizontal gegliederten 
Basis erheben. So auch Edgar 27 830, 27 83^. PI. XVI. 27820. Perdrizet 13 PI. X. 
Meist aber vermittelt ein Blattkelch zwischen Basis und Herme. Die Blattkelche 
sind sehr verschieden in der Form, entweder ein breites Blatt vorn und zwei schmälere 
auf den Seiten wie Edgar 27 819, 27 828, oder ein Kelch gleichsam aus einem Blatt mit 
vielen Teilungen, vorne nieder und an den Seiten bis zu den Schultern der Figur 
hinaufreichend, Edgar 27 827. Auch die Büsten zeigen reiche Mannigfaltigkeit in 
den Motiven. Meist hat der Kopf eine Wendung nach der Seite. Neben den Büsten 
kommen auch Halbfiguren vor. So Edgar 27 824 die Halbfigur eines jungen Dionysos, 
über der linken Schulter die Nebris, die, mit der Linken in einen Bausch gefaßt, 
Früchte enthält. Die Rechte hat der jugendliche Gott zum epheubekränzten Haupt 
erhoben. Er lacht vergnügt. Ein reizendes Motiv, wenn auch technisch nicht von der 
besten Ausführung. Das künstlerisch bedeutendste Stück dieser Büsten ist Edgar 
Nr. 27 827. PI. VH, H. = 0,10 m. Eine männliche Büste. Kopf nach links gewandt, 
nackt und bartlos; sie ist von höchst lebendigem, gesteigerten Ausdruck, von stark 
persönlicher Art, so daß man nur an ein Porträt denken kann; vielleicht hellenistisch. 
In diesem Falle wäre sie der Beweis für das Vorkommen unseres Klappdreifußtypus 
in hellenistischer Zeit. Schon oben wies die Uräusschlange nach dem hellenistischen 
Ägypten. Vergegenwärtigt man sich den großen Einfluß, welchen die hellenistische 
Toreutik auf die römische ausgeübt hat, Einflüsse welche an den Silberfunden von 
Boscoreale und Hildesheim so deutlich sind, so wird die Vermutung, der Klappdreifuß- 
typus sei vom Osten zu den Römern gekommen, nicht zu gewagt erscheinen, umso- 
mehr als ja schon in archaischer Zeit ein Stabgestell mit Diagonalverstrebungen in 
Griechenland nachweisbar ist (oben S. 107). 

Fragt man nach der Verwendung dieser Geräte, so steht die Verbindung mit ei- 
nt m Kessel (Nr. i) und mit einer runden Tischplatte fest (Nr. 8) •). Für Nr. 6 kann 

') Die Tischplatte liegt entweder direkt auf den des Blattkelches, aus dem die Büste hervorkommt, 

Beinenden auf, oder diese haben nach hinten nach rückwärts hochgezogen und mit einem 

einen Haken, zuweilen auch ist das hintere Blatt Knopf zur Auflage der Tischplatte versehen. 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß. 



'13 



ebenfalls nur eine Tischplatte in Betracht kommen. Kessel- und Schalenträger oder 
Tisch T'^-telle sind sie also gewesen. Manches Exemplar mag beiden Zwecken gedient 
uh^i'iJ'.Die besonders zierlichen Stücke wie das Hildesheimer erscheinen zu gewöhn- 
lichem Gebrauch wenig geeignet und man wird bei ihnen eine Verwendung als Prunk- 
und Ziertische voraussetzen dürfen '). 

Von den zusammenklappbaren Stabgestellen sind die römischen foculi nicht 
zu trennen, wie sie so zahlreich auf Münzen und Reliefs erscheinen. Es herrscht hier 
zwar durchaus keine Einheitlichkeit der Form, so daß nicht die Klasse als Ganzes 
an die Klappdreifüße angeschlossen werden kann; aber verschiedene Exemplare 
scheinen deutlich mit ihnen im Zusammenhang zu stehen, so daß sich die Besprechung 
der foculi an dieser Stelle rechtfertigen läßt, besonders da auch bei Stücken, welche 
mit den Klappdreifüßen keinen Zusammenhang haben, ein solcher mit den Stab- 
dreifüßen im allgemeinen nicht von der Hand zu weisen ist. 

Zum Vergleich mit manchen dieser römischen Tischaltäre können die gallischen 
runden Tische herangezogen werden; aut dem schönen Sarkophag Mon. d. Inst. IV, 9 
ist ein foculus sichtbar, welcher bis auf Einzelheiten ihnen in der Gestalt entspricht. 
Auf ziemlich breiten flachen Beinen, welche unten in Löwenklauen endigen, ruht eine 
runde Platte. Die Beine sind kreuzweise mit flachen, dünnen Stäben verbunden, 
an deren Kreuzungspunkt der Kopf der Niete sichtbar ist. Derselbe Typus auf einem 
Relief aus der Zeit des Kaisers Marcus 2) mit der Darstellung des Opfers derSuovetau- 
rilia durch den Kaiser. Ebenso auf dem Relief vom Bogen der Goldschmiede zu Rom 3) 
mit den Porträtgestalten des Septimius Severus und seiner Gemahlin Julia Domna. 
Auch die Größe dieser Altäre entspricht derjenigen der Klapptische. Sie reichen 
zumeist bis zur Mitte der Oberschenkel der sie umgebenden Gestalten, was einer Höhe 
von 0,80 — 1,00 m entspricht. Allerdings sind sie auch niederer anzutreffen, was aber 
bei jenen ebenfalls vorkommt 4) ; so auf dem schönen Sarkophag in den Uffizien in 
Florenz mit den Darstellungen aus dem Leben eines vornehmen Römers 5). Hier ist 
jedoch ein wichtiger Unterschied in der Form deutlich. Über den Löwenklauen sind 
die Beine noch einmal durch Horizontalstäbe verbunden, so daß also an einen Klapp- 
dreifuß nicht gedacht werden kann 6). 

Daneben begegnen nun für die foculi Gestaltungen, welche mit den Stabdrei- 
füßen kaum mehr in Zusammenhang gebracht werden können. Auf einem römischen 
Relief aus dem Ende des vierten Jahrhunderts 7) im Museo nazionale zu Rom mit der 



') Overbeck, Pompei' II, 52. Massivere Formen ') Der kleine Dreifuß aus der Grotta d'lside bei 

finden sich öfter auf gallischen Reliefs der Kaiser- Savignoni, Mon. Line. VII, Fig. 7 hat schon 

zeit. SoimProvinzialrhuseumzuTrier Nr. 10 032, dieselbe Gestalt, aber ohne die unteren Horizon- 

10042; Hettner, Führer Nr. 5. talstäbe. Angesichts solcher Zusammenstellungen 

') Brunn-Bruckmann 530. ist der allgemeine Zusammenhang der foculi 

3) BernouUi, Rom. Ikonogr. Taf. XV. mit den Stabdreifüßen besonders deutlich, um 

4) Der große Dreifuß aus dem Hildesheimer Schatz so mehr als jene in ihrer reichsten Entwicklung 
mißt 0,70 m, ein Bein bei Fröhner, Collection in den Vulcenter Exemplaren ebenfalls schon als 
Gr^au 327, Taf. LIX, 0,595. Kohlenbecken benützt wurden. 

5) Wien. Vorlegebl. 1888, Taf. IX. Roßbach, 7) Bollettino d'arte VI 1900, 178, Fig. 9. 
Römische Hochzeits- und Ehedenkmäler Taf. I. 

Photogr. Alinari P. I. Nr. 1308. 



\ 



11^ Karl Schwendemann, Der Dreifuß, 

üblichen Opferszene sehen wir einen Altar, dessen runde Platte auf drei unten mit 
Löwenklauen endigenden Füßen ruht, welche durch zwei Verbindungsringe zusammen- 
gehalten werden, ähnlich wie bei den Kesseldreifüßen. Dieselbe Form zeigt ein Relief 
auf einem Marmoraltar aus Pompeji, aber ohne horizontale Verbindungsringe '). 
Daß verschiedene Formen im Kulte nebeneinander im Gebrauch waren, illustrie- 
ren die Münzen von Alexandria Troas ^). Da ist die Statue des Apollon Smintheus 
auf einer Basis stehend sichtbar, mit der Patera in der Rechten über den vor ihm 
stehenden Altar libierend. Dieser trägt bald einen Kessel 3), bald eine runde Platte4), 
von denen jeweils das Feuer emporlodert. 

DIE TISCHDREIFÜSSE. 

Schon oben mußte verschiedentlich auf Formen von Tischen eingegangen 
werden, welche formengeschichtlich nicht ganz dem Typus angehören, welchem sie 
zugewiesen wurden. 

Die in der ganzen Antike besonders beliebten Tischformen lassen sich alle auf 
einen Typus zurückführen. Es ist die durch Tierfüße getragene runde Platte. Der 
Prototyp dafür ist in Assyrien schon vollständig ausgebildet anzutreffen, wo er als 
Tisch und als Altar dient 5). Und zwar ist die Verwendung als Tisch jedenfalls das Ur- 
sprünglichere. So erscheint der Typus auf der sogenannten Gartenszene des 
Aschurbanipal, ein Tisch mit drei geraden unten in Löwenklauen endigenden Beinen, 
Mittelstütze und Horizontalverbindung in ^/^ Höhe der Beine. Die Form wurde nicht 
selten in Stein übertragen. Zwei solche Stücke wurden in Niniveh gefunden *). Der 
zwischen den Beinen stehende Block ist bei ihnen stehen gelassen. 

An diese assyrische Altarform ist offenbar jene anzuschließen, welche auf den 
phönikischen und kyprischen Schalen öfters erscheint. Auf einer solchen aus der 
idäischen Zeusgrotte auf Kreta 7) ist ein durch die ganze Darstellung offenbar als 
Altar charakterisiertes Gerät sichtbar, welches den assyrischen Altartischen sehr 
verwandt ist, wenn auch die Beine, offenbar mit stärkerem Naturalismus, mehr der 
Form des Tierbeines — ob es unten in Löwenklauen endigt, darüber gestattet der 
fragmentarische Zustand kein Urteil — angenähert ist, indem die Kniekrümmung 
hier stark betont wird. In dem Krümmungsbogen und etwas über den Klauen sind 
yerbindungsglieder sichtbar, ob horizontale Platten oder Ringe ist nicht deutlich. 
Eine Schale von Kurion ^) weist dieselbe aber etwas niederere und breitere Tisch- 
form auf. , Die Beine endigen in Löwenklauen und sind über diesen horizontal ver- 
bunden. Eine weitere Schale von Idahon 9) auf Cypern zeigt dieselbe Form, aber mit 

') Mus. Borb. VI, Taf. LVII i. Taf. 157. D,= 0,70111; H. etwas größer. Andere 

^) Catalogue of Greek Coins in the Brit. Mus. Troas Beispiele bei Menant, Glyptique Orientale II, 72 

PI. IV, V. Fig. 73; 69 Fig. 65. Bezold a. a. O. Abb. 45. 

3) a. a. O. PI. IV 5, V 12, 13. • 7) Mus: Ital. II, 723 Tav. IX 3. 

4) a. a. 0. PI. IV 6, V 4. «) Ohnefalsch-Richter, Kypros 126, Fig. 142. 

5) Sarre-Herzfeld, Iranische Felsreliefs S. 89. 9) St. e Mat. III, 48 Fig. 345. Perrot-Chipiez III, 
') Bezold, Niniveh und Babylon Abb. 96. Ebenso 482. G. Richter, Metropolitan Museum, Bronzes 

aber als Altar Abb. 60. Vgl. Sarre-Herzfeld 90, 202, Nr. 535. Die Zeit dieser Schalen ist das VIII./ 

Abb. 44, 45. Botta, Mon. de Niniveh V S. 171 VII. Jahrhundert. Karo, Arch. Anz. 1908, 217. 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß. - IIS 



Stierhufen an den Beinenden, wie sie ja in Ägypten schon im alten Reich so häufig 
an Möbeln angewandt wurden, und einer auf der unteren Horizontalverbindung auf- 
sitzenden Mittelstütze. 

Dieser Typus erhält sich durch alle Jahrhunderte der Antike in einem reichen 
Wechsel der verschiedensten Bildungen. An Stelle der Löwenbeine treten solche von 
Greifen, Pferden, Rehen, Panthern und Hunden; ferner wird das Tierbein sehr oft 
mit einem Kopf desselben Tieres, von dem das Bein stammt, oder von einem andern 
verbunden; außerdem mit Tier- oder Menschenprotomen. Die Vermittlung der beiden 
Formen geschieht meist durch einen Blattkelch. Durch solche Kombinationen ent- 
steht eine unendliche Mannigfaltigkeit von Einzelformen, die aber alle dem einen 
Typus zugehören. 

Es ist schwer hier eine Entwicklung aufzuzeigen, unmöglich die Masse des 
Erhaltenen aufzuführen. So mag es genügen einige besonders typische oder inter- 
essante Gestaltungen zu erwähnen. 

Seit dem IV. Jahrhundert kommt auf Totenmahlreliefs an Stelle des üblichen 
griechischen Speisetisches ') der runde dreibeinige *) häufiger vor, ebenso wie auf 
Vasenbildern des IV. Jahrhunderts3), die gleiche Form noch in einer Wandmalerei aus 
der Farnesina 4). Überall sind hier die hohen schlanken Rehbeine ganz realistisch 
gebildet und sitzen mit den Schenkeln an der Tischplatte. 

Offenbar ist es eine ursprünglichere Form des dreibeinigen Tisches, wenn das 
Tierbein, bis zum Schenkel realistisch gebildet, ohne weitere Vermittlung an der 
Tischplatte ansitzt, wie es z. B. die eben angeführten Exemplare zeigen. Ein Fort- 
schritt ist es, wenn das Bein an seinem oberen Teil mit einem Blattmotiv geschmückt 
ist, wie an einem massiven Marmortisch aus Magnesia a.M. 5). Außerordentlich be- 
liebt ist dann in hellenistischer und römischer Zeit die leontokephalopode Gestalt. 
Das Löwenbein endigt in einen Blattkelch, aus dem ein Löwenkopf hervorragt, in 
dessen Nacken dann der eigentliche Träger der Tischplatte in Form eines viereckigen 
kurzen Pfeilers aufsitzt. Unzählige Male ist diese Form mit geringen Wandlungen in der 

') Dieser, ursprünglich rechteckig mit 4 Füi3en, hatte mit einer ganz realistischen Szene aus einem 

später wahrscheinlich die Form eines gleich- Fleischerladen. Dabei steht ein Dreifußtisch 

Schenkligen Dreieckes oder eines Trapezes, mit mit Löwenklauen an den Beinenden und Hori- 

drei Beinen, die oft unten mit Löwenklauen zontalverbindung der Beine in ''■ji Höhe. Vgl. 

endeten (Blümner, Arch. Ztg. 1884, 183). Die auch Brit. Mus. Cat. Vas. II, B. 3. Kyrenäische 

Sitte, beim Mahle zu liegen, kam aus Klein- Schale, abgeb. Arch. Ztg. 1881, Taf. 13, i. Die 

asien und ebenso die dazugehörige Tischform, aus geometrischer Zeit mehrfach erhaltenen 

die wir seit dem VII. Jahrhundert auch auf Tonnachbildungen von Opfertischchen (Lun- 

festländisch-griechischen Denkmälern nachweisen singh Scheurleer, Catalogus eener Verzameling 

können (Dragendorff, Thera II 107). Egyptische, Grieksche, Romeinsche en andere 

') Furtwängler, Sammlung Sabouroff Taf. XXXII 2. Oudheden Nr. 186, Taf. XVI. Naukratis II, 

Svoronos, Das Ath. Nat. Mus. Taf. LXXXVIft. ; Taf. VII) lassen sich formal schwerHch an den 

Ant. Skulpturen in Berlin, Beschreibung Nr. orientalischen Tischtypus anschließen. 

81 5 ff.; Ath. Mitt. XXV 1900, 175. Daß dieser 3) Furtwängler-Reichhold Taf. 66, Text IJ, S. 38. 

Rundtisch aber auch schon im VI. Jahrhundert CR. St. Petersb. 1860, Taf. I. 

in Attika in Gebrauch war, beweist ein schwarzfig. 4) Mon. d. I. XII, Taf. 8,5. 

Krug im Heidelberger archäologischen Museum, 5) Ath. Mitt. 1894, 54. 



1 i6 Karl Schwendemann, Der Dreifuß. 



antiken Kunst angewandt worden. Ein sehr schöner vollständiger Tisch dieser Art aus 
weißem Marmor befindet sich in Neapel '). Das Löwenbein, der Akanthuskelch und 
das Löwenhaupt, alles von gleichmäßiger technischer Vollendung und lebendigem 
Ausdruck. Die Beine stehen jeweils auf viereckiger Basis. Zwischen Kelch und Nacken 
des Löwen springt nach innen eine starke Leiste vor. Diese Leisten vereinigen sich 
unter der Mitte der Tischplatte. An die Stelle des Löwenkopfes kann eine menschliche 
Figur treten, schon in hellenistischer Zeit. Ein schönes Beispiel dafür bietet ein Bein- 
fragment in der Sammlung v. Bissing in München*). »Aus einem Akanthuskelch 
taucht der Oberkörper eines nackten Herakles, der mit dem rechten Arm die Keule 
schultert. Die gesenkte Linke scheint einen Apfel gehalten zu haben; der Kopf blickt 
nach links. Im lockigen Haar liegt eine Binde «. An derselben Stelle findet sich Eros 
an einem Tischfuß im Vatikan 3). Er trägt eine Scheitelflechte, lange Locken, die 
Nebris und zurückgekrümmte Flügel, zwischen denen der vierkantige Pfosten sitzt, 
auf dem die Tischplatte ruhte. Unter den Skulpturen des Berliner Museums 4) be- 
finden sich eine Anzahl interessanter Gestaltungen. Besonders hübsch ist Nr. 1074. 
Ein elegant bewegter jugendlicher Satyr, der zu dem Zicklein emporblickt, das er auf 
den Schultern trägt. 1071 zeigt einen geflügelten Eros, der zierlich ein Rehfell um 
die Schulter trägt und mit beiden Händen eine Muschel vor die Brust hält. Ein gut 
erhaltenes Exemplar eines bronzenen dreifüßigen Gestelles für eine Tischplatte oder 
Schale im Museo nazionale zu Neapel zeigt die Verbindung von Hundebein und 
Menschenleib 5). Auf einer profilierten dreiseitigen Basis, deren Seiten sehr stark 
eingeschweift und deren Ecken abgeschnitten sind, stehen, mit ihr zusammengegossen, 
dreischlanke Hundebeine mit dem gewöhnlichen knieförmigen Knick. Der Oberschenkel 
ist mit fein ausgeführter Behaarung bedeckt, aus der ohne weitere Vermittlung die 
Gestalt eines jugendlichen Satyrs von der Mitte der Oberschenkel an emporwächst. 
Er ist mit dem Oberkörper etwas zurückgelehnt, während der Kopf sich nach vorn 
neigt. In feinem Schwung zieht sich so die Linie des Hundebeines, fortgesetzt in der 
Gestalt des Satyrs, empor, während die Neigung des Kopfes die tragende Funktion 
zum Ausdruck bringt. Der Satyr, ganz nackt, hat zierlich die Rechte in die Seite 
gesetzt und streckt die Linke mit der ausgebreiteten Hand wie abwehrend von sich. 
Über der Stirn trägt er Hörnchen und im Haar, das wellig in den Nacken fällt, einen 
^eif. Er lächelt vergnügt. Die Körperformen sind zierlich aber muskulös und in 
großen Teilungen modelliert. Die Schwänze der Satyrn sind erhoben und gehen im 
rechten Winkel nach hinten, wo sie einen Ring tragen, um den sie gewickelt sind ^). 
Etwas unorganisch erscheint auf den ersten Blick die Verbindung des dünnen Hunde- 
beines und des Satyrkörpers. Das hat auch der Künstler gefühlt und den behaarten 
Oberschenkel des ersteren durch eine Längsfurche geteilt, die dann etwas schwächer 

') Niccolini, Pompei III 2, Taf. XLVIII. Mus. Ähnliches Stück Behn, Sammlung Ludwig 

Borb. III, Taf. XXX. Marx 1913, Taf. III 5. 

^) Österr. Jahresh. XV, 76. ■») Beschreibung S. 424 ff. 

3) Amelung, Vatikan Taf. 97 Nr. 73. Taf. 90 Nr. 4 5) Nr. 522. 

ein geflügelter Knabe in derselben Verwendung. ') Ein ähnliches Motiv an einem Bronzegefäß des 



British Museum (K. 5. Photogr. Mansell 2367). 



Karl Schwendemann, Der Dreifufi. 



117 



werdend bis zu den Zehen unten verläuft. Durch diese Zweiteilung wird der Eindruck 
hervorgerufen, als ob unter der Behaarung des Hundebeines die Schenkel des Satyrs 
sich fortsetzten. Auf den Köpfen der Satyrn ruht ein schweres tiefes Becken, das aber 
schwerlich zugehörig ist. 

Ein originelles Motiv ist es, wenn aus dem Akanthuskelch eines fragmentierten 
Tischbeines aus Kertsch ^) ein nach oben springender Hund emportaucht. Ein voll- 
ständiger Tisch mit solchen Beinen aus Bronze fand sich in Pompeji ^). 

Verschiedentlich begegnen Tischfüße, bei welchem ein nach unten gerichteter 
Delphin entweder allein 3) oder vor einen Pfeiler gebunden 4) als Träger verwendet 
ist. Dem letzteren Beispiel verwandt sind Bildungen, welche aus einem Pfeiler be- 
stehen, aus dessen Vorderseite der zoomorphe Träger in Hochrelief hervortritt, wie 
an einem Exemplar im Vatikan 5). 

Neben den reicheren Formen kommen natürlich auch die einfacheren zahlreich 
vor. Oft entbehrt das leontokephalopode Bein der auf das Löwenhaupt aufgesetzten 
Stütze. Nicht selten ist dann ferner der Kopf selbst fortgelassen, so daß das Tierbein 
sich direkt in einem kurzen glatten Pfeiler fortsetzt, auf welchem die Tischplatte ruht 6). 
Das Löwenbein kann auch oben in eine Volute auslaufen, welche direkt die Platte 
trägt?). Die Form des Tierbeines verblaßt oft vollständig, und es bleibt nur die S-för- 
mige Biegung des Beines mit dem darauf gesetzten senkrechten Auflager der Platte ^), 
so daß es auf den ersten Blick verwunderlich erscheint, warum die Tischbeine gebogen 
sind. 

Das Streben nach reicher und prunkvoller Gestaltung führte, wie man wohl 
annehmen darf, schon in hellenistischer Zeit zu Bildungen, die aus verschiedenen 
Elementen zusammengesetzt sind und von denen sich aus römischer Zeit noch Reste 
erhalten haben. 

Ein bronzenes Tischgestell dieser Art befindet sich im British Museum 9), ein 
anderes, der berühmte »Dreifuß aus dem Isistempel« im Museo nazionale zu Ne- 
apel >") (Beil., Abb. 19). Die beiden sind im Aufbau verwandt und vergleichende 
Bemerkungen daher am Platze. Bronze ist bei beiden das Material. 

Der »Dreifuß aus dem Isistempel« steht auf einer mitgegossenen Basis von 
derselben Form wie bei dem oben beschriebenen Gestell mit den Satyrn. Die kräftigen 
Hundebeine endigen oben mit einem ganz schmalen Blattüberfallmotiv, auf dem 



') Jahrb. d. Inst. XVII 1902, 125. Das Material 1069. Brit. Mus. Cat. of Roman Pott. M 131 1, 

ist Zedernholz. 1312, 1339, 1354, 1357. 

') Niccolini, Pompei II. Descr. gen. VIII. 5) Amelung, Vatikan II Taf. 39. Nr. 246. 

3) Mus. Borb. VI, Taf. XXX. Ein Lampenständer ^) Fröhner, Mus^es de France 18. Niccolini, Pom- 
in Tischform. pei II, Descr. generale III. 

4) Ath. Mitt. XXXni907,400, Abb. 12,H. = 0,92. 7) Bonn. Jahrb. 81, Taf. Uli. 
Ein Delphin mit Löwenklaue in der Schnauze wie *) Niccolini, Pompei IV Taf. XII. 

Mus. Borb. VI, Taf. XXX erscheint auch an 9) Catal. of Bronzes Nr. 2560. Photogr. Mansell 

einem etruskischen Kandelaberfuß aus dem 2355. H. = ca. 0,65 m. Aus Herculaneum. 

III. Jahrhundert. Milani, II R. Museo archeol. «>) Friederichs-Wolters, Nr. 2087. Dort die ältere 

di Firenze Taf. XXIII. Vgl. auch D^chelette, Literatur. Jahrb. d. Inst. 1908, 107 fi. Auso- 

Les vasesc^ramiques orn^s de la Gaule Romaine II nia III 1908, 252. 

Jahrbuch des archäologischen Instituts XXXVI. ^ 



X I 8 Karl Schwenderoann, Der DreifuB. 



eine niedere nach hinten etwas ansteigende Basis ruht. Auf dieser sitzt eine Sphinx 
mit großen hochgestellten Flügeln. Zwischen ihnen erhebt sich ein aus mannigfachen 
Blatt- und Kelchmotiven zusammengesetztes Stück, das oben in zwei Ranken sich 
teilt, zwischen denen eine Knospe sitzt. Vom obersten Teil der Hundebeine löst sich 
auf der Rückseite eine mächtige Ranke '), die sich teilt und mit dem einen Ausläufer in 
verschiedenen graziösen Windungen zur Ferse des Handebeines zurückstrebt, während 
der zweite mit den entsprechenden der anderen Beine an einem besonderen Glied 
in der Mitte vereinigt ist. Dieses besteht aus sieben stilisierten Blattkelchen, von denen 
vier sich nach oben, drei etwas anders gebildete nach unten entwickeln und jeweils 
mit einer runden Knospe enden. Das Gestell wird bekrönt von einem zwar antiken 
aber nicht zugehörigen Becken ^). Die Hundebeine tragen im Scheitelpunkt der 
Krümmung vorn je eine bärtige männliche Maske. Der ganze Oberschenkel des 
Beines ist übersponnen von reichem Ranken- und Spiralwerk. Der Gesamteindruck 
ist ein äußerst vornehmer. Geradezu feierlich sitzt die Sphinx da, den straff auf- 
gerichteten Oberkörper auf die hohen schmalen Vorderbeine gestützt. Auch Kopf 
und Hals in schlanken zierlichen Verhältnissen. Und dann die Flügel! Wie ein mäch- 
tiger Fächer breiten sie sich aus, die einzelnen Schwungfedern hoch ausstreckend. 
Durch nichts wird die künstlerische Qualität der Sphinx besser verständlich als durch 
eine Vergleichung mit der an der entsprechenden Stelle sitzenden des Dreifußes aus 
Herculaneum. Auch hier drei Hundebeine, aber nicht auf gemeinsamer Basis, sondern 
jedes auf einer Schildkröte aufstehend. Sie endigen oben in einem hohen Blattkelch, 
in dem eine nackte männliche Figur bis zu den Hüften steckt. Sie trägt auf dem Haupt 
einen breiten niederen Blattkelch, mit dem eine runde profilierte Basis wie zu einem 
Kapitell verbunden ist. Zwei breite Blätter gehen links und rechts von dem Kelch 
aus; nach ihnen faßt die Figur mit den Händen. Auf dem Kapitell sitzt eine geflügelte 
Sphinx, deren Schwingen sich im rechten Winkel nach hinten entwickeln. Auf ihnen 
ruht ein profilierter Ring, welcher einst die Tischplatte zu tragen hatte. Die Sphinx 
trägt das ägyptische Klaft. Die Hundebeine sind untereinander ähnlich durch Ranken 
verbunden wie am »Dreifuß aus dem Isistempel«. Ihr Treffpunkt wird durch eine 
große Knospe bekrönt. 

Vergleicht man unsere beiden Tische im Gesamtaufbau — wir wollen den Drei- 
fuß aus dem Isistempel mit A, den aus Herculaneum mit B bezeichnen — so fällt 
zunächst auf, daß die Beine aus drei Elementen bestehen; bei A aus Hundebein, 
Sphinx und ornamentalem Stück, bei B aus Hundebein, Figur mit Kapitell und 
Sphinx. Diese Dreiteilung ist nur bei A künstlerisch verwertet. Die Sphinx ist nicht 
nur das zweite, sondern auch das mittlere und Hauptstück des Aufbaus; sie ist das 
Auge dieses Organismus, in dem sich sein Ausdruck sammelt. Ganz anders bei B. 
Hier ist keine Mitte des Aufbaus, sondern eigentlich nur das Bein mit der Figur und 
dem Kelchkapitell und darauf die Sphinx. Aber diese wirkt schwerfällig gegen die 



') Ähnliche schöne Ranken auch mit manchen 1899, 443 Fig. 5; Mon. d. Line. X 1901, 645 Fig. 5; 

verwandten Einzelformen sind in Pompeji ver- österr. Jahresh. IV, 175; auch Ausonia III, 246 f. 

schiedentlich gefunden worden. Vgl. Not. d. sc. Fig. 9, 10; Mus. Borb. XV, Taf. XLVI. 

>) Jahrb. d. Inst. 1908, 107 f. 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß. iig 



bei A. Ihre Formen sind gedrückt und im Einzelnen wenig ausdrucksvoll. Ganz 
ebenso die Hundebeine. Bei A biegsam, an den Fesseln sehnig, mit langer schmaler 
Klaue und weiter oben mit gespannter feiner Muskulatur wie bei einem Hund guter 
Rasse. BeiB nichts von all dem. Entsprechend sind die Jünglingsfiguren ohne feinere 
Durcharbeitung der Form. Ferner sind die Verbindungsranken bei A großzügig, 
schwungvoll, zwar stark stilisiert, aber das einzelne Blatt, die einzelne Ranke und 
Knospe sich streckend, lebendig, mit feinster Detailausführung, bei B plump und 
ohne Schwung. 

Der Aufbau der beiden Stücke ist barock '), ähnlich wie bei dem Stabdreifuß 
von Industria, insofern zum Wesen des Barocks Formenreichtum, Formenvielfältigkeit 
und bewußte Komplizierung gehören. Aus den einzelnen Teilen ist hier ein Ganzes 
geworden, bei B durch die Art der Kombination, indem jedes Stück eine tragende 
Funktion bekommen hat, bei A mehr durch den Gesamtausdruck, durch das in den 
einzelnen Elementen gleichmäßig sichtbare Stilgefühl und die starke Akzentuierung 
der Sphinx. 

Im Anschluß an die Tische muß hier eine Anzahl von Geräten behandelt werden, 
die als Lampenuntersätze gebraucht wurden (Fernice, Arch. Anz. 1900, 181). 

Formengeschichtlich können sie nicht direkt auf einen Typus zurückgeführt 
werden, wenn auch eine gewisse Verwandtschaft mit den alten Stabdreifüßen nicht 
zu leugnen ist (Pernice, Arch. Anz. 1900, 182). Am nächsten der Tischform kommt 
ein Exemplar in der Bibliotheque nationale zu Paris (Babelon-Blanchet 1473) (Beil:, 
Abb. 20). Die drei Beine bestehen aus Löwenfüßen, welche in Schwanenbüsten mit 
ausgebreiteten Flügeln übergehen. Die Platte ruht auf einem breiten Ring, der mit 
einem Eierstabmotiv geschmückt ist und auf den Köpfen und Flügeln der 
Schwäne') aufruht. Zwischen den Beinen ist an dem Ring eine große nach unten 
gerichtete Palmette angebracht. 

Eine Anzahl weiterer Exemplare 2) (Beil., Abb. 21, 22) erinnert an die niederen 
Untersätze auf Löwenklauen, denen die ganze Gerätserie auch in der Größe etwa ent- 
spricht. Über der Löwenklaue ist das Bein entweder ganz gerade und ohne Ver- 
zierung») oder es teilt sich in zwei Voluten 3). Zwischen den Beinen sitzt ein nach 
unten gerichtetes Blatt 4) oder ein Löwenkopf. 

Zwei Stücke aus Pompei 5) sehen aus wie eine Verkümmerung der alten Stab- 
dreifüße. Der obere Ring ist sehr hoch. Die Beine teilen sich oben in drei Teile, von 

■) Der kleine Dreifuß aus dem Silberschatz von 3) Antichitk di Ercolano VIII 58, 59, 61. Nr. 59 

Hildesheim (Pernice- Winter, Taf. XXV, S. 50 f.) = Mau, Pompei» 396, Fig. 221. 

ist ein Ergebnis derselben Geschmacksrichtung, 4) a.a.O. 61. 

allerdings ein sehr feines. Auf die Verwandt- 5) a.a.O. 58, 61. 

Schaft seiner Ornamente mit denen des zweiten *) Große oft sehr fein und naturalistisch ausgeführte 

Stiles der römischen Wandmalerei wird a. a. 0. Blätter zur Raumfüllung oder Dekoration finden 

hingewiesen. sich häufig. Vgl. z. B. Not. d. sc. 1899, 443, 

') Löwenfüße in Schwanenkopf endigend kommen Fig. 7. Fröhner, Collection Gr^au Nr. 346 Taf. 

auch an Tischen vor. Jahrb. d. Inst. 1907, 126, LXa; Pernice- Winter, Hildesh. Silberf. 46, Taf. 

Fig. 10. XXII. 

7) Pompei II Taf. 95. Arch. Anz. 1900, 181 Fig. 7. 

9* 



I20 Karl Schwendemann, Der Dreifuß. 

denen der mittlere sofort an den Ring anschließt, während die seitlichen sich nach 
außen biegen, den oberen Ring zwar berühren, sich aber wieder loslösen und, sich 
tief herabbiegend, mit dem Seitenteil des nächsten Beines vereinigen. Durch- 
brochenes Rankenwerk füllt die dabei entstehenden Zwischenräume '). 

DIE KESSELDREIFÜSSE. 

Die Notwendigkeit einen Topf zum Kochen über das Feuer zu stellen mußte 
früh dazu führen, Gefäße herzustellen, welche sicher stehen konnten und dabei der 
Flamme freien Zutritt unmittelbar an die mit Flüssigkeit gefüllte Bauchung gestatteten. 

Töpfe mit drei Beinen sind denn auch in den frühen Fundschichten, z. B. in 
Troja von der ersten »Stadt« an nicht selten. Ein kleiner kupferner Kessel mit 3 Beinen 
von 17 cm Höhe fand sich im IV. Schachtgrab von Mykene »). 

Von all diesen Gestaltungen ist der eigentliche griechische Kesseldreifuß sehr 
zu unterscheiden. Sein Prototyp reicht hinauf in die mykenische Zeit. In der Nekro- 
pole von Knossos wurde in einem Grab, das eine ganze Menge schöner Bronzegeräte 
enthielt, ein Dreifußkessel gefunden 3) (Abb. 23), welcher alle wesentlichen Merk- 
male des griechischen Typus besitzt. Es ist ein spitzkugeliger Kessel, etwa wie der 
spätere griechische Deines, mit ziemlich starker oberer Einziehung, auf den ein kräftiger 
Rand genietet ist. An diesen sind zwei senkrecht stehende Ringhenkel angenietet. 
Sie bestehen aus zwei zusammen gearbeiteten Teilen, dem eigentlichen Ringhenkel, 
der durch einen breiten Wulst in der Mitte gegliedert ist, und einem horizontalen 
Stück, welches mit Nieten an den Rand des Kessels bfefestigt ist. Der Kessel ruht 
auf drei Beinen von rautenförmigem Durchschnitt, welche unten stark nach außen 
gespreizt sind, um die Standsicherheit des Ganzen zu erhöhen. Sie erweitern sich 
oben zu einer rhombusförmigen Platte, welche am Kessel ansitzt. Bemerkenswert ist, 
daß dieses Ansatzstück nur bis zum Anfang der Schulter des Kessels hinaufreicht, 
während es tief an den Kesselbauch herunter greift. 

Durch den Fund dieses Kessels wird erwiesen, daß der »Kesseldreifuß« keine 
Erfindung der Griechen ist, sondern der kretisch-mykenischen Kultur verdankt wird, 
ebenso wie die Xsß/)TE;, die großen bronzenen Kessel, die in Tylissos auf Kreta in 
einem mykenischen Herrensitz in mehreren schönen Exemplaren zu Tage kamen, bis zu 
1,40 D. messend (Arch. Anz. 1910, 150. 'Apx- 'E<P1H- I9I2, 221, Abb. 29, 30). Hier 
hat er als Gebrauchsgegenstand, als Kochkessel gedient, wie schon seine einfache 
Form beweist, welche mit ihren niederen gespreizten Beinen, dem mächtigen Kessel 
und den starken aufrecht stehenden Henkeln ganz dem Zwecke praktischer Benutz- 
barkeit entspricht. 

') Vgl. De Ridder, CoUection De Clerq III Taf. Exemplare gefunden. Auf Kreta, in der Gegend 

57, 3. und Richter, Metropolitan Museum, Bronzes des heutigen Dorfes Malia »lagen in einer Grube 

375, Nr. 1318. zwei wohlerhaltene bronzene Dreifüße mit eigen- 

^) SchUemann, Mykenae 440. artig geradwandigen dreihenkligen Kesseln und 

3) Archaeologia 59, 1905, 426 Taf. 89, Fig. 38; grobe minoische Scherben«. (Karo, Arch. Anz. 

433, 14 p. H. = 0,47, D, = 0,41. H. der Beine 1916, 154.) 
= 0,33 m. Inzwischen wurden auf Kreta weitere 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß. 121 



Die Reste der ältesten auf griechischem Boden in Olympia gefundenen Kessel- 
dreifüße zeigen dieselbe Gestaltung. Aber Beine und Henkel sind aus Eisen und 
nur der Kessel aus Bronze '). Es ließ sich sogar feststellen, daß auch hier noch Exem- 
plare vorkamen, bei welchen die Beine am Bauch befestigt waren ^), während sonst 
bei den olympischen und allen späteren Dreifüßen der Beinansatz bis zum Kessel- 
rand hinaufreicht. Ein weiterer Unterschied besteht in der Befestigung der Henkel. 
Sie bestehen aus drei Teilen: »l. aus dem Kesselansatz, einem glatten horizontalen 
Streifen mit Nagellöchern an den Enden, 2. aus dem Kesselhenkel, dem von der Mitte 
dieses Ansatzes oder dem untersten Teil des Ringhenkels außen nach unten gebogenen 
Henkel, welcher sich unten zu einem mit Nagelloch versehenen Ansatz an den Kessel 
verbreitert, und endlich 3. aus dem emporstehenden Ringhenkel, welcher bei größeren 
Exemplaren mit dem Kesselansatze durch zwei vertikale Stützen verbunden ist« 3). 
Es ist also zu den beiden Teilen des Henkels an dem Exemplar von Knossos ein drittes, 
der Kesselhenkel hinzugekommen, was offenbar durch den Umstand veranlaßt ist, 
daß die olympischen Dreifüße keinen angesetzten Rand haben 4). Damit der Henkel 5) 
bei der Schwere des Gefäßes den nötigen Halt hatte, mußte er außer durch den 
Kesselansatz noch durch ein an den Bauch herunter greifendes Stück befestigt 
werden. 

Aus den Resten der großen in Olympia einst vorhandenen Dreifüße hat 
Furtwängler drei Klassen rekonstruiert, von denen die erste die früheste und 
einfachste ist, die zweite und dritte aber neben einander hergehen und reichere For- 
men zeigen (Beil., Abb. 24 a, b, c). 

Bei der ersten Gattung sind die Beine massiv, zuerst von Eisen, dann von 
Bronze, von rautenförmigem, sechs- oder achteckigem Durchschnitt. Die Seiten, 
erst einfach glatt, werden später kannelurenartig ausgetieft. Die Beine sind kurz, 
etwa 50—70 cm hoch, die Kessel sehr bauchig, die Ringhenkel schwer, mit Strick - 
Verzierung, oft auch mit Doppelspiralen geschmückt. 

Charakteristisch für die zweite Gattung ist zunächst, »daß nur Kleinigkeiten 
an denselben wie die figürlichen Zutaten gegossen, alle anderen Teile aber gehämmert 
sind. Die Füße wie die Henkel bestehen aus starkem Blech von i —3 mm Dicke. 
Dieselben sind mit von der Oberseite eingeschlagenen geometrischen Verzierungen 
bedeckt. Das Hauptmotiv derselben bilden konzentrische Kreise, welche durch Tan- 
genten verbunden werden. . . . Die Ringhenkel sind auf beiden Seiten verziert, die 
Beine natürlich nur auf einer« ^). Die Beine dieser Gattung bestehen bei den kleinen 
Exemplaren aus einem breiten Blechstreifen, bei den großen aus einer Vorderseite 
und zwei im rechten Winkel mit ihm durch Zapfen verbundenen schmalen Neben- 
seiten, da bei der Größe der Geräte eine Verstärkung notwendig wurde. Auf den 

■) Olympia IV S. 75. henkeis begegnet auch sonst gelegentlich, z. B. 

') a.a.O. S. 76. an einer Dipylonvase (Ath. Mitt. 1892, 206, 

3) a. a. 0. S. 78. Taf. X), anderes, sogar profiliertes Exemplar an 

4) a. a. 0. S. 80. »Das Blech wird am Rande ein- einem Becken aus dem Tumulus III von Gordion 
fach dicker und springt nach innen etwas heraus«. (G. u. A. Körte, Gordion 72 Nr. 59, Abb. 52). 

5) Die bei den Dreifüßen übliche Form des Ring- *) Olympia IV S. 81. 



X22 Ka.r\ Schwendemann, Der DreifuS. 



Henkeln stehen meist geometrisch stilisierte Pferde. Die Henkel waren vielfach durch 
vertikale Stützen des weiteren befestigt. Diese hatten oft die Form eines nackten 
Jünglings, der auf dem Kesselrand aufstehend mit den Händen den Ring stützt. 

»Während die zweite Gattung nur aus einem einzigen festen Typus bestand, 
der fertig auftritt, ohne sich wesentlich weiter zu entwickeln, so begegnen uns in der 
dritten Gattung wieder mannigfaltige Typen, welche jene Entwicklung fortsetzen, 
die wir in der ersten Gattung beobachtet haben. Das Neue und Charakteristische 
der Gattung ist, daß die gegossenen Henkel, und besonders die Beine, sich durch die 
in Blech gehämmerten Formen sowohl als durch die reiche Ornamentik der zweiten 
Gattung beeinflußt zeigen. Die Beine nehmen jene Gliederung in eine breite Vorder- 
und zwei schmale Nebenseiten an, welche dort durch die Technik der aus Blechstreifen 
zusammengenieteten Teile gefordert war, während sie hier in lediglich dekorativer 
Absicht nachgeahmt wird. Wir fanden in der ersten Gruppe eine durchaus konsequente 
stilvolle Entwicklung aus der Plumpheit der polygonalen Formen der Beine zur Ele- 
ganz mannigfacher Kannelierung. Diese Entwicklung wird nun unterbrochen durch 
die Nachahmung der Formen einer fremden Technik. Auch die Henkel suchen dem 
Blechstil nahezukommen. Sie bestehen nicht mehr aus einem massiven Reif von 
rundem Durchschnitte, sondern aus einem breiten und flachen Ringe, welcher häufig 
wie ausgeschnitten und mit durchbrochenen Verzierungen versehen ist. Endlich 
wird auch die Ornamentik der Blechdreifüße nachgeahmt; nur tritt in der Gußtechnik 
an Stelle der eingeschlagenen Arbeit das Relief« '). 

Die drei Gattungen der in Olympia vorkommenden Dreifüße repräsentieren 
eine lange Entwicklung. Sie reichen mit den ihnen verwandten Dreifußresten vom 
Heraion in Argos und von Delphi über die ganze lange Epoche vom mykenischen 
bis zum archaischen Stil. Das wird einmal aus einer Analyse ihrer Ornamentik klar. 
Mit den Kesselhenkeln Olymp. IV. Taf. XXX 575, 571 und Taf. XXIX 572, 570 
befinden wir uns noch ganz im Bannkreis spätmykenischer Ornamentik ^). Brillen- 
spirale und plastisches Strickornament bestreiten die Dekoration ähnlich wie an den 
mykenischen Stabdreifüßen und den kyprischen Bronzewagen. Die mykenische Or- 
namentik lebt hier fort, ähnlich wie wir das bei den Stabdreifüßen gesehen haben. 
Die genannten Stücke stehen somit am Anfang der olympischen Gruppe. Da sie, wie 
wir noch sehen werden, sicher nicht aus mykenischer, sondern nachmykenischer Zeit 
stammen, andererseits rein spätmykenisch dekoriert sind, kann man sie wohl unbe- 
denklich der Zeit des protogeometrischen Stils zuweisen. Auf sie folgt die von Furt- 
wängler als Typus II der olympischen Dreifüße festgelegte Gruppe des Blechstils. 
Sie zeigen die volle Entfaltung des geometrischen Stils, in ähnlicher Reinheit wie die 
klassisch-geometrischen Gefäße auf Thera. Typus III geht, wie schon die Nach- 
ahmung des Blechstils beweist neben diesem her, aber auch noch über ihn hinaus 
bis in die Zeit des orientalisiercnden Stils. Das beweist einmal der Löwe auf dem 



') Ebda. S. 90. Fig. 203) ist ein Henkel mit ä jour gearbeitete 

') Auch in Delphi (Fouilles de Delphes V, 65. Brillenspiralenverzierung gefunden. 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß. 



123 



Henkel Olymp. IV Taf. XXX, 641 '). Außerdem das häufige Vorkommen der fort- 
laufenden Spirale, Olymp. IV, Taf. XXVIII 632 a, 632, 629, 641, 574 neben den geo- 
metrischen Zickzackornamenten -). 

Die Frage der Chronologie der olympischen Dreifüße berührt sich aufs engste 
mit der Frage nach dem Alter der Fundschichten des Heiligtums von Olympia. Die 
Kontroverse darüber zwischen Dörpfeld 3) und Furtwängler 4) hat sich trotz des Nach- 
weises, daß Olympia schon in mykenischer Zeit besiedelt war 5), zu Gunsten Furt- 
wänglers entschieden. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß die mykenische Schicht 
Olympias von den späteren, in denen die massenhaften Ablagerungen von Votivtieren 
und Dreifußfragmenten sich fanden, durch eine Sandschicht getrennt ist *), welche 
nicht von Anschwemmung stammt, sondern das Resultat einer Planierung ist. 

Die ältesten Bronzen und Terrakotten von Olympia müssen ganz eng an das 
Ende der spätmykenischen Epoche angeschlossen werden. Denn einmal fanden sie 
sich gerade in den tiefsten Schichten 7). Zum andern zwingt zu dieser Annahme ihr 
stilistisches Verhältnis zu den Terrakottarindern, -Pferden und -Idolen, welche beim 
Aphaiatempel in Ägina *) zahlreich zu Tage kamen und nach Technik und Bemalung 
in spätmykenische Zeit gehören und importiert oder lokale etwas spätere Nachahmung 
sind 9). Mit den ältesten der in Olympia gefundenen Bronzen und Terrakotten kommen 
wir also nahe ans Ende der spätmykenischen Epoche. Das oben über den Zusammenhang 
der olympischen Dreifüße mit Spätmykenischem Gesagte bestätigt sich demnach. 

An anderen Orten Griechenlands läßt sich die Entwicklung des Kesseldreifußes 
im orientalisierenden Stil deutlich verfolgen. Auch einige in Olympia nicht vertretene 
geometrische Varianten finden sich. Es kommen dabei die Funde im argivischen 
Heraion i»), in Delphi ") und auf der athenischen Akropolis ") in Betracht. 

») Vgl. Schröder, Text zu Brunn-Bruckra. Taf. sei, muß bei den Spiralen des olympischen 
641 — 45. Der Löwe kommt im geometrischen Typus III zweifellos im letzteren Sinne ent- 
Stil beinahe garnicht vor. Auch Typus II reicht schieden werden, schon deswegen weil Typus III 
bis an die Schwelle der archaischen Epoche, deutlich eine Nachahmung des klassisch-geo- 
wie das »der letztenEntwicklungdesgecm. Stils«; metrischen Typus II darstellt, zu dessen Zeit auf 
aus seinem »Übergang zum archaischen Stile« dem Festland die mykenischen Überlebsei völlig 
angehörende Pferdchen auf dem Henkel Olympia abgestorben waren. Außerdem sind in Delphi 
IV, 86 Nr. 607 beweist. Reste einer dem Typus III von Olympia ent- 

^) Diese chronologische Aufeinanderfolge der olym- sprechenden Gattung gefunden (siehe unten), 

pischen Dreifüße übersieht Schweitzer (Ath. die archaische Dekorationselemente aufweisen, 

Mitt. 1918, 87 u. 99). »Furtwänglers Ableitung 3) Ath. Mitt. 1906, 215 ff. 

aus dem mykenischen Stil« gilt nicht für 4ie 4) Kl. Sehr. I, 446 ff. 

Laufspiralen des Typus III, sondern nur für die 5) Ath. Mitt. 1908, 185 ff.; 1911, 181 ff. 

Brillenspiralen des Typus I. Die an sich stets *) Ath. Mitt. 1911, 185. Arch. Anz. 1909, 572. 

zu stellende Frage, ob man es mit mykenischen 7) Olympia IV S. 28, 38, 43. 

oder orientalisierenden Elementen zu tun hat, 8) Furtwängler, Aegina 374. 

mit anderen Worten, ob die Dekorationselemente 9) a.a.O. 375. 

von einem autochthonen Weiterleben des Mykeni- ■») Waldstein, The Argive Heraeum. 

sehen stammen oder der nach Jahrhunderten aus ") Fouilles de Delphes V S. 59 — 72. 

dem Osten und Südosten zurückflutenden Welle, ''') De Ridder, Les Bronzes de l'Acropole d'Athenes 



die ja auch mykenische aber nur im Osten lebendig S. 9 — 21. 

gebliebene Elemente wiederbringt, zu verdanken 



124 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß. 



Der olympische Typus III findet sich in Delphi und im Heraion noch um einige 
Züge bereichert. Zwischen die Ornamentstreifen des Beines und die Verzierung seines 
oberen Ansatzes sind öfter ') ein oder mehrere Felder eingeschoben, die als Füllung 
ein Ordenskreuz tragen, meist eingeschlossen in zwei konzentrische Kreise, zwischen 
denen eine Zickzacklinie läuft. Dieses Ornament ist dann öfters noch durch einen 
oder mehrere horizontale Streifen von dem vertikalen Dekorationsschema des Beines 
getrennt ^). Das Ansatzstück des Beines ist dann immer besonders behandelt und 
trägt eine Riefelung, deren Linien den beiden Beinrändern entlang laufen, unten 
rechtwinklig umbiegen und sich treffen. Die Einfügung eines Zwischengliedes in 
die Ornamentik des Beines konnte nur den Zweck haben zwischen der Vertikale des 
Beines und der Horizontale des Kessels eine optische Vermittlung herzustellen, wie 
ja auch bei Typus II von Olympia das Ansatzstück des Beines nicht selten mit hori- 
zontalen Tangentenkreisen ausgestattet ist. Aber eine Vermittlung fehlt dort. Ihr 
konnte gerade das Kreuz mit dem umlaufenden Zickzack gut dienen, weil es an beiden 
Bewegungsrichtungen teilnehmend, dem Auge den besten Halt bietet. An Stelle des 
Kreuzes erscheint in einem Falle eine sechsblättrige Rosette 3). Besonders interessant 
ist das Fragment eines großen Beines 4). Es war offenbar in über einander liegende 
Felder eingeteilt, die Reliefschmuck trugen. Vom obersten durch einen Eierstab 
umrandeten Felde ist noch die eine Hälfte erhalten und zeigt die obere Hälfte einer 
geflügelten Göttin mit den in archaischer Weise oben nach innen gebogenen Flügeln, 
also wohl eine uoTvta Or^pöüv. Wir befinden uns bereits im orientalisierenden Stil. 
Das Stück beweist zudem, daß die Nachahmung des Blechstiles sich auch auf die Aus- 
schmückung der Beine mit Reliefs ausdehnte; denn diese Art von Reliefs ist den sog. 
argivisch-korinthischen Bronzereliefs geläufig und von diesen doch jedenfalls zuerst 
auf das verwandte Material der Blechdreifüße übertragen und erst nach ihrem Vorgang 
im Guß nachgeahmt worden. 

Einige Stücke des Typus III machen ein interessantes technisches Detail deutlich; 
der Raum zwischen den Nebenseiten ist nachträglich ganz oder teilweise mit Bronze 
ausgegossen worden 5). Man hatte also die Nachahmung von Typus II so weit ge- 
trieben, daß man diesen Fehler nachträglich wieder gut machen mußte. Auch in 
Olympia fanden sich Beine des Typus III, die noch einer besonderen Verstärkung 
bedurften und diese in Gestalt einer dritten Nebenseite zwischen den zwei regelmäßig 
vorhandenen erhielten ^). Man suchte eben mit allen Mitteln der dekorativen Wirkung 
des Blechstils nahezukommen und mußte darauf achten, auf andere Weise die Beine 



') Fouilles de DelphesV 241, 242, 243. Argivc He- Ath. X, PI. C. Mon. d. Line. I tav. XIII). Es 

raeum 221. scheint sich im Südosten aus der mykenischen 

') Das Ordenskreuz ist ein geläufiges geometrisches Kunst erhalten zu haben und von dort wieder 

Dekorationsmotiv und auf Vasen sehr oft anzu- nach Westen vorgedrungen zu sein. Vgl. auch 

treffen, z. B. auf den geometrischen von Rhodos Mayer, Apulien 197 fif. 

und Milet (Catal. of Vas. Brit. Mus. I, 2, C 745, 3) Fouilles de Delphes V 243 Fig. 217. 

763. 775. 780), von Thera (Thera II, Fig. 322, 4) Ebda. 191, Fig. 183. D. = 0,18 m. 

324, 330), auch auf mykenischen Vasen (Ath. 5) Waldstein, Arg. Her. 2218, 2221. 

Mitt. 1897, 231) und Urnen (Ann. Brit. Seh. ') Olympia IV, bes. 627, 627 a. 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß. j 2 C 



wieder zu verstärken, da natürlich gegossene Bronze nicht dieselbe Widerstands- 
kraft besitzt wie gehämmerte. 

Die Nachahmung des Blechstiles in der Gußtechnik legt den Gedanken nahe, 
daß Typus II, der in Olympia ganz fertig auftritt, von irgendwoher eingewandert ist 
und den Gußtypus zu verdrängen drohte, der sich nur dadurch helfen konnte, daß er 
die Formen des Rivalen möglichst treu nachahmte. Woher dieser fertige Blechstiltypus 
kam, ist bis jetzt nicht auszumachen '). ' 

Schon oben wurden an Typus III vereinzelte orientalisierende Elemente ange- 
merkt, die als Nachahmung des Blechstils betrachtet wurden. Verfolgt man die Ent- 
wicklung des Typus II weiter, so findet man dieses Urteil bestätigt, zu dem schon 
allgemeine, Erwägungen drängen müssen. Der Blechstil hat durch sein Material 
den Vorzug leichterer Wandlungsfähigkeit. Er steht dem Reliefstil durch Material 
und Technik nahe. Ferner konnte eine bis auf Kleinigkeiten sich erstreckende Nach- 
ahmung durch den Gußstil öfter bemerkt werden. Das zwingt zu der Vermutung, 
daß der Blechstil in der Aufnahme der orientalisierenden Elemente voranging, und 
sie wird bestätigt durch die Tatsache, daß die Reste eine reiche Entfaltung des Blech- 
stiles innerhalb der orientalisierenden Kunst erschließen lassen. 

Fragmente von der Akropolis zeigen das weitere langsame Eindringen des orien- 
talisierenden Stils in die Ornamentik der Blechdreifüße 2). Gleichzeitig tritt ein neuer 
Typus von Dreifußbeinen auf, deren Dekoration ganz orientalisierend ist3). Sie be- 
stehen aus einem Rahmenwerk von 2 cm breiten und 1/2 cm dicken Bronze - 
leisten mit Strickmuster. Darauf sind von hinten Bronzebleche von i mm 
Dicke aufgenagelt, welche den Zwischenraum ausfüllen und in reliefgeschmückte 
Felder eingeteilt sind. Zur Verstärkung waren hinten auf jeder Seite noch einmal 
schmale Streifen von Bronzeblech aufgenagelt, welche nach unten breiter wurden. 
Die an den Rändern dreifache Bronzelage genügte zwar den Forderungen der Sta- 
bilität, aber diese Konstruktion hat es verschuldet, daß nur geringe Reste der Reliefs 
erhalten geblieben sind. Sie lassen aber soviel erkennen, daß die auf den schwarz- 
figurigen Vasen so beliebten Kompositionen hier die Themen der Dekoration abgaben, 
natürlich in anderer Weise. Der beschränkte Raum der quadratischen Bildfelder 
gestattete nur Gruppen zu wenigen Personen oder Tieren. Es scheint, als ob Tier- und 
Menschengruppen in den einzelnen Bildfeldern abwechselten. Wenigstens ist das bei 
dem größten der erhaltenen Fragmente der Fall 4). Wenn wir die wenigen Fragmente 
durch die Vasenbilder und besonders durch die sog. argivisch-korinthischen Reliefs 
in der Phantasie ergänzen, so erhalten wir eine Vorstellung von dem Reichtum, zu 
welchem sich der Blechdreifußtypus entwickelt hat 5). Auch die Henkel wurden 

') Schweitzers Herleitung von Typus III (Ath. 4) De Ridder 29; J. H. St. XIII, 264 Fig. 30. Zwei 

Mitt. 1918, 87), die nicht mit lauter stichhaltigen Löwen im Wappenschema; darunter Kampf 

Gründen belegt wird, läßt sich keinesfalls auf zweier Athleten um einen Dreifuß. Eine Palmette 

alle olymp. Dreifüße ausdehnen, am wenigsten das Feld füllend. De Ridder 33. Ebda. 40, Krieger 

auf den Typus II, den geometrischsten von allen. mit korinthischem Helm. 

^) J. H. St. XIII, 235 Fig. 3. De Ridder, Bronzes 5) Danach müssen wir uns die lirE(pYoc((j.ivo an 

de l'Acr. 25. den Dreifüßen des Gitiadas in Amyklai vor- 

3) De Ridder 29 — 46. J. H. St. XIII, 265 ff. stellen. Das paßt auch chronologisch, da Gitiadas 



126 Karl Schwendemann, Der Dreifuß. 



geschmückt. Im Akropolismuseum befindet sich ein Henkel, dessen Rund durch die 
in Blech ausgeschnittene Figur einer Gorgo mit feiner Detailgravierung ausgefüllt 
ist ■), ganz im Stil des großen Heraklesreliefs von Olympia *), und in der Technik 
den Reliefdreifußbeinen entsprechend. 

Soweit kann die Entwicklung des Kesseldreifußtypus in Metall an den Resten 
selbst verfolgt werden. Später fehlen diese. Wir haben Weihinschriften, Vasen- und 
Münzbilder und Übertragungen der Form in den Stein, freiplastisch oder in Relief. 
Sie bilden die Quelle unserer Kenntnis, und hinzu tritt gelegentliche Erwähnung in der 
Literatur. Ganz losgelöst vom Zwange praktischer Benutzbarkeit als Gebrauchs- 
gegenstand, folgt der Typus in seiner Entwicklung dem Streben nach freier Gestaltung, 
noch mehr als bisher. 

Die Beine der älteren Dreifüße endigen unten einfach mit glattem Abschnitt. 
Die Dekoration hört meist schon ein Stück vor dem unteren Beinende auf. Die Ge- 
räte standen also entweder im Freien in der Erde oder waren in eine steinerne Basis 
eingelassen. Seit dem sechsten Jahrhundert sitzt nach Ausweis der Münzen und Vasen 
am Beinende stets eine Löwenklaue, so schon auf der Frangoisvase 3). Ferner treten an 
die Stelle der in alter Zeit üblichen zwei Henkel drei, welche über den Beinen stehen, 
während sie früher zu denselben in keinerlei Responsion gestanden hatten. Dadurch 
wird eine einheitlichere und ruhigere Wirkung erzielt 4). 

Für die Befestigung der Henkel hat man öfter die dekorative Form der Pal- 
mette verwendet 5), ein an den Bronzegefäßen des VI. und V. Jahrhunderts ja äußerst 
beliebter Ansatz. Auch die Art des Ansatzes zeigt Veränderungen. Bei den ältesten 
olympischen Dreifüßen saßen die Henkel noch etwas unterhalb des Kesselrandes auf. 
Typus II stellt sie höher, so daß zwischen Rand und Kessel eine Fuge bleibt, ebenso 
Typus III. So ist es noch auf vielen archaischen Vasenbildern *). Die Henkel rücken 
immer höher 7), bis sie manchmal um die Hälfte ihres Durchmessers vom Kessel- 
rand abstehen. Da gerade auf einer Anzahl sehr sorgfältig gemalter Vasen dieser Zug 
auftritt, wird man darin keine Zufälligkeit sehen dürfen. Er scheint vielmehr mit 
einigen anderen auf dasselbe Streben zurückzugehen. Man wollte die auch in den 



in der Mitte des VI. Jahrhunderts tätig war. dreihenkliges Gerät malte. Gegen Ende des 

Pauly-Wiss. VII, 137. VI. Jahrhunderts scheint der dreihenklige Typus 

J) J. H. St. XIII, 267 Anm. 20. Regel geworden zu sein. 

») Olympia IV Taf. XL. 5) österr. Jahreäh. 1907 Taf. III, IV; Mon. d. Inst. 

3) Die Löwenklaue setzt deutlich ab, und der II 46, 26; Furtw.-Reichh. 91. Zuweilen ent- 
Knöchel des Löwenbeines ist durch einen Vor- wickeln sie sich aus Voluten: Furtw.-Reichh. 
Sprung über der Einziehung der Klaue markiert. 134. Auch Doppelpalmetten kommen vor, die 
Je nach der Sorgfalt des Vasenmalers erscheinen dann vom Kesselrand gerade in der Mitte über- 
die Klauen lebendig und ausdrucksvoll, so auf schnitten werden. Catal. Vas. Brit. Mus. II 
einer Amphora des »Tüftlers« Phintias (Furt- B 195. Abb. 30. S. 22. 

wängler-Reichhold Taf. 91), oder schematisch ') Z. B. Gerhard A. V. 157. Furtw.-Reichh. 133 

und ausdruckslos. u. sonst öfter. 

4) Interessant ist, daß der Maler Phintias in zwei 7) Gerhard A. V. 225. Furtw.-Reichh. 32, 134. 
uns erhaltenen Darstellungen des Dreifußraubes Mon. d. Inst. II 46. Pellegrini, Mus. civico di 
das eine Mal ein zweihenkliges (Furtwängler- Bologna I Fig. 35, Fig. 56. 

Reichhold Taf. 32), das andre Mal (ebda. 91) ein 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß. 



127 



entwickeltsten olympischen Exemplaren noch reichlich schwere Form leichter und 
graziöser gestalten. Schon die Aufnahme eines dritten Henkels konnte dazu beitragen, 
indem so die Vertikale der Beine über die Horizontale des Kessels hinausgeführt 
wurde. Besser noch, wenn, wie das die Vasenbilder des VI. und V. Jahrhunderts 
zeigen, die Bauchung des Kessels verringert wurde, und er mehr die Gestalt einer 
flachen Schale erhielt '). 

Während ferner die olympischen Dreifußkessel keinen Rand hatten, sieht man 
auf Vasenbildern sehr oft Kessel mit niederem Rand *), was eine sehr befriedigende 
Form ergibt. Die Bauchlinie des flachen Kessels biegt oben in graziösem Schwung 
um, läuft ein kleines Stück einwärts, um sich dann im Rand noch einmal zu erheben 
und auszulaufen. Später wird aus diesem Rand ein hoher Hals, an dem bisweilen 
die Henkel sitzen 3). 

Des weiteren wird das ganze Gerät schlanker, die Beine höher. Während bei 
den ältesten Dreifüßen aus Knossos, Mykenae und Olympia der Kessel breiter ist als 
die Beine hoch, ist das Verhältnis bei Typus H und HI etwa 4 : 5 anzunehmen 4) ; 
die Frangoisvase kommt auf 3 : 5, die Vasenbilder des Phintias auf 2 : 4, die des 
strengen und schönen Stils auf i : 3, ja i : 4 5). 

Es ist öfter zu bemerken, daß die Distanz der Fußpunkte der Beine geringer 
ist als der Durchmesser des Kessels. Die Beine neigen sich also oben etwas nach aus- 
wärts. Dadurch erscheinen die Verhältnisse schlanker'). Das hat sich gehalten. 



■) Z. B. Furtw.-Reichh. 32, 134; sehr schön Mon. 
d. Inst. II 46. 

') Furtw.-Reichh. 133, 32, 134, 91. Mon. d. Inst. 
II 46. 

3) Angelini-Patroni, Vasi dipinti. Taf. 38. Mon. 
d. Inst. VI/VII 71, 2. Der Kessel mit Hals ist 
auf Münzen des IV. Jh. besonders häufig, z. B. auf 
solchen von Zakynthos (Cat. Greek Coins Br. 
Mus. Peloponnes 97 Nr. 33 Taf. XIX 23). Auf 
denen von Kroton ist die Form mit und ohne 
Hals abwechselnd (Cat. Gr. C. Brit. Mus. Italy 
S. 348 £f.) zu sehen. 

■1) Nach Furtwänglers Rekonstruktion a. a. O. Taf. 
40. 

5) Zuweilen begegnen übermäßig schlanke Verhält- 
nisse (Furtwängler, Gemmen Taf. X8; Furtw.- 
Reichh. 32, 133; Gerhard A. V. 225. Mon. d. 
Inst. I 9, 3 II, 46). Sehr schlank war auch das 
platäische Weihgeschenk. Die Höhe des jetzt 
noch erhaltenen Schlangengewindes beträgt 5,35 
m. Rechnet man die verloren gegangenen Stücke 
mit etwa "/lo des jetzt vorhandenen, setzt man 
außerdem einen flachen Kessel mit einem Ver- 
hältnis zwischen Kesseltiefe und Kesseldurch- 
messer von I : 3, wie es zahlreiche Vasenbilder 



der Zeit zeigen, und den Kesseldurchmesser 
zu 1,30 m (Verhältnis ca. i : 3) so kommt man 
auf eine Beinlänge von 6,30 m. Die von Furt- 
wängler publizierte Basis des Weihgeschenkes, 
welche von den Franzosen in Delphi wieder- 
gefunden wurde, zeigt einen Beinabstand von 
1,15, so daß ein Verhältnis von 5,5 : i zwischen 
Beinhöhe und Kesseldurchmesser sich ergibt; 
eine unerträglich schlanke Form für die erste Vor- 
stellung. Erst wenn wir eine ungewöhnlich 
starke Neigung der oberen Beinenden nach außen 
um mehr als die Hälfte der unteren Bein- 
distanz annehmen, kommen wir zu einem 
annehmbaren Verhältnis. Wir dürfen nicht ver- 
gessen, daß bei der gewaltigen Höhe des Monu- 
ments, das auf einer mehrstufigen Basis stand, 
eine sehr starke Ausladung der Beine und ein 
sehr großer Kessel nötig war, wenn das Ganze 
richtig wirken sollte. Wir dürfen demnach einen 
Kesseldurchmesser von i,8ö annehmen und 
hätten dann das Verhältnis etwa I : 3,5. Die 
Rekonstruktion bei Springer-Michaelis 9 Fig. 396 
ist demnach kaum schlank genug. 
') Z. B. Furtw.-Reichh. 32, 133. Gerhard, A. V. 
225. Mon. d. Inst. I 9, 3 II 46. 



128 K.*'l Schwendemann, Der Dreifuß. 



Noch Dreifüße auf römischen Monumenten zeigen oft diese kaum merkhche Neigung 
der Beine, die man eigentlich nur durch Nachmessen kontrollieren kann '). 

Auch sonst lassen sich noch verschiedene weniger wichtige Züge anmerken, 
welche die Formen bereichern. Die Henkel werden mit einem ganzen Gitterwerk von 
Stäben verbunden, welche offenbar auf die schon an den olympischen Exemplaren 
vorhandenen Nebenstützen der Ringe zurückgehen. Über die Ringe wird zum Ab- 
schluß des Ganzen ein Reif gelegt, der nicht selten mit Zacken oder Stacheln ver- 
sehen ist, offenbar um den Vögeln das Aufsitzen auf die freiaufgestellten Weihdrei- 
füße zu verleiden. Vielleicht sollte dem zu einem Teil auch das Stabwerk zwischen 
den Ringen dienen. Ebenfalls einem praktischen Bedürfnis diente der bald flache, 
bald halbkugelige Deckel, welcher so oft (z. B. auf dem Fries des Lysikratesmonu- 
ments) auf den Denkmälern erscheint; er sollte offenbar den Kessel abdecken und 
das Eindringen des Regenwassers verhindern, das in dem Kessel stehen geblieben 
wäre und ihn in kurzer Zeit hätte zerstören müssen. 

Der Verstärkung des Gerätes galten die Horizontalringe an den Beinen, die in 
der Ein- und Mehrzahl erscheinen und schon in archaischer Zeit nachweisbar sind ^). 
Auch sie sind nicht selten mit Stacheln besetzt. 

Die Entwicklung des Kesseldreifußes vollzieht sich bis ins IV. Jahrhundert 
in den Formen des Metallgeräts. Die Vasenbilder zeigen deutlich stets den Typus des 
Dreifußes aus Metall. 

Diese Entwicklung ist reich und vielseitig. Aus dem mykenischen Kochtopf 
formen sich infolge der Bedeutung des Dreifußes als Kunstgegenstand und Anathem 
die in Olympia vertretenen Typen, deren fortgeschrittenste Vertreter uns zeigen, 
wie der vollentwickelte geometrische Stil das Problem löste, den alten Kochtopf zu 
einem freiaufgestellten Gerät ohne praktischen Zweck umzubilden, das nur ästhetischen 
Anforderungen zu genügen hatte. 

Ein flachhalbkugelförmiges Becken ruht auf drei breiten niit reichster geo- 
metrischer Dekoration ausgestatteten Beinen, die bis zum Kesselrande hinauflaufen. 
Zwei große ebenso dekorierte Ringhenkel stehen ohne Responsion zu den Beinen auf 
dem Kesselrande. Die Funde von der Akropolis lassen die archaische Durchbildung 
dieses Typus erkennen. Die Beine sind mit einer Vertikalreihung von Reliefs ge- 
schmückt, in das Rund des Henkels ist eine in Blech ausgeschnittene Figur kompo- 
niert. Palmetten, Rosetten und andere orientalisierende Ziermotive vervollständigen 
die Dekoration (Journ. Hell. Stud. XHI 265 ff.). Weiterhin tritt eine Responsion 
von Henkeln und Beinen ein, das Gerät wird schlank, der Kessel verliert an Schwere. 
Zutaten wie ein Ring über den Henkeln und solche um die Beine und anderes kommen 



') Z. B. Jahn, Bilderchroniken Taf. V; Rom. Mitt. unterhalb ihrer mittleren Höhe eingezogen sind, 

1896, 19, CR. St. Petersb. I Taf. III; Mon. d. um dann in einer leichten Ausbiegung nach 

Inst. IV, 4. Musees des antiques III Taf. 2. oben zu verlaufen. Altert, von Pergamon VII, 2 

Zoega, Bassirilievi II Taf. 98. S. 312 Nr. 402. Not. d. sc. 1880, 132. Taf. V. 

Ein origineller Versuch die Form graziöser Rom. Mitt. 1908, 35, Matz-v. Duhn 3664. Babe- 

zu gestalten ist es ferner, wenn die Beine auf Ion, Rois de Syrie S. 32 Nr. 224, T. VI. 
hellenistischen und römischen Denkmälern etwas ^) Furtwängler, Berliner Vasens. 1837. 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß. j 2Q 



hinzu. Die Notwendigkeit der Aufstellung der Dreifüße als Anatheme oder später 
als Dekorationsstücke beherrschte dann die wichtigsten Bildungen, die uns seit dem 
V. Jahrhundert erhalten sind, völlig. 

Sie lassen sich alle unter dem Gedanken der Gestaltung des Dreifußes als frei- 
plastisches Kunstwerk zusammenfassen. Diese vollzog sich in Metall, ganz besonders 
aber in Stein. 

Nun ist ein auf einer Basis gegen den freien Luftraum aufgestellter Dreifuß ein 
künstlerisches Unding. Der mächtige Kessel auf den drei dünnen Beinen hängt 
unsicher im Räume, da er keinen festen plastischen Körper unter sich hat, sondern 
nur eine durch die drei Beine angedeutete theoretische prismatische Körperlichkeit. 
Erhält ein bedeutender Künstler den Auftrag, einen Weihdreifuß zu bilden, so wird 
er sich dieser Schwierigkeit bewußt sein, die davon herrührt, daß ein reines Gebrauchs- 
gerät nun die Funktion eines freiplastischen Kunstwerkes zu erfüllen hat. Seine 
Vorstellung wird sich auf das theoretische Prisma zwischen den Dreifußbeinen konzen- 
trieren; dessen Unkörperlichkeit wird seine Vorstellung irgendwie beseitigen müssen. 
Andererseits darf die Tektonik der Dreifußform nicht verschwinden '). 

Die einfachste und durch die Monumente auch am zahlreichsten überlieferte 
Lösung *) ist die einer vierten Unterstützung des Kessels unter seiner Mitte durch 
eine Säule. Das Gerät bleibt so als solches in seinem Aufbau völlig klar, da die Durch- 
sicht zwischen Mittelstütze und Beinen nicht verhindert ist, und der Kessel hat nun 
einen seiner Masse entsprechenden tragenden Körper unter sich. Das Ganze gewinnt 
jetzt erst die durch's Auge geforderte Stabilität und besitzt eine nach allen Seiten 
gleiche Anschaulichkeit. Daß die Säule die auf den Denkmälern am häufigsten vor- 
kommende Art der mittleren Kesselunterstützung ist, kann man deshalb wohl schwer- 
lich als Zufall betrachten. 

Nicht weniger selbstverständlich ist es, daß bedeutende Künstler, wenn sie 
mit der Aufstellung eines Dreifußes betraut wurden, sich mit diesem einfachen Motiv 
nicht zufrieden gaben, sondern nach einem neuen Gedanken suchten. 

So stellten Gitiadas und Kallon weibliche Gewandstatuen unter ihre Drei- 
füße zu Amyklai. Denn ihre »Dreifußstatuen« wird man doch als Trägerinnen des 
Kessels auffassen müssen, oder besser als einen Versuch, das Problem der Umbildung 



') Eine Vorstufe, die primitivste Art der Besei- distanz von 40 — 53 cm ergeben, was ein» Höhe 
tigung des unplastischen Prismas zwischen der Dreifüße von 0,80- — 1,10 m entspricht, 
den Dreifußbeinen läßt sich aus Funden auf der können sehr wohl ästhetische Gründe maßgebend 
Akropolis von Athen erschließen. Eine Anzahl gewesen sein. (Ath. Mitt. 1908, 273.) Die An- 
Porosblöcke von der Gestalt eines rechtwinkligen sieht von Fabricius (Jahrb. d. Inst. 1886, 191), 
Dreiecks mit abgeschnittenen Ecken, deren jede der die »DreifußmittelstUtzen« mit der Not- 
einen breiten Falz trug, und ein gleichartiger wendigkeit der Entwässenmg des Kessels er- 
Block, der oben kalottenförmig eingetieft war, klären wollte, wird durch diesen Fund widerlegt, 
ließen eine Aufstellung von Dreifüßen erschließen, da von 'einer Entwässerungsvorrichtung für den 
bei der das Prisma zwischen den Beinen völlig Kessel keine Spur vorhanden ist. 
in Stein materialisiert war. Ob das aus tech- 2) Fabricius, Jahrb d. Inst. I 1886, 187 ff. Reisch, 
nischen oder künstlerischen Rücksichten gesche- Griech. Weihgeschenke 74,81. Ath. Mitt. 1906, 
hen ist, ist unsicher. Da die Blöcke eine Bein- 134 ff-, Klio IX, 153 ff. 



130 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß. 



des Gerätes zum freiplastischen Kunstwerk zu lösen. Gerade die archaische Gewand • 
figur eignete sich durch ihre Gebundenheit dazu besonders '). 

Aber die Dreifußstatue mußte der entwickelten Kunst als ungeeignet erscheinen, 
da sie der Forderung der allseitigen Anschaulichkeit nicht entsprach. Der 
Künstler, der das platäische Weihgeschenk schuf, von dem uns Basis und »Schlangen- 
säule« ja noch erhalten sind, hat eine neue, völlig befriedigende Lösung gefunden. 
Er verzichtete auf die Statue, ohne jedoch auf das simple Motiv der Säule zurück- 
zukommen, und wählte drei in einander gewundene Schlangenleiber, denen zu Liebe 
er dem Dreifuß sehr schlanke Proportionen gab. Diese Lösung entspricht der Forde- 
rung nach allseitiger Anschaulichkeit und vermeidet außerdem die Starrheit, welche 
eine Säule an derselben Stelle hat. Auf den sich windenden Schlangenleibern, deren 
züngelnde Köpfe zwischen den Beinen unter dem Kessel hervorschauten und deren 
Kontur, an sich lebendig, durch den Glanz der gewölbten Bronzeflächen jede tek- 
tonische Starrheit verlor, behielt der Kessel etwas von dem freien Schweben, das für 
den Eindruck des Dreifußes ohne Mittelstütze bezeichnend ist. Der Künstler gewann 
also bei allseitiger Sichtmöglichkeit eine plastische Stabilierung des Dreifußes, ohne 
daß der Eindruck des Schwebens beim Kessel ganz verloren ging, und löste so seine 
Aufgabe, den Dreifuß zu einem freiplastischen Kunstwerk zu gestalten, restlos. 

Als der Künstler, der die Pflanzensäule vonDelphi schuf (Beil., Abb. 25), sich vor 
ein ähnliches Problem gestellt sah, kehrte er zum Motiv der Dreifußstatue zurück»). 
Aber als Zeitgenosse des griechischen Barocks mußte er die Forderung allseitiger 
Anschaulichkeit noch stärker empfinden als der Schöpfer des platäischen Weihge- 
schenks. Ist doch das Hinausgreifen der Freiplastik in den Raum, ihre bewußte Ge- 
staltung als ein nach allen Seiten sich entwickelnder Organismus gerade das typische 
Merkmal des Barocks alter und neuer Zeit. So erscheinen denn auf der delphischen 
Pflanzensäule drei tanzende Koren unter dem Dreifuß. Es ist die barocke Lösung 
des Problems des freiplastischen Dreifußes mit Hilfe der menschlichen Figur. Der 
Künstler läßt, entsprechend den drei durch die Dreifußbeine gegebenen Flächen, 
drei Koren auftreten und gewinnt damit für jede der drei Seiten eine Frontalansicht. 
Durch die Tanzbewegung wurde gleichzeitig der Eindruck des Tragens vermieden, 
so daß, ähnlich wie am platäischen Weihgeschenk, das freie Schweben des Kessels 
erhalten blieb, um so mehr, als der metallene Dreifuß sich von dem Marmor der Plastik 
abhob. Aber die Verbindung der Elemente war loser als dort. 

Noch auf andere Weise hat die Antike versucht, das Dreifußgerät zum plasti- 
schen Kunstwerk umzubilden. Das plastische Vakuum zwischen den Beinen konnte 
auch von außen her beseitigt werden, so gut wie von innen durch »Mittelstützen«, 
wie, das zeigen zwei gemalte Dreifüße aus der Casa dei Dioscuri in Pompei (Herrmann- 
Bruckmann, Denkmäler d. Malerei d. Alt. Taf. 131), zu denen es mehrere Analogieen 
gibt, so daß man den »Eindruck eines künstlerischen Typus« hat. Es sind sehr schlanke 

') Vgl. Anhang über die Dreifußstatuen. Delphes II Taf. XIV (auch bei Luckenbach, 

') Vgl. die Rekonstruktion BuUes (Der schöne Olympia und Delphi Fig. 65). Ähnlich müssen 

Mensch 297 Abb. 70), die offenbar mehr Anspruch wir uns wohl den von Paus. I, 18,8 erwähnten 

auf Richtigkeit hat als die in den Fouilles de Dreifuß vorstellen. 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß. 



131 



Exemplare mit horizontalen Beinringen, auf denen Figuren (Niobiden) stehen und 
knieen. Diese füllen die Flächen zwischen Beinen, Beinringen und Kessel und geben 
dem Ganzen die Möglichkeit der plastischen Scheinexistenz. 

Am weitesten haben von dem ehemaligen Typus die Bemühungen abgeführt, 
den Kesseldreifuß als Steinplastik zu bilden. 

Chronologisch an erster Stelle stehen verschiedene Fragmente aus Pergamon, 
die uns zum ersten Male von dem Versuch Zeugnis geben, den Dreifuß als plastisches 
Kunstwerk in Stein zu gestalten. Ein Beinfragment ') hat flach-stabartige Form 
und endet oben in einem Kapitell, mit hohen Voluten, deren Aufrollung mit einer 
Rosette gefüllt ist. Die Fläche des Kapitells wird durch einen Akanthuskelch eingenom- 
men, aus dem sich ein arazeenartiger Blütenkolben mit einem Deckel auf der Spitze 
entwickelt. Das Bein ist als architektonisches Glied empfunden. Direkt über seinem 
Kapitell, das bis an den Rand des Kessels hinaufreicht, liegt ein mächtiger Kranz, 
von einem doppelten Band umschlungen, die Stephane, welche auf den Vasenbildern 
und Münzen seit dem V. Jh. so oft über den Henkeln der Dreifüße erscheint, sei es, daß 
damit der Kranz als Zeichen des Sieges oder als Symbol Apolls gemeint ist. Auch dieser 
Kranz ist hier als mächtiger Wulst architektonisch stilisiert. Die Henkel hat der Künst- 
ler weggelassen. Daß er dabei einer richtigen Empfindung gefolgt ist, lehren die Drei- 
füße, welche in Fragmenten im Baieuterion von Milet zutage gekommen sind, und von 
denen einer wieder zusammengesetzt und ergänzt werden konnte. (Beil., Abb. 26). 

Die eingehende Behandlung durch H. Winnefeld ^) erübrigt ein Weiteres. Die 
Dreifüße standen jedenfalls in den Winkeln des Buleuterions zwischen Umfassungs- 
mauer und oberster Sitzreihe. Die Gesamthöhe betrug etwa 3,87 m. 

Vom zweiten Dreifuß sind nur wenige Reste erhalten. Aber er stimmte im Auf- 
bau, weniger im Ornament, mit dem ersten überein 3). Die Übertragung des Metall- 
gerätes in Stein, wie sie freiplastisch für uns zum ersten Male diese milesischen Drei- 
füße dartun, ist recht unglücklich ausgefallen. Der Künstler vermochte sich nicht 
genügend vom Metallvorbilde loszumachen. Die Verbindung von Beinen und Kessel 
ist zu locker, der Kessel selbst tritt zu wenig in die Erscheinung und die großen hoch- 
gestellten Ringhenkel nötigten dazu, den oberen Teil des Dreifußes viel zu hoch zu 
bilden, so daß das ganze schlecht in den Proportionen und zusammenhanglos ge- 
worden ist 4). 

In einer Hinsicht sind diese milesischen Dreifüße aber bezeichnend für die 
Bildungen der hellenistischen und römischen Zeit, im Reichtum ihrer Zierformen, der 
ja in der gleichzeitigen Architektur viele Parallelen hat. 

Ganz natürlich werden auch bei anderen Übertragungen des Kesseldreifußes 
in Stein die Einzelformen in die Sprache der Architektur übersetzt. Die Beine werden 

') Altert, von Pergamon, VII 2, 349 Nr. 443. Bruch- Nr. 442. 

stück eines Beines H. = 0,22 mit beiderseits 4) Vgl. Mus. d. Ant. III. Autels PI. 2. Ein römischer 
anschließenden Teilen des Bauches. Künstler hat hier unter deutlicher Anlehnung 
^) Milet Heft II, S. 90 ff., Taf. 19, 20. an das Metallvorbild eine Übertragung in den 
3) Die Hälfte eines kleinen Marmordreifußes von Stein gegeben, die als völlig gelungen zu be- 
einfacheren Formen, Pergamon VII 2, 348, trachten ist. 



122 Karl Schwendemann, Der Dreifuß. 

als Pilaster auf stilisierten Löwenklauen, oben in ein Kapitell endigend, gebildet •). 
Ihre Vorderseite ist kannelliert, wie an den milesischen Stücken, oder mit Ornament 
übersponnen »). Die Henkel erscheinen zuweilen als Masken umstilisiert 3) oder als 
Rosetten gebildet 4). Die dionysischen Masken an den milesischen Dreifüßen finden 
ihre Analogie in Gorgoneien und Löwenköpfen an anderen Exemplaren 5). Auch die 
Beinendigungen sind nicht selten mit solchen Masken besetzt 6). Der Kessel ist fast 
regelmäßig geriefelt und teils flacher 7), teils tiefer. Öfter setzt sich die halbkugel- 
förmige Rundung des Kessels über die Beinendigungen hinaus in einer Einziehung 
fort und ergibt so eine hohe oben schmaler werdende Form ^), welche übrigens unter 
den auf römischen Reliefs erscheinenden Gefäßen nicht ohne Analogie ist. Wo ein 
oberer Ring über den Henkeln liegt, ist er öfter von Sphinxen getragen 9). Durch 
solche Bildungen wird man an die Beschreibung des 30 Ellen hohen Dreifußes in der 
Pompa des Ptolemaios Philadelphos erinnert. Die Worte des Athenaios (V 202 c) 
scheinen sich wenigstens nicht anders deuten zu lassen, als daß man die Figurjen auf 
dem Kesselrand annimmt. An altitalische Kessel mit Figurenschmuck zu erinnern 
geht nicht an, weil sie nur in hocharchaischer Zeit nachweisbar sind. 

Das letzte Wort in der Übertragung des alten Kesseldreifußes in den Stein 
hat dann die römische Kunst gesprochen durch ein dreifüßiges Marmorbecken, das 
aus der Hadriansvilla in den Louvre gekommen ist '") (Beil., Abb. 27). 

Vergleicht man dieses reife und feine Kunstwerk mit den Steindreifüßen aus 
dem Buleuterion von Milet, so erscheint es als die Lösung des Problems, das dort 
gestellt worden war. Die Übertragung der Form des Metallgeräts in den Stein, seine 
Gestaltung zu einem freiplastischen Kunstwerk in Marmor ist hier völlig gelungen. 
Die ehemals schlanke Form ist breit geworden und hat nun völlige Horizontaltendenz. 
Die bei einem statuarischen Marmorwerke sinnlosen Henkel sind verschwunden, 
alle Einzelformen sind rein architektonisch. Das mächtige Becken ruht mit auf einer 
vierten Mittelstütze, die dem ganzen erst plastische Sicherheit verleiht, indem sie 
das plastische Vakuum zwischen den drei äußeren Beinen beseitigt. Der jedem Archi- 
tekturwerk nötige Sockel ist vorhanden und tritt zu der kräftigen Hohlkehle unter 
dem Beckenrande in wirksame Responsion, während sein konkaves Lineament lebhaft 
gegen das vorspringende Kesselrund oben agiert. Dieselbe plastische Aktion, die 

O'Z. B. Zoega, Bassirilievi II Taf. 98. Mus. de «) Jahrb. d. Inst. IV 1889, 87 Taf. 11,2. Mon. 

antiques III. Autels Taf. 3, 2. d. Inst. IV, 4. 

') Mus. Torlonia Taf. 63, Nr. 243; Zoega II, Taf. 98. 9) Jahn, Bilderchron. Taf. 5. Furtwängler, Gemmen 

3) Zoega a. a. 0. Mus. d. ant. III, Taf. 3. Taf. 35, 44 (hellenistisch). Auf einer schönen 

4) Altert. V. Pergamon VII 2, 312, Nr. 402. Scherbe des Perennius Milani, Mus. archeol. 

5) Mus. d. ant. III, Taf. 2, 3 u. sonst. di Firenze Taf. 79. 

6) Robert, Sarkophagreliefs II, Taf. 56. Furt- ">) Mus^es d. ant. III. Fontaines Taf. 11. Gus- 
wängler, Berl. geschn. Steine 2240. man, L'art dfoorat. de Rome. Taf. 2. Ders., 

7) Not. d. sc. 1880, 132, Taf. V4; besonders des- Villa impir. de Tibur 265 Fig. 440. Pentelischer 
wegen interessant, weil die Form des Kessels Marmor H. 1,43 m, D. 1,35- Hat einst als Fon- 
genau mit der eines Stückes aus der Tomba del täne gedient. Durch die Mittelstütze lief das Rohr. 
Duce in Vetulonia übereinstimmt (Montelius Ein ähnliches Becken ebenfalls aus der Hadrians- 
Taf. 194,24); also nach vielen Jahrhunderten villa bei Gusman, Villa imp^r. de Tibur 265, 
dieselbe Form. , Fig. 439. 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß. j j ? 



Übrigens auch in den Ranken auf den Beinen und deren Kapitellen zum Vorschein 
kommt, beherrscht die Mittelstütze und die Kesselbildung. Auf der runden Basis 
der Mittelstütze erhebt sich ein Blattkelch, und aus ihm dreht sich mit Verjüngung 
nach oben der Träger empor. Aus seiner, wie durch die Last breitgedrückten Endi- 
gung fahren dann die Riefelungen des Kessels heraus. Ein Profil gebietet ihnen Halt, 
in seinem Wulst sammelt sich die Bewegung, ebbt in tiefer Kehlung zurück, wieder 
nach außen und wird durch einen Eierstab endgültig beruhigt. 

Ein Werk klassischen Barocks der Kaiserzeit, in seinem reichen aber völlig 
harmonisierten plastischen Antagonismus! Ebenso wie diese Brunnenschale nach 
Zweck und Benutzung mit ihrem Prototyp, dem griechischen Kesseldreifuß, nichts 
mehr gemein hat, ist sie in ihrer formalen Durchbildung von ihm völlig unbeeinflußt '). 

DIE ITALISCHEN KESSELDREIFÜSSE. 

In den archaischen Fundschichten Italiens begegnen eine ganze Reihe von 
Kesselformen, die hier behandelt werden müssen, wenn sie auch meist kein besonderes 
stilistisches Interesse erregen. 

Es unterscheiden sich zunächst eine Anzahl Exemplare mit flachhalbkugeligem 
Becken und drei in geringem Abstand an den Bauch befestigten gegossenen Beinen, 
die zunächst abwärts, dann fast rechtwinklig nach außen verlaufen, um dann wieder 
rechtwinklig nach unten zu biegen und unten mit Menschenbeinen zu endigen. Auf 
dem horizontalen Stück ist meist eine figürliche Zutat angegossen, ein Reiter mit 
spitzem Helm, von frühgeometrischer Stilisierung ^). Die Form des Gerätes ist immer 
dieselbe mit genügen Unterschieden im einzelnen und in der Größe. 

') Über die Gröi3e der Kesseldreifüße ist folgendes platäische Weüigeschenk ist ca. 6 m hoch gewesen 

bemerkenswert. Die ältesten Exemplare aus (Rekonstruktion bei Springer?, Handbuch, Alter- 

Knossos und Olympia sind 0,47 m hoch (Archae- tum S. 231 Fig. 433). Für die Preisdreif. der atti- 

ologia 59, S. 433, 4 p.) bezw. etwas niederer sehen Phylenchöre berechnet Reisch (Griech. 

(Olympia IV S. 78). Die Fragmente von Olympia Weihges:h. 833. ; Pauly-Wiss. V 2, 1692). Größen 

zeigen deutlich ein stetiges Wachsen der Pro- von 2,0 — 2,5 m. Das Riesigste was uns von 

Portionen. Typus I bringt Größen von 0,50 — D. aus d. Altertum bekannt ist, ist der 30 Ellen 

0,70 m (a. a. 0. S. 76). Für Typus II lassen sich hohe in der von Athenaios beschriebenen Pompa 

Größen von 1,60 — 1,70 m und darüber berechnen. des Ptolemaios mitgeführte. 
Ähnliche Größen zeigt Typus III. Daneben gab *) Studi e Mat. II, 221 aus einem Grab von Vetu- 

es auch ganz kleine Exemplare und sicher Zwischen- lonia H. = 0,18 cm; ganz ähnlich Falchi, Vetu- 

stufen. Für die athenische Akropolis sind fürs lonia Taf. VIII, 20. Hoernes, Urgeschichte 

VI. Jahrhundert ganz beträchtliche Maße zu Taf. IX, 18. Falchi, a.a.O. VI, 22. Aus einem 

erschließen. Der Henkel eines archaischen D. Bestattungsgrab in Corneto Mon. d. Inst. XII, 

(J. H. St. XIII 267, Anm. 20) hat einen Durch- 3, 14 j Catal. of Bronzes Brit. Mus. Nr. 382; 

messer von zwei Fuß. Nimmt man das Ver- hier unter dem Horizontalstück durchbrochene 

hältnis zwischen Ringhenkel und Beinhöhe zu Arbeit, in dieser eine Ente. Vgl. Montelius, Civ. 

I :6 (nach Olympia) so erhält man eine Bein- prim. II, T. 183,19. Als Nachahmung in Ton 

länge von 3,60 m und eine Gesamthöhe d. D. ist der kleine Tondreifuß bei Montelius 134,8 

von 4,20 m. Auf den Vasenbildern begegnen zu betrachten. Ein anderer Tondreifuß mit 

Exemplare von der halben Größe eines Mannes deutlicher Nachahmung des Menschenbeines, 

bis über Mannshöhe. Der eine der milesischen aber mit anderer Kesselform, die jedoch in Italien 

Steindreifüße war 3,87 m hoch, ein anderer nach auch häufig ist, Montelius 320, 12. 
gefundenen Fragmenten noch größer. Das 

Jahrbuch de« Archäologischen Instituts XXXVI. 'O 



I 7A Karl Schwendemann, Der Dreifufi. 



Eine wie es scheint allein stehende Form ist der Dreifuß bei Montelius Civ. 
prim. II Taf. i88,8 aus der Tomba del Duce von Vetulonia '). Ein halbkugeliger 
Kessel mit drei Bronzeblechbeinen, die bis an den Rand hinauf reichen, aber tiefer 
angenagelt sind und so der Bauchung des Kessels folgend unten einwärts laufen,- 
so daß eine ziemlich enge Stellung herauskommt. Die Beine zeigen drei Grate. 

Auch die denkbar einfachste Form einer Schale mit drei geraden am Rand 
ansitzenden Beinen findet sich ^). 

Daneben hebt sich ein bestimmter Typus ab, der zwar verschiedene Kessel- 
formen aufweist, aber immer dasselbe Beirischema, ob dieselben massiv oder von 
Blech sind. Es scheint deutlich beeinflußt durch die Beinform der Untersätze mit 
dreigeteilten Blechfüßen. Die Beine sind mit Nieten am Kessel befestigt, laufen ein 
kurzes Stück horizontal, um mit einem Knick sich nach unten zu wenden. Ein ganz 
einfaches Exemplar des Typus 3) hat halbkugeligen Kessel, auf die angegebene Weise 
getragen von einfachen flachen Beinen. Diese sind mit dem Kesselbauch noch einmal 
durch eine kleine Horizontalstütze verbunden, ähnlich wie bei den Kesseldreifüßen 
von Olympia. Ein anderes Stück mit gegos'senen Beinen hat eine andere Kesselform, 
ein flaches Becken mit auswärts gebogenem Rand 4). 

Halbkugelige Schalen und Kessel wie am ersten Stück kommen in alten Fund- 
schichten Italiens massenweise vor 5). Sehr oft begegnen sie in den Gräbern des 
VIII. und IX. Jahrhunderts von Corneto und Cumae *). Nach Italien kam die Form 
aus Cypern 7) und Phonikien. Aber auch dorthin kam sie von auswärts, wie eine 
Anzahl schöner Steinschalen der Art im Berliner Museum beweisen, welche dem 
IV. Jahrtausend v. Chr. angehören **) und aus Ägypten stammen. 

Das flache Becken wie Mon. d. Line. XV Fig. 86 kommt auch in Olympia vor 9). 
Wie der Prototyp davon sieht eine blaue Fayenceschale mykenischer Zeit von Kreta 
aus ">). Die Form hat auch in späteren Zeiten fortgelebt, wie eine schöne von drei 
geflügelten Sphinxen getragene Marmorschale aus Pompeji beweist "). 

Dreifüße mit dem Halbkugelbecken fanden sich noch mehrere "), reichere 
Stücke in dem Barberini- und Bernardinigrab. Das Stück aus dem Barberinigrab '3) 
ist aus Bronze getrieben mit gegossenen angenieteten Beinen desselben Materials 
und zeigt einen getriebenen Reliefschmuck von 6 Sirenen rund um den Bauch. Sie 



■),Auch Falclüa. a. 0. XI Fig. 3. H. = 0,35. Wende 0,20 m; hier weitere aufgezählt, die sich in Grie- 

des VII./VI. Jahrhunderts. chenland und Italien fanden, besonders in Fund- 

-) Mon. d. Line. X, Taf. 5, Fig. 47. schichten des VII. Jahrhunderts. Furtwängler 

3) Ann. d. Inst. 1879, 15, Taf. C, 7, 7 a. H. =0,32. hielt sie für Import aus Chalkis oder Korinth. 
Kesseldurchmesser 0,375 m, aus Bronze. ■") Ann. Br. Scji. Ath. IX 73. 

4) Mon. d. Line. XV 86, Fig. 199. D. = 0,20. ") Niccohni, Pompei IV, Taf. 49. 

5) Z. B. Mon. d. Line. V, Taf. 13,22; XIII 240, '=) Mon. d. Line. XV 229 Fig. 96, H. = 0,40. D. = 
Fig. 16. 0,19. Die gegossenen Beine von dreieckigem 

') Mon. d. Line. XX 1913, 405, Fig. 151. Durchschnitt sind am Kesselansatz breitge- 

7) Poulsen, Orient und frühgriechische Kunst 20; hämmert und mit drei Nieten mit spitzen Köpfen 

Cesnola, Antiq. of Cyprus II 3, Taf. 83, 85; II 4, befestigt. Ganz ähnliches Exemplar aus Narce 

97, 99. Montelius 313, 23, H. = ca. 0,25 m. 

') Kunst und Künstler XI, Taf. 12. S. 629. >3) Bollettino d'arte III 180, Fig. 12. VII. Jahr- 

9) Olympia IV, Taf. 35, S. T4, dieselbe Größe D. = hundert H. = 0,505 m, D. des Beckens 0,235. 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß. jic 



bestehen eigentlich nur aus Kopf, Hals und Beinen. Der Kopf quadratisch, mit 
groben Zügen steht in Vordersicht '). Das Gesicht wird umgeben von einer breiten 
Haarmasse, die nach Art der Etagenperücke gegliedert ist. Von der Vereinigungsstelle 
von Hals und Beinen breiten sich die Flügel aus, überall von gleicher Breite; auch 
sie durch Horizontallinien gegliedert. Die Sirenen stehen auf Stierschädeln. Die 
Zwischenräume zwischen den Köpfen sind mit einem orientalisierenden Motiv gefüllt. 
Das Ganze ist eine rohe ungeschickte Arbeit. 

Gegenstücke zu dem Dreifuß aus dem Barberinigrab sind zwei solche aus dem 
Bernardinigrab *). Auch sie sind etruskisch aber nach phönikischen Vorbildern 
gearbeitet. Das zeigt vor allem die Etagenperücke, die in Phönikien schon im IX. Jahrh. 
vorkommt3), während sie sich in Griechenland erst im VHL, ganz besonders aber im 
VII. findet. 

Eine reliefgeschmückte Schale von gleicher Technik und Stilart befindet sich 
im Museum von Turin und ist mit 8 abwechselnden, nach links schreitenden Gestalten 
von Sphinxen und phantastischen Fabelwesen geschmückt 4). 

Diese Kesseldreifußformen scheinen sich nicht über die archaische Zeit hinunter 
verfolgen zu lassen. 

STEINDREIFÜSSE UND VERWANDTES. 

Die in archaischer Zeit in Griechenland vereinzelt vorkommenden »Steindrei- 
füße« hängen mit Gebilden der kretisch-mykenischen Kultur zusammen. 

Evans hat (J. H. St. XXI, 113 ff.) gezeigt 5), wie aus dem heiligen Stein und 
dem mit Spenden gefüllten auf ihn gestellten Gefäß unter Hinzufügung von Stützen 
ein Gebilde erwachsen ist, welches auf rechteckiger Basis fünf Säulen zeigt, eine 
stärkere in der Mitte und je zwei schwächere rechts und links, und darüber ein der 
Basis entsprechendes Stück, welches drei napf artige Vertiefungen aufweist *). Die 
mittlere Säule ist der ursprüngliche Baitylos und die Säulen rechts und links nur aus 
einem praktischen Bedürfnis hinzugefügt. Es ist dann nur ein geringer Unterschied 
in der Form, wenn das Ganze quadratische Gestalt bekommt, wobei der Baitylos 
in der Mitte steht, währ'end die vier Stützen sich auf die Ecken verteilen 7). 



') ÄhnlicheGesichteranArinbändern.Studi eMat. II kleine tables sind in Kreta sehr zahlreich ge- 

106; sind außerdem mit der phönikischen Pal- fanden, in der diktäischen Höhle (Ann. Br. Seh. 

matte geschmückt a. a. 0. Taf. IX u. Fig. 108, Ath. VI Taf. XI), kleine runde oder viereckige 

109. Die Form ist die des Hathorkopfes und Steatittäf eichen mit einer flachen oder tieferen 

offenbar aus Phönikien und Cypern eingewandert; Höhlung und niederem Fuß oder auch ohne 

Cesnola, Ant. of Cypr. I I, Taf. 18, 22, 51. Ohne- solchen. Andere ähnliche aus Knossos (Ann. 

falsch-Richter, Cyprus Taf. 200, S. 481. Br. Seh. Ath. IX 41); mit zwei runden Höhlungen 

») Poulsen a.a.O. Abb. 138, 139. und ohne Fuß (Mon. d. Line. XIV 1904, 473, 

3) Poulsen S. 127. Fig. 79). Daß die ursprüngliche Form die einer 

4) Rom. Mftt.1909, 31711. Hier ist eine ganzeAnzahl Platte mit einer flachen Höhlung war, zeigt ein 
weiterer Schalen dieser Art namhaft gemacht. hochaltertümliches tönernes Exemplar aus neo- 

5) Vgl. B. C. H. XXVI 581. lithischer, vormykenischer Zeit aus Phaistos, 
«) a.a.O. S. 114, Fig. 7. Die ursprüngliche Selb- Mon. d. Line. XIV Taf. 36. 0,55 X 0,45 m 

ständigkeit von Pfeiler und table of offering messend. Maraghiannis, Ant. cr^toises I Taf. IX. 
ist von Evans mit Recht betont worden. Solche 7) a. a. 0. Fig. 9. 

10* 



loß Karl Schwendemann, Der Dreifuß. 

Gebilde dieser Art scheinen es zu sein, welche öfter auf altkretischen Siegel- 
ringen und Pasten erscheinen, besonders merkwürdig auf einer Glaspaste aus Mykene') 
und dem bekannten oft abgebildeten Siegelring*). Die erstere zeigt zwei Paare 
dämonischer Wesen, welche mit Kannen in den erhobenen Händen über ein Gerät 
libieren, welches zunächst wie ein schlanker griechischer Dreifuß aussieht. Man hat aber 
darin nichts anderes zu erkeftnen als einen Baitylos mit table ofoffering und vier Neben- 
stützen, von denen aber nur zwei sichtbar sind. Daß dem wirklich so ist, lehren zwei 
andere Glaspasten 3) gleicher Herkunft mit ähnlichen Dämonen in ihrer spendenden 
Haltung. Aber an Stelle des »Dreifußes «steht (Fig. 13) ein Pfeiler. Daß auch für das Gerät 
auf dem mykenischen Goldring dasselbe gilt, ist längst ausgesprochen 4). Diese my- 
kenischen Gebilde, welche auf den ersten Blick eine verblüffende Vorstufe für die 
Bedeutung des Dreifußes im griechischen Kult zu bieten scheinen, sind also in Wirk- 
lichkeit etwas ganz anderes, nämlich der heilige Pfeiler mit Libationstafel und vier 
Stützen 5). 

Mit diesen mykenischen Gebilden haben die sog. Steindreifüße drei charak- 
teristische Züge gemein, die starke Mittelstütze, die darüber liegende Platte mit 
Höhlung und die äußeren Stützen, welche in der Dreizahl vorkommen, wenn auch 
durchaus nicht immer. Der Hauptunterschied besteht darin, daß die äußeren Stützen 
als weibliche Figuren gebildet sind. 

Dieser Wandel hat zu verschiedenen Erklärungen Anlaß gegeben. Eine Ana- 
logie dazu schienen die Hekataia zu bieten, wo die mittlere Säule das ursprüngliche 
anikonische Bild der Göttin darstellt, während die drei darum gestellten Gestalten, 
welche den Späteren als die dreileibigeHekate galten, ursprünglich die drei Dienerinnen 
der Göttin sind^). Der auf Cypern so oft erscheinende Kulttanz dreier Personen um 
einen heiligen Baum oder um die Sonnensäule 7) wäre eine weitere noch nähere Ana- 
logie. Aber es ist folgendes zu beachten. Die Hekataia und die kyprischen Kult- 
tanzdarstellungen zeigen von vorn herein bei den drei Figuren ikonische Gestalt. 
Sie sind und bleiben immer dasselbe. Drei um einen heiligen Mittelpunkt sich be- 
wegende Gestalten. Anders die Figuren der Steindreifüße; nach außen gewandt, 
in strenger Ruhe, tragen sie ein Becken, das ein fremdes Element wäre. Außerdem 
sind bei den kretisch-mykenischen Vorstufen die Säulen einfach Träger. Wir dürfen 
hier also nicht mit dem Gegensatz von ikonisch und anikonisch operieren, sondern 
die weiblichen Figuren sind der Ersatz für die äußeren Träger, ohne jede sakrale Be- 
deutung, eine ganz auf künstlerischem Gebiet liegende Entwicklung. 

Das bestätigt sich bei näherer Betrachtung der bekannten Stücke. Es sind 
im ganzen 5 bekannt: 

■) J. H. St. 1901, 117, Fig. 14. zwei erhaltenen haben vier äußere Stützen 

») Studi e Mat. II 11, Fig. 17. und die spätere Entwicklung hat die Dreizahl 

3) J. H. St. 1901, 116 — 17, Fig. 12, 13. ebenfalls nicht einseitig bevorzugt. Maßgebend 

4) Wolters, Arch. Anz. 1900, 148. müssen vor allem die zwei erhaltenen Exem- 

5) Petersen, Jahrb. d. Inst. 1908, 20 will eine Mittel- plare sein (Evans Fig. 79). 
stütze mit drei Seitenstützen annehmen. Aber *) Petersen, Jahrb. d. Inst. 1908, 31 ff. 

nach dem Gesagten mit Unrecht. Die Dreizahl 7) Ohnefalsch-Richter, Kypros Taf. 76. Perrot- 
ist bei diesen Geräten nicht das Typische. Die Chipiez III 586, Fig. 299. 



Karl Schwendemann, Der Dreifui], 



137 



1. Aus Rhodos, Ton, im Louvre'). (Beil., Abb. 29.) H. = o,l8. Runde Schale, ge- 
tragen von einer starken runden mittleren Stütze und von vier weiblichen Gestalten. 
Das Ganze auf runder Basis. Am Rand des Beckens vier weibliche Köpfe. Die vier 
Trägerinnen sind hocharchaisch, flach, mit auf die Brust fallenden, horizontalge- 
gliederten Haaren; die Hände haben sie auf die Brust gelegt. 

2. AusKorinth, inOxford, aus Stein. H. = 0,66, D. unten = 0,54, oben = 0,36. 
Grundform ähnlich wie beim vorhergehenden; 3 Frauenfiguren, auf Löwen stehend, 
deren Schwänze sie mit der einen Hand halten, während sie mit der andern ihr Ge- 
wand ein wenig heben. Auch sie hocharchaisch 2). 

3. Aus Olympia, lakonischer Marmor; zu erschließende ursprüngliche Höhe 
0,86 m. Sehr ähnlich dem vorhergehenden, auch hier die drei weiblichen Figuren 
auf Löwen, tragen auf dem Haupt den Kalathos 3) (Abb. 28). 

4. Von der athen. Akropolis Fragmente eines von sechs weiblichen Figuren ge- 
tragenen Beckens mit Mittelstütze, Marmor. 

5. Derselben Herkunft; Fragment eines ähnlich verzierten Beckens, von dem 
sich nur die Kranzplatte wiederherstellen läßt 4). 

Wenn wir für unsere Figuren irgend welche sakrale Bedeutung annehmen 
wollten, wie sollten wir sie benennen? Weil sie bei 2 und 3 auf Löwen stehen etwa 
als TOTVtai &r;p(i)v. Dann müssen wir dieselbe Bedeutung für alle annehmen; dazu 
zwingt die Einheitlichkeit der ganzen Gattung. Die anderen Exemplare lassen aber 
die entsprechende Charakteristik vermissen. Ferner sind es drei, vier oder sechs 
Figuren; auch das spricht nicht für eine sakrale Vorstellung. Nur der gemeinsame 
Stil und dieselbe Verwendung vereinigt also die Figuren, sonst nichts. Sie sind einfach 
xopai, so gut wie die Dreifußstatuen 5). 

Die einzige sakrale Beziehung welche man für die Steindreifüße zugeben kann 
ist die Benützung als Weihwasserbecken ^), die sich aus ihrer Herkunft von den my- 
kenischen tables of offering leicht verstehen läßt. 

Von den Steinbecken stammen formengeschichtlich dieBuccherokelche in Etru- 
rien ab. Die mit der Zufügung von Seitenstützen zu dem mykenischen Baitylos 
begonnene, durch die Umgestaltung dieser Stützen in weibliche Figuren fortgesetzte 
Entwicklung geht hier weiter, indem diese Figuren zum Tragen vöUig ausreichend, 
immer stärker betont sind, bzw. die Mittelstütze auf ein Rudiment zusammen- 
schrumpft 7). Die Buccherokelche zeigen noch in anderer Beziehung, daß das Be- 
wußtsein der ursprünglichen Form verloren gegangen ist. Viele von ihnen sehen aus 
wie ein vierbeiniger Untersatz, auf dem ein halbkugelförmiger Kessel sitzt. Das 
Bewußtsein der ursprünglichen Verbindung der beiden Teile ist geschwunden, und 

■) Pottier, Vas. d. Louvre I Taf. 13, A 396. in gröi3eren Dimensionen. 

') J. H. St. XVI 1896, 279, Taf. XII. «) Olympia III S. 29. Das kleine Exemplar im 

3) Olympia III, 26 ff. Abb. 27, 28. Taf. 5. Louvre hält Pottier für ein Räucherbecken. 

4) Ath. Mitt. 1892, 41. Taf. VII. 7) Cat. of Vas. Brit.Mus. I, 2 pl. XVIII H. 198 hat 

5) Es sind sogar wohl die ältesten Beispiele dieser sie noch bis zum Becken hinaufreichend ; Vases du 



!■ 



Louvre IC 657 nur noch bis zur halben Höhe, und 
Curtius, Münchner Jahrb. f. bild. Kunst 1913, 18) so sehr oft. Bei Montelius, Civ. prim. Taf. 323, 3, 

Kunstform auf griechischem Boden, wenigstens 330, 7 fehlt sie ganz. 



Iß8 Karl SchwendemaoD, Der Dreifuß. 



man gibt dem Gerät eine Form, welche den tektonischen Sinn der auf einen Unter- 
satz gestellten Schale hat. 

Die formengeschichtliche Betrachtung verlangt, hier noch verschiedenes an- 
zuschließen, was nicht im unmittelbaren Zusammenhang der eben aufgezeigten 
Entwicklung steht, aber doch nicht von ihr getrennt werden kann. 

Der »Dreifuß von Kamarina«') (Beil., Abb. 30) hat die Benützung von vier^) 
Frauengestalten als Trägerinnen mit den eben besprochenen Monumenten gemein. 
Es fehlt jedoch die Mittelstütze und die Basis; ferner ist das Becken nicht fest ver- 
bunden, sondern ruht frei auf. 

Ein stilistischer Vergleich der Korai der »Steindreifüße« mit denen des Drei- 
fußes von Kamarina hat folgendes Ergebnis: Bei den Steinbecken ist die weibliche 
Figur, wie sie uns etwa in der Nikandre von Delos entgegentritt, als Stütze verwendet, 
ohne jede Veränderung und Anpassung. Auch die Figur von Kamarina steht mit 
beiden Füßen fest auf. Aber beide Arme hat sie erhoben und faßt nach den Voluten 
über ihrem Haupte, auf denen die Last ruht, und die als vermittelndes Glied zwischen 
Figur und Kessel eingeschoben sind. Durch die ganze Gestalt geht eine leise, kaum 
merkliche Bewegung. Sie scheint zu balancieren. Sehr gut paßt dazu die Bewegung 
der Hände, die nur leicht mit der Innenfläche der Finger die Voluten berühren nicht 
energisch stützend zufassen. Auch die schön geschwungenen Voluten selbst, welche 
die auf ihnen ruhende Last vom Kopf der Figur nach den beiden Seiten verteilen 
— eine Gestaltung zu der gewiß Spiegelstützcn Vorbilder waren — , tragen zur Ruhe 
und Selbstverständlichkeit der Figur bei, welche in den einfachen Linien ihrer Ge- 
wandung ebenfalls die stützende Funktion ausdrückt. Das ist hier viel zweckent- 
sprechender als bei den Karyatiden vom Schatzhaus der Knidier in Delphi 3), welche 
das fiir die freistehende Figur erfundene Motiv des Gewandlüpf ens einfach über- 
nehmen, ohne daß es dem Künstler in den Sinn gekommen wäre, wie dadurch eine 
ganz widersprechende Note in die Bewegungslinien der Gestalt hineinkommt, durch- 
aus nicht passend zu ihrer tektonischen Aufgabe. 

Es ist lehrreich hier noch ein anderes Werk aus späterer Zeit anzuschließen. Drei 
weibliche, nackte jugendliche Gestalten erscheinen als Trägerinnen an einem römischen 
Monument 4). Von einer runden Basis erhebt sich erst schmäler werdend, dann sich 
nach oben ausbreitend, eine halb ornamental, halb architektonisch stilisierte Stütze, 



') Mon. d. Line. XIV 1904, yögff., Taf. 46. Die mag bezweifelt werden. Sie wurde offenbar ge- 

Stelle bei Herodot IV 152 über das Weihge- wählt nach Analogie der vier Widderköpfe am 

schenk der Samier nach der glücklichen Tar- Bronzebecken von Leontinoi (Winnefeld, 59. 

tessosexpedition wird nicht mit Unrecht für Berliner Winck.-Progr.). Aber das ist ein Fehl- 

dieses Gerät angezogen. Wenn die Samier Schluß. Denn der Kessel von !a Garenne (Olympia 

xpets xoXodSoüs iiiTar.Tiyzoii als Stützen eines IV, S. 115) hat vier Greifenprotomen, während 

Kessels verwenden, zeigt das, welch mächtige der Untersatz dreifüßig ist. Das Weihgeschenk 

Dimensionen in jener alten Zeit hierbei vorkamen. der Samier hatte ebenfalls drei tragende Figuren. 

Eine knieende vollständige Figur einer Gor- 3) Bull, corr.hell. 1899, Taf. 7, 8; 1900, 6, 7; Fouilles 

gone als Trägerin erwähnt Furtwängler, Olym- de Delphes II, Taf. 11; IV, Taf. 18 ff. 

pia IV 137. 4) Gusman, L'art d^corat. de Rome. Taf. 97. 

=) Ob die Ergänzung mit vier Figuren richtig ist, 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß. 



139 



die ein rundes Becken trägt. Auf der Basis stehen rings um die Stütze drei Mädclien, 
welche nach innen gewandt mit erhobenen Händen das Becken oben zu stützen 
scheinen, also dasselbe Motiv wie am Dreifuß von Kamarina. Aber wie ganz anders 
aufgefaßt und gestaltet! Seitdem hat die Kunst gelernt der plastischen Form jedes 
Bewegungsmotiv mitzuteilen. So stehen die drei Mädchen in anmutsvollen, lebendigen 
Bewegungen da und fassen nach dem Becken hinauf. Der Künstler hat sie nicht 
zu Trägerinnen machen wollen, sondern er wollte drei schöne Mädchenkörper in 
reichster Verschlingung anmutsvoller Linien zeigen. Zugleich erreicht er damit ein 
Höheres. Wie die Figuren an den alten Werken faktisch die Last tragen, so erwecken 
hier die um den Träger des Kessels spielenden, fluktuierenden und schillernden Linien 
und Flächen das Gefühl der Leichtigkeit, des Gehobenseins. Dieser Künstler hat also 
mit dem Schein den Eindruck der Wirklichkeit erreicht. 



ANHANG. 

DIE DREiFUSSSTATUEN. 

Wie man sich die sogenannten Dreifußstatuen vorstellen muß und welcher 
Ursache sie ihre Entstehung verdankten, ist in verschiedenem Sinne erörtert worden. 

Die ältesten Statuen, von denen wir wissen, sind die unter drei Dreifüßen von 
Amyklai, welche von Gitiadas und Kallon geschaffen waren (Pausanias HI 18,8). 
Beide Künstler gehören in die zweite Hälfte des VL Jahrhunderts (Pauly-Wiss. VH i, 
1371). Schon diese Statuen wurden verschieden aufgefaßt. Curtius (Ges. Abh. H 280) 
meinte: »Man hat keinen Grund sich hier etwas anderes vorzustellen, als zwischen 
den Dreifußbeinen frei stehende Figuren, welche dem Geräte eine religiöse Weihe 
zu geben bestimmt waren, ohne in die tektonische Konstruktion als Glieder eingefügt 
zu sein«. E. Reisch (Pauly-Wiss. V 2, 1691) denkt sich die Dreifüße so gestellt, daß 
zwei Beine vorne sind und zwischen ihnen die Statue »als außenstehender Träger, 
als Ersatz von Bein, nicht der Mittelstütze«, nach Analogie etwa des Steindrciiußes von 
Oxford (J. H. St. XVI 1896, 279 ff.) und verwandter Dinge, eine mißliche Annahme 
wie mir scheint. Man könnte sich in diesem Falle die Dreifüße doch nur in einer 
Nische aufgestellt denken mit einer Schauseite — dafür fehlt aber jede Analogie — 
oder man müßte immer drei Statuen postulieren. Welchen tektonischen Sinn eine 
hätte, ist nicht zu verstehen. 

Das Richtige wird vielmehr sein, sich die Statuen unter der Mitte des Kessels 
zu denken. Freistehende Statuen mit einem Becken auf dem Kopf sind uns aus 
archaischer Zeit noch erhalten (z. B. Rom. Mitt. XII 1897, Taf. X; M. Mayer, Apulien 
Taf.32,1. Jahrb. d. Inst. 191 o, 184. Abb.9— II ; Apulia III, 1912, Taf. 14. Br. Mus. 
Cat. Terracottas B 1 34. Abb. 20), so daß also die Verwendung von Statuen als Kessel- 
träger gesichert ist. Aber auch sonst finden wir ja die weibliche Gestalt als Träger 
vielfach verwendet schon im VI. Jahrhundert, an Werken der Kleinkunst noch früher. 
Nach solchen Analogien müssen wir uns die Dreifußstatuen von Amyklai vorstellen, 
vielleicht mit dem Kalathos auf dem Kopf. 



MO 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß, 



Dem widerspricht die Pausaniasstelle III, l8, 8 nicht: Tou? 8k dpyaio-zipooi 
(seil. Tpiirooa?) Sexatr^v t&u itpo? MsaarjVt'ous iroXsp.ou 'ftxaiv. Twi }ikv Syj xu> irp<uTq) 
Tpt'irooi 'AtppoStTTj? aYotXjia Idnijxst, 'Aptsfitf 81 unö Tip 8suT£p(j), 6 xpitoj 82 Itciv 
Ai-{ivri-mii KaXXtuvo;. Tit^ tdutw 8k aYotXfta Kopij? t^c ArjtxrjTpo; Suttjxsv. Nach Pau- 
sanias waren es also drei Göttinen, welche in diesen Dreifußstatuen dargestellt 
waren. Stellen wir uns diese alten Dreifußstatuen als richtige Trägerinnen vor, so 
können es keine Göttinen gewesen sein, wenigstens keine drei verschiedenen. Aber 
wie kommt Pausanias dazu sie als solche zu bezeichnen und sogar ihre Namen zu 
nennen? Er fügt bei keiner eine nähere Beschreibung bei, aus der etwaige Attribute 
deutlich wären. Sein Bericht beruht auch keinesfalls auf einer literarischen Quelle. 
Er bezieht sie ausdrücklich auf den messenischen Krieg i), was aus chronologischen 
Gründen (Kallon und Gitiadas gehören ins VI. Jahrhundert, Pauly-Wiss. VII i, 1371, 
X 2, 1757) nicht richtig sein kann, so daß also die ganze Stelle stark in ihrer Glaub- 
würdigkeit herabgesetzt wird. Pausanias wird eben da wie so oft nicht seine eigene 
Ansicht, sondern die seiner Führer angeben. 

Also zu Pausanias Zeiten galten jene Dreifußstatuen als Aphrodite, Artemis 
und Kora. Es ist sehr wahrscheinlich, daß sie dafür schon am Ausgang des V. Jahr- 
hunderts galten. Als die Spartaner nach der Schlacht von Aigospotamoi, nach der 
endlichen Niederwerfung ihrer größten Gegnerin, den Göttern ihren Dank zum Aus- 
druck bringen wollten, da weihten sie zwei Dreifüße und unter jedem eine Statue und 
stellten sie offenbar direkt neben jenen alten Dreifüßen auf, wie aus der Erzählungs- 
weise des Pausanias hervorgeht. Das alles offenbar aus folgendem Grund. Die alten Drei- 
füße mit Statuen imAmyklaion galten schon damals als geweiht aus dem Zehnten der 
Beute nach endlicher Besiegung der Messenier im ersten messenischen Krieg, der die 
Existenz Spartas gefährdet und schließlich seine Suprematie im Peloponnes zum 
ersten Male besiegelt hatte. Was war da natürlicher, als daß man jetzt nach endlicher 
Niederwerfung Athens, ein ähnliches Weihgeschenk aufstellte, wie es die Ahnen einst 
getan, um dem Bewußtsein Ausdruck zu geben, daß man den jetzigen Sieg dem der 
Väter gleichstelle? (Vgl. auch Robert bei Pauly-Wiss. V l, 1371.) 

Es bleibt zu untersuchen, wie man gerade auf die Namen der Aphrodite, Artemis 
und Kora kam. Die Griechen nannten unsere Karyatiden -/öpai, Mädchen. So 
mußten also auch unsere Dreifußstatuen in alter Zeit geheißen haben. Als man sie 
taufte, konnte eine den alten Namen behalten; dann war sie eben xopr^ xfj? AT5[ir,Tpo?. 
Für die zweite konnte daim in Lakonien nur Artemis in Betracht kommen; denn sie 
ist von allen lakonischen Göttinnen die volkstümlichste und am meisten verehrte. Die 
dritte konnte beliebig benannt werden. Man nahm Aphrodite, vielleicht weil sie 
auf dem amykläischen Thron mit Artemis vereinigt war, vielleicht auch weil die 
Kythercia (Röscher, Lex. II, 1770) den Einwohnern Lakoniens besonders nahe stand. 

Haben wir die alten Dreifußstatuen von Amyklai als ursprünglich xopai er- 
kannt, dann stehen sie unserer These von der aus rein künstlerischer Erwägung er- 
folgten Verwendung der Dreifußstatuen als Mittelstützen nicht mehr im Wege. 



') An einer späteren Stelle (IV 14,2) erzählt er dasselbe als Tatsache ohne tfa'fv. 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß. iai 



Es scheint doch auch mit dem Geiste der archaischen Kunst wenig vereinbar, daß sie 
eine Großplastik ') frei zwischen die Dreifußbeine gestellt haben sollte. Bemerkens- 
werterweise wissen wir ja auch später nur von weiblichen Statuen unter Dreifüßen 
(Reisch, Pauly-Wiss. V 2, 1691). 

TEIL II: TERMINOLOGIE. BEDEUTUNG IN LEBEN UND KULTUS. 

Die formale Betrachtung der Dreifüße führte zu einer Klassifizierung der ein- 
zelnen Typen und ihrer Entwicklung. Bevor wir zur Untersuchung des religions- 
geschichtlichen Materials übergehen, müssen wir versuchen, die Namen für die einzel- 
nen Typen festzustellen. Hier ist den Alten und Neueren aus Mißverständnissen 
und Unkenntnis der in Betracht kommenden Formen mancher Irrtum unterlaufen, 
worauf im folgenden einzugehen sein wird. 

Als Bezeichnung für die niederen Untersätze wird mit Recht allgemein Tpi- 
iroSioxo?^) angenommen, und natürlich kann mit demselben Recht xpi^oSiov gesagt 
werden. Ebenso hindert nichts, auch die verschiedenen Ausdrücke für Untersatz 
für sie in Anspruch zu nehmen. 

Zu den Untersätzen gehören auch die Stabdreifüße. Es gibt eine ganze Anzahl 
von Ausdrücken. Der gebräuchlichste ist l^ifuOv^xTjS). Suidas s. v. : (jxsüo? ti irpöc tö 
xpar^pa? Tj Xspr/xa? rj Tt TOtoÖTOv oöx dXXoTpiov iTttxEid&oi kmzrßeirtv. Vgl. Etym. mag. 
308, 56 i-^^ob-q-Kri • 2xsu6? Ti • o[ 8s «^70? j^wpTjttxöv tjxeuüjv. ■>) Trjv v5v dffo&ijxrjv. Ttapöt 
To iif'Ji xeTaOai. 

Eine nähere Erläuterung dazu gibt Athenaios V 210 c. fj Ss utc' 'AXeSavSpscuv . . . 
xaXou(iev/j dY^oör^/Tj xpqujvoj laxi xata fissov xotXr], 5£j(S(jDat 5uvatj.svir) evTif>£jj.svov xspafxiov. 
ej(ouai 8q xauTTjv o? [isv Trevyjxe? SuXivrjv, ol 8e itXoucrioi yakyäiv TJ dpfupav. 

Die Definition des Suidas ist ganz allgemein; ein Gerät, um Kessel darauf zu 
stellen. Darunter können die niederen und hohen Untersätze, also xpt7ro8t'(Jxoi und 
Stabdreifüße, und ebenso jedes demselben Zweck dienende Gerät wie die archaischen 
vollen Untersätze verstanden werden. Die Definition des Athenaios betont die Drei- 
seitigkeit und sagt, daß die Armen das Gerät aus Holz und die Reichen aus Erz oder 
Edelmetall hatten. Dabei denkt man zunächst an eine dreiseitige hohe Holzplatte, 



») Etwas anderes ist die Verwendung von kleinen panos, Dodone XXIII 2) TepiJdxXrj? ru'i Atl Naitp 

menschlichen Figuren, sogar in lebhafter Bewe- ^«'{iiiiSo« dv^Sjjxs. 

gung, als Stützen von Thronen auf dem unteren Für die niederen Untersätze sind jedenfalls 

Querholz (B. C. H. 1906, 506), wovon das be- auch die in eleusinischen Tempelinventaren vor- 

rühmteste Beispiel die Tötung der Niobiden kommenden Xeovxoßassis zu beanspruchen 

• durch Apoll u. Artemis an den Schwingen des (Furtw., Olympia IV 136), wenn damit nicht jene 

Zeusthrones zu Olympia ist (Paus. V 11,2), schon im VI. Jahrhundert nachweisbaren drei- 

wenn man dafür auch wohl Reliefbildung an- beinigen Becken (s. o. S. 100 f.) gemeint sind, wie 

nehmen muß. wohl bei Aischylos Frg. 225. xal vtexpa 8^ XP^ 

') Sie waren beliebte Weihgeschenke, wie ihr häuft- Scoafäpujv ttoSiüv -^epsiv XsovxopäfKov noü axä-fi; 

ges Vorkommen in den Fundschichten der Heilig- yaXxi^Xaxo;. 

tümer beweist. Auf einem aus Dodona steht sogar 3) Auch ii-cjodii-/.Ti kommt vor: Lukian, Lexiphanes 

noch die Weihinschrift (Roehl I. Gr. A. 502. Cara- c. 2. 



142 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß. 



die in der Mitte ein Loch hat. Aber die Ausdrucksweise des Athenaios, besonders 
wenn er sagt, die Reichen hätten das Gerät aus Erz oder Silber, braucht nicht zu 
besagen, daß er eine Form im Auge hat, sondern nur, daß das Gerät dreieckig ist 
und in der Mitte xoiXtj, und kann daher auch auf die Stabdreifüße bezogen werden. 
Das wird bestätigt durch Athen. V 210 a. Es wird eine Rede des Lysias angeführt, 
in der eine '/a\^^i ^TT"^'^'") genannt wurde und von der es hieß: Ttspumv 5s iTrtaxsuöaoti 
aÖTr)v ß&uX6(j,svoj iSeStuxa ek zh j^aXxeiov iaxl ^dip auv&sf»] xai Saxupeuv e^^ei «poaojita xai 
ßouxe^oXia. Hier ist zum mindesten von einem Gerät gesprochen, das komplizierte 
Formen zeigte, nicht so einfach, wie man nach 210 c etwa annehmen könnte. Man 
meint geradezu von einem Stabdreifuß sprechen zu hören, der auch auvÖsToj ist und 
besonders oft aoTuptuv Trpoacuir« aufweist. Man wird kaum einen Gerättypus finden, 
auf den man die Stelle eher beziehen kann, als auf die Stabdreifüße. 

199c erwähnt Athenaios Xsßrjxe? ii: ii-^ob-fiy^aii;. Mit demselben Wort wird 21 ob 
der berühmte Untersatz des Glaukos von Chios bezeichnet: " H-jijaavSpo; 8s 6 AsXcpö; . . . 
rXauxou (prfll xoGl Xtou zh Iv AsX^oi? ujroatrjjxa oTov i-c(i>brj-Kriv xivi aiSr^päv. Zugleich 
begegnet hier ein neues Wort uicoüTrjjia. Dasselbe nennt Pollux X 46 aus den attischen 
Demiopraten: XootT/ptov xai uTtöatatov. Mit anderer Präposition begegneit es in 
attischen Inschriften als imazazo;, k-Kiuzdzr^i, uTtodTatr)?'). Ein sehr beliebtes Wort 
für Untersatz ist oiroxprjxrjpt'Siov, das durch die Inschrift von Sigeion I. G. A. 492, 
vgl. C. I. G. 2139, II und eine Vaseninschrift aus Naukratis, Dittenberger Sylloge^ 
750 schon für das VI. Jahrh. belegt ist und das Herod. 1 25 von dem Werk des Glaukos 
gebraucht. Dasselbe nennt Paus. X 16, i uTOÖTjfta. Alle diese Bezeichnungen müssen 
auch auf die Stabdreifüße bezogen werden. Denn sie dienten besonders in archaischer 
Zeit hauptsächlich als Kesselträger. Wir können also nicht sagen, daß die Stabdrei- 
füße in der Terminologie von den anderen Geräten desselben Zweckes unterschieden 
worden seien ^). 

Das ist nur der Fall, wenn sie als xpi'TroBe? bezeichnet werden, wobei dann 
natürlich Verwechslungen mit anderen Formen der Dreifüße möglich sind. Ein 
Stabdreifuß mit Kessel wird bei Hesiod "Epfa 533 ff. zu einem Vergleich beigezogen: 
Toxe 8t) xpiiroSi ßpoxoi Taoi, ou x' ^7:1 vüjxa eafs, x«'p>j 8' efj ou6af opäxai • xw fxsXol «oixcöoiv, 
dX8uo(A8vot vt'^a Xsoxi^v. Das Gestell, der eigentliche Stabdreifuß, ist hier zd vSxa, 
^der Kessel xo xdp-q genannt und gedacht ist hier an ein Gerät, dessen oberer Ring zer- 



') Boeckh, I. Gr. I. S. 20, auch !jjr(5aTT)(ia C. I. Gr. I. 
989 b, 991 b. 

') Auf dem »M;uitheos«-Rclief in Wilton House 
(zuleut Preuncr, Arch. Jahrb. 1920, 76 fr.; ein 
ähnliches Relief in Rom: Helbig-Amelung, 
Führer IJ, 972) steht vor einem Sitzbild des 
Zeus auf dreibeinigem Gestell ein Kessel, in 
den ein nackter Jüngling die Hände streckt. 
Es ist ein Weihwasserbecken, wie sie vor den 
Heiligtümern standen und zugleich die Grenze des 
heiligen Gebietes darstellten (Pollux 18 tiTj o'üv 
ö (A^v tum -cpippavTTjpftuv x6r.oi Svöso;) und 



Ttiptppavf^piov oder ditop. genannt wurden. Vgl. 
auch Milet Heft III (1914) S. 409. Inschr. aus 
dem Jahre 7 v. Chr. Zeile 13: jrepipavT:^pta S'lo 
^v T(j) vaijJ TOÜ '.AwiiXXiuvo; toü AiSupiimt. Das la- 
teinische incitega ist nach dem griechischen 
l^yuäi^xirj gebildet. Saalfeld, Tensaurus italo- 
graecus gibt dafür folgende Definition: „Das 
durchlöcherte Gestell, auf welches die unten spitz 
zulaufende Amphora gestellt wurde"; vgl. Paul. 
Diac. p. 107, 3 incitega machinula, in qua con- 
stituebatur in convivis vini amphora, de qua sub- 
inde deferrentur vina. 



Karl Schwendemann, Der Dreifuß. 145 



brechen ist, so daß der Kessel auf einer Seite herunter sinkt, und das Ganze wird 
den Menschen verghchen, welche tief vorne übergebeugt vor dem ihnen entgegen- 
wehenden Schnee sich decken. 

Semos und Philochoros bei Athen. 37 e ff. bezeugen den Gebrauch des Wortes 
Tpiitoof für Stabdreifuß mit Kessel. Es wird da auseinandergesetzt, daß die Trunke- 
nen die Wahrheit enthüllen und auch andere dazu veranlassen. Daher komme das 
Wort des Alkaios oTvo? xal dXrfizitx, daher (offenbar weil in ihm der Wein gemischt 
wurde) sei der Tpiitou? dionysischer Siegespreis. Dann heißt es: xai fap ex tpiTroSoc Xe^eiv 
(pajisv xous akrfieoovzai' Sei 6i vostv tpiTroS« to5 Atovuaou xöv xpat^pa. fjV fip xh dpycdov 
860 flvT] TpiTToStuv ou? xaXetsöat Xsßrjta; duvsßaivsv d(icpoTs'pou? liiitopißTjTr)? 6 xai Xoexpoj^oo?. 
AXaypKoi (Frg. I N.) tov fifev rptTtooc IMZolz' ofxEto? Xeßr); del cpuXddCHuv t)iv uirsp Ttupb? 
oiTdatv. 6 81 iTspo? xpaTY]p xaXoufievo?. 'Ojirjpof (I 122)' »Si^t' (XTrupous tpiTtoSas". iv tou- 
Toi? 8s TÖv olvov Ixipvojv • xat ouTo? luTiv 6 xrfi aXT)9sia? TpiTtoo?. 8tö ' AttoXXcuvo; (isv 
o^xeToi; 6t(i tyjv ix (jiavTixT); a^ösiav, Atovuaou 8k 8i(i ttjv Iv (a^ötq. Sr^pios 8' 6 AijXtot 
(pTjot (F. H. Gr. IV 494) »TpiTToof yakxoöi, oö/ 6 RuDixoc, dW 8v v5v Xsßyjxa xaXoüaiv. 
ouxoi 8' fjOav 0" (xkv aTtopoi, dt ou? xöv oTvov etdsxspa'vvoov, oT 8e Xoexpoj^ooi, Iv ok xö 
58u)p lOspfiaivov, xai ^tiTruptßfjxai". 

Athenaios sagt also, der Dreifuß des Dionysos sei ein Krater und derselbe, der 
bei der Wendung dx xprao8oc Xsfsiv gemeint sei, zu derselben Gattung gehöre 
auch der dX^iÖEi«; xpiitou?, der Apollon heilig sei. Da nun nur die Stabdreifüße als 
Mischkessel verwendet wurden, so geht aus der Stelle hervor, daß sich Athenaios, 
wenn überhaupt etwas, einen Stabdreifuß als Dreifuß des Apoll und Dionysos 
vorgestellt hat. Jedenfalls setzt er xpinou? und xpaxTJp gleich und glaubt, die xpiitoSe? 
aTTopoi Homers seien zum Mischen des Weines bestimmt gewesen. 

Diese aus Homer entlehnte Unterscheidung der xpmoSss aTtupoi von den 
xp. l(i.7ruptßT,xai oder Xosxpo)(6ot findet sich ebenso bei Paus. IV 32, i : xsTvxai 8e xai 
apj(aTot xptuo8es* aTrupou? aöxou; xaXsi "Ojiripo?. Auch Hesych. s. v. xpi'irou? 
und Apollonios, Lex. Hom. s. v. xpiro8a? kennen sie. Von den Alten haben die 
Neueren diese Unterscheidung übernommen, so Hermann-Blümner, Griech. Privat- 
altertümer 3 (1882) S. 168, 6, ebenso Wieseler, Über d. delphischen Dreifuß (Abh. 
d. Gott. Ges. d. Wiss. XV 1870); und noch in der neuesten Zusammenstellung über 
Dreifüße bei Daremberg-Saglio V, 474 ff. findet sie sich. Die so entstandene Verwir- 
rung besonders deutlich bei Boucher-Leclercq, Histoire de la divination III, 89, A. 2. 

Um zu prüfen, ob jene Unterscheidung zu Recht besteht, müssen die einschlä- 
gigen Homerstellen betrachtet werden. Das Wort i[X7rupißi^xrj? kommt bei Homer 
nur einmal vor: II. XXIII 702 x(j) (lev vixVjaavxi [xs^av xpiTO8' IfiTruptßT^xrjv übers, 
von Ameis-Hentze »im Feuer stehend d. i. bestimmt über das Feuer gestellt zu werden«. 
Öfter begegnet Xoexpo/oo;, aber nicht als stehendes Beiwort, sondern im Hinblick 
auf die jedesmalige Situation. Der Dreifuß soll übers Feuer gestellt werden, um 
Osp(i(i Xosxpa zum Bade zu bereiten II. XVIII 344 ff. (darnach wörtlich Od. VIII435). 
An solchen Stellen heißt der Dreifuß meist [is^a? (auch II. XXII 442, XXIII 40, Od. 
X 358), und der Zweck ist substantivisch oder verbal ausgedrückt. IL XXII, 442 
sind 0sp(i4 Xoexpa genannt für Hektor; II. XXIII 23 soll für den Peliden Wasser 



I^^ Karl Schwendemann, Der Dreifuß. 



zum Xouaaaöai gerichtet werden. Also kann aus diesen Stellen nur bei oberflächlichem 
Hinsehen gefolgert werden, daß lniruptßTJTT)? oder XosTpo^oo? auf eine besondere 
Gattung von Dreifüßen geht. 

Ebenso steht es mit dem Wort aTtopoj. Es bedeutet »noch nicht auf dem Feuer 
gewesen, noch ungebraucht«, nicht etwa '>nicht bestimmt, über das Feuer gestellt zu 
werden«. II. IX 122 zählt Agamemnon unter den Geschenken für Achill litx' ditu- 
poüc TpfcoS«? auf; ebenso IX 264. Achill erwähnt II. XXIII 267 ff. als Kampfpreis 
bei den Leichenspielen des Patroklos: «utip xtj) Tpixatq} aitupov xateÖYjxs Xeßrjta 
xoXiv Tsaaapa [isxpa xejfovSota Xeoxiv iö' auTtoc; das Xeuxo« zeigt deutlich, wie aitupoc 
gemeint ist. II. XXIII 885 kommt das Wort auch wieder bei Aufzählung von 
Kampfpreisen vor. II. XXIII 270 wird es in anderer Form als äirupwto; von einer 
(ptot'Xrj gebraucht. Ganz besonders beweisend ist aber ein Fragment des Alkman 33 B; 
17. Crusius. xal itoxa xoi 8u>3(u xptuoSo« xuxoj, (^ x' Ivi (aixi' dok)k€ d-ysip-Q?- dXX' 2x1 
vöv 7' ttTcupo?, xa}(0 6s itXeo? exveo«, ... 

Die alte immer wieder aufgenommene Unterscheidung der xpinoSs« in awupoi und 
i|xituptßT|Xat ist also in den Homer hineingetragen und durchaus hinfällig. Es muß 
vielmehr festgehalten werden, daß wir bei Homer nur immer Kesseldreifüße anzu- 
nehmen haben. Keine Stelle verlangt anzunehmen, daß das Wort xpi'irouf auch Stab- 
dreifuß bedeutet. Der Dreifuß ist bei Homer stets das, was er seiner Entstehung nach 
ist, Kochtopf. Er wird über das Feuer gestellt. Reisch (Pauly-Wiss. V, i, 1670) hat 
die Vermutung ausgesprochen, daß er zuweilen auch als Mischkessel gedient haben 
könnte, mit Hinweis auf II. XXIII 264, wo ein xpiitoo? Sutoxaistxoatfxsxpo? genannt 
wird, und II. XVIII 374, wo von Dreifüßen des Hephaistos gesagt wird, sie seien 
bestimmt laxotjisvat itepl xot^ov iüaxafteo? [ie-^apoio. Aber für die erste Stelle genügt 
es, auf II. XXIII 267 ff. hinzuweisen, die zweite wird durch die Erwägung, daß 
zu allen Zeiten kostbares Hausgerät auch als Zierde des Hauses verwendet wurde, 
erledigt. Maßgebend für diese Frage und die Betrachtung der Homerstellen be- 
stätigend sind die Denkmäler. Öfter erscheinen auf Vasenbildern Stabdreifüße mit 
Krateren; ebenso Kesseldreifüße über dem Feuer stehend '), nie aber sieht man 
einen Kesscldreifuß als Krater verwandt." Man darf auch nicht annehmen, Semos und 
Philochoros hätten in der oben zitierten Athenaiosstelle »reale Verhältnisse vor Augen 
gehabt, wenn sie dreibeinige Xeßyjxe? auch als Mischkessel verwendet sein lassen« 2). 
Wie wenig auf sie zu geben ist, hat die nähere Betrachtung gezeigt. Das Zitat ergibt 
vielmehr nur, daß die Späteren die zwei hauptsächlichen Typen von Dreifüßen bei 
Homer finden wollten und daß sie mit dem xpi'itouj aitupo? -eben den Stabdreifuß mit 
Krater meinten. 

Übrigens wird xpiicoo? und Xißij? schon früh für dasselbe Gerät gebraucht. Auf 
einem attischen frühschwarzfig. Vasenbild 3) mit Darstellungvon Kampfspielen stehtals 
Kampfpreis ein Kesseldreifuß zwischen den Personen und darüber liest man XsßTj?. 

') Z. B. auf einem streng rotfigurigen attischen ebenso Gerhard, A. V. III 158,2; Pottier, Vases 

Stamnos in Berlin mit der Aufkochung des Wid- du Louvre F 372 Taf. 86. 

ders durch die Töchter des Pelias, Furtw. 2188; ^) Reisch bei Pauly-Wiss. V i, 1670. 

3) J. H. St. XIII Taf. 12. Graef, Akropolisvasen Taf.27. 



Karl Schwendemann, Der DreiruS. 145 



Aischylos Frg. I sagt: ■zhv (ikv tpiitoo? ISsJar' o?xetoc ^i^-q^ dsl <poXäaamv tyjv uirkp 
Ttupoi aiaatv und Hesych s. v. XsßYjc ^(dXxsio? iroSovintrjp, xptirouj. Man kann daher 
zuweilen im Zweifel sein, ob mit Xeßr)? ein Kessel auf Untersatz oder ein Kessel- 
dreifuß oder nur der Kessel des Kesseldreifußes allein gemeint ist '). 

Für TptTTou; begegnet auch xpiTto? IL XXII 164. Hes. Scut. 312, Lentz, Herod. 
rel. I 187 3, II 66 38, 593 24, 704 18 ; vgl. Eustath. z. Ilias 1264 26. Auch xpiiroSir)?, 
das ursprünglich drei Fuß lang bedeutet (Hesiod. op. 423 ff.) wurde von Späteren 
= TptiToo? gesetzt. Röscher, Lex. Uli, 739; vgl. Lentz, Herod. rel. I 63 18. Der 
Kessel des Dreifußes heißt ^daxpa (II. XVIII 348, Od. VIII 437), auch xuxo? Alkman 
Frg. 33 B, Eurip. Suppl. 1202. Die Henkel nennt Homer wx«. So heißen auch später 
noch die Henkel von Krateren, z. B. in delischen Tempelinventaren B. C. H. VI, S. 

46, 47- 

Das lateinische tripus, dem Griechischen entlehnt, bedeutet adjekt. dreifüßig, 
subst. ein dreifüßiges Geschirr, Dreifuß, im besonderen den der Pythia zu Delphi. 
Es kommt dafür auch die Nebenform tripoda, -ae vor 2). 

Dem XsßrjS entspricht das lateinische cortina. Es ist die »Bezeichnung eines 
Gefäßes, ohne daß sich der Begriff nach Form, Material oder Gebrauch näher be- 
grenzen ließe. Meist erscheint cortina als Kochtopf. Poetisch heißt cortina der Dreifuß 
des Apoll, eigentlich das auf demselben ruhende Becken 3) «. 

Bevor wir zum Dreifuß des Apoll übergehen, der zu den Kesseldreifüßen gehört, 
müssen die Tischdreifüße behandelt werden. 

Der eigentlich griechische und etruskische Speisetisch, welcher mit der Sitte 
des Liegens beim Mahle aus dem Osten kam 4), heißt xpdirsC«, xpdiz&^rx xptTtouj 
oder xpKjxsXij? 5). xpaireCa ist verkürzt aus xexpdTtsC« Vierfuß*). Damit stimmt, 



■) xpfnout kommt auch für den Kessel eines Drei- mälem nicht ganz. Auf einem bronzenen Gerätfuß 

fußes vor. Wenigstens scheinen die auf das pla- der Bibl. Nat. zu Paris (Babelon-Blanchet 582) 

täische Weihgeschenk bezüglichen Stellen keine stehen Herakles und Apoll im Kampf um d3n 

andere Deutung zuzulassen. Herod. IX 81 sagt . . . Dreifuß, der hier ein fußloser Kessel ist. Schwei- 

6 Tpfitou; 6 ypüjEo; (ävet^B)) 6 im toO tpixa- gen darf man von den verschiedenen Etymo- 

pi^vo'j otpio; Toü 3(aXxiou; Paus. X, 13, 5 nennt logien mehrerer Scholiasten: Varro, Ling. lat. 

das Weihgeschenk jjpuioüv xp(7ro8a !p«fxovxt im- VIT 48; Schol. Lucan Phars. V 152. Hygin, Fab. 

xefpiEVOv )faXx<Ji; Diodor XI 33,2 nennt es j(pu- 140. Servius zu Aeneis HI 92, VI 347, daß 

ooüv XQlnoha. Aus der Ausdrucksweise des He- nämlich der Dreifuß des Apoll deshalb cortina 

rodot wurde gefolgert, daß die Beine des Drei- heiße, weil in ihm das Herz des Python (cor) be- 

fußes auf den drei Köpfen aufgestanden hätten. graben sei oder weil er mit der Haut des Python 

Die Schlangenleiber waren aber Mittelstütze. (corium) bedeckt sei. Folgerichtig sah man dann 

Bei der Größe des Monumentes können aber den Dreifuß als das Grab des Python an, Hygin 

die Beine des Dreifußes nicht aus Gold gewesen a. a. O. Servius III 360. 
sein. Es bleibt also nur übrig, daß Herodot mit 4) Dragendorff, Thera II 107. 
xpteous den goldenen Kessel, der wirklich inl 5) Blümner, Arch. Ztg. iSSi, 183. 
xoü xpixapi^vou ffcptoc lag, bezeichnete. Pausanias ') Etym. magn. 763, 38 xpiitefa: xaxoi ai7:sPoX7)v 

und Diodor haben den Ausdruck dann über- t^{ xk O'jXXaß?)« TETpiiteC'i xisüapas ni^at lyoMua • 

nommen. " al fiip xüiv jtaXatüiv xpcijteCai XExpa'yuivoi r^oav. 

') Saalfeld, Tensaurus s. v. Vgl. Etym. Gud. s. v. Die Böoter sagten xpiireja 

3) Pauly-Wiss. IV 2, 1660. Ein solcher Ausdruck Lentz, Herod. rel. II S. 593, 23. Hesych, 

durch pars pro toto fehlt sogar unter den Denk- xpmEtav x/jv xptiTretav Boiwxo^ 



1(6 Karl Schwendemann, Der Dreifuß. 



daß diese Tische ursprünglich vier Füße hatten. Von diesem ist der kleine Rundtisch 
zu unterscheiden, der assyrischen Ursprungs ist und auf Vasenbildern schon im VI., 
auf den Totenmahlreliefs seit dem IV. Jahrh. öfter erscheint. Er heißt oft tpiTtoui. 
Durch Athenaios II 49 B wissen wir, oxi ' HcrwSo? iv K;^üxo? f ajj.(p . . . tpiiroSa? tac 
TpairsCa? csTjtJi (Frg. 157 Rzach). Dasselbe sagt Pollux VI, 83; er zitiert X, 80 
Stellen aus Aristophanes, Xenophon und Menander, um TpotTsCo und Tpiirou; in der 
Bedeutung von Tisch zu belegen. Aus diesen Stellen geht deutlich hervor, daß Pollux 
zwischen dem dreiseitigen griechischen Speisetisch und dem kleinen Rundtisch nicht 
unterscheidet. So wenig wie Eustathios z. Ilias 740, 17 ean 5^ ■Kavzon lauiov Tpiirouv 
siiteiv xai TpoTTsCav. Aus der bei Pollux auf die Belegstellen unmittelbar folgen- 
den Erörterung ist deutlich, daß er immer den Rundtisch im Auge hat. Jedoch sind 
seine Belegstellen nicht für den Rundtisch verwendbar, da aus ihnen nicht hervor- 
geht, welche von beiden Tischformen gemeint ist. Höchstens kann man aus der 
Menander-Stelle (Kock III, S. 73, Frg. 250), wo tpiTroSta genannt sind, schließen, 
daß der Dichter an kleine Rundtische gedacht hat, als er das auch sonst vorkom- 
mende Diminutiv xpiitoStov gebrauchte. Ähnliches wie von den Pollux -Zitaten 
ist von Athenaios II 49 6 ff. zu sagen. Die Stelle aus Epicharm spricht von einem 
TpiTtou? TexpaTtouc. Auch die Stelle aus Phylarchos bei Athenaios IV 142 d (F. H. G. 
I 346), wo ein xpiitoo? als Tisch genannt wird, wie aus den Gegenständen auf ihm 
hervorgeht, kann nicht mit völliger Sicherheit auf den Rundtisch bezogen werden, 
wenn die Wahrscheinlichkeit dafür auch groß ist; denn es werden nur Trinkgefäße 
auf ihm erwähnt. Die Rundtischchen wurden aber gerade nach dem Mahl zum Sym- 
posion hereingebracht. Das zeigt eine Stelle bei Plutarch, Kleomenes XIII 26 ff : 
djrapöeitjjj? os xr^? xpaTteCi^? ef(Jsxo[j.iCsxo xpiuouc xpaxTjpa xaXxouv e^tuv ofvou ixeaxiv xal 
<ptaX.as dp'yupä?